Gehetzt huschte Claire an einigen Kollegen vorbei, um den Aufzug noch zu erreichen: ,,Wartet! Wartet!"
Sie hielt einige Unterlagen unter ihrem Arm geklemmt, um nicht zusehen zu müssen, wie diese sich auf dem Flur der Agency verstreuen und entgegnete das freudige Lächeln eines Agenten, der ihr die Tür aufgehalten hatte: ,,Dankeschön."
Sich eine kurze, mentale und körperliche Pause gönnend, atmete Claire durch, während der Fahrstuhl nach unten fuhr. Sie blickte auf die Uhr an ihrem Handgelenk, es war viertel nach zwölf.
Sie war zu spät, wie immer.
…Das kommt davon, wenn man den Superhelden raushängen lassen will, um seinen Chef zu beeindrucken, wie nimmersatt man an Papierkram ist…
Innerlich seufzte Claire, sie hatte mittlerweile wirklich eine richtige Pause verdient und die würde sie sich auch jetzt gönnen. Zu viel war in den letzten Wochen los gewesen, zu viel Dinge mussten bearbeitet werden, zu oft wollte Miller eine Extrawust gebraten haben.
Claire war überarbeitet, hatte kaum noch Zeit für ihre Freunde, obwohl sie gleich das Büro neben ihrem Bruder hatte, hatte sie ihn in der letzten Zeit kaum gesehen.
Ein Klang ertönte und der Fahrstuhl setzte im Erdgeschoss an.
Claire stieg aus und eilte den Gang nach rechts hinab. Sie war seit einer Viertelstunde zum Mittagessen mit Rebecca in der Cafeteria verabredet…
…und setzte einen reumütigen Blick auf, als sie sich zu der Labortleiterin an den Tisch in der Mitte der Cafeteria setzte: ,,Sorry…ich habe es echt versucht!"
,,Und kommst wieder zu spät…" stellte Rebecca amüsiert fest. Sie trug einen weißen Kittel und nippte an ihrem Wasser, ,,…aber das kenn ich ja schon von dir. Wann war Claire Redfield je Pünktlich zu einem Treffen erschienen…"
,,Ja weißt du, der letzte Tag und dann will plötzlich jeder noch was von dir." seufzte Claire und legte die Unterlagen neben sich auf den Tisch.
Rebecca nickte belustigt über Claires Aussage und strecke sich, um dem Küchenpersonal zuzunicken: ,,Ich habe uns das übliche bestellt, Susan und Rita haben es uns warm gehalten, bis du auftauchst."
Claire sah sie grinsend und gestresst an, während die durstig an ihrem eigenen Wasser trank, das bereits vor ihr auf dem Tisch stand: ,,Danke, du bist ein Engel."
Es war Mittagszeit und die Tische waren ziemlich voll mit speisenden Gästen, doch schon nach wenigen Sekunden kam die rundliche Susan und stellte den beiden mit einem herzlichen Lächeln und einem sonnigen Gruß je einen vollen Teller Spaghetti mit Soße hin.
Rebecca und Claire bedankten sich und widmeten sich dann ihren Mahlzeiten.
,,Ich bin am verhungern…"
,,So siehst du auch aus…" lächelte die junge Ärztin, ,,…Hast du nicht schon Urlaub, seit einer viertel Stunde?"
Claire nickte: ,,Ja, ich bringe nachher nur noch diese Akten runter ins Archiv und dann bin ich für zwei Wochen weg!"
,,Ich kann das mit den Akten auch machen, wenn du möchtest. Ich muss ohnehin runter ins Labor."
,,Echt?" Claire schluckte ihre Nudeln runter.
Die Ärztin nickte: ,,Sicher, mach ich doch gern, ist kein Umweg für mich. Geh du nach hause und entspann dich, war ja einiges los in den letzten Wochen."
,,Danke…" Nachdenklich schaufelte Claire bereits die zweite Gabel in ihren Mund. Konnte die plötzliche, gedrückte Stimmung nicht leugnen.
Ja, einiges war passiert.
Die BSAA hatte einiges zu tun, einiges infiltriert und einige Terroristen weltweit dingfest gemacht, die versuchten an Proben der Umbrella-Viren heran zu kommen, diese zu kopieren oder zu verkaufen. Das bedeutete natürlich Korrespondenz mit den anderen Agencys weltweit, Aufräumarbeiten, Schadenbegrenzung und jede Menge Papierkram für Claire. Irgendwie waren die Tage ineinander übergegangen und sie hatte nur von Wochenende zu Wochenende gelebt, doch jetzt wurde es wieder ruhiger.
Claire fragte sich ständig, ob es jemals ein Ende mit all dem geben würde.
…Wohl eher nicht…
Jetzt jedenfalls freute sie sich auf ihren Urlaub, eine wohlverdiente Pause, auch wenn sie dann sich eingestehen musste endlich Zeit für etwas zu haben, was sie wohl unbewusst verdrängt hatte. Eie Tatsache, ein Fakt, eine Tragödie, der sie wohl aus dem Weg gegangen war.
Es war wirklich heftig gewesen, Claire hatte es selbst kaum geglaubt, als Chris ihr die Nachricht überbracht hatte.
…Jills Vater…
Vor fast genau fünf Wochen hatte Dick Valentine einen Herzanfall bekommen, musste in ein künstliches Koma gelegt werden, hatte sich dann, nur wenige Tage später auch noch eine Lungenentzündung eingefangen und hatte sich nicht mehr erholt. Jills Vater war gestorben.
Chris hatte tatsächlich Tränen in den Augen gehabt, als er ihr das mitgeteilt hatte und Jill…sie war völlig fertig gewesen, unfähig zu reden oder irgendetwas zu tun. Sie hatte auf der Beerdigung sogar einen Nervenzusammenbruch erlitten. Das war jetzt knappe vier Wochen her und seither hatte sie kaum etwas von den beiden gehört.
Claire gestand sich ein, das sie sich doch Sorgen machte, sie hätte sich vielleicht nicht so zurück halten dürfen. Zwar lief ihr Chris ab und an hier natürlicherweise über den Weg, doch es schien, als würde er eine längere Konversation meiden, beschränkte sich nur auf ein `Hallo´ und die üblichen Klauseln.
,,Sag mal Becca…" begann Claire dann leise, ,,…Glaubst du es geht den beiden gut? Chris ist so…anders, ich glaube fast, das er mir aus dem Weg geht, ganz zu schweigen davon, das ich weder ihn, noch Jill seit der em…Beerdigung wirklich gesehen habe."
Die Ärztin hielt inne und traf den Blick ihrer Freundin, ehe sie auf ihren Teller schaute und ebenso leise seufzte: ,,Keine Ahnung. Kannst du es ihm oder den beiden verübeln? Du und Chris, ihr habt eure Eltern verloren, du kannst es wohl am besten nachempfinden und wir wissen alle, das Chris sich gut mit Dick verstanden hatte. Es wäre durchaus denkbar, das er eine Art Vaterersatz in ihm gesehen hatte und Jill…nun ja, ich glaube ihre Situation erklärt sich von selbst."
,,Ja, ich verstehe…" murmelte Claire und unweigerlich dachte sie an ihre eigenen Eltern zurück. So lange es her war, so weh tat es noch immer. Oft wünschte sie sich, ihre Eltern wären noch da, könnten sehen, was aus ihr und Chris geworden war. Es würde Claire mit Stolz erfüllen, wenn ihre Eltern ebenfalls stolz auf sie wären.
,,Wirst du zu ihnen fahren?" fragte Rebecca.
Claire nickte langsam: ,,Ja, heute Abend, ich will versuchen die beiden aus ihrem Schneckenhaus zu holen."
,,Sag mir bescheid wie es war, okay?"
,,Wollen wir uns nicht alle irgendwo treffen? Wir vier?" schlug Claire vor.
Rebecca nickte augenblicklich: ,,Ja, sicher, morgen ist Samstag, ich habe Zeit. Wo denn?"
Claire überlegte: Wie wäre es in der Mall? So um zwei?"
Ungläubig blickte die Ärztin ihr entgegen: ,,Du willst deinen Bruder mit drei Frauen auf eine Shoppingtour mitnehmen?"
,,Na und? Er kann die Taschen schleppen…" scherzte Claire und lachte dann über ihre Spinnerei, ebenso wie Rebecca…
Claire schnatterte nicht wenig, nachdem sie aus ihrem Wagen gestiegen und die Treppen zu dem Apartment ihren Bruders hinauf stieg. Es hatte schon vor drei Tagen angefangen zu schneien, es war fast unglaublich wie schnell die Temperatur in der letzten Woche gefallen war.
,,Von wegen goldener Oktober, pah! Diese Wetterheinis sind ja so was von sinnlos!" murmelte sie protestierend, als sie oben ankam. Dann klopfte sie und wartete…
…und versuchte den Schrecken nicht zu zeigen, der ihr durch den Körper fuhr, als Jill ihr kurz darauf die Tür öffnete. ,,Hallo Claire…" grüßte sie halblaut und unemotional.
,,Hi…" brachte die Brünette nur hervor, ermahnte sich ihre Freundin nicht so anzustarren, doch es gelang ihr nicht.
Jill sah furchtbar aus. Sie war noch blasser als frisch nach ihrer Rückkehr aus Afrika, tiefe, rötliche Ringe der Erschöpfung hingen ihr unter den glanzlosen Augen, zeugten davon, das sie entweder nicht viel geschlafen oder geweint hatte. Ihre hellblonden Haaren wellten sich ihr schlapp und stumpf über die Schultern. Claire konnte sich nicht helfen, aber selbst durch das einfach geschnittene, weiße Shirt und die legere Sporthose, die um ihre Figur schlotterte, kam es ihr so vor, als hätte Jill einiges abgenommen. Ihre ganze Erscheinung schien ausgezehrt. Sie sah wahrlich noch schlimmer aus als nach ihrer Rettung.
Stumm deutete Jill ihrer Freundin rein zu kommen.
Claire tat es und musterte die Einzimmerwohnung. Keine Spur von ihrem Bruder war zu sehen, war er etwas doch noch bei der Arbeit?
Sie sah Jill zu, die an ihr vorbei ging. Ihre Schritte waren so schwer, es schien, als würde sie kaum ihre Beine heben können. Sichtlich erschöpft setzte sie sich auf die Bettkante und fand ihre Stimme: ,,Chris ist unter der Dusche."
Claire nickte, hatte wieder kein Emotion in ihr gesehen. Die Trauer war noch immer da, hing tonnenschwer über ihr. Sie sah, wie Jills Augen einfach so Löcher in die Luft starrten, schienen gar nicht mehr wahr zu nehmen, das jemand anderes noch da war.
Die gespenstige Ruhe, in den darauf folgenden Momenten, war beinahe unheimlich. Claire kam sich wie ein eindringlich vor, als wäre sie fehl am Platz, als wäre sie bestellt und nicht abgeholt worden. Sie wagte in den nächsten Minuten noch nicht einmal etwas zu sagen. Es war komisch und dann ging die Badezimmertür auf.
Chris trat in den Raum.
Sein Blick hellte sich augenblicklich auf, einer seiner Mundwinkel hob sich, als er auf seine Schwester zu kam und sie in die Arme schloss: ,,Claire! Was für eine Überraschung!"
Die Brünette entgegnete die Umarmung, spürte neben dem noch feuchten Kopfhaar, die verzweifelt, sehnsüchtigen Arme ihres Bruders und seine durchschaubare, aufgesetzte Heiterkeit. Er schien im Büro in den letzten Wochen niemals so fröhlich zu sein, ging er ihr doch eigentlich immer aus dem Weg und solch eine Umarmung hatte er ihr noch nie gegeben, sie war beinahe Hilfe suchend.
…Hier stimmt etwas ganz und gar nicht!…
Claire löste sich von ihm und lächelte: ,,Weißt du, ich dachte mir, da ich jetzt Urlaub habe, gehe ich doch mal die beiden liebsten Menschen in meinem Leben besuchen. Ich hoffe das stört euch nicht, oder hätte ich vorher anrufen sollen?"
,,Ach was…" lächelte der Agent munter zurück, ,,…ich freue mich dich zu sehen, hatte im Büro kaum Zeit dafür."
,,Das habe ich gemerkt…Ich habe einen Film dabei, wollte ihn mir eigentlich allein ansehen, doch zu dritt macht das sicher mehr Spaß." Claire drehte den Kopf zu Jill, hielt die DVD hoch.
De Blondine starrte noch immer vor sich hin, hatte anscheinend überhaupt nichts mitbekommen. Sie bewegte sich noch nicht mal.
Fragend blickte Claire zu ihrem Bruder, der augenblicklich schwer durchatmend zu Boden sah und auf seine Verlobte zuging. Die Heiterkeit schwand der Wahrheit, der Schein trug offensichtlich. Zwischen den beiden war alles, nur nichts in Ordnung.
Claire warf sich jetzt wirklich vor, weshalb sie nicht früher her gekommen war. Wieso sie es zugelassen hatte, das Jill sich verkroch und ihr Bruder ihren Fragen ausgewichen war. Ja, sie war ihnen wohl auch aus dem Weg gegangen, eben weil sie sich denken konnte, das Jill ohnehin niemanden sehen wollte, zumindest würde es Claire selbst nach einem solchen Verlust so gehen. Wenn sie allerdings geahnt hätte…
Doch sie war jetzt hier, würde mit den beiden reden, sobald es passen würde.
,,Jill?…Hey…" Chris kniete sich vor die Frau die er liebte und legte eine Hand an deren Wange. Er lächelte leicht, doch die Besorgnis war ihm anzublicken, ,,…Träumst du wieder?"
Augenblicklich besann sich Jill und sah ihn aus großen Augen an: ,,Was?" Ihre Stimme war leise.
Chris deutet mit dem Kopf zu seiner Schwester: ,,Claire hat einen Film dabei, hast du Lust?"
Jill drehte den Kopf zu der Brünetten und versuchte ein Lächeln, äußerte sich jedoch nicht. Sie konnte kaum Worte finden, wusste nicht ob sie Lust dazu hatte oder nicht. Sie wusste überhaupt nichts mehr. Es war ihr egal. Alles.
,,Ich wollte auch eigentlich fragen, ob ihr zwei morgen Nachmittag mit mir und Becca in die Mall kommen wollt. Wir haben uns so lange nicht gesehen, können quatschen, ´nen Kaffee kippen und rumalbern…naja…"
,,Ihr drei? Und ich als einziger Kerl?…" Chris lachte leicht, ,,…Ich glaube das ist eher etwas für Jill, nicht wahr?…" er sah sie an, ,,…Würde es dir nicht Spaß machen, mal wieder raus zu kommen? Deine Freundinnen wieder zu sehen…Hm?…" Sein hoffnungsvoller Blick den er seiner Verlobten zuwarf, entging Claire nicht. Die Art in der Chris zu Jill sprach erinnerte Claire fast an ein Gespräch zwischen einem Vater und seinem Kind und nicht zwischen zwei erwachsenen Personen. Es erschreckte sie einmal mehr.
Chris nahm die Hände von Jill und drückte diese: ,,Na komm, das hört sich lustig an."
Die Blondine sah den Ausdruck in seinen Augen ebenfalls, wollte ihm die Freude machen, obwohl sie keinerlei Motivation dazu hatte. Knapp nickte sie.
Chris´ Lächeln weitete sich und er strich ihr liebevoll einige Haarsträhnen hinters Ohr.
,,Ich hole uns was zu trinken für den Film." sagte Jill monoton, stand auf und ging mit gesenktem Haupt an ihrer Schwägerin in Spee vorbei, hinein in die Küche…
Chris atmete tief durch und schloss die Augen, er stützte den pochenden Kopf mit seiner Hand auf dem Bett ab und vergaß völlig, das Claire noch neben ihm stand.
Sie hatte all die Eindrücke, das Verhalten der beiden aufgefasst, es ängstigte sie beinahe, denn etwas lief hier wirklich total falsch. Noch nie hatte sie Jill so teilnahmslos erlebt, ihren Bruder mit solcher Sorge in den Augen. Es war unheimlich.
,,Sag mal, ist alles okay bei euch?" fragte die Brünette.
Erschrocken zuckte der Agent, riss die Augen auf und stellte sich umgehend aufrecht hin, as hätte sein Kompanieführer ihn bei irgendetwas erwischt. Chris nickte: ,,Ja, ist alles okay…em zeig mal her." Er deutete auf die DVD um wohl erneuten, unangenehmen Fragen zu entgehen.
Claire reichte sie ihm, dann zog sie ihre Jacke aus, warf sie über die Lehne der Couch: ,,Ich habe mich nur gefragt, man sieht euch kaum noch."
,,Ich weiß em…wir haben einiges um die Ohren momentan…" Chris bückte sich, um den DVD-Player und den Fernseher vorzubereiten.
,,Was machst du denn dann morgen, wenn du nicht mitkommen willst?" wollte Claire wissen und stützte sich auf der Lehen ab, sah ihm zu.
,,Ich wollte Barry zur Hand gehen. Er ist dabei die Zimmer seiner Mädchen zu renovieren und hat mich um Hilfe bei dem Schleppen neuer Möbel gebeten…" Chris erhob sich wieder, ,,…Das hab ich ihm schon vor längerer Zeit zugesagt." Er verschwieg, das es ihm recht war Jill am morgigen Tag gut aufgehoben zu wissen. Er machte sich jedes Mal aufs neue Sorgen, wenn sie alleine war.
Claire blickte ihrem Bruder in die Augen und nickte grinsend: ,,Okay…Wir kaufen dir auch was schönes und dann…" Ein plötzliches Scheppern ließ sie inne halten. Zersplitterndes Glas drang den Geschwistern in die Ohren.
Noch ehe Claire sich selbst fragen konnte, was los war, war Chris bereits zur Küche gehastet…
…und voller Angst und Sorge um Jill öffnete er die Tür, erwartete das Schlimmste, doch stockte dann, als er sie erblickte.
Jill stand am Küchenschrank, zwei Gläser standen bereits neben der Wasserflasche vor ihr auf der Arbeitsplatte, das dritte lag in Scherben vor ihren blanken Füßen.
,,Jill?" Er sah ihren angestrengten Atem, ihren starren Blick, die Augen voller Furcht und wusste, das eine erneute Erinnerung, ein erneuter Flashback, sie heimgesucht hatte.
Erschrocken drehte Jill sich zu ihm: ,,Chris?"
,,Was machst du denn?…" seine Stimme klang niedergeschlagen, beinahe verzweifelt, er sah ihre Faust, Blut rann zwischen ihren Fingern hervor und sofort überwand er die wenigen Schritte zu ihr, ,,…Du blutest!"
,,Oh…" hauchte Jill, als sie auf ihre rechte Hand blickte. Sie öffnete perplex die Faust und einige Glassplitter rieselten zu Boden.
,,Gott, Jill!…" hauchte Chris zum zerreißen besorgt und angespannt und hatte nach einem frischen Geschirrtuch gegriffen. Sie musste das Glas wohl unbewusst einfach zerdrückt haben.
Sanft berührte er ihr Handgelenk, tupfte mit der freien Hand das Blut ab und drückte sie von den Scherben weg, hatte Angst, das sie sich noch mehr verletzte, eben weil sie barfuss war. Er schniefte und verbiss sich seine Tränen, durfte nicht nachgeben, musste stark für sie bleiben.
,,Tut mir leid…" sprach sie leise und stotterte dann, ,,…Ich wollte nicht em…Ich…" dann blickte sie unter sich und schluchzte verzweifelt auf, ,,…Tut mir so leid!"
,,Hey! Schh!…" augenblicklich schlang Chris seine Arme um sie, zog sie an seine Brust und hielt sie liebevoll fest, ,,…Ist okay, Liebling! Das macht doch nichts, ist nur ein dummes Glas." Er hielt Jill, wie ein kleines Kind, schützend
Claire sah zur Seite.
Sie hatte ihnen zugesehen und es tat ihr weh zu sehen, wie mental fertig die beiden waren. Es war offensichtlich, das nicht nur Jill, sondern auch Chris wegen irgendetwas litten, das irgendetwas den beiden zu schaffen machte.
,,Komm…" Chris hauchte Jill einen sanften Kuss auf die Stirn und dirigierte sie zu einem Stuhl neben dem Küchentisch, ,,…setz dich, ich sehe nach deiner Hand." Er hockte sich vor sie.
Claire kam langsam näher und sagte: ,,Ich kehre die Scherben weg."
,,Nein, ich mache das…" sagte Jill mit kraftloser Stimme und wischte sich die Feuchtigkeit aus den Augen, ,,…es war meine Schuld."
,,Es war ein Missgeschick, das kann jedem passieren…" erklang wieder Chris´ sanfte Stimme, als er an ihre Wange griff und ihren Kopf wieder zu sich drehte, ihr dann in die Augen sah und aufmunternd zulächelte.
Jill entgegnete nichts. Teilnahmslos blieb sie sitzen, sah ihm zu, als er ihre Handfläche vorsichtig von dem Blut befreite. Sie spürte noch nicht mal den Schmerz.
Chris sah einen Glassplitter in ihrer Wunde. Er presste seine Lippen aufeinander, als er aufstand, zu einem kleinen Schränkchen an der Wand in der Ecke der Küche ging und einen Verbandskasten zückte. Schwer seufzte er innerlich, denn zu oft hatte er das Ding in den letzten Wochen für sie gebraucht.
Mit einer kleinen Pinzette entfernte er den Splitter aus ihrer Hand und sah besorgt zu ihr auf: ,,Glaubst du nicht, wir sollten da einen Arzt drüber gucken lassen? Nicht das es sich entzündet und vielleicht muss es genäht werden."
,,Nein…" entgegnete Jill mit traurigem Blick und schüttelte kaum merklich den Kopf, ,,…ich will nicht. Es tut nicht mal weh." Sie atmete müde durch.
Chris sagte nichts weiter, verband ihre Hand mit einem frischen, weißen Verband.
Claire hatte dem Zugsehen, als sie die Scherben in den Mülleiner kippte und das Kehrblech, welches sie dazu benutzt hatte, wieder zurück daneben stellte. Sie sah die Angst und die Sorge einmal mehr in der Geste und dem Blick ihres Bruders. Sie fragte sich, was in aller Welt so schief lauen musste, damit zwei einst so starke, unerschrockene Menschen, kampferprobte Soldaten, so down erschienen…
Es war sehr ruhig gewesen, während der Piratenfilm mit Jonny Depp im Fernsehapparat lief, das bemerkte Claire zunehmend.
Okay, es war ja diesmal auch nicht Leon, die Quasseltante, dabei aber dennoch, war die erneute, fast gespenstige Ruhe in der kleinen Wohnung unheimlich.
Weder Chris noch Jill sagten etwas in diesen eineinhalb Stunden.
So, wie Claire den Blick ihres Bruders deutete, lagen seine Augen zwar auf der Mattscheibe, doch sein Geist registrierte wohl kaum, was für ein Film überhaupt lief. Es schien, als wäre er kaum da. Das Einzige, das ihn lebendig erscheinen ließ, war seine stete Atmung und seine rechte Hand, die er um Jills Rücken gelegt hatte, die sanft über ihre Schulter strich.
Jill selbst lehnte gegen seine Seite, doch war schon vor fast einer halben Stunde eingeschlafen. Friedlich schlief sie, ihr Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Der Verband um ihre Rechte Hand hatte die Blutung gestillt.
Noch immer war Claire mehr als erschrocken über das `Warum´ gewesen. Sie konnte sich nicht vorstellen, wieso Jill das nicht bemerkt hatte, als ihre Hand das Glas zum bersten gebracht hatte. Ein Grund mehr, sie morgen in die Mall mitzunehmen und vielleicht mit ihr zu reden.
,,So…" sagte Claire mit gedämpfter Stimme, um Jill nicht zu wecken. Der Film war zu Ende und anscheinend rissen erst ihre Worte ihren Bruder in die Realität zurück. ,,…Na, was sagst du?"
Chris wirkte ertappt und schluckte, um nach einer Antwort zu suchen, als er nach dem Erstbesten griff, was ihm einfiel: ,,Super! War echt nett von dir, das du her gekommen bist." Ja, er hatte kaum mitbekommen, um was es in dem Film gegangen war.
Claire nickte, glaubte seinen Worten kein bisschen und fragte: ,,Was jetzt?…Ich glaube Jill hat entschieden, das ihr der Film nicht gefallen hat."
Mit sorgevollem Blick drehte der Agent ruckartig den Kopf zu dem blonden Geschöpf an seiner Seite, er hatte nicht mal bemerkt, das sie eingeschlafen war. Sanft strich er ihr einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und blickte dann wieder zu seiner Schwester: ,,Nein…sie ist nur müde in der letzten Zeit."
,,So wie du, was?" stellet Claire ernstvoll fest.
Chris wandte den Blick auf ihre Anspielung hin hab, überging ihre Feststellung, stand auf und hob die schlafende Frau in seine Arme.
Schweigend trat er zum Bett und legte sie langsam in die weichen Kissen, damit sie nicht aufwachte, deckte die mit der Bettdecke zu und sah erleichtert auf sie herab. Ihr blasses, bildschönes Gesicht zeigte ihm, wie friedlich sie in diesem Moment im Schlaf versunken war. Es würde ihr gut tun, wenn sie endlich mal einige Stunden am Stück Ruhe bekommen konnte.
,,Chris?" Claire hatte inzwischen ihre DVD genommen und ihn dann angesehen.
Der Agent kam zu seiner Schwester zurück und sprach leise: ,,Wir sollten sie schlafen lassen."
Claire verstand und ließ sich von ihrem Bruder zur Tür bringen, wollte schon hinaus, doch gab sich einen Ruck inne zu halten. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihm in die Augen: ,,Was ist eigentlich los bei euch? Glaubst du, ich hätte den Abend nicht mitbekommen? Du hast noch nicht mal registriert, was sich im Fernseher abgespielt hatte und was war das bitte mit Jill und dem Glas?"
Chris versuchte sie zu beruhigen und hob eine Hand: ,,Schh!…" er warf einen kurzen Blick zurück, um sich zu vergewissern, das Jill noch immer schlief, dann drückte er seine Schwester und sich selbst hinaus ins Treppenhaus, zog die Tür fast ganz bei.
,,Was willst du denn?…" fragte er, jetzt konnte er weniger befangen reden, ,,…Glaubtest du, es wäre leicht?"
Claire schüttelte den Kopf: ,,Sicher nicht. Ich weiß, das Jill genauso an ihrem Vater gehangen hatte, wie wir beide an unseren Eltern, aber gib doch zu, das euer Verhalten einfach so…anders ist. Ich mache mir echt Sorgen um euch, seit Wochen schon sieht man weder dich noch sie."
Chris senkte den Blick.
Ja, er hatte vermutet, das seine Schwester zu genau hinschauen würde, das sie bemerkte, etwas würde nicht stimmen, bei Gott, es stimmte sogar einiges nicht und letztlich war er doch froh, das sie gekommen war.
,,Chris…" Claire legte ihm eine Hand an den Oberarm, ,,…du bist mein großer Bruder, ich habe es schon immer gemerkt, wenn du nicht im reinen mit dir bist. Ich hasse es dich so zu sehen, du wirkst beinahe schon wieder so wie damals, nach Jills Verschwinden. Was ist los?"
Schwer und tief seufzte der Agent, ging zwei Schritte nach vorne und setzte sich auf die Stufen der Holztreppe: ,,Ich weiß es nicht, Claire, ich habe keine Ahnung. Ich dachte ich könnte damit klar kommen, aber es rutscht mir alles mehr und mehr durch die Finger."
Schweigend setzte sich die Brünette neben ihn und gab ihm zu verstehen, das sie ihm zuhörte.
,,…Ich weiß noch nicht mal genau, wann das angefangen hat, aber ich glaube von dem Nervenzusammenbruch hat sie sich einfach nicht mehr richtig erholt…Du hast es selbst gesehen, Jill ist so kalt und leer, ihre Lebensfreude, dieses lodernde Feuer in ihr ist einfach weg…" er schluckte schwer, als er heiße Tränen in sich spürte, ,,…Ich wünschte, ich könnte ihr alles abnehmen, ich kann sie nicht leiden sehen, all der Schmerz, die Trauer…und es zerreißt mich. Ich würde ihr so gerne helfen, aber ich weiß nicht wie!"
Niedergeschlagen vergrub der einst stolze Soldat seinen Kopf in den Armen auf seinen Knien.
Trost spendend legte Claire ihm eine Hand an den Arm. Sie wusste, wie sehr ihr Bruder Jill liebte, wie sehr musste es ihm also weh tun, sie jetzt so zu sehen.
,,Warum hast du nicht mit mir geredet? Ich wusste nicht, das es nach der Beerdigung so schlimm wurde." wollte die Brünette wissen.
Kraftlos zuckte Chris mit den Schultern und schniefte.
Er wusste es selbst nicht. Er hob den Kopf und sein Blick verlor sich an der gegenüberliegenden Wand: ,,Ich habe mit ihr geredet, so oft und so intensiv, sie gedrängt, sich Hilfe zu suchen, da offensichtlich mit ihr etwas nicht stimmt. Ich wollte mit ihr gehen, würde ihr auch zur Seite stehen, doch sie will einfach nicht. Jedes Mal fällt sie weiter zurück als zuvor, nicht nur die Sache mit Dick, nein, auch ihre Vergangenheit holt sie mehr und mehr ein, nimmt sie mir weg…Vielleicht hatte Rebecca recht mit ihrer Vermutung, doch ich kann Jill nicht zu etwas zwingen, das will ich ihr nicht antun, aber ich habe Angst sie zu verlieren, Claire, ich habe Angst sie alleine zu lassen. Du hast vorhin gesehen, was sie im Stande ist zu tun, wenn sie nicht sie selbst ist und diese Flashbacks hat. Es war nur ihre Hand dieses Mal, aber ich fürchte einfach, das sie sich unbewusst irgendwann selbst…" er brach ab, wollte seine Gedanken nicht selbst aussprechen.
,,Sag das nicht!…" Claire versuchte tröstende Worte zu finden, ,,…Jill liebt dich, sie würde nie etwas tun, was dir weh tut, sie würde dich nie alleine lassen…Ich glaube allerdings nicht nur Jill braucht Hilfe, auch du, Chris…Lasst euch beide helfen, du musst sie dazu bringen…so kann es nicht weiter gehen."
Er nickte leicht und schniefte abermals, eine einzige Träne kullerte nun doch über seine Wange.
,,Hol dir jetzt eine Mütze Schlaf, okay?…Ich rede morgen mit ihr und du gehst zu Barry und vergisst deine Sorgen für ein paar Stunden. Dann, wenn wir uns alle beruhigt haben, setzen wir uns zusammen und reden miteinander. Sie wird es einsehen, da bin ich sicher."
Wieder nickte Chris, er erhob sich mit seiner Schwester und ging zurück zu seiner Wohnungstür, hielt jedoch inne und wandte sich noch mal zu seiner Schwester um: ,,Danke Claire und…pass bitte morgen auf sie auf, okay?"
Claire hatte sich zu ihm gedrehte und schenkte ihm ein ehrliches Nicken, sie lächelte aufmunternd, sah dann zu, wie er hinter der Tür verschwand und machte sich selbst dran, die Treppen runter zu steigen. Sie würde den beiden helfen…
