I slayed a man (who took a chance)
Irgendwann musste Rilla eingeschlafen sein, aber sie schlief unruhig und schlecht. Mehrfach wachte sie auf, lag dann still in der Dunkelheit und versuchte, an gar nichts zu denken, bis der Schlaf sich wieder über sie legte.
Es war während einer dieser wachen Momente, als sie ein leises Geräusch hörte. Sie spitzte die Ohren, lauschte nach draußen, aber von dort waren nur das Rauschen des Meeres und des Windes zu hören. Sie wollte es gerade aufgeben, sich die Decke über den Kopf ziehen und darauf warten, dass der Schlaf endlich zurückkehrte, als sie wieder ein Geräusch hörte. Dieses Mal war klar zu erkennen, dass es von innerhalb des Hauses kam.
Genau was sie veranlasste, aufzustehen, um den Grund des Geräusches zu erörtern, wusste sie nicht. Aber anstatt sich im Bett wieder umzudrehen, schlug sie die Decke zurück, stellte die Füße auf den Holzboden und griff nach ihrem Morgenmantel – der streng genommen eigentlich Leslies Morgenmantel war, den diese ihr für ihre erste Nacht gegeben hatte und der so viel hübscher war, als alles, was Rilla selbst besessen hätte. Da Leslie ihn nie zurückgefordert hatte, hatte sie ihn behalten.
Im Gehen band sie den Kimono zu, öffnete dann leise die Tür und schob den Kopf in den Flur. Dort war es dunkel, nur durch das kleine Fenster über der Treppe fiel schwaches Mondlicht. Es war auch vollkommen still und beinahe hätte Rilla den Kopf wieder zurückgezogen und wäre ins Bett gegangen, aber da hörte sie wieder etwas.
Es kam aus Kens Zimmer.
Er schlief grundsätzliche bei offener Tür und offenem Fenster. Nun wusste Rilla nicht, ob er das vielleicht nicht schon sein ganzes Leben so gehandhabt hatte, aber sie hatte doch die leise Vermutung, dass die Monate in Gefangenschaft, über die er ansonsten nie ein Wort verlor, sich hier bemerkbar machten.
Sie zog den Morgenmantel etwas enger um sich, stieß die Tür weiter auf und trat in den Flur hinaus. Sie fröstelte. Es mochte Frühling sein, aber die Nächte wurden jetzt, im April, doch immer noch ziemlich kalt auf ihrer Insel und wegen des offenen Fensters zog die Kälte aus Kens Zimmer ungehindert zu ihr hinüber.
Leise schlich Rilla sich über den Flur hinüber zu der angelehnten Tür, die Kens – oder eigentlich ja Persis' – Zimmer verbarg. Sie gab dem Türblatt einen vorsichtigen Stups und war dankbar, dass die Tür nicht quietschte, sondern ohne einen Ton von sich zu geben weiter aufschwang. Anstatt sofort hereinzugehen, blieb Rilla einen Moment stehen und sah in das Zimmer hinein.
Die Vorhänge waren nicht vorgezogen, so dass durch das große Fenster reichlich Mondlicht hineinfiel. Da sie aus dem dämmrigen Flur kam, hatte Rilla keine Schwierigkeiten, die Konturen der Möbel auszumachen und zuzuordnen. Ihr Blick wurde jedoch sofort in die Ecke gezogen, in der sie das Bett wusste.
Den Spitzenhimmel, den Persis ein halbes Jahr zuvor in ihrem Frust heruntergerissen und den Owen wenig später wieder aufgehängt hatte, hatte Ken erneut abgenommen, bevor er das Zimmer bezogen hatte. Rilla konnte also ungehindert auf das Bett sehen und spätestens jetzt war ihr klar, was sie gehört hatte.
Ken schlief, aber es war kein ruhiger Schlaf.
Er warf sich auf dem Bett hin und her, die Decke zu einem nutzlosen Knäuel um seine Beine geschlungen. Sein Atem ging laut und stoßweise, fast keuchend. Zudem gab er im Schlaf Geräusche von sich, leises Stöhnen und abgehacktes Gemurmel, dessen Worte Rilla jedoch nicht genau auszumachen vermochte.
Vorsichtig trat sie einige weitere Schritte in das Zimmer hinein. Sie stand jetzt nur noch ein kleines Stück vom Bett entfernt und sah, dass Ken trotz der Kälte im Zimmer schwitzte. Das Oberteil seines Pyjamas war am Halsansatz feucht und verknittert. Auch auf seiner Stirn standen Schweißperlen. Es war Rilla, als könnte sie unter seinen Lidern die gehetzten Bewegungen der Augen sehen.
Einige Sekunden lang blieb sie wie erstarrt neben dem Bett stehen. Hilflos fragte sie sich, was sie tun sollte. Sie brachte es nicht über das Herz, sich einfach umzudrehen und wieder in ihr Bett zu gehen, wo er doch offenbar schlimmste Alpträume – oder Erinnerungen? – durchlitt. Aber sie wusste auch nicht, ob es ihm nicht unangenehm sein würde, wenn er wüsste, dass sie ihn so gesehen hatte. Vielleicht würde er wütend sein, weil sie ihn in einer so privaten Situation beobachtet hatte?
Sie war noch zu keiner Entscheidung gekommen, als Ken plötzlich begann, mit den Armen um sich zu schlagen. Rasch trat Rilla einen Schritt zurück, um nicht getroffen zu werden. Sein Gemurmelt steigerte sich zu heiserem Flüstern, aber die Worte blieben unzusammenhängend „nein… nicht… lauf weg…".
Dann schrie er.
Ohne weiter darüber nachzudenken, machte Rilla die letzten paar Schritte zum Bett. Sie legte die Hände auf seine Schultern und schüttelte ihn leicht. Da er immer noch um sich schlug, erwischte seine rechte Hand sie an der Wange. Sie zuckte, ließ ihn aber nicht los.
„Ken", flüsterte sie eindringlich, „Ken, wach auf! Du musst aufwachen! Es ist nur ein Traum…"
War es das wirklich nur?
Er schien tief im Schlaf versunken, denn zunächst verliefen Rillas Weckversuche folgenlos. Sein Alptraum schien sich sogar noch zu vertiefen und sie wusste sich schließlich nicht mehr anders zu helfen, als ihm mit der Hand einen leichten Schlag ins Gesicht zu geben. Keine richtige Ohrfeige, aber doch fest genug, dass er es spüren musste.
Abrupt riss Ken die Augen auf.
Zuerst schien er nicht zu wissen, wo er war. Seine Augen bewegten sich ziellos, blicklos durch die Dunkelheit. Mehr aus Zufall fiel sein Blick auf Rillas Gesicht, verweilte dort jedoch nicht, sondern wanderte weiter – und zuckte dann plötzlich zurück.
„Rilla", murmelte er. Seine Stimme war heiser, ob vom Schlaf oder vom Schreien wusste Rilla nicht.
„Ich bin hier", erwiderte sie und versuchte, beruhigend zu klingen, „du hast geträumt."
Sein Gesicht verzerrte sich – ein Grinsen und doch wieder keins. „Kein Traum", entgegnete er und sein Blick kehrte sich nach innen.
Also eine Erinnerung.
Nervös leckte Rilla sich die trocken gewordenen Lippen. „Möchtest du…", begann sie, aber ihre Stimme war so leise, dass sie sich räuspern und erneut anfangen musste, „möchtest du mir davon erzählen?"
Kens Augen suchten ihre und sie konnte geradezu sehen, wie er den Schlaf abschüttelte. Umständlich, steif, richtete er sich auf, vermutlich, weil er nicht länger zu ihr hochsehen wollte.
„Ganz sicher nicht", antwortete er dann, sehr entschieden, fast endgültig. Seine Mimik drückte Ablehnung aus. Sie kannte das, denn ungefähr so sah er sie an, wenn er eine seiner Stimmung hatte und wollte, dass sie ihn in Ruhe ließ.
Bisher hatte sie das respektiert, hatte sich zurückgezogen, aber als sie ihn jetzt betrachtete – blass, verschwitzt, dunkle Schatten im Gesicht und Horror in den Augen – wusste sie, dass sie nicht so einfach würde gehen können. Also verschränkte sie die Arme vor der Brust, schob das Kinn vor und fragte schlicht: „Warum?"
„Wie, ‚warum'?", seine Stimme war ungehalten, „wenn ich es dir nicht erzählen will, muss ich das nicht rechtfertigen."
„Nein, vermutlich nicht", entgegnete Rilla und bemühte sich, sachlich und ruhig zu klingen, „und dennoch bitte ich dich, es mir zu sagen. Warum möchtest du es mir nicht erzählen?"
Sein Blick streifte sie. Zwischen seinen Augenbrauen stand eine steile Falte. „Ich wüsste nicht, was das bringen sollte", brachte er durch zusammengebissene Zähne hervor.
Rilla holte tief Luft, um sich zu beruhigen. „Vielleicht würde es helfen. Mit Jem hast du auch geredet. Ich habe euch gehört", erinnerte sie.
„Jem ist etwas anderes", wiegelte Ken sofort ab.
„Warum?", wollte Rilla erneut wissen und der Blick, mit dem er sie bedachte, sagte ihr, dass ihm ihr wiederholter Gebrauch des Wortes nicht gerade zusagte.
Geräuschvoll stieß Ken einen Atemzug aus, bevor er antwortete: „Alles, was ich ihm erzählen könnte, weiß Jem schon. Er hat es selbst erlebt. Du dagegen…" Er brach ab und Rilla erkannte ihre Chance.
„Möglicherweise macht mich das zu einer noch besseren Zuhörerin", wandte sie ein, „ich bin unbeteiligt und ich habe keine eigenen Erinnerungen, die hervorbrechen könnten. Ich kann einfach nur, naja – zuhören."
Abrupt drehte Ken sich zu ihr um. „Du verstehst es nicht, oder?", fragte er gepresst, „ich kann es dir nicht erzählen, gerade weil du es nicht erlebt hast."
Unwillkürlich wich Rilla unter seinem Blick ein wenig zurück. Dann schalt sie sich selbst für ihre Reaktion und beugte sich wieder nach vorne. Das Kinn vorgeschoben und die Augen blitzend begegnete sie seinen Augen.
„Nein, das verstehe ich in der Tat nicht", gab sie zurück.
Für einige Sekunden sagen sie einander an. Es war Ken, der sich zuerst abwandte.
„Ich würde alles dafür geben, diese Erinnerungen aus meinem Kopf verbannen zu können", erklärte er und seine Stimme klang gar nicht mehr wütend, viel mehr resigniert, „wie könnte ich es da zulassen, dass sie in deinen Kopf gelangen?"
Einem Impuls folgend, streckte Rilla sich und legte eine Hand auf seine. „Das ist doch der Punkt. Für mich können es keine Erinnerungen sein. Ich kann es mir vorstellen, das ja, und das wird bestimmt schrecklich genug sein, aber nichts, was ich mir vorstellen kann, wird jemals so schlimm sein wie das was ihr erlebt habt", erklärte sie leise und sah ihn bittend an, „ich möchte dich nicht drängen, wenn du wirklich nicht willst. Aber ich würde – ich würde gerne für dich da sein. Auch wenn ich nicht weiß, ob es helfen wird."
Ken hatte sich wieder zu ihr umgedreht. Sekundenlang tasteten seine Augen ihr Gesicht ab, suchend, prüfend. Dann schien er zu einer Erkenntnis gekommen zu sein. Sein Blick verließ sie.
„Deine Hand ist ganz kalt. Du frierst bestimmt", stellt er fest, während er die kalte Hand mit seiner warmen umschloss. Ohne weitere Vorrede langte er mit der freien Hand nach unten, griff nach der Decke und schlug sie zweimal kräftig aus, bis sie sich entwirrt hatte. Dann hob er sie für Rilla an.
Sie zögerte.
Sie hatten kein Bett miteinander geteilt seit der Nacht in Quebec und der Gedanke, sich jetzt zu ihm zu legen, trieb ihr die Röte ins Gesicht und die Angst in die Glieder. Also verharrte sie, hin und her gerissen, und unfähig, etwas zu tun.
Ken entging das nicht. „Keine Sorge. So meinte ich das nicht", beruhigte er, „aber ich kenne mich – morgen früh werde ich das wieder rational betrachten und dir gar nichts mehr erzählen wollen. Nicht, dass dir das etwas bedeuten muss. Du kannst auch einfach wieder in dein Bett zurückgehen und wir vergessen das hier."
Und damit war es entschieden. Rilla schüttelte entschlossen den Kopf. „Ich bleibe", verkündete sie mir mehr Mut als sie eigentlich empfand. Dann löste sie das Band ihres Kimonos, ließ ihn von den Schultern auf den Boden gleiten und krabbelte unter die Decke, die er immer noch für sich hochhielt.
Sie bewegten sich ungeschickt und es dauerte einen Moment, bis sie eine Position gefunden hatten, in der beide halbwegs bequem liegen konnten. Am Ende lag Ken auf dem Rücken, hatte den rechten Arm lose um Rilla gelegt. Sie wiederum fand sich auf ihrer linken Seite wieder, wobei seine Brust ihr als Kopfkissen diente. Die ersten Minuten war sie stocksteif, das wusste sie selbst, und sie fühlte ihr Herz in ihrem Hals klopfen. Dann jedoch, ganz langsam, während sie seinem Herzschlag lauschte und seine Fingerspitzen fühlte, die federleicht über ihren Arm strichen, entspannte sie sich.
„Ich träume jede Nacht", begann Ken irgendwann leise, „manchmal ist es schlimmer und manchmal nicht ganz so schlimm, aber die Träume kommen jedes Mal, darauf ist Verlass. Heute war es schlimmer als sonst – vielleicht hat mein Gespräch mit Jem etwas an die Oberfläche geholt, aber eigentlich weiß es nicht."
Er verstummte und Rilla drehte vorsichtig den Kopf, um ihn anzusehen. Sein Blick war zur Decke gerichtet. „Wovon träumst du?", fragte sie, als er keine Anstalten machte, weiterzureden.
Ken seufzte leise. Sie spürte es mehr, als dass sie es hörte. „Von den Toten", antwortete er nach einer kurzen Pause, „denen, die ich nicht retten konnte. Und denen, dich ich getötet habe."
Es hätte sie nicht überraschen sollen, das war Rilla klar. Sie wusste ja, was im Krieg geschah und sie wusste, dass Soldaten töteten – töten mussten. Aber das Geständnis, so klar, so schlicht, traf sie unvorbereitet.
Er musste gespürt haben, wie sie sich plötzlich anspannte, denn Ken lachte, leise, freudlos. „Ja, Rilla, ich habe Menschen getötet", bemerkte er mit einer Sachlichkeit, die sie frösteln ließ, „das haben wir alle. Ich, Jem, Jerry, Carl, vermutlich sogar Shirley. Walter nicht, da war er klüger als wir. Aber ich habe mehr als ein Leben ausgelöscht und eins weiß ich ganz genau – meine Toten, sie werden mich nicht mehr ruhen lassen, bis ich selbst im Grab bin."
Für einen Moment bereute Rilla es, dass sie ihn gebeten hatte, sie ins Vertrauen zu ziehen. Aber dann ärgerte sie sich über sich selbst. Wenn er es aushalten konnte, es zu erleben – wieder und wieder und wieder – dann würde sie es aushalten, wenn er es ihr erzählte. Also holte sie tief Luft und bat: „Erzähl es mir."
Also tat er es.
„Ich hatte die Hoffnung, ich könnte sie abschütteln. Dass sie in Europa bleiben würden, auf den Schlachtfeldern, wo sie hingehören. Aber das war naiv. Ich habe sie mitgebracht, bis hierhin, und wenn ich schlafe, kommen sie mich besuchen", erzählte er leise, die Stimme klar, aber angespannt, „ich nenne sie ‚meine Tote', aber es sind nicht nur die, dich selbst getötet habe, sondern auch die, deren Tod ich nicht verhindert habe. Männer aus meiner Einheit, für die ich verantwortlich war und die ich nicht beschützt habe. Was fast so schlimm ist, als hätte ich sie selbst umgebracht. Ich habe versagt und sie sind tot und das macht es zu meiner Schuld."
Gerne hätte Rilla ihm widersprochen, weil sie es unerträglich fand, ihn zu reden zu hören, aber sie hielt sich zurück. Zum einen wollte sie ihn nicht unterbrechen und zum anderen – was wusste sie schon über Schuld? Und über das Töten?
„Nachts kommen sie, nicht alle zusammen, sondern einer nach dem anderen. Manche häufiger, manche nur sehr selten, aber sie haben mich alle schon besucht. Und wenn sie es tun, träume ich von ihnen und davon, wie sie gestorben sind", fuhr Ken fort. Seine Stimme war jetzt gefasst, sein Ton ruhig und es hätte beinahe beruhigend sein können, ihm zu lauschen, wenn der Inhalt seiner Worte nicht so schrecklich gewesen wäre.
„Wer war – wer war heute da?", fragte Rilla und konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme ein wenig zitterte. Es ärgerte sie, zumal als sie spürte, wie sich ein Arm fester um sie schloss. Sollte sie nicht ihm beistehen, anstatt umgekehrt?
„Ich kenne seinen Namen nicht", erwiderte Ken, „ein deutscher Soldat, ein Junge. Ich glaube nicht, dass er seinen zwanzigsten Geburtstag schon gefeiert hatte und er wird ihn auch nie erleben. Ich habe ihn vorher erschossen."
Rilla blieb still, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte und sowieso ihrer Stimme nicht mehr traute. Also streckte sie nur ihre Hand aus, griff nach seiner linken und drückte sie kurz. Augenblicklich erwiderte Ken den Druck.
„Wir waren auf einen Grabenüberfall. ‚Trench raiding' nannten wir das", erklärte er dann, „dabei überfällt eine kleine Gruppe Soldaten in der Nacht einen gegnerischen Grabenabschnitt und richtet so viel Zerstörung an wie möglich. Es geht dabei nicht um Geländegewinne, denn man zieht sich nachher schnellstmöglich wieder zurück. Ziel ist neben dem Töten von gegnerischen Soldaten und der Vernichtung ihrer Waffen und Ressourcen das Sammeln von Informationen, zum Beispiel zur Vorbereitung eines größeren Angriffs. Und es soll die Moral des Gegners schwächen, ihn unter Druck setzen und ihm Angst machen – wie kleine Nadelstiche, die dennoch große Wirkung haben können."
Kurz nickte Rilla, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte, was ein Grabenüberfall war, auch wenn sie es sich ehrlicherweise kaum ausmalen konnte.
Ken redete bereits weiter: „Wir hatten den Graben der Boche noch nicht erreicht, da stolpern wir über ihn. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn er hatte sich in einen flachen Granatentrichter gepresst. Vermutlich war er selbst Teil einer Überfallgruppe oder aber er hat im Niemandsland nach Verletzten gesucht, in jedem Fall ist er von seine Einheit getrennt worden. Er hatte ein rundes Mondgesicht – ich sehe es immer noch vor mir – und vermutlich haben wir ihn deswegen zuerst gesehen, denn wir hatten unsere Gesichter mit verbranntem Kork geschwärzt. Das verringert zumindest das Risiko, von einem Scharfschützen gesehen zu werden, auch wenn man es nie ganz verhindern kann."
Rilla fragte sich plötzlich, wie es wohl sein mochte, in der Nacht herumzuschleichen, mit geschwärztem Gesicht, das Ziel, so viele Gegner wie möglich zu töten. Und immer mit der Gewissheit, dass man umgekehrt ebenfalls jederzeit würde sterben können. Sie konnte es sich nicht einmal vorstellen.
„O'Shaughnessy hat ihn mit vorgehaltener Waffe herausgetrieben aus seinem Trichter und ihn entwaffnet", fuhr Ken währenddessen fort, „armer Teufel war völlig verängstigt. Hat die Hände erst runtergenommen als Atkins sie ihm auf den Rücken gezogen hat. Und die ganze Zeit hat er auf Deutsch vor sich hingebrabbelt: ‚Bitte, bitte. Nicht töten.' So weit reichen meine Deutschkenntnisse dann auch noch. Und die Wahrheit ist – ich hätte ihn töten sollen. Müssen, eigentlich. Aber es benötigt eine Kaltblütigkeit, einem Mann ins Gesicht zu sehen und ihn zu erschießen, die ich nicht hatte. Damals nicht, zumindest. Umso mehr, da das hier doch eigentlich erst ein Junge war. Sein Gesicht war glatt wie ein Pfirsich."
Ken brach ab, schien sich in seiner Erinnerung zu verlieren, bis Rilla zaghaft fragte: „Was habt ihr mit ihm gemacht?"
„Wie gesagt: ich hätte ihn sofort töten müssen", antwortete Ken, „oder ihn gefangen nehmen und zu unseren Linien zurückbringen. Aber das hätte bedeutet, den Überfall entweder abzubrechen oder meine Männer aufzuteilen. Zwei mit dem Gefangenen zurück, der Rest weiter zu den deutschen Gräben. Und dann wäre die Gruppe für einen vernünftigen Überfall gefährlich klein gewesen. Also war auch das keine Option. Und so habe ich mich einwickeln lassen, von seinem Gebrabbel und seinem Jungengesicht. Jacobs spricht etwas Deutsch – oder sprach, er ist zwei Monate später gefallen – und ich dem Jungen durch ihn mitteilen lassen, dass wir ihn nicht töten werden, wenn er sich ruhig verhält und hier auf unsere Rückkehr wartet, damit wir ihn mitnehmen können. Was ein Fehler war."
„Was ist passiert?", flüsterte Rilla. Zu mehr schien ihre Stimme nicht mehr in der Lage zu sein.
Ken lachte bitter: „Kaum waren wir zehn Meter weiter vorangekommen, springt der kleine Bastard plötzlich auf und rennt laut rufend an uns vorbei. Ich habe keine Ahnung, was er gerufen hat, aber es war klar, dass er die anderen Deutschen auf uns aufmerksam machen wollte. Er hatte ja auch nichts mehr zu befürchten. Unsere Leute wussten ja, dass wir da draußen rumlaufen und konnten deswegen nicht schießen. Also rennt er auf seinen Graben zu und mir ist klar, sobald er ihn erreicht hat, werden sie uns mit Kugeln durchsieben. Also habe ich meinen Männern befohlen, Schutz zu suchen – und dann habe ich auf ihn auf geschossen."
Rilla schluckte. „Und dann war er tot?", fragte sie tonlos.
„Nein, interessanterweise noch nicht, auch wenn ich das zuerst nicht wusste", erwiderte Ken, „ich habe ihn fallen sehen und bin dann selbst so schnell wie möglich in den Granattrichter zu meinen Männern. Die Boche haben natürlich ein Inferno entfesselt. Haben mindestens eine Stunde lang blind ins Niemandsland gefeuert, in der Hoffnung, uns zu treffen. Wir saßen im Trichter und konnten nur warten und hoffen, dass sie nicht rauskommen und uns eine kleine Granate zuwerfen. Wir waren leichte Beute was das angeht. Aber sie haben sich mit der Schießerei begnügt und als irgendwann müde würden es wieder ruhiger war, habe ich ihn gehört."
„Den deutschen Soldaten?", hakte Rilla nach und drehte den Kopf, um ihn ansehen zu können.
Ken nickte. „Ich hatte ihn erwischt, aber nicht getötet. Er hat gestöhnt, gebettelt, geschrien… hast du jemals einem Menschen beim Sterben zugehört? Es gibt nichts, was sich so anhört. Und wir sitzen da in diesem Granattrichter, können nicht weg, und müssen ihm zuhören. Und die ganze Zeit hoffe ich, dass sie ihn holen werden, oder doch zumindest zum Schweigen bringen, aber kein Glück. Er jammert und schreit weiter, stundenlang. Und niemand hat etwas getan", jetzt, zum ersten Mal seit Beginn der Erzählung, hörte Rilla wie seine Stimme sich verfing, stockte.
Sie warf einen erneuten Blick nach oben und stellte fest, dass sein Kiefer mahlte. Die Hand, die eben noch ihren Arm gestreichelt hatte, ballte sich plötzlich zur Faust.
„Nach weiteren zwei Stunden sehe ich hinter den Deutschen langsam die Dämmerung aufziehen", fuhr Ken fort, die Stimme gepresst, „und sobald es hell ist, kannst du dich im Niemandsland nicht mehr bewegen. Das wäre Selbstmord. Also gehe ich das Risiko ein, schicke meine Männer zurück. Ich hätte mit ihnen gehen müssen, denn ich war für sie verantwortlich, aber… ich kriege das Jammern des Jungen nicht aus dem Kopf. Ich hatte das gemacht. Also lasse ich die Männer gehen, warte, bis die Dunkelheit sie verschluckt hat – und dann bin ich den Jungen suchen gegangen."
„Aber das war doch gefährlich!", rief Rilla aus, bevor sie sich stoppen konnte.
Ken zuckte mit den Schultern. „Ja, das war es. Und dumm obendrein", stimmte er zu, „aber da draußen – man ist nicht immer rational, wenn man es sein sollte. Also habe ich ihn gesucht. War auch nicht schwer, bei dem Lärm, den er veranstaltet hat. Er lag auf der Seite, die Arme um seinen Bauch geschlungen. Da hatte ich ihn erwischt. Bauchdurchschuss – das überlebt man nicht. Nicht einmal dann, wenn es sofort behandelt wird. Ich bin neben ihm stehen geblieben, und als er mich sieht, mich erkennt, ist da nackte Panik in seinen Augen. Er hat noch versucht, vor mir weg zu krabbeln, aber nicht mal das hat er mehr geschafft. Also ist er liegen geblieben, hat mich angesehen und wieder dieses Wort: ‚Bitte'."
Er brach ab, zog zitternd die Luft ein und schwieg. „Was hast du gemacht?", fragte Rilla zaghaft.
„Ich habe ihn erlöst – will sagen: erschossen", antwortet Ken und jetzt zittert auch seine Stimme, „es war schon fast hell, sie konnten ihn also nicht mehr holen. Und bis zur nächsten Nacht hätte er nicht mehr überlebt. Er wäre irgendwann verreckt – verblutet – alleine, mitten im Niemandsland. Und bevor er gestorben wäre, hätte er die Krähen beobachten können, die um jeden Sterbenden gekreist sind und gewartet haben, bis er endlich stirbt. Außer dann, wenn sie nicht mal mehr gewartet haben. Respektlose Biester."
Seine Stimme brach.
Rilla richtete sich auf, um ihn anzusehen. Er hatte das Gesicht zur Seite gewandt, aber sie sah, dass es merkwürdig verzerrt war. Es brauchte einen Moment, bis sie erkannte, dass er weinte.
„Ich habe die Krähen von ihm weg gehalten", flüsterte er, so leise jetzt, dass sie ihn kaum verstehen konnte, „ich konnte ja nicht mehr zurück. Es war zu hell und der Schuss hat sie auf mich aufmerksam gemacht. Also bin ich zu ihm in den Trichter und bin bei ihm geblieben, bis zur Nacht. Und ich habe die Krähen davon abgehalten, ihm die Augen auszupieken. Das machen sie nämlich besonders gern, die Mistviecher. Ich möchte glauben, dass sie ihn in der nächsten Nacht geholt haben, dass die Krähen ihn nicht gekriegt haben, aber…"
Ein Schluchzen, irgendwo tief aus seiner Kehle, verhinderte, dass er weiterreden konnte. „Oh, Ken", wisperte Rilla, die keine Worte für das hier hatte, und blinzelte ihre eigenen Tränen weg. Es stand ihr nicht zu, jetzt zu weinen.
„Er war mein erster Toter", murmelte Ken noch, bevor er endgültig nicht mehr sprechen konnte.
Und jetzt war es Rilla, die ihre Arme um ihn legte, ihn so fest hielt, wie sie nur konnte, während er sein Gesicht an ihrem Hals barg und sie spürte, wie seine Tränen ihr Nachthemd durchnässten. So blieben sie liegen, bis irgendwann keine neuen Tränen mehr kommen wollten. Aber erst, als die Sonne schon ihre ersten Strahlen über den Horizont schob, wurde Ken, unendlich erschöpft, endlich wieder vom Schlaf übermannt.
Rilla, viel zu aufgewühlt zum Schlafen, blieb wach, betrachtete sein Gesicht. Er schien jetzt ruhiger zu sein und wirkte im Schlaf beinahe unschuldig – jünger als er war oder, vielleicht, ausnahmsweise bloß einmal nicht älter. Und während sie über seinen Schlaf wachte, fragte Rilla sich, wie viele Tote auf diesen ersten wohl noch gefolgt waren.
Sie hatte fast Angst davor, die Antwort zu erfahren.
Der Titel ist dem Lied „The power of one" der Band Sonata Arctica entnommen.
