55. Gone
Unsanft wurde er geweckt, aber gut geschlafen hatte er sowieso nicht. Es war ein Ding der Unmöglichkeit. „Malfoy, aufstehen!", bellte eine der Wachen, rührte ihn aber nicht an. Die anderen Gewahrsamsgefangenen wurden gröber angefasst, aber er nahm an, seine körperliche Erscheinung war deutlich abschreckender.
Er dachte an sie, dachte an den eigenartigen Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie ihn hatte schwören lassen, ihr zu vertrauen, und er fragte sich, was dieser Tag bringen würde. Sie würde einen Plan haben. Und es wäre kein ungefährlicher Plan, nahm er an.
Er überragte die anderen Männer, die sich den Schlafraum als auch dasselbe Schicksal teilten, und er kannte keinen von ihnen. Es war eine neue Generation an Schurken, an Bösewichten, und er wusste nicht, ob er sich noch mit ihnen identifizieren konnte.
Aber er musste keine Kontakte knüpfen, denn gleich kämen erst mal seine Eltern und sein Berater. Und mochte eine noch so verschlagene Zukunft auf ihn warten, vermissen würde er weder seine Familie, noch deren Rechtsberatung.
Er wusste, Askaban wäre die gerechte Strafe, der richtige Ort, an dem er sein müsste, aber… er wusste, dort würde er sterben, ohne ihre Nähe. Für sie wäre es besser, hier zu sein. Bei ihren Freunden. Sie würde eine makellose Zukunft vor sich haben, die besten Jobaussichten dieser Welt. Nur ohne ihn.
Es war ein kleines Übel, nahm er an. Ein schmaler Preis, den er zahlen müsste, für ihr Glück. Und sollte sie ihm heute einen Ausweg unterbreiten wollen – wusste er nicht, ob er ihr ihr wahres Glück streitig machen sollte.
Was wären schon ein paar Jahre in ewiger Dunkelheit? Was wäre schon Askaban? Vor allem… was wäre die Alternative?
Wie Hunde wurden sie voran durch die Verwahrungsgänge getrieben, bis zum Frühstückssaal. Es war nicht die Große Halle, nein, sondern lediglich der Aufenthaltsraum, mit Metalltischen, alten Brötchen und ziemlichen kaltem Tee. Aber allein das Prinzip von Frühstück im geschlossenen Raum an einem Tisch mit einer Tasse Tee war noch immer eine absolut neue Erfahrung für Draco. Er saß zwischen zwei untersetzten Kerlen, die grimmig auf ihre Teller starrten, und sie sprachen kein Wort mit ihm.
Und es war wie ein heimliches Signal, auf das die Haare in seinem Nacken so deutlich ansprangen, als wäre er zehn Jahre alt. Sein Blick hob sich, und auch die übrigen Insassen blickten zur Tür zurück. Mit einer bitteren Miene stand sein Vater in der Tür zum Aufenthaltsraum, von zwei Wachen flankiert.
„Malfoy, du hast Ausgang", informierte ihn Peter Declan laut über die Köpfe der Insassen hinweg, mit gewisser Boshaftigkeit, denn die Insassen freuten sich nicht sonderlich darüber, dass er eine Sonderbehandlung zu bekommen schien, und Draco war ernsthaft überrascht, dass sein Vater um sieben Uhr morgens den Weg ins Ministerium gemacht hatte. Und er schien allein zu sein.
Müßig erhob sich Draco vom Tisch, ließ sein Frühstück unberührt zurück, und der missbilligende Blick seines Vaters glitt über seine ungepflegte Erscheinung. Was hatte Lucius erwartet? Dass er hier morgens einen Schönheitssalon besuchte? Aber er folgte seinem Vater und den Wachen, und tatsächlich schien sein Vater, mit wusste Merlin was für schwarzen Mitteln, einen zumindest kurzen Ausgang erkauft zu haben.
Sie erreichten den bewachten Wechseltrakt, der ins Ministerium führte, und bisher hatte sein Vater kein Wort gesprochen. Erst als sie den dunklen Gang verlassen hatten, verlor sein Gang an Steife.
„Ist Mutter hier?", fragte Draco ihn besorgt, anstatt einer Begrüßung, und sah sich im leeren Atrium um, denn er wollte eigentlich nicht mehr Zeit als nötig, mit so wenigen Familienmitgliedern wie möglich verbringen.
„Natürlich nicht", entgegnete Lucius ruhig. „Sie hasst das Ministerium und die Leute hier", ergänzte er leere Worte. „Die Kantine hat geöffnet. Lass uns… einen Tee trinken", schloss sein Vater und ging mit starrem Blick voran. Draco runzelte die Stirn. Noch nie hatte er seinen Vater in einer Kantine erlebt. Aber er folgte ihm. Ein heißer Tee klang wie immer verlockend.
Es vergingen einige Minuten, bis sie sich billigen Earl Grey in Pappbechern besorgt, und Draco von den wenigen Anwesenden bereits scheele Blicke verpasst bekommen hatte. Aber es störte ihn nicht wirklich. Er bemerkte es kaum. Die Kantine war größer als der Aufenthaltsraum in der Verwahrung, und er fühlte sich nicht mehr ganz so eingeengt und klaustrophobisch.
Und dann brach sein Vater das eigenartige Schweigen. „Was hat deine Freundin vor?", wollte er direkt wissen, durchleuchtete ihn praktisch, und Draco blinzelte überrascht. Deshalb war sein Vater hier?
„Sie ist nicht meine Freundin", korrigierte ihn Draco jedoch ganz zuerst, denn diese Fronten hatten um jeden Preis geklärt zu sein. Er hatte keine Angst mehr vor seinem Vater, er wollte, dass Lucius ihn sah, ihn anerkannte, dass er verdammt noch mal genau hinsah, wen er jetzt vor sich hatte.
„Was auch immer sie ist", presste Lucius dann gezwungen hervor.
„Hermine ist meine Frau", erläuterte Draco, ohne jeden Zweifel.
„Vor welchem Gesetz?", schien Lucius sich nicht beherrschen zu können, besann sich dann aber. „Wie auch immer", fuhr er angespannt fort, „was hat sie vor?"
„Wie kommst du darauf, dass sie etwas vorhat?" Sein Vater schien sehr kurz nachzudenken. Er wirkte, als müsse er erst überlegen, ob er sein Geheimnis wirklich preisgeben wollte. Dann schien aber der Bösewicht in ihm zu siegen, und offen legte er die Hände auf den Tisch.
„Ich habe sie beschatten lassen." Dracos Stirn runzelte sich langsam. Aber es war nicht wirklich so ungewöhnlich, dass er es Lucius nicht zugetraut hätte.
„Ach ja?", entgegnete Draco lediglich und kam sich immer entfernter verwandt zu seinen Eltern vor.
„Und es scheint nicht so, als plane sie, hier sesshaft zu werden, nach all den Besorgungen, die sie erledigt hat", fuhr er fort. Und dann wurde seine Stimme leiser. „Plant sie eine Flucht? Will sie dich mitnehmen?" Und Draco verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nur, damit wir auf demselben Level sind", begann Draco langsam, „bist du dafür oder dagegen, sollte sie so etwas Absurdes vorhaben?", wollte er ruhig wissen, und kurz huschte ein Schatten über das Gesicht seines Vaters.
„Die Verhandlung ist glimpflich ausgegangen, dank des Rückwirkungsverbotes, und unsere Familie hat keine weiteren Probleme bekommen", begann Lucius ausweichend, und Draco verstand sehr genau. Lucius war froh und dankbar, dass nur Draco ins Gefängnis musste, er selber aber verschont geblieben war. „In zehn Jahren, vielleicht eher, sollte für dich ein Hafterlass in Frage kommen, wärst du wieder ein freier Mann, und eine geeignete Position in der Firma wird sich schon finden", schloss sein Vater dann.
„Was soll mir das-?"
„-nichts ist es wert, zu fliehen, Draco", unterbrach ihn sein Vater dann streng. Und Draco war sich nicht sicher, ob das nicht die verquere Art seines Vaters war, ihn zu bitten, hier zu bleiben, nach Askaban zu gehen, und plötzlich sah Draco es vor sich. Sehr genau sogar. Was passieren würde, wenn er blieb. Askaban, vielleicht acht Jahre Haft, dann der erkaufte Erlass, von dem sein Vater sprach, die Eingliederung in das Familienunternehmen, unterwegs die Entfremdung von Hermine, vielleicht sogar ein hässlicher Sorgerechtsstreit – es war ein hübscher Reinblüteralbtraum, der sich abzeichnete.
Und Draco tat, zu was er sich gezwungen sah. Um seinetwillen. Um Hermines Willen. Denn ihm blieb wohl kaum genug Zeit, die moralisch verwerflichen Vorstellungen seines Vaters zu kurieren. Das dürfte Jahre in Anspruch nehmen.
„Ich habe nicht vor zu fliehen, Vater", sagte er also, mit absoluter Sicherheit. „Ich möchte Buße tun, meine Haft absitzen und dann in mein altes Leben zurück. Mit Hermine", ergänzte er seine salzige Lüge um ein notwendiges Detail, um seinen Vater aufzuregen.
„Das wird sich zeigen. Frauen vergessen ihre Treue, wenn es zu Askaban kommt", ermahnte ihn sein Vater, aber Dracos Antwort schien ihn zu beruhigen. Und dann tat sein Vater etwas Eigenartiges. Tatsächlich kroch sanfte Entspannung in seine Haltung, und sein strenger Blick überflog seine Erscheinung. „Woher… hast du die Narbe über deinem Hals?", fragte er tatsächlich, und Draco war sich nicht sicher, ob sein Vater tatsächlich versuchte, ein Gespräch mit ihm zu beginnen.
Aber er antwortete ihm gehorsam.
„Ein schwarzer Tiger hat mich erwischt. Aber es war ein recht kurzer Kampf." Reglos blieb das Gesicht seines Vaters, aber sanfte Anerkennung kroch in seinen kalten Blick.
„Wir könnten zusammen auf die Jagd gehen, wenn du wieder raus kommst", schlug er ihm tatsächlich nachdenklich vor. Was war passiert? War Draco der Sohn, den Lucius endlich haben wollte? Fast war es witzig. Aber Draco lachte nicht.
„Sehr gerne, Vater", log er ernst. Eigenartig, wie manche Erkenntnisse einfach zu spät passierten. Aber jetzt konnte er sich eine Zukunft mit seinen Eltern nicht mehr vorstellen. Und wenn er ehrlich war, dann hatte er es nie gekonnt.
Es war doch ein ziemlich kühler Morgen. Der Wind hatte gedreht und brachte eisige Luft aus dem Norden. Harry hatte seinen Mantelkragen hochgeschlagen und war ein wenig gerädert, selbst nach dem Aufputschzauber. Es herrschte eine eigenartige Stimmung im Haus, so kam es ihm vor, als er die Tür hinter sich schloss und die Brötchentüte auf den Tresen in der Küche stellte. Sie hatten im Fuchsbau geschlafen. Selbst Pansy und Ron waren geblieben und auch die beiden saßen still und verkatert am Küchentisch. Arthur und Molly schliefen noch. Es war auch verdammt früh. Eigentlich viel zu früh.
Abwesend hatte Ginny bereits eine Kanne Tee aufgesetzt und starrte nach draußen. Harry schloss den Abstand zu ihr, legte ihr die Arme um die Taille und küsste seine hübsche Braut.
„Guten Morgen", begrüßte Harry sie still. Sie lehnte sich wortlos in seine Umarmung, und das stille Gefühl des Abschieds lag in der Luft, erfüllte das gesamte Haus, und es schlug ihm auf den Magen.
„Kommt ihr mit?", wandte sich Harry an Ron und Pansy, die nahe nebeneinander saßen und selber ein wenig überrumpelt von ihrer neuen Beziehung wirkten. Ron hob den Blick.
„Ich denke schon", sagte er unsicher, und er glaubte, auch Ron konnte es spüren. Es herrschte die Stimmung eines Aufbruchs. Dann kam Hermine in die Küche, hing ihre neue Handtasche über einen der Stühle und lugte in die Brötchentüte. Und was Harry in seiner Vermutung nur mehr bestätigte, war, dass Hermine eine solche Stimmung nicht anzumerken war. Sie schien sehr darauf bedacht, völlig normal zu wirken.
„Croissants", stellte sie lächelnd fest. „Und?", wandte sie sich munter an ihn und Ginny. „Wie hat das frischgebackene Ehepaar geschlafen?", wollte sie wissen, und Harry tat sich schwer, unbefangen zu antworten.
„Zu kurz", sagte er also wahrheitsgemäß.
„Ihr könnt später weiterschlafen, wenn ihr wiederkommt", schlug sie ihnen vor. Und es war Pansy, die es aussprach.
„Ron sagt, du planst eine… Flucht? Ich meine, ich bin absolut dafür, aber… wo wollt ihr hin? Ich meine…, ohne, dass das Ministerium Wind davon bekommt?"
Und Harry fasste Hermine streng ins Auge. Sie lächelte schließlich.
„Am besten… wisst ihr so wenig wie möglich", schloss Hermine geheimnisvoll, und Harry gefiel es alles nicht.
„Wann sehen wir dich wieder?", war Harrys nächste Frage, denn Ginny hatte ihm vieles erzählt, aber letztendlich doch nicht wirklich alles.
„Ich weiß es noch nicht", erwiderte Hermine leichthin. Aber es war Harry nicht gut genug.
„Und wie willst du ihn überhaupt aus der Gewahrsamsgewalt bekommen?", fuhr er ungläubiger fort. Hermines friedlicher Ausdruck, verlor an Sanftheit. „Du hast keinen Zauberstab, er hat keinen Zauberstab – ich meine-"
„-Harry", unterbrach sie ihn, und er hasste, wie ruhig sie war, „bitte mach dir diese Sorgen nicht, ok?"
Aber es war ihm verdammt noch mal nicht gut genug!
„Warum nicht? Sag mir, warum nicht, Hermine?" Sie zuckte unvermittelt zusammen bei seinem Ausbruch, aber es war ihm egal. „Wieso kannst du nicht einfach bleiben? Wieso kannst ihn nicht nach Askaban gehen lassen? Denkst du, es ist ok, dass du ein Jahr fort bist und endlich wiederkommst, nur um nach drei Sekunden wieder zu verschwinden? Du bist schwanger, Merlin noch mal! Du solltest dich erholen! Du solltest nicht irgendwelche Aktionen planen, die dich mit Sicherheit auch noch nach Askaban bringen könnten!" Er hatte gar nicht laut werden wollen, aber… das war jetzt auch nicht mehr zu ändern. Und das vertraute Gefühl, was sich langsam wieder mit Hermine eingestellt hatte, versiegte gänzlich.
Kälte stand in ihrem Gesicht. Eine Kälte, die Harry immer noch so unbekannt war. Eine grimmige Entschlossenheit legte sich über ihre harten Züge, und er wusste, egal, was er sagte, es machte keinen Unterschied. Nicht mehr. Nicht mehr für diese Hermine. Und es war hart und ungerecht, und er würde es niemals begreifen können.
„Ich danke euch, für eure Unterstützung, eure Hilfe und euer Verständnis", sprach sie hohle Worte. „Aber ich sage es dir sehr deutlich, Harry, ich bin nicht für euch zurückgekommen. Nicht, um deinen Selbstzweck zu heiligen und nicht, um mein altes Leben fortzuführen. Denn das ist lange vorbei. Ich habe ein neues Leben, einen neuen Zweck."
„Mit Malfoy?", entfuhr es ihm ungläubig, aber ihr Blick blieb hart.
„Mit meinem Mann, ja", bestätigte sie, und er hasste, dass sie nicht einmal mit der Wimper zuckte. Und er wollte sie fragen, warum sie überhaupt zurückgekommen war, aber er tat es nicht. Er wollte nicht, denn er hatte Angst vor der Antwort.
„Und du kannst gleich gerne mitkommen, Harry. Ich würde es mir wünschen-"
„-warum?", unterbrach er sie sofort. „Weil wir uns sonst erst in hundert Jahren wiedersehen?" Und ihr Blick verriet nichts! Nicht ein Gefühl! „Das Ministerium wird dich finden, verstehst du das? Es gibt keinen Ort, wo ihr unentdeckt bleibt, Merlin noch mal! Und ich werde auch noch den Ärger bekommen, weil sie denken werden, ich hätte dir geholfen!", fuhr er sie jetzt an. Aber sie schien sich nicht die geringste Sorge zu machen. Überheblich war sie immer schon gewesen, immer gänzlich überzeugt von ihrem Verstand. Und Harry hasste das auch. „Ich werde garantiert nicht mitkommen", schloss er dann kühl.
„Doch, das wirst du." Es war Ginny, die sprach, und ihre Stimme ließ tatsächlich keine Widerworte zu. Aber Harry legte es drauf an.
„Das werde ich nicht."
„Es gibt darüber keine Diskussion, hast du gehört, Harry Potter?"
„Du kannst mich nicht zwingen", entgegnete er gereizt.
„Sicher kann ich das", behauptete sie lediglich achselzuckend. „Aber das muss ich nicht, denn es stellt sich überhaupt nicht die Frage, ob du mitkommst oder nicht. Ganz einfach."
„Ich-!", begann er aufgebracht, aber Hermine mischte sich ein.
„-Harry, du musst nicht mit", erklärte sie, und ihre Stimme war ruhiger geworden. „Aber ich bin erwachsen, ich habe ein Leben, das auf mich wartet. Und wenn ich dir sage, dass du dir keine Sorgen um mich machen musst, dann meine ich es vollkommen ernst. Wir sind nicht mehr in der Schule, wir wohnen nicht im selben Gemeinschaftsraum", fuhr sie traurig fort, „und das ist ok", schloss sie sanft.
Und es war nicht ok. So hatte Harry sein Leben nicht geplant. Aber er hatte den Kampf verloren. Er besaß nicht mehr die Macht, Hermine zu überzeugen, sie umzustimmen, und er seufzte schwer.
„Versprich, dass du wiederkommst", sagte er schlicht.
„Harry-", begann sie gequält.
„-versprich es mir, Hermine", beharrte er kopfschüttelnd. Und sie resignierte.
„Ok. Ich verspreche es dir", sagte sie still, und er wusste nicht, ob sie log. Aber manchmal musste man Hoffnung haben. Und darin war er ja bekanntlich so gut.
„Lasst uns essen", schloss er seufzend. Und natürlich würde er mitkommen. Er würde jede Sekunde nutzen, sie noch sehen zu können. Und er hatte das Gefühl, dass es lange dauern würde, bis er sie wiedersah.
Wenn er sie überhaupt wiedersehen würde, dachte er plötzlich mit einem Schaudern, und eine Gänsehaut kroch seinen Rücken hinab. Und er betrachtete sie, während sie sich setzten, Ginny die Brötchen aufschnitt, und er versuchte, alle schlechten Gefühle zu verdrängen, und sich einfach Hermine in sein Bewusstsein zu rufen.
Ihr Lächeln, ihre leuchtenden Bernsteinaugen, die das Licht der aufgehenden Sonne fingen, und vor Tatendrang geweitet waren.
Und fast wirkte sie… wie nicht von dieser Welt. Nicht mehr. Sie war… nicht mehr gezähmt. Sie wirkte so befreit von allen irdischen Dingen. Als gehöre sie nicht mehr hier hin. Als fühle sie sich hier nicht Zuhause. Eine stille Sehnsucht ging von ihr aus, und er war sich nicht einmal wirklich sicher, ob es nur die Sehnsucht nach Malfoy war. Und es schien eine Sehnsucht zu sein, die niemand von ihnen hier stillen konnte. Die Insel hatte Hermine verändert. Auf eine eigenartige Weise, schien Hermine zu sich selbst gefunden zu haben, und besser konnte Harry es nicht beschreiben.
Der Wind hatte eine frische Brise nach London getragen, und fast war es, als spüre selbst der Wind, dass etwas Entscheidendes bevorstand.
Hermine war längst fort. In ihrem Geist zumindest war sie das, dachte Harry unwillkürlich.
Immer wieder fuhr Hermines Hand über ihren Unterleib, in beruhigenden Bewegungen. Jetzt, wo der Zeitpunkt näher rückte, kam auch die Angst. Schleichend, aber sie kam.
Der Wind zog an ihren Haaren, spielte mit ihnen, und langsam erhob sich die Sonne über den Horizont. Steif umklammerten ihre Finger den Griff der Tasche, die andere Hand war in ihrer Jackentasche verborgen.
Sie erkannte, wie er aus der Kutsche stieg, die ihn zum Hafen eskortiert hatte. Dort würde das Boot nach Askaban ablegen. Aber er war nicht alleine. Seine Eltern waren bei ihm, und bevor sie sich in Bewegung setzte, wandte sie sich Ginny zu.
„Hast du alles?", fragte Ginny sie sehr leise. Hermine nickte kaum sichtbar.
„Ja", murmelte sie tonlos. Und auch Ginny schien zu begreifen, dass das jetzt das Ende war. Ihr Blick wirkte auf einmal glasig, aber sie schien sich zu beherrschen und weinte keine Träne. Und kurz, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen, drückten sich die Freundinnen. Kurz, aber heftig.
„Ich liebe dich", flüsterte Ginny lächelnd. Hermine erwiderte das Lächeln und nickte. Harrys Blick war nicht zu deuten, und sie nickte ihm ebenfalls zu. Dann wandte sie sich an Ron und Pansy, die selbstvergessen Händchen hielten, und fast war Hermine wirklich froh und glücklich. Sie hinterließ keine Trümmer, keinen Schaden. Alles würde ohne sie funktionieren. Sie hatte hier alles erledigt.
Ron schenkte ihr ein Lächeln, und Hermine wusste, sie musste jetzt handeln oder nie.
„Hermine", rief Harry hinter ihr, und sie wandte sich noch einmal um. Der Wind zog und zerrte an ihr, schob sie praktisch weiter, fort von ihren Freunden, und dann hob Harry schmal die Hand zum Abschied. „Du hast es versprochen", erinnerte er sie, aber fast schluckte der Wind alle seine Worte. Hermine nickte steif. Ja, sie hatte versprochen, wiederzukehren.
Und sie würde versuchen, ihr Versprechen zu halten.
Und bevor sie weinen würde, wandte sie sich ab, ging dem Sonnenaufgang entgegen, und Draco wartete bereits, stand am Pier, und die Wachen schienen bereit, die Gefangen zu verschiffen. Die restlichen Askaban-Kandidaten waren ebenfalls mit Kutschen eingetroffen.
„Hey", begrüßte sie ihn etwas außer Atem.
„Du zitterst ja", flüsterte er, als die Wachen ihm etwas Freiraum ließen. Allerdings nicht besonders viel. Draco senkte den Kopf, küsste ihre Lippen, und sie spürte, wie kühl ihre Lippen tatsächlich waren, im Gegensatz zu seinen. Er löste sich nicht weit von ihrem Mund, und sie sah hinauf in seine Augen. Seine wunderschönen Augen, die nicht verbergen konnten, was seine ganze Erscheinung versteckte. Es waren schlimme Tage für ihn gewesen. Alle Freiheit und Freude war aus seinem Blick verschwunden. Es tat ihr weh.
„Bereit, mein Mann?", fragte sie ihn tonlos, und kurz ruhte sein Blick reglos auf ihr. Dann glitt er über seine Familie, die missmutigen Wachen, die aufgewühlte englische See, und seine Mundwinkel hoben sich kurz.
„Bereit, meine Frau", erwiderte er. Unbemerkt zog sie die Hand aus der Jackentasche. Sie ließ den Schnatz aus dem Taschentuch ins Gras fallen, und Dracos Blick folgte der kleinen Kugel.
„Ich liebe dich, Draco", flüsterte sie, und ihre Stimme versagte. Das wollte sie ihm sagen, für den Fall, dass es nicht funktionierte und sie ihn nicht wiedersah. Sie liebte ihn so sehr. Und wieder schloss er den Abstand, legte den Arm um ihre Taille, und er roch so fremd. Er roch nach Gefangenschaft und Schmerz, und sie konnte es nicht ertragen, ihn nach Askaban gehen zu sehen. Sie würde es niemals können. Es war nicht richtig. Sie spürte, wie er sie einatmete, als er den Kuss beendet hatte.
„Ich liebe dich auch, Hermine", erwiderte er. „Wir sehen uns auf der anderen Seite", wisperte er. Und sie tauschten einen letzten Blick, bevor sie sich gleichzeitig bückten.
Und sie hörte die Wachen sprechen, hörte jemanden rufen. Schemenhaft bewegten sich die Gestalten auf sie zu.
Aber gleichzeitig berührten ihre Finger das kühle Metall, und Hermine spürte das vertraute Ziehen hinter ihrem Nabel. Ihre Blicke waren fest ineinander versunken, und dann verschwamm die Küste in tausend Farben, versank im wilden Nebel und alle Geräusche verstummten.
Hermine setzte ihr ganzes Vertrauen, ihre ganze Hoffnung in Ginnys Können. Der Mobiliuszauber war gebrochen, nur die Apparierfunktion war im Schnatz erhalten geblieben. Für eine Sekunde schmerzte es sie, nicht mehr mit McGonagall gesprochen zu haben, die bestimmt viele Fragen gehabt hätte, dass sie ihre Eltern nicht wiedergefunden hatte, um sich tatsächlich wirklich verabschieden zu können – aber… soweit es sie betraf, war sie gar nicht wirklich hier gewesen.
Die Vision hatte ihr gezeigt, warum sie hatte zurückkehren müssen, und sie hoffte nur, sie würden es alle überstehen. Vor allem ihr Sohn. Wegen ihm war sie schließlich hier gewesen. Und für Dracos Schicksal.
Der Zauber nahm sich Zugriff auf ihre Gedanken, und für Draco müsste es genauso sein, dachte sie mit wilden Herzschlägen, und sie dachte an die Farben der Lagune, an die Wasserfälle, an die hohen Bäume ihrer Insel, das fremde Lied der Vögel, den seidig weißen Strand, und ihre blauen Gorillas, die auf sie warten würden.
Sie dachte an Zuhause.
Sie schloss schließlich die Augen, und dann… waren sie fort.
