SIEBZEHN

Remus löste die Schutzzauber und öffnete langsam die Tür seines Hauses. Von drinnen erwartete ihn die erhobene Spitze eines Zauberstabes. Als Leana Remus erkannte, ließ sie ihre Hand sinken und ein erleichtertes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Entschuldige, ich konnte nicht früher weg", sagte Remus langsam. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass auch seine Hand krampfartig um den Griff seines Zauberstabes lag und er lockerte die Finger etwas. Leana stand vor dem Bücherregal und trug ein altes T-Shirt, das er seit seiner Schulzeit nicht mehr getragen hatte, eine ebenso alte Hose, die sie in Ermangelung eines Gürtels mit einer Kordel um ihre Taillier hielt und einen verwaschenen Umhang, auf dem noch blass das Hogwarts-Emblem zu sehen war.

Remus ging stumm an ihr vorbei und ließ sich in den Sessel fallen. „War jemand hier?", fragte er als Leana ebenfalls still blieb.

Sie schüttelte stumm den Kopf und die Muskeln in Remus' Schultern entspannten sich etwas. Leana schien nun seinem Beispiel folgen zu wollen und setzte sich etwas steif auf die Couch ihm gegenüber. Als die Stille zu lang wurde, wanderte ihr Blick unsicher durch den Raum.

„Alles gut gegangen bei deiner Rückkehr ins Camp?", fragte sie schließlich zögernd.

Remus wusste nicht, was er antworten sollte. Was hieß schon gut, wenn es um diesen verdammten Wald ging. „Ferox war tot, als ich zurückkam", sagte er schließlich, „ein paar von den Niederen waren über sein Fleisch hergefallen. So konnte man wenigstens nicht mehr erkennen, was genau mit ihm geschehen war."

Leana nickte stumm. Sie schienen beide nicht über das Thema reden zu wollen und so verfielen sie für einen Moment wieder in Schweigen.

„Deine Wohnung passt irgendwie nicht zu dir", sagte Leana überraschend und riss Remus damit aus der Erinnerung an die unschöne Szene, die er bei seiner Rückkehr vorgefunden hatte.

„Warum nicht?", fragte Remus und automatisch bildete sich eine Falte auf seiner Stirn.

„Sie ist…keine Ahnung…", Leana brach ab und sah sich unschlüssig um. Dann beugte sie sich vor und griff nach einem Buch, das vor fünf Tagen, als Remus sie hier abgesetzt hatte, noch nicht auf dem Tisch gelegen hatte. „Ich hätte nur nie gedacht, dass du ein Roald Dahl Fan bist…"

Seine Hand riss ihr das dünne Heft aus den Händen und das Lächeln, was sich gerade auf ihrem Gesicht gebildet hatte, erstarb abrupt. Leana starrte ihn nun mit leerer, immer noch in der Luft erhobener Hand, verschreckt an.

„Nicht das!", sagte Remus und bemerkte im selben Moment wie forsch seine Stimme klang. „Jedes andere", fügte er beschwichtigend hinzu, „aber bitte nicht das."

Leana ließ die Hand sinken und nickte langsam.

„Ich meine nur, dass ich nie gedacht hätte, dass du ein Bücherwurm bist und… nichts in den Zimmern deutet darauf hin, dass ein Werwolf hier wohnt.", sagte Leana ausweichend, „und ich verstehe nicht warum du im Wald lebst, wenn du ein Haus wie dieses hast."

„Es ist kompliziert", sagte Remus ausweichend. Er wusste immer noch nicht genau, was nun geschehen sollte. Leana konnte nicht hier bleiben, sie konnte nicht zurück und zu ihrer Familie oder der Hilfsstelle im Ministerium wollte sie offensichtlich auch nicht.

„Also doch ein Spion des Ministeriums", sagte Leana und lächelte gequält.

Remus wich unbewusst ihrem Blick aus, was Leana offensichtlich als Bestätigung genügte, denn plötzlich sprach sie mit sachlicher und betont ruhiger Stimme, „du hast mir das Leben gerettet, Remus." Ihre Augen huschten über sein Gesicht. „Sofern dass dein richtiger Name ist." Remus schnaubte leise.

„Ich will nur sagen", fuhr Leana unbeirrt fort, „ich steh in deiner Schuld, also was auch immer deine Beweggründe sind, von mir wird es niemand im Rudel erfahren."

Remus atmete schwer. „Vielleicht…", begann er langsam, „sollten wir damit anfangen, etwas ehrlicher zueinander zu sein." Er lächelte bemüht gelassen und versuchte die Entspannung auch von seinem Körper widerspiegeln zu lassen. Wahrscheinlich gelang es ihm nur bedingt. „Und ja, ich heiße wirklich Remus."

„Ok", sagte Leana und sah unsicher aber lächelnd zu ihm auf, „Ich heiße Lysandra Miller."

Bei Remus' verdutztem Blickt huschte ein zufriedener Ausdruck über ihr Gesicht.

„Schön dass auch ich dich noch überraschen kann."

Remus fuhr sich unbewusst durchs Haar. „Hast du schon als du mich mit erhobenen Zauberstab empfangen hast", sagte er langsam und musterte dabei ihr so ungewöhnlich sauberes Gesicht und das wahrscheinlich seit Jahren zum ersten Mal gekämmte, wenn auch immer noch teilweise verfilzte, Haar.

„Ja, wir hätten viele Nahrungsaufnahmen in Mahlzeiten verwandeln können, wenn wir in dem Punkt ehrlich zueinander gewesen wären", sagte Leana und lächelte behutsam.

Remus nickte langsam. „Weißt du noch von anderen im Rudel, die einen Zauberstab haben?"

Sie zögerte und Remus beobachtete ein Zucken, das über die Falten an ihren Augen huschte.

„Ich bin kein Spion des Ministerium, Lysandra", sagte er mit fester Stimme.

Sie sah auf. „Stimmt es, dass sie darüber nachdenken, Werwölfen das Führen von Zauberstäben zu verbieten?"

Remus schluckte mit finsterem Ausdruck. „Ich weiß nicht", sagte er ausweichend, „ich hab nur die Gerüchte gehört. Aber bisher hatte ich keine Zeit, bei den richtigen Leuten nachzufragen."

„Also kennst du Leute aus dem Ministerium?", ihre Stimme war angespannt und ihr Blick auf einmal unnachgiebiger.

„Ja, das schon", sagte Remus ruhig.

„Und das Bild, was ich in dem letzten halben Jahr von dir gewonnen habe", ihr Blick schwang noch mal über das Bücherregal und blieb an einem gerahmten Foto an der Wand hängen, „das warst nicht wirklich du, oder?"

„Halt dich eher an den Eindruck, den du direkt nach deinem Erscheinen im Wald von mir hattest", sagte Remus langsam, „als ich nur alle zwei-drei Monate da war."

„Da haben wir nicht wirklich… geredet", sagte sie ausweichend, „eher… uns Gesellschaft geleistet."

„Ja, ich weiß", Remus stand auf und lief zu dem einzigen Schrank im Wohnzimmer um eine Handvoll Schokodrops aus einer der Schubladen zu holen. „Aber wenigstens, war das, was ich gesagt habe, noch kein so gequirlter Mist wie in letzter Zeit." Er ließ den Inhalt seiner Hand auf den Tisch zwischen ihnen fallen und begann einen der Schokodrops auszuwickeln. Mit einer Geste bot er auch Lysandra etwas an und sie begann mit spitzen Fingern, das blaue Papier von der Schokolade zu entfernen.

„Und was geschieht jetzt?", fragte sie nach einer Weile und sprach damit genau das Thema an, dass auch Remus keine Ruhe ließ.

„Ich weiß nicht genau", sagte er vorsichtig und musterte erneut ihr Gesicht, „aber es wäre unklug zurück zu gehen."

„Ich geh nicht zur Meldestelle!", sagte Lysandra sofort und hatte dabei wieder den resoluten Gesichtsausdruck, mit dem Remus sie kennen und in gewisser Weise schätzen gelernt hatte.

„Was ist mit Dumbledore", sagte Remus langsam.

Lysandra sah überrascht auf. „Was soll mit dem sein?", fragte sie verwirrt.

„Würdest du zu ihm gehen?" Remus' Absprache mit Dumbledore galt eigentlich nur für Kinder, aber es war die einzige Idee, die ihm noch blieb. Dumbledore wusste doch immer was zu tun war. Leider schien Remus' Vorschlag bei Leana auf wenig Begeisterung zu stoßen.

„Was soll er denn tun?", sagte sie abweisend.

„Er hat zumindest ein Zuhause für die Kinder, die ich aus dem Camp geschafft hab, gefunden."

Bei seinen Worten sah Leana überrascht auf. Remus erwiderte still ihren Blick und versuchte angestrengt nicht zu blinzeln. Es war ein Bluff. Denn eigentlich hatte Remus immer noch keine Ahnung, was mit den Kindern, die er zu Dumbledore appariert hatte, geschehen war. Doch Remus wusste, dass dies Leanas' weiche Stelle war, ihre Schwäche, mit der er hoffte sie davon überzeugen zu können, dass es Möglichkeiten außerhalb des Waldes gab. Und tatsächlich.

„Sie sind nicht wirklich gestorben?", fragte sie schließlich erstaunt. Remus schüttelte lächelnd den Kopf. Abrupt sprang Lysandra auf um Remus zu umarmen. Nach ein paar umständlichen Versuchen, die alle auf Grund der Tatsache, dass Remus noch immer in dem Sessel saß scheiterten, ließ sie sich dafür ungefragt in seinen Schoß fallen und schlang die Arme um seinen Nacken.

„Danke", flüsterte sie und drückte ihn noch ein wenig fester an sich. Remus wusste nicht genau, was er mit dem plötzlichen Überfall anfangen sollte. Er war sich ziemlich sicher, was sie weniger als eine Woche vor Vollmond getan hätten, wenn Tonks nicht gewesen wäre. Wenn Tonks vor allem nicht in dieser unglaublichen Art und Weise vor weniger als einem Monat gewesen wäre. Unsicher schwebten Remus' Arme einen Moment in der Luft, legten sich dann einmal sanft an ihren Körper um sie dann entschieden von seinem Schoß zu schubsen. Sie stand seiner unausgesprochenen Weisung folgend auf und setzte sich wieder auf das Sofa, während er etwas unbeholfen die Beine überschlug.

Als Lysandra seine Bemühungen sah, rollte sie abschätzig mit den Augen. Die Geste erinnerte ihn wieder an Tonks.

„Das kannst du dir echt sparen", sagte sie herablassend, „ich hab schließlich gerade auf deinem Schoß gesessen."

Remus schnalzte missbilligend mit der Zunge und sah sie genervt an.

„Mach dir nichts draus. Ich weiß, dass es weniger mit mir als mit dem Mond zu tun hat." Sie nickte in Richtung der Bilder an der Wand, an denen schon zuvor ihr Blick gehangen hatte. „Ist deine Freundin dabei?"

Remus ignorierte die Frage und so stand sie auf und stellte sich direkt vor die Wand und musterte die Fotos. Sirius fühlte sich durch die Aufmerksamkeit scheinbar gestört und starrte sie aus einem der Aufnahmen so intensiv an, dass es fast wie ein kleiner Wettkampf wirkte, wer dem Blick des anderen längerer Stand halten konnte.

„Also", fragte Remus, um das Gespräch wieder in produktivere Bahnen lenken, „gehst du zu Dumbledore?"

„Nein", meinte sie wie nebenbei und betrachtete weiter die Bilder, „wenn sie nicht einen Typen, der ein bisschen wie Harry Potter aussieht, geheiratet hat, ist sie wohl nicht dabei."

„Wieso nicht?", fragte Remus überrascht.

„Weil ich zu viel Mist angestellt habe, als dass er mich mit Kusshand empfangen würde."

„Aber", sagte Remus und Lysandra wandte bei seinem verwirrten Tonfall nun doch sachte den Blick in Remus' Richtung. Sirius nutzte die Gelegenheit um ihr aus dem Bild aufmüpfig die Zunge entgegenzustrecken. James und Lily neben ihm lachten still über seine Geste.

„Dumbledore wird dir eine zweite Chance geben", sagte Remus mit so viel Überzeugung in der Stimme, wie er aufbringen konnte. Lysandra betrachtete ihn einen Moment nachdenklich und sah dann ohne zu antworten wieder zu den Bildern hinüber. Remus wusste nicht, warum sie diese Face aufrechterhielt. Sie musste während der letzten Tage, die sie allein in seinem Haus verbracht hatte, schon sehr viel Zeit gehabt haben, jedes der Bilder ausreichend zu begutachten.

„Warum sollte ich mich jetzt noch der verlierenden Seite anschließen", sagte Lysandra plötzlich. Sie rückte dabei noch näher an ein Bild von Remus, Sirius, James und Peter und kniff ein wenig die Augen zusammen, „Gryffindor, he?"

„Ja", sagte Remus leicht genervt und stand nun auch auf, um so vielleicht ihre Aufmerksamkeit auf wichtigere Sachen lenken zu können.

„Ich war Ravenclaw", sagte sie und ihr Blick schwang tatsächlich wieder zu ihm hinüber, „ist deine Freundin ein Werwolf?"

„Lysandra, bitte. Können wir darüber reden was du jetzt zu tun gedenkst, ich kann nicht lange bleiben."

„Beantworte erst die Frage und ich sage dir, was ich ‚zu tun gedenke'", entgegnete sie und hob bei den letzten Worten die Hände um ein paar ironische Anführungszeichen in der Luft zu machen. Sie genoss es immer viel zu sehr, wenn sie eine Gelegenheit bekam sich über Remus' Ausdrucksweise lustig zu machen.

„Nein, sie ist kein Werwolf."

„Hast du vor, sie zu beißen?"

„Was?!" Remus war so überrascht, dass er die drängendere Frage fast vergaß und entrüstet antwortete, „natürlich nicht!"

„Also war das Geschwafel, was du seit Monaten wiederkäust, wirklich nur um im Rudel aufzusteigen", sagte Lysandra pragmatisch und kratzte sich nachdenklich an der Stirn, „interessant!"

„Ja!", bestätigte Remus energisch. Langsam kostete es ihn wirklich viel Beherrschung ruhig zu bleiben. Sie hatten keine Zeit für diese Diskussion. „Ich hab dir gesagt, dass ich nicht ich selbst war. Und wir sollten wirklich…"

„Wie lange seid ihr schon zusammen?"

„Lysandra!" Jede Minute die er für sie opferte, litt seine Tarnung. Besonders so kurz vor Vollmond, da das Camp voller Werwölfe war.

„Ok, ich sag dir was ich vorhabe", sagte Lysandra nach dem sie ein paar Sekunden in Remus erboste Augen gesehen hatte, „aber du musst mich ausreden lassen."

„Schön!", meinte Remus genervt. Sie ging zurück zur Couch und zog ihn am Umhang mit sich. Als sie nebeneinander saßen, begann sie in pragmatischem Ton zu sprechen.

„Ich hab es schon länger vor und wenn du nicht in letzter Zeit so ein Arsch gewesen wärst, hätte ich es schon viel früher vorgeschlagen." Remus schnaubte kurz, doch sie ließ sich davon nicht unterbrechen. „Ich denke seit sich die Atmosphäre im Wald so gewandelt hat darüber nach mein Glück abseits vom Camp zu suchen. Ich dachte an eine abgelegene, menschenarme Gegend, wo ich auch ohne Geld durch Fischen oder Jagen genug Nahrung finde. Aber ich kann es nicht alleine. Ich hab es versucht, hab eine Weile in einer der äußeren Höhlen gelebt, aber die Einsamkeit macht mich verrückt. Besonders um Vollmond. Ich wollte einen Werwolf fragen, ob er mit mir geht." Lysandra sah nun direkt in Remus' Augen und durchbohrte ihn förmlich mit ihrem Blick. Als Remus dämmerte, was sie damit zum Ausdruck bringen wollte, hob er erstaunt die Brauen.

„Mich?", fragte er verdutzt.

„Wie ich schon sagte", meinte Lysandra gleichgültig und zuckte dabei mit den Schultern, „selbst mit deiner neuen Persönlichkeit in den letzten Monaten hab ich die anderen immer noch sehr viel mehr gehasst als dich. Und wenn du jetzt wieder vernünftig wirst, könnte ich dich vielleicht sogar gern haben."

Remus schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie nett das zu hören", entgegnete er im sarkastischen Ton, doch Lysandra wischte seine Bemerkung mit einer lässigen Handbewegung fort.

„Wir verstehen uns, Remus. Und haben uns immer respektiert. Ich weiß, dass wir nicht die dicksten Freunde sind, aber wir können trotzdem ein gutes Leben zusammen haben. Dieses Haus", sie sah sich nochmals im Zimmer um, „und seine Lage sind quasi perfekt für das, was ich vor hab und ich bin gut im Umgang mit Zimmermannszaubereien. Ich könnte es schnell wieder auf Vordermann bringen. Wir könnten fast völlig autonom sein und in Frieden leben, wenn wir unsere Position noch mit Verhüllungsbeschwörungen verbergen."

Remus starrte sie an und brachte keinen Ton heraus. Der Vorschlag war absurd. Nicht nur, weil er wegen seiner Mission zurück in den Wald musste, auch sonst. Es stimmte zwar, sie kannten sich schon seit etwa zwei Jahren, waren immer gut miteinander ausgekommen und hatten sich gegenseitig geholfen ihre schlimmeren Vollmonde durchzustehen. Aber gleich ein ganzes Leben zusammen, das war aberwitzig. Lysandra musterte prüfend jede Regung in seinem Gesicht.

„Ich weiß was du denkst", sagt sie plötzlich und Remus zweifelte sofort an der Richtigkeit dieser Aussage. „Deine Freundin."

Remus hatte das Gefühl sämtliche Farbe würde aus seinem Gesicht weichen. Warum genau hatte er nicht an Tonks gedacht?

„Ich weiß, du willst es wahrscheinlich nicht hören, aber das wird niemals gut gehen. In der jetzigen Atmosphäre bringst du nur Unheil über sie, wenn du offiziell mit ihr zusammen bist, und dauerhaft eine geheime Beziehung zu führen ist auch keine Lösung. Außerdem wird sie dich nie wirklich verstehen, wenn sie kein Werwolf ist. Nicht so wie ich dich verstehen kann. Oder…" sie zögerte einen Moment, „ich mich um deine körperlichen Bedürfnisse kümmern kann."

Remus schluckte unbewusst als das Bild von Tonks' zerschundenem Rücken vor seinem inneren Auge aufleuchtete. „Hör auf damit", sagte er mit zitternder Stimme, doch Lysandra sah ihn nur kritisch an und sprach weiter in diesem unbeteiligten, sachlichen Ton.

„Ich glaube dir sogar, dass du sie liebst. Und wenn es dir hilft, triff dich gerne weiter mit ihr und sieh, wie es sich entwickelt. Aber tief in deinem Inneren weißt du, dass du sie in Gefahr bringst und es ein größerer Liebesbeweis wäre, wenn du sie gehen lässt. Warum sonst hast du sie vorher nie erwähnt oder Fotos von ihr an der Wand hängen… oder Sachen von ihr in deinem Kleiderschrank."

Remus stand abrupt auf. Seine Beine schienen die Bewegung selbstständig herbeigeführt zu haben und so wusste sein Gehirn nicht wirklich etwas mit der Geste anzufangen. Unschlüssig stand er da und sah auf Lysandra hinunter, die mit wieder unüblich unsicherem Blick zu ihm aufsah.

„Ich will, dass du gehst!", sagte Remus endlich und seine Stimme zitterte bei jeder Silbe. „Dumbledore… er kann dir helfen, egal was du denkst." Er zwang sich Lysandra mit festen Blick anzusehen. „Geh nach Hogwarts, sag, dass ich dich geschickt habe und dass du einen Unterschlupf brauchst und Dumbledore wird dir helfen. Aber geh. Jetzt!"

Der abwartende scheue Blick blieb unverändert. Mit hellbraunen Augen sah Lysandra zu ihm auf und schien abzuwarten, völlig sicher, dass er sogleich seine Worte zurücknehmen würde. Doch mit jeder Sekunde die verstrich, musste es offensichtlicher werden, dass dies nicht geschehen würde. Plötzlich stand sie mit aufeinander gepressten Lippen auf. Mit einem verächtlichen Blick wandte sie sich zur Tür, durchquerte den kleinen Raum mit wenigen Schritten und trat über die Schwelle. Remus sah nicht, ob sie apparierte, aber in dem Moment, da die Tür mit einem Scheppern ins Schloss fiel, war er sicher, dass er sie nie wieder sehen würde.

Erschöpft sank Remus auf die Couch und vergrub seinen mit einem Mal schmerzenden Kopf in seinen Händen. Warum wühlte ihn auf, was er selbst seit Monaten wusste? Was er Tonks seit Monaten zu erklären versuchte? Dass Tonks ihn vergessen musste, weil sie jemand besseren verdient hatte, mit jemand anderem glücklich sein könnte.

Langsam und unaufhaltsam wurde es dunkler im Raum, aber Remus rührte sich nicht um die Lichter anzuzünden. Er saß weiter im Dunkeln und betrachtete die Bilder an der Wand, die er fast nicht mehr erkennen konnte, von denen er aber wusste, dass sie dort waren. Das Bild von James und Lily an ihrem Hochzeitstag mit Sirius als Trauzeugen. Remus hatte das Bild geschossen und erinnerte sich, als wenn es gestern gewesen wäre. Sie hatten fast zwanzig Minuten gebraucht, weil es unmöglich war eine Aufnahme zu machen, in der keiner der drei gerade einen dummen Witz riss, so dass alle Gäste laut losprusteten und aus der Pose fielen. Nach einer Weile war er, Remus, so genervt gewesen, dass Sirius es besonders witzig fand seine spitzen Kommentare nun direkt an Remus zu richten. Er war so erfolgreich damit gewesen, dass weitere fünf Minuten draufgingen, weil Remus es nun nicht mehr schaffte die Kamera still zu halten. Das ganze Desaster endete damit, dass ein kleines Mädchen, welches bereits die ganze Zeremonie über nur unter äußerstem Aufwand von seiner Mutter gebändigt worden war, anfing zu schreien. Es riss sich endgültig von seiner Mutter los, die hektisch hinterher stürzte, als die Kleine immer noch schreiend in den Teich sprang um strampelnd ihrer Mutter zu entkommen. Der Schock wirkte und alle schafften es für einen Moment ernst zu bleiben und freudig strahlend in die Kamera zu lächeln.

Remus hatte das Bild erst vor ein paar Monaten, als er den Grimmauldplatz verlassen hatte um Tonks aus dem Weg zu gehen, aufgehängt. Er war nie ein Mensch für Fotos gewesen, es war der Geruch, der ihn an Menschen erinnerte, nicht ihr Aussehen. Aber in dem sinnlosen Versuch sich zu beschäftigen, hatte er die alten Alben durchgeblättert und dieses Hochzeitsbild gefunden. In dem Moment war ihm wieder eingefallen, wer die Mutter des Kindes mitgebracht hatte und wer das Mädchen demzufolge gewesen sein musste. Nach drei Gläsern Whiskey hatte er mit leicht zitternden Händen das Bild aufgehängt und, um von der Tatsache abzulenken, dass das einzige Bild in seiner Wohnung ein Hochzeitsbild in dem er nicht mal selbst auftauchte war, ein Bild seiner Eltern in jungen Jahren und eines mit ihm und seinen drei Freunden aus Hogwarts daneben gehängt. Jeden Abend starrte er jedoch auf die lachenden Gesichter von Sirius, James, Lily und der versammelten Hochzeitsgesellschaft. Dem einzigen Bild, das er besaß, in dem wenigstens fast Tonks gewesen wäre.

Abrupt stand er auf. Er sollte es nicht tun. Immer wieder wiederholte er diesen Satz in seinem Geist. Auch noch als er vor die Tür trat und die Schutzzauber wieder auf das Haus legte, auch noch als er unsicher einen Schritt zurück wich und in die Dunkelheit spähte. Und auch noch, als er seinen Zauberstab hob und sich ins Nichts drehte.