Kapitel 55

Pansy hatte ein schlechtes Gefühl. Sie konnte es nicht benennen oder beschreiben. Es war einfach da, in der Mitte ihres Bauchs. Sie machte sich Sorgen um Hermine, malte sich in ihrem Kopf aus, was Hermine alles anstellen würde, um das Baby loszuwerden und wie sie, Pansy, es verhindern könnte.

Aber ihr fiel nichts ein. Und… nicht, dass es nötig wäre. Aber sie würde Hermine viele Umstände ersparen können, überlegte sie, während ein heißer Schwall an Schuldgefühlen ihre Magengegend praktisch überrannte.

„Pansy?"

Dass James noch immer in ihrem Haus war, machte sie wahnsinnig. Und sie wusste, das war nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Es war an der Zeit, dass sie sich gewöhnte, dass sie sich damit abfand, dass er von nun an bald immer da sein würde, dass er ihr Ehemann sein würde und dass sie keinen Weg hinaus mehr brauchen würde. Denn sie hatte sich entschieden.

„Ja?", antwortete sie abwesend, während ihr Blick starr geradeaus ging.

„Was ist los? An was denkst du?", fragte er, eine Spur besorgt, eine Spur genervt, sowie die ganzen letzten Tage, denn sie wusste selber, wie sie auf ihn wirken musste.

„An nichts", log sie einfach und sah ihn mit Überwindung an. Er erwiderte den Blick unschlüssig.

„Werden wir heute Abend ausgehen?", fragte er also, und er hatte Recht. Es war Silvester, aber sie war gefangen in ihren eigenen Sorgen und Gedanken, dass sie sich darüber ausgerechnet keine Gedanken gemacht hatte. Und es war fast schon abends. Es klopfte laut an der Tür. Der Elf würde öffnen. Es waren bestimmt die Zutaten, die ihre Mutter bestellt hatte, um ein fürchterliches Essen zu veranstalten, mit tausend Gängen, das sie stundenlang an den Esstisch zwingen würde. Eigentlich mussten sie verschwinden, damit Pansy nicht auf ihrem Stuhl würde sitzen müssen, um James und ihrer Mutter dabei zuzuhören, wo die Hochzeit stattfinden sollte und wie viele tausend Galleonen auszugeben sein, um die Malfoys zu überbieten.

„James, ich-"

„-Miss, Sie haben Gäste", unterbrach der alte Elf ihre wenigen Worte unhöflich, wie er eben war, bevor er zur Seite wich. Und Pansy war zurzeit über wenig dankbar, aber Blaise und Draco gleichzeitig zu sehen war wie eine Erlösung!

„Blaise!", rief sie aus, erhob sich und war froh, dem Gespräch zu entkommen, was unweigerlich in einem Streit enden würde. Ihr fiel auf, dass beide Männer sehr gut angezogen waren. Ihr Blick fiel auf Draco. Mit ihm hatte sie lange nicht gesprochen. Und sofort musste sie daran denken, dass Hermine von ihm schwanger war! Ob er es wusste…?

„Hallo, Pans, wir wollen gleich los zu Astorias Party", bemerkte Blaise, und Pansy konnte seinen Ton nicht recht deuten. Er klang nicht begeistert, und wenn doch, dann verbarg er es geschickt durch Gleichmütigkeit in seinen Worten.

„Astorias Party?", wiederholte Pansy tonlos. „Wieso das?", fragte sie, mit einem entschiedenen Blick auf Draco. Dieser ließ seinen Blick wandern, bis er an James hängen blieb.

„Wir haben eine Einladung erhalten", erklärte Blaise vielsagend.

„Oh", bemerkte Pansy. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hermine begeistert davon ist." Sie sagte die Worte mit Absicht und fixierte Draco jetzt. Er bemerkte es schließlich und gönnte ihr einen abschätzenden Blick.

„Und?", sagte er tatsächlich emotionslos, und Pansy dachte nach. Sie würde niemals zu Astoria Greengrass gehen. Niemals! Nicht nachdem sie wusste, dass Draco sonst was mit ihr vorgehabt hatte, nicht nachdem Narzissa so ein Aufhebens darum im Club gemacht hatte. Und sie würde Draco am liebsten dafür ins Gesicht schlagen, aber mit Mühe beherrschte sie sich. Denn… es bot ihr einen Ausweg. Einen egoistischen, gemeinen Ausweg, für den sie sich schämte.

„James", sagte sie langsam, und er kam näher zu ihr, begrüßte die Männer, tauschte belanglose Informationen aus, und sie biss sich auf die Lippe, wartete, bis die Männer fertig waren, mit ihrem angemessenen Smalltalk. „Wie wäre es, wenn du mit Blaise und Draco vorgehen würdest? Es wäre eine ideale Gelegenheit die anderen kennenzulernen, und ich hole Hermine ab und komme nach?"

Die Lüge kam wie Butter über ihre Lippen. Weich, glaubwürdig und ohne den Hauch eines Zweifels. Draco hob eine Augenbraue, aber nur sehr leicht. Er wirkte müde, verwegen, schlecht gelaunt, so wie sie ihn kannte, und doch flackerte etwas in seinem Blick, was sie nicht von ihm kannte. Er sah gut aus in seinem Anzug. So gut, dass sie keinen Zweifel daran hatte, dass Astoria mit ihm durchbrennen würde, würde er sie heute Nacht darum bitten. Aber sie ignorierte diese Gedanken. Denn sie machten sie nur wütend.

„In Ordnung?", erwiderte James vage, unsicher, ob sie es wohl ernst meinte.

„Gut", rang sie sich nickend ab. „Wenn du dich noch umziehen möchtest? Ich werde Hermine holen", wiederholte sie steif. Wieder erntete sie Dracos Blick. Wachsam und prüfend.

„Fabelhafte Idee", bemerkte Blaise, aber er klang nicht wirklich aufrichtig. Irgendetwas ging wohl vor, von dem Pansy keine Ahnung hatte. „Dann entschuldigt mich."

„Wir sehen uns später?", rief ihr James hoffnungsvoll nach, und sie nickte wieder.

„Natürlich! Ich beeile mich."

Und vielleicht wusste Blaise, dass sie log. Vielleicht wusste es sogar Draco, denn warum sollte Pansy mit Hermine auf Astorias Party gehen? Aber wenn beide Bescheid wussten, dann sagten sie immerhin nichts zu James. Und Pansy hätte weinen können, so sehr verabscheute sie sich gerade selbst. Sie war ein Miststück und nichts weiter.

Aber sie wollte mit Hermine reden. Und vor allem war heute der letzte Tag im Jahr. Zwar war Pansy nicht wirklich abergläubisch, aber sie nahm an, es wäre schlecht für ihr Karma, wenn sie in diesem Jahr nicht regeln würde, was so sehr an ihr nagte. Wenn sie die Dinge nicht heute ins rechte Licht rückte, dann wäre es für immer zu spät.

Und sie scherte sich nicht darum, ihr schickes neues Kleid zu tragen, ihr Makeup aufzufrischen, sich im Spiegel zu vergewissern, wie sie aussah. Es interessierte sie nicht, dass sie bisher noch immer nicht mit Draco gesprochen hatte, obwohl es sie schmerzte, dass sie sich nicht mehr so verstanden, wie sie es getan hatten. Früher.

Und Hermine war ihr einfach wichtiger!

Sie verließ ihr Haus. Sie apparierte nach Malfoy Manor, mit so viel Selbstverständlichkeit, wie sie es damals getan hatte, um Draco zu besuchen. Nur jetzt tat sie es für Hermine.

Und für sich.

Der Schnee umhüllte kalt ihre Stiefel, während sie sich einen Weg über das Grundstück bahnte. Sie ignorierte das Zelt, obwohl sie sich ängstlich fragte, wer draußen wohl kampierte. Draco oder Hermine?

Sie klopfte an die Tür des Gästehauses, als sie den verschneiten Weg emporgelaufen war. Sie wartete und klopfte erneut.

Es öffnete ein fremder Mann, den sie nicht kannte.

„Guten Tag", begrüßte er sie freundlich. „Sie wünschen?", fragte er anschließend, und Pansy runzelte die Stirn.

„Pansy Parkinson, ich möchte zu Hermine?", erklärte sie ein wenig argwöhnisch. Wer war der Mann?

„Mrs Malfoy befindet sich zurzeit in einer Sitzung", erklärte er. Pansy starrte ihn an.

„Es ist Silvester", sagte sie ruhig. „Ich möchte ins Haus. Was für eine Sitzung soll das sein?"

„Eine Therapie-Sitzung", erläuterte der Mann geduldig.

„Therapie?", wiederholte Pansy ungläubig.

„Mr. Atwell, das neue Jahr hat 365 Tage, können wir nicht einfach aufhören?", hörte Pansy Hermines gereizte Stimme aus dem Wohnzimmer. Der Mann vor ihr, namens Atwell, schien nachzudenken, ehe er schließlich seufzte.

„Meinetwegen", schien er sich unzufrieden geschlagen zu geben, und gab die Tür frei. Pansy schob sich an ihm vorbei durch den Flur ins Wohnzimmer. Hermine schien auf der Couch gefangen zu sein. Schon hob der Mann wohl einen unsichtbaren Fluch auf, und Hermine kam auf die Beine. Sie trug bequeme Kleidung, wirkte blass und unglücklich.

„Sie wissen, das ist noch nicht das Ende, Mrs Malfoy. Ich werde morgen wieder kommen, und besser ist Mr. Malfoy dann auch anwesend", warnte sie der Heiler wohl. Hermine verdrehte die Augen, und der Mann nahm seinen Hut vom Sessel. „Ein frohes neues Jahr", sagte er mit einem strengen Blick auf Hermine.

„Ihnen ebenfalls", wünschte Hermine, ohne den Hauch an Freundlichkeit, und der Mann verschwand. Pansy schenkte ihr einen knappen Blick.

„Therapie?", wiederholte sie gespannt.

„Lucius' Idee", erklärte Hermine, ohne zu zögern.

„Was ist los?", fuhr Pansy fort, denn Hermines Blick war abwesend, so wie Dracos Blick abwesend schien.

„Was?" Müde sah Hermine sie an.

„Was ist passiert?", fragte Pansy ohne Umschweife, und Hermine wich ihrem Blick aus.

„Gar nichts. Ich will einfach nur schlafen", sagte sie.

„Nein, das tun wir nicht", widersprach Pansy. „Zieh dich an."

„Nein, Pansy. Wirklich, ich kann nicht", sagte Hermine schwach. Pansy tat es weh, Hermine so zu sehen.

„Es ist Silvester. Wir gehen aus", versprach sie ihrer Freundin, und Hermine sank wieder auf die Couch.

„Pansy, ich will nicht", sagte Hermine wieder. Erschöpfung sprach aus ihren Worten, und ihr Blick wirkte glasig.

„Blaise und Draco gehen mit James auf Astorias Party", eröffnete Pansy ihr kalt. Hermines Blick hob sich, und Verletztheit zuckte sehr kurz über ihr blasses Gesicht, aber Pansy entging das nicht. „Und ich weigere mich, das hinzunehmen", schloss Pansy ernst. Hermine schien gedankenverloren auf ihrer Unterlippe zu kauen.

„Ich gehe da nicht hin", wisperte Hermine kraftlos.

„Natürlich gehen wir da nicht hin!", sagte Pansy kopfschüttelnd. „Zieh dich an", befahl Pansy sanft. Und Pansys Herz klopfte laut, als sie die nächsten Worte sprach, und sie hasste sich selbst und sie wollte sich fast dafür bestrafen, aber sie sprach. „Häufig kann man frühe Schwangerschaften durch ausreichend rücksichtsloses, nachlässiges und gefährliches Verhalten abbrechen", flüsterte sie fast verschwörerisch, und Hermines Blick hob sich müde.

Sie blinzelte verwirrt, dann öffnete sich ihr Mund.

„Alkohol?", fragte sie schwach, und Pansy nickte langsam. Das schlechte Gewissen brodelte in ihrem Innern.

Denn sie wusste etwas, was Hermine nicht wusste. Seitdem sie im Mungo waren, wusste sie es. Sie hatte es immer gewusst, aber sie hatte es verdrängt. Und sie sagte es Hermine nicht. Hermine würde es so oder so erfahren müssen.

Und tatsächlich hellte sich Hermines Gesicht ein wenig auf.

„Einen Versuch ist es wert", sagte sie, aber Pansy hörte, sie wollte das nicht. Hermine bot einen jämmerlichen Anblick, und fast erweichte es Pansy, fast wollte sie die Wahrheit rausschreien, wollte Hermine alles sagen, was sie wusste, aber sie wusste, würde sie das tun, würde Hermine nirgendwohin gehen!

Und alleine konnte Pansy nicht in den Fuchsbau. Alleine könnte sie dort nicht auftauchen und tun, was sie eben tun musste – denn sie konnte gar nicht anders! Es war unmöglich.

„Ich ziehe mich an", versprach Hermine müde. Und Pansy hatte die Hände zu Fäusten geballt. Sie stiftete ihre Freundin dazu an, ihr Baby mit Alkohol zu vernichten. Und fast war es traurig. Fast war es bitter. Denn Pansy bereute, dass das der Auslöser war, der Hermine dazu brachte, mit ihr zu gehen. Und Hermine würde sich heute betrinken, nahm Pansy traurig an. Hermine würde sich wohl zur Besinnungslosigkeit trinken, so dringend wollte sie das Baby entfernen.

Und das Traurige war, Pansy nahm das in Kauf, obwohl es unmöglich war.

Nichts würde dieses Baby vernichten können.

Aber das wusste Hermine noch nicht. Und Pansy würde es ihr nicht sagen.

Und sie nahm in Kauf, dass Hermines Wohlergehen heute noch tiefer den Bach runtergehen würde, nur damit sie ihn sehen konnte.

Damit sie ihn nur noch einmal sehen konnte.

Sie war die schlechteste Freundin der Welt.

Er wusste, Blaise plante, dass er sich unwohl fühlen würde. Und deshalb trank er direkt, nachdem er das Haus betreten hatte, um Blaises Prophezeiungen zu zerschlagen. Die Auffahrt war gesäumt gewesen von magischen Winterblühern, die purpurn im Schnee ihre auffallend hellen Blüten gezeigt hatten.

Einige Blicke trafen ihn von irgendwelchen hochtrabenden Gestalten aus dem ominösen Club seiner Eltern. Er ignorierte alle Blicke, so gut er konnte.

Und er war mehr als überrascht, eine bestimmte Stimme zu hören. Er vernahm nur das Lachen, aber es war eindeutig.

Es war das Arbeitslachen seines Vaters. So unaufrichtig und geheuchelt, wie Draco es kannte.

Er sah sich alarmiert um. Was zur Hölle hatten seine Eltern hier zu suchen, wenn sie erst vor ein paar Tagen den Club aufgescheucht hatten, fragte er sich unwillkürlich, trank beunruhig noch einen tiefen Schluck Scotch, während sein Blick über die Gesichter wanderte.

Und er erkannte seinen Vater weiter hinten im Saal. Dann war seine Mutter wohl auch hier?!

Blaise stieß ihn sachte an. „Sieh dir das an!", murmelte er. „Erst stellen deine Eltern die Greengrass' an den Pranger und dann feiern sie Silvester mit ihnen?", stellte Blaise ein wenig verwundert fest, und Draco teilte diese Ansicht. Und er wusste, das konnte nichts Gutes bedeuten! Gar nichts!

Und er entdeckte sie, als sie ihn entdeckte.

Sie kam die Treppe hinab in einem wunderschönen lindgrünen Kleid, das ihr bis zu den Knien fiel. Es fiel locker, und umspielte ihre schlanke Taille anmutig. Sie trug hohe Schuhe, die ihre Beine hervorragend zur Geltung brachten. Ihre Haare hatte sie nur auf einer Seite mit einer goldenen Spange zusammengesteckt, und sie fielen auf ihre Schultern, ihre Rücken hinab. Glänzend und dunkel, wie das schönste Mahagoniholz. Sie war so geschminkt, dass es ihm nicht auffiel, aber ihre Augen wirkten betonter, und fingen sofort seine Aufmerksamkeit, als sie ihn entdeckte.

Er schluckte schwer, denn sein Mund war trocken geworden. Selbst jetzt noch. Immer noch! Auch nachdem er wusste, sie hatte mit ihm gespielt, hatte ihn ausgenutzt und verarscht. Und er würde nicht behaupten, er hätte nun von seiner eigenen bitteren Medizin getrunken, aber… es war kein gutes Gefühl gewesen. Er befürchtete nur, er würde ihr nur allzu schnell vergeben, würde sie erst einmal die Stufen überwunden haben und direkt vor ihm stehen. Er leerte hastig sein dünnwandiges Glas, und hatte schon Angst, es zu zerquetschen, vor Nervosität.

„Die Königin der Nacht betritt die Bühne", murmelte Blaise mit anerkennendem Hohn, den Draco für unpassend hielt. Und er konnte mit Blaises Vergleich ebenfalls nichts anfangen. Es klang allerdings nach einem schönen Titel für Astoria. Die Königin der Nacht. Seine Königin war sie definitiv. Er wandte den verräterischen Blick von ihrer Schönheit ab.

„Ich brauche mehr zu trinken", sagte er kalt, während James sich nun neben Blaise gesellt hatte. Pansys Verlobter war genauso langweilig wie Draco es von Pansys Geschmack erwartet hatte. Ein gestriegelter, pikfeiner, adeliger Vollidiot. Draco hatte kein Interesse mit diesem Vorzeige-Reinblut auch nur den Ansatz eines Gesprächs zu führen. Blaise war da toleranter, nahm er bitter an, während er auf die Suche nach einem Elf ging, der ihm sein Glas neu füllte.

Und es wunderte ihn kaum, dass er bei diesem Unterfangen auf seinen Vater traf. Kopfschmerzen suchten ihn augenblicklich heim, als auch Lucius einen Blick mit ihm tauschte. Es verging eine quälende Sekunde, in der weder Draco noch Lucius zu wissen schienen, was sie sagen sollten, und Draco wünschte sich den Scotch so dringend herbei wie ein Ertrinkender die Luft zum Atmen.

„Ach, da ist er ja!", sagte ein Mann, der hinter Lucius aus dem nichts aufgetaucht zu sein schien. „Draco Malfoy, Senator Greengrass", stellte sich der hochgewachsene schlanke Mann nun vor, der einen schmalen, akkurat rasierten Bart über der Oberlippe trug, der in einer pechschwarzen Runde auf seinem Kinn endete.

Die Augen waren grün und sein Handschlag, den Draco mehr als überrascht entgegennahm, war sehr kräftig.

„Sir", begrüßte Draco den Mann, eher perplex, als wirklich höflich.

„Ihr Vater hat mir viel von Ihnen erzählt, Draco", erklärte den Mann, der mit ihm sprach, als hätte es den Vorfall der Demütigung seitens seiner Eltern nie gegeben. Und Draco fand seine Sprache wieder.

„Wirklich?", fragte er, mehr als spöttisch. „Kann ich mir kaum vorstellen. Das würde bedeuten, mein Vater wüsste auch nur ein einziges Detail aus meinem Leben", schloss Draco mit einem falschen Lächeln. Der Ausdruck des Senators geriet kurz ins Wanken. Aber er war Politiker und rettete die Situation tatsächlich für seinen Vater.

„Ich kann mir schon denken, was ein aufstrebender junger Mann wie Sie von einer Zwangsehe mit einer Muggel halten dürfte. Ihren Ärger verstehe ich durchaus. Vielleicht war es zu viel der Strafe", mutmaßte der Senator amüsiert, und Dracos Kiefermuskel entspannte sich.

Und für den Bruchteil einer Sekunde wollte er widersprechen. Nicht nur, weil er seinem Vater die Genugtuung nicht gönnte, dass seine Strafe erfolgversprechende Ausmaße angenommen hatte, sondern weil… weil… er diese Muggel vergewaltigt hatte und… und… -

„Darling, wie schön, du hast bereits seine Bekanntschaft gemacht!" Eine stark parfümierte Frau war erschienen. Die Haare lang und dunkel, die Lippen rot, die Augen eiskalt.

„Allegra Greengrass", stellte sie sich mit überschwänglicher Freundlichkeit vor, reichte ihm ihre beringte Hand, und der Nagellack auf ihren langen Fingernägeln passte zu der giftigen Farbe ihrer Lippen.

„Mrs Greengrass", begrüßte er sie langsam, denn er wollte mit keinem dieser Menschen reden.

„Es ist so nett, dass Sie vorbeischauen in unserem bescheidenen Haus", rief sie lächelnd aus, aber die Freundlichkeit ihres Lächelns erreichte die kalten Augen nicht. Es war eine Floskel, genauso wie der Vergleich zum Haus, in Bezug auf diesen Palast. „Wo ist Astoria?", ergänzte sie kühler und sah sich um. „Draco, ich werde sie suchen gehen. Sie werden sich bestimmt viel zu erzählen haben", sagte sie lediglich und verschwand, ohne einen weiteren Blick in seine Richtung, aber der penetrante Geruch ihres Parfüms hing noch weiterhin in der Luft.

„Was macht das Vermögen?", wandte sich der Senator wieder an seinen Vater, und Draco spürte, wie seine Aufmerksamkeit jäh abriss, als die Gespräche über das verdammte Gold begannen. Er entdeckte einen Elfen und ließ die beiden Männer stehen.

„Draco!", rief sein Vater ihm nach, aber Draco reagierte nicht. Fast packte er den Elfen beim kleinen Kragen seines Anzugs und streckte ihm unfreundlich das Glas entgegen. Mit zittrigen Finger schnippte der Elf, und die goldene Flüssigkeit stieg im leeren Glas wieder bis zum Rand.

„Danke", sagte Draco schließlich, und der Elf sah ihn mit großen Augen an. „Ich meine-", begann Draco verwirrt und schüttelte sachte den Kopf. Granger stieg ihm bereits zu Kopf, nahm er an. Er bedankte sich schon beim Personal. „Verschwinde", knurrte er, als der Elf ihn weiterhin anstarrte. Merlin, er musste mehr trinken! Er glaubte, seine Eltern waren dabei, ihn zu einer Verbindung mit den Greengrass' zu zwingen – und war das nicht verflucht noch mal verdammt witzig?!

Das Glas zitterte zornig in seiner Hand, nachdem er einen wütenden Schluck getrunken hatte.

Das, was er gewollt hatte, bekam er nun tatsächlich?

Und es war ironisch. Es war… wirklich komisch, denn…-

- Er wollte es nicht mehr!

Er wollte niemals etwas, was seine Eltern wollten, das er wollte, dachte er zornig. Er hatte genug davon! Er hatte eigene Sorgen zu bewältigen, hatte sein eigenes Leben, was mehr als zu viel für ihn alleine war. Er hatte so viele Grenzen überschritten, so viele Regeln gebrochen – sogar so viele seiner eigenen Regeln! Er verdiente kaum noch den Titel Lord und Prinz von Slytherin! Er verabscheute sich selbst, hasste sich, wie niemand sonst, und seine Eltern hatten nichts Besseres zu tun, als sein Leben von Monat zu Monat beschissener zu machen!

War Granger nicht schwanger? War das nicht die neue Strafe? Was jetzt? Seine Eltern wollten das rückgängig machen? So wie alles andere? Wollten ihn nun gewähren lassen? Jetzt sollte er Astoria bekommen? Die Schlange, die ihn nur wegen seines Goldes wollte?

Draco trank. Er trank jeden weiteren bitteren Schluck, bis das Glas gefährlich in seinen Händen zitterte.

Er… musste… hier… weg…!

Ihr Herz schlug schnell. Sie war noch immer müde, aber das konnte nur von Vorteil sein, wenn sie schnell betrunken werden wollte. George würde schon etwas Passendes vorbereitet haben. Sie hatte an die Tür geklopft. Aus dem Innern drang Musik, und Pansy neben ihr knetete ihre Hände in den Handschuhen. Sie war mächtig nervös.

Die Tür wurde mit einer Wucht aufgerissen.

„Hermine! Meine Damen, kommt rein, kommt rein! Heute alleine?", erkundigte sich George lautstark und angetrunken.

„Ja", bestätigte Hermine nur. Pansy ruckte mit dem Kopf.

„Kommt rein!", wiederholte George begeistert, aber Hermine war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt noch wahrnahm, so betrunken wirkte er bereits. Sie folgten ihm ins warme Wohnzimmer, wo laute Musik lief, während Molly und Arthur lachend zusammen tanzten, und Ginny und Harry glitzernde Bowle tranken.

„Oh", vernahm sie Ginnys Stimme, und Harrys Augen wurden groß bei Pansys Anblick. Ron betrat gut gelaunt das Wohnzimmer, bis sein Blick auf die neuen Gesichter fiel.

Und tatsächlich schaffte er es, ein Arsch zu sein, stellte Hermine überrascht fest.

„Hey Hermine. Schön, dass du… da bist", sagte er, mit etwas Überwindung. Scheinbar sprach er wieder mit ihr, obwohl er das ja nicht mehr vorgehabt hatte. Sie nahm lediglich an, er mochte sie vielleicht noch ein klein wenig mehr als Pansy. Denn diese ignorierte er komplett.

„Hey", begrüßte sie ihn schwach. „Alles ok bei dir?", begann sie das Gespräch, so unverfänglich wie möglich.

„Bowle, Pansy?", rief George nun fröhlich, und ohne einen weiteren Blick auf Ron, war Pansy zu George marschiert.

„Alles bestens", bestätigte Ron unbeeindruckt. Sie tauschten einen langen Blick. Gott, sie hatte ihm erst erzählt, dass sie in ihn verknallt war. Sie war wirklich verzweifelt, jetzt hier aufzutauchen, nur um sich zu betrinken, dachte sie dumpf. Es war wichtig, das Ding in ihrem Innern zu zerstören, dachte sie schwermütig. Aber sie versuchte, nicht zu viel nachzudenken, denn dann kämen ihr noch Zweifel.

„So… eine Bowle hätte ich auch gerne", sagte sie, um irgendetwas zu sagen. Einfach nur, um nicht mehr vor ihm stehen zu müssen, wie ein Idiot, während sein Blick abschätzend und kalt auf ihren Zügen lag.

„Hm", machte Ron bloß, bevor er wohl feststellte, dass es auch nichts gab, worüber er mit ihr sprechen wollte. Harry gesellte sich zu ihr, als Ron ihr tatsächlich ein Glas Bowle holen ging.

„Hey, alles gut bei euch?", vergewisserte er sich vorsichtig. „Kein Geschrei? Keine Flüche?", mutmaßte er knapp. Hermine schüttelte den Kopf. Molly und Arthur winkten ihr, ehe sie auch beim nächsten Lied wohl nicht widerstehen konnten, ausgelassen zu tanzen.

„Nein, alles gut", sagte sie lahm.

„Pansy hat Schneid, das muss ich sagen", bemerkte Harry mit einem Blick zu Pansy, die sich offensichtlich gut gelaunt mit George unterhielt, während Ron missmutig ihr Glas mit Bowle füllte. „Ist sie nicht verlobt?", fuhr Harry fort, und Hermine seufzte auf.

„Ja, ist sie", bestätigte sie.

„Und wo ist ihr Verlobter?", wollte Harry verwirrt wissen.

„Auf einer anderen Party", entfuhr es ihr kühl. Auf einer dämlichen anderen Party! Dort, wo Malfoy sich auch rumtrieb! Oh, sie konnte sich denken, was er da tat! Sie wusste es ziemlich genau. Es tat weh an einer Stelle, von der Hermine nicht wusste, dass es dort wehtun konnte. Es tat weh… in ihrem Herzen. Er war so ein Arschloch! Und sie war einfach ein Idiot.

Sie hasste ihn. Endlich kam Ron zurück. Er reichte ihr lieblos ein Glas.

„Entschuldigt mich", sagte er knapp, während es wieder an der Tür klopfte und George diesmal seinen Freunden zu öffnen schien. Sie begrüßten sich laut und herzlich, und Hermines Finger lagen ruhig um das kühle Glas.

Sie würde jetzt trinken. Sie würde anfangen, das Problem selber zu beseitigen. Vielleicht brauchte sie keine komplizierten Flüche. Nichts, was sie in einem Buch erst finden musste. Vielleicht reichte simpler Alkohol aus? Vielleicht klappte es genauso gut.

Ron war aus dem Wohnzimmer verschwunden, die schlechte Laune ins Gesicht geschrieben.

Und Hermine sah, wie Pansy ihm folgte. Keine zwei Sekunden später.

Das war das, nahm sie bitter an. Sie glaubte nicht, dass Pansy allzu schnell wieder kommen würde. Oder Ron. Langsam näherte sie das Glas ihren Lippen.

„Und? Hat keiner eine Erkältung?", erkundigte sich Ginny schnippisch, als sie sich neben Hermine und Harry gesellte. Hermine hielt inne. Erkältung? Ach ja. Pansys fadenscheinige Ausrede.

„Ahem, nein….", sagte Hermine mit einem schwachen Lächeln.

„Prost, Hermine", entgegnete Harry schließlich und hob sein eigenes Glas, um anzustoßen. Hermine tat es ihm gleich. Das Kristall klirrte angenehm, und Harry trank.

Pansy bekam Ron.

Harry hatte Ginny.

Malfoy würde heute mit Astoria Sex haben.

Die Malfoys wollten sie aus der Familie werfen.

Sie setzte das Glas zitternd an die Lippen. Sie spürte die Tränen in den Augen, als der Alkohol ihre Zunge traf.

Es tut mir so leid, dachte sie verzweifelt. Kleines Baby, es tut mir so leid!

Mit geschlossenen Augen leerte sie das ganze Glas Bowle. George musste sie gemixt haben, denn sie war stärker als alles, was sie bisher getrunken hatte.

„Nicht so schnell!", warnte Ginny sie lachend. „Du glaubst nicht, wie viele hochprozentige Chili-Knollen George da rein gemörsert hat!" Hermine spürte das angenehm scharfe Kribbeln in ihrem Bauch. Oh ja! Einige Gläser hiervon, und sie wäre dieses Problem bestimmt los. Und sie nickte nur, bevor sie sich noch ein Glas eingießen ging.

Nicht mehr nachdenken! Keine Sorgen mehr machen!

Einfach nur trinken, Hermine! Einfach nur trinken!