25. August 1918
Vecquemont, Frankreich – Villers-Bretonneux, Frankreich

All this was gallant to be seen

Ich verschließe den Brief an Shirley und lege ihn auf den Stapel fertige Post, der schon Briefe an Ken, Colette und Mum und Dad enthält.

Der British Army Postal Service hat alle Mühe, unsere Post dem Zug hinterher zu schicken. Häufig kriegen wir tagelang gar keine Post, nur um dann einen ganzen Packen ausgehändigt zu bekommen. Manche Briefe erreichen uns nach wenigen Tagen, andere sind vorher wochenlang quer durch Frankreich unterwegs. Gestern jedoch waren wir in Le Havre und entsprechend ergiebig war meine briefliche Ausbeute.

Ich greife nach den beiden noch übrigen Briefen und überlege, ob ich zuerst Faith oder Persis antworten soll, da öffnet sich plötzlich schwungvoll die Türe zu unserem Aufenthaltsabteil und Miller tritt ein.

„Guten Morgen", grüße ich freundlich und verkneife mir ein Lächeln über ihr zerknittertes Aussehen. Miller ist kein Morgenmensch.

„Morgen", grummelt sie zurück und lässt sich mir gegenüber auf der Sitzbank fallen. „Wie lange bist du schon wach?", fragt sie dann und beäugt meine auf dem Tisch ausgebreiteten Briefe.

„Hm… zwei oder drei Stunden?", rate ich, „seit halb fünf, glaube ich. Ich konnte nicht mehr einschlafen. Ich befürchte eh, ich werde nie wieder einen vernünftigen Schlafrhythmus haben."

Wir schlafen dann, wenn wir die Gelegenheit dazu haben und die Gelegenheit ergibt sich immer nur, wenn wir keine Patienten transportieren. Ist der Zug leer, schlafen wir, sei es Mittag oder Mitternacht, hellster Tag oder tiefstes Dunkel. Ob Tag oder Nacht ist, kann ich sowieso nur noch am Blick aus dem Zugfenster erkennen. Mein Zeitgefühl ist seit Wochen dahin.

Miller verzieht mitfühlend das Gesicht. „Wir sind gleich da", bemerkt sie dann, „hat Dr. Hunter gesagt."

„Oh? Hat er auch gesagt, wohin es heute geht?", erkundige ich mich. Wie so oft erfahren wir unser Ziel erst kurz vor der Ankunft.

Miller verdreht die Augen. „Schon wieder Vecquemont", erwidert sie.

Vecquemont ist ein winziges Dörfchen östlich von Amiens, in das sie nach den letzten Kämpfen mehrere englische CCS verlegt haben. Wir haben dort bereits vorgestern Patienten eingeladen und deswegen weiß ich, was Millers Augenrollen hervorgerufen hat. In Vecquemont gibt es absolut nichts zu tun! Da häufig einige Stunden Zeit zwischen unserer Ankunft und dem Einladen der Patienten vergehen, ist es für uns von Vorteil, wenn wir irgendwo sind, wo wir uns die Beine vertreten und etwas einkaufen können. In Le Havre und Rouen geht das und bei einem Halt in Étaples vor einiger Zeit habe ich sogar Persis und Tim überraschen können. Vecquemont dagegen bietet keine dieser Möglichkeiten.

„Nun, wir werden uns schon irgendwie beschäftigen", entgegne ich mit mehr Optimismus als ich empfinde, während ich meine Briefe zusammenschiebe. Persis und Faith werden warten müssen.

Miller schnaubt. „Wie das?", will sie wissen.

Ich hebe die Schultern. „Im Zweifelsfall könnten wir in den Lazaretten fragen, ob wir helfen können?", schlage ich etwas halbherzig vor.

Das entlockt Miller ein lautes Lachen. „Du bist unglaublich, Blythe!", verkündet sie, „als ob wir nicht schon genug arbeiten würden!"

„Es wäre wenigstens etwas zu tun", verteidige ich mich leicht beschämt.

Meine Kollegin aber schüttelt entschieden den Kopf. „Und sich dabei von den englischen Krankenschwestern behandeln zu lassen, als würden wir jeden Augenblick ihre Patienten erdrosseln, wo wir doch nur ungewaschene Barbaren aus den Kolonien sind? Na, da lehne ich doch dankend ab", bemerkt sie spitz.

Sie hat ein Argument, das muss ich zugeben. Die meisten englischen Krankenschwestern sind in Ordnung, aber es gibt auch genug unter ihnen, die gestehen uns Kanadierinnen nur sehr zögerlich überhaupt irgendeine Art von Kompetenz zu. Wir sind Kolonisten und in den Augen mancher englischer Schwestern damit nicht geeignet, dem hohen Standard des britischen Mutterlandes zu genügen. Die zwei Sterne auf unseren Schulterklappen und unser deutlich höheres Gehalt tragen auch nicht dazu bei, dass sie uns mit Wohlwollen betrachten.

„Mich hat mal eine englische Krankenschwester gefragt, ob wir in Kanada eigentlich den Unterschied zwischen aseptisch und antiseptisch kennen würden", berichte ich und muss mir bei dem Gedanken ein kleines Lächeln verkneifen.

„Und, was hast du geantwortet?", erkundigt Miller sich interessiert.

„Nun… ich habe ihr erklärt, bei uns nimmt man das nicht so streng. Ein bisschen Schmutz hat schließlich noch niemandem geschadet und wer doch daran stirbt, ist für die kanadische Wildnis eben nicht geeignet. Natürliche Auslese und so. Du hättest ihr Gesicht sehen sollen!", antworte ich und kichere, als der konsternierte Gesichtsausdruck der englischen Schwester vor meinem inneren Auge auftaucht.

Miller grinst breit. „Wenn sie dumm genug war, dir das zu glauben, hat sie es verdient", entscheidet sie und klingt dabei sehr zufrieden.

Mit einem Zittern und einem kreischenden Geräusch kommt in dem Moment der Zug unter uns zum Stehen. Ich werfe einen prüfenden Blick aus dem Fenster, rappele mich dann hoch. „Nächster Halt: Vecquemont", verkünde ich und lache über den vernichtenden Blick, den Miller mit zuwirft.

Ich lasse Miller im Abteil zurück und springe aus dem Zug auf die Plattform, die so früh am Morgen noch fast leer ist. Die Luft jedoch ist warm, immerhin haben wir Ende August, also nutze ich den Moment, mir ein wenig die Beine zu vertreten. Etwas entfernt erkenne ich Oberschwester White und Dr. Hunter im Gespräch mit zwei unmöglich jungen, unmöglich schicken englischen Leutnants. Als die Oberschwester mich sieht, winkt sie mich näher. Neugierig trete ich auf die kleine Gruppe zu.

„Miss Blythe, das hier sind Lieutenant Stowe und Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion", übernimmt Oberschwester White die Vorstellung.

Schweigend blinzele ich Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion an. Wie kann ein Mensch so heißen?

„Die beiden Herren gehören dem Hauptquartier der vierten Armee an", fährt die Oberschwester derweil in ihrer sachlichen Art fort, „sie haben sich erboten, Sie und Miss Miller heute nach Amiens zu begleiten. Wir erwarten die Patienten erst am späten Nachmittag."

„Das ist natürlich vorausgesetzt, dass Sie und Miss Miller nach Amiens fahren möchten", fügt Dr. Hunter mit einem freundlichen Lächeln hinzu. Die beiden Leutnants schweigen höflich, aber ich bin mir ihrer interessierten Blicke bewusst.

Ehrlich gesagt hätte ich auch nichts dagegen gehabt, meinen Tag mit Briefeschreiben, Lesen und einem Nickerchen zu verbringen, aber ich kann mir ziemlich genau vorstellen, was Miller sagen würde, sollte sie erfahren, dass ich dieses Angebot ausgeschlagen habe, also nicke ich.

Mein Nicken, sei es auch ein klein wenig widerwillig gewesen, entscheidet es und so finden Miller und ich uns kurze Zeit später in einem ziemlich schicken offenen Wagen wieder, der von Lieutenant Stowe überraschend sicher durch die picardische Landschaft gesteuert wird.

„Und, haben die Damen einen Wunsch, was sie in Amiens sehen wollen?", erkundigt sich Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion, während er sich zu uns umdreht, den Arm lässig über die Rückenlehne seines Sitzes geschlungen. Ich runzele die Stirn. Da ist etwas an ihm, das mich irritiert, ohne dass ich genau sagen könnte, was es ist.

Miller zuckt unbeeindruckt mit den Schultern. „Was würde der Herr Leutnant denn empfehlen?", gibt sie zurück und ich bin mir ziemlich sicher, dass unser Begleiter absolut keine Ahnung hat, dass sie ihn gerade hochnimmt.

„Ich würde einen Besuch der Kathedrale empfehlen. Sie haben doch sicherlich vom Weinenden Engel von Amiens gehört?", erkundigt Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion und zieht beide Augenbrauen hoch.

Miller erwidert das mit einer ihrerseits hochgezogenen Augenbraue. „Sie meinen diese absolut unsägliche Statue einer fetten kleinen Putte, die in den letzten Jahren mit einem derartigen Elan auf Postkarten gedruckt wurde, dass man es nur mit allgemeiner Geschmacksverirrung erklären kann?", entgegnet sie spitz, „danke, das Vergnügen hatten wir bereits."

Der Leutnant starrt sie sprachlos an. Ich für meinen Teil verbeiße mir ein Grinsen. Wir haben vor einigen Tagen bereits einmal in Amiens Halt gemacht und damals tatsächlich die Kathedrale besucht. Die Worte, die Miller damals für die Engelsstatue hatte, waren kaum freundlicher als jetzt.

„Dann nicht die Kathedrale", murmelt Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion und dreht sich wieder nach vorne. Scheinbar hat es ihm tatsächlich die Sprache verschlagen. Miller zwinkert mir zu und ich lächele.

Ich muss sagen, dass ich Miller in den vergangenen zwei Monaten sehr schätzen gelernt habe. Sie mag manchmal etwas, nun, direkt sein, aber sie lässt nicht zu, dass ich grübele und das ist wichtig, weil Grübeln mir zur zweiten Natur geworden ist (mein fünfzehnjähriges Ich wäre vermutlich schockiert). Wie sehr Miller mir in solchen Momenten hilft, habe ich eindringlich vor zwei Wochen gemerkt, als wir in Creil zwischengeparkt waren und die Nachricht von den Kämpfen bei Amiens uns erreicht hat.

Was ich gefürchtet hatte, ist eingetreten. Die Generäle haben sich ihrer kanadischen Truppen erinnert und sie hergebracht, damit sie zusammen mit den Australiern die Spitze eines großen Angriffs bilden. Die Kolonialtruppen, gerufen, um zu vollbringen, woran das Mutterland gescheitert ist. Es hätte eine poetische Ironie, wenn es nicht gleichzeitig so schrecklich wäre.

Sie haben geliefert, die Jungen aus den Kolonien. Es war ein wunderbarer Sieg, der unsere Truppen viele Meilen nach Osten getragen hat, bis heran an die alten Linien von 1916, und die Landgewinne des Feindes aus den schrecklichen Märzwochen doch wenigstens in Teilen wieder zunichte gemacht hat. Es war der größte Erfolg seit vielen, vielen Monaten und ich konnte sehen, wie die Nachricht davon eine Hoffnungsflamme entfacht hat in den Menschen um mich herum.

Mich dagegen, mich hat es nur mit grausamer Angst erfüllt. Denn das Wissen, dass das kanadische Korps angegriffen hat, brachte für mich die Gewissheit mit, dass drei Männer, die ich liebe, in den Kampf involviert waren. Shirley, Gräben grabend und Straßen ausbessernd und Brücken bauend, immer wieder unter Feuerbeschuss. Walter, überall, auch ganz vorne, in dem Versuch, den Soldaten Mut und Trost zuzusprechen. Und Ken, seine Männer in den Kampf führend, ohne einen Blick für die eigene Sicherheit.

Um es kurz zu machen – ich war ein nervliches Wrack. Wenn ich dachte, Vimy Ridge oder Passchendaele hätten mich darauf vorbereiten können, was ich in den Tagen der Schlacht von Amiens gefühlt habe, so hatte ich mich getäuscht. Vielleicht hätte nichts mich vorbereiten können. Es ist nur Millers unerschütterlicher Art und der ruhigen Beharrlichkeit der Oberschwester geschuldet, dass ich, nutzlos in Creil festsitzend, nicht verrückt geworden bin vor Sorge.

Als das Telegramm von Ken durchkam, um mir mitzuteilen, dass es ihm gut geht und, seinen Informationen folgend, den anderen beiden auch, bin ich auf die Knie gefallen und habe minutenlang einfach nur geweint. Miller stand neben mir, hat mir den Kopf getätschelt und „na, na" gemacht und es ist wohl Beleg genug dafür, wie sehr auch sie mich mittlerweile schätzt, dass sie meine so offen zur Schau getragenen Emotionen mit einer derartigen Geduld toleriert hat.

Mit einem Rumpeln fährt der Wagen auf eine Brücke und reißt mich aus meinen Erinnerungen. Abwesend werfe ich einen Blick hinaus, auf den Fluss, den wir überqueren.

„Die Somme", erklärt Lieutenant Stowe von vorne. Als ich den Kopf drehe, sehe ich, dass er mich im Rückspiegel beobachtet. Unsere Blicke treffen sich und er lächelt scheu.

Es ist merkwürdig… die Somme ist kein besonders beeindruckender Fluss. Sie ist breit genug, das schon, aber ziemlich seicht. Sie wäre vermutlich in keinster Weise bemerkenswert, wenn nicht wir Menschen auf die Idee gekommen wären, eine der größten Schlachten unserer Geschichte nach ihr zu benennen. Nun wird ihr Name für sehr lange Zeit mit Leid und Tod und Blutvergießen verbunden sein – und all derweil fließt sie bloß still und geduldig vor sich hin, wie sie es schon immer tut. Dem Fluss macht es nichts, dass wir seine Wasser rot gefärbt haben, aber wie viele Generationen werden wohl vergehen müssen, bevor die Menschen sich dieses ruhige Gewässer ansehen können ohne an das Grauen erinnert werden, für das wir seinen Namen missbraucht haben?

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion sich wieder zu uns umdreht. Er hat ein Funkeln in den Augen, das irgendwie unheilverkündend ist. Es erinnert mich an Jem, an dem Tag, an dem er uns die Regeln eines neuen Spiels erklärte – das Spiel hieß ‚Hexenverbrennung', Di war die Hexe und der Teil mit der ‚Verbrennung' war durchaus wörtlich gemeint.

Gott sei's gedankt für Susan, kann ich nur sagen.

„Wenn den Damen die Kathedrale zu langweilig ist, was würden sie dann von der Besichtigung eines Schützengrabens halten?", schlägt der Leutnant derweil vor und ich bin mir plötzlich nicht ganz sicher, ob es nicht besser wäre, Susan wäre auch jetzt hier um ein Machtwort zu sprechen.

Ich meine… ein Schützengraben?

„Sag mal, spinnst du, Mann?", raunt Lieutenant Stowe dann auch seinem Beifahrer zu. Der grinst jedoch bloß, offenbar vollkommen unbeeindruckt. Und als ich den Kopf drehe, um Miller anzusehen, trägt ihr Gesicht so gar nicht den missbilligenden Ausdruck, den ich erwartet hätte. Stattdessen sieht sie… interessiert aus?

„Ist das nicht gefährlich?", frage ich zaghaft. Mir scheint, jemand muss das fragen.

Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion macht eine wegwerfende Handbewegung: „Ach was! Nach ganz vorne können wir natürlich nicht, aber einen der alten Gräben können wir euch problemlos zeigen. Die liegen jetzt Meilen hinter der Front! Was soll schon passieren?"

Ich kann im Rückspiegel sehen, wie Lieutenant Stowe die Lippen zusammenpresst, aber er sagt nichts mehr. Ich für meinen Teil bin hin und her gerissen. Natürlich würde es mich interessieren, endlich mit eigenen Augen zu sehen, unter welchen Umständen mein Ehemann und meine Brüder an der Frontlinie leben. So nah wir Krankenschwestern doch an allem dran sind, so sehr ist die Front selbst auch für uns ein schwer zu fassendes Mysterium. Der Gedanke, sie endlich mit eigenen Augen sehen zu können, ist – nun, spannend. Allerdings kann ich mir auch sehr genau vorstellen, was ebendiese Brüder und ebendieser Ehemann dazu sagen würden.

„Na, Blythe?", fragt Miller und ich weiß, dass sie mir damit die Entscheidung überlasst.

Ich hole tief Luft. Neugier und Unsicherheit zerren an mir. Ich würde es gerne sehen, wenn ich ehrlich bin. Ken wäre natürlich furchtbar wütend, dessen bin ich mir schon bewusst, aber… aber auf der anderen Seite hat niemand gesagt, dass unsere Hochzeit ihm das Recht gibt, plötzlich über jeden meiner Schritte zu entscheiden, oder?

Zögernd begegne ich dem herausfordernden Blick von Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion. „Wenn es wirklich nicht gefährlich ist…", bemerke ich langsam und das, dann, entscheidet es.

Lieutenant Stowe wendet ohne ein weiteres Wort den Wagen und als er wieder losfährt, haben wir die Sonne in den Augen. Es geht ostwärts.

Je weiter wir kommen, desto voller wird die Straße. Lastwagen fahren neben Pferdekarren, Ambulanzfahrzeuge überholen schwere Artillerie und zwischendrin marschieren zwei stetige Kolonnen Soldaten. Die, die uns entgegen kommen, sind erschöpft, verdreckt, teilweise verwundet, aber unabhängig von der Richtung teilen sie alle einen gewissen Ausdruck in den Augen. Es ist ein Misstrauen, eine Verschlossenheit, und etwas, das ich als die Art Müdigkeit erkenne, die in den Knochen schmerzt und den Kopf gleichgültig macht.

Manche heben den Blick, als wir vorbeifahren, aber da ist nicht einmal Neugier in ihren Gesichtern zu erkennen. Wir gehören hier nicht hin, Miller und ich, aber die Soldaten scheint unsere Anwesenheit nicht einmal zu wundern. Es ist, als hätten sie so viel gesehen, dass sie nicht einmal mehr das hinterfragen. Es mag Irrsinn sein, zwei Krankenschwestern so nah an der Front, aber mit irrsinnigen Befehlen zu leben haben sie gelernt und um die Nutzlosigkeit, einen solchen Befehl zu hinterfragen, wissen sie Bescheid.

Der Anblick dieser Männer lässt mich mit einem Mal erkennen, was mich an Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion so sehr irritiert. Es ist nicht sein Selbstbewusstsein, nicht sein betont lässiges Auftreten, nicht einmal sein Name, sondern die Tatsache, dass er vermutlich nie gesehen hat, was diese Männer jeden Tag zu Gesicht bekommen. Er gehört zu den Red Tabs, den Offizieren aus dem Hauptquartier, erkennbar an den roten Abzeichen an Mütze und Kragen, und die Wahrheit ist, dass er kaum mehr hierhin gehört als Miller und ich. Er ist einer derjenigen, die Meilen hinter der Front sitzen und Zinnsoldaten auf einer Karte umher schieben.

Ich frage mich, ob er wohl eine Frau hat. Ich frage mich, ob sie sich seiner schämt.

Ein Schatten fällt über mich und als ich den Blick hebe, werde ich mit einem Ungetüm konfrontiert, dass mich unwillkürlich nach Luft schnappen lässt. Sekunden später erkenne ich es als Tank, als Panzer, und atme langsam wieder aus. Aber auch mit diesem Wissen ziehe ich den Kopf ein wenig zwischen die Schultern, als der Panzer neben uns anhält. Eine Blockade weiter vorne auf der Straße zwingt auch uns in den Stand und wie magnetisch wird mein Blick angezogen von dem düsteren Stahlungetüm, das sich nur Zentimeter neben mir auftürmt. Sie sagen, die Panzer haben einen wichtigen Beitrag geleistet in den vergangenen Kämpfen und doch… es gibt vielleicht nichts anderes, was die Zerstörungskraft dieses Krieges so gut symbolisiert wie ein Panzer.

Mein Blick gleitet am Stahlkörper entlang, heftet sich auf die breiten Kettenläufe, ineinander greifende Stahlgelenke, auf denen der Panzer sich fortbewegt und mit dem er alles niederdrückt, was in seinem Weg ist. Da ist Staub an den Kettenläufen und den Seiten des Panzers, festsitzende Erdklumpen und etwas anderes, das ich vielleicht nicht erkannt hätte, wenn ich nicht so schrecklich nah gewesen wäre und gleichzeitig so schrecklich geübt darin, gerade diese eine Substanz zu erkennen, sei sie schockierend rot oder zu braunem Rost getrocknet wie hier.

Es ist Blut. Da ist Blut in den Zwischenräumen der Kettenläufe.

Ich reiße den Blick fort. Ich will nicht, nicht, nicht wissen, wie Blut an diesen Panzers gekommen ist. Ich will es nicht wissen!

Ein Ruck und unser Wagen setzt sich wieder in Bewegung, lässt den Schatten des Panzers hinter uns verschwinden. Ich presse eine Hand gegen die Stirn. Mir ist übel.

Wir gewinnen wieder an Fahrt, aber ich hebe den Kopf nicht mehr. Vor meinen Augen flimmert immer wieder der Panzer auf, so sehr ich das Bild auch wegzuschieben versuche. Ich hätte niemals gedacht, dass der Anblick von Blut mich noch einmal derart schockieren könnte und doch… Ich schlucke trocken.

Einige weitere Minuten fahren wir schweigend dahin, dann verkündet Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion laut: „Villers-Bretonneux." Etwas widerwillig hebe ich den Kopf, erwarte, einen Ort zu sehen – und bekomme sogleich meinen zweiten Schock für diesen Tag.

Das hier ist kein Ort. Das ist ein Trümmerdorf.

Nicht mehr Häuser, sondern Ruinen säumen die breite Straße, die nur notdürftig geräumt ist von Stein und Schutt. Halb eingestürzt sind sie, ohne Dächer, die Fensteröffnungen wie Wunden in eingerissenen Fassaden, die sich uneben und gezackt gegen den Himmel abheben. Durch die Löcher in den Hauswänden kann man Möbel erkennen, Habseligkeiten, die Fetzen von Tapete. Mitten im Ort steht ein kleiner Turm, wie der Krater eines Zahns, und über allem schwebt das, was einmal die Kirche gewesen sein muss. Nicht einmal das Haus Gottes ist sicher vor diesem Krieg.

Wie durch Watte dringt die Stimme unseres langnamigen Begleiters zu mir durch. „Die Deutschen haben hier im Frühling zweimal angegriffen, wollten sich nach Amiens durchkämpfen, aber die Diggers haben sie aufgehalten. Gute Männer, die Diggers, wie eure Kanadoos auch. Kämpfen wie die Teufel. Deswegen mussten wir die kanadischen Soldaten vor der letzten Offensive auch ganz heimlich herbringen. Wenn die Boches mitbekommen hätten, dass wir die Australier und die Kanadier nebeneinander einsetzen, hätten sie sofort Lunte gerochen", erzählt er und lacht.

Hass blubbert in mir hoch wie Galle. Wie kann er lachen im Angesicht dieser Zerstörung? Hier haben einmal Menschen gelebt. Es war ihr Heim und jetzt… Wenn ich mir vorstelle, mein geliebtes Glen könnte irgendwann einmal so aussehen…

„Dort hinten kommen die Gräben, aus denen wir die Offensive vor zwei Wochen begonnen haben", fährt der Leutnant unbeeindruckt munter fort, „sie sind recht hastig errichtet worden, außerdem war das hier bis vor kurzem noch Gebiet der Franzosen, also glauben Sie bitte nicht, alle unsere Grabensysteme sähen so aus. Normalerweise haben wir bis zu drei Gräben hintereinander, verbunden durch Laufgräben, und alles sehr stabil gebaut. Das ist dann deutlich raffinierter, als das, was hier gegraben wurde. Und wir natürlich versuchen wir normalerweise, die Gräben so angenehm wie möglich für die Soldaten zu gestalten. Es gibt dann auch recht gemütliche Unterstände, in denen sie sich zwischendurch erholen können, auch wenn Sie das hier nicht sehen werden."

Unwillkürlich suche ich Millers Blick. Sie runzelt die Stirn und schnalzt leise mit der Zunge. Also bin ich nicht die Einzige, die sich ‚gemütliche Unterstände' und ‚Erholung' an der Frontlinie nur schwerlich vorstellen kann.

Wir haben die letzten Ruinenhäuser von Villers-Bretonneux hinter uns gelassen und Lieutenant Stowe lenkt den Wagen scharf nach rechts. Es ist nicht das schlammige Niemandsland Flanderns, das uns umgibt, aber was einmal eine friedliche Landschaft gewesen sein muss, ist durchzogen von unzähligen Kratern. Wie Pockennarben durchlöchern sie Wiesen und Felder.

„Die Kanadier haben auf dieser Linie hier angegriffen, auf etwa fünf Meilen Breite von Villers-Bretonneux bis Hourges im Süden. Die Australier waren direkt nördlich davon", berichtet Lieutenant Wilmington-Conyers-Trevanion und lässt einen Arm schweifen. Dann stößt er unserem Fahrer kurz in die Rippen. „Halt mal hier an", befiehlt er. Ich glaube, Lieutenant Stowe im Rückspiegel die Augen verdrehen zu sehen, aber er stellt den Wagen wie angewiesen am Rand des Feldwegs ab.

Wir klettern aus dem Wagen, wobei ich die von Lieutenant Stowe angebotene Hand dankbar ergreife und Miller die ausgestreckte Hand unseres anderen Begleiters geflissentlich übersieht. Es ist ruhiger hier, abseits der Hauptstraße, und wir gehen ungehindert einige Meter über das Feld. Dann stoppt Lieutenant Stowe plötzlich und hebt eine Hand, um mich ebenfalls anzuhalten.

Ich hätte den Schützengraben vermutlich nicht erkannt, wenn ich nicht gewusst hätte, dass das hier einer sein muss. Woanders mag es tiefere, stabilere, bessere Schützengräben geben, aber dieser hier erinnert mehr an ein kurzes Stück eines trocken gelegten Bewässerungsgrabens. Ich stehe an seinem Rand, sehe hinab, und bin mir sicher, dass nicht einmal ich dort drinnen aufrecht stehen könnte, so seicht ist er. Die Seiten bestehen aus roher Erde, notdürftig aufgetürmt, der Untergrund ist ebenfalls nicht befestigt, nur halbwegs festgestampft.

Als ich genauer hinsehe, erkenne ich die Überbleibsel von Leben. Eine roh gezimmerte Leiter am Grabenrand. Ein in einer Ecke vergessener Metallnapf. Ein Stofffetzen, flatternd im Wind. Sogar ein Stapel Munitionshülsen, aufgetürmt und umgestoßen. Aus einem kleinen Erdhaufen nicht weit entfernt ragt ein Schuh heraus. Ich wage mich nicht zu fragen, ob der Fuß noch darin steckt.

„Sehen Sie den Unterstand dort drüben?", fragt Lieutenant Stowe gedämpft und streckt die Hand aus. Ich folge ihm mit meinem Blick und doch muss ich zweimal hinsehen, bis ich erkenne, was er meint. Ein in die Seite des Grabens gebuddeltes Loch, kaum einen Meter hoch, nicht mehr als zwei Meter tief, mit einer dünnen Platte als Dach, um den Erdwall darüber abzuhalten. Ich würde dort kein Tier unterstellen, von einem Menschen ganz zu schweigen und doch muss es für die Soldaten der einzige Schlafplatz sein, den sie haben.

Der Gedanke allein, tagelang in diesen unzureichenden Löchern hausen zu müssen, unter Beschuss, der Feind nur wenige Dutzend Meter entfernt, den Tod im Nacken… Zitternd ziehe ich einen Atemzug ein.

„Die Boches hatten dort drüben ihre Stellungen", fügt Leutant Stowe leise hinzu und nickt hinüber zu einer Stelle auf der anderen Seite des Feldes. Ich löse den Blick vom Graben, sehe hinüber. Es kommt mit nicht annähernd weit genug entfernt vor.

Ich wende mich wieder dem Graben zu und mit einem Mal ist mir, als könnte ich dort schattenhafte Gestalten sehen. Männer in Uniform, die Gesichter dreckig, die Augen müde. Manche sitzen gegen den Grabenrand gelehnt, dösend oder blicklos nach vorn starrend. Andere huschen geduckt umher, den Kopf tief nach vorne gebeugt. Mit rauen, geisterhaften Stimmen rufen sie sich gedämpfte Befehle zu, durch die ferne Explosionen und das Stakkato von Schüssen hindurch. Als einer der Schemen plötzlich den Kopf hebt, meine ich, sein Gesicht zu kennen, aber da kommt ein Windstoß auf und verweht die Gestalten so schnell wie sie erschienen ist. Der Graben ist wieder leer.

Unwillkürlich fröstele ich.

Die Wahrheit ist, ich hatte mit eingebildet, zu wissen, wie es den Soldaten an der Front geht. Ich dachte, ich wüsste über ihr Leben Bescheid, weil ich ihre Wunden versorgt und ihren Geschichten gelauscht habe und weil ich annahm, meine Vorstellungskraft würde ausreichen, mir ihre Wahrheit ausmalen zu können.

Ich hatte keine Ahnung.


Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „Greensleeves" aus dem 16. Jahrhundert entnommen, erstmals veröffentlich im Jahr 1580 (Autor unbekannt).