44. Kapitel: „Trost"
Es war weit nach Anbruch der Dunkelheit, als Aragorn endlich in seine Gemächer kam, wo Linnyd ihn bereits seit Stunden erwartete. Sie konnte nicht sagen, warum sie so erleichtert war, als er endlich das Zimmer betrat, aber sie hatte stirnrunzelnd beobachtet, wie die Stundenkerze immer weiter abbrannte und er immer noch ausblieb. Was hatte er in all den Stunden noch so Wichtiges tun müssen? Hätte das nicht bis zum nächsten Tag Zeit gehabt? Er trieb sich viel zu hart an, ohne auf sich Rücksicht zu nehmen und das, obwohl er doch inzwischen wissen müsste, wohin dies führen konnte.
Als sie seine Schritte auf dem Gang endlich vernahm, wusste sie nicht, ob sie froh sein sollte, oder erzürnt.
Er hatte sich wohl irgendwo gewaschen. Sein Haar war an den Schläfen feucht und den feuchten Stellen an seinem Hemdschoß zu urteilen, hatte er sich das Gesicht damit abgetrocknet.
„Du bist ziemlich spät. Wo bist du gewesen?", fragte sie, während sie mit einem leichten Lächeln auf ihn zutrat, sich auf die Zehnspitzen stellte und ihn sanft küsste. Er küsste sie abwesend auf den Scheitel, als er sie kurz an sich drückte und strich ihr dabei über den Rücken. Er hatte schwer gearbeitet, dass erkannte sie sofort. Er fühlte sich warm an und roch nach Staub, Ruß und Schweiß, aber die Haut in seinem Gesicht war kühl und frisch vom Wasser. Sie betrachtete ihn im sanften Licht. Irgendetwas war anders an ihm, aber sie konnte nicht sagen, was es war – es nicht wirklich benennen.
Als sie sich von ihm löste und sich ihre Blicke trafen, zog ein Lächeln seine Mundwinkel hoch. Sein Blick war sanft, trotz der Falten, mit denen die Müdigkeit seine Augen umgab. Er hatte einen langen Tag gehabt, dachte Linnyd. Sein Aussehen weckte in ihr den Wunsch, ihn augenblicklich in sein Bett zu verfrachten, aber sie wusste, dass er ohnehin nicht sofort einschlafen konnte. Erst musste sein Geist ebenfalls zur Ruhe kommen.
Ihr wurde bewusst, dass er ihr noch immer nicht geantwortet hatte, beließ es aber dabei. Sie wusste, dass er reden würde, wenn ihm der Sinn danach stand.
Er ging zu einem der Sessel und ließ sich darauf nieder, das Gesicht in die Hände gestützt. Plötzlich kam ihr die Erkenntnis, was so anders an ihm war. Er wurde von einer Art Energie durchströmt, als wäre er aufgeregt oder durcheinander gebracht, wobei er sich bemühte, sich äußerlich nichts anmerken zu lassen. Und er war verdammt gut darin, Dinge geheim zu halten, wenn er es wollte, das hatte Legolas ihr bereits mehr als einmal berichtet. Was war bloß vorgefallen?
Aber wenn ein Mann beschloss, eigensinnig zu sein, dann würde er sich nackt in Brennnesseln setzten und behaupten, sie berührten seine Haut nicht! Ihn zu drängen, würde nichts nutzen.
Aragorn verharrte reglos in dieser Stellung und das Geräusch des prasselnden, knisternden Feuers war alles, was den Raum erfüllte, doch plötzlich nahm Linnyd noch etwas anderes wahr. Sein Atem war stockender geworden und als sie ihn genauer betrachtete, sah sie, dass seine Schultern unter lautlosen Tränen bebten. Dieser Anblick zerriss ihr beinahe das Herz. Sie war binnen weniger Herzschläge an seiner Seite, hockte jedoch einen Augenblick vor ihm, ohne zu wissen, was sie tun sollte, doch dann streckte sie die Hand aus und legte sie auf seinen Arm.
Sie konnte spüren, wie dicht unter seiner Haut die Gefühle brodelten, doch sie hatte die Furcht, dass sie mit einem falschen Wort deren Ausbruch hervorrufen könnte.
Doch sie brauchte nicht länger mit sich zu ringen, wie sie sich entscheiden sollte, denn plötzlich packte er sie und zog sie in einer festen Umarmung an sich. Sein Atem war heiß an ihrem Ohr, als er sich an sie presste, sie umklammerte, dass ihr fast die Luft wegblieb, aber endlich begann er zu erzählen. Erst leise und stockend, dann aber endlich im befreienden Fluss der Worte, die Erleichterung mit sich brachten.
„Ich kann einfach nicht mehr, Linnyd!" Selbst seine Stimme war zittrig und schwach. „In mir ist keine Kraft mehr, um sich all diesen Problemen zu stellen… Mit jeder Sekunde Zeit die verrinnt… ist mir, als verlöre ich ein Stück meiner selbst. Die Drachen, die Hungersnot, all die Zwischenfälle, die fast das Leben der Menschen ausgelöscht hätten, die mir am Wichtigsten sind…"
Er holte tief Luft und unterdrückte den Husten, der seine Kehle hinaufstieg. Als er weiter sprach, klang er atemlos. „Es ist fast so, als umgäbe uns eine feindliche Macht, die nur ein Ziel hätte, mich zu vernichten - mir ist, als wollte die Welt mich erdrücken. Bisher habe ich immer die Kraft gefunden, mich allen Problemen zu stellen, weil ich meine Familie und Freunde an meiner Seite hatte… Aber nun geraten sie durch meine Verbundenheit zu ihnen immer wieder in Gefahr. Elladan, Boromir, Aiglos… du! Ihr könntet nun tot sein. Und warum? Wegen mir!"
Linnyd hätte ihm gerne widersprochen, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Und Laietha… Sie habe ich bereits verloren! Sie könnte mir nicht ferner sein, als jetzt. Und wenn ich… wenn ich es recht bedenke, kann ich sie sogar verstehen!"
Er sah ihren zweifelnden Blick, weil sie nicht wusste, worauf er hinaus wollte. Aragorn zögerte kurz, aber er konnte nun nicht mehr aufhören, da er einmal begonnen hatte. Er musste ihr alles erzählen, auch die Wahrheit über sich selbst. Sie hatte ein Recht darauf, es zu erfahren, auch wenn er sie damit von sich stieß. Und so berichtete er ihr, was sich zwischen ihm und Eban ereignet hatte, was er zu tun beabsichtigt hatte.
„Ich hätte es getan, Linnyd! Ich hätte Eban in diesem Augenblick getötet, wenn Legolas mich nicht zurückgehalten hätte!" Seine Stimme stockte. „Fast glaube ich, dass ich nicht mehr der Mensch bin, der ich früher war. Ich verabscheue mich selbst…! Wie kann ich Laietha da verübeln, dass sie mehr für Eban empfindet, als für mich? Dass sie mehr mit ihm verbindet? In ihren Adern fließt das gleiche Blut." Linnyd wich seinem Blick nicht aus, obwohl sie fürchtete, dass er in ihren Augen das Entsetzen sehen könnte, das sie bei seinem Geständnis empfand.
Er erwiderte ihren Blick, versuchte ein schwaches Lächeln, doch mit solcher Qual in den Augen, dass sie ins Herz getroffen den Atem anhielt.
„Es…", begann er und brach dann ab. Aragorn zog eine Grimasse, unzufrieden mit sich selbst. Er zuckte die Schultern und rieb sich fest mit der Hand über das Kinn. „Es gibt den Körper und es gibt die Seele. Wenn sie mir die Knochen gebrochen, oder mein Blut vergossen hätte, dann würde das wieder heilen… Der Körper heilt – und das ist auch gut so. Aber die Seele… ist empfindlicher." Seine Stimme klang gedankenverloren.
„Das Meiste von dem, was mir in letzter Zeit widerfahren ist, kann ich aushalten… die Schmerzen… danach kann ich weiterleben. Laietha… sie zu verlieren ist etwas, das mir Angst macht… Sie… sie kann mich in Stücke reißen, Linnyd, ohne mich zu berühren. Weil sie mich kennt. Sie vermag meine Seele zu verletzen…"
Er schloss die Augen, aber auch so konnte er die neu aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten.
Linnyd verharrte beinahe regungslos und wartete, bis er fortfuhr. „Ich kann das nicht entschuldigen, Linnyd. Ich kann nur versuchen, dir mein Verhalten zu erklären… Ich bin nicht nur stark… auch ich habe Schwächen mit denen ich leben muss. Aber du, du hast die Wahl…" Aragorn bemühte sich um ein ausdrucksloses Gesicht, aber die sorgenvolle Gründlichkeit in seinem Blick geriet plötzlich ins Schlingern wie ein Glas, das auf die Tischkante zurollte, in dem Bruchteil einer Sekunde vor dem Zerspringen und er schloss die Augen. Er schluckte und öffnete sie wieder.
„Linnyd", sagte er leise und die Splitter der Bruchstücke waren deutlich in seinen Augen zu sehen, scharf und kantig. „Ich bin der, den du vor dir siehst. Mit allen Stärken und Schwächen… Kannst du mich so akzeptieren? So lieben? Ohne mir daraus einen Vorwurf zu machen?"
Eine unangenehme Stille trat ein, die endlos schien, obwohl sie kaum länger als drei Herzschläge anhielt. „Hör mir zu", forderte Linnyd ihn schließlich auf. „Ich will nicht behaupten, dass mich diese Schwächen an dir nicht erschrecken… aber ich will auch nicht, dass du dich änderst, weil…weil ich dich liebe! So wie du bist. Und weil ich weiß, was Liebe ist und was es bedeutet zu lieben, weiß ich auch, dass sie uns manchmal dazu treibt Dinge zu tun, oder zu sagen, die man nie für möglich gehalten hätte…Du glaubst jetzt, dass du Eban wirklich getötet hättest, wenn Legolas es nicht verhindert hätte, aber … nun ja, ich glaube das nicht. Ich weiß nicht warum, aber ich weiß es eben. Denk nicht darüber nach, Aragorn. Zerbrich dir darüber nicht den Kopf. Es ist nicht geschehen – und es wird nicht geschehen!"
Sie hatte sich um eine feste Stimme bemüht, die überzeugend klingen sollte. Dabei fragte sie sich im Stillen, wen sie mehr überzeugen wollte. Ihn oder sich selbst.
Doch sie erkannte die Wahrheit in jenem Moment, als sie ihm in die Augen sah und durch diese, bis in seine Seele hinein. „Nein", flüsterte sie. Sie berührte ganz sanft sein Gesicht. Er schluckte sichtlich angestrengt, Offenbar musste er sich sehr beherrschen und hielt starke Gefühle unter Kontrolle, doch dann fiel die Maske und er riss sie regelrecht an sich.
Sein ganzer Körper zitterte vor Erleichterung derart, dass sie anfing, ihn sanft hin und her zu wiegen. Sie wusste nicht, was sie zu ihm sagte, aber sie murmelte beruhigende Worte in sein Ohr, dessen Singsang ihn langsam zu tragen schien und sein Atem wurde ruhig und gleichmäßig. Sein Gewicht lehnte an ihrer Schulter, das Gewand inzwischen feucht von seinen Tränen, aber das kümmerte sie nicht. Nach einer Weile, zog sie ihn stumm auf die Füße, führte ihn zu der breiten Lagerstatt und widerstandslos ließ er sich von ihr in die Kissen drücken.
Sie drückte sich gegen seinen Körper, schmiegte sich in die Biegung seines Körpers, so als sei sie genau für sie gemacht und spendete ihm Trost mit ihrer eigenen Wärme.
„Zweifel nicht an dir, Elessar", murmelte sie schließlich. „Ich kenne niemanden, der sich so aufopfert für andere, wie du es tust. Du treibst dich bis an den Rand der absoluten Erschöpfung, ohne zu zögern setzt du dein Leben aufs Spiel…"
Sie nahm sein Gesicht in beide Hände, blickte ihm lange in die grauen Augen, die jetzt vom Nebel der Zweifel, Trauer und Müdigkeit verhangen waren. „Ich weiß nicht, ob du mir glaubst, ob ich dir jeden Zweifel nehmen kann, aber Laietha liebt dich… mindestens ebenso sehr wie ich es tue. Und nichts wird daran jemals etwas ändern, das fühle ich." Sie küsste ihn zärtlich, aber er erwiderte den Kuss mit einer hungernden Leidenschaft, als müsse er die Leere in seinem Inneren mit ihrer Liebe füllen. Dabei rannen ihm abermals unbeachtet die Tränen über die Wangen…
Aragorn hatte geglaubt, dass die Stunde, die er ziellos durch die Feste gestreift war, ausgereicht hätte, um sein Gleichgewicht wieder zu finden, doch er war eines besseren belehrt worden. Der Ausdruck auf Linnyds Gesicht hatte ausgereicht, um ihn wieder aus der Fassung zu bringen. Ein Ausdruck aus Erleichterung, Sorge und Unsicherheit. Ihre Frage hatte die verdrängten Bilder in seinem Geist wieder aufflammen lassen.
Als Waldläufer war er zu lange nur für sein eigenes Überleben verantwortlich gewesen, doch nun war das Überleben einer ganzen Stadt zu seiner Pflicht geworden – und er fühlte die Bürde jetzt umso schwerer auf seinen Schultern lasten.
Es war eine Erleichterung gewesen, sich alles von der Seele zu reden, in Linnyds Armen Trost zu finden, denn er wusste aus einem unbestimmten Grund, dass sie ihn wirklich verstand. Er sah sie durch einen Schleier aus Tränen an und glaubte, den Blick nicht von ihr losreißen zu können.
Himmel, er war völlig vernarrt in diese schöne Elbin mit dem fein geschnittenen Gesicht, der wilden, dunkelblonden Mähne. Völlig vernarrt in ihre goldenen, braunumrandeten Augen, ihren verführerischen Mund und in das tapfere Herz, das in ihrer Brust schlug.
„Aragorn?"
Er brachte sie mit einem Kuss zum Schweigen und zog sie noch fester an sich. Es war lange her, dass er eine Frau in den Armen gehalten hatte, die ihn so ehrlich und aufrichtig um seiner selbst willen geliebt hatte. Er wusste plötzlich, dass er mit ihr an seiner Seite die Kraft finden würde, all das zu ertragen, was es an Prüfungen noch für ihn geben würde.
Jetzt jedoch brauchte er eine Verbindung, die stark genug war, um ihm seinen inneren Frieden zurück zu geben. Und sie gewährte sie ihm.
Irgendwann lagen sie eng aneinander geschmiegt zwischen Laken und Decken. Das Feuer war zu einem rötlichen Glühen herunter gebrannt und der ganze Palast war in die Ruhe der Nacht versunken. Nichts regte sich draußen auf den Fluren und vor den Fenstern nur die warme Brise des Windes, die leichte Kühle mit sich brachte.
Schließlich streckte Linnyd langsam die Hand aus und berührte die Stelle auf Aragorns Brust, an der sich eine schmale, zartrosa Linie auf seiner Haut abzeichnete.
„Woher stammt sie?", fragte sie leise und folgte ihrem Verlauf. Er versuchte ein Lächeln und fasste etwas befangen an die Stelle über seinem Herzen. Sie spürte regelrecht, wie seine Gedanken und Gefühle das Zimmer verließen und zu jenem Punkt in seiner Vergangenheit zurückkehrten. Nur sein Körper war noch anwesend, eine Hülle neben ihr, der man den Schmerz ansah, die die Erinnerung in ihm weckte.
„Es tut mir leid", flüsterte Linnyd schwach. „Daran denkst du wahrscheinlich nicht gern, oder? Vor allem jetzt nicht…"
Er ergriff ihre freie Hand und sah zu ihr hinunter. „Du kannst es haben", sagte er nur. Seine Stimme ganz leise, aber er sah ihr direkt in die Augen, wich ihr nicht aus. „Alles. Alles was mir jemals angetan worden ist. Wenn du es wissen willst, durchlebe ich es noch einmal…"
„Oh, bei den Valar, Aragorn!", hauchte sie ergriffen. „Nein. Ich brauche es nicht zu wissen. Alles was ich wissen muss ist, dass du es überlebt hast. Dass du bei mir bist, mit mir lebst – mich liebst."
Aragorn wandte den Blick ab, hielt aber ihre Hand umfasst, wobei er sacht mit dem Daumen über ihre Fingerknöchel strich. Als er schließlich sprach, war seine Stimme rau.
„Mae. Ich werde es dir erzählen. Auch wenn es mir nicht leicht fällt…"
Linnyd entzog ihm ihre Hand und stemmte sich neben ihm auf die Ellenbogen. „Oh, bitte nicht", flüsterte sie. „Ich will nicht, dass du wieder daran denken musst. Ich will es nicht. Die Gegenwart ist schrecklich genug, lass die Vergangenheit ruhen. Ich will dich nicht dazu bringen, dass du an Dinge denkst, die besser vergessen bleiben."
Bei diesen Worten zuckten doch tatsächlich seine Mundwinkel. „Bei den Valar", sagte er und klang beinahe verwundert. „Du glaubst, ich hätte irgendetwas davon vergessen?"
„Vielleicht nicht", murmelte sie und gab auf. „Aber – ich wünsche mir so, du könntest es vergessen!"
Diesmal lachte er kurz auf und Wärme lag in seiner Stimme. „Oh, Linnyd. Dafür danke ich dir. Aber ich könnte es nicht einmal vergessen, selbst wenn mich die Narben an meinem Körper nicht daran erinnern würden. Jede erzählt eine andere Geschichte über einen Abschnitt meines Lebens und sie alle sind ein Teil von mir. Mach dir deswegen keine Sorgen und denke nicht darüber nach. Es spielt jetzt keine Rolle."
„Du sagst, ich soll mir keine Sorgen um dich machen? Nach all dem, was du mir eben selbst erzählt hast?" Sie versuchte ihn mit ihrem Blick zu beschwören, funkelte ihn beinahe herausfordernd an, doch er war zu müde, um sich einer Auseinandersetzung mit ihr zu stellen.
„Streite dich nicht mit mir, Linnyd. Nicht heute, nicht jetzt. Jetzt will ich diese Nacht genießen. Dich genießen. In meinen Armen halten, deinen Duft in mich aufnehmen, deine Haut an meiner spüren. Dich in meinem Herzen tragen." Er begegnete wieder ihren glänzenden Augen, dunkel im Schein der Glut und klar wie Bernstein. „Ich will diese Erinnerung in mein Gedächtnis einbrennen, damit sie nie wieder verloren geht. Damit sie mir Kraft geben kann…"
„Ich wollte mich nicht mit dir streiten", entgegnete sie eine Spur gereizt. „Aber darf ich mir bei deinem Anblick nicht dir Frage stellen, wie du dich überhaupt noch auf den Beinen halten kannst? Was noch geschehen muss, damit du etwas mehr Rücksicht auf dich selbst nimmst? Wenn man liebt, dann sorgt man sich eben auch."
„Du streitest dich wohl mit mir, Linnyd. Tu's nicht." Er drückte sacht ihren Arm. Es lag eine Spur Humor in seiner Stimme, doch eigentlich war er ernst. „Ich werde dir sagen, woher diese Narbe stammt, aber danach werden wir endlich schlafen, mae? Ich bin furchtbar müde."
Sie schnaubte, widersprach aber nicht länger sondern schmiegte sich enger an ihn.
‚Mornuan hielt den Dolch an Aragorns Brust und führte einen tiefen Schnitt aus. Selbst im blassen Licht des Mondes konnte man das Blut erkennen, das über die Brust des Königs strömte. Die Frau presste ihre Lippen auf den Schnitt und trank sein Blut.
Aragorn stöhnte, aber Mornuan riss den Kopf zurück in der Geste eines Raubtieres, das seinen Triumph über seine Beute feierte. Blitzschnell griff sie nach einer kleinen Phiole und fing etwas von dem Blut auf. Sie leckte sich die Lippen und murmelte über das Blut ein paar Worte. Dann sang sie leise ein paar Verse und Aragorns Blut begann zu glühen. Nun wurde Mornuans Stimme wieder laut. Aragorn war auf die Knie gesunken und Mornuan stand mit einem breiten Grinsen über ihn gebeugt. In der Hand hielt sie noch immer die Phiole mit Aragorns Blut. Sie setzte das Gefäß an seine Lippen und zwang ihn, zu trinken. Der König stieß einen gequälten Schrei aus und sackte in sich zusammen. Mornuan lachte.
„Du wirst dich nur meinem Willen unterwerfen, Aragorn, Arathorns Sohn. Bald schon wirst du mein Mann sein und ich werde über Gondor herrschen." Sie beugte sich zu ihm hinunter und küsste ihn auf den Mund.'
Er hatte langsam gesprochen, so, als legte er sich seine Gedanken mit seinen Worten zurecht. Er erinnerte sich nur vage an diese Nacht, aber Laietha und Elladan hatten ihm alles erzählt, was sie damals beobachtet hatten. Jetzt, da er es noch einmal aussprach, kehrten die wenigen Bilder in seine Erinnerung zurück und er erschauderte.
„Wie fühlst du dich?", fragte Linnyd leise und strich ihm zärtlich eine Strähne aus den Augen.
„Grauenvoll", erwiderte er wahrheitsgemäß. Er war heiser, als hätte er geschrieen – und vielleicht hatte er das auch? Gefangen von den Erinnerungen?
Linnyd sah ihn an, hielt den Blick fest auf seine Augen gerichtet und doch hatte er das Gefühl, als blickte sie weit über ihn hinaus – doch dann schärfte sich ihr Blick wieder und sie sah ihn direkt an.
„Und sicher…", murmelte er, als sie ihn sacht zu sich zog. Er schloss die Augen, holte ein einziges Mal tief Luft und sein ganzer Körper entspannte sich, wurde schlaff und schwer. Sie hielt ihn fest, beide Arme um ihn geschlungen. Sie wünschte sich Heilung für ihn und vergrub ihr Gesicht in seinem Haar und seinem Duft, damit er selbst im Schlaf ihre Anwesenheit spüren konnte.
Dann weinte sie lautlos, die Muskeln angespannt, damit sie nicht zitterte und ihn weckte. Sie weinte um den Mann, der er gewesen war und der er jetzt war, weil sie mit ihm fühlte und seinen Schmerz teilte und wünschte sich, dass er und seine Schwester einen Weg finden würden, um wieder zueinander zu finden.
