High and Low
Nick beobachtete, wie Sara sich auf die Couch im Aufenthaltsraum legte. Sie sah ziemlich fertig aus. Doch er musste sie noch einmal stören.
Leise öffnete er die Tür und verbarg dabei etwas hinter seinem Rücken. „Sara?", fragte er leise.
Sara schreckte hoch. Als sie Nick erblickte, beruhigte sie sich wieder. Sie legte sich wieder hin und schloss die Augen.
Nick fragte erneut: „Sara?"
Ihm kam ein leises: „Mhm?" entgegen.
„Darf ich dir eine Frage stellen?" Sara nickte nur leicht. Sie verstand nicht, warum Nick so aufgeregt war.
„Stell dir vor, du wärst fünf Jahre alt, du kommst nächsten Monat in die Schule, trägst immer rosa Kleidchen und hast blonde Locken. Deine größten Leidenschaften sind Spongebob und die Dallas Cowboys. Würde dir das hier gefallen?"
Sara runzelte die Stirn. Erst als sie ihre Augen öffnete, verstand sie, was er damit meinte. Nick hielt einen kleinen rosa Rucksack in der Hand. Er war gespickt mit Spongebob und Dallas Cowboys Buttons. Es war der niedlichste Rucksack, den sie je gesehen hatte.
Auf ihrem müden Gesicht bildete sich ein Lächeln und sie nickte. „Ja. Ich glaube auch, dass Jada ihn lieben wird." Nick war verwundert, dass Sara sich noch an den Namen seiner kleinen Nichte erinnern konnte. Er hatte ihr einmal ein Foto von Jada gezeigt, doch das war schon fast zwei Jahre her.
„Wirklich?", fragte er verunsichert.
„Ja.", wiederholte Sara müde und schloss wieder ihre Augen.
Nick schien mit der Antwort zufrieden zu sein. „Du solltest nach Hause fahren und da schlafen.", sagte er zu Sara.
Sie reagierte nicht.
Anscheinend hatte die Müdigkeit sie überwältigt. Nick legte den Rucksack auf den Tisch, zog seine Jacke aus und legte sie behutsam auf Saras Körper.
Sie zuckte leicht, doch sie wachte nicht auf. Er setzte sich an den Tisch und blickte sie an. Sie sah friedlich aus.
Manchmal fragte er sich, wie sie ihr Leben meisterte. Er wusste so wenig über sie. Und doch bewunderte er sie so sehr für ihre Stärke und ihr Durchhaltevermögen. Irgendwann würde sie ihm vielleicht erzählen, wie sie das machte, aber Nick wusste genauso gut, dass es noch eine ziemliche Zeit dauern würde.
Es war still geworden im Raum. Nick hörte nur Saras Atem. Außerhalb dieser ruhigen Welt herrschte der alltägliche Lärm.
Nick erschrak, als sein Handy plötzlich klingelte. Er versuchte so schnell wie möglich dran zu gehen, aber es war zu spät. Sara war wieder aufgewacht.
„Stokes.", meldete sich Nick und blickte Sara entschuldigend an.
Sara wusste nicht so Recht, was vor sich ging. Sie wartete, bis Nick sein Gespräch beendet hatte.
„Grissom?", fragte Sara neugierig.
Nick schüttelte mit dem Kopf. „Nein, mein Verdächtiger wurde festgenommen." Sara nickte.
Erst jetzt bemerkte sie, dass Nicks Jacke auf ihren Schultern lag. Sie sagte nichts dazu. Nur ein Lächeln huschte über ihre Lippen.
Sie sah auf und blickte direkt in Nicks Augen. Ein Schweigen trat in den Raum. Sie starrten sich an, so als würden sie sich zum ersten Mal richtig sehen.
„Komm, ich bringe dich nach Hause.", sagte Nick leise. Sara gab keinen Widerspruch.
Es war das erste Mal, dass sie es nicht einmal in Erwägung zog.
