Kapitel 38 - Der Melonenmann und der Engel
Der Koffer mit Shinjis Cello stand auf dem Beifahrersitz von Misatos Wagen, die beiden Teenager saßen auf dem Rücksitz zwischen Taschen und Tüten, welche Misato mitgebracht hatte, weitere Taschen - und obendrauf Shinjis Fahrrad - lagen auf dem Rücksitz von Kajis Wagen, der langsam hinter ihnen herfuhr. Misato legte ein für ihre Verhältnisse bedächtiges Tempo vor, entweder weil sie Sorge hatte, im abendlichen Verkehr andernfalls etwas von dem Gepäck zu verlieren, oder weil sie mit dem Arm in der Schlinge nun doch nicht die Kontrolle über den Wagen hatte, die sie gewohnt war.
Sowohl Shinji als auch Rei waren überrascht gewesen, wieviel sie letztendlich doch aus der Wohnung herausgetragen hatten, trotzdem wäre problemlos noch Platz für weiteres Zeug gewesen.
"Wenn euch irgend jemand fragen sollte - ich habe euch gezwungen, bei mir einzuziehen, um euch besser beaufsichtigen zu können", erklärte Misato und zwinkerte ihnen im Rückspiegel zu.
*** NGE ***
Gute zwölf Stunden später schlug Shinji die Augen auf.
Die Zimmerdecke über ihm war anders und doch vertraut, schließlich hatte er in diesem Raum bereits früher geschlafen, ehe er bei Rei-chan eingezogen war.
Und vertraut war auch das Gewicht auf seiner Brust, ein Gewicht, welches von fedrigen blauen Haaren umrahmt war - Rei-chan Kopf ruhte auf seiner Brust, ihre Hand lag auf seiner Schulter, der Rest von ihr ebenfalls teilweise auf ihm. Und das, obwohl Misato eigentlich für genügend Schlafplatz gesorgt hatte...
Der Einzug am vergangenen Abend war schnell und unbürokratisch verlaufen, er und Kaji hatten zweimal die Aufzugskabine des Wohnhauses mit Taschen vollgestellt und dann im vierten Stock mit Rei und der in dieser Beziehung einarmigen Misato eine Kette gebildet, bei der die Gepäckstücke bis in die Wohnung gereicht worden waren. Die meisten Sachen hatten sie nicht mehr ausgepackt.
Misato hatte Tee und Kaffee gekocht, Kaji war kurz noch einmal weggefahren und hatte Pen-Pen geholt, der sich über Shinjis Rückkehr nicht weniger zu freuen schien wie dieser selbst, verdächtig war auch gewesen, daß er gleich auf seinen Futternapf gedeutet und ein lautes aufforderndes ´Wark!´ von sich gegeben hatte.
Schließlich hatte Kaji sich verabschiedet, Shinji aber vorher noch gebeten, doch am nächsten Tag um die Mittagszeit bei seinem ´kleinen Projekt´ vorbeizuschauen, womit er wohl nur sein Melonenfeld meinen konnte.
Dann hatte Shinji Misato geholfen, das Bett im hinteren Zimmer frisch zu beziehen - Misato hatte gleich nach Asukas Auszug das Bett abgezogen, so daß es ausreichend gelüftet war. Im Zimmer hing noch ein schwacher Hauch von Parfüm.
Anschließend hatte Misato ihr zusammenklappbares Gästebett wieder hervorgeholt.
Und Rei hatte sie darum gebeten, daß sie und Shinji in einem Raum schlafen durften; Misato hatte dieser Bitte seufzend nachgegeben, sie aber wieder einmal ermahnt, keinen Unfug anzustellen - was sie auch hoch und heilig versprochen hatten.
So hatte Shinji sich auf dem Gästebett schlafengelegt. Keine Stunde später war Rei zu ihm Unter die leichte Decke gekrochen und hatte sich an ihn gekuschelt...
Shinji schielte zur Uhr, der Wecker stand so auf dem Nachtschränkchen, daß er die Ziffern Gerade so noch lesen konnte.
Ja, sie hatten noch Zeit, mit Misatos Einverständnis mußten sie für den Rest der Zeit nicht zur Schule - warum schließlich sollten sie sich in stickigen Klassenräumen quälen, wenn der Rest der Klasse zum Tauchen auf Okinawa war?! -, allerdings hatte Doktor Akagi für Rei-chan Synchrontests angesetzt, um auszuloten, wie stark die Systeme von EVA-00 beim Kampf mit EVA-03 beschädigt worden waren, diese standen jedoch erst zum Mittag an.
Shinji seufzte leise und zufrieden und schloß wieder die Augen.
*** NGE ***
Leise öffnete Misato die Tür zum Raum der Kinder und sah hinein.
Kinder... äußerlich waren sie das vielleicht noch, doch auf ihren Schultern lastete das Schicksal der ganzen Menschheit... und seit dem Impact war es ohnehin strittig, wann die Kindheit endete. Misatos eigene Kindheit hatte mit dem wellenartig heranflutenden Lichtblitz geendet, wel-cher den Untergang der Antarktis signalisiert hatte.
Ihre Erinnerungen an diesen Tag waren nur bruchstückhaft vorhanden, sie erinnerte sich daran, daß ihr Vater versucht hatte, mit ihr in dem kleinen Flugzeug der Expedition dem Inferno zu entkommen. Sie erinnerte sich daran, wie er das Steuer der Maschine festgebunden und sie Gegen ihren Protest in den Laderaum geschleppt, dort in einen gepolsterten Container gesteckt und diesen aus der Ladeluke geworfen hatte, erinnerte sich an einen endlosen Fall, erinnerte sich daran, daß ihr Gefährt zu einem Spielball der Elemente geworden war...
Ihr Vater hatte sie durch sein Handeln gerettet, der kleine Frachtcontainer hatte im Gegensatz zum Flugzeug die Druckwelle und den Aufschlag auf dem Wasser überstanden.
Nachts waren die Erinnerungen besonders stark, besonders die an den verzweifelten Gesichtsausdruck ihres Vaters. Deshalb nahm Misato vor dem Schlafengehen genug Alkohol zu sich, um traumlos schlafen zu können, um die Erinnerung verdrängen zu können...
Die beiden lagen unter einer Decke auf dem Gästebett, Shinji hielt Rei in den Armen, welche ihm wiederum die Hand auf die Schulter gelegt hatte, so als wollten sie einander beschützen.
"Paßt immer gut auf euch auf", flüsterte Misato. Es würde vielleicht eine Zeit kommen, in der sie nicht dasein würde, auch nicht Kaji oder jemand anders...
Dann wandte sie sich ab und verließ die Wohnung - ihr Kühlschrank mußte wieder aufgefüllt werden, sie hatte fast kein Bier mehr im Haus.
*** NGE ***
Als Misato zurückkam, eine schwere ausgebeulte Plastiktüte in der Hand, deren Inhalt nur aus Dosen bestehen konnte, stand Shinji in der Küche und machte Frühstück. Im Bad lief die Dusche.
"Du hättest noch nicht aufzustehen brauchen, Shinji-kun."
"Ich weiß. Aber ich wollte mich nützlich machen."
"Das ist doch nicht nötig. Und, gut geschlafen?"
"Ahm, ja. Misato... ähm..."
"Was?"
"Danke."
"Wofür?"
"Daß du mich wieder bei dir aufgenommen hast... und Rei ebenfalls..."
"Eh, sogar mein altes Gästebett ist bequemer als die Pritschen in den Unterkünften im Hauptquartier. Rei stimmt dem doch sicher zu, oder?"
"Uhm..."
Shinji wurde rot.
Misato seufzte.
"Ihr beide gebt wirklich ein hübsches Paar ab."
Sie schniefte gekünstelt.
"Das weckt richtig meinen Mutterinstinkt. - Aber falls ihr mich zur Großmutter machen solltet, bevor ihr achtzehn seid und auf eigenen Beinen steht, will ich mit euch nichts mehr zu tun Haben, ist das klar?"
"Ahm..."
"War nur ein Scherz. Wenn Rei sagt, daß es nicht soweit kommen wird, glaube ich ihr das aufs Wort... Ah, Shinji, wärst du wohl so lieb und machst mir eine Dose auf? Der Gipsarm ist wirklich lästig - und er kommt erst in knapp zwei Wochen ab. Ich werde hier nicht viel im Haushalt tun können..."
Shinji lächelte, während er eine Bierdose aus dem Kühlschrank holte, öffnete und vor ihr hinstellte.
"Schon verstanden, ich kümmere mich darum."
"Hach..."
Sie trank.
"Oh, das habe ich vermißt. Mit Asuka am Tisch hat es überhaupt keinen Spaß gemacht. Shinji, das war der vielleicht größte Fehler meines Lebens..."
"Ich dachte bisher, das wäre Kaji gewesen... ahm... äh... war nicht so..."
Misato lachte.
"Hm, was Kaji angeht - der größte Fehler, den ich mit ihm gemacht habe, war wohl, ihn nicht kräftig in den Hintern zu treten, als es mit uns damals in die Brüche gegangen ist... das ging damals auch alles viel zu schnell, wir haben uns eigentlich gar keine Zeit gelassen. Aber es ist schon seltsam, da sieht man sich nach all der Zeit wieder... und plötzlich bedauert man, daß soviel Zeit vergangen ist... tja..."
Sie griff in ihre Jackentasche, zog die Tageszeitung heraus.
"Habe ich unten am Kiosk erstanden, die Morgenausgabe des Herald, mal sehen, ob sie die Richtigstellung zum gestrigen Artikel schon abgedruckt haben, die die Pressestelle ausgegeben hat..."
Umständlich schlug sie die Zeitung auf, breitete sie auf dem Küchentisch aus.
Shinji brachte rasch diverse Nahrungsmittel, die er zum Frühstück bereits auf den Tisch gestellt hatte, in Sicherheit, ehe sie unter der Zeitung verschwinden konnten.
"Und?"
"Hier, auf der ersten Seite. Aha, sie bedauern, daß der gestrige Artikel kleine Unsachlichkeiten enthielt... kleine Unsachlichkeiten, daß ich nicht lache. Wegen kleinen Unsachlichkeiten marschiert doch kein wütender Mob los! Dann die Richtigstellung... weiter auf Seite vier..."
"Warte, ich mach das schon."
Shinji blätterte die Zeitung um.
"Oh, wieder ein Artikel von dieser Meiko Tanagawa, die reflektiert wohl auf den Titel von Japans Klatschtante Nummer Eins!""
"Was denn?"
Auf Seite vier befand sich ein Bild von Shinji und Rei, die eng beieinander standen. Und darunter stand: Die heimliche Romanze der EVANGELION-Piloten.
"Argh... argh..."
Shinji schnappte nach Luft.
Misato schüttelte nur den Kopf.
"Hier, hör dir das an: ´... als ich zu einem Interview bei der inzwischen wohl allseits bekannten NERV-Angehörigen Rei Ayanami eintraf, öffnete mir Shinji Ikari, ein Mitstreiter von Fräulein Ayanami und Sohn des NERV-Oberkommandierenden Gendo Ikari, die Tür. Sein Äußeres ließ nur den Schluß zu, daß er und Fräulein Ayanami gerade anderweitig beschäftigt waren und daher kein Interesse an einem Interview hatten. Mit dem gebotenen Takt verabschiedete ich mich daher wieder und...´ Shinji-kun, Shinji-kun, du hast doch nicht etwas die Tür nur mit Deiner Unterhose bekleidet geöffnet, oder?"
"Uh, nein, Misato... diese Frau lügt doch... ah..."
"Hey, mir ist auch klar, daß sie nur eine interessante Story zu stricken versucht,"
"Und von wegen gebotener Takt... Frau Ishiren hat sie ´rausgeworfen."
"Ach ja, Journalisten und ihr verletzter Stolz... ich habe ja auch nichts gegen ein wenig Klatsch... Augenblick, wo ist denn das Neueste aus der Prominentenwelt... Oh, warte... für die nächsten Ausgaben wird ein Artikelserie über die EVANGELION-Piloten angekündigt! Eh, Shinji-kun, und mit dir will sie beginnen - das geheime Leben des Shinji Ikari! Du wirst auch noch berühmt!"
"Misato..." seufzte Shinji. "Auf so eine Berühmtheit kann ich verzichten."
"Asuka würde das sicher gefallen. - Deswegen existiert seit gestern auch Order, daß keiner von euch oder dem Kommandostab irgendwelche Interviews gibt. - Ist Rei im Bad oder hat Pen-Pen das Wasser laufen lassen?"
"Uh, es ist Rei."
Er mußte es ja wissen, schließlich war sie hinter dem Duschvorhang verschwunden, während er sich das Gesicht gewaschen hatte.
"Okay, sicher kommt sie auch gleich..."
Misato faltete die Zeitung umständlich zusammen.
"Bekomme ich eine Scheibe Toast, lieber Shinji-kun?"
"Natürlich... ah..."
Shinji flitzte in die Kochnische.
"Ich muß gleich zum Dienst... ist schon unfair, da hat man mit einem gebrochenen Arm eigentlich schon genug zu tun, aber bekommt man wenigstens einen Tag Urlaub - nein! ´Ja, Frau Katsuragi, Sie haben eine Gehirnerschütterung, aber Sie sind immer noch diensttauglich´. Ich sage dir, Shinji, um bei NERV krankgeschrieben zu werden, mußt du bereits im Sterben Liegen."
*** NGE ***
Rei verließ bald darauf das Bad, ihre normalerweise blasse Haut glänzte rosig.
Heißes Wasser, kombiniert mit einer Duschwanne, die fast doppelt so groß war wie die in Ihrem alten Apartment, das war einfach himmlisch. Kaum zu glauben, wie wenig ihr das noch vor einem halben Jahr bedeutet hätte...
Ihr Haar war noch naß, sie trug eine Bluse und eine von Shinjis Shorts, die sie an der Taille stark gerefft hatte. Schnell beugte sie sich bei Shinji vor und gab ihm einen Kuß auf die Wange. Wenn sie schon gegen direkte Befehle verstieß, dann richtig...
Als Rei am Eßtisch Platz nahm, holte Misato wieder die Zeitung hervor.
"Seite vier, ließ dir mal durch, was da wieder so geschrieben wurde."
"Ja, Misato-san."
Reis Augen weiteten sich leicht, als sie das Bild von ihr und Shinji sah, aber nicht wegen des Zusammenhanges oder des darunterstehenden Artikels.
"Major, dieses Bild ist nicht echt. Das ist eine Fotomontage."
Sie deutete auf verschiedene Stellen, wo seltsame Unschärfeflecken auf dem Bild waren.
"Hui, tatsächlich. Du hast gute Augen.."
"Die Bilder von Shinji-kun und mir stammen wahrscheinlich aus den Unterlagen der Schule."
"Möglich... vielleicht sollte ich mal ein paar unserer Männer in Schwarz dort vorbeischicken... Aber dann heißt es wieder, NERV drangsaliere die Zivilbevölkerung, oder so. Tun wir ja eigentlich irgendwie auch... Hm... Naja, den Artikel muß ich nachher Ritsuko zeigen, die lacht sich scheckig... Aber was fällt dieser Tanagawa wohl als nächstes ein? Vielleicht eine Reportage über den Bierkonsum des Taktischen Offiziers, oder so... Langsam muß ich wirklich los..."
"Uhm, Misato..."
"Ja, Shinji-kun?"
"Rei und ich haben gestern abend noch etwas besprochen... ahm... siehst du, wir würden uns gern an der Miete für das... uh... Apartment beteiligen und... äh..."
"Nein, kommt, es genügt, wenn ihr etwas zum Haushaltsgeld beisteuert."
"Aber, Misato-san, Wenn Shinji-kun und ich zusammen nicht einmal die Miete für mein Apartment hätten tragen können..."
"Die war ja auch völlig überzogen, kein Wunder, daß sonst niemand in dem Haus gewohnt hat. Da könnte nicht mal ich mir eine Wohnung leisten - naja, soviel mehr bekomme ich auch nicht. Ist ohnehin seltsam... die ganzen Häuser gehören einer Holding-Gesellschaft von NERV... bei sowas müßte diese Tanagawa mal recherchieren. Also, wir sehen uns sicher noch im Laufe des Tages."
Nachdem Misato die Wohnung verlassen hatte, senkte sich Stille über den Eßtisch.
"Uhm, Rei-chan?"
Rei sah auf.
"Kann ich dich etwas... uh... fragen?"
"Ja, Shin-chan. Wenn ich darf, werde ich jede deiner Fragen beantworten."
"Uh... ahm... also... wie soll das jetzt anfangen... hm... du hattest... ahm... du hattest Misato gegenüber gesagt, daß sich zwischen uns... uh... also... keine Situation ergeben würde, die zur Folge haben könnte, daß du... daß du als Pilotin ausfällst..."
"Ja, Shin-chan. Das ist korrekt."
"Aber... ahm... gestern wäre es wohl zu so einer... ah... Situation gekommen, wenn nicht... äh..."
"Das Erscheinen von Major Katsuragi und Major Kaji hat in einen Ablauf der Ereignisse eingegriffen, der wahrscheinlich zu einer körperlichen Vereinigung geführt hätte."
"Äh, ja..."
Shinji nestelte am Kragen seines T-Shirts herum.
"Ja, uhm... und das... ah... das hätte doch..."
Rei blinzelte. Zweimal.
"Shin-chan, du möchtest implizieren, daß eine körperliche Vereinigung bei mir zu einer Schwangerschaft führen könnte."
"Uh... ah... ja... das... ähm... das ging mir so durch den... uh... Kopf..."
"Ich kann nicht schwanger werden."
"Äh... Hä?"
"Ich bin nicht in der Lage, ein Kind zu bekommen. Deshalb besteht auch keine Gefahr, daß ich deswegen als EVA-Pilotin ausfallen könnte."
"Das... uh... das tut mir leid, Rei-chan... ich meine..."
"Ich fürchte, ich bin deswegen nicht die ideale Partnerin für dich. Es liegt in der Natur des Menschen, Nachwuchs zu zeugen, damit etwas von ihm auch seinem eigenen Ableben weiterexistiert."
Shinji antwortete nicht.
Rei-chan tat ihm leid, sicher ging ihre Gebärunfähigkeit auf die schweren Verletzungen zurück, die sie Wochen vor seiner Ankunft in Tokio-3 erlitten hatte... aber weshalb sollte sie nicht die... ideale Partnerin für ihn sein, er liebte sie doch... und Kinder... er hatte nie darüber nachgedacht, schließlich war er selbst noch nicht so alt. Und als er so darüber nachdachte, kam er zu dem Schluß, daß er sich eigentlich nicht vorstellen konnte, selbst einmal Kinder zu haben, er wußte doch gar nicht, wie ein Vater sich verhalten sollte, hatte selbst doch nur ein negatives Beispiel gehabt...
Shinji stand auf, ging um den Tisch herum und umarmte sie von hinten.
"Das ändert nichts. In meinen Augen bleibst du ein wahrer Engel..."
Sie versteifte.
"Engel?" flüsterte sie.
"Uh... habe ich etwas falsches... äh... nein... also, ich meinte, so ein richtiger Engel, keiner von diesen Außerirdischen, ist doch klar... so ein christlicher Engel mit Flügeln und... uh... Heiligenschein und... äh... und diesem Instrument... einer Gitarre, glaube ich..."
"So ein Engel also... das siehst du in mir?"
"Ja, Rei-chan."
Sie lehnte sich zurück, genoß seine Umarmung.
*** NGE ***
Ritsuko schüttelte nur ungläubig den Kopf, als Misato ihr die Morgenzeitung unter die Nase hielt.
"Ich habe das schon heute früh gelesen. Die Frau spielt mit ihrem Leben, sage ich dir, Misato. Wenn sie so weitermacht, könnte Kommandant Ikari sich gewaltig auf die Zehen getreten Fühlen."
"Sag mal, Ritsuko, was meinst du, wenn Ikari die Treppe runterfallen und sich den Hals Brechen würde... oder wenn ganz versehentlich eine Waffe losgeht und ihm den Kopf wegpustet, ob ich dann Shinji adoptieren könnte?"
"Du denkst doch nicht wirklich..."
"Nur so ein Gedankenspiel. Ob die Behörden das erlauben würden?"
"Hm, hängt davon ab. Wenn du mich vorher als deinen behandelnden Arzt angibst, könnte ich deine Alkoholwerte unter den Tisch fallen lassen... dann hacken Maya und ich uns mit Hilfe der MAGI in die Behördenrechner und verschaffen dir ein Image, daß Mutter Theresa neben dir aussieht wie eine alte Schlampe."
"Das würdest du tun? Glaubst du, ich könnte eine gute Mutter sein?"
"Misato, dein Pinguin wäre ein besseres Elternteil für Shinji als Gendo Ikari."
"Wie soll ich das jetzt wieder auffassen?!"
Akagi winkte ab.
"Da die beiden sich nicht im Hauptquartier zwecks Zuweisung einer Unterkunft gemeldet Haben, nehme ich mal an, daß Shinji und Rei mit deinem Vorschlag einverstanden waren, oder?"
"Ja, sie wohnen jetzt bei mir."
Ritsuko seufzte.
"Was ist los?"
"Dafür hatte ich heute nacht das Vergnügen mit einem schlaflosen Fräulein Langley, das mir im Testcenter auf den Nerv gefallen ist. Wußtest du eigentlich, daß sie schlafwandelt?"
"Ja. Es macht wirklich keinen Spaß, sich abends zuzuschütten, bis man am Tisch einschläft, wenn ständig jemand dann über einen stolpert."
"Du hast immer noch diese Alpträume, nicht wahr?"
Misato nickte, ihr war anzusehen, daß das Thema ihr unangenehm war.
"Ah, aber reden wir nicht weiter darüber, ja? Äh, wie geht die Reparatur von EVA-00 voran?"
"Der Schaden am Arm liegt jenseits der Hayflick-Grenze, das heißt, daß der EVA ihn nicht aus eigener Kraft regenerieren kann. Ich passe derzeit einen der Ersatzarme an, die mit dem Konvoi, der auch EVA-02 gebracht hat, gekommen waren. Aber diese Massenproduktionsersatzteile passen bei den frühen Modellen hinten und vorn nicht."
"Und was machst du jetzt?"
"Überstunden."
"Äh..."
"Naja, ich habe eine LCL-Nährlösung ansetzt und ein wenig an dem Ersatzteil herumgeschnippelt, hätte nie gedacht, mal die Metzgerlaufbahn einzuschlagen."
"Okay, das war schon mehr, als ich eigentlich hatte hören wollen."
"Und heute will ich mit Reis Hilfe die Systeme abchecken. Die anderen beiden Einheiten sind bereits wieder einsatzbereit, bei EVA-01 mußte ich die optischen Systeme nachstellen und bei EVA-02 ein paar Spuren von Asukas Kaltstart beseitigen, wenn sie das öfter macht, bekommt ihr EVA noch sowas wie einen Kolbenfresser."
"Ja?"
"Oder einen Herzanfall, ein Start ohne Unterstützung durch die MAGI und die Systeme des Testcenters belastet die organischen und elektronischen Systeme des EVAs sehr stark. Aber die Serienmodelle sollten so autark wie möglich sein."
"Da fällt mir ein... hast du auch schon das Gerücht gehört, daß das Komitee die Serienproduktion angekurbelt hat?"
"Habe ich. ´Weiß noch nicht ganz, was ich davon halten soll, da die entsprechenden Unterlagen eigentlich über meinen Schreibtisch hätten gehen müssen, ich bin ja schließlich der wissenschaftliche Offizier der ganzen Operation."
"Vielleicht hat Ikari sich mit dem Komitee überworfen? Wäre doch möglich... dann wollen sie die anderen EVAs vielleicht nicht in seiner Hand belassen..."
"Nicht ganz von der Hand zu weisen. Vielleicht kann Kaji mehr dazu herausfinden, der hat doch seine Ohren überall... es war übrigens sehr unvorsichtig von euch, unlängst ins TerminalDogma zu gehen."
"Du weißt...?"
"Natürlich, was glaubst du, wer eure Spuren beseitigt hat? Ikari wäre ziemlich überrascht gewesen, zu erfahren, daß er angeblich im Dogma war, während er doch eigentlich unterwegs war - und er haßt Überraschungen."
"Ritsuko dann... du mußt mir erzählen, was dort unten los ist. Wir haben den gekreuzigten Engel gesehen..."
"LILITH."
"LILITH? Kaji sagte, er hieße ADAM."
Ritsuko hob die Schultern.
"Meinetwegen könnte er auch GROBI heißen. Die EVAs wurden aus dem Gewebe dieses Engels mittels eines von Doktor Yui Ikari entwickelten Klonverfahrens geschaffen."
"Ich dachte immer, du hättest..."
"Ich habe den Prozeß verfeinert und perfektioniert. Trotzdem hat es eine lange Reihe von Fehlschlägen gegeben, ehe Einheit-01 soweit war."
"Äh... EVA-01 wurde vor EVA-00 fertiggestellt?"
"Ja, lange vorher. Oder auch nicht, jedenfalls nicht in der heutigen Konfiguration. EVA-00 wurde gebaut, damit wir Vergleichswerte hatten, anhand derer wir im Gegenzug EVA-01 einsatzbereit machen konnten. Aber die Grundidee, das Konzept... das Design, das stammte von Shinjis Mutter."
"So..."
"Sie starb im gleichen Jahr wie meine Mutter und Asukas Mutter, seltsame Zufälle, nicht wahr?"
"Ja. Und wozu wird der Engel nur gebraucht?"
"Er liefert das LCL."
"Das LCL... also doch, der See unter dem Kreuz... dann ist das LCL..."
"Blut. Das Blut der Engel. Und das Blut der EVAs."
"Oh, mein Gott... und die Kinder müssen dieses Zeug atmen, wenn sie..."
"Ja. Genau deswegen unterliegt diese Information auch strengster Geheimhaltung. Und deshalb verwende ich auch einen guten Teil meiner Freizeit darauf, das Zeug mit einem anderen Geschmack und Geruch zu versehen... um den Ursprung zu übertünchen. Nicht bearbeitetes LCL schmeckt wie... das läßt sich gar nicht beschreiben, wie scheußlich das Zeug pur und roh schmeckt."
"Die armen Kinder..."
"Wenn du es ihnen sagst, wird es auch nicht besser oder gar einfacher. Und Rei weiß es ohnehin bereits."
"So... Ich möchte etwas derartiges eigentlich nicht vor Shinji geheimhalten."
"Und das ehrt dich, aber ihm tätest du damit wirklich keinen Gefallen. Sein Vater würde ihn weiterhin zwingen, EVA-01 zu steuern... oder ihn einfach eliminieren."
"Sein eigener Vater?"
"Selbst da wäre ich mir nicht so sicher."
"Wie jetzt?"
"Das erzähle ich dir bei Gelegenheit - wenn ich ´mal wieder so richtig lachen will."
"Ritsuko..."
"Ah! Laß das Thema sein. Ich habe ohnehin schon zuviel gesagt!"
*** NGE ***
Kozo Fuyutsuki hockte irgendwo im Hauptquartier auf einer Stahltreppe, einen Schuhkarton auf den Knien.
Er zog sich häufig an derartige Orte zurück, wo er ungestört war. Seine Unterkunft im Hauptquartier war zwar recht wohnlich eingerichtet, doch nachdem er durch Zufall erst eine Abhörvorrichtung und dann eine Kamera in seinen Räumen entdeckt hatte, hielt er sich dort nur noch zum Schlafen auf.
Daß Ikari ihn bespitzelte, lag für Fuyutsuki auf der Hand. Er war doch nur Zweiter Kommandant, weil Ikari ihn dadurch hatte ruhigstellen wollen... und mittlerweile steckte er derart tief in der ganzen Sache mit drin, daß er sich selbst ebenfalls dem Henker ausliefern würde, sollte er Ikaris Machenschaften aufdecken. Er hätte damals das gesammelte Beweismaterial dem Gerichtshof der Vereinten Nationen übergeben sollen, anstatt an Yuis Interessen zu denken und erst noch ein klärendes Gespräch mit dem frischgebackenen Ehemann seines früheren Protegés zu führen... Ikaris Argumente waren derart überzeugend gewesen, jedenfalls auf den ersten Blick. Und als er Gelegenheit zu einem zweiten Blick gehabt hatte, steckte er schon tief in der Sache drin... mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen...
Ob Ryoji Kaji wohl ahnte, daß er es war, der ihm immer wieder Informationen zuspielte, der dafür sorgte, daß bestimmte Dateien zuweilen nicht so abgesichert waren, wie Ikari es eigentlich angeordnet hatte? Ikari hielt Kaji für amüsant, weil er das volle Potential des Mannes nicht erkannt hatte...
Fuyutsuki öffnete den Schuhkarton, griff hinein, holte eine Handvoll alter Fotos heraus.
Er seufzte. Die Bilder waren alles, was ihm nach dem Impact geblieben war, seine gesamte Familie war bei einem Ausbruch des Fudjiyama ums Leben gekommen, bis auf den letzten Cousin...
Ein Bild von ihm mit seinem Bruder... ein weiteres mit seiner Mutter... seine Verlobte... alles Gespenster der Vergangenheit... Bilder aus seiner Studienzeit... Freunde, von denen die meisten ebenfalls tot waren...
Fuyutsuki seufzte.
Und dann starrte er auf ein Bild, das ihn im Alter von vielleicht fünfzehn Jahren zeigte. Genau dieses Bild hatte er eigentlich gesucht, ohne sich sicher zu sein, weshalb.
Also doch... entweder war es ein einziger großer Zufall, oder die vielleicht größte Ironie des einundzwanzigsten Jahrhunderts...
Ein Luftzug strich über seinen Nacken.
Fuyutsuki riß die Augen auf, griff in seine Uniformjackett.
In diesem Moment wurde ihm ein Taschentuch auf Mund und Nase gepreßt, er nahm einen starken einschläfernden Geruch wahr, wollte sich noch am Geländer nach oben auf die Füße ziehen, doch da verließen ihn bereits seine Kräfte. Fuyutsuki sank auf der Treppe zusammen, wurde von zwei Armen aufgefangen.
"Hm, dachte, bei so einem alten Mann wirkte das Mittel schneller", murmelte Sergej Roshenkov.
Seine beiden Begleiter, beide ganz in Schwarz gekleidet, zuckten nicht mit der Wimper, traten stattdessen vor und nahmen den stellvertretenden Kommandanten von NERV in die Mitte.
"Beeilen wir uns, wer weiß, wie lange die Sicherheitssysteme noch passiv bleiben."
Roshenkov lächelte. Wie gut, daß SEELE Ryoji Kajis Bericht am Larsen abgefangen hatte, dem auch verschlüsselt ein Zugangscode zum Hauptquartier beigefügt gewesen war...
*** NGE ***
Fuyutsukis Verschwinden blieb vorerst unbemerkt.
Die Brückencrew hatte wichtigeres zu tun, als sich zu vergewissern, ob Kommandant Ikari allein oder zusammen mit dem Sub-Kommandanten im Kommandostand war - die Frühwarn-Fernradarsysteme hatten ein Objekt gemeldet, welches sich mit hoher Geschwindigkeit der Stadt näherte.
Dann schlugen die MAGI Alarm, welche bereits auf die Distanz hin ein aktives AT-Feld wahrnahmen.
"Status der EVAs?" fragte Ikari mit rauher Stimme. Die ständigen Injektionen, um ADAM ruhigzustellen, zehrten an seinen Kräften.
"EVA-02 wird startbereit gemacht. EVA-00 ist immer noch nicht bereit für einen weiteren Kampf!" antwortete Akagi über Interkom.
"Und Shinji?"
"Dürfte unterwegs sein."
"Rei soll EVA-01 nehmen."
Ritsuko zögerte, erwog die Erfolgschancen eines Protestes, resignierte dann.
"Ich schreibe die Steuerung um."
"Das sollte schnell gehen."
Wenigstens ein Gutes erwuchs für das Szenario aus der ständigen Synchronisation zwischen dem Klon und Yuis Sohn...
Akagi unterbrach die Sichtfunkverbindung.
"Objekt nähert sich auf Einschlagkurs. Einschlag in dreißig Sekunden!" - "Evakuierung der Zivilbevölkerung in die Schutzbunker ist angelaufen." - "Defensivsysteme haben Ziel erfaßt und eröffnen das Feuer!" - "Einschlag in zwanzig Sekunden!" - "Werte des AT-Feldes außerhalb des Skalenbereiches... das ist ein Koloß!" - "Einschlag in zehn Sekunden..." - "Synchronverbindung zwischen EVA-02 und Pilotin steht. Synchronverbindung zwischen EVA-01 und Pilotin wird eingeleitet!" - "Aufschlag!"
Die Außenkameras zeigten das Bild eines Torsos in Schwarz, Grau und Rot ohne Kopf, dessen Arme und Beine auf halber Länge in Stümpfen endeten. Der Engel schwebte über dem provisorisch verschlossenen Zugang zum Zentralen Schacht, dessen Panzerschotten nach dem Angriff Matriels noch nicht wieder alle erneuert worden waren.
Aus den Armstümpfen zuckte etwas... papierdünne Tentakelarme, welche das erste Panzerschott zerfetzten so wie ein heißes Messer durch Butter schnitt.
Dann gingen die Kameras offline, als das AT-Feld des Engels ihre Signale überlagerte.
"MAGI bezeichnen Engel als Ziel: Zeruel." - "Erstes Panzerschott durchbrochen. Zweites Panzerschott durchbrochen... bei der Geschwindigkeit ist er in wenigen Minuten hier!"
"Zeruel... Engel der Macht..." murmelte Ikari. Der stärkste Gegner, den er jemals getroffen hatte... nein, nicht sein Gegner, ADAMs... es waren ADAMs Erinnerungen, die sich langsam mit den seinen vermengten...
"Ritsuko, die EVAs?"
"Einheit-02 ist bereit. Aber EVA-01 macht Probleme."
"Inwiefern?"
"Rei wird nicht als Pilotin akzeptiert."
Da war noch etwas anderes in Akagis Stimme... Mitgefühl...
Ikari runzelte die Stirn. Dann stand er auf.
"Ich bin im Hangar. Katsuragi, Sie haben das Kommando!"
Misato nahm seine Worte nur am Rande wahr.
"Es ist zu spät, die EVAs zu starten. Wir positionieren sie in der Geofront! EVA-02 erhält jede Waffe, die wir hier unten haben, der andere EVA, egal ob Einheit-00 oder -01, wird das AT-Feld des Engels neutralisieren!"
*** NGE ***
Während EVA-02 stampfenden Schrittes den Hangar verließ, kämpfte Rei im EntryPlug um ihr Leben.
EVA-01 stieß sie nicht nur ab, verweigerte jede Synchronisation mit ihr, sondern erwiderte ihre Versuche, die Kontrolle zu erlangen, mit starken Schmerzimpulsen.
Reis Schreie gellten aus dem Lautsprecher des Testcenters, Akagi hatte alle Hände voll damit zu tun, die Lebenserhaltung des Plugs so zu konfigurieren, daß Rei am Leben bleib.
"Puls stockt", flüsterte Maya schließlich.
"Wir brechen ab. - Rei, wir holen dich ´raus!"
"Nein, starte einen zweiten Versuch."
Ritsuko drehte sich um, starrte Ikari an, der in der Tür stand.
"Das könnte sie umbringen!"
"Rei ist ersetzbar. Noch einen Versuch!"
"Ja... - Rei, hörst du mich?"
Keuchend bestätigte das Mädchen im EntryPlug.
"Wir versuchen es noch einmal, zuerst nur minimale Synchronität..."
"Doktor Akagi... EVA-01 stößt mich ab... er will nicht... wie ein Spiegel..."
Ikari erschien im Hangar auf einem der Laufstege, sah zu EVA-01 hinauf.
"Das ist nicht akzeptabel. Wage es nicht, mich zurückzuweisen..." flüsterte er. "Du hast damals bei der Hochzeit geschworen zu tun, was ich dir befehle, Yui... Gehorche!"
EVA-01 ruckte einmal in seinen Fesseln hoch, fiel dann wieder zurück.
"Das wird nichts", meldete Ritsuko sich über die Sprechanlage. "Irgendetwas in EVA-01 widersteht der Synchronisation."
Ikari drehte sich nicht um.
"Dann steck den Plug in EVA-00, so kann sie sich wenigstens doch noch nützlich machen."
"EVA-00 ist nicht kampffähig!"
"Wer sagt, daß sie kämpfen soll? Es reicht, wenn sie den Engel lange genug ablenkt, bis Shinji hier ist..."
*** NGE ***
Shinji wurde gerade von Kaji in der hohen Kunst der Melonenzucht und -pflege unterwiesen, als der Alarm losging. Zugleich begann die starken, unter der Decke der Geofront montierten, Scheinwerfer zu flackern.
"Ach du Scheiße..." murmelte Kaji.
"Ein Angriff..."
"Shinji, los, lauf! Im Hauptquartier warten sie sicher schon auf dich."
"Ja..."
Shinji war bereits gute zehn Meter von Kajis Acker entfernt, als er über die Schulter zurückblickte und feststellte, daß der Mann immer noch damit beschäftigt war, seine Melonen zu gießen.
"Und Sie, Kaji-san?"
"Der Engel wird mir wohl nicht ausgerechnet ins Genick springen. Lauf schon!"
Shinji rannte los.
Unterwegs geriet er um ein Haar unter den Fuß von EVA-02, welcher, den Blick zur Decke der Geofront gerichtet, aus dem Hauptquartier marschierte.
Schwer atmend erreichte er den Hangar, wo die einarmige EVA-00-Einheit gerade aufbrach.
Shinji verharrte kurz, winkte mit beiden Armen.
"Laß den Unfug! Du kommst spät!"
Er warf den Kopf herum.
Sein Vater stand auf dem Laufsteg über ihm und fixierte ihn durch die dunklen Gläser seiner Brille.
Wortlos kletterte Shinji die Leiter zu jener Ebene hinaus, auf welcher sich der EntryPlug befand und auf ihn wartete. Ohne erst in seine PlugSuit zu wechseln, kletterte er in den Plug, welcher sogleich angehoben und mit dem Steuernerv von EVA-01 verbunden wurde.
"Synchronisationsprozeß wird eingeleitet", erklärte Ritsuko Akagi. "Shinji, ich umgehe die meisten Sicherheitsprotokolle und fahre gleich voll auf."
"Uh, ja."
"Der Engel ist schon beinahe bis in die Geofront vorgedrungen, wir haben keine Sekunde zu verlieren."
"Klar."
Er preßte die Lippen zusammen. Der Feind hatte sie überrumpelte. Und jetzt stand Rei-chan ihm allein mit einem invaliden EVA gegenüber... auf Asuka konnten sie nicht wirklich zählen...
"Beeilen Sie sich."
Die Monitore vor ihm wurden hell, zeigten ihm Bilder aus den anderen beiden EntryPlugs.
Er hörte Asuka fluchen, dann schreien, dann erlosch das Bild.
"Uh, was ist passiert?"
"Er hat EVA-02 erwischt... sein AT-Feld ist..."
In diesem Moment spürte Shinji Reis Blick auf sich lasten.
"Shin-chan, ich erkaufe dir die nötige Zeit."
"Was... Rei!"
"Mein Gott..." entfuhr es Akagi. Sie schaltete die Kameraübertragung aus der Geofront auf den Funkkanal, damit Shinji sehen konnte, was draußen geschah.
Der Engel schwebte über dem Boden, seine papierartigen Arme bewegten sich träge.
Zu seinen Füßen lag EVA-02, oder das, was noch davon übrig war, neben einem Berg aus leergeschoßenen Positronengewehren und sogar zwei überdimensionalen Raketenwerfern. Dem roten EVA fehlten beide Arme, diese lagen ein Stück weiter. Ebenso fehlte der Kopf - der rollte zu diesem Zeitpunkt gerade an Kajis Melonenfeld vorbei...
Der Engel, den die MAGI als Ziel: Zeruel eingestuft hatten, drehte sich langsam um seine eigene Achse, wandte sich dem nächsten Gegner zu - EVA-00...
"Rei, nicht!" brüllte Shinji, hörte in seinem Kopf gleichzeitig das leise Flüstern der entstehenden Synchronverbindung. "Doktor Akagi, lassen Sie mich starten!"
"Noch ein paar Sekunden, sonst brennt dir die Synchronverbindung das Hirn raus!"
Akagi regulierte die Sicherheitsschaltungen, welche sie zuvor ganz außer Acht gelassen hatte.
"Ich muß... Rei!"
EVA-00 trug weder ein Gewehr, noch stürmte er mit gezücktem PROG-Messer vor. Er führte etwas viel tödlicheres mit sich - einen großen Zylinder, auf dem die Zeichen ´N2´ standen...
"Eine N2-Mine..." hörte Shinji Misato sagen, die sich in die Verbindung inzwischen eingeschaltet hatte, um ihm eigentlich letzte Instruktionen zu geben.
Die AT-Felder von Engel und EVA prallten aufeinander.
EVA-00 schob seine Hand vorwärts, drang langsam in das AT-Feld des Engels ein... dann zündete die Mine, zerriß den verbliebenen Arm des EVAs bis zur Schulter.
Rei schrie auf, sackte dann im Pilotensitz zusammen.
Aus dem Feuerball der Explosion zuckte ein hauchdünner Arm und riß EVA-00 in der Mitte auseinander. Der Engel war unverletzt, hatte keinen sichtbaren Schaden durch die Explosion davongetragen.
Shinji heulte auf.
"Was ist mit Rei? Was ist mit ihr?"
"Werte instabil..." murmelte Ritsuko.
Shinji blickte starr auf den Bildschirm, welche zeigte, daß der Engel jetzt auf das Hauptquartier zumarschierte, dabei auch die spärlichen vorhandenen Abwehreinrichtungen ignorierte - die abgefeuerten Raketen explodierten ohnehin, sobald sie mit den Ausläufern des AT-Feldes in Kontakt kamen...
Shinjis Lippen bebten.
Rei-chan war verletzt... der Engel hatte sie verletzt... dafür würde er zahlen...
Aus den Tiefen des EVAs antwortete ein dumpfes Grollen auf die Wut und den Haß, welche er in diesem Moment verspürte, bot ihm Unterstützung an.
Noch sperrte er sich dagegen, noch ergab er sich der Finsternis nicht, welche sich mit jedem Schritt, den sich der Engel dem Hauptquartier näherte, weiter zusammenzuziehen schien.
Zeruel ignorierte den Haupteingang, zerfetzte einfach die nächste Wand, drang in den Hangar ein.
Gendo Ikari rührte sich nicht von der Stelle, betrachtete den Engel mit wissenschaftlicher Kälte.
Zeruel, LILITHs Verteidiger, der mächtigste von ihrer Brut...
EVA-01 spannte die Muskeln, brach aus seinen Halterungen aus, noch ehe Doktor Akagi diese lösen konnte, trat dem Engel in den Weg.
"Shinji, vorsicht! Paß auf seine Arme auf!" rief Misato über Funk.
"Er hat Rei-chan verletzt. Dafür wird er büßen... dafür sorgen wir..." kam die Antwort aus dem Plug. Es war Shinjis Stimme... und noch eine andere Stimme, tief und grollend, voller Haß...
Der Koffer mit Shinjis Cello stand auf dem Beifahrersitz von Misatos Wagen, die beiden Teenager saßen auf dem Rücksitz zwischen Taschen und Tüten, welche Misato mitgebracht hatte, weitere Taschen - und obendrauf Shinjis Fahrrad - lagen auf dem Rücksitz von Kajis Wagen, der langsam hinter ihnen herfuhr. Misato legte ein für ihre Verhältnisse bedächtiges Tempo vor, entweder weil sie Sorge hatte, im abendlichen Verkehr andernfalls etwas von dem Gepäck zu verlieren, oder weil sie mit dem Arm in der Schlinge nun doch nicht die Kontrolle über den Wagen hatte, die sie gewohnt war.
Sowohl Shinji als auch Rei waren überrascht gewesen, wieviel sie letztendlich doch aus der Wohnung herausgetragen hatten, trotzdem wäre problemlos noch Platz für weiteres Zeug gewesen.
"Wenn euch irgend jemand fragen sollte - ich habe euch gezwungen, bei mir einzuziehen, um euch besser beaufsichtigen zu können", erklärte Misato und zwinkerte ihnen im Rückspiegel zu.
*** NGE ***
Gute zwölf Stunden später schlug Shinji die Augen auf.
Die Zimmerdecke über ihm war anders und doch vertraut, schließlich hatte er in diesem Raum bereits früher geschlafen, ehe er bei Rei-chan eingezogen war.
Und vertraut war auch das Gewicht auf seiner Brust, ein Gewicht, welches von fedrigen blauen Haaren umrahmt war - Rei-chan Kopf ruhte auf seiner Brust, ihre Hand lag auf seiner Schulter, der Rest von ihr ebenfalls teilweise auf ihm. Und das, obwohl Misato eigentlich für genügend Schlafplatz gesorgt hatte...
Der Einzug am vergangenen Abend war schnell und unbürokratisch verlaufen, er und Kaji hatten zweimal die Aufzugskabine des Wohnhauses mit Taschen vollgestellt und dann im vierten Stock mit Rei und der in dieser Beziehung einarmigen Misato eine Kette gebildet, bei der die Gepäckstücke bis in die Wohnung gereicht worden waren. Die meisten Sachen hatten sie nicht mehr ausgepackt.
Misato hatte Tee und Kaffee gekocht, Kaji war kurz noch einmal weggefahren und hatte Pen-Pen geholt, der sich über Shinjis Rückkehr nicht weniger zu freuen schien wie dieser selbst, verdächtig war auch gewesen, daß er gleich auf seinen Futternapf gedeutet und ein lautes aufforderndes ´Wark!´ von sich gegeben hatte.
Schließlich hatte Kaji sich verabschiedet, Shinji aber vorher noch gebeten, doch am nächsten Tag um die Mittagszeit bei seinem ´kleinen Projekt´ vorbeizuschauen, womit er wohl nur sein Melonenfeld meinen konnte.
Dann hatte Shinji Misato geholfen, das Bett im hinteren Zimmer frisch zu beziehen - Misato hatte gleich nach Asukas Auszug das Bett abgezogen, so daß es ausreichend gelüftet war. Im Zimmer hing noch ein schwacher Hauch von Parfüm.
Anschließend hatte Misato ihr zusammenklappbares Gästebett wieder hervorgeholt.
Und Rei hatte sie darum gebeten, daß sie und Shinji in einem Raum schlafen durften; Misato hatte dieser Bitte seufzend nachgegeben, sie aber wieder einmal ermahnt, keinen Unfug anzustellen - was sie auch hoch und heilig versprochen hatten.
So hatte Shinji sich auf dem Gästebett schlafengelegt. Keine Stunde später war Rei zu ihm Unter die leichte Decke gekrochen und hatte sich an ihn gekuschelt...
Shinji schielte zur Uhr, der Wecker stand so auf dem Nachtschränkchen, daß er die Ziffern Gerade so noch lesen konnte.
Ja, sie hatten noch Zeit, mit Misatos Einverständnis mußten sie für den Rest der Zeit nicht zur Schule - warum schließlich sollten sie sich in stickigen Klassenräumen quälen, wenn der Rest der Klasse zum Tauchen auf Okinawa war?! -, allerdings hatte Doktor Akagi für Rei-chan Synchrontests angesetzt, um auszuloten, wie stark die Systeme von EVA-00 beim Kampf mit EVA-03 beschädigt worden waren, diese standen jedoch erst zum Mittag an.
Shinji seufzte leise und zufrieden und schloß wieder die Augen.
*** NGE ***
Leise öffnete Misato die Tür zum Raum der Kinder und sah hinein.
Kinder... äußerlich waren sie das vielleicht noch, doch auf ihren Schultern lastete das Schicksal der ganzen Menschheit... und seit dem Impact war es ohnehin strittig, wann die Kindheit endete. Misatos eigene Kindheit hatte mit dem wellenartig heranflutenden Lichtblitz geendet, wel-cher den Untergang der Antarktis signalisiert hatte.
Ihre Erinnerungen an diesen Tag waren nur bruchstückhaft vorhanden, sie erinnerte sich daran, daß ihr Vater versucht hatte, mit ihr in dem kleinen Flugzeug der Expedition dem Inferno zu entkommen. Sie erinnerte sich daran, wie er das Steuer der Maschine festgebunden und sie Gegen ihren Protest in den Laderaum geschleppt, dort in einen gepolsterten Container gesteckt und diesen aus der Ladeluke geworfen hatte, erinnerte sich an einen endlosen Fall, erinnerte sich daran, daß ihr Gefährt zu einem Spielball der Elemente geworden war...
Ihr Vater hatte sie durch sein Handeln gerettet, der kleine Frachtcontainer hatte im Gegensatz zum Flugzeug die Druckwelle und den Aufschlag auf dem Wasser überstanden.
Nachts waren die Erinnerungen besonders stark, besonders die an den verzweifelten Gesichtsausdruck ihres Vaters. Deshalb nahm Misato vor dem Schlafengehen genug Alkohol zu sich, um traumlos schlafen zu können, um die Erinnerung verdrängen zu können...
Die beiden lagen unter einer Decke auf dem Gästebett, Shinji hielt Rei in den Armen, welche ihm wiederum die Hand auf die Schulter gelegt hatte, so als wollten sie einander beschützen.
"Paßt immer gut auf euch auf", flüsterte Misato. Es würde vielleicht eine Zeit kommen, in der sie nicht dasein würde, auch nicht Kaji oder jemand anders...
Dann wandte sie sich ab und verließ die Wohnung - ihr Kühlschrank mußte wieder aufgefüllt werden, sie hatte fast kein Bier mehr im Haus.
*** NGE ***
Als Misato zurückkam, eine schwere ausgebeulte Plastiktüte in der Hand, deren Inhalt nur aus Dosen bestehen konnte, stand Shinji in der Küche und machte Frühstück. Im Bad lief die Dusche.
"Du hättest noch nicht aufzustehen brauchen, Shinji-kun."
"Ich weiß. Aber ich wollte mich nützlich machen."
"Das ist doch nicht nötig. Und, gut geschlafen?"
"Ahm, ja. Misato... ähm..."
"Was?"
"Danke."
"Wofür?"
"Daß du mich wieder bei dir aufgenommen hast... und Rei ebenfalls..."
"Eh, sogar mein altes Gästebett ist bequemer als die Pritschen in den Unterkünften im Hauptquartier. Rei stimmt dem doch sicher zu, oder?"
"Uhm..."
Shinji wurde rot.
Misato seufzte.
"Ihr beide gebt wirklich ein hübsches Paar ab."
Sie schniefte gekünstelt.
"Das weckt richtig meinen Mutterinstinkt. - Aber falls ihr mich zur Großmutter machen solltet, bevor ihr achtzehn seid und auf eigenen Beinen steht, will ich mit euch nichts mehr zu tun Haben, ist das klar?"
"Ahm..."
"War nur ein Scherz. Wenn Rei sagt, daß es nicht soweit kommen wird, glaube ich ihr das aufs Wort... Ah, Shinji, wärst du wohl so lieb und machst mir eine Dose auf? Der Gipsarm ist wirklich lästig - und er kommt erst in knapp zwei Wochen ab. Ich werde hier nicht viel im Haushalt tun können..."
Shinji lächelte, während er eine Bierdose aus dem Kühlschrank holte, öffnete und vor ihr hinstellte.
"Schon verstanden, ich kümmere mich darum."
"Hach..."
Sie trank.
"Oh, das habe ich vermißt. Mit Asuka am Tisch hat es überhaupt keinen Spaß gemacht. Shinji, das war der vielleicht größte Fehler meines Lebens..."
"Ich dachte bisher, das wäre Kaji gewesen... ahm... äh... war nicht so..."
Misato lachte.
"Hm, was Kaji angeht - der größte Fehler, den ich mit ihm gemacht habe, war wohl, ihn nicht kräftig in den Hintern zu treten, als es mit uns damals in die Brüche gegangen ist... das ging damals auch alles viel zu schnell, wir haben uns eigentlich gar keine Zeit gelassen. Aber es ist schon seltsam, da sieht man sich nach all der Zeit wieder... und plötzlich bedauert man, daß soviel Zeit vergangen ist... tja..."
Sie griff in ihre Jackentasche, zog die Tageszeitung heraus.
"Habe ich unten am Kiosk erstanden, die Morgenausgabe des Herald, mal sehen, ob sie die Richtigstellung zum gestrigen Artikel schon abgedruckt haben, die die Pressestelle ausgegeben hat..."
Umständlich schlug sie die Zeitung auf, breitete sie auf dem Küchentisch aus.
Shinji brachte rasch diverse Nahrungsmittel, die er zum Frühstück bereits auf den Tisch gestellt hatte, in Sicherheit, ehe sie unter der Zeitung verschwinden konnten.
"Und?"
"Hier, auf der ersten Seite. Aha, sie bedauern, daß der gestrige Artikel kleine Unsachlichkeiten enthielt... kleine Unsachlichkeiten, daß ich nicht lache. Wegen kleinen Unsachlichkeiten marschiert doch kein wütender Mob los! Dann die Richtigstellung... weiter auf Seite vier..."
"Warte, ich mach das schon."
Shinji blätterte die Zeitung um.
"Oh, wieder ein Artikel von dieser Meiko Tanagawa, die reflektiert wohl auf den Titel von Japans Klatschtante Nummer Eins!""
"Was denn?"
Auf Seite vier befand sich ein Bild von Shinji und Rei, die eng beieinander standen. Und darunter stand: Die heimliche Romanze der EVANGELION-Piloten.
"Argh... argh..."
Shinji schnappte nach Luft.
Misato schüttelte nur den Kopf.
"Hier, hör dir das an: ´... als ich zu einem Interview bei der inzwischen wohl allseits bekannten NERV-Angehörigen Rei Ayanami eintraf, öffnete mir Shinji Ikari, ein Mitstreiter von Fräulein Ayanami und Sohn des NERV-Oberkommandierenden Gendo Ikari, die Tür. Sein Äußeres ließ nur den Schluß zu, daß er und Fräulein Ayanami gerade anderweitig beschäftigt waren und daher kein Interesse an einem Interview hatten. Mit dem gebotenen Takt verabschiedete ich mich daher wieder und...´ Shinji-kun, Shinji-kun, du hast doch nicht etwas die Tür nur mit Deiner Unterhose bekleidet geöffnet, oder?"
"Uh, nein, Misato... diese Frau lügt doch... ah..."
"Hey, mir ist auch klar, daß sie nur eine interessante Story zu stricken versucht,"
"Und von wegen gebotener Takt... Frau Ishiren hat sie ´rausgeworfen."
"Ach ja, Journalisten und ihr verletzter Stolz... ich habe ja auch nichts gegen ein wenig Klatsch... Augenblick, wo ist denn das Neueste aus der Prominentenwelt... Oh, warte... für die nächsten Ausgaben wird ein Artikelserie über die EVANGELION-Piloten angekündigt! Eh, Shinji-kun, und mit dir will sie beginnen - das geheime Leben des Shinji Ikari! Du wirst auch noch berühmt!"
"Misato..." seufzte Shinji. "Auf so eine Berühmtheit kann ich verzichten."
"Asuka würde das sicher gefallen. - Deswegen existiert seit gestern auch Order, daß keiner von euch oder dem Kommandostab irgendwelche Interviews gibt. - Ist Rei im Bad oder hat Pen-Pen das Wasser laufen lassen?"
"Uh, es ist Rei."
Er mußte es ja wissen, schließlich war sie hinter dem Duschvorhang verschwunden, während er sich das Gesicht gewaschen hatte.
"Okay, sicher kommt sie auch gleich..."
Misato faltete die Zeitung umständlich zusammen.
"Bekomme ich eine Scheibe Toast, lieber Shinji-kun?"
"Natürlich... ah..."
Shinji flitzte in die Kochnische.
"Ich muß gleich zum Dienst... ist schon unfair, da hat man mit einem gebrochenen Arm eigentlich schon genug zu tun, aber bekommt man wenigstens einen Tag Urlaub - nein! ´Ja, Frau Katsuragi, Sie haben eine Gehirnerschütterung, aber Sie sind immer noch diensttauglich´. Ich sage dir, Shinji, um bei NERV krankgeschrieben zu werden, mußt du bereits im Sterben Liegen."
*** NGE ***
Rei verließ bald darauf das Bad, ihre normalerweise blasse Haut glänzte rosig.
Heißes Wasser, kombiniert mit einer Duschwanne, die fast doppelt so groß war wie die in Ihrem alten Apartment, das war einfach himmlisch. Kaum zu glauben, wie wenig ihr das noch vor einem halben Jahr bedeutet hätte...
Ihr Haar war noch naß, sie trug eine Bluse und eine von Shinjis Shorts, die sie an der Taille stark gerefft hatte. Schnell beugte sie sich bei Shinji vor und gab ihm einen Kuß auf die Wange. Wenn sie schon gegen direkte Befehle verstieß, dann richtig...
Als Rei am Eßtisch Platz nahm, holte Misato wieder die Zeitung hervor.
"Seite vier, ließ dir mal durch, was da wieder so geschrieben wurde."
"Ja, Misato-san."
Reis Augen weiteten sich leicht, als sie das Bild von ihr und Shinji sah, aber nicht wegen des Zusammenhanges oder des darunterstehenden Artikels.
"Major, dieses Bild ist nicht echt. Das ist eine Fotomontage."
Sie deutete auf verschiedene Stellen, wo seltsame Unschärfeflecken auf dem Bild waren.
"Hui, tatsächlich. Du hast gute Augen.."
"Die Bilder von Shinji-kun und mir stammen wahrscheinlich aus den Unterlagen der Schule."
"Möglich... vielleicht sollte ich mal ein paar unserer Männer in Schwarz dort vorbeischicken... Aber dann heißt es wieder, NERV drangsaliere die Zivilbevölkerung, oder so. Tun wir ja eigentlich irgendwie auch... Hm... Naja, den Artikel muß ich nachher Ritsuko zeigen, die lacht sich scheckig... Aber was fällt dieser Tanagawa wohl als nächstes ein? Vielleicht eine Reportage über den Bierkonsum des Taktischen Offiziers, oder so... Langsam muß ich wirklich los..."
"Uhm, Misato..."
"Ja, Shinji-kun?"
"Rei und ich haben gestern abend noch etwas besprochen... ahm... siehst du, wir würden uns gern an der Miete für das... uh... Apartment beteiligen und... äh..."
"Nein, kommt, es genügt, wenn ihr etwas zum Haushaltsgeld beisteuert."
"Aber, Misato-san, Wenn Shinji-kun und ich zusammen nicht einmal die Miete für mein Apartment hätten tragen können..."
"Die war ja auch völlig überzogen, kein Wunder, daß sonst niemand in dem Haus gewohnt hat. Da könnte nicht mal ich mir eine Wohnung leisten - naja, soviel mehr bekomme ich auch nicht. Ist ohnehin seltsam... die ganzen Häuser gehören einer Holding-Gesellschaft von NERV... bei sowas müßte diese Tanagawa mal recherchieren. Also, wir sehen uns sicher noch im Laufe des Tages."
Nachdem Misato die Wohnung verlassen hatte, senkte sich Stille über den Eßtisch.
"Uhm, Rei-chan?"
Rei sah auf.
"Kann ich dich etwas... uh... fragen?"
"Ja, Shin-chan. Wenn ich darf, werde ich jede deiner Fragen beantworten."
"Uh... ahm... also... wie soll das jetzt anfangen... hm... du hattest... ahm... du hattest Misato gegenüber gesagt, daß sich zwischen uns... uh... also... keine Situation ergeben würde, die zur Folge haben könnte, daß du... daß du als Pilotin ausfällst..."
"Ja, Shin-chan. Das ist korrekt."
"Aber... ahm... gestern wäre es wohl zu so einer... ah... Situation gekommen, wenn nicht... äh..."
"Das Erscheinen von Major Katsuragi und Major Kaji hat in einen Ablauf der Ereignisse eingegriffen, der wahrscheinlich zu einer körperlichen Vereinigung geführt hätte."
"Äh, ja..."
Shinji nestelte am Kragen seines T-Shirts herum.
"Ja, uhm... und das... ah... das hätte doch..."
Rei blinzelte. Zweimal.
"Shin-chan, du möchtest implizieren, daß eine körperliche Vereinigung bei mir zu einer Schwangerschaft führen könnte."
"Uh... ah... ja... das... ähm... das ging mir so durch den... uh... Kopf..."
"Ich kann nicht schwanger werden."
"Äh... Hä?"
"Ich bin nicht in der Lage, ein Kind zu bekommen. Deshalb besteht auch keine Gefahr, daß ich deswegen als EVA-Pilotin ausfallen könnte."
"Das... uh... das tut mir leid, Rei-chan... ich meine..."
"Ich fürchte, ich bin deswegen nicht die ideale Partnerin für dich. Es liegt in der Natur des Menschen, Nachwuchs zu zeugen, damit etwas von ihm auch seinem eigenen Ableben weiterexistiert."
Shinji antwortete nicht.
Rei-chan tat ihm leid, sicher ging ihre Gebärunfähigkeit auf die schweren Verletzungen zurück, die sie Wochen vor seiner Ankunft in Tokio-3 erlitten hatte... aber weshalb sollte sie nicht die... ideale Partnerin für ihn sein, er liebte sie doch... und Kinder... er hatte nie darüber nachgedacht, schließlich war er selbst noch nicht so alt. Und als er so darüber nachdachte, kam er zu dem Schluß, daß er sich eigentlich nicht vorstellen konnte, selbst einmal Kinder zu haben, er wußte doch gar nicht, wie ein Vater sich verhalten sollte, hatte selbst doch nur ein negatives Beispiel gehabt...
Shinji stand auf, ging um den Tisch herum und umarmte sie von hinten.
"Das ändert nichts. In meinen Augen bleibst du ein wahrer Engel..."
Sie versteifte.
"Engel?" flüsterte sie.
"Uh... habe ich etwas falsches... äh... nein... also, ich meinte, so ein richtiger Engel, keiner von diesen Außerirdischen, ist doch klar... so ein christlicher Engel mit Flügeln und... uh... Heiligenschein und... äh... und diesem Instrument... einer Gitarre, glaube ich..."
"So ein Engel also... das siehst du in mir?"
"Ja, Rei-chan."
Sie lehnte sich zurück, genoß seine Umarmung.
*** NGE ***
Ritsuko schüttelte nur ungläubig den Kopf, als Misato ihr die Morgenzeitung unter die Nase hielt.
"Ich habe das schon heute früh gelesen. Die Frau spielt mit ihrem Leben, sage ich dir, Misato. Wenn sie so weitermacht, könnte Kommandant Ikari sich gewaltig auf die Zehen getreten Fühlen."
"Sag mal, Ritsuko, was meinst du, wenn Ikari die Treppe runterfallen und sich den Hals Brechen würde... oder wenn ganz versehentlich eine Waffe losgeht und ihm den Kopf wegpustet, ob ich dann Shinji adoptieren könnte?"
"Du denkst doch nicht wirklich..."
"Nur so ein Gedankenspiel. Ob die Behörden das erlauben würden?"
"Hm, hängt davon ab. Wenn du mich vorher als deinen behandelnden Arzt angibst, könnte ich deine Alkoholwerte unter den Tisch fallen lassen... dann hacken Maya und ich uns mit Hilfe der MAGI in die Behördenrechner und verschaffen dir ein Image, daß Mutter Theresa neben dir aussieht wie eine alte Schlampe."
"Das würdest du tun? Glaubst du, ich könnte eine gute Mutter sein?"
"Misato, dein Pinguin wäre ein besseres Elternteil für Shinji als Gendo Ikari."
"Wie soll ich das jetzt wieder auffassen?!"
Akagi winkte ab.
"Da die beiden sich nicht im Hauptquartier zwecks Zuweisung einer Unterkunft gemeldet Haben, nehme ich mal an, daß Shinji und Rei mit deinem Vorschlag einverstanden waren, oder?"
"Ja, sie wohnen jetzt bei mir."
Ritsuko seufzte.
"Was ist los?"
"Dafür hatte ich heute nacht das Vergnügen mit einem schlaflosen Fräulein Langley, das mir im Testcenter auf den Nerv gefallen ist. Wußtest du eigentlich, daß sie schlafwandelt?"
"Ja. Es macht wirklich keinen Spaß, sich abends zuzuschütten, bis man am Tisch einschläft, wenn ständig jemand dann über einen stolpert."
"Du hast immer noch diese Alpträume, nicht wahr?"
Misato nickte, ihr war anzusehen, daß das Thema ihr unangenehm war.
"Ah, aber reden wir nicht weiter darüber, ja? Äh, wie geht die Reparatur von EVA-00 voran?"
"Der Schaden am Arm liegt jenseits der Hayflick-Grenze, das heißt, daß der EVA ihn nicht aus eigener Kraft regenerieren kann. Ich passe derzeit einen der Ersatzarme an, die mit dem Konvoi, der auch EVA-02 gebracht hat, gekommen waren. Aber diese Massenproduktionsersatzteile passen bei den frühen Modellen hinten und vorn nicht."
"Und was machst du jetzt?"
"Überstunden."
"Äh..."
"Naja, ich habe eine LCL-Nährlösung ansetzt und ein wenig an dem Ersatzteil herumgeschnippelt, hätte nie gedacht, mal die Metzgerlaufbahn einzuschlagen."
"Okay, das war schon mehr, als ich eigentlich hatte hören wollen."
"Und heute will ich mit Reis Hilfe die Systeme abchecken. Die anderen beiden Einheiten sind bereits wieder einsatzbereit, bei EVA-01 mußte ich die optischen Systeme nachstellen und bei EVA-02 ein paar Spuren von Asukas Kaltstart beseitigen, wenn sie das öfter macht, bekommt ihr EVA noch sowas wie einen Kolbenfresser."
"Ja?"
"Oder einen Herzanfall, ein Start ohne Unterstützung durch die MAGI und die Systeme des Testcenters belastet die organischen und elektronischen Systeme des EVAs sehr stark. Aber die Serienmodelle sollten so autark wie möglich sein."
"Da fällt mir ein... hast du auch schon das Gerücht gehört, daß das Komitee die Serienproduktion angekurbelt hat?"
"Habe ich. ´Weiß noch nicht ganz, was ich davon halten soll, da die entsprechenden Unterlagen eigentlich über meinen Schreibtisch hätten gehen müssen, ich bin ja schließlich der wissenschaftliche Offizier der ganzen Operation."
"Vielleicht hat Ikari sich mit dem Komitee überworfen? Wäre doch möglich... dann wollen sie die anderen EVAs vielleicht nicht in seiner Hand belassen..."
"Nicht ganz von der Hand zu weisen. Vielleicht kann Kaji mehr dazu herausfinden, der hat doch seine Ohren überall... es war übrigens sehr unvorsichtig von euch, unlängst ins TerminalDogma zu gehen."
"Du weißt...?"
"Natürlich, was glaubst du, wer eure Spuren beseitigt hat? Ikari wäre ziemlich überrascht gewesen, zu erfahren, daß er angeblich im Dogma war, während er doch eigentlich unterwegs war - und er haßt Überraschungen."
"Ritsuko dann... du mußt mir erzählen, was dort unten los ist. Wir haben den gekreuzigten Engel gesehen..."
"LILITH."
"LILITH? Kaji sagte, er hieße ADAM."
Ritsuko hob die Schultern.
"Meinetwegen könnte er auch GROBI heißen. Die EVAs wurden aus dem Gewebe dieses Engels mittels eines von Doktor Yui Ikari entwickelten Klonverfahrens geschaffen."
"Ich dachte immer, du hättest..."
"Ich habe den Prozeß verfeinert und perfektioniert. Trotzdem hat es eine lange Reihe von Fehlschlägen gegeben, ehe Einheit-01 soweit war."
"Äh... EVA-01 wurde vor EVA-00 fertiggestellt?"
"Ja, lange vorher. Oder auch nicht, jedenfalls nicht in der heutigen Konfiguration. EVA-00 wurde gebaut, damit wir Vergleichswerte hatten, anhand derer wir im Gegenzug EVA-01 einsatzbereit machen konnten. Aber die Grundidee, das Konzept... das Design, das stammte von Shinjis Mutter."
"So..."
"Sie starb im gleichen Jahr wie meine Mutter und Asukas Mutter, seltsame Zufälle, nicht wahr?"
"Ja. Und wozu wird der Engel nur gebraucht?"
"Er liefert das LCL."
"Das LCL... also doch, der See unter dem Kreuz... dann ist das LCL..."
"Blut. Das Blut der Engel. Und das Blut der EVAs."
"Oh, mein Gott... und die Kinder müssen dieses Zeug atmen, wenn sie..."
"Ja. Genau deswegen unterliegt diese Information auch strengster Geheimhaltung. Und deshalb verwende ich auch einen guten Teil meiner Freizeit darauf, das Zeug mit einem anderen Geschmack und Geruch zu versehen... um den Ursprung zu übertünchen. Nicht bearbeitetes LCL schmeckt wie... das läßt sich gar nicht beschreiben, wie scheußlich das Zeug pur und roh schmeckt."
"Die armen Kinder..."
"Wenn du es ihnen sagst, wird es auch nicht besser oder gar einfacher. Und Rei weiß es ohnehin bereits."
"So... Ich möchte etwas derartiges eigentlich nicht vor Shinji geheimhalten."
"Und das ehrt dich, aber ihm tätest du damit wirklich keinen Gefallen. Sein Vater würde ihn weiterhin zwingen, EVA-01 zu steuern... oder ihn einfach eliminieren."
"Sein eigener Vater?"
"Selbst da wäre ich mir nicht so sicher."
"Wie jetzt?"
"Das erzähle ich dir bei Gelegenheit - wenn ich ´mal wieder so richtig lachen will."
"Ritsuko..."
"Ah! Laß das Thema sein. Ich habe ohnehin schon zuviel gesagt!"
*** NGE ***
Kozo Fuyutsuki hockte irgendwo im Hauptquartier auf einer Stahltreppe, einen Schuhkarton auf den Knien.
Er zog sich häufig an derartige Orte zurück, wo er ungestört war. Seine Unterkunft im Hauptquartier war zwar recht wohnlich eingerichtet, doch nachdem er durch Zufall erst eine Abhörvorrichtung und dann eine Kamera in seinen Räumen entdeckt hatte, hielt er sich dort nur noch zum Schlafen auf.
Daß Ikari ihn bespitzelte, lag für Fuyutsuki auf der Hand. Er war doch nur Zweiter Kommandant, weil Ikari ihn dadurch hatte ruhigstellen wollen... und mittlerweile steckte er derart tief in der ganzen Sache mit drin, daß er sich selbst ebenfalls dem Henker ausliefern würde, sollte er Ikaris Machenschaften aufdecken. Er hätte damals das gesammelte Beweismaterial dem Gerichtshof der Vereinten Nationen übergeben sollen, anstatt an Yuis Interessen zu denken und erst noch ein klärendes Gespräch mit dem frischgebackenen Ehemann seines früheren Protegés zu führen... Ikaris Argumente waren derart überzeugend gewesen, jedenfalls auf den ersten Blick. Und als er Gelegenheit zu einem zweiten Blick gehabt hatte, steckte er schon tief in der Sache drin... mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen...
Ob Ryoji Kaji wohl ahnte, daß er es war, der ihm immer wieder Informationen zuspielte, der dafür sorgte, daß bestimmte Dateien zuweilen nicht so abgesichert waren, wie Ikari es eigentlich angeordnet hatte? Ikari hielt Kaji für amüsant, weil er das volle Potential des Mannes nicht erkannt hatte...
Fuyutsuki öffnete den Schuhkarton, griff hinein, holte eine Handvoll alter Fotos heraus.
Er seufzte. Die Bilder waren alles, was ihm nach dem Impact geblieben war, seine gesamte Familie war bei einem Ausbruch des Fudjiyama ums Leben gekommen, bis auf den letzten Cousin...
Ein Bild von ihm mit seinem Bruder... ein weiteres mit seiner Mutter... seine Verlobte... alles Gespenster der Vergangenheit... Bilder aus seiner Studienzeit... Freunde, von denen die meisten ebenfalls tot waren...
Fuyutsuki seufzte.
Und dann starrte er auf ein Bild, das ihn im Alter von vielleicht fünfzehn Jahren zeigte. Genau dieses Bild hatte er eigentlich gesucht, ohne sich sicher zu sein, weshalb.
Also doch... entweder war es ein einziger großer Zufall, oder die vielleicht größte Ironie des einundzwanzigsten Jahrhunderts...
Ein Luftzug strich über seinen Nacken.
Fuyutsuki riß die Augen auf, griff in seine Uniformjackett.
In diesem Moment wurde ihm ein Taschentuch auf Mund und Nase gepreßt, er nahm einen starken einschläfernden Geruch wahr, wollte sich noch am Geländer nach oben auf die Füße ziehen, doch da verließen ihn bereits seine Kräfte. Fuyutsuki sank auf der Treppe zusammen, wurde von zwei Armen aufgefangen.
"Hm, dachte, bei so einem alten Mann wirkte das Mittel schneller", murmelte Sergej Roshenkov.
Seine beiden Begleiter, beide ganz in Schwarz gekleidet, zuckten nicht mit der Wimper, traten stattdessen vor und nahmen den stellvertretenden Kommandanten von NERV in die Mitte.
"Beeilen wir uns, wer weiß, wie lange die Sicherheitssysteme noch passiv bleiben."
Roshenkov lächelte. Wie gut, daß SEELE Ryoji Kajis Bericht am Larsen abgefangen hatte, dem auch verschlüsselt ein Zugangscode zum Hauptquartier beigefügt gewesen war...
*** NGE ***
Fuyutsukis Verschwinden blieb vorerst unbemerkt.
Die Brückencrew hatte wichtigeres zu tun, als sich zu vergewissern, ob Kommandant Ikari allein oder zusammen mit dem Sub-Kommandanten im Kommandostand war - die Frühwarn-Fernradarsysteme hatten ein Objekt gemeldet, welches sich mit hoher Geschwindigkeit der Stadt näherte.
Dann schlugen die MAGI Alarm, welche bereits auf die Distanz hin ein aktives AT-Feld wahrnahmen.
"Status der EVAs?" fragte Ikari mit rauher Stimme. Die ständigen Injektionen, um ADAM ruhigzustellen, zehrten an seinen Kräften.
"EVA-02 wird startbereit gemacht. EVA-00 ist immer noch nicht bereit für einen weiteren Kampf!" antwortete Akagi über Interkom.
"Und Shinji?"
"Dürfte unterwegs sein."
"Rei soll EVA-01 nehmen."
Ritsuko zögerte, erwog die Erfolgschancen eines Protestes, resignierte dann.
"Ich schreibe die Steuerung um."
"Das sollte schnell gehen."
Wenigstens ein Gutes erwuchs für das Szenario aus der ständigen Synchronisation zwischen dem Klon und Yuis Sohn...
Akagi unterbrach die Sichtfunkverbindung.
"Objekt nähert sich auf Einschlagkurs. Einschlag in dreißig Sekunden!" - "Evakuierung der Zivilbevölkerung in die Schutzbunker ist angelaufen." - "Defensivsysteme haben Ziel erfaßt und eröffnen das Feuer!" - "Einschlag in zwanzig Sekunden!" - "Werte des AT-Feldes außerhalb des Skalenbereiches... das ist ein Koloß!" - "Einschlag in zehn Sekunden..." - "Synchronverbindung zwischen EVA-02 und Pilotin steht. Synchronverbindung zwischen EVA-01 und Pilotin wird eingeleitet!" - "Aufschlag!"
Die Außenkameras zeigten das Bild eines Torsos in Schwarz, Grau und Rot ohne Kopf, dessen Arme und Beine auf halber Länge in Stümpfen endeten. Der Engel schwebte über dem provisorisch verschlossenen Zugang zum Zentralen Schacht, dessen Panzerschotten nach dem Angriff Matriels noch nicht wieder alle erneuert worden waren.
Aus den Armstümpfen zuckte etwas... papierdünne Tentakelarme, welche das erste Panzerschott zerfetzten so wie ein heißes Messer durch Butter schnitt.
Dann gingen die Kameras offline, als das AT-Feld des Engels ihre Signale überlagerte.
"MAGI bezeichnen Engel als Ziel: Zeruel." - "Erstes Panzerschott durchbrochen. Zweites Panzerschott durchbrochen... bei der Geschwindigkeit ist er in wenigen Minuten hier!"
"Zeruel... Engel der Macht..." murmelte Ikari. Der stärkste Gegner, den er jemals getroffen hatte... nein, nicht sein Gegner, ADAMs... es waren ADAMs Erinnerungen, die sich langsam mit den seinen vermengten...
"Ritsuko, die EVAs?"
"Einheit-02 ist bereit. Aber EVA-01 macht Probleme."
"Inwiefern?"
"Rei wird nicht als Pilotin akzeptiert."
Da war noch etwas anderes in Akagis Stimme... Mitgefühl...
Ikari runzelte die Stirn. Dann stand er auf.
"Ich bin im Hangar. Katsuragi, Sie haben das Kommando!"
Misato nahm seine Worte nur am Rande wahr.
"Es ist zu spät, die EVAs zu starten. Wir positionieren sie in der Geofront! EVA-02 erhält jede Waffe, die wir hier unten haben, der andere EVA, egal ob Einheit-00 oder -01, wird das AT-Feld des Engels neutralisieren!"
*** NGE ***
Während EVA-02 stampfenden Schrittes den Hangar verließ, kämpfte Rei im EntryPlug um ihr Leben.
EVA-01 stieß sie nicht nur ab, verweigerte jede Synchronisation mit ihr, sondern erwiderte ihre Versuche, die Kontrolle zu erlangen, mit starken Schmerzimpulsen.
Reis Schreie gellten aus dem Lautsprecher des Testcenters, Akagi hatte alle Hände voll damit zu tun, die Lebenserhaltung des Plugs so zu konfigurieren, daß Rei am Leben bleib.
"Puls stockt", flüsterte Maya schließlich.
"Wir brechen ab. - Rei, wir holen dich ´raus!"
"Nein, starte einen zweiten Versuch."
Ritsuko drehte sich um, starrte Ikari an, der in der Tür stand.
"Das könnte sie umbringen!"
"Rei ist ersetzbar. Noch einen Versuch!"
"Ja... - Rei, hörst du mich?"
Keuchend bestätigte das Mädchen im EntryPlug.
"Wir versuchen es noch einmal, zuerst nur minimale Synchronität..."
"Doktor Akagi... EVA-01 stößt mich ab... er will nicht... wie ein Spiegel..."
Ikari erschien im Hangar auf einem der Laufstege, sah zu EVA-01 hinauf.
"Das ist nicht akzeptabel. Wage es nicht, mich zurückzuweisen..." flüsterte er. "Du hast damals bei der Hochzeit geschworen zu tun, was ich dir befehle, Yui... Gehorche!"
EVA-01 ruckte einmal in seinen Fesseln hoch, fiel dann wieder zurück.
"Das wird nichts", meldete Ritsuko sich über die Sprechanlage. "Irgendetwas in EVA-01 widersteht der Synchronisation."
Ikari drehte sich nicht um.
"Dann steck den Plug in EVA-00, so kann sie sich wenigstens doch noch nützlich machen."
"EVA-00 ist nicht kampffähig!"
"Wer sagt, daß sie kämpfen soll? Es reicht, wenn sie den Engel lange genug ablenkt, bis Shinji hier ist..."
*** NGE ***
Shinji wurde gerade von Kaji in der hohen Kunst der Melonenzucht und -pflege unterwiesen, als der Alarm losging. Zugleich begann die starken, unter der Decke der Geofront montierten, Scheinwerfer zu flackern.
"Ach du Scheiße..." murmelte Kaji.
"Ein Angriff..."
"Shinji, los, lauf! Im Hauptquartier warten sie sicher schon auf dich."
"Ja..."
Shinji war bereits gute zehn Meter von Kajis Acker entfernt, als er über die Schulter zurückblickte und feststellte, daß der Mann immer noch damit beschäftigt war, seine Melonen zu gießen.
"Und Sie, Kaji-san?"
"Der Engel wird mir wohl nicht ausgerechnet ins Genick springen. Lauf schon!"
Shinji rannte los.
Unterwegs geriet er um ein Haar unter den Fuß von EVA-02, welcher, den Blick zur Decke der Geofront gerichtet, aus dem Hauptquartier marschierte.
Schwer atmend erreichte er den Hangar, wo die einarmige EVA-00-Einheit gerade aufbrach.
Shinji verharrte kurz, winkte mit beiden Armen.
"Laß den Unfug! Du kommst spät!"
Er warf den Kopf herum.
Sein Vater stand auf dem Laufsteg über ihm und fixierte ihn durch die dunklen Gläser seiner Brille.
Wortlos kletterte Shinji die Leiter zu jener Ebene hinaus, auf welcher sich der EntryPlug befand und auf ihn wartete. Ohne erst in seine PlugSuit zu wechseln, kletterte er in den Plug, welcher sogleich angehoben und mit dem Steuernerv von EVA-01 verbunden wurde.
"Synchronisationsprozeß wird eingeleitet", erklärte Ritsuko Akagi. "Shinji, ich umgehe die meisten Sicherheitsprotokolle und fahre gleich voll auf."
"Uh, ja."
"Der Engel ist schon beinahe bis in die Geofront vorgedrungen, wir haben keine Sekunde zu verlieren."
"Klar."
Er preßte die Lippen zusammen. Der Feind hatte sie überrumpelte. Und jetzt stand Rei-chan ihm allein mit einem invaliden EVA gegenüber... auf Asuka konnten sie nicht wirklich zählen...
"Beeilen Sie sich."
Die Monitore vor ihm wurden hell, zeigten ihm Bilder aus den anderen beiden EntryPlugs.
Er hörte Asuka fluchen, dann schreien, dann erlosch das Bild.
"Uh, was ist passiert?"
"Er hat EVA-02 erwischt... sein AT-Feld ist..."
In diesem Moment spürte Shinji Reis Blick auf sich lasten.
"Shin-chan, ich erkaufe dir die nötige Zeit."
"Was... Rei!"
"Mein Gott..." entfuhr es Akagi. Sie schaltete die Kameraübertragung aus der Geofront auf den Funkkanal, damit Shinji sehen konnte, was draußen geschah.
Der Engel schwebte über dem Boden, seine papierartigen Arme bewegten sich träge.
Zu seinen Füßen lag EVA-02, oder das, was noch davon übrig war, neben einem Berg aus leergeschoßenen Positronengewehren und sogar zwei überdimensionalen Raketenwerfern. Dem roten EVA fehlten beide Arme, diese lagen ein Stück weiter. Ebenso fehlte der Kopf - der rollte zu diesem Zeitpunkt gerade an Kajis Melonenfeld vorbei...
Der Engel, den die MAGI als Ziel: Zeruel eingestuft hatten, drehte sich langsam um seine eigene Achse, wandte sich dem nächsten Gegner zu - EVA-00...
"Rei, nicht!" brüllte Shinji, hörte in seinem Kopf gleichzeitig das leise Flüstern der entstehenden Synchronverbindung. "Doktor Akagi, lassen Sie mich starten!"
"Noch ein paar Sekunden, sonst brennt dir die Synchronverbindung das Hirn raus!"
Akagi regulierte die Sicherheitsschaltungen, welche sie zuvor ganz außer Acht gelassen hatte.
"Ich muß... Rei!"
EVA-00 trug weder ein Gewehr, noch stürmte er mit gezücktem PROG-Messer vor. Er führte etwas viel tödlicheres mit sich - einen großen Zylinder, auf dem die Zeichen ´N2´ standen...
"Eine N2-Mine..." hörte Shinji Misato sagen, die sich in die Verbindung inzwischen eingeschaltet hatte, um ihm eigentlich letzte Instruktionen zu geben.
Die AT-Felder von Engel und EVA prallten aufeinander.
EVA-00 schob seine Hand vorwärts, drang langsam in das AT-Feld des Engels ein... dann zündete die Mine, zerriß den verbliebenen Arm des EVAs bis zur Schulter.
Rei schrie auf, sackte dann im Pilotensitz zusammen.
Aus dem Feuerball der Explosion zuckte ein hauchdünner Arm und riß EVA-00 in der Mitte auseinander. Der Engel war unverletzt, hatte keinen sichtbaren Schaden durch die Explosion davongetragen.
Shinji heulte auf.
"Was ist mit Rei? Was ist mit ihr?"
"Werte instabil..." murmelte Ritsuko.
Shinji blickte starr auf den Bildschirm, welche zeigte, daß der Engel jetzt auf das Hauptquartier zumarschierte, dabei auch die spärlichen vorhandenen Abwehreinrichtungen ignorierte - die abgefeuerten Raketen explodierten ohnehin, sobald sie mit den Ausläufern des AT-Feldes in Kontakt kamen...
Shinjis Lippen bebten.
Rei-chan war verletzt... der Engel hatte sie verletzt... dafür würde er zahlen...
Aus den Tiefen des EVAs antwortete ein dumpfes Grollen auf die Wut und den Haß, welche er in diesem Moment verspürte, bot ihm Unterstützung an.
Noch sperrte er sich dagegen, noch ergab er sich der Finsternis nicht, welche sich mit jedem Schritt, den sich der Engel dem Hauptquartier näherte, weiter zusammenzuziehen schien.
Zeruel ignorierte den Haupteingang, zerfetzte einfach die nächste Wand, drang in den Hangar ein.
Gendo Ikari rührte sich nicht von der Stelle, betrachtete den Engel mit wissenschaftlicher Kälte.
Zeruel, LILITHs Verteidiger, der mächtigste von ihrer Brut...
EVA-01 spannte die Muskeln, brach aus seinen Halterungen aus, noch ehe Doktor Akagi diese lösen konnte, trat dem Engel in den Weg.
"Shinji, vorsicht! Paß auf seine Arme auf!" rief Misato über Funk.
"Er hat Rei-chan verletzt. Dafür wird er büßen... dafür sorgen wir..." kam die Antwort aus dem Plug. Es war Shinjis Stimme... und noch eine andere Stimme, tief und grollend, voller Haß...
