56.

"Nun," begann Marjan stockend als sie die mit Bäumen gesäumte Allee hinab gingen. "Eifersucht ist nicht unbedingt eine gesunde Emotion. Aber sie gehört natürlich zum Leben dazu. Jeder hat sie schon mal auf die ein oder andere Art erlebt."

Padmé blickte die andere Frau zweifelnd an.

"Ja." sagte sie schließlich, immer noch verwirrt. "Aber es ist genau so wie damals. Schon allein die Tatsache das ich mich daran erinnert habe..."

Padmé schüttelte den Kopf.

"Ich habe mich an diese Frau erinnert, den Tag an dem ich sie getroffen habe. Meine... Meine Eifersucht. Der Gedanke das sie bei ihm ist... Wie kann ich eifersüchtig sein wenn ich überhaupt nicht verstehe was ich empfinde?"

"Es ist offensichtlich das du einen gewissen Besitzanspruch empfindest."

Padmé schnaufte. Das war eine sehr gelinde Bezeichnung für das was sie empfand. Nach dem Gespräch mit Leia hatte sie viel nachgedacht. Einen Namen hatte sie nicht für die widersprüchlichen Gefühle gefunden die sie empfand. Doch statt sich noch mehr darin zu verlieren hatte sie versucht Leia subtil auszufragen ob ihr Vater Karlies Avancen nachgab. Leia hatte sie natürlich durchschaut. Die Tatsache schien ihre Tochter zufrieden zu stimmen und sie erzählte ihrer Mutter alles was sie wusste.

Manchmal flirtete er mit ihr, aber das war auch schon alles. Zumindest alles was Luke und Leia mitbekamen.

Nach ihrem Gespräch an diesem Abend war es einfacher für sie Zeit miteinander zu verbringen und endlich verstand Padmé das die beiden bei ihr waren um sich nach der Nachricht, das Anakin Skywalker Lord Vader war, ihrer Liebe zu versichern.

Natürlich liebte sie ihre beiden Ältesten. Sie versuchte es sie merken zu lassen, auch wenn es ihr schwer fiel die Zügel über ihre Emotionen locker zu lassen.

Die Zwillinge waren nach wenigen Tagen wieder abgereist und Padmé fragte sich einmal mehr ob es wirklich richtig gewesen war die Echo Station zu verlassen. Vielleicht sollten sie zurück kehren. Wieder eine Familie sein. Es noch einmal versuchen...

Kamen diese Gedanken wirklich aus ihr oder waren sie nur Folge dieser neuen Erinnerungen? Padmé konnte es nicht sagen. Andererseits... Spielte das wirklich eine Rolle woher es kam?

Padmé spürte nur wie sich etwas in ihr verschob und sie hoffte, das es näher zu ihrer Familie, zu Obi-Wan war.

"Das Einzige was du tun kannst ist mit ihm darüber zu reden."

"Aber was ist wenn er dadurch auf falsche Ideen kommt?"

"Und die wäre?" Marjan sah wirklich interessiert aus, als erwarte sie darauf eine gute Antwort.

"Vielleicht hat er aber auch die richtige Idee, Padmé."

Padmé sah hinfort. Wie konnte sie von einer falschen Idee reden? Immer schon war Padmé eifersüchtig gewesen. Wenn ihr etwas am Herzen lag, ihr etwas bedeutete, dann wollte sie es für sich haben. Nur für sich.

Sie wusste sehr wohl das diese Emotion auch aus einem Gefühl des Selbstzweifels geboren war, der Idee heraus das niemals etwas nur und ausschließlich ihr gehören würde.

Das war das schöne an dem Band zu Obi-Wan gewesen: Es war eine Manifestation seiner Gefühle in ihrem Innern. Eine Brücke zu ihm, die sie beruhigte und besänftigt hatte. Sie hatte sich nie Fragen müssen ob er wirklich empfand was er ihr sagte, weil sie es gespürt hatte.

Doch diese Erinnerungen...

"Was ist wenn es nur ein Abklatsch alter Gefühle ist und nicht wirklich... Nicht wirklich ist?"

Marjan sah beinahe belustigt aus.

"Gefühle die wieder zurück kommen waren nie wirklich fort, Padmé. Deine Erinnerungen helfen lediglich dabei sie wieder zu entdecken..."

Sie traten in den kühlen Tempel-Garten, wo sie sich schließlich verabschiedeten.

"Rede einfach mit ihm. Vielleicht überrascht ihr euch." Damit ließ die Priesterin sie grübelnd auf einer Bank sitzend zurück. Es dauerte eine ganze Zeit bis sie aufstand und den Heimweg antrat.

Padmé rang ihre Hände und versuchte ihr Herz zu beruhigen. Ein letzter tiefer Atemzug, dann griff sie nach dem Holoprojektor. Bevor sie es sich anders überlegen konnte stellte sie das Gerät ein und wartete. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit bis das flackernde Lichtkegel sich in eine Gestalt verwandelte.

Obi-Wan saß an seinem Schreibtisch. Trotz dem blauen Schein des Hologramms fand sie das er abgekämpft aussah.

"Padmé." grüßte er und konnte seine Überraschung nicht ganz überspielen. "Wie geht es dir?"

Es war eine normale Frage, eine die er ihr im Laufe ihrer Beziehung hunderte Mal gestellt hatte und doch löste es jetzt beinahe so etwas wie Wut aus. Wie soll es mir schon gehen? Sie schluckte die Antwort hinab.

"Besser." sagte sie knapp. "Du siehst müde aus."

Er hielt inne und traf ihren Blick. "Du weißt ja wie es ist. Das Imperium schläft nie." Es war als Witz gemeint, doch seine Augen waren ernst.

Einen Moment schwiegen sie. Es war fast unangenehm.

"Es gibt einen Grund für meinen Anruf." Sie grub ihre kurzen Nägel in ihre Handflächen. Sie saß sehr gerade.

Er seufzte und nickte.

"Das dachte ich mir." Er schob das Flimsiplast von sich und strich abwesend über seinen Bart.

"Leia hat mir erzählt das Karlie Kavanaugh eine eurer Kampfpilotinnen ist."

"Ja, das ist sie." Er gab ein unterdrücktes Schmunzeln von sich. Padmé kniff den Mund zusammen. "Was für ein Zufall sie hier wieder zu treffen, nach all diesen Jahren. Sie war sehr erstaunt darüber wie erwachsen Luke und Leia geworden sind. Ich glaube sie hat es genossen Luke ein wenig verlegen zu machen mit Geschichten über ihn."

Padmé merkte wie ihre Aufregung verschwand und durch etwas anderes ersetzt wurde. Sie traute sich nicht es beim Namen zu nennen, doch oh ja, sie kannte dieses Gefühl.

"Oh? Leia meinte sie würde sehr oft deine Nähe suchen."

"Nun," Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. ",nicht mehr als jeder andere Pilot. Natürlich kennen wir einander das macht es einfach-"

"Ich werde dir sagen was es am Einfachsten macht:" platzte es plötzlich aus ihr hinaus und sie war über die Heftigkeit und den Nachdruck erstaunt mit der sie es sagte. Er ebenfalls, er sah etwas erstaunt auf, doch die Worte fielen nur so aus ihrem Mund. Sie waren nicht länger aufzuhalten. "Schick sie... Schick sie irgendwo anders hin. Sag mir nicht du kannst das nicht. Du bist General!"

Padmé machte eine ausholende Geste. Obi-Wan starrte sie wie eingefroren an. Für einen Moment dachte sie die Übertragung wäre unterbrochen, dann bewegte er sich plötzlich. Er räusperte sich, als wolle er etwas sagen.

Sie Ignorierte ihn und redete weiter: "Sie hatte es schon vor zwanzig Jahren auf dich abgesehen und sie scheint jetzt keinen Deut besser als damals zu sein. Leia hat mir alles erzählt. Wie sie sich an dich ran schmeißt, mit ihrem engen Overalls und ihren blonden Haaren.

"Meine Güte, sie ist... Vierzig Standardjahre alt? Sie könnte deine Tochter sein, Kenobi! Karlie Kavanaugh. Wenn ich diesen Namen schon höre. Pah!"

Padmé hatte sich in Rage geredet, doch jetzt wo sie alles los geworden war, fühlte sie sich entblößt. Sie starrte in Obi-Wans verwirrte Augen. Nach einem langen Moment des Schweigens hatte er sich zuerst gefangen.

"Padmé," sagte er vorsichtig als schleiche er sich an sie heran. ",könnte es sein das du eifersüchtig bist?"

Für einen Moment starrten sie einander an. Padmé war klar das sie beide an einen ähnlichen Moment vor langer Zeit dachten, wo er ihr die gleiche Frage in Bezug auf die selbe Person gestellt hatte. Padmés Mund war trocken. Was sollte sie darauf erwidern? Irgendwie war das nicht so gut gelaufen, wie sie sich das bei dem Gespräch mit Marjan gedacht hatte.

Sie wandte den Blick ab. Einen Moment dachte sie darüber nach zu lügen. Die Verbindung zu unterbrechen. Ihre Gedanken schweiften zu dem was Marjan gesagt hatte, darüber das er vielleicht die richtige Idee haben würde. Sie starrte ihre Hände an.

"Ja."

Und Obi-Wan, Shiraya segne ihn, starrte sprachlos zurück während sich Unglauben und Hoffnung auf seinen Zügen mischten.

Eine ganze Galaxis trennte sie, aber sein Blick war so durchdringend das sie glaubte er stünde vor ihr. Das blaue Licht des Hologramms verschwamm und dahinter, aus dem dichten Nebel tauchte sein Gesicht vor ihr auf, als sei er bei ihr. Sie beugte sich vor und wollte ihn berühren, mehr als alles andere. Wäre er doch nur hier.

"Ja, das bin ich." fuhr sie schließlich mit gepresster Stimme fort. "Bitte..."

Die Hand die bis eben ruhig auf dem Schreibtisch gelegen hatte schloss sich nun zur Faust, als versuche er seiner Emotionen Herr zu werden.

Sie biss sich auf die Unterlippe. Bitte, was?

"Was, Padmé?" Sie wusste er hatte etwas anderes als ihren Namen sagen wollen. Sie konnte es fast schmecken. Liebste. Da war es wieder.

Doch seltsamerweise verspürte sie keine Angst. Sie spürte statt dessen so etwas wie Aufregung. In ihrer Vorstellung schloss sich seine Stimme um das Wort und machte es erträglich.

Die Panik blieb erstaunlicherweise aus.

"Komm... Komm bald heim." brachte sie stockend über ihre trockenen Lippen.

Bevor er noch etwas erwidern konnte, hatte sie den Holoprojektor ausgeschaltet und ließ sich mit geschlossenen Augen auf ihr Bett zurück fallen.

Sie schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte wiederholt den Kopf. Immer noch sah sie sein Gesicht, seine Augen- diese gütigen Augen.

Doch, in ihrer Brust gab es ein unangenehmes, beinahe neues Gefühl von dem sie nicht wusste was es war. Keine Angst, eher eine Art heftige Aufregung. Keine Panik, aber eine wilde Unruhe, die ihr Herz so schnell schlagen ließ das sie das Klopfen bis in ihren Kopf spürte. Das Blut floss bis in ihre Wangen und zauberte eine zarte Röte auf ihre Wangen.

Ihre Hände waren feucht, ihre Knie weich und ihr Magen flau.

Padmé hielt inne und sammelte sich.

Wenn sie es nicht besser wüsste würde sie sagen sie sei verliebt.

Es dauerte eine Weile diesen Gedanken anzunehmen, doch dann brach es aus Padmé heraus. Sie schlug die Hand vor den Mund und lachte.

Natürlich gab es keine Möglichkeit für Padmé zu prüfen ob Obi-Wan Karlie tatsächlich auf eine andere Station versetzt hatte, doch trotzdem war sie erleichtert.

War es tatsächlich nur die Tatsache das sie ihm ihre Gefühle, auch wenn es auf eine recht unpassende Art, mitgeteilt hatte?

Padmé hatte das Gefühl das sich etwas veränderte. Das sie sich veränderte. Wo sie zuvor keinerlei Freude an ihrer Heimat empfunden hatte, sondern es lediglich als das Ziel angesehen hatte das sie Jahrelang in Aussicht hatte, stellte sie nun fest wie viel Schönheit um sie herum war.

Sie verbrachte mehr Zeit mit Cordé und Benji, zeigte ihnen die Plätze die sie als Kind gemocht hatte, ging mit ihnen schwimmen oder spazieren. Sie sollten Naboo kennen lernen. Padmé selbst wollte Naboo wieder kennen lernen.

Sie wollte sich erneut in ihre Heimat verlieben. Das tat sie auch. Nach und nach nahm sie die Farben wahr, sehnte sich nach dem Wasser, genoss den Wind in ihren Haaren. Doch trotzdem...

Da lag eine Sehnsucht in ihr die sie nicht erklären konnte. Es fühlte sich wie Heimweh an.

Manchmal, wenn sie vom Markt kam, nahm sie den langen Weg nach Hause und durchquerte die Wiesen die am Rande Theeds lagen. Die Frühlingssonne schien ihr dann ins Gesicht, wärmte sie während der Wind ihr immer noch eine Gänsehaut über die Arme kriechen ließ.

Wenn sie die Augen schloss konnte sie sich vorstellen das sie nicht allein war. Die Hand ausstrecken und Obi-Wans Hand finden. Ihre Knöchel gegen die seine reiben, bevor sie ihre Handfläche auf die seine legte und sie dann umschlang. Eine andere Art Kuss.

Sie vermisste ihn. Noch immer waren ihre Erinnerung lückenhaft und das was sie in ihren Alpträumen sah, wollte sie lieber vergessen, doch sie spürte das die Hoffnung etwas verändert hatte. Padmé hatte begonnen zu heilen.

"Erzähl mir von der schwierigsten Zeit in eurer Beziehung." forderte Marjan sie gerade auf. Padmé wandte sich wieder ganz dem Gespräch zu.

Sie wusste was Marjan meinte und doch... Einen Moment tat sie so als würde sie überlegen. Sie fragte sich ob sie lügen sollte.

Langsam entließ sie die Luft aus ihren Lungen und sah auf ihren Schoß.

"Vor vierzehn, nein, fünfzehn Jahren."

Ihr Blick schweifte über die sommerliche Landschaft und erblickte dahinter die Wüste Tatooines. Die Feuchtfarm auf der sie gelebt hatte. Ungebeten fiel ihr der Tag von Cordés und Sabés Geburt ein. Wie lange hatte sie in den Wehen gelegen? Wie viele Stunden hatte sie sich durch den Hof gequält und Obi-Wan verflucht und ihm geschworen nie wieder mit ihm zu schlafen?

Dann war da Sabés Gesicht in ihren Gedanken. Rot und wütend und so lebendig. Während Cordé damals schon ruhig gewesen war. Sabé hatte sofort all ihre Aufmerksamkeit gefordert. Padmé glaubte nicht das sie jemals ihr Gesicht vergessen würde.

"Vor fünfzehn Jahren starb unsere Tochter, Sabé. Sie war noch kein Jahr alt."

"Das tut mir leid, Padmé."

Die einfachen Worte des Mitgefühls waren auszuhalten. Marjans Augen hingegen... Padmé blickte hinfort. Marjan wusste nicht was es hieß eine Mutter zu sein. Sie war etwas anderes. Ebenfalls eine Mutter, aber nicht wie Padmé.

Marjan hatte ihre Gläubigen und für diese nahm sie auch die Stellung einer Mutter ein. Doch es war einfacher. Sie war die Mutter all dieser Menschen und auch wenn sie trauerte wenn ein Leben endete... Es war anders zu sehen wie das leibliche Kind vor einem starb.

Sabés kleines Gesicht in ihrer Erinnerung, still und weiß, beinahe so als würde sie schlafen. Nur jemand der sie nicht kannte hätte denken können das Mädchen schliefe. Denn sie war nie so still gewesen, nicht einmal im Schlaf. Padmé wusste noch genau wie sie vor den Gittern ihres Bettes gesessen hatte. Unfähig zu verstehen was geschehen war.

"Die Zeit danach war sehr hart. Für uns alle. Als Eltern haben wir gelitten und uns als Paar beinahe verloren. Es gibt nichts schlimmeres als das ein Kind vor seiner Zeit stirbt. Sein Kind zu überleben... Das sollte niemand erfahren müssen.

"Ich habe getrauert. Obi-Wan... Es war ihm nicht möglich die Trauer zu zulassen. Die Jedi glauben sie sind Teil der Macht und wenn man stirbt geht man lediglich in eine andere Form der Existenz über und natürlich, wenn man demnach geht gibt es keinen Grund um einen geliebten Menschen zu weinen. Ich konnte nicht aufhören zu trauern und er erschien mir hartherzig und kalt.

Wir entfernten uns voneinander. So weit das ich dachte es gäbe kein zurück."

"Und dann? Wie habt ihr euch wieder gefunden?"

Padmé gönnte sich ein grimmiges Lächeln.

"Ich habe ihm gedroht ihn zu verlassen."

Marjans Gesicht war ausdruckslos. Wenn sie Padmé deshalb verurteilte, dann konnte sie es gut verstecken.

"Und dann...?"

"Dann hat das Schicksal nachgeholfen. Shiraya? Die Macht? Ich weiß es nicht."

Padmé rang mit den Händen. Plötzlich war sie dort, in ihrer Küche. Er stand vor ihr. Sie erinnerte sich an das dunkle Blut auf seinem Umhang und den Schock, die Angst darüber. Es war klar was passiert war, trotzdem musste sie wissen ob er verletzt war.

Sie hatte ihn berührt: Gesicht, Schultern, Oberkörper. Er hatte sie aus dunklen Augen angesehen und es geduldet. Er wirkte besiegt.

"Wir haben uns gestritten."

Ihr Herz schmerzte bei der Erinnerung. Sie konnte seine bewegte Stimme hören, als stünde er neben ihr. Das Eingeständnis seiner emotionalen Überforderung.

"Ich weiß noch wie ich mich darüber gewundert habe wie sehr ich ihn liebe. Ich war mir sicher das ich ihn nicht verlassen könnte."

Padmé konnte die Tränen nicht länger aufhalten.

"Sieh uns an. Wo sind wir jetzt?" Die Frage war sinnlos. "Ich bin hier, allein. Und er auf der anderen Seite der Galaxis, ebenfalls allein."

Als Padmé Marjan durch den Tränenschleier ansah musste sie feststellen das die Priesterin ein zufrieden lächelte.

Padmé sah die andere Frau entgeistert an.

"Warum lächelst du?"

Marjan nahm ihre Hand, das Lächeln noch etwas breiter.

"Erzähl weiter, Padmé. Ihr habt euch gestritten. Woran erinnerst du dich noch?"

Padmé war verwirrt, kam der Aufforderung aber nach.

"Ich erinnere mich daran wie er mich schroff zurecht gewiesen hat, weil ich nicht sofort getan habe was er verlangte. Ich sollte mich mit den Kindern verstecken, konnte ihn aber nicht einfach gehen lassen. Was wenn etwas geschehen würde und er-"

"Warum hat er das gesagt?" Marjan presste Padmés Hand, hielt sie im Hier und Jetzt.

Padmé runzelte die Stirn. Sie suchte nach den Worten. Die Einzigen die sie fand erstaunten sie, ebenso sehr wie sie feststellte das es die Wahrheit war: "Weil er uns liebte."

"Liebte? Vergangenheitsform?"

Padmé biss die Zähne zusammen. Ihr Mund war trocken und ihre Augen brannten.

"Weil er uns liebt."

"Auch dich?"

Padmé seufzte tief.

"Ja, Marjan. Natürlich. Auch mich."

"Hmm... Was geschah dann? Erinnerst du dich an noch mehr?" Die ältere Frau sah sie wartend an, während Padmé nachdachte.

"Ich weiß nicht, ich..." Padmé stockte. Die Erinnerung kam diesmal langsamer. Mehr streiten, mehr hässliche Worte. Padmé spürte den bitteren Nachgeschmack zu großer Ehrlichkeit. Und dann...

Jeden Tag habe ich Angst das euch etwas passiert, das ich euch nicht beschützen kann.

In dieser Nacht waren sie so weit entfernt gewesen das es auch anders hätte Enden können. Das sie trotzdem den Sprung über den Abgrund getan hatten um sich wieder zu finden, war ein Zeichen ihrer Liebe zueinander. Er hatte sich ihr in dieser Nacht offenbart. Ihr eine Seite seiner Selbst gezeigt, seiner Liebe, die sie so nicht gekannt hatte.

Sie waren sich näher gekommen. Waren enger verbunden. Danach hatten sie das getan was viele Menschen taten um sich einander Nahe zu fühlen in Zeiten größter Einsamkeit. Sie waren in einem Strudel aus Gefühlen und Leidenschaft untergegangen.

Das Blut schoss ihr in die Wangen bei dem Gedanken. Sie erinnerte sich sehr genau daran wie sie einander die Kleidung vom Leib gerissen hatten. Nicht einmal alles an Kleidung, nur die Teile die ihnen im Weg gewesen waren. Wie unvorsichtig sie miteinander gewesen waren in ihrem Ziel sich zu vereinigen.

Sie war nicht schnell genug mit seiner Hose gewesen. Er hatte ihre Hände grob aus dem Weg geschoben und es selbst getan. Dann schnell das Nachthemd aus dem Weg gezerrt und aus ihrer eigenen Unterwäsche geschlüpft.

Schließlich hatte er sich in ihr vergraben. Sie erinnerte sich. Wie ihre Muskeln nachgegeben und sie nur gedacht hatte das sie alles nehmen würde was er ihr gäbe. Jedem seiner Stöße war sie entgegen gekommen, hatte ihm an Leidenschaft in nichts nachgestanden. Es war Verzweiflung und Lust gleichermaßen gewesen. Es hatte weh getan, nicht nur körperlich. Aber sie hatte den Schmerz begrüßt und es hatte sich in eine Lust verwandelt, die nur aus Schmerz geboren werden konnte.

Einen Moment verlor sich Padmé in der Erinnerung. An den Moment in dem er aufgesehen hatte - seine meerblauen Augen hatten so tief in sie hinein gesehen das sie geglaubt hatte es gäbe niemals wieder Geheimnisse.

Das Schluchzen das ihrer Kehle entrissen wurde, vermischte sich mit einem Auflachen. Padmé richtete sich mit einem Mal auf. Mund und Augen aufgerissen sah sie hinüber wo Marjan seelenruhig und immer noch lächelnd saß.

"Wir haben miteinander geschlafen!" Padmé schlug erschrocken die Hände vor den Mund. "Marjan! Ich erinnere mich daran! Er ist es. In meiner Erinnerung. Er!"

Padmé lachte plötzlich. Die Freude darüber war so durchdringend das sie einige Momente brauchte um wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Marjan ließ ihr einen Moment die Freude über diese Erkenntnis. Doch schließlich sagte sie:

"Versuch dich an andere Streitereien zu erinnern..."

Es dauerte nur einen kurzen Augenblick bis die Bilder in ihr Bewusstsein rieselten. Da war Obi-Wans maßregelnder Blick, der drohende Zeigefinger, die in Ärger zusammen gezogenen Brauen- doch in allen Erinnerungen waren es seine meerblauen Augen die ihr aus der Vergangenheit entgegenblickten. In allen Erinnerungen die sie mit Marjan besprach stellte sie fest das ihre Liebe sich auch hier verbarg.

Wenn er ihr wieder um wieder erklärte warum sie auf Tatooine bleiben mussten, das es sicherer war, das er sie beschützen würde... So tat er das, so sagte er das, weil er sie liebte.

"Wie kann das sein, Marjan?" Padmé war fassungslos.

Erinnerungen, so viele Erinnerungen. Nicht unwillkürlich und nicht nur ein kurzes Aufleuchten in ihrem Hinterkopf, sondern ein ganzer Berg an Erinnerungen. So viele das Padmé sich überwältigt fühlte.

"Wenn du ein Dieb wärst, was würdest du einem Reichen stehlen?"

"Alles von Wert."

"Würdest du den Müll stehlen?"

"Natürlich nicht."

Padmé verstand was Marjan meinte. Vader hatte ihr all die guten Erinnerungen genommen. Die Erinnerungen von denen er dachte das sie ihre Beziehung ausmachten. Doch alles andere, die Streitereien, die Zeit des Schweigens, die Trauer, die Wut- all das war nach wie vor unversehrt und ungesehen in ihr.

Es war wie ein Geschenk das sie entdeckt hatte und sie konnte nicht aufhören es sich anzusehen und sich daran zu erfreuen.

"Du musst lernen dich zu begnügen." Noch immer taten die Worte weh, doch gleichzeitig sah sie Obi-Wans Erkenntnis auf seinen Zügen das er zu weit gegangen war, das er sie verletzt hatte und dies nicht seine Absicht gewesen war.

Im nächsten Moment entschuldigte er sich, aufrichtig, doch sie hatte sich bereits von ihm zurückgezogen und aus ihrem ehelichen Schlafzimmer verbannt. Sie bestrafte ihn mit etwas von dem sie wusste das es weh tat- Liebesentzug.

Es war unnötig zu sagen das es ihr ebenso weh tat. Das sie sich den Großteil der Nacht in dem großen Bett hin und her wälzen würde, bis sie auf seiner Seite lag, in sein Kissen gekuschelt war und seinen Geruch einatmete.

Sie vermisste ihn. Selbst in diesem Moment, zwei Zimmer von ihm entfernt vermisste sie ihn.

Weil sie ihn liebte.

Sie liebte ihn.

Padmé erkannte das dies kein neues Gefühl war. Die ganze Zeit war es in ihr gewesen. Hatte darauf gewartet das sie es wahrnahm und in ihr Bewusstsein hob. Das sie es zuließ, es spürte und neuem Leben einhauchte.

Hier war es: Ein unbewohntes Haus, das lange Zeit leer gestanden hatte. Doch es hatte unzählige Räume, Nischen und Ecken. Treppen, Erker. Eine zugewucherte Terrasse die in einen geheimen Garten führte. Sie kannte die Einrichtung, die Aufteilung, was sich in den Schubladen befand. Welche Pflanzen im Garten einmal angepflanzt worden waren.

Mit ein bisschen Pflege würde sie es wieder herrichten können.

Die erlösenden Tränen fielen endlich. Wie lang ersehnter Regen nach einer Dörre lief das salzige Nass über ihr lächelndes Gesicht. Die Schluchzer waren nicht aufzuhalten.

Marjan zog sie fest an sich und streichelte beruhigend ihren Rücken und das Haar. Padmé gab nach, sie ließ sich halten. In diesem Augenblick der Erkenntnis konnte sie nicht stark sein. Die Gefühle waren zu übermächtig.

Keine der beiden Frauen sprach. Es dauerte eine Weile bis Padmé sich beruhigt hatte. Die Tränen versiegten nur langsam, das Schluchzen verwandelte sich in einen Schluckauf und schließlich war es nur leises Schniefen.

"Es war die ganze Zeit da, warum konnte ich es nicht sehen?"

Marjan schüttelte den Kopf.

"Du warst nicht bereit dazu."

"Aber ich habe uns beiden so weh getan."

"Dann wirst du jetzt alles daran legen es wieder gut zu machen." Marjan streichelte ihre Wange, so wie eine gutmütige Mutter es tun würde. "Du bist auf dem richtigen Weg, Kind. Jetzt kannst du anfangen zu heilen. Du wirst sehen, du wirst heilen. Die Götter haben dir immer nur so viel aufgebürdet als das du es auch bewältigen konntest."

"Marjan... Ich möchte wieder ganz sein."

"Der Schlüssel dazu lag die ganze Zeit in dir, Padmé. Nur du kannst dir helfen." Die ältere Frau strich ihr das Haar aus dem Gesicht und lächelte sie an. "Doch das heißt nicht das du diesen Weg allein gehen musst. Es gibt Leute, Leute die dich lieben und schätzen, die dich auf diesem Weg begleiten werden."

Padmé nickte, dankbar. Sie würde es nie ganz in Worte fassen können wie sehr.

"Komm, Kind, ich begleite dich nach Hause."

Es folgte nachdenkliches Schweigen. Als das Haus in Sicht kam fragte Padmé: "Woher wusstest du es?"

"Hmm, nun... Du hast immer mal wieder über Erinnerungen gesprochen. Ich habe mir Gedanken gemacht und... Es war einen Versuch Wert."

Padmé schüttelte den Kopf, als könnte sie es nicht ganz fassen. Hatte sie sich wirklich schon zuvor erinnert? Gerade fiel es ihr schwer sich auf etwas anderes zu konzentrieren als der verborgene Schatz auf den sie heute gestoßen war.

Den restlichen Abend verbrachte Padmé damit das Bild Obi-Wans in ihrer Erinnerung anzusehen. Es war schön und traurig zugleich. Der Augenblick in dem er ihr eingestanden hatte wie schwer es war zu lieben bittersüß.

Sie dachte an die Art wie er die Brauen widerwillig zusammenzog und den Bart rieb, während er sie aus blauen Augen kühl musterte.

Das Letzte an das sie sich erinnerte war wie er ihr den Raum der tausend Brunnen gezeigt hatte. Sie dachte an Sabé in Qui-Gons Armen. Die Trauer und das Glück das sie in diesem Moment gleichermaßen empfunden hatte. Die Erinnerung war beinahe überwältigend in der Intensität.

Dann, hatten sie sich angesehen und sich ineinander verloren, sich aneinander festgehalten, als seien sie die einzigen beiden Menschen in diesem Universum.

Es war ein ernstes Bild, doch Padmé lächelte selbstvergessen. Nichts war ihr seit langem so schön vorgekommen. Nicht Naboo in all seiner Herrlichkeit, nicht die Wiedervereinigung mit Mutter und Schwester, nicht das Gefühl als sie erwacht war nachdem sie Yoda aufgesucht und er ihr geholfen hatte.

Wenn sie dieses Bild sah wusste sie: Alles würde gut werden.

Wir haben ihren Tot überstanden und sind stärker daraus hervorgekommen. Wir werden auch das schaffen.

Wie seltsam, dachte Padmé nun, Sabé zu verlieren und daran zu zerbrechen und nun, Jahrzehnte später darüber einen Weg zu finden zu heilen.

Die Trauer und Dankbarkeit die sie ihrer Tochter entgegen brachte war grenzenlos.

In dieser Nacht schlief sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein. Die Tränenspuren waren bereits getrocknet.

Schreie und Blut. Das ohrenbetäubende Tosen von Feuerwaffen und Blastern. Aufwirbelnder Dreck um sie herum. Keine Angst. Nur höchste Konzentration im Angesicht des Feindes.

Padmé war mittendrin. Desorientiert. Es geschah zu viel um sie herum um alles zu verstehen. In einem Moment hatte sie in ihrem Bett gelegen und im nächsten Moment war sie hier.

Warum war sie hier?

Dann sah sie ihn.

Er lag in einem der Graben und blockte Schüsse mit seinem Lichtschwert. Etwas war nicht richtig. Erst beim näheren hinsehen entdeckte sie das seine rechte Körperseite vollkommen verbrannt war. Padmé konnte beinahe das brennende Fleisch riechen. Die Übelkeit überkam sie schlagartig.

Dann sah sie ihn: Die schwarze Gestalt stand unbeweglich am anderen Rand des Schlachtfeldes und blickte nieder auf den Jedi. Um sie herum herrschte Chaos und Krieg.

Doch als der Ältere den schwarz-vermummten Sith-Lord erblickte kämpfte er sich auf, den Mund zu einer grimmigen Linie verzogen. Er fiel in Kampfesstellung.

Sie konnte es nicht sehen, doch Padmé kannte den Sith-Lord und so war sie sich sicher das er hinter seiner schwarz-glänzenden Maske lächelte. Er zog sein Lichtschwert und überquerte das Schlachtfeld.

Als sich das erste Mal ihre Schwerter in surrenden Schlägen kreuzten wachte Padmé auf. Ihr Herz raste. Der Schweiß trocknete bereits wieder.

Ein Alptraum.

Es war nur ein Alptraum.

Nichts weiter.

Ich muss es nur oft genug sagen, dann werde ich es glauben.

Padmé wiederholte diese Worte, während sie aus dem Bett taumelte. Unruhig lief sie in ihrem hell erleuchteten Schlafzimmer auf und ab.

Es waren bereits die frühen Morgenstunden. Graues Licht strömte inzwischen durch die geöffneten Fenster. Die kühle Morgenfrische riss sie aus ihrer Panik, nun war sie so in Gedanken versunken das sie nicht merkte das ihre Füße eisig kalt waren. Ihr Körper unter dem dünnen Nachthemd zitterte unwillkürlich.

Nur ein Alptraum, Padmé. Doch egal wie oft sie den Satz wiederholte, es gab einen Teil in ihr der es nicht glaubte das dies nur ein Traum gewesen sein sollte. Dieser Teil in ihr drängte sie dazu aufzubrechen um nach ihm zu sehen. Wollte wissen ob es ihm gut ging. Hoffte das er jetzt gerade in seinem Bett lag und schlief und nicht gegen Darth Vader kämpfte.

Die Bilder wollten nicht von ihr ablassen. Sobald sie die Augen schloss tauchten sie wieder vor ihr auf. Nicht nur die Bilder, auch die dazu gehörigen Gefühle und Gedankenfetzen.

Padmé ließ sich auf dem Bett nieder und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.

Es war nur ein... Sie schüttelte ihren Kopf und biss die Zähne zusammen. Wen versuchte sie eigentlich hier zu überzeugen? Denn auch wenn sie den Satz wiederholte wusste sie doch die Wahrheit.

Etwas stimmte nicht.

Padmé schloss in aller Eile die Fenster. In aller Eile zog sie einen schwarzen langen Mantel und Schuhe an. Zielstrebig ging sie zu Marjans Haus. Sie klopfte solange an die Tür bis sie sah wie jemand das Licht anknipste.

Marjan trug einen dunkelroten Morgenrock, den sie noch zuzog als sich die Tür bereits öffnete. Sie wirkte etwas zerzaust, doch ließ sie in ihr Haus mit nur einem kurzen Blick auf Padmés gehetztes Gesicht.

Sie führte sie in eine kleine Küche, wo sie einander gegenüber saßen und Tee tranken, den Marjans Frau mit sorgenvollen Augen aufgebrüht hatte.

Die Priesterin hörte Padmé aufmerksam zu, den Zeigefinder an die Lippen gelehnt, als wolle sie sich dazu bringen zu warten bis Padmé fertig war mit reden.

Marjan schüttete noch einmal Tee nach. Padmé nickte ihr dankend zu und schlang die kalten Hände um die heiße Tasse.

"Ihr habt schon einmal Kontakt im Traum aufgenommen." Padmé spürte wie sie errötete bei der Umschreibung. Marjan lächelte ein verschmitztes Lächeln, doch beließ es dabei. "Könnte es sein das du das Band unterdrückst? Oftmals sind wir im Traumzustand geöffnet und verletzbar. Auch wenn ich kein Jedi bin, nach allem was du erzählt hast könnte ich es mir vorstellen."

Sie hielt inne. Ihre Ehefrau berührte kurz ihre Schulter, bevor sie in Richtung Schlafzimmer verschwand. Dann sagte sie: "Natürlich ist das was der Traum zeigt beunruhigend... Vielleicht solltest du ihn aufsuchen. Dich vergewissern das alles in Ordnung ist."

"Ja, das war auch mein Gedanke." Padmé stand plötzlich auf. "Ich sollte schon längst auf dem Weg nach Hoth sein. Ich habe ein schlechtes Gefühl, Marjan."

"Setz dich hin und trink deinen Tee aus. Du bist ganz verwirrt, Kind. Du musst mit deinen Kindern sprechen bevor du dir ein Schiff nimmst."

Padmé rieb sich die Stirn. Marjan hatte recht. Sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Es fiel ihr schwer bei sich zu bleiben. Immer wieder sah sie Obi-Wan und Darth Vader auf dem Schlachtfeld. Es jagte ihr eine Heidenangst ein.

"Natürlich. Daran habe ich nicht...Danke Marjan." Sie trank den Rest ihres Tees.

Sie würde die Kinder zu ihrer Mutter bringen. Mitnehmen stand außer Frage, wer wüsste schon was auf sie wartete, wenn sie nach Hoth käme? Padmé erzitterte bei dem Gedanken.

Nein, dachte sie, er ist nicht tot. Padmé hätte es gespürt. Selbst wenn das Band nicht mehr war, die Macht würde ihr Obi-Wan nicht so einfach entreißen. Sie würde es spüren.

In der Macht, aber vor allem in ihrem Herzen, mit dem er jahrzehntelang auf innigste verknüpft gewesen war.

Ich komme zu dir, dachte sie als sie Marjans Haus unter den ersten Sonnenstrahlen verließ. Ich komme zu dir, halt noch durch!