55. Harrys Sorge

,,Ein doppelter rechtsseitiger Schwinger, Mr. Weasley." schnarrte es hinter dem Rothaarigen. Dieser ließ wie immer, wenn Snape an ihn heran trat den Zauberstab betreten sinken.

Snape trat neben ihn und hob seinen Zauberstab und führte ihm den Zauber vor. Hermine, die neben Ron stand, sah ihm dabei zu. Sie versuchte ihren Blick auf seine Hände zu lenken. Keine nervtötenden Blicke! Als ihr Blick doch zu seinem Gesicht huschte, sah sie darin den konzentrierten Ausdruck eines Profis. Er beachtete sie nicht mehr, als er es sonst getan hatte, oder als er jeden anderen Schüler beachtete.

Ihr Herz, das die ganze Zeit über schmerzhaft hart geklopft hatte beruhigte sich etwas. Aber nur etwas.

Kaum, da der helle, gleißende Strahl sich in der Luft aufgelöst hatte, ließ Snape seinen Zauberstab sinken und trat zurück. ,,Jetzt sie, Mr.Weasley." troff es in der Erwartung wenig großartiger Leistung aus seinem Mund. Der Rothaarige hob zögernd den Zauberstab, während Snape seine Arme verschränkend darauf wartete, dass etwas geschah.

,,Mr. Weasley, normalerweise würde ich sagen: Erst denken, dann zaubern. Aber in ihrem Fall rate ich das Gegenteil, sonst stehen wir übermorgen noch hier!"

,,Frigus!" rief Ron mit dünner Stimme und vollführte zwei Schwinger, die nicht mehr als ein paar weiße Funken aus der Zauberstabspitze trieben.

,,UTZ, Mr. Weasley. Merken sie sich dieses Wort." sagte Snape sanft, bevor er zu Seamus weiterschritt, der mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte.

Hermine, die die Szene betreten beobachtet hatte, legte Ron die Hand auf die Schulter.

,,Das ist ein verdammt schwerer Zauber. Lass dich nicht unterkriegen."

,,Nein, lass ich nicht." gab Ron wütend von sich. ,,Nicht von der Fledermaus." fügte er leise knurrend hinzu. Er warf Harry ein entschiedenes Nicken zu und hob seinen Zauberstab. ,,Weißt du Hermine. Wir Weasleys lassen uns nicht so einfach unterkriegen."

Hermine musste bei diesen Worten lächeln. Wenn sogar der unsichere Ron diese Worte von sich gab, musste der Stolz ein Weasley zu sein, unermesslich sein.

,,Weasley! Granger! Weitermachen!" vernahmen sie plötzlich Snapes scharfe Stimme. Hermine stellte sich wieder in Position. Ihr Blick huschte zu dem dunkelgewandeten Mann, der neben dem wenig glücklichen Seamus stand. Einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke, bevor Snape den seinen abwandte. Sie hatte keine Regung in den schwarzen Augen erkennen können. Es waren die Augen ihres Lehrers gewesen und nicht die des Mannes, der sie im Cottage in den Armen gehalten hatte.

Und trotzdem klopfte ihr Herz. Es klopfte unaufhörlich.

Ihr Blick. War es ein nervtötender Blick gewesen?

Sie hob den Zauberstab.

,,Frigus!" rief sie und entsandte einen weißen Strahl aus ihrer Zauberstabspitze, der sich hell gleißend in die Luft ergoss und für einen Moment alle Anwesenden erstaunt innehalten ließ. Sogar Snape wandte sich um, als er des hellen Lichts gewahr wurde. Für einen Moment flackerte ein erstaunter Ausdruck über sein Gesicht, bevor es wieder zu einer mürrischen, ausdruckslosen Maske gefror.

Harry lächelte ihr zu. Hermine durchströmte ein Glücksgefühl. Vielleicht mochte sie nicht mehr ganz die alte Hermine sein, aber einen guten Zauber bekam sie noch hin.

Snape sagte nichts dazu. Er hatte ihr weder in Zaubertränke noch in Verteidigung jemals Punkte für ihre Leistung gegeben. Wie erwartet beendete er wenig später den Unterricht, nicht ohne noch ein paar Rügen ausgeteilt zu haben.

Hermine hatte kaum ihr Buch in die Tasche gepackt, da war er schon aus dem dämmrigen Raum gerauscht, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen.

,,Ein doppelter rechtseitiger Schwinger." äffte Ron ihn mit tiefer, schnarrender Stimme nach ,,Erst denken, dann zaubern, Mrs. Weasley!" Er fuchtelte theatralisch mit seinem Zauberstab herum, bevor er ihn sinken ließ und unter seinen Umhang in den Hosenbund steckte. ,,Lasst uns was essen! Ich sterbe vor Hunger!" sagte er mit dem Ton der Resignation, der ihn immer nach Snapes Unterricht erfasste. Nur die Erwartung auf ein reichhaltiges Mittagessen konnte in diesem Moment seinen Missmut vertreiben.

Harry legte ihm beschwichtigend die Hand auf die Schulter, bevor er Hermine und ihm aus dem Klassenzimmer folgte.

,,Er hat ein mieses Wochenende gehabt, Ron!" bemerkte Harry bissig. ,,So wie der aussah!"

,,Ja, nicht nur miese Weihnachten!" warf Ron scherzend hinterher. ,,Der hat uns sogar lesen lassen!"

Hermine folgte den beiden schweigend. Die beiden hatten recht. Er hatte schon besser ausgesehen. Sein Gesicht hatte zwar nicht den kreidebleichen Ton gehabt wie Wochen zuvor, aber seine Augen waren blutunterlaufen gewesen, als habe er nicht viel Schlaf bekommen.

Schlaflos. Wegen dir? Wegen seiner Arbeit für den Orden?

,,Lesen! Dass er uns das zutraut!" entgegnete Harry sarkastisch und lachte leise über seine Worte. ,,Kaum zu glauben!"

,,Professor Snape traut euch einiges zu!" entfuhr es Hermine, ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte.

Beide Jungs begannen diesmal zu lachen, während sie in die große Halle einbogen. Dort herrschte aufgrund der Mittagszeit schon geschäftiges Treiben. Die Halle war erfüllt von Stimmengewirr und dem Klappern des Bestecks.

Hermine machte ein saures Gesicht zu der Reaktion der Jungs, auch wenn sie nichts anderes erwartet hatte. Mit einem fahrigen Geste ließ sie ihre Tasche neben auf die Bank fallen.

Ron und Harry lächelten immer noch amüsiert über ihre Worte, während sie sich an den Tisch setzten und das Essen vor ihnen auftauchte.

,,Wie kommst du darauf? Ich weiß ja, dass du in jedem Menschen was gutes sehen willst und Lehrer sind für dich sowieso heilig, aber warum bei Merlins langem Bart behauptest du, dass Snape uns was zutrauen würde?" fragte Ron interessiert, während er begann das Essen in sich hinein zu schaufeln. Das Belustigte in seinem Blick war noch immer nicht verschwunden.

Auch Harry fragender Blick lag mit einem Mal auf ihr. ,,Er würde kaum einen solchen Unterricht machen, wenn er seinen Schülern nichts zu trauen würde." sagte Hermine entschieden.

,,Er beleidigt mich fast jede Stunde." erwiderte Ron. ,,Er nennt mich unfähig. Und dich hat er auch oft mies behandelt."

,,Ja." musste sie zähneknirschend zugeben. Obwohl er sich in dieser Stunde zusammengerissen hatte. Gryffindor hatte nicht so viele Punkte verloren wie sonst. Und selbst Draco hatte heute eine Rüge eingesteckt, weil er es selbst nach dem zwanzigsten Versuch nicht geschafft hatte, den Zauber länger als zwei Sekunden zu halten.

,,Du hast Snape letztes Jahr mit Schockzaubern bombardiert!" konterte Harry geschickt. ,,Ich dachte du hasst ihn."

,,Das habe ich nie behauptet." erwiderte Hermine ruhig und schob sich einen Bissen in den Mund. Kauen. Schlucken. Gut gemacht, Hermine.

,,Ich war sehr wütend auf ihn. Aber das ist vorbei. Ich kann froh sein, dass ich noch in Hogwarts zur Schule gehen darf."

,,Aber das hast du bestimmt nicht Snape zu verdanken. Sondern Dumbledore."

,,Ja, Harry. Mag ja sein, dass er von Zeit zu Zeit ein Widerling ist - aber trotzdem macht er diesen Unterricht ziemlich gut. Und das würde er nicht tun, wenn ihm seine Schüler nicht wichtig wären."

,,Nein, das macht er nur, weil es das Fach ist, das er immer unterrichten wollte!" erwiderte Harry entschieden. ,,Und Gryffindors liegen ihm bestimmt nicht am Herzen!"

Hermine spürte ihn - den Drang, den Menschen, den sie liebte, um jeden Preis verteidigen zu wollen- und mochte er sich oft noch so widerlich aufführen.

Aber sie durfte diesem Drang nicht dauernd nachgeben, sonst würde sie sich irgendwann verplappern.

Du kennst mich nicht. Du weißt nicht im Geringsten, wer ich bin. Hermine erinnerte sich genau an seine Worte. Und sie wusste, dass er recht hatte. Sie kannte ihn nicht.

Aber sie hatte ihn lang genug beobachtet um zu erahnen, was für ein Mensch sich in ihm verbarg.

Und nur zwei Nächte zuvor hatte sie es erlebt. Ein warmes Kribbeln erfasste ihre Lenden.

,,Schon gut, Harry!" ergab sie sich zähneknirschend, wohlwissend, dass es ein ehrgeiziges Projekt war, Harrys von jahrelangem Hass genährte Voreingenommenheit während der Mittagspause durchbrechen zu wollen und schob sich eine weitere Gabel Essen in den Mund. Sie spürte, dass sie Hunger hatte, wenn auch keinen Appetit. Wieder musste ihr Verstand dafür sorgen, dass sie aß. Sie würde kaum die Okklumentikstunde überstehen, die noch auf sie wartete, wenn sie vor lauter Schmetterlingen im Bauch einen Schwächeanfall nach dem anderen bekam.

Sie würde dafür sorgen, dass sie nicht vom Stuhl fiel.

,,Wenigstens isst du wieder." bemerkte Ron, kaum dass sie in den Gemeinschaftsraum zurückgekehrt waren. Hermine beschloss ihre Bücher erst einmal in der Tasche zu lassen und sich mit Harry aufs Sofa zu setzen. Er hatte sie schon die ganze Zeit mit seinem fragenden Blick belegt und sie wusste, sie konnte ihm nicht ewig ausweichen.

Ron saß bei ihnen und klagte über den Aufsatz, den er für Zauberkunst schreiben musste, bis plötzlich Lavender durch das Porträtloch trat. Hastig erhob sich Ron, mit der Ausrede noch ein paar Bücher zusammensuchen zu müssen und verschwand eilig im Schlafsaal. Harry schickte ihm ein belustigtes Lächeln hinterher.

,,So ein Mist. Jetzt hab ich ihn verpasst!" schimpfte Lavender in sich hinein. Sie sah Hermine verstohlen von der Seite an, während sie ans Sofa trat. ,,Was ist nur mit dem los! Der war schon letztes Jahr so komisch." murmelte sie. Obwohl Hermine Lavender nicht leiden konnte, tat sie ihr in diesem Moment leid. Niemand, nicht einmal die größte Nervensäge verdiente es, derart im Unklaren gelassen zu werden. Oh Ron, dachte sie. Lass dir nicht zu viel Zeit. Ungewissheit ist schrecklich.

Lavender schenkte Hermine einen scharfen, eifersüchtigen Blick. ,,Man hat halt nicht viel Zeit, wenn man soviel Hausaufgaben machen muss wie er, nicht wahr, Hermine?" troff es aus ihrem Mund.

,,Er bemüht sich ziemlich in letzter Zeit. Und dann ist da auch noch das Quidditch-Training!" erwiderte Hermine ruhig.

,,Ich weiß genau, dass Ron nur mit dir Hausaufgaben macht, um mit dir rum zu hängen." zischte sie wütend. ,,Du kannst ihm sagen, dass ich mir das nicht länger gefallen lasse!"

Mit diesen Worten drehte sie sich herum und rauschte ebenfalls in den Schlafsaal, der die Treppe hinunter lag.

Hermine sah dem armen gebeutelten Geschöpf mit einer Wehmut hinterher, die sie selbst überraschte.

,,Hermine, ich weiß-."

Die Angesprochene wandte sich Harry zu und sah ihn fragend an. Der strubbelhaarige Junge fummelte betreten an den Kordeln eines Sofakissens herum.

,,Ich weiß, dass Poppy gesagt hat, dass ich dich nicht mit Fragen nerven soll, aber- ."

,,Du willst wissen, wie es mir geht?"

,,Ja, ich meine, du bist letztes Jahr einfach zusammengebrochen. Du warst zwei Tage auf der Krankenstation. Und Madame Pomfrey sagte, dass du einen Nervenzusammenbruch hattest. Und das wegen Snape-." Seine Hände krallten sich in seiner Erregung in den Stoff des Kissens. Hermine sah, dass er die Zähne zusammenbiss. ,,Sie sagte etwas von einer Vision. Von Albträumen. Und ich wollte dich fragen, aber ich musste immer wieder daran denken, was sie mir gesagt hat."

,, Was – was hat Poppy dir gesagt?"

,,Dass dein Zustand es nicht zulassen würde, dass ich dich mit Fragen bestürme und dass du wieder zusammenbrechen könntest, wenn ich dich damit überfordere."

,,Harry-."

,,Ich hab versucht etwas aus Dumbledore heraus zu bekommen!" brach aus ihm hervor. Seine grünen Augen huschten unruhig zwischen ihr und seinen Händen, die sich ins Kissen krallten hin und her.

,,Aber er hat mir nichts gesagt, verstehst du! Er hat nur gesagt, dass du dich langsam wieder erholen müsstest. Und als ich mit ihm über Snapes Verhalten reden wollte, ist er mir ausgewichen."

Harry entriss seine Hand dem Kissen und ließ sie geräuschvoll darauf zurückfallen.

,,Du kannst mir glauben, es ist mir ziemlich schwer gefallen, mich zurück zu halten. Aber jetzt-."

,,Es geht mir wieder gut, Harry." erwiderte Hermine und lächelte ihn an. ,,Weißt du, der letzte Sommer war schwer für mich. Wegen- ."

Harrys Augenbrauen hoben sich fragend.

,,Wegen Viktor." log Hermine, nicht ohne Scham darüber zu verspüren, dass ER als Ausrede herhalten musste. Aber es ging nicht anders. ,,Er hat mich im Sommer besucht und-."

,,Oh, ok. Ich verstehe."

Hermine atmete leise vor Erleichterung auf. Harry war noch immer in dem Alter, in dem ihn solche Offenbarungen aus dem Mund eines Mädchens überforderten. Aber er erinnerte sich nur zu gut daran, dass sie Viktor Krum lange Briefe geschrieben hatte. Er hatte ja nicht ahnen können, dass sie dies nur aus reiner Verzweiflung getan hatte.

,,Vielleicht solltest du mal einen Gang runterschalten, Hermine." sagte Harry plötzlich halbersnt. ,,Du nimmst dir zu viel vor. Ich glaube, ich würde auch irgendwann einen Nervenzusammenbruch kriegen, wenn ich die halbe Bibliothek Hogwarts gelesen hätte."

,,Harry." erwiderte sie lachend. ,,Das habe ich nicht."

,,Stimmt, nicht einmal du würdest das ohne Zeitumkehrer schaffen!"

,,Ist sie weg?" vernahmen sie plötzlich Rons Stimme hinter sich. Wieder mussten beide lachen. Sein gepeinigter Gesichtsausdruck war einfach zu komisch. Er erinnerte an einen Jungen, der vor einem ungarischen Hornschwanz stand und seinen Zauberstab vergessen hatte.

,,Setz dich, Ron und entspann dich. Sie ist weg." beruhigte ihn Hermine und deutete auf den Sessel, der neben dem Sofa stand. Der Rothaarige blickte sich noch einmal betreten um, bevor er sich erleichtert in den Sessel sinken ließ. Nicht einmal die Aussicht auf das nachmittägliche Aufsatzschreiben konnte ihm in diesem Moment die Freude verderben, Lavender für eine Weile vom Hals zu haben.