55. Sarabande

Wie ein Hammerschlag vor die Brust nimmt mir der Schock den Atem. Den anderen ergeht es nicht besser, denn niemand spricht. Ich vernehme nur noch das zischende Geräusch des ungläubig scharf eingezogenen Atems und kleine Laute des Erschreckens aus der Kehle meiner Kameraden, und dann schlägt Stille über meinem Kopf zusammen. Ich vergesse zu atmen, während in meinen Ohren die an Feanor und Norazul gerichteten Worte des Geisterpriesters nachhallen: Ihr müsst zurückbleiben. Ihr müsst die Wüste verlassen. Zurückbleiben. Verlassen. Verlassen. Immer wieder, wie ein Echo in einer Kathedrale, die zu einem Grab geworden ist. Es klingt wie unser Todesurteil.

Norazul ist der erste, der die Sprache wiederfindet. "Ist das Eure endgültige Entscheidung?" knurrt er den Großen Ritualpriester Zahmut an. Ein Mensch hätte sich allein schon von dem drohenden, klirrend kalten Ton seiner Stimme eingeschüchtert gefühlt, doch einen Geist ficht das nicht an. Der Ritualpriester reckt sich, bis er den bleichen Nekromanten um ein paar Millimeter überragt, um dann unter halb geschlossenen Lidern hochmütig auf ihn herabzuschauen.
"Es ist nicht meine Entscheidung. Für den Aufstieg gelten die Regeln der Götter. Ich überwache nur ihre Einhaltung."
"Von solchen Regeln habe ich noch nie etwas gehört", mischt sich nun auch Feanor ein. Sein Blick schnellt zu mir herüber. Seine dunklen Augen blitzen, und seine linke Hand legt sich auf den Knauf seiner Smaragdklinge, als er sich dem Ritualpriester wieder zuwendet. Sinnlos, denke ich... rührend und sinnlos.
"Ich habe geschworen, sie zu beschützen! Verlangt Ihr, dass ich eidbrüchig werde?! In Cantha darf jeder..."
"Ihr seid aber nicht in Cantha", erwidert Zahmut sanft, "und Eure Schwüre gelten in der Kristallwüste nicht einmal so viel." Er schnippt unhörbar mit seinen durchsichtigen Fingern. "Wie sollen die Götter entscheiden, ob ein Kämpfer des Aufstiegs würdig ist, wenn er seine Aufgaben von mächtigen Verbündeten erledigen lässt?"
Feanor tritt zu mir, nimmt meine Hände, bohrt seinen Blick in meinen. Die ersten Spuren von Verzweiflung lese ich darin, aber auch Entschlossenheit und wilde Hoffnung. "Lass uns nach Cantha gehen, koishii! Du kannst auch dort aufsteigen. Du wirst weh no su, und dann kehren wir hierher zurück und..."
"... und wie wollt Ihr dann in die Drachenhöhle zur Prophetin Glint gelangen? Mit einem Teleport-Zauber?", spöttelt Ritualpriester Zahmut amüsiert. Der Hoffnungsfunke, der für den Bruchteil einer Sekunde in mir aufglomm, verlischt mit leisem Zischen. Meine Knie beginnen zu zittern, als ich erkenne, dass mir keine Wahl bleibt.
"Er hat recht, Feanor", flüstere ich und lasse den Kopf hängen, starre auf meine staubigen Stiefelspitzen. "Und selbst wenn das nicht wäre... wie lange dauert die Seereise nach Cantha? Sechs Wochen? Acht, von hier aus? Wir würden mehr als doppelt so lange brauchen... Nein. Wir müssen es allein versuchen. Hier, in der Kristallwüste. So, wie die verdammte Prophezeiung es will."
"Das ist doch Irrsinn!" Alesias Stimme bebt, ihre graublauen Augen wirken riesig in ihrem blassen Gesicht. "Wie soll ich das schaffen? Wie soll ich allein all den Schaden wegheilen, den diese... diese monströsen Biester da draußen verursachen?"
Ich schüttele hilflos den Kopf. "Ich weiß es nicht... aber wir müssen es irgendwie schaffen... wir müssen! Oder hast du eine bessere Idee?"
Alesia atmet tief ein, lässt die Luft wieder entweichen und schweigt. Sie presst die Lippen zusammen und blickt zum Ritualpriester hinüber, doch dessen transparente Miene bleibt unbewegt, mitleidlos. Hat sie etwas anderes erwartet?

Feanor nimmt meine Hand, zieht mich mit langen, eiligen Schritten hinter sich her, in den Schatten einer der hohen, breiten Säulen, außer Hör- und Sichtweite der anderen. Dort nimmt er mein Gesicht in beide Hände, zwingt mich, ihn anzusehen. Seine Züge haben alle Farbe verloren.
"Willst du das wirklich tun? Ihr fünf allein gegen die Wüste? Gegen diese starken Feinde? Und die Vergessenen... die großen Schlangen, von denen der Geisterheld sprach... die haben wir noch nicht einmal getroffen! Ich werde das nicht zulassen! Lass uns nach Cantha gehen! Bitte! " Seine Stimme wird immer leiser, immer kratziger, und mit jedem Wort kommt sein canthanischer Akzent stärker durch.
Ich schließe die Augen, spüre, wie meine Unterlippe anfängt zu zittern, weil ich so gern nach diesem Strohhalm greifen würde - und es doch nicht kann. "Und unsere Freunde im Stich lassen? Jetzt würde es meine Haut retten, ja... aber nach einiger Zeit... wenn du Gelegenheit hattest, darüber nachzudenken... was würdest du dann von mir halten, Feanor, wenn ich das täte? Was würde ich selbst von mir halten?" Die ersten Tränen quellen unter meinen Lidern hervor, rollen über meine Wangen, hinterlassen bestimmt interessante Muster in der Staubschicht auf meiner Haut.
"Ich will dich nicht verlieren, koishii", flüstert er.
"Ich bin... noch nie... vor irgend etwas weggelaufen... und ich fange jetzt nicht damit an." Ich versuche, meiner Stimme einen festen, überzeugten Klang zu geben. Natürlich misslingt es.

Die letzte Nacht kommt mir in den Sinn, die vielleicht ganz anders verlaufen wäre, hätte ich gewusst, dass ich mich heute von ihm trennen muss. Ich sehe es in seinen Augen, dass auch er daran denkt.... aber nun ist es zu spät, die vielleicht letzte Gelegenheit ungenutzt verstrichen. Ich ziehe die Oberlippe zwischen die Zähne, beiße darauf, bis ich mein eigenes Blut schmecke, warm und salzig und kupfern.

Ich werfe den anderen, die etwas weiter entfernt im Schatten der Arkaden stehen, einen raschen Blick zu. Niemand sieht zu uns herüber. Norazul und Claude haben sich etwas abgesondert, tief in ein Gespräch versunken, über dessen Inhalt ich lieber gar nichts wissen will. Orion redet wild gestikulierend auf Alesia ein, die resolut die Hände in die Seiten gestemmt hat, während Stephan stoisch daneben steht und anscheinend geduldig darauf wartet, dass der hellblonde Elementarmagier seine - wahrscheinlich ebenso nutzlose wie wortreiche - Tirade beendet.

Ich schaue wieder in Feanors blasses, unglückliches Gesicht, hebe die Hände und greife in die schweren Ritualistenketten, die auf seiner Brust liegen, schiebe sie beiseite.
"Nimm sie ab", flüstere ich. Feanors Blick zeigt verständnislose Verwunderung, doch wortlos tut er, worum ich ihn bitte, lässt das Metall klirrend zu Boden fallen, während ich beinahe hektisch die kurze Weste von seinen Schultern streife, bis er endlich mit bloßem Oberkörper vor mir steht. Während er seine großen, rauhen Hände fest um meine Taille schließt, gleite ich mit den Fingern über seine nackte Brust, spüre das kaum merkliche Vibrieren der harten Muskeln unter der glatten Haut, finde den schmalen Wulst der gezackten weißen Narbe direkt über seinem Herzen, wo die abgebrochene Klauenspitze der Klingen-Aatxe tief in seinen Körper eingedrungen war und ihn fast das Leben gekostet hätte. Ich lege meine Hand darauf, fühle seinen Herzschlag, schnell und stark, vielleicht ein letztes Mal... Ich schlucke. Meine Fingerspitzen gleiten weiter, ziehen die Linien der sepiafarbenen Tätowierungen nach, die seine breiten Schultern, seine Oberarme und seine Brust umschlängeln, als hätten sie ein Eigenleben.
"Hat das wehgetan", wispere ich.
"Was?" Verwirrung klingt aus seiner Stimme.
"Die Tätowierungen. Hat es wehgetan, als sie gestochen wurden?"
Ich weiß nicht, warum. Aber plötzlich muss ich es unbedingt wissen. Wie so viele Dinge über ihn, über die wir nie gesprochen haben und für die nun keine Zeit mehr bleibt.
"Ja... ja, es hat wehgetan, aber das war gar nichts gegen..."
"Wie alt warst du?"
"Es ist... zwölf Jahre her, also war ich etwa achtzehn... koishii, was..."
"Was bedeuten sie?"
"Es sind Schutzzeichen... magische Symbole, die meine Ritualistenfähigkeiten unterstützen... warum fragst du das ausgerechnet jetzt?"
"Ich... ich weiß nicht. Vielleicht, weil... wenn ich es jetzt nicht frage, komme ich vielleicht nicht mehr dazu, und..." Meine Stimme bricht. Ein leises Stöhnen entringt sich Feanors Kehle, und seine Hand umfasst meinen Hinterkopf, gräbt sich in mein Haar. Er senkt den Kopf, presst seine Lippen auf meine, quetscht sie gegen meine Zähne, zwängt sie hart auseinander und stößt seine Zunge tief in meinen Mund. Es tut weh, doch ich zucke nicht zurück, denn es erscheint mir seltsam angemessen. Keine Zärtlichkeit liegt in diesem Kuss, nur Hunger, Schmerz und Verzweiflung, und ich erwidere ihn mit der gleichen Intensität, während die Tränen über meine Schläfen in mein Haar hinein rinnen. Ich klammere mich an seine muskelbepackten Schultern, ergebe mich völlig, versuche, nur den Moment zu leben, nicht daran zu denken, was alles hätte sein können und nun vielleicht nie mehr sein wird. Ich lasse die Welt um mich herum versinken, bis das Universum zu einer kleinen Blase zusammenschrumpft, deren Ausdehnung sich allein auf uns beide beschränkt, und sich alle Äonen der Zeit auf diesen einzigen Augenblick konzentrieren.

Eine Ewigkeit scheint zu vergehen, doch als ich mich endlich von ihm löse, atemlos keuchend und mit wunden, geschwollenen Lippen, ist die Sonne noch kaum einen Zentimeter weitergewandert.
"Koishii... ich li..."
"Nicht, Feanor...nicht... mach es nicht noch schwerer!" Immer noch heftig atmend blicke ich durch den Tränenschleier in seine mandelförmigen Augen, und er hält meinen Blick fest, lässt nicht los. Ich blinzle die Tränen fort, streichle mit den Fingerspitzen über seine feingeschwungenen, fast schwarzen Brauen, die gerade Nase, den sensiblen Mund, das kantige, unrasierte Kinn, die scharfgezeichnete Linie seines Kiefers. Ich will mir jeden Zentimeter einprägen, jedes Fältchen seiner Haut, jede Strähne seines langen Haars, damit ich nichts vergesse, wenn ich ohne ihn die Wüste durchwandere. Wenn ich - vielleicht - ohne ihn sterbe.

Feanor spricht währenddessen auf Canthanisch auf mich ein, leise, melodische Worte, eindringlich und rauh vom aufgewühlten Krächzen seiner Stimme. Ich verstehe keins davon, und doch weiß ich, was sie bedeuten. Ich weiß, dass er mir sagt, was ich in meiner Sprache nicht hören will, und das macht alles irgendwie nur noch schlimmer.
"Versprich, dass du zurückkommst", flüstert er schließlich, nun wieder auf Tyrianisch, doch mit so starkem Akzent, dass es mir schwerfällt, die Worte zu verstehen. Seine Arme schließen sich um meinen Oberkörper, und ich höre die Rippen leise knacken.
"Ich... ich werde alles dafür tun, was ich kann." Aber manchmal ist alles nicht genug. Doch diesen Gedanken behalte ich für mich. Er kann es sich ohnehin denken. Er weiß, wie unsere Chancen stehen.
"Ich werde dich finden. Wo auch immer du sein wirst, wenn du mit Deinen Missionen fertig bist."
Ich nicke wortlos und schlucke heftig, lasse mich in seine Umarmung fallen, lege meinen Kopf an seine Brust. Präge mir den Rhythmus seines Herzschlags ein, nehme mir vor, dieses Gefühl niemals zu vergessen, das Pochen seines Herzens unter meiner Wange, den Druck seiner Arme um meinen Körper, die Wärme seiner glatten Haut unter meinen Händen, damit mich die Erinnerung wärmt in den kalten, einsamen Wüstennächten, die mir bevorstehen.
"Sprich mit dem Ritualpriester", bringe ich schließlich heraus. "Auch du musst die letzte Prüfung ablegen, ob du nun in Cantha aufgestiegen bist oder nicht. Sonst kommst du nicht in die Drachenhöhle. Das muss er dir erlauben, denn wenn der Wesir recht hat, bist auch du ein Auserwählter und hast das Recht, mit der Prophetin zu sprechen. Dann... treffen wir uns hier wieder. Sobald unsere Aufgaben hinter uns liegen."

Jemand ruft nach uns. Ich weiß nicht, wer, mache mir nicht die Mühe, die Stimme zu identifizieren. Ich will hier stehenbleiben, will nicht loslassen, will nicht gehen.
"Tari. Komm schon." Es ist Alesia, und sie steht nur ein paar Meter entfernt, die Stirn mitfühlend gefurcht. "Wir sollten aufbrechen... und Norazul will dir noch etwas geben." Sie verschwindet wieder, wie weißer Nebel unter den Schatten der Säulen.
Ich atme tief durch, nehme all meine Kraft zusammen, um die Geborgenheit von Feanors Umarmung verlassen zu können. Schließlich löse ich mich aus seinen Armen, wische mit dem Unterarm über mein tränennasses Gesicht. Ein letzter Blick in seine dunklen Augen, dann reiße ich mich gewaltsam los, gehe mit raschen, unsicheren Schritten zu meinen Kameraden hinüber, die nahe des Podestes im Schatten der Arkaden stehen.

Feanor folgt, nachdem er seine Weste und seine Ketten wieder angelegt hat. Er drückt noch einmal meinen Arm, als wir sie erreichen.
"Ich rede mit Ritualpriester Zahmut", flüstert er in mein Ohr. "Und ich werde kein Nein akzeptieren!"
Ich blicke ihm hinterher, beobachte, wie er den Priester anspricht, und mein Herz sinkt, als ich die ablehnende Haltung des Geistes bemerke. Wut kocht in mir hoch, obwohl ich nicht einmal weiß, was genau besprochen wird. Er kann es Feanor nicht verwehren, die letzte Prüfung abzulegen! Er darf nicht! Ich balle die Fäuste, bis meine Knöchel weiß hervortreten.

"Hier, Tari. Nehmt. Das werdet Ihr brauchen können." Norazul ist neben mich getreten, reicht mir ein fleckiges Pergament, vielfach gefaltet, aber noch heil.
"Das ist eine Karte der Kristallwüste", erklärt er mit seiner röchelnden Stimme, leise, als ob er nicht wolle, dass der Geisterpriester uns zuhört, doch der ist ohnehin mit Feanor beschäftigt. Ich falte das Pergament auseinander. Es ist ziemlich vergilbt, aber die Einzelheiten sind noch klar zu erkennen.
Norazul deutet mit einem totenbleichen Finger auf die kleinen Zeichnungen darauf. "Hier. Diese Ansammlungen von Häusersymbolen stehen für die Ruinen der befestigten Städte aus den Zeiten der Elonier. Dort gibt es meist auch Wasser. Die blassgrünen Palmen mit den kleinen Seen markieren die größeren Oasen, stilisierte Brunnen die kleineren Wasserstellen und Zisternen. Rote Dreiecke kennzeichnen die riesigen unveränderlichen Dünen, die nicht wandern, sondern seit Hunderten von Jahren am selben Ort stehen. Geschlängelte Linien bezeichnen die günstigsten Pfade. Sofern sie heute noch existieren. Die Karte ist schon etwas älter."
Ich blicke auf. "Wie alt? Wird sie uns überhaupt noch etwas nützen?"
Der Albino zuckt die Achseln. "Ziemlich alt. Aber besser als nichts. Wie gut ist Euer Orientierungssinn, Tari?"
Ich schnaube. "Ich bin Waldläuferin, Norazul. Ich dachte, das wäre aufgefallen? Ich weiß immer, wo Norden ist. Ich kann es fühlen. So wie jeder geborene Waldläufer. Ich kann mich am Stand der Sonne und der Gestirne orientieren. Und ich habe mich noch nie irgendwo verlaufen."
"Gut." Der Nekromant nickt zufrieden. "Hier - diese Oase, südwestlich von hier... sie heißt Heldenaudienz. Ihr könnt sie in drei bis vier Tagen erreichen. Wenn sich nicht allzu viel verändert hat, dürfte dort einiges wachsen, womit Ihr Eure Vorräte auffüllen könnt. Von dort aus braucht Ihr weitere sechs oder sieben Tage zu Eurer ersten Mission in den Dünen der Verzweiflung. Die nächste Strecke wird schwieriger - Ihr müsst die Geierdünen und das Trockene Meer durchqueren. Es gibt nur zwei Zisternen auf dem Weg zum Durstigen Fluss. Betet, dass sie nicht ausgetrocknet sind. Zehn Tage. Mindestens. Wenn Ihr dort angekommen seid und die Mission überlebt habt..." Norazul stockt kurz, befeuchtet seine Lippen - "dann geht durch dieses Gebiet hier - die Narbe - nach Nordwesten. In der Schicksalsschlucht könnt Ihr Station machen. Die dortige Oase wird Euch wie Melandrus Paradies vorkommen." Er lacht kurz auf, freudlos und abgehackt. "Dann immer weiter nach Nordwesten, über die Himmelsspitze und die Wahrsagerhöhe, zu Eurem letzten Ziel, der Elonaspitze. Und von dort aus kehrt Ihr über die Salzebenen hierher zurück, zum Fels der Weissagung. Seht Ihr?" Er fährt die Strecken, die auf der Karte so kurz und harmlos wirken, mit dem Finger ab.

Ich nicke abwesend, ganz vertieft in die Landkarte, präge mir alle Einzelheiten ein. Schätze die Strecken ab, die zwischen den Wasserstellen liegen. Überlege, ob meine Pfeile und mein Gift reichen werden für die vielen Kämpfe, die uns auf dieser Reise bevorstehen.

"Eins dürft Ihr niemals vergessen, wenn Ihr da draußen seid", warnt Norazul, nun auch an die anderen gewandt, die aufmerksam den Blick auf ihn richten. "Die Wüste wird versuchen, Euch zu täuschen. Sie wird Euch glauben lassen, große Wasserflächen erwarteten Euch am Horizont. Oder eine Stadt aus weißem Marmor. Oder eine grüne Oase, oder eine Karawane. Oder sogar der, den Ihr liebt." Sein Blick schnellt kurz zu Feanor hinüber, der sich ein paar Meter weiter noch immer mit dem Geisterpriester herumstreitet. "Und wenn Ihr dann darauf zueilt, dabei vielleicht meilenweit vom Weg abkommt und Eure letzten Kraftreserven verpulvert, dann findet Ihr - nichts. Nur Sand und Staub. Und vielleicht Euren Tod. Traut niemals Euren Augen, Tari. Es sind nur Luftspiegelungen. Trugbilder. Die Wüste ist nicht Euer Freund. Sie ist ein gnadenloser Feind, der Euch töten will. Der bezwungen werden muss."

Ich schlucke trocken, nicke wortlos, präge mir die Worte ein, die mich trotz aller Gefahren dennoch seltsam neugierig machen auf das, was mich in der offenen Wüste erwartet.

Norazul wühlt unterdessen in seinem Rucksack herum. "Noch etwas, Tari. Hier... das ist für Euch. Eigentlich wollte ich es Euch erst in den Zittergipfeln geben. Aber irgendwie beschleicht mich das Gefühl, Ihr könntet es jetzt nötiger brauchen."
Er schiebt die Landkarte in meinen Händen beiseite, hält mir einen Köcher aus steifem, dunkelbraunem Leder entgegen. Etwa zwei Dutzend schwarz gefiederte Pfeile stecken darin.
"Für... für mich?"
Norazul nickt bekräftigend, und ich drücke Stephan die Landkarte in die Hand, um den Köcher entgegenzunehmen. Die Nähte sind blitzblank versäubert, das Leder ist fest, aber nicht schwer. Ich ziehe vorsichtig einen Pfeil heraus. Er ist länger als mein Arm und hervorragend ausbalanciert.
"Ich... was soll ich sagen...", stottere ich überrascht, betaste das akkurat getrimmte, dichte blauschwarze Gefieder und, mit ehrfurchtsvoller Vorsicht, die scharf gefeilten Spitzen, die aus einer Art schwarzem Glas zu bestehen scheinen.
"Die Federn stammen vom Schwarzen Bergadler, von dem letzten Pärchen, das noch auf der Insel Shing Jea nistet. Ich habe sie jahrelang gesammelt. Und die Spitzen bestehen aus diamantgeschliffenem Obsidian. Das Rohmaterial findet man nur im Riss des Kummers. Ich habe sie selbst geschliffen."
"Ihr habt diese Pfeile selbst hergestellt?" Vor Staunen hätte ich beinahe meinen Kummer über die bevorstehende Trennung von Feanor vergessen, und meine Angst vor dem, was uns bevorsteht. Aber nur beinahe. Mein Kiefer verkrampft sich kurz.
"Die Pfeile und den Köcher", bestätigt Norazul. "Und es gehört noch etwas dazu."
Er öffnet den stachelbesetzten Brustpanzer seiner Rüstung und zieht eine breithalsige, facettengeschliffene Kristallphiole von der Größe meiner Hand hervor, in der eine dunkle Flüssigkeit hin und her schwappt. Er nimmt mir Köcher und Pfeile wieder ab, damit ich das Fläschchen entgegennehmen kann. Es ist so kalt, dass ich es beinahe fallengelassen hätte. Ich halte es gegen die Sonne, doch die Flüssigkeit darin wird nicht vom Licht durchdrungen. Ich löse den festsitzenden, breiten Stopfen und schnuppere - nichts.
"Vorsichtig damit! Schließt es wieder. Passt auf, dass nichts davon an Eure Haut gerät!"
Ich runzle die Stirn, blicke den Nekromanten fragend an. "Was ist das für ein Zeug?"
Er lacht leise und röchelnd. "Das ist mein Blut, Tari."
"Euer... Blut?" Meine Brauen schießen bis an meinen Haaransatz, doch Norazul bleckt nur grinsend sein Obsidiangebiss, streckt die Zunge heraus - Götter, sie ist schwarz...! - und beißt mit seinen scharf gefeilten, rubinbesetzten Fängen kräftig darauf. Wir springen erschrocken zurück, als er auf den Granitboden unter uns ausspuckt. Es zischt und brodelt, leicht schwefelig riechender Dampf steigt auf, der, als er nach ein paar Sekunden verfliegt, unseren ungläubig geweiteten Augen den Blick auf ein tiefes, etwa daumenbreites Loch im Stein freigibt.
Der Albino lächelt, leckt sich genüsslich über die Lippen, und ich schüttele mich unwillkürlich. "Eine willkommene kleine Nebenwirkung der Tränen des Grenth - mein Blut zerfrisst alles. Alles. Außer Obsidian. Und Diamant."
Ich blicke auf die Kristallphiole in meiner Hand. Kristall...? Ich schaue zurück in das Gesicht des Nekromanten, der sich königlich zu amüsieren scheint. "Dann ist das hier...?"
"Geschliffen aus einem einzigen Diamanten. Fragt nicht, wie ich daran gekommen bin. Das wollt Ihr nicht wissen." Er kichert leise, ein kratzendes Geräusch, das in meinen Ohren schmerzt. "Taucht die Obsidian-Spitzen der Pfeile in das Blut, und sie werden sich durch alles hindurchfressen, ob stahlgepanzerte Rüstung oder dickste Reptilienhaut, und Eure Feinde werden fallen wie Fliegen von der Wand. Vorausgesetzt, Ihr schießt nicht daneben." Wieder dieses krächzende Kichern. "Aber überlegt Euch gut, gegen wen Ihr sie einsetzt. Die Menge wird nicht ewig reichen. Geht sparsam damit um."
"Warum? Warum tut Ihr das für mich, Norazul?" Ich trete einen Schritt zurück, beäuge ihn misstrauisch mit schiefgelegtem Kopf und zusammengezogenen Brauen. "Plagt Euch das schlechte Gewissen? Oder erwartet Ihr, dass ich im Gegenzug... etwas... für Euch tue?"
Er zieht einen Mundwinkel hoch, schüttelt unmerklich den Kopf. "Nichts davon. Ihr würdet es nicht verstehen, wenn ich es Euch sagte. Noch nicht. Eines Tages. Vielleicht."

"Was soll das heißen? Müsst Ihr Euch immer in solch kryptischen Andeutungen ergehen? Müsst Ihr immer aus allem ein großes Geheimnis machen?"

Der Albino bleckt das Obsidiangebiss und kichert leise. "Was erwartet Ihr? Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren." Er wird wieder ernst. "Alles zu seiner Zeit, Tari. Also fragt nicht mehr."

Gut, dann eben nicht. Ich schnaube leise. Schließlich gibt es Wichtigeres als irgendwelche sinistren nekromantischen Ränke. "Nun dann...auch gut. Und danke... schätze ich. Für die Pfeile. Und das Gift... das Blut. Und für die Karte."

Ich vollführe eine winzige Verbeugung, hänge den Köcher über meine Schulter und verstaue die Landkarte und die Phiole sorgfältig in meiner Gürteltasche. Ich werde die Pfeilspitzen später vergiften... ganz frisch. Wenn wir unsere Missionen angehen. Wenn wir auf die Vergessenen treffen, die es immerhin geschafft haben, Turai Ossa, den großen elonischen Helden, zu fällen. Für solche Gegner kommt diese Wunderwaffe wie gerufen... wenn sie denn so wundersam wirkt, wie Norazul behauptet. Vielleicht sollte ich sie vorher ausprobieren, vielleicht sollte ich...

Feanor schreckt mich aus meinen Gedanken, als er mit energischen Schritten an meine Seite tritt. Ich blicke zu ihm auf, versuche, in seinem Gesicht zu lesen, doch es scheint mir unverändert, hoffnungslos und traurig. Mein Herz sinkt.

"Was hat der Ritualpriester gesagt, Feanor? Darfst du den letzten Test ablegen, damit du mit uns in die Drachenhöhle gelangst?"

Feanor presst die Lippen zusammen, Unmut blitzt in seinen Augen auf. "Er hat sich Bedenkzeit ausgebeten. Bis morgen."

Ich schüttele meine Mähne, verständnislos und ärgerlich. "So ein elender Wichtigtuer! Was gibt es denn da zu bedenken?! Aber gut - dann werden wir eben morgen noch einmal mit ihm sprechen!"

"Ihr nicht, Tari", unterbricht Norazul. Seine Stimme klingt erstaunlich sanft und mitfühlend. "Die größte Hitze des Tages ist vorbei, und Ihr müsst abmarschieren. Jetzt. Ihr könnt Euch keine weitere Verzögerung leisten."

"Wie, jetzt sofort? Aber...", setze ich an, doch dann verstumme ich von selbst. Er hat recht, und ich weiß es. Für Saidra und Evennia ist jeder Tag kostbar.

Unglücklich lasse ich den Kopf hängen, beobachte durch die Fransen meiner Haare, wie Norazul sich diskret abwendet und meine Kameraden mit raschen, aber bestimmten Gesten zu der bröckeligen Sandsteintreppe geleitet, die uns wieder in die Wüste hinabführen wird.

Ich drehe mich um, schaue in Feanors Augen, unsere Blicke versenken sich ineinander, und ich sehe mein eigenes Spiegelbild in seinen schwarzen, geweiteten Pupillen. Er hebt die muskulösen Arme, greift nach einer seiner schweren Ketten, streift sie sich über den Kopf und legt sie mir um. Meine Finger krampfen sich um die flachen, runden Amulette, deren Metall noch die Hitze seines Körpers ausströmt.

"Hier, koishii", flüstert er rauh. "Das wird dich beschützen... die Platinanhänger tragen mächtige Runen, sie werden dir Kraft und Energie geben... und weil sie auf mich abgestimmt sind, werde ich immer wissen, wo du bist. Ich werde dich finden... überall. Und... ich werde immer wissen, ob du... ob du noch lebst. Nimm sie niemals ab. Niemals. Versprich es."

"Ich... ich verspreche es", wispere ich und würge erfolglos an dem Kloß in meinem Hals, der mir die Sprache unmöglich macht. Stumm schlinge ich die Arme um seinen Hals, halte noch immer seinen Blick fest, liebkose mit den Fingerspitzen die schweißfeuchte Haut seines Nackens unter der schweren Masse seiner Mähne, während er mich fest an sich presst. Ich drücke mit den Fingern leicht gegen seinen Hinterkopf, bis sein Gesicht sich mir entgegensenkt. Mit halbgeschlossenen Augen fixiere ich seine Lippen, beobachte, wie sie sich leicht öffnen, näher kommen, näher, spüre seinen warmen Atem auf meinem Mund, streichelnd wie der erste warme Hauch des Frühlings, bis sie sich endlich weich auf die meinen legen. Zärtlich und sanft jetzt, ganz anders als vorhin, gleitet seine Zunge zwischen meine Lippen, umtanzt die meine in einer langsamen, schmerzlichen Sarabande, und ich schmecke seine Qual und seine Sehnsucht, seine Angst, dass dies das Ende sein könnte, das Ende unseres gemeinsamen Weges, der eigentlich noch nicht einmal richtig begonnen hat, aber auch seine ohnmächtige, hilflose Wut darüber, dass er mich nicht begleiten darf... und die Wucht seiner Emotionen schlägt über meiner Seele zusammen wie ein rauschender Wasserfall, betäubt mich, lähmt mich, raubt mir den Atem, verengt meine Kehle und treibt brennende Tränen in meine Augen, quetscht mein Herz zusammen wie eine stählerne Kralle, während ich mich immer tiefer in diesen verzweifelten Kuss hineinfallen lasse.

Schließlich ist er es, der den Kuss löst. Er nimmt mein Gesicht in beide Hände, wischt vorsichtig mit dem Daumen meine Tränen fort. Er flüstert meinen Namen, fast unhörbar, und ich sehe die unausgesprochene Frage mit höchster Dringlichkeit in seinen Augen schimmern, doch ich kann sie nicht beantworten. Ich würde ihm so gern sagen, was er hören möchte, doch ich kann es nicht, kann ihn nicht belügen, kann nicht sagen, was ich selbst nicht weiß. Ich ziehe seinen Kopf wieder zu mir herunter, kralle meine Finger in sein dichtes Haar, presse seine Stirn gegen meine.

"Ich werde zurückkommen", wispere ich.

Dann reiße ich mich mit Gewalt von ihm los, packe meine Bögen und mein Bündel und eile wie gehetzt zu meinen Kameraden, die mich schon ungeduldig erwarten. Ich rufe noch einen kurzen Dank in Norazuls Richtung, dann rausche ich an den anderen vorbei, stolpere die bröckeligen Treppenstufen hinab, hinein in den Ozean aus Sand, in die Dünen, die bedrohlich über mir aufragen und über mir zusammenzuschlagen drohen, den wohl gefährlichsten Aufgaben entgegen, die ich je zu bestehen hatte, und wieder frage ich mich, warum das alles ausgerechnet mir passiert... Meine Kameraden schließen zu mir auf, Chilis Schulter reibt warm an meinem Oberschenkel und Alesia redet auf mich ein, doch ich höre sie gar nicht. Ich sehe sie auch nicht, der Tränenschleier lässt sie zu einem wabernden weißen Fleck vor dem endlosen Graubeige der Wüste verschwimmen. Hinter mir höre ich das traurige Maunzen von Norazuls Tiger Dao, der seiner gerade erst gefundenen Gefährtin hinterhertrauert, und zwischen meinen Schulterblättern spüre ich die Blicke Norazuls und Feanors. Doch ich schaue nicht zurück. Täte ich es, könnte ich niemals weitergehen.


Vielen Dank an Norazul Lifetaker - für die Inspiration und dafür, dass ich mir wieder einmal seinen Albino ausleihen durfte!