Kapitel 53

Am restlichen Abend war Harry ungewöhnlich still und ließ sich selbst durch Severus Aufheiterungsversuche nicht einmal das kleinste Lächeln entringen.

Die Erkenntnis, dass seine Verwandten ihn offenbar tatsächlich aus tiefstem Herzen verabscheut hatten, wog offenbar unendlich schwer auf dem kleinen, ohnehin schon so zerbrechlichen, Kind.

Severus fürchtete sich davor, dass diese Erkenntnis der letzte Anstoß war für das arme Kind. Der letzte Auslöser, doch noch alle Hoffnung zu verlieren.

Er konnte nur hoffen, dass es ihm durch seine Zuwendung es am nächsten Tag wieder gelingen würde, den kleinen Jungen aus einer sich offenbar anbahnenden Depression herauszuholen.

Eigentlich hatte er mit Lucius geplant, dass die beiden Jungs sich morgen noch einmal für ein paar Stunden sehen könnten, bevor die Heilerin zu Besuch wäre, doch Harrys derartiger Zustand gefiel ihm nicht und er wollte lieber den Morgen mit seinem Sohn alleine verbringen.

Als Harry endlich eingeschlafen war, wohlbemerkt in Severus Schlafzimmer, brauchte er noch einige Zeit, eh er sich aus dem Bett entfernen konnte, ohne, dass der Schlaf seines Kindes augenblicklich bei Verlust des Körperkontaktes wieder gestört wurde und sein Sohn leise zu wimmern begann.

Innerlich vollkommen erledigt und ausgelaugt saß Severus einige Minuten schweigend in die Flammen des Kamins starrend, eh er sich soweit gesammelt hatte, dass er Lucius kontaktieren konnte.

Lucius schien ihn schon erwartet zu haben, sein Freund wirkte ebenso rastlos, wie er sich selber fühlte.

Als der blonde ältere Zauberer aus dem Kamin trat, lag ein besorgter Ausdruck auf den aristokratischen Zügen.

„Wie geht es deinem Sohn, Severus? Ich kann mir gar nicht erklären, was passiert ist", meinte Lucius, dem seine Ratlosigkeit deutlich anzusehen war.

Severus ließ ihn mit einer erhobenen Hand verstummen: „Harry ist labiler, als ich dachte. Er ist in Panik verfallen, als er alleine war. Er ist davon überzeugt gewesen, dass ich nicht wieder kommen würde, und, dass du mit Draco auch verschwunden seist."

Auf Lucius Gesicht lag unverkennbar Bedauern: „Es tut mir unendlich leid, dass das passiert ist, Severus. Ich musste ein paar ernste Worte mit Draco wechseln, ich habe gar nicht darüber nachgedacht, dass Harry etwas daraus deuten könnte."

Severus nickte, er machte seinem langjährigen Freund keine direkten Vorwürfe, sicherlich, wäre es wahrscheinlich nicht dazu gekommen, wenn Lucius bei dem Jungen geblieben wäre, doch er war genauso mit daran schuld, dadurch, dass er selber sich verspätet hatte.

„Offenbar haben seine Verwandten den Jungen in der Vergangenheit vor irgendeinem Geschäft zurückgelassen, in der Absicht ihn „ausversehen" zu vergessen. Zudem hatte er eine verstörende Begegnung mit einem Polizist und seine Verwandten waren wohl wenig begeistert, als man das Kind wieder zu ihnen zurückbrachte.", erklärte Severus knapp.

Lucius sah ebenso schwer bestürzt aus über diese neuerliche Erkenntnis.

„Außerdem ist Harry der Meinung, dass Draco ihn nicht mehr mögen würde.", fügte Severus schließlich an, als Lucius nach einigen Momenten des Schweigens noch nichts erwidert hatte.

Lucius Miene verfinsterte sich deutlich, als er antwortete: „Und genau darüber habe ich mit meinem Sohn gesprochen. Er war eifersüchtig auf Harry."

„Eifersüchtig?", wiederholte Severus ungläubig, welchen Grund hatte irgendein Kind auf Harry eifersüchtig zu sein. Harry war vielmehr derjenige, der mehr als einen Grund hatte, eifersüchtig auf die meisten anderen Kinder zu sein.

Lucius seufzte: „Draco hat nicht, wie dein Sohn es offenbar hat, ein natürliches Talent mit dem Besen umzugehen. Wobei das vermutlich nicht das eigentliche Problem war, vielmehr war Draco darauf eifersüchtig, wie viel Zuwendung Harry erfährt und fühlte sich zurückgesetzt."

Severus wusste nicht so recht, wie er darauf antworten sollte. Sicherlich war die Behandlung der beiden Kinder verschieden und ihm war selber aufgefallen, dass Lucius sich, mit dem jedem Jahr, was Draco älter wurde, immer weiter von seinem Sohn entfernte und immer mehr zu unnahbar kühlen Vaterfigur wurde, keine Spur mehr von dem Mann, der so Stolz und zärtlich auf das blonde Kleinkind gewesen war.

Doch Lucius schien sein Schweigen einigermaßen passend zu interpretieren und fuhr sich in einer absolut für ihn untypischen Geste durch die perfekten blonden Haare: „Ich weiß, dass ich selber daran schuld bin, dass Draco sich so vernachlässigt fühlt, schließlich habe ich ihn auf eine Weise vernachlässigt."

Lucius offensichtlicher Kummer war Severus äußerst unangenehm: „Ihr habt Draco mit materiellen Geschenken überhäuft. Er besitzt förmlich mehr Spielzeuge als manche Spielzeugläden."

Lucius verzog das Gesicht: „Ja, dafür habe ich mich nie darauf eingelassen, ihm irgendwie emotional etwas zu geben. Ich habe vergessen, wie sehr sich Kinder nach den einfachen Zeichen von Liebe und Anerkennung sehnen."

Severus hätte liebend gerne etwas gesagt, um das offenbare Bedauern seines Freundes zu lindern, doch sie wussten beide, dass Lucius Worte wahr waren.

Doch der einsetzende Alarm Ton von dem Zauber, der über seinen schlafenden Sohn gelegt hatte, beendete das ernste Gespräch abrupt.

Lucius ging nach einem kurzen Nicken bereits wieder Richtung Kamin, er war oft genug abends hier gewesen, um zu wissen, was der Alarm bedeute.

Kaum flammten die Flammen im Kamin grün auf, hastete Severus mit eiligen Schritten auch schon zurück in sein Schlafzimmer.

Harry saß zusammengekauert auf dem großen Bett, in dem er völlig verloren alleine wirkte, und hatte die dünnen Arme fest um die Knie geschlungen. Das Zittern des kleinen Körpers zeigte deutlich, dass sein Sohn weinte, doch er weinte lautlos.

Severus erhellte mit einem kurzen Zauber den kompletten Raum, zusätzlich zu der kleinen Lichtsphäre, die er immer auf dem Nachttisch stehen hatte, seitdem Harry meist hier schlief.

Die grünen Augen seines Sohnes, die in Tränen schwammen, blickten augenblicklich auf und unendliche Erleichterung blitzte darin auf.

„Daddy, du bist immer noch da.", ertönte die brüchige Stimme des Jungen, durch das Weinen ziemlich undeutlich.

„Selbstverständlich, ich werde immer für dich da sein, mein Kleiner.", versprach Severus und nahm den kleinen Jungen auf den Arm.

„Du warst aber eben nicht da.", ertönte Harrys Stimme erneut, während die grünen Augen voller unausgesprochener Vorwürfe lagen.

Severus seufzte und setzte sich mit dem Kind gemeinsam auf das Bett, beruhigend machte er mit einer Hand Kreisbewegungen auf den Rücken des Jungen.

„Harry, ich kann nicht jede Sekunde körperlich an deiner Seite sein. Dennoch werde ich so schnell zu dir kommen, wie ich kann, wenn du mich brauchst.", versuchte Severus dem Kind zu erklären, dass er niemals 24 Stunden lang bei ihm sein könnte.

In einem Jahr musste das Kind sich daran gewöhnt haben, dass er meist bis Nachmittags im Unterricht war. Nun machte das Kind ihm Vorwürfe, wenn er nicht hier war, wenn er aufwachte, wie sollte das erst ablaufen, wenn sie wieder in der Schule sein würden. Oder aber, wenn Harry soweit war, dass er selber in einer Schule unterrichtet werden konnte.

Harry sah ihn mit riesigen Augen an, sagte nichts, senkte den Kopf und sein kleiner Körper wurde von heftigen Schluchzern erfasst.

Severus erkannt zu spät, dass seine Aussage Harry mit Sicherheit nicht beruhigen würde, sondern den kleinen Jungen nur umso weiter verängstigen würde.

Vorsichtig legte er sich gemeinsam mit seinem Sohn ins Bett und Harry schmiegte sich augenblicklich fest an ihn.

Er wiederholte immer wieder ruhig, dass er nun hier war und Harry nicht alleine lassen würde.

Nach langer Zeit hatte Harry sich schließlich erneut in den Schlaf geweint.

Severus versuchte erst gar nicht, jetzt wieder aufzustehen und das Kind alleine zu lassen. Es dauerte allerdings einige Zeit, eh auch er endlich einschlief.

Als er am nächsten Morgen erwachte, lag Harry immer noch eng an seinen Körper geschmiegt und schlief offenbar immer noch friedlich.

Außer dem einen Alptraum war die Nacht glücklicherweise ohne eine weitere Unterbrechung verlaufen, wofür Severus sehr dankbar war. Der Besuch von Msr. Smith würde ohnehin schon schwierig werden, dazu musste Harry nicht zusätzlich noch übermüdet sein.

Severus sah seinem Sohn noch einige Minuten beim Schlafen zu und betrachtete das friedliche Gesicht des Kindes.

Harrys Gesichtszüge waren in der Zeit, in der er nun schon bei Severus war und somit auch täglich mindestens drei Mahlzeiten erhalten hatte, schon ein klein wenig weicher geworden, denn der kleine Junge hatte schon ein wenig Gewicht zugelegt. Harry war zwar immer noch untergewichtig, aber es hatte sich schon eine kleine Verbesserung eingestellt.

Harry konnte mittlerweile alles essen, ohne die Befürchtung zu haben, dass er es nicht vertrug. Es hatte sich zwar herausgestellt, dass der Magen des Kindes bleibenden Schaden davongetragen hatte.

Vor ein paar Tagen hatte Harry ihm erzählt, dass seine Tante ihm häufiger eine seltsam schmeckende klare Flüssigkeit zu trinken gegeben hatte, von der er sich immer übergeben hatte müssen und tagelang starke Schmerzen gehabt hatte.

Severus Vermutung, dass es sich vermutlich um Bleiche oder zumindest irgendeinen aggressiven Reiniger gehalten haben musste, wurde von Poppy noch am selben Tag bestätigt.

Denn die schützende Schleimhaut des Magens des Kindes war stark geschädigt. Das war auch bedauerlicherweise ein Zustand, an dem man nichts ändern konnte.

Allerdings half es dem Kind, wenn er vor dem Essen ein Glas Milch trank oder ein wenig Joghurt aß.

Mit sanften Bewegungen ließ er seine langen Finger durch die dunklen Haare des Kindes gleiten, um ihn möglichst sanft aufzuwecken.

Harry begann sich auch bald leicht zu rühren. Scheu lächelnd fixierten sich die grünen Augen des Kindes auf seinem Gesicht.

„Guten Morgen, mein Kind.", begrüßte Severus seinen Sohn, der sich mittlerweile reckte.

„Morgen, Daddy.", erwiderte Harry und lehnte seinen Kopf wieder an Severus Brust.

Severus schüttelte amüsiert mit dem Kopf: „Es ist Zeit fürs Frühstück, Harry. Bereit für den Tag?"

Harry erhob sich mit vorgeschobener Unterlippe, offensichtlich wäre das Kind lieber noch etwas mit Severus zusammen liegengeblieben.

Doch Severus fand, dass absolut ausreichte, dass er sich nun schon auf täglicher Basis das Bett mit dem Kind teilte. Er wollte schließlich auch nicht, dass Harry zu einem Langschläfer wurde.

Mit einem tadelnden Blick schickte er das Kind ins Badezimmer, mit der Anweisung direkt duschen zu gehen.

Er selber nahm in der Zeit auch eine Dusche. Angezogen, wie immer in seinen typischen schwarzen Roben, fand er auf dem Küchentisch schon Frühstück für sich und Harry durch die Hauselfen bereits zubereitet.

Als er Harrys Teller sah, konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Es hatte sich heraus gestellt, dass Harry ein absoluter Fan von Pfannkuchen war.

Nun hatten die Hauselfen ihm die letzten Tage schon immer verschiedene Kreationen zusammen mit unterschiedlichen Früchten geboten.

Heute gab es auch wieder Pfannkuchen, auf denen ihre Hauselfe aus Blaubeeren Augen und ein Lächeln geformt hatte.

Severus wusste, dass Harry sich darüber freuen würde, so würde der Tag zumindest schon einmal mit einer positiven Note beginnen.

Und er behielt Recht, denn als Harry mit noch unordentlicheren Haaren als sonst, vor Allem noch tropfenden Haaren in die Küche zurückgestürmt kam, erhellte ein strahlendes Lächeln das Gesicht des Kindes, als es den Pfannkuchen auf seinem Teller sah.

„Daddy, da ist ein Lächeln auf meinem Pfannkuchen.", verkündete Harry begeistert, als er sich auf seinen Stuhl setzte.

Severus lächelte amüsiert: „Ich weiß, Harry. Ist mir schon aufgefallen."

Harry griff augenblicklich nach dem großen Glas kalter Milch und begann riesige Schlucke davon zu trinken. Severus nahm ihm jedoch das Glas weg.

„Langsam, Harry. Sonst hast du nachher Magenschmerzen.", tadelte Severus, „Und komm her, deine Haare tropfen sogar noch. Hast du sie nicht abgetrocknet?"

„Doch.", gab Harry ein wenig kleinlaut zurück, kam aber artig sofort an Severus Seite.

Nachdem er die Haare des Kindes zumindest soweit getrocknet hatte, dass sie nicht mehr vor Wasser trieften, entließ er Harry wieder zu seinem Frühstück.

Er gab Harry sein Glas zurück mit der strengen Anweisung, jetzt langsamer zu trinken.

Dieses Mal hielt er sich auch daran und ließ sich sein Frühstück anschließend schmecken.

In den folgenden Stunden, die er gänzlich mit Harry verbrachte, konnte Severus zu seiner Erleichterung feststellen, dass sein Sohn scheinbar wieder deutlich besserer Stimmung, als noch am Vortag.