Sommerregen
Kapitel 46
Hermine wischte grob die Tränen beiseite, die über ihre Wangen gelaufen waren. Sie war müde, dachte aber nicht daran, jetzt eine Pause einzulegen. Nicht bevor sie alles vorbereitet hatte.
Gähnend trat sie einen Schritt zurück und sah sich um. Ihre Recherchen über Godric's Hollow, die sie mithilfe der Geschichte der Zauberei zur Vollendung gebracht hatte, waren abgeschlossen. Der Raum der Wünsche war voll und ganz ihren Bedürfnissen angepasst und nur schwer als das wiederzuerkennen, was er während ihrer Stunden mit der DA verkörpert hatte. Außer der Tür, durch die man zurück ins Innere von Hogwarts gelangen konnte, gab es noch eine weitere, die nach Hogsmeade führte. An den Wänden brannten ringsherum Fackeln und ließen den steinernen Boden in glutrotem Licht erstrahlen, die Decke war so hoch, dass sie kaum auszumachen war; es war ein gespenstischer Ort, der den einfachen Zweck erfüllen sollte, Nagini in eine Falle zu locken. Nun, da sie es geschafft hatte, alles so zu gestalten, wie sie es brauchte, blieb nur noch eins zu tun.
„Dobby?"
Das leise Wispern ihrer widerhallenden Stimme versetzte ihr eine Gänsehaut. Es gab einen Knall und Hermine stellte erleichtert fest, dass es funktionierte.
„Ich bin so froh, dich zu sehen", sagte sie, bückte sich und fiel dem Elfen um den Hals. Es brauchte nicht lange, ihm zu erklären, was sie von ihm wollte. Alles lief genau nach Plan.
Nachdem der Elf eingewilligt hatte, im Raum der Wünsche auf ihre Rückkehr zu warten, verabschiedeten sie sich und Hermine machte sich auf den Weg zu der Tür, die sie nach Hogsmeade bringen sollte.
Am Aufgang der Treppe, die von den Kerkern nach oben führte, war Snape indes in Gedanken viel zu beschäftigt, um auf sein hämmerndes Herz zu hören, das ihm vor Aufregung bis zum Hals schlug. Er rauschte weiter, glitt wie ein Wirbelwind durch die Gänge und schnappte sich den erstbesten Gryffindor-Schüler, den er sich greifen konnte. Seine Hand legte sich unnachgiebig auf die Schulter des armen Jungen, seine langgliedrigen Finger gruben sich tief in dessen Fleisch.
„Mr Creevey, wären Sie so freundlich, in Ihrem Turm nach Mr Weasley zu suchen. Er soll Potter aus dem Krankenflügel holen, beide haben unverzüglich in meinem Büro zu erscheinen."
Colin machte ein Gesicht wie damals, als der Basilisk ihn zum Erstarren gebracht hatte.
„Ja, Sir."
Snape fletschte die Zähne und lockerte seinen Griff.
„Gut. Gehen Sie."
Sich die schmerzende Schulter reibend, eilte Colin davon. Snape atmete auf und sah ihm mit einer befriedigenden Genugtuung auf den dünnen Lippen nach. Die Angst des Jungen stachelte ihn an. Er wusste genau, dass Potter zögern würde, auf ihn zu hören. Der einzige Weg, ihn und den Sohn seines Erzfeindes zu vereinen, führte über Hermine. Sie hatte an alles gedacht, sogar daran, dass niemand ihn verdächtigen konnte, etwas mit Naginis Tod zu tun zu haben. Nur ihre eigene Sicherheit hatte sie nicht berücksichtigt.
Ohne Vorwarnung kehrte das schlechte Gewissen in ihn zurück. Es war nie seine Absicht gewesen, die willenlose Marionette anderer zu werden. Seit seiner Kindheit war er mehr oder weniger auf sich selbst gestellt gewesen und hatte sich durchschlagen müssen, einzig und allein die Aussicht vor Augen, eines Tages nach Hogwarts zu kommen. Erst dort, als sich sein Geist entfalten konnte, hatte er angefangen, Mut zu schöpfen. Doch sein Ehrgeiz hatte ihn zu weit getrieben. Weder dem Dunklen Lord noch Dumbledore hätte er zugetraut, dass sie ihn derart an sich fesseln würden. Welche Chance war ihm also geblieben? Er hatte nie eine andere Wahl gehabt, als mitzuspielen, wenn er seine Widersacher abschütteln wollte, die ihm das Leben zur Hölle gemacht hatten.
„Was glotzen Sie so, Miss Lovegood?"
Luna blieb unmittelbar vor ihm stehen und nahm die eigenartige bunte Brille ab, die sie auf der Nase sitzen hatte; er sah sie nicht zum ersten Mal damit und hatte insgeheim schon gewettert, wann sie sie im Unterricht tragen würde.
„Es ist Ihr Kopf, Professor. Ich wette, ein Schlickschlupf sitzt darin. Ihnen schwirren zu viele Gedanken auf einmal durch den Kopf. Das ist nicht gut."
Snape sah sie abschätzig von oben herab an und knurrte. Wenigstens hatte sie so viel Taktgefühl, ehrlich das zu sagen, was sie dachte, anstatt wie all die anderen nach Ausflüchten zu suchen; bei genauerer Überlegung hatte sie mit dem, was sie gesagt hatte, nicht mal ganz unrecht.
Zwei jüngere Hufflepuffs, die gerade um die Ecke gebogen waren, machten bei seinem Anblick kehrt und suchten schleunigst das Weite. Früher hätte er hämisch darüber gelacht, jemanden zu sehen, der sich aus Furcht vor ihm fast in die Hose machte, heute gab ihm jeder dieser kleinen verängstigten Wichte Kraft. Sie zeigten ihm, dass er jemand war, dass er es am Ende doch zu etwas gebracht hatte. Worauf wartete er also noch? Es gab viel zu tun. Er musste sich nur erst darüber klar werden, wo er anfangen sollte.
Luna schien den Vorfall nicht bemerkt zu haben. Sie setzte ihre Brille wieder auf und hüpfte beschwingt davon. Er ließ sie ziehen. Sie war mit der bemerkenswerten Ausnahme von Neville eine der wenigen unter seinen Schülern, bei denen er bis heute nicht mit Gewissheit sagen konnte, inwieweit sie bei Sinnen war oder nicht - an Hermine wagte er im Augenblick nicht einmal zu denken.
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„Was soll das heißen!", rief Harry erbost und knallte den Brief, den Hermine an ihn gerichtet hatte, auf Snapes Tisch. „Was soll heißen, sie wird da sein? Wo wird sie sein?"
Die Stimmung in Snapes düsterem Büro in den Kerkern war alles andere als gut. Als wären die Vorwürfe, die der Professor sich machte, nicht schon schlimm genug gewesen, musste er sich nun auch noch mit Harrys Arroganz herum quälen.
„Ihr Plan sieht vor, Nagini in den Raum der Wünsche zu locken, wo wir sie töten werden", sagte Snape träge.
„Aber das ist viel zu gefährlich!"
„Genau deshalb müssen wir ihr zuvor kommen. Wir dürfen die Schlange auf gar keinen Fall in die Nähe der Schule bringen und werden ihr stattdessen in Godric's Hollow auflauern."
Harry schüttelte verständnislos den Kopf.
„Wieso um alles in der Welt glaubt Hermine nur, dass sie dort sein wird?"
„Weil Nagini seit einiger Zeit dort versteckt wird."
„Natürlich. Lassen Sie mich raten, Professor", sagte Harry, wobei er das letzte Wort besonders hasserfüllt betonte, „das hat sie von Ihnen, nicht wahr?"
Snapes dunkle Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen. Er beugte sich gefährlich nah zu Harry hinab, der trotz der einschüchternden Gestalt seines Lehrers nicht die geringsten Anstalten machte, nachzugeben. Alle beide standen sich gegenüber, den Tisch in ihrer Mitte und starrten einander in die Augen.
„Das ist weder der richtige Augenblick, noch der richtige Ort, um darüber zu diskutieren, Potter", bellte Snape.
„Tatsächlich", höhnte Harry. „Ich frage mich gerade, wie es Hermine gelungen ist, Hogwarts zu verlassen."
„Liegt das nicht auf der Hand?", sagte Snape mit gekräuselten Lippen.
„Sagen Sie nicht", keifte Harry, was Snape dazu veranlasste, die Brauen zu heben, „Sie hätten sie nach draußen geschmuggelt, um ihr dabei zu helfen, diesen dämlichen Plan zu vollenden!"
„Sie enttäuschen mich, Potter. Haben Sie den Brief nun gelesen oder nicht?"
„Ja."
„Dann erübrigt sich diese Frage. Sie hat den Raum nach ihren Wünschen gestaltet, das ist alles, was Sie wissen müssen."
„Aber ich dachte, es sei unmöglich, die Schule bei den derzeitigen Sicherheitsvorkehrungen zu verlassen!"
„Das gilt nicht für den Raum der Wünsche, Harry", warf Ron geistesgegenwärtig ein.
„Schön, dass wenigstens einer von Ihnen den Gedankengängen Ihrer Freundin folgen kann", sagte Snape. „Nun, sobald Sie die Giftzähne haben, machen Sie sich auf den Weg zum Raum der Wünsche. Wir werden uns dort treffen, nach Hogsmeade gehen und Seite an Seite nach Godric's Hollow apparieren, was nicht allzu schwer sein dürfte. Vergessen Sie nicht, den Tarnumhang mitzunehmen, Potter, er könnte sich als nützlich erweisen. Ich kümmere mich inzwischen um Dumbledore und das Schwert. Klar soweit?"
Harry schlug mit der Faust auf den Tisch. Die selbstgefällige Art seines Professors schien ihm nicht besonders zu behagen. Zudem war der Tarnumhang seines Vaters wie ein rotes Tuch, das zwischen ihm und Snape ausgebreitet böse Erinnerungen an Harrys drittes Schuljahr wachwerden ließ.
„Sind Sie anderer Meinung, Potter? Ich bin mir sicher, dass wir irgendwann dazu kommen werden, diese Unterhaltung zu vertiefen. Aber nicht heute. Wir haben einen Horkrux zu zerstören, lassen Sie uns gehen."
„Ich schwöre dir, ich brech ihm seine krumme Nase", zischelte Harry Ron auf dem Weg in die Kammer des Schreckens zu, aus der sie die Giftzähne holen wollten, wie Hermine es vorgesehen hatte.
„Du hast mein vollstes Verständnis, Harry", sagte Ron lässig. „Aber du hast gehört, was er gesagt hat. Wir dürfen Hermine nicht im Stich lassen."
„Ich wünschte nur, sie hätte uns was gesagt, anstatt sich einfach auf und davon zu machen. Was, wenn es schief geht? Oder wenn Snape nicht kommt, weil er seine Tarnung nicht auffliegen lassen will?"
„Sag das nicht, Mann. Er wird kommen. Immerhin geht es um Hermine."
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Im Schulleiterbüro klemmte Snape das Schwert von Gryffindor im Inneren seines Umhangs verborgen unter den Arm und klappte das Portrait Dumbledores zu. Er war bereits auf dem Weg zur Tür, als die Stimme seines Mentors nach ihm rief.
„Einen Moment noch. Bevor du gehst, habe ich dir etwas zu sagen, Severus."
Snape hielt inne. Beinahe spielte er mit dem Gedanken, ihn nicht zu beachten, doch Dumbledores sanfter Tonfall machte ihn stutzig. Er wirbelte herum, und siehe da, der alte Mann enttäuschte ihn nicht. Ein wehmütiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht, dass es fast so aussah, als würden seine blauen Augen feucht glänzen.
„Was ist denn noch, Albus?", fragte Snape am Rande seiner Geduld.
Wenn er alles richtig berechnet hatte, hatte es ihn fast genauso viel Zeit gekostet, seinem verstorbenen Schulleiter das Vorhaben zu erklären, wie die Jungs brauchten, um die Giftzähne des Basilisken aus der Kammer des Schreckens zu holen. Dabei hatte er vorgehabt, vor ihnen den Raum der Wünsche zu erreichen.
„Harry könnte versuchen, das Grab seiner Eltern ausfindig zu machen. Sei vorsichtig und gib Acht, dass euch niemand dort sieht."
Snape presste die Kiefer aufeinander. Dumbledores letzte Worte gingen in einem Gefühl des Schmerzes unter. Die Warnung dahinter erreichte ihn kaum. Er hatte nicht die geringste Lust, im Beisein seiner Schüler den Grabstein der Potters zu besuchen.
„Natürlich, Albus", brachte Snape kaum hörbar hervor, ehe er kehrtmachte und endlich das Schulleiterbüro hinter sich ließ. Es war ihm nahezu unerträglich, sich einzugestehen, dass seine mentale Fassade zu bröckeln drohte, wie es ihm schon einmal passiert war, als Harry in das Denkarium geblickt hatte. Sich jetzt vorzustellen, dass es wieder so vonstatten gehen könnte, drückte ihm fast die Luft ab. Einen grausamen Moment lang wusste er nicht, was schlimmer werden würde: Den Ort aufsuchen zu müssen, an dem Lily gestorben war und wo sie an der Seite ihres Mannes ihr Grab gefunden hatte, oder es auch noch im Beisein ihres gemeinsamen Sohnes tun zu müssen. Doch ihm blieb keine Zeit, sich auszuruhen. Das Leben spielte unbarmherzig mit ihm. Ohne ausreichend gegen das Kommende gewappnet zu sein, setzte er seinen Weg fort.
Als er den Raum der Wünsche erreichte, waren die Jungen schon dort und unterhielten sich mit dem Elfen, den Hermine vorsorglich herbestellt hatte, damit niemand anders den Raum verwenden konnte.
Er war gerade dabei, sich von dem Schreck zu erholen, den Albus ihm bereitet hatte, da hörte er zu seinem Entsetzen, dass Potter und Weasley sich ausgiebig über das Dorf unterhielten.
„Stellt euch nur vor, Godroc's Hollow ist mein Zuhause gewesen. Meine Eltern waren glücklich dort, bis Voldemort sie umgebracht hat. Seither war ich nicht mehr da."
„Muss schlimm für dich sein", sagte Ron.
„Ich wünschte, ich könnte ihr Grab besuchen."
„Dobby würde Harry Potter gern begleiten, Sir."
Harry sah aus, als würde er tatsächlich innig darüber nachdenken, den Elfen mitzunehmen. Und wenn es nur sein sollte, um Snape damit eins auszuwischen.
„Beim nächsten Mal, Dobby", sagte Ron schnell, der auf keinen Fall einen Ärger wie den von neulich mit dem Professor heraufbeschwören wollte. „Du musst hier bleiben und zusehen, dass niemand außer uns den Raum betritt."
Snape verschwendete keine Sekunde und steuerte auf die drei zu, um dem Spuk ein Ende zu bereiten, der ihn wie ein unvorbereiteter Schlag in die Magengrube getroffen hatte. Der Junge platzte geradezu vor Neugier. Er hingegen ärgerte sich jedes Mal, wenn Albus Recht behielt: Lily mit James vor seinem inneren Auge glücklich zu sehen, war das Letzte, was er derzeit gebrauchen konnte.
Schnellen Schrittes näherte er sich ihnen und fasste Potter ins Visier.
„Wir alle wissen, was in Godric's Hollow passiert ist, Potter. Vergessen Sie in Ihrem Eifer nicht, warum wir wirklich hier sind."
Er stürmte an ihnen vorbei und hetzte im Laufschritt auf die Tür zu, die laut Hermines Aufzeichnungen dazu dienen sollte, über einen Tunnel nach Hogsmeade zu führen.
„Der Augenblick der Wahrheit ist gekommen", sagte er an niemand bestimmten gerichtet. „Nutzen wir die Dunkelheit zu unserem Vorteil."
Harry und Ron winkten Dobby zu und setzten Snape nach. Hinter der Tür tat sich ein finsterer Tunnel auf und alle drei zogen ihre Zauberstäbe, um Licht zu machen.
„Ich hoffe, der Gang führt nicht fälschlicherweise zur Peitschenden Weide", murmelte Ron bitter, doch niemand antwortete; die Anspannung wuchs buchstäblich mit jedem Meter, den sie sich von Hogwarts entfernten.
Der Weg kam ihnen endlos vor. Kaum einer der drei sagte etwas und bald fing jeder an, sich in Gedanken vorzustellen, was Hermine wohl gerade machte. Während Harry und Ron dicht beieinander blieben, glitt Snape mit seinen langen Schritten lautlos vorneweg. Als hätten sie es im Stillen so vereinbart, hielten beide Jungs gebührend Abstand zu ihm. Sie hatten schon aus Prinzip beschlossen, auf Snape sauer zu sein, weil es einfacher war, ihm die Schuld für Hermines übereilten Aufbruch zuzuschieben, als selbst dafür aufkommen zu müssen. Nur hin und wieder kam das schlechte Gewissen hoch, das ihnen sagte, sie hätten sich mehr um die Sorgen ihrer Freundin kümmern müssen. Harry ertappte sich sogar dabei, sich zu fragen, ob es richtig gewesen war, ihr Vorwürfe zu machen, weil sie tiefere Gefühle für ihren Professor entwickelt hatte, für die sie im Grunde genommen nichts konnte.
Sie erreichten das Ende des Tunnels und kamen vor der Rückseite eines großen Wandgemäldes zum Stehen.
„Schlüpfen Sie unter den Umhang und sehen Sie zu, dass Sie mit den Füßen nicht solchen Lärm machen wie eben noch. Bleiben Sie drunter, bis ich Ihnen etwas anderes sage. Wir dürfen nichts riskieren."
Harry gehorchte murrend, zog den Tarnumhang aus seiner Jacke und schlug ihn in einem geübten Schwung über sich und Ron.
„Gut", sagte Snape und klang wenigstens halbwegs zufrieden dabei. Er klappte die Rückseite des Wandgemäldes nach außen und stieg durch das freigewordene Loch aus dem Tunnel. Obwohl er nicht genau wusste, was ihn erwartete, hatte er sofort Haltung angenommen. Es schien ihn nicht mal sonderlich zu kümmern, dass er in dem Raum, in den er gelangte, nicht allein war.
„Ah, guten Abend, Aberforth."
Harry blickte sich um, um zu erkennen, mit wem Snape redete. Sie waren in einem schmuddeligen Raum, der entfernt an eine heruntergewirtschaftete Dachkammer in einem alten Bauernhaus erinnerte. Schon tauchte aus dem Schatten einer Tür ein großer Mann an Snapes Seite auf, dessen Gesicht von einem langen Bart überwuchert war. Harry und Ron hielten den Atem an und bemühten sich, so lautlos wie möglich an Snape vorbei aus dem Loch zu klettern. Sie wussten plötzlich, wo sie waren, da sie den Mann schon zuvor gesehen hatten und den Raum einem Hinterzimmer im Eberkopf zuordnen konnten. Was ihnen jedoch erst jetzt auffiel, war die verblüffende Ähnlichkeit des Mannes zu jemandem, an den sie bisher nicht gedacht hatten: Er hatte dieselben stechend blauen Augen wie Dumbledore.
„Ich hab mich schon gefragt, wie lange es dauern würde, bis wieder jemand hier durchkommt", sagte er unwirsch. „Ihr müsst in eurem Schloss ja ganz schön am verzweifeln sein."
„Wie ich sehe, hat Ariana Sie informiert", entgegnete Snape ungerührt, der noch immer den Zauberstab in der Hand hielt, nun aber das Licht gelöscht hatte. „Dann sollte mein Besuch Sie eigentlich nicht überraschen."
„Tut er nicht. Ich weiß, dass Sie im Auftrag meines Bruders hier sind. Und die beiden anderen auch."
Er blickte an Snape vorbei und vermittelte Harry das Gefühl, er würde plötzlich sichtbar und splitterfasernackt dastehen, obwohl er eigentlich sicher war, dass er unter dem Tarnumhang nicht gesehen werden konnte.
„Sehen Sie nur zu, dass Sie es nicht an die große Glocke hängen, Aberforth", sagte Snape warnend, dem sich der Eindruck aufdrängte, zu viele Leute wüssten um das große Geheimnis mit den Horkruxen oder aber auch dem, was sich zwischen ihm und Hermine abgespielt hatte. Dass die Kneipe des Wirts einen zwielichtigen Ruf hatte, war eine Sache. Noch viel mehr störten ihn die ganz persönlichen Erfahrungen, die er im Eberkopf mit Aberforth gemacht hatte, als dieser ihn vor vielen Jahren beim Lauschen erwischt hatte.
Zum Gehen bereit, wandte Snape sich ab, doch Aberforth griff nach seinem Arm und hielt ihn fest.
„Geheimnisse sind bei mir in der Regel gut aufgehoben. Ich denke trotzdem, ich sollte Sie warnen, Snape. Wenn Sie Albus im Schulleiterbüro wiedersehen, sagen Sie ihm, diese Kimmkorn war nach seinem Tod bei mir und hat versucht, ein bisschen was über ihn herauszufinden."
Die blauen Augen des Mannes blitzten auf. Er ließ von Snape ab und sie sahen sich aufmerksam an.
„Was ist passiert?"
„Nicht viel, außer dass ich die Geduld mit ihr verlor. Ich hab ihr geraten, ihre dreckigen Fühler besser nicht bei uns auszustrecken. Diese Skandalnudel wird ganz sicher nichts über ihn bringen, was das Andenken an meine Familie beschmutzen kann." Er stieß ein unheimliches Lachen aus, das ihn ihm Gegensatz zu Albus Dumbledore verbittert wirken ließ. „Aber wem sage ich das, Sie wissen am besten, wie mein Bruder war."
Snape lächelte schmal, ging jedoch nicht darauf ein.
„Können wir von hier aus apparieren?"
Aberforth nickte grimmig.
„Ich hab alle Flüche und Banne aufgehoben, falls das Mädchen zurückkommen möchte. Sie sah ziemlich durch den Wind aus, muss ich sagen. Kam hier durch und spazierte einfach in meinen Laden ... hoffentlich geht es ihr gut."
Snape zuckte zusammen. Es traf ihn wie ein spitzes Messer genau zwischen die Rippen. Sie hatten genug Zeit vergeudet.
Er fuhr herum und streckte seinen Arm aus.
„Potter, Weasley, festhalten. Es geht los."
