Kapitel 51
~ Diskussionen ~
Es war gegen halb neun, als Amanda nach Hause kam und eine Eule auf sie wartete. Verwundert nahm sie ihr den Brief ab und las was darin stand. Severus' Worte wurden bei seinem Postscriptum sofort unwichtig. David war verletzt und es war etwas Schlimmes! Sofort zog Amanda ihren Umhang wieder über und machte sich auf den Weg nach Hogwarts.
Der Weg von Hogsmeade schien ihr viel länger als sonst, aber immerhin war der Krankenflügel ja schon im ersten Stockwerk.
Amanda unterhielt sich kurz mit Madame Pomfrey, die ihr erzählte, dass David wohl eine Treppe heruntergefallen war und er neben einigen Prellungen, einen verstauchten Arm und vor allem einen Schädelbasisbruch hatte, der aber schon behandelt worden war.
„Er wird auch eine Gehirnerschütterung haben und einige Tage hier bleiben müssen", schloss sie ihren Bericht. Amanda nickte. „Vielen Dank. Wissen sie, ob meine Eltern schon informiert sind?"
„Soweit ich weiß, wollte Professor Snape gleich den Schulleiter informieren. Ich denke also schon." Snape? Amanda sah die Schulheilerin überrascht an, sagte aber nichts zu diesem Thema. „Das ist gut. Darf ich meinen Bruder sehen?"
Madame Pomfrey zögerte einen Moment. „Er ist noch nicht wieder bei Bewusstsein und er braucht wirklich Ruhe jetzt."
„Bitte, ich werde ihn auch sicher nicht stören. Ich möchte nur, dass jemand bei ihm ist, wenn er aufwacht."
„Na gut, aber sie dürfen ihn nicht aufregen."
Amanda versprach es und wurde dann zu Davids Bett gebracht. Sie erschrak etwas, denn ihr Bruder sah schlimmer aus, als sie sich vorgestellt hatte. Mit dicken Verbänden um den Kopf und den Arm, lag er regungslos in seinem weißen Krankenbett. Leise seufzte sie und setzte sich auf einen Stuhl neben seinem Bett. Wie das nur passiert war?
Snape saß in seinem Büro und arbeitete, als plötzlich Madam Pomfreys Kopf im Kamin erschien und ihn fragte, ob er noch einen Vorrat eines bestimmten Trankes in seinen Kerkern hätte. Der Tränkelehrer bejahte, wenn auch etwas ungehalten und sagte ihr, er würde den Rest in der nächsten halben Stunde hochbringen.
Also korrigierte Snape noch seinen gerade angefangenen Schüleraufsatz fertig, holte die Tränke und machte sich anschließend ein weiteres Mal auf den Weg in den Krankenflügel.
Amanda sah David an und seufzte leise. Es war schon komisch, dass er noch immer nicht aufgewacht war. Plötzlich hörte sie, wie jemand mit Madam Pomfrey redete und diese Stimme kam ihr sehr bekannt vor.
Es dauerte nicht lange, bis Mrs. Brown den Krankenraum betrat und sich zu Amanda und David gesellte. „Hallo", sagte sie ruhig und sah dann ihren Sohn an. „Hach, David sieht ja schlimm aus. Hoffentlich wird er auch wieder gesund." Amanda sah ihre Mutter an. Eigentlich wäre es ihr lieber gewesen, wenn ihr Vater gekommen wäre. „Ich denke schon, Mama."
„Ja, dass dein Vater nicht da ist, ist ja mal wieder typisch. Seine Arbeit... immer seine Arbeit."
„Das gehört doch nun wirklich nicht hier her und sei bitte etwas leiser, sonst weckst du noch die anderen Kinder auf."
„Doch Amanda, das gehört genau hierher...", begann Mrs. Brown und machte auch in dieser Art die nächsten zehn Minuten so weiter, bis Amanda der Geduldsfaden riss. „Mama, es reicht wirklich! David ist krank, das ist wichtig und nicht deine Fehde mit Dad."
„Das ist natürlich wichtig...", wollte sie erneut anfangen. Amanda reichte es. Sie brauchte dringend etwas Abstand. Also stand sie auf und machte sich auf den Weg Richtung Tür. Unfassbar, dass ihre Mutter sie immer wieder so schnell auf die Palme brachte! Als Amanda zu Madame Pomfreys Zimmer kam, stand plötzlich Snape vor ihr. „Oh, hallo..."
Der sah sich um, als er angesprochen wurde. „Hallo", entgegnete er ruhig und beiläufig.
„War das dann alles, Poppy?"
Amanda schob sich an den beiden vorbei und ging nach draußen auf den Flur.
Madame Pomfrey nickte. „Ja, vielen Dank, Professor Snape." „Gut", antwortete Snape lediglich noch und verließ daraufhin auch den Krankenflügel. Draußen traf er erneut auf Amanda.
Amanda drehte sich zu Severus um, als sie seine Schritte hörte. „Danke, dass du dich um David gekümmert hast."
„Ich habe ihn nur in den Krankenflügel gebracht, nichts weiter."
„Ja trotzdem..." Amanda zögerte kurz, bevor sie weiter sprach. „Alles Gute zum Geburtstag noch mal."
„Danke." Snape überlegte kurz. Eigentlich wollte er sich hier auf dem Gang nicht länger mit Amanda unterhalten. Es konnte jederzeit jemand vorbeikommen und er wollte vor allem bei seinen Schülern nicht den Eindruck erwecken, als pflege er engeren Kontakt zu ihr. „Ich muss zurück in mein Büro. Du kannst mit, wenn du willst. Dort liegt auch dein Buch", fügte er schließlich noch ruhig und ein wenig reserviert hinzu.
„Amanda", rief Mrs. Brown nach ihrer Tochter und betrat gleich danach den Flur.
„Oh nein", murmelte Amanda leise und drehte sich dann zu ihrer Mutter um. „Ach da bist du ja, ich habe schon gedacht du bist ganz verschwunden."
„Nein, ich komme gleich. Geh doch schon mal wieder zu David." Doch Mrs. Brown sah Snape und war interessiert mit wem ihre Tochter sich da so unterhielt. „Gleich, gleich Amanda. Willst du mich nicht vorstellen?"
Nein, eigentlich wollte sie das überhaupt nicht. „Sicher", meinte sie jedoch monoton. „Das ist Professor Snape, Davids Zaubertränkelehrer."
Snape wartete auf Antwort, doch dann kam
Amandas Mutter dazwischen. Er hatte nach ihren Erzählungen schon
alles Mögliche erwartet und offensichtlich nicht ohne Grund. Etwas
widerwillig blieb er bei Amanda stehen, auch wenn er überhaupt
keinen Bedarf hatte, sich mit ihrer Mutter zu unterhalten, denn schon
bei ihren ersten Worten regte sich in ihm ein gewisser Widerwille
gegen ihre Person. Als Amanda ihn schließlich vorstellte, nickte
er nur kurz und ließ sich lediglich zu einem „Tag"
hinreißen.
"Sobald sie hier fertig sind, können wir ja unser
geschäftliches Gespräch in meinem Büro fortsetzen, Miss
Brown. Sie kennen ja den Weg", schnarrte er anschließend. Er hatte
nicht vor, hier noch länger zu bleiben und schon gar nicht, wenn
Amandas Mutter anwesend war, die sich noch dazu offensichtlich nicht
so schnell abwimmeln lassen würde.
„Hallo, Professor Snape", sagte Mrs. Brown. „Snape... Irgendwie kommt mir ihr Name bekannt vor." Amanda erschrak kurz. Hoffentlich fiel ihrer Mutter nicht ein, woher sie diesen Namen kannte. Sie sah sie an. „Du hast ja gehört, dass ich noch etwas Geschäftliches mit Professor Snape zu besprechen habe. Ich komme gleich wieder zurück. Geh du doch bitte zu David", beendete Amanda das Gespräch und drehte sich dann zu Snape um. „Gehen wir." Mrs. Brown runzelte etwas die Stirn. „Ja gut, wenn du meinst..."
Bei Mrs. Browns Erinnerungsversuchen musste Snape unweigerlich eine Augenbraue heben. Auch wenn es Amandas Mutter war - er konnte verstehen, warum diese ihre Probleme mit dieser Frau hatte. Innerlich froh darüber, dass sich Mrs. Brown schließlich endlich dazu stimmen ließ, zurück zu ihrem Sohn zu gehen, drehte sich der Tränkelehrer zum Gehen. Vorher verabschiedete er sich allerdings noch höflichkeitshalber mit einem „Wiedersehen", auch wenn er insgeheim dachte, dass dieses noch möglichst lange auf sich warten lassen konnte. Danach ging er voraus in Richtung Kerker. Amanda folgte Snape, hörte aber noch, wie sich die Tür des Krankenflügels hinter ihrer Mutter wieder schloss. Leise und erleichtert seufzte sie: „Tut mir leid. Meine Mutter ist meistens unmöglich."
„Wirklich? Ist mir nicht aufgefallen", entgegnete Snape nur sarkastisch, aber nicht absichtlich bösartig und ging weiter voraus in Richtung seines Büros. Eigentlich wollte Amanda noch etwas erwidern, aber sie ließ es dann doch besser. Sie konnte auch warten bis sie dort waren.
Am Büro angekommen öffnete Snape die Tür und ließ Amanda ein. Danach ging er Richtung Schreibtisch. Amanda blieb mitten im Raum stehen und wusste nicht recht was sie sagen sollte. Irgendwie kam ihr diese Situation seltsam bekannt vor. Severus drehte sich zu ihr um und sah sie an. „Hier, ist dein Buch", sagte er schließlich und nahm es in die Hände.
„Nein Severus, das ist dein Buch."
„Ich will es aber nicht annehmen, wie du wohl meinem Brief schon entnommen hast."
„Warum nicht? Es ist ein Geschenk." Amanda war selbst erstaunt, dass sie die Ablehnung des Buches so berührte. „Und wieso schenkst du's mir? Darauf schuldest du mir immer noch eine Antwort." Er legte das Buch wieder vorsichtig auf den Schreibtisch zurück. „Ich... das... ich hab es gefunden und wusste, dass es dir gefallen würde." Amanda vermied es, ihn direkt anzusehen. „Ach... warum schenkt man denn Menschen etwas?" Snape sah sie forschend an, auch wenn sie seinen Blicken auswich. Er wusste schon, warum sich Menschen in der Regel beschenkten, doch konnte er dennoch nicht verstehen, wieso ihn Amanda beschenkte.
Konnte sie das Geld nicht für anderes besser gebrauchen? Wieso machte sie ihm noch so teure Geschenke, nachdem was alles war?
„Also nur, weil du dachtest, es gefällt mir...", forschte er nach kurzem Schweigen mündlich nach. „Sonst hätte ich wohl etwas anderes genommen..." Welch seltsame Situation so plötzlich, dachte Amanda. Was wollte er denn nur hören? „Ich frage mich, wieso du mir überhaupt noch etwas schenkst", kam Snape dann doch noch direkt auf den Punkt, nicht ohne eine gewisse Bitterkeit im Inneren zu verspüren. Er hatte keine Lust, dass das Gespräch in einem Eiertanz endete.
So langsam fragte er sich, ob Amanda ihn
absichtlich in irgendeiner Form quälen wollte. Denn wenn er ehrlich
war, war er über ihre plötzliche Entfremdung und Trennung und vor
allem darüber, dass sie nun einen neuen Partner hatte, noch nicht
wirklich hinweg. Es nagte immer noch an ihm, auch wenn er es nur noch
selten zuließ. „Ich dachte du freust
dich." Amandas Stimme klang vorwurfsvoller als geplant, aber
es verletzte sie einfach, dass er so auf ihr gut gemeintes Geschenk
reagierte. Snapes Augen verengten sich
etwas, als sie das sagte. „Ich kann mich entsinnen, dass ich das in
meinem Brief geschrieben habe, also erübrigt sich dieser Vorwurf ja
wohl", schnappte er ein wenig, langsam innerlich ein wenig
aufgebracht. „Dann behalt es bitte.
Ein solches Buch findet man nicht jeden Tag." Ihr Ton war sanfter
als zuvor. Das schlechte Gewissen, welches Amanda schon seit Tagen
begleitete, lag wie ein Kloß in ihrem Magen und sie konnte nichts
dagegen tun. Vielleicht wäre es ihr lieber gewesen, er hätte sie
gar nicht auf das Buch angesprochen und es einfach so behalten.
Leise schnaubend nahm Snape diese
Worte zur Kenntnis und sah sie dann wieder ein wenig forschend an,
wie um zu sehen, was sie sonst noch zu diesem Geschenk getrieben
hatte, außer dem Wunsch, ihm eine Freude zu machen, den er von
seinem Standpunkt aus nicht ganz nachvollziehen konnte. „Behältst
du es jetzt", wollte Amanda von ihrem Gegenüber wissen.
„Wenn du derart darauf bestehst."
„Auf jeden Fall!" Amanda lächelte kurz,
mehr aus Verlegenheit als aus Freude. „Ich denke, ich gehe jetzt
besser wieder." Snape wusste nicht
recht, was er auf diese Worte entgegnen sollte. Er bemerkte ihre
Verlegenheit und sah, dass sie offensichtlich gerade recht unsicher
ihm gegenüber war. Was war los? Hatte sie etwa Stress mit ihrem
neuen Freund?
Irgendwie interessierte es ihn, doch hatte er eine
gewisse Hemmung, noch weiter in ihre oberflächlichen Gedanken
einzudringen, so wie er es gerne ab und an bei seinen Schülern tat.
„Wie du willst", sagte er schließlich und sah ihr noch immer mit unergründlichem Blick in ihre Augen.
Amanda sah ihn in diesem Moment das erste Mal an diesem Abend wirklich an. „Ja... Ich hoffe du hast noch einen schönen Abend, mit nicht so viel Arbeit", sagte sie ruhig, zögerte aber noch mit der Verabschiedung. Ihre Blicke begegneten sich und irgendwas in seinem Inneren sagte Snape, dass er sie nicht gehen lassen sollte, doch sein Verstand sah das anders.
„Danke, gleichfalls", antwortete er, vermied es aber dennoch, sie in irgendeiner Form aus seinem Büro zu wimmeln. Amanda drehte sich nun langsam zur Tür. „Danke. Bis bald."
„Ja", entgegnete er lediglich noch, bevor er sich schließlich in seinen Schreibtischstuhl sinken ließ. Amanda verließ schließlich Snapes Büro und kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, atmete sie tief durch. Das war viel schwerer gewesen, als sie geglaubt hatte. Doch jetzt musste sie erst einmal zurück zu David. Ihr eigenes Gefühlschaos musste bis später warten. Auch Snape seufzte leise etwas, als Amanda schlussendlich die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er starrte kurze Zeit auf die Unterlagen auf seinem Schreibtisch, kam dann aber zum Entschluss, dass er jetzt nichts mehr arbeiten konnte. Dieses Gespräch beschäftigte ihn gerade doch mehr, als er es sich eigentlich wünschte.
