November 1920, Ashland, Wisconsin

Es hatte sich einiges verändert.

Mrs. Hanson hatte ihre Hartnäckigkeit ihre Tochter Emma mit Edward zu verkuppeln inzwischen größtenteils aufgegeben. Nicht weil sie erkannte, dass Edward keinerlei Anstalten zeigte sich für Emma zu interessieren, sondern weil sie mehr und mehr glaubte, dass Edward zu kränklich war. Sie wollte keinen so schwächlichen Gatten für ihre Tochter.

Tatsächlich würde Edwards häufige Abwesenheit bei zahlreichen Ereignissen der Stadt durch Krankheit erklärt. Angeblich hatte er auch aus diesem Grund inzwischen die Schule, zu der er kurzfristig gegangen war, verlassen und wurde stattdessen zuhause unterrichtet. Die Wahrheit war, dass es Edward zuviel gewesen war längere Zeit in einem kleinen Raum mit zahlreichen Menschen zu sitzen. Irgendwann gelang es ihm nicht mehr die vielen Gedanken auszublenden, was ihn sehr ablenkte und nervös machte und auch der Geruch war für ihn wesentlich heftiger als er es selbst erwartet hatte. Er behauptete Carlisle gegenüber auch lieber, dass es die Stimmen waren, die ihn letztlich dazu gebracht hatten nicht mehr in die Schule zu gehen und nicht der Durst nach Blut. Sie wussten beide, dass der Blutdurst der wesentlichere Grund gewesen war.

Doch offiziell gab es einen ganz anderen Grund: Edwards Gesundheit.

Die meisten Menschen, die die spanische Grippe überstanden hatten, hatten sich rasch erholt, doch vereinzelt gab es welche, die wohl ihr Leben lang mit den Folgen zu kämpfen hatten. Offiziell galt Edward als solch ein Fall.

Emma hingegen, der die Bemühungen ihrer Mutter anfänglich unangenehm gewesen waren, schließlich war sie noch viel zu jung gewesen um sich ernstlich für das Thema Heirat zu interessieren, zeigte immer mehr Interesse an Edward. Sie war beeindruckt von ihm. Er war so unglaublich schön, so klug.

Edward rollte was ihre kindliche Vernarrtheit anging nur mit den Augen.

Auch das Haus veränderte sich. Sowohl Edward als auch Carlisle räumten die Betten aus ihren Zimmern und füllten sie stattdessen mit Dingen, die ihnen wichtig waren.

Carlisle hatte wieder seine gigantische Bibliothek um sich und seinen fast zweihundert Jahre alten Schreibtisch, den er aus Europa mitgebracht hatte. An der Wand hing das hölzerne Kreuz, das sein Vater noch geschnitzt hatte und die Wände im Flur und Hauptzimmer im Erdgeschoss schmückten seine alten Gemälde. Einzig das Gemälde das ihn bei den Volturi zeigte, hatte er etwas vor menschlichen neugierigen Augen versteckt, in sein Zimmer gehängt. Sie hatten nur sehr selten Besuch, doch er wollte nicht das Risiko eingehen, das jemand bemerkte, dass er selbst auf einem so alten Gemälde zu sehen war.

Edwards Zimmer wurde zu einem bunten Sammelsurium verschiedenster Musikinstrumente und riesiger Stapel an Notenblättern. Ein modernes Grammophon stand in der Mitte des Raumes und zahlreiche Platten stapelten sich neben den Notenblättern.

Außer den Regalen, die all seine Habe trugen, gab es keinerlei Möbel in seinem Raum.

Die übrigen Räume des Hauses benutzten sie weiterhin nicht. Sie brauchten sich schlichtweg nicht. Sie verblieben wie sie waren. Ebenso wucherte auch der Garten hinter dem Haus weiter.

Die Beziehung zwischen Carlisle und Edward war inniger geworden. Edward war noch immer unzufrieden damit, dass alle ihn für jünger hielten als er war und er nichts ohne die offizielle Erlaubnis seines angeblichen Erziehungsberechtigten tun durfte, doch tatsächlich sah er Carlisle wirklich immer mehr wie einen Vater. Längst hatte er eine festere Beziehung zu ihm, als er es je zu seinem eigenen Vater gehabt hatte, der ihm zeitlebens immer etwas fremd geblieben war.

Lange Zeit waren sie das Stadtgespräch gewesen, der neue und überraschend talentierte blutjunge Arzt mit dem kränklichen Bruder seiner verstorbenen Frau. Doch im Januar 1921 wurde jemand anderes zum Stadtgespräch. Eine junge Frau, die ganz allein und im siebten Monat schwanger in die Stadt kam.

Dank seiner perfekten Ohren hörte Edward das Gespräch zwischen Mrs. Hanson und Mrs. Stone noch bevor er den kleinen Laden betrat, um die allwöchentlichen Einkäufe abzuholen. Er fand es schrecklich überflüssig Woche für Woche die große Kiste mit den Lebensmitteln zu besorgen, die sie dann doch nie verwendeten, doch Carlisle bestand darauf. Es gehörte zu ihrem Versteckspiel dazu.

Noch viel nerviger als dieser Einkauf, den er jede Woche zu erledigen hatte, waren für Edward jedoch diese beiden Frauen, die scheinbar nichts besseres zu tun hatten als den halben Tag im Laden zu stehen und hinter dem Rücken der Leute über sie zu tratschen.

Lange Zeit waren Carlisle und er das Hauptthema ihrer Gespräche gewesen und mehrfach hatte es ihn große Mühe gekostet sich nicht darüber zu beschweren, dass Mrs. Hanson ihn regelmäßig als schwächlich bezeichnete. Doch sie konnte nicht wissen, dass er sie und ihre Gedanken hören konnte und so musste er so tun, als wüsste er von nichts.

Doch an diesem eisig kalten Januartag waren weder er noch Carlisle Mittelpunkt des Gesprächs. Stattdessen drehte sich das Gespräch um eine junge Frau von etwa 25 oder 26 Jahren, die vor ein paar Monaten in die Stadt gekommen war. Edward sah die Frau in den Gedanken von Mrs. Hanson, er sah das gehetzt wirkende Gesicht, geprägt von Kummer und Sorgen, und er sah auch die eindeutige Rundung ihres Bauches, die sie selbst unter ihrem Kleid und dicken Mantel nicht mehr verbergen konnte.

„Sie unterrichtet die Mädchen in der Schule. Ich weiß ja nicht, ob ich das gut heißen kann. Was ist das nur für ein Vorbild für die jungen und noch so leicht zu beeinflussenden jungen Damen? Ein Skandal!"

„Ich hörte, ihr Mann sei gefallen", erwiderte Mrs. Stone.

„Ah! Wer das glaubt! Sollte es der Wahrheit entsprechen, dann kann das Kind keineswegs von ihm sein, liegt der Krieg doch bereits mehr als neun Monate zurück!"

„Vielleicht starb er an den Spätfolgen einer Verletzung."

„Unwahrscheinlich. Und wenn er noch ein Kind zeugen konnte, kann er doch kaum so schwer verletzt gewesen sein, dass es ihn letztlich tötete? Nein, wenn du mich fragst, ist sie davon gelaufen. Ein unerhörtes Verhalten! Eine Frau hat gefälligst ihrem Mann zu dienen und ihm treu zur Seite zu stehen."

„Hatte sie nicht Spuren von Narben am Arm? Ich meine das gesehen zu haben."

„Ja, ja! Das habe ich auch gesehen! Nun, wenn er sie härter angepackt hat, dann wird es wohl seinen Grund gehabt haben! Sie kann keine ordentliche Hausfrau gewesen sein, wenn sie ihm einfach so dreist davon läuft!"

Edward schüttelte sich bei den Worten. Auch wenn er sich nur noch schwer daran erinnern konnte, wusste er noch, dass seine Eltern sich geliebt hatten, dass sie sich immer mit größtem Respekt behandelt hatten. Sein Vater hatte niemals die Hand gegen sein Mutter erhoben, er hätte nie auch nur im entferntesten daran gedacht. Der Gedanke, dass manche Männer ihren Frauen das antaten und die Frauen dies sogar als gerechtfertigt betrachteten, irritierte ihn.

Schließlich betrat er mit festem Schritt den Laden. Das kleine Glöckchen klingelte als er die Tür öffnete und die beiden Frauen fuhren etwas erschrocken herum, selbst wenn Edward keine Gedanken hätte lesen können, hätte er gewusst was sie nun dachten. Sie waren beide erleichtert über die Existenz der Türglocke, weil sie so sich rechtzeitig gewarnt fühlten und ihre Tratscherei unterbrechen konnten, ehe sie jemand dabei hörte. Sie konnten nicht ahnen, dass Edwards perfekte Ohren ihr Gespräch erlaubten, dass er schon von der anderen Seite der Straße hörte was sie sprachen.

„Oh Mr. Masen! Schön Sie zu sehen."

Mrs. Hanson war dazu übergegangen Edward nur noch mit seinem Nachnamen anzusprechen, seitdem ihr bewusst geworden war, dass er kein geeigneter Gatte für ihre Tochter war. Wenn sie das auch aus den falschen Gründen glaubte. Edward würde sie in ihrem Glauben nicht korrigieren.

„Ich habe Ihre Einkäufe bereits zusammengestellt. Oder möchten Sie diese Woche noch etwas ändern?"

Merkwürdige Leute, die jede Woche dieselben Dinge kaufen. Vermutlich sind sie beide nicht wirklich versiert im Kochen und so muss es eben ständig dieselben Gerichte geben. Welch Glück, dass sie zu vergessen haben scheinen, dass ich die Dienste meiner Tochter angeboten hatte. Emmas Schwärmerei für diesen Schwächling ist schon lästig genug, sie muss sich nicht auch noch ständig in seiner Nähe aufhalten.

Edward lächelte künstlich. Er verabscheute diese Frau.

„Nein, ich danke Ihnen Mrs. Hanson, aber es bleibt so wie immer. Ich wollte Sie jedoch fragen, ob es möglich wäre wieder Notenpapier zu bestellen."

„Oh, komponieren Sie wieder? Wie wundervoll!"

Ich verstehe nicht wie Dr. Cullen es zulassen kann, dass der Junge so viel Zeit mit der Musik verschwendet. So wird er weder klüger, noch kräftiger.

„Nun, ich versuche es." Nur mit Mühe konnte Edward seine wachsende Verärgerung verstecken.

„Hach, das ist so großartig. Es geht doch nichts über die Künste!" Welch sinnlose Zeitverschwendung. Diese dumme Musik wird ihm zukünftig auch nicht die Rechnungen bezahlen. „Selbstverständlich werde ich die Bestellung aufgeben. Ich fürchte nur, dass es etwas dauern könnte. Der frühe Wintereinbruch hat das Land doch arg im Griff und viele Lieferungen kommen nur sehr verspätet an."

Edward nickte. „Das ist kein Problem, einen kleinen Vorrat habe ich noch."

Er tippte sich zum Gruß an den Hut, legte das Geld für die Einkäufe auf den Tresen und verschwand so rasch er konnte.

Er hasste Mrs. Hanson wirklich.

Es überraschte ihn nicht, dass sie sich sofort wieder auf Mrs. Stone stürzte, kaum dass die Ladentür hinter ihm ins Schloss gefallen war, und sie augenblicklich wieder Edward zum Thema ihrer Tratschereien machte.

Er dachte über die fremde Frau mit den gehetzt wirkenden Augen nicht mehr nach, die er in Mrs. Hansons Gedanken gesehen hatte. Bis er ihr im Januar wieder begegnete, unter anderen Umständen als er es jemals erwartet hätte.

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