Eine kleine Warnung für dieses Kapitel: Es wird hart, wie das Ende des letzten Kapitels ja schon befürchten lässt. Solltet ihr in der Richtung empfindlich/vorbelastet sein und es nicht lesen wollen, informiere ich euch auch gerne so über die wichtigen Geschehnisse.


Kapitel 52


„Wo ist sie?" Hermine Stimme klang belegt und es fiel ihr so schwer, ihre Zunge um die Worte zu formen, dass sie glaubte, die Männer hätten sie gar nicht verstehen können.

„In ihrer Wohnung", antwortete Remus und seine Augenbrauen zuckten in die Höhe. „Sie hat mich rausgeschmissen."

Seine letzten Worte bekam Hermine nur noch am Rande mit, denn sie hatte sich umgedreht und die Küche verlassen.

„Hermine!", rief Sirius hinter ihr, doch sie blieb erst stehen, als sie im Wohnzimmer den Kamin erreicht hatte. Dort holte er sie ein. „Hermine, bist du dir sicher, dass sie nicht erstmal Zeit für sich braucht?"

„Ja", erwiderte sie schlicht, entzündete ein Feuer und griff nach dem Flohpulver. „Kümmer du dich um Remus, ich kümmer mich um Tonks. Dann tun wir beide das, was wir am besten können." Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, küsste ihn flüchtig und warf dann das Pulver in die Flammen. Nachdem sie sich grün verfärbt hatten, tat sie einen Schritt nach vorne. „Nymphadora Tonks' Wohnung", sagte sie deutlich und schon begann sich alles um sie herum zu drehen.

Vielleicht lag es daran, dass ihr ohnehin merkwürdig schwindelig war, jedenfalls fiel sie auf die Knie, als sie an ihrem Ziel aus dem Kamin gestoßen wurde, und musste sich hart abstützen, um sich nicht flach auf dem Boden liegend wiederzufinden. Mühsam stemmte sie sich wieder hoch, wobei ihr die Tasche, die sie sich über die Schulter gehängt hatte, nach vorne rutschte und sie beinahe wieder nach unten zog.

„Tonks?", rief Hermine, sobald sie wieder aufrecht stand, und lauschte auf eine Antwort. Aus der Küche drang ein Geräusch an ihre Ohren.

Forsch schritt sie drauf los, blieb aber an der Küchentür so abrupt stehen, dass sie für einen Moment schwankte. Tonks saß auf dem Boden, vor ihr die Scherben einer Tasse, die sich fächerartig über den ganzen Boden verteilt hatten. Sie hielt den Henkel in der Hand und hob langsam den Blick zu Hermine.

Erst da schaffte Hermine es, sich aus ihrer Starre zu reißen. Sie nahm ihre Tasche ab und stellte sie auf den Boden. Dann stakste sie durch die Scherben und ging neben Tonks in die Knie. „Hey", sprach sie sie an, auch wenn sie absolut nicht wusste, wie es nun weitergehen sollte.

„Die Tasse ist... sie ist runtergefallen. Ich... wollte Tee...", stotterte die Ältere, deren sonst so fröhlich bunte Haare nun durch ein tristes Grau geziert wurden. Sie wirkte mit einem Schlag um zwei Jahrzehnte älter.

„Das macht nichts. Wir reparieren sie später."

„Ja", war die sehr leise Antwort. „Reparieren." Einen Moment lang blieb es vollkommen still, dann schluchzte Tonks plötzlich so laut, dass Hermine zusammenzuckte. Hilflos hob sie ihre Hand und strich der Freundin über den Rücken, dann legte sie die andere an ihre feuchte Wange und schließlich zog sie sie in ihre Arme und ließ sie weinen.


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Eine halbe Stunde später hatte Hermine Tonks ins Wohnzimmer bugsiert, wo sie sich auf das Sofa gehockt hatte und blicklos vor sich herstarrte. Hermine schluckte schwer, als sie mit zwei dampfenden Tassen Tee zu ihr kam. „Hier, trink das!", sagte sie und schob der Älteren die Tasse so nachdrücklich in die Hand, dass sie gar nichts anderes machen konnte, als sie entgegenzunehmen.

„Danke."

Sie setzte sich neben Tonks und zog ebenfalls die Füße auf die Couch. Lange Zeit sagten sie beide nicht ein Wort und Hermine glaubte zeitweise, über diese Stille den Verstand zu verlieren. Sie atmete erleichtert auf, als Tonks endlich zu sprechen begann.

„Ich kann das noch gar nicht begreifen, Mine. Heute Morgen war noch alles okay und jetzt..." Sie senkte den Blick auf die braune Oberfläche des Tees. „Ich hab nicht mal gespürt, dass da was in mir war." Sie stockte und strich mit dem Daumen über den Rand der Tasse. „Aber jetzt spüre ich, dass etwas fehlt."

Hermine stellte ihren Tee auf dem Tisch ab, um ein bisschen Zeit zu gewinnen. Dann legte sie ihren linken Arm auf die Rückenlehne des Sofas und strich mit der rechten Hand die Haare aus Tonks' Gesicht. „Es tut mir so leid, dass das passiert ist."

Die andere schnaubte freudlos. „Ich frage mich die ganze Zeit, ob..." Sie beendete den Satz nicht, vermutlich weil ihr die Tränen, die ihre Augen schimmern ließen, die Kehle abschnürten.

„Was?", ermunterte Hermine sie zum Weitersprechen.

Die Ältere schniefte laut und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. „Ich hab letztens Wein getrunken", gestand sie mit zitternder Stimme. „Von Remus."

„Es liegt nicht an dem Wein", erwiderte Hermine mit gerunzelter Stirn und gab sich die größte Mühe, dabei sachlich und nicht allzu beschwichtigend zu klingen. „Vor ein paar Jahren hat man es mit dem Alkohol in der Schwangerschaft bei weitem nicht so eng gesehen und trotzdem sind die Kinder gesund zur Welt gekommen. Und andersherum passiert es immer wieder, dass es nicht klappt, obwohl man aufpasst."

„Ich weiß. Mein Kopf weiß das, Mine." Sie warf ihr einen kurzen, absolut verzweifelten Blick zu. Und Hermine wurde klar, dass sie ihr diese Vorwürfe nicht nehmen konnte.

Seufzend beugte sie sich vor und lehnte ihren Kopf gegen die Schulter der Freundin. Sie hoffte, ihr auf diese Weise irgendwie Trost spenden zu können, auch wenn sie nicht wusste, wie das funktionieren sollte. Doch nach ein paar Sekunden spürte sie, wie Tonks ihren Kopf gegen Hermines lehnte und zitternd ausatmete.

„Ich vermisse den Wurm so sehr", flüsterte Tonks leise.

„Ich weiß", antwortete Hermine.


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Nachdem Tonks ins Bett gegangen war, hockte Hermine sich vor den Kamin und nahm Kontakt zum Grimmauldplatz auf. Anscheinend hatte Sirius bereits darauf gewartet, denn er erschien prompt im Feuer. „Hey", begrüßte Hermine ihn müde.

„Wie geht es ihr?", erkundigte er sich, sprach aber leiser, als sie es gewohnt war.

„Nicht so besonders. Sie schläft jetzt. Und wie hält Remus sich?"

„Nachdem Schniefelus uns mit reinem Alkohol aus seinen Laborbeständen versorgt hat, ist er jetzt betrunken genug, um ebenfalls zu schlafen. Er liegt hier auf der Couch."

„Ihr habt das Zeug doch nicht etwa pur getrunken?" Ihre Augen waren eine Nuance größer geworden.

„Nein, ganz so irre sind wir dann doch nicht. Wir haben natürlich einen Schluck Wasser dazu gemischt", erwiderte er trocken.

Hermine schmunzelte unwillkürlich. „Schön, dass ihr schon so erwachsen seid."

„Wir geben uns die größte Mühe", brüstete Sirius sich.

Eine Weile schwiegen sie, dann kam Hermine zum eigentlich Grund ihrer Kontaktaufnahme: „Sirius, ich werd heute Nacht hier bleiben."

„Das hab ich mir gedacht. Pass auf sie auf, ja?"

„Das werd ich. Und du auf Remus."

„Ja. Ich werd gleich noch Harry Bescheid sagen. Lass sie morgen nicht zur Arbeit gehen."

„Natürlich nicht", versicherte Hermine.

„Gut." Sirius runzelte die Stirn. „Was glaubst du, wie es jetzt weitergeht, Mina?"

Sie schloss kurz die Augen, als er diesen zärtlichen Namen schon wieder für sie benutzte. Doch im Gegensatz zum Gespräch am Morgen streichelte der Klang jetzt ihre gereizten Nerven und gab ihr ein wenig von der Kraft zurück, die sie in den letzten Stunden verbraucht hatte. „Ich weiß es nicht", besann sie sich schließlich auf seine Frage. „Ich weiß es wirklich nicht."


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Es war bereits nach zehn Uhr am Abend, als im Kamin ein grünes Feuer aufloderte und Harry aus seinen Gedanken riss. „Harry, bist du noch wach?" Sirius.

Seufzend stand Harry aus dem Sessel auf, in den er sich mit dem Bericht von Tonks gesetzt hatte, um in der spätabendlichen Ruhe ungestört darüber nachgrübeln zu können. Seine Knie knackten vernehmlich, als er sich vor den Kamin hockte. „Ja, ich bin hier", antwortete er.

„Ich hab schlechte Nachrichten." Die Miene seines Paten war ernst und Harry befand sich augenblicklich in Alarmbereitschaft.

„Was ist passiert?", fragte er scharf, während sich die Haare in seinem Nacken aufstellten. Er wagte es nicht, den Blick vom Kamin abzuwenden, doch im Augenwinkel sah er, wie Ginny aus dem Schlafzimmer geschlichen kam und sich neben ihn stellte.

„Es geht um Tonks. Sie hat das Baby verloren."

Harry schluckte, während Ginny neben ihm erschrocken keuchte und einen Schritt zurückstolperte, so dass er sie nicht mehr sehen konnte.

Ehe Harry etwas sagen konnte, fuhr Sirius fort: „Remus ist hier und bat mich, dir Bescheid zu sagen, dass sie morgen nicht zur Arbeit kommt."

„Natürlich", murmelte Harry hohl. In seinen Ohren rauschte es unangenehm. Dann räusperte er sich und verlagerte das Gewicht von einem auf das andere Bein. „Sag ihr, sie soll sich so viel Zeit nehmen, wie sie braucht."

„Ich werd es ihr sagen." Aus dem Hintergrund drang ein merkwürdiges Geräusch durch den Kamin und Sirius wandte kurz den Blick ab. Mit gerunzelter Stirn sah er Harry anschließend wieder an. „Ich muss mich um Remus kümmern, Harry. Er hat gerade... ach, das willst du nicht wissen."

Harry zog die Augenbraue in die Stirn, kam dann aber zu dem Schluss, dass er es wirklich nicht wissen wollte. „Sag ihm... ich weiß nicht, was sagt man in so einer Situation, Sirius?"

Der ältere Mann seufzte schwer. „Ich habe keine Ahnung, Harry. Aber ich werd mir was einfallen lassen."

Kurz darauf verabschiedeten sie sich voneinander und Harry ließ traurig den Kopf hängen. Es gab schon so viele Trauerfälle durch den Krieg und nun trat ihnen auch noch die Natur in den Hintern. „Immer fleißig drauf, wir sind es ja gewohnt", murmelte er bitter.

Dann wurde ihm bewusst, dass Ginny nicht mehr im Wohnzimmer war. Er stemmte sich auf die Beine und ging zur Schlafzimmertür hinüber, die ein Stück offen stand. Ginny lag seitlich auf dem Bett und hatte James neben sich liegen. Der Säugling ruderte mit den Armen durch die Luft und gab knatternde Geräusche von sich.

Harry schluckte, dann ging er zu ihr und legte sich von der anderen Seite zu seiner kleinen Familie, so dass James zwischen ihnen lag. „Ich musste ihn einfach halten", flüsterte Ginny und strich dem kleinen Jungen mit einem Finger über die Wange. „Ich hab ihn nur deswegen geweckt, Harry."

„Schon gut", beruhigte er sie und fuhr durch ihre weichen roten Haare. „Ich fänd es schön, wenn er heute Nacht bei uns im Bett bleibt."

Ginny sah aus feuchten Augen zu ihm auf und streckte sich dann vor, bis sie ihn küssen konnte. „Ich liebe dich", hauchte sie.

„Ich dich auch." Nachdem Ginny sich wieder in die Kissen gekuschelt hatte, zog Harry die Bettdecke über sie alle. Er dachte nicht einmal mehr daran, sich umzuziehen.


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Sirius klopfte dreimal energisch gegen die Tür zu Schniefelus' Zimmer, wartete aber kein Herein ab, bevor er die Tür öffnete.

„Was?", blaffte der Tränkemeister ihn an, ehe er auch nur Luft holen konnte. Er saß an seinem Tisch und schrieb im Licht einer Kerze.

„Hast du einen Trank gegen Übelkeit? Remus verträgt den Alkohol nicht."

Snape schnaubte verächtlich. „Was für eine bahnbrechende Erkenntnis. Vor allem nachdem du auch Weasley schon mal mit dem Zeug vergiftet hast." Dennoch stand er auf und schob Sirius beiseite, um in den Flur zu treten.

„Spezielle Umstände erfordern spezielle Maßnahmen", erwiderte Sirius trocken und folgte dem anderen die Stufen hinunter. „Außerdem warst du es, der den letzten Whiskey verschwendet hat."

„Wenn du nur einmal auf die Idee kommen würdest, anstelle von Hochprozentigem einen Tee zu kochen, wenn jemand mit den Nerven am Ende ist, würden sich viele deiner Probleme gar nicht erst ergeben."

„Oh ja, ich werd dich daran erinnern, wenn du deine Trauer das nächste Mal mit Kamillentee runterspülst, Schniefelus", knurrte Sirius verärgert.

Snape blieb mitten auf der Treppe stehen und wandte sich zu ihm um. „Nenn mich noch einmal Schniefelus und ich brech dir die Nase so, dass nicht mal der beste Heilungszauber sie richten kann", drohte er. „Davon abgesehen verabscheue ich Kamillentee. Aber ein guter Earl Grey wirkt beinahe genauso gut wie Feuerwhiskey."

„Ich hab's ja verstanden", nölte Sirius. „Hast du nun einen Trank für Remus oder nicht?"

Snape zog eine Augenbraue in die Stirn. „Würde es um dich gehen, würde ich dich kotzen lassen, bis du kein Morgen mehr kennst."

„Na, da bin ich aber froh."

Als Schniefelus daraufhin keine Erwiderung einfiel, setzte er endlich seinen Weg ins Labor fort und hielt nur kurz an, als er die Banne von der Tür nahm. Er rauschte mit schlafwandlerischer Sicherheit durch den Raum, während sich die Kerzen an den Wänden von alleine entzündete, und öffnete einen Schrank in der Ecke. Zielsicher schob er diverse Phiolen beiseite und zog schließlich die richtige hervor.

Sirius seinerseits hatte es vorgezogen an der Tür stehen zu bleiben und streckte nun die Hand nach dem Trank aus. Im letzten Moment zog Snape die Phiole zurück. „Den Trank wirst du bezahlen, nur damit wir uns verstehen."

„Sicher", fügte Sirius sich ohne Widerworte. Erst als er den Trank in der Hand hielt, fügte er hinzu. „Du kannst dir deine Bezahlung in Naturalien abholen." Als er sich umdrehte, um das Labor zu verlassen, wackelte er provokant mit dem Hintern.

„So wenig, wie deine Naturalien wert sind, bist du bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag damit beschäftigt, deine Schulden abzuzahlen!", rief Snape ihm hinterher.

„Glück für mich!", erwiderte Sirius leichthin und kehrte zu seinem Freund zurück.


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Im Wohnzimmer war es ungewohnt hell, als Hermine die Augen aufschlug. Sie blinzelte irritiert durch die fremde Einrichtung, dann fiel ihr wieder ein, wo sie war. Sie stöhnte leise, als sie sich aufsetzte; die Couch war ein absolut unbequemes Ding, um darauf zu übernachten. Ihr Nacken war verspannt und ihr ganzer Rücken schmerzte.

Prüfend tastete sie durch ihre Haare, die wie erwartet in alle Richtungen abstanden. Ihr Blick fiel auf ihren Zauberstab, der vor ihr auf dem Tisch lag. Sie hasste es zwar, ihre Morgentoilette auf diese Weise zu erledigen, aber heute hatte sie keine andere Wahl. Irgendwann würde sie sich dafür mit einem langen, heißen Bad entschädigen.

Nachdem sie sich nun wieder halbwegs menschlich fühlte, stand sie auf und schielte in Tonks' Schlafzimmer, doch das Bett war leer. „Das darf doch nicht wahr sein", murmelte sie, wirbelte herum und stürmte auf die Küche zu. Zu ihrer Erleichterung saß ihre Freundin dort am Tisch und nippte an einem Kaffee.

„Guten Morgen, Mine", begrüßte sie sie und versuchte es mit einem Lächeln. Erfolglos.

„Morgen", erwiderte Hermine und nahm ihr gegenüber Platz.

„Sind das die ersten Immobilienvorschläge?", fragte die Ältere und stellte ihren Kaffee beiseite. Erst da fiel Hermine auf, das sie anscheinend die Papiere in ihrer offenstehenden Tasche gefunden hatte.

„Ja", murmelte sie. „Ja, das sind sie. Aber ich werde England vorerst nicht verlassen."

Tonks sah erstaunt zu ihr auf. „Warum nicht?"

Zur Antwort zog Hermine nur ihre Augenbraue in die Stirn.

„Was, wegen mir?"

„Wegen wem wohl sonst?"

„Das ist doch Stuss. Es geht mir gut."

„Guter Witz", kommentierte Hermine trocken.

Der Metamorphmagus lief rot an. „Na ja, gut ist vielleicht etwas hoch gegriffen", gestand sie. „Aber ich komme zurecht. Davon abgesehen bin ich in nächster Zeit sowieso ausreichend beschäftigt. Immerhin muss ich eine Hochzeit organisieren."

Hermine musterte ihre Freundin einige Momente prüfend. „Willst du dir nicht erstmal ein bisschen Zeit nehmen?", fragte sie vorsichtig.

„Nein." Die Stimme ihrer Freundin ließ eigentlich keinen Widerspruch zu, doch Hermine hatte trotzdem keine Hemmungen, ihr einen skeptischen Blick zukommen zu lassen. Daraufhin schob Tonks endlich die Immobilienbeschreibungen von sich und seufzte. „Ich weiß, was du denkst. Dass ich es verdränge und versuche, so dem Schmerz zu entgehen. Richtig?"

„Ähm... so ziemlich, ja."

„Das tue ich aber nicht. Es tut weh, ja. Aber es tut noch mehr weh, wenn ich zu viel Zeit habe, darüber nachzudenken. Ich möchte nicht wie die Frauen werden, die ein Kind verloren haben und es dann nicht mehr schaffen, nach vorne zu schauen. Es hat einfach nicht sollen sein. Ich weiß nicht warum, aber ich muss daran glauben, dass es einen bestimmten Grund hatte." Im krassen Gegensatz zu ihren Worten standen die Tränen, die ihr bei diesen Worten über die Wangen liefen. Sie wischte sie energisch fort.

„Ich hoffe, du glaubst nicht, dass dieser Grund der Schluck Wein von Remus war", wagte Hermine einzuwenden.

Tonks zuckte unbestimmt mit der Schulter. „Ich werde es nie erfahren."

Hermine griff über den Tisch nach den Händen ihrer Freundin und war froh, als diese den Griff dankbar und fest erwiderte. Sie seufzte schwer. „Ich weiß noch nicht, wie ich es anstellen soll, aber ich muss weitermachen. Und der nächste Schritt wird meine Hochzeit sein. Wenn ich dann Mrs Lupin bin, werden wir es noch einmal versuchen." Sie schluckte so hart, dass es selbst Hermine Kraft kostete, obwohl sie es nur mit ansehen musste.

„Ich bin froh, dass du die Nacht über hier gewesen bist, Mine. Und ich hoffe, du bist mir nicht böse, wenn ich dich jetzt trotzdem rausschmeiße. Aber ich vermisse Remus und es gibt so viel, das wir miteinander besprechen müssen."

„Ich verstehe", unterbrach Hermine ihren Redeschwall mit einem Lächeln.

„Du gehst jetzt nach Hause und zeigst Sirius diese Häuser. Sie sind alle wunderschön. Ihr solltet euch eines davon kaufen."

Hermine schnaubte leise. „Ich hoffe mal, er denkt genauso darüber."

„Das wird er schon." Die andere nickte überzeugt. „Und wenn nicht, dann sag mir Bescheid und ich rück ihm den Kopf zurecht."

„Ich glaube, da reicht schon die Drohung."

„Wollen wir's hoffen..."

Sie wurden sehr still nach diesem kurzen Gespräch und Hermine wagte es nicht, die kühlen Hände ihrer Freundin loszulassen. Sie stellte sich vor, dass Tonks Kraft daraus zog, vielleicht sogar aus Hermine selbst, und sie war bereit ihr alles an Kraft zu geben, das sie irgendwie entbehren konnte.


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Hermine spürte noch immer den Nachhall der festen Umarmung, mit der sie sich von Tonks verabschiedet hatte, während sie im Grimmauldplatz aus dem Kamin stieg. Remus und Sirius saßen im Wohnzimmer am Tisch und starrten ihr Frühstückstoast so missmutig an, als hätte Voldemort persönlich es ihnen zubereitet.

Als Remus jedoch Hermine erkannte, sprang er auf die Füße und kam mit erwartungsvoller Miene und blassem Gesicht auf sie zu. „Wie geht es ihr? Was ist mit Dora?", fragte er und rang die Hände.

Hermine lächelte erschöpft. „Sie versucht, sehr stark zu sein. Und sie vermisst dich. Ich glaube, du solltest zu ihr gehen."

Remus dachte nicht einmal mehr daran, etwas zu antworten, geschweige denn, sich zu verabschieden. Stattdessen griff er so brutal in die Schale mit dem Flohpulver, dass er sie beinahe vom Kaminsims riss. Keine zehn Sekunden später war er verschwunden.

Sirius atmete erleichtert auf und stützte den Kopf in die Hände. Hermine stellte ihre Tasche ab und ging zu ihm. Sie legte die Hände auf seine Schultern und massierte die harten Muskeln darunter. Ein grundehrliches Stöhnen war die Antwort darauf.

„Was für eine Nacht...", murmelte er.

„Was für eine Nacht...", stimmte Hermine zu, stellte ihre Bemühungen ein und lehnte sich stattdessen so über ihn, dass ihr Kopf neben seinem lag. „Was hältst du von schlafen?", fragte sie leise.

Sirius schnaubte trocken. „Eine Menge."

„Dann lass uns ins Bett gehen." Sie griff mit der linken Hand nach seiner rechten und mit ihrer rechten nach der Tasche. Ihr stand zwar der Sinn nicht danach, das schwere Ding auch noch mit zu schleppen, wo doch ihr Körper selbst schon so unglaublich schwer war. Doch das Risiko, dass Snape die Tasche durchsuchte, war ihr dann doch zu groß. Träge ließ sie sich von Sirius die Stufen hinaufziehen und war eingeschlafen, kaum dass ihr Kopf das Kissen berührte.