Drabble 46
Das schlechte Gewissen fraß ihn auf.
Nur weil er vorgab kein Gewissen zu haben, hieß das noch lange nicht, das dem auch genauso war. Denn er konnte sehr wohl zwischen richtig und falsch unterscheiden, immerhin war sein Vater ein Anwalt und damit war ihm das Unrechtsbewusstsein – leider – in die Wiege gelegt worden.
Er ertrug es einfach nicht mehr, wie sich sein neuer guter Freund durch die Betten von irgendwelchen Mädchen schlief, während er, also Marc, dafür verantwortlich war, dass er den Hasenzahn ignorierte und es ihr sichtlich zu Schaffen machte.
Julian war nach diesem Cafeteria-Vorfall eine Zeit lang bei den Weibern echt auf der Abschusslinie gewesen, bis irgendeinem Mädchen aufgefallen war, dass es ja bloß der Hasenzahn gewesen war, den Julian (angeblich) vorgeführt hatte (was er eigentlich gar nicht hatte, aber das war hier nicht der Punkt). Auf jeden Fall war Julian seit mehreren Wochen wieder sehr, sehr beliebt bei den Mädchen in der Klasse, in der Parallelklasse, in den verschiedenen Stufen und sogar bei den Mädchen der Nachbarschule hatte er beim letzten Fußballspiel vor der Winterpause Eindruck schinden können. Und je mehr junge Frauen er an der Angel hatte, je mehr Achtung gewann er von seinen männlichen Mitschülern.
Was Marc letztlich aber davon überzeugt hatte, dass Julian eben doch ein ganz korrekter Typ war und man sich so einen Kerl als Freund nur wünschen konnte war, als Marc mit irgendeinem Mädchen auf einer Party geschlafen hatte, Julian davon wusste und trotzdem Mariella davon nichts erzählte.
Das machte ihn zu seinem zweiten besten Freund.
Und nichts hätte diese Idylle zwischen ihm und seinem neuen Kumpel trügen können, wäre da nicht dieses nagende Gefühl gewesen, dass er Julian (und dem Hasenzahn) echt böse mitgespielt hatte.
Und während Julian auch ohne die blonde Streberin hervorragend zurecht kam und mit Sicherheit noch nicht mal mehr an sie dachte (er ging auch nicht mehr auf intellektuelle Gespräche über irgendwelche Aufgaben oder historische Tatsachen im Unterricht ein), wusste er, dass er sich zumindest beim Hasenzahn selbst zu entschuldigen hatte, die ihm aber extra aus dem Weg ging. Jedes mal, wenn er dachte, er würde eine günstige Gelegenheit erwischen, mal mit ihr allein zu sprechen, ging sie ohne ein Wort zu sagen an ihm vorbei. Sie reagierte noch nicht mal darauf, als er sagte, sie sei „fett, fett, fett" (einen Spruch, den er in der sechsten Klasse gern losgelassen hatte – was war er einfallslos gewesen). Es schien so, als ob sie mit Marc abgeschlossen hatte. Jahrelanges Anhimmeln ihrerseits war auf einmal wie weggeblasen und zurück blieb eisige Kälte, wenn sie mal miteinander reden mussten.
Er mochte es nicht. Nein. Er hasste es.
Man ignorierte einen Marc Meier einfach nicht. Und um eben genau das zu erreichen machte er etwas, wovon er wusste, würde die Aufmerksamkeit des Hasenzahns wieder auf sich ziehen: er ließ aus ihrem Fahrradreifen die Luft ab. Vier Wochen vor Weihnachten hatte es zwar schon angefangen zu schneien, aber sie fuhr trotzdem noch jeden Morgen mit dem Rad zur Schule. Die Bahn nahm sie nur noch selten, wie er wusste, denn dort saß zumeist Julian.
Und so lehnte er sich nach der siebten Stunde in seinem Stuhl zurück, blieb im Klassenraum sitzen und grinste frech vor sich hin, darauf wartend, dass der Hasenzahn in einem Affenzahn zurückkommen und ihn verfluchen würde.
Gretchen kam auch. Allerdings in einem normalen Gang, ohne Zornesröte im Gesicht und fragte ebenfalls in einem jovialen Ton: „Kannst du mir bitte den Ventilstöpsel zurückgeben?"
Er war irritiert. So sollte das Gespräch eigentlich nicht anfangen... Sie sollte toben und ihn beschimpfen und er würde irgendwann nett, wie er nun mal war, einlenken und ihr Recht geben und sich damit bei ihr entschuldigen.
„Uhm... Du... regst dich gar nicht auf!", stellte er fest und Gretchen zog die Augenbrauen kraus:
„Mein Reifen ist ja noch heile, warum sollte ich mich also aufregen?", fragte sie zurück und streckte die Hand aus, wartete, dass Marc ihr den kleinen Pinökel zurückgab. Zur Hölle noch eins, warum musste sie es einem denn so schwer machen!
„Herrgott, Hasenzahn. Ich wollte mit dir reden, und du machst es schon wieder so kompliziert!", schnaubte er.
Gretchen nickte verstehend, verschränkte ihre Arme vor der Brust und erwiderte: „Also krieg ich meinen Ventilaufsatz nicht zurück?"
„Was redest du denn immer von deinem Scheiß-Ventil!", fauchte er ungehalten. „Alles was ich will ist, dass du mir endlich verzeihst. Mein Gott, es ist so lange her und wie du siehst: mit Julian verstehe ich mich auch prächtig. Also Entschuldigung, okay!"
Die Blondine nickte abermals: „Okay. Das Ventil?"
Er stöhnte und war jetzt wirklich wütend. Es ging nicht um dieses bescheuerte Ventil. Hatte sie nicht zugehört? Er machte sich extra für sie zum Vollidioten und entschuldigte sich wie ein Kleinkind und alles, was sie interessierte war dieser dumme Pfropfen.
Ungehalten fummelte er in seiner Hosentasche nach dem kleinen Gummi und warf es quer durch den Raum aus dem Fenster in den Schnee.
Gretchen blinzelte dem kleinen Ding mehrere Sekunden lang hinterher, bevor sie ihren Blick zurück zu Marc schweifen ließ und seufzte dann kläglich: „Du hättest auch einfach gleich sagen können, dass du mir die Ventil-Kappe nicht wiedergibst."
Marc stöhnte ungehalten: „Hasenzahn, jetzt hör doch mal mit diesem bescheuerten Stück Plastik auf. Ich steh hier und mach mich zum Gespött der Leute-"
„Nur vor mir", wandte Gretchen ein.
„... und entschuldige mich, und alles was dich interessiert ist dieses Scheiß-Teil!"
Gretchen ließ geräuschvoll die Luft aus ihren Lungen und setzte sich, Marc gegenüber auf einen der leeren Tische: „Warum entschuldigst du dich?"
„Was?", fragte er unhöflich.
„Warum entschuldigst du dich?", fragte Gretchen noch einmal und sah ihm so offen ins Gesicht.
„Weil es mir leid tut", sagte er forsch.
Die Blondine zog die Augenbrauen hoch: „Aha... nach drei Monaten, oder wie?"
„Das ist mir echt jetzt zu blöd mit dir. Wenn du meinst den Oberlehrer heraushängen lassen zu wollen, dann-"
„Weißt du... meine beste Freundin hat sich tagein tagaus mehrere Wochen immer wieder bei mir entschuldigt, weil es ihr wirklich leidtat. Um meinetwegen, weil es echt wehtat, weil sie auf deine Manipulationen hereingefallen war – dabei bist du wohl äußerst vage geblieben, oder? Es tat ihr leid, weil sie mir die Chance mit ihrer Verteidigungsrede genommen hat, Julian noch besser kennenzulernen. Es tat ihr leid, weil sie sich nicht erst seine Version angehört hat, bis sie sich und mich ins Abseits katapultiert hat. Es tat ihr leid, dass ihre Versuche Julian zu erklären was passiert war, auf taube Ohren gestoßen waren... Das sind alles Gründe. Aus welchem Grund also tut es dir leid?", fragte sie und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er wirklich eine Begründung hatte und es nicht nur sagte, damit es ihm besser ging.
„Ich...", sagte Marc und brach dann ab. Alles was er wollte war ein reines Gewissen, warum musste sie es ihm denn so verdammt schwer machen. Jedes Mal, wenn er sich bei seiner Freundin entschuldigte, war sie glücklich und sie knutschten wild rum. Warum musste es der Hasenzahn denn nur alles so verkomplizieren!
„Nur einen einzigen Grund, Marc", forderte sie. Dabei war ihre Miene noch nicht mal höhnisch verzogen oder ihre Postur besonders erhaben. Sie stand einfach nur vor ihm und wollte eine Antwort, die sie wohl auch verdiente.
Nach Sekunden, die ihm wie Jahre seines Lebens vorkamen, beantwortete sie sich ihre Frage selbst: „Du hast gar keinen wirklichen Grund, dich zu entschuldigen, oder? Alles was du willst, ist, dass ich nicht mehr sauer bin und dich wie gehabt anhimmle und du mich wieder ärgern darfst und ich das sogar ganz lustig finde? Du möchtest die Absolution von mir erteilt haben, damit du ein reines Gewissen haben kannst-"
„Hasenzahn", wollte er sie unterbrechen, aber das Mädchen fuhr ungerührt fort:
„Aber ich sag dir jetzt mal was, Marc: Lern an dieser Situation, dass dein Handeln Folgen hat. Denn irgendwann könnten es Menschen sein, die du magst und die du mit deinem Verhalten vor den Kopf stößt."
lg
manney
