Kapitel 56

Er spülte.

Und das ohne Zauberstab. Pansys Puls brach Rekorde, und sie wusste, sie hätte nicht kommen sollen. Sie hätte sich selbst viel Leid erspart und Hermine müsste nicht verzweifelt Bowle trinken, weil sie glaubte, so ihr ungeborenes Kind loszuwerden.

Pansy machte viele Fehler. Früher war das nicht so gewesen. Alles war klar gewesen. Deutlich und ohne Risiken. Und seit neuestem fühlte sie sich ständig nur noch Risiken ausgesetzt, und jeder schien ihr ihre Fehler ständig mit einem Spiegel vorzuhalten.

Und mit jeder meinte sie Weasley.

„Hey", sagte sie nur. „Du spülst Geschirr?", stellte sie das Offensichtliche fest. Er schenkte ihr einen ausdruckslosen Blick, ehe er ihn wieder stoisch in die Spüle wandte. „An Silvester?", ergänzte sie schlicht, und härter schrubbte er jetzt den Teller in seiner Hand.

Sie seufzte schwer. Denn es schien so, als wäre sie diejenige, die sich um alles kümmern musste. Die nachgab, die ihn hier heimsuchte, die tatsächlich aussprach, was sie dachte, während er das Kind war. Das Kind, was anscheinend clever genug gewesen war, um das Schulsprecherabzeichen zu bekommen.

Merlin, sie hasste ihn.

Zornig griff sie sich das Küchenhandtuch vom Haken und stellte sich schließlich neben ihn. Sie hatte fast vergessen wie groß er war.

„Was soll das?", fragte er barsch.

„Ich trockne ab", erklärte sie achselzuckend, ohne ihn anzusehen.

„Ich brauche dich nicht dafür", knurrte er. „Nachher brichst du dir noch einen Nagel, das würde dein Verlobter kaum wollen", schloss er böse. Umstandslos griff sie sich den nassen Teller aus seiner Hand und trocknete ihn kopfschüttelnd ab.

„Du bist ein Baby", informierte sie ihn jetzt, und sofort schnappte er den Teller zurück.

„Der ist noch nicht sauber. Wieso gehst du nicht wieder rüber und fühlst dich da unwillkommen und fehl am Platz?", schlug er ihr gehässig vor. Sie nahm ihm den Teller wieder ab und schoss ihm einen wütenden Blick zu. Sie rieb ihn lieblos trocken und stellte ihn auf den Küchentresen.

„Unwillkommen und fehl am Platz fühle ich mich hier in der Küche um einiges mehr", konterte sie gereizt.

„Ich habe dich bestimmt nicht eingeladen! Wo ist dein fabelhafter Verlobter? Versteckst du ihn im Garten? Welche Ausrede hast du ihm erzählt? Weiß er, dass du-"

„-er weiß es", unterbrach sie ihn bloß, und Weasley sah sie an.

„Was weiß er?", fragte er jetzt, ein wenig argwöhnisch.

Pansy schwieg kurz und zuckte dann die Achseln.

„Gar nichts. Das ist es doch, was zwischen uns ist, oder? Gar nichts", sagte sie missmutig.

„Was hast du ihm erzählt?", wollte er jetzt wissen. Sie knetete unschlüssig das Küchentuch in den Händen.

„Dass du ein Idiot bist", erwiderte sie, ohne ihn anzusehen. Er wandte sich wieder der Spüle zu. „Hör zu", fuhr sie jetzt müde fort, „ich… - es tut mir leid", schloss sie schließlich.

Er sagte gar nichts, sah sie nicht mehr an.

„Alles ist… so kompliziert und… - ich dachte, ich hätte alles unter Kontrolle. Ich… habe sonst immer alles unter Kontrolle. Ich bin immer vorbereitet. Und James ist perfekt. Ich… habe ihn ausgesucht, also… muss er perfekt sein." Sein Ausdruck wurde grimmiger.

„Warum stehst du dann in meiner Küche? Wenn er so perfekt ist?"

„Weil… weil ich lieber hier bin, als bei ihm in irgendeinem Schloss", flüsterte sie fast, ohne ihn anzusehen. Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen. „Und… und ich weiß, das geht nicht", entfuhr es ihr verzweifelt. „Nichts davon macht Sinn! Ich weiß nicht einmal, wie ich es vor ihm rechtfertigen soll! Ich weiß nur… - ich wollte heute hier sein", sagte sie und schüttelte sanft den Kopf. Sie biss sich auf die Unterlippe.

„Und morgen?", fragte er tatsächlich, und langsam hob sie den Blick. „Wo willst du morgen sein, Pansy? Und den Tag danach und danach?"

Er hatte ihren Vornamen benutzt, ging ihr dumpf auf und ihr Herz flatterte unpassend in ihrer Brust. Aber sein Ausdruck war nicht freundlich. Er war nicht… nett. „Hier? Hier in meiner Küche? Oder bei den Gryffindors im Gemeinschaftsraum? Willst du in Zaubertränke neben mir sitzen? Oder beim Quidditchspiel auf der Tribüne der Gryffindors? Wo du nicht hingehörst und nicht sein willst? Du bist mit Hermine nur aus einem Grund befreundet!", fuhr er sie an. „Weil du mit Malfoy befreundet bist!", klärte er sie kopfschüttelnd auf.

„Und das alleine ist schon die schlechteste aller Voraussetzungen!"

„Weasley-", begann sie jetzt, aber er schüttelte den Kopf.

„-du sagst nicht mal meinen Vornamen!", fuhr er sie kopfschüttelnd an. „Und nach Hogwarts, was dann? Was willst du deinen Eltern sagen? Was soll ich meinen Eltern sagen!"

„Ich habe darüber noch nicht nachgedacht!", sagte sie trotzig. „Ich habe keine Lösung für alles!", rief sie aufgebracht. „Und ich meine, wäre ich nicht hier – du würdest niemals bei mir auftauchen!"

„Deine Mutter würde mich vom Grundstück fluchen, oder nicht? Blutsverräter wie mich?!", konterte er, ebenso laut. Sie verdrehte die Augen.

„Du bist so-"

„-was?", unterbrach er sie angriffslustig. „Im Bilde? Realistisch? Wieso willst du unbedingt etwas, was sowieso niemals gut gehen wird? Guck dir Hermine doch an! Willst du das?", fragte er tatsächlich.

„Nein, Weasley", sagte sie trocken. „Der Unterschied wäre, dass wir uns mögen. Vielleicht. Keine Ahnung, was du denkst!", ruderte sie hastig zurück, denn seine Augen hatten sich geweitet.

„Du hast dir einen Verlobten ausgesucht!", rief er aufgebracht. „Du bist vergeben! Da ist nichts mehr zu-"

„-ich bin hier, oder nicht?", unterbrach sie ihn zornig, und sie starrten sich wieder an. Er schüttelte den Kopf. Rote Strähnen fielen ihm dicht in die Stirn. Seine blauen Augen offen und hoffnungslos.

„Ich will das nicht", sagte er langsam. Sie starrte ihn an. Was?

„Was willst du nicht?", flüsterte sie fast, denn sie kannte die Antwort. Er schluckte schwer.

„Das hier", sagte er vage, deutete auf sich und auf sie. „Ich… - wir wollen beide verschiedene Dinge."

„Weasley-!"

„-du hättest nicht kommen sollen", sagte er ruhiger, fast bedauernd. „Wir haben alles gesagt."

Sie sah ihn an, während ihr Herz schmerzende Schläge tat. Nein. Was sagte er denn da?! Wieso tat er das? Wieso machte sie sich komplett zum Narren für diesen Idioten? Tränen stachen hinter ihren Augen.

Und es war so traurig. Ihre Mundwinkel zuckten freudlos und sie schloss den Abstand. Sie merkte, wie er stocksteif vor ihr verharrte, während sie sich auf die Zehenspitzen stellte und die Arme um seinen Nacken legte.

Völlig steif stand er vor ihr, während sie ihn umarmte. Einfach nur umarmte.

Sie roch seinen Duft und verdrängte mit aller Macht die Tränen.

„Ich beiße nicht", flüsterte sie neben seinem Ohr. Die Wärme seines dunkelgrünen Pullis kroch durch ihre Kleidung. Er roch angenehm herb und frisch zugleich.

Und ohne, dass er die Umarmung erwiderte, löste sie sich schweren Herzens von ihm, denn sie durfte sich nicht länger erlauben, seine Nähe zu genießen.

Auf Zehenspitzen küsste sie sanft seine Wange und spürte, wie er die Luft anhielt. Seine Haut war weich unter ihren Lippen. Noch einen winzigen Moment verharrte sie, ehe sie zurückwich.

„Frohes neues Jahr, Ron", sagte sie mit einem traurigen Lächeln, als sie zurückgewichen war. Er sah hinab in ihre Augen, aber sie konnte seinen Blick nicht deuten.

Und stumm nickte er. Hastig wandte sie sich ab.

Es war mehr, als sie ertragen konnte.

Sie verließ die Küche so schnell sie konnte, ohne zu rennen, sonst würde sie noch weinen.

„Hermine? Wir sollten zu Astorias Party, bevor-" Aber sie unterbrach sich. Hermine war nicht im Wohnzimmer, wo neuer Besuch gerade mit der Bowle anstieß. „Wo ist Hermine?", wandte sie sich an Potter, welcher gerade mit seiner Freundin anstieß.

„Sie… sie wollte kurz Luft schnappen. Sie ist auf der Veranda", sagte er, und Pansy ging zu den Verandatüren. Dann wandte sie sich um.

„Potter, da draußen ist niemand", sagte sie jetzt. Potter brauchte noch eine Sekunde, ehe sie seine Aufmerksamkeit gewann.

„Was?", sagte er und kam näher. „Oh", stellte er abschließend fest. „Vielleicht ist sie schon gegangen?", stellte er die nächste entsprechende Frage.

Wohin? Wohin sollte sie gegangen sein?! Und wie? Wenn sie getrunken hatte?!

Aber Pansys Blick glitt ins Leere. War sie… dort? Auf der Party? Aber… wieso sollte sie dort sein?

„Was ist los?" Schmerzhaft vernahm sie Weasleys Stimme hinter sich.

„Hermine ist verschwunden", erklärte seine Schwester jetzt nachdenklich.

„Verschwunden?", wiederholte Weasley jetzt und stellte sie fast selbstverständlich neben sie vor die geschlossenen Verandatüren, um in die Dunkelheit zu starren. „Willst du… willst du sie suchen?", fragte er jetzt, und sie hob den Blick, aber er sah sie nicht direkt an.

Sie ignorierte gerade, dass er tatsächlich mit ihr sprach. Denn Hermines Wohl war gerade wichtiger als Pansys selbstsüchtige Gedanken! Was dachte er bitteschön? Dass sie Hermine betrunken draußen umher wandern ließ?!

„Ja, ich… ich mach auf den Weg", sagte sie nur ausweichend und hatte sich abgewandt.

„Du… du hast schon getrunken", stellte er jetzt fest und sie wandte sich langsam wieder um.

„Was?" Was wollte er damit sagen?

„Brauchst du wen zum… Apparieren?", fragte er jetzt, ein wenig unschlüssig. Ihr Mund öffnete sich langsam. Er bot ihr das an? Warum, fragte sie sich unwillkürlich und musterte ihn.

„Nein, ich… - so viel habe ich nicht getrunken. Ich kann-"

„-es ist gefährlich zu apparieren, wenn…", begann er, und fast verlor sie sich in seinem Blick. Was wollte er sagen? Nahm er zurück, was er gesagt hatte? Oder machte er sich lediglich Sorgen um Hermine? Sie wusste es nicht.

„Schon gut, ich-", wollte sie wieder anfangen, denn sie brauchte sein Mitleid bestimmt nicht. Er hatte doch klar gemacht, dass er sie nicht wollte.

„-Merlin, Pansy, jetzt apparier mit Ron", unterbrach seine Schwester sie mit eindeutig erhobenen Augenbrauen.

„Nein, ich würde zu Astorias Party apparieren, und da sind… die… anderen", wich sie seinem Blick aus, und er schloss den Abstand.

„Lass uns gehen", sagte er lediglich, verabschiedete sich kurz von seinen Eltern, ehe er sich die Jacke überzog, und wieder neben ihr stand, ihren Mantel in der Hand. „Wollen wir?", fragte er, und sie konnte ihn nicht einordnen. Hatte er nicht gerade genau das Gegenteil von dem behauptet, was er jetzt im Begriff war, zu tun? „Brauchst du eine Extraeinladung, Parkinson?", erkundigte er sich jetzt, und ihr Mund öffnete sich perplex.

Sie folgte ihm, als er schließlich ging. Sie warf einen Blick zurück zu Potter und Weasleys Schwester. Dieser hatte seinen Arm um sie gelegt.

„Ich bin sehr froh, dass wir das hinter uns haben", bemerkte Potter lediglich mit einem feinen Lächeln. „Grüße an deinen Verlobten", schloss er spöttisch, und Pansy spürte den Hauch Röte in den Wangen.

Es klang so, als würde es ein furchtbarer Abend werden. Aber… ihr Herz hüpfte vor Freude.

Es war ihr egal, wie furchtbar es werden würde, solange sie bei ihm war.

Sie war lächerlich geworden. Absolut lächerlich….

Es war die Adresse der Einladung, die sie versucht hatte anzusteuern. Es war schwierig, wenn man noch nie dort gewesen war. Und es war bedenklich, nach zwei Gläsern spezieller Weasley-Silvester-Bowle. Die Kälte schlug ihr ins Gesicht.

Sie hatte das Haus um zweihundert Meter verfehlt, kämpfte sich durch ein kniehohes Grasbett voller Schnee und erreichte fröstelnd die Tore. Sie waren geöffnet, wohl mit Absicht für die Gäste. Alkohol wärmte nicht, stellte Hermine fest. Alkohol ließ sie erfrieren.

Sie schob sich durch den Schnee weiter nach vorne, bis die Auffahrt frei vor ihr lag. Purpurne Blüten säumten den Weg. Wie seltsam. Mitten im Winter, dachte sie und schüttelte sanft den Kopf. Das schlechte Gewissen in ihrem Innern lauerte auf ihr nüchternes Erwachen, das wusste sie.

Immerhin das wusste sie. Denn sie würde weinen, wenn sie nüchtern war. Sie würde begreifen, was sie dem ungeborenen Baby in ihrem Innern angetan hatte.

Sie wusste allerdings nicht, was sie hier tat – was sie überhaupt hier wollte. Hier gab es nichts für sie! Sie war nicht mal entsprechend gekleidet. Sie trug kein Kleid! Sie war nicht schick oder elegant! Sie sah aus – wie Hermine Granger.

Und sie wusste nicht mehr weiter.

Sie wusste nur, heute war sie hier. Auf der grauenhaften Party, wo ihr falscher Ehemann war. Wo alles Falsche war!

Mit klammen Schritten stieg sie die wenigen Marmorstufen empor. Kalt klang der Stein unter ihren Füßen. Sie klopfte gegen die schwere Tür. Sie wurde augenblicklich geöffnet. Wenn Hermine noch einen weiteren Elfen sehen würde, würde sie einen Weg finden müssen, alle diese Geschöpfe auch noch zu befreien. Keiner der Elfen wirkte glücklich. Aber warum sollten sie auch?

„Ja?", erkundigte er sich mit einem abschätzenden Blick. Und war es nicht seltsam? Ein Geschöpf, das in diesen Kreisen als nieder behandelt wurde, betrachtete sie tatsächlich von oben herab.

„Hermine Gran- Malfoy", korrigierte sie sich resignierend. Und zuerst dachte sie, der Elf würde nicht reagieren, würde sie weiterhin abschätzend anstarren und anschließend die Türen zuschlagen.

„Mrs Malfoy", sagte er schließlich, deutete eine Verbeugung an und wich zur Seite, so dass sie eintreten konnte.

Sie biss sich auf die Unterlippe, als sie den Flur betrat, der so groß war, wie die Große Halle von Hogwarts.

Gerne wäre sie unschlüssig im Flur verblieben, aber bedauerlicherweise, war sie hier nicht allein.

An den Wänden säumten sich Zauberer und Hexen, ins Gespräch vertieft. Sie vernahm Worte wie ‚Anlagen' und ‚Goldfonds', und ignorierte diese Worte. Langsam schritt sie voran, mit schwerem Gang, wie zu ihrer Hinrichtung. Riesige Kerzenleuchter aus Kristall hingen von der Decke, in einem Abstand von drei Metern. Sie glitzerten kühl, verstrahlten noch kühleres Licht, und Hermine schluckte schwer, während sie den Gang weiter schritt.

Mittlerweile waren die Gespräche um sie herum verstummt.

Alle beobachteten sie und Stille hatte sich auf den lagen Flur gesenkt. Sie ging weiter, vernahm mittlerweile die Musik, von Streichern gespielt. Vornehm und aristokratisch, wie sie es bereits von den Malfoys gewöhnt war.

Kälte steckte ihr noch immer in den Gliedern, und sie nahm an, ihre Wangen mussten noch von ihrem Weg gerötet sein. Sie war nicht geschminkt.

Der große Saal, in dem sich die überwiegende Anzahl der Gäste befand, hatte sie noch nicht bemerkt, als sie in dem großen bogenartigen Durchgang erschienen war. Eine weitläufige Treppe mündete in der Mitte des Saals und beschrieb einen ausladenden Weg nach oben, in höhere Stockwerke.

Der Boden war glänzend poliert und bestimmt geeignet dafür, auszurutschen, wenn man sich nicht vorsah.

Sie machte noch einen Schritt in den Saal und langsam ebbten die Gespräche in ihrer nächsten Nähe ab.

Wieder galten ihr die Blicke der Fremden, und ihre Augen suchten den Saal ab. Nach was, wusste sie nicht genau. Nach irgendetwas bekanntem vielleicht.

Durch den Alkohol hatte sie ihre Scheu verloren. So wie ihre Angst.

Einige Gesichter vermochte sie einzuordnen. Allerdings keines mit einem positiven Zusammenhang. Sie spürte, wie sie den Rücken durchstreckte, als sich nahezu die gesamte Aufmerksamkeit auf ihre Gestalt richtete. Die Musik wurde langsamer, ehe die Musiker auf einer Empore gänzlich aufhörten, zu spielen, und sich von ihren eleganten Mahagonistühlen erhoben, um Hermine besser erkennen zu können.

Stille fiel auch über den großen Saal und langsam begann das Getuschel.

Und kein Gesicht war ihr freundlich gesinnt.

Sie nahm an, es würde zu einem Komplott gegen sie kommen. Sie schluckte, denn ihre Kehle war trocken. Malfoy war nirgendwo zu entdecken.

Er starrte in den schwach erleuchteten Garten. Altmodische Laternen waren hier aufgestellt worden und beleuchteten die Blumenbeete mit Winterblühern in türkisem Licht.

„Draco?", fragte sie wieder, aber er hatte den Blick noch nicht in ihre Richtung gewandt. Er hatte sich auf die Veranda zurückgezogen, in der Hoffnung, nicht mehr entdeckt zu werden. Er war es leid gewesen, Blaise und James Gesellschaft zu leisten. Er war es leid gewesen, die Bekanntschaft von der zukünftigen Daisy Goyle zu machen, die allen Ernstes heute zu Besuch gekommen war, um Gregory kennenzulernen, und sich nichts besseres hatte vorstellen können, als es auf dieser Party zu tun.

„Was?", wollte er kalt wissen, ohne sie anzusehen.

„Es tut mir so leid", erklärte sie. Sie stellte sich neben ihn. Und er nahm an, sie musste erfrieren, denn sie trug keine Jacke über ihrem spärlichen Outfit. Er biss die Zähne zusammen.

„Geh wieder rein. Du holst dir eine Erkältung", informierte er sie und ignorierte ihre Worte.

„Draco!", sagte sie, mit mehr Nachdruck. „Das ist mir egal. Bitte, rede mit mir, ich-"

„-was willst du von mir, Astoria?", fragte er nur, und wandte den Blick. Ihre Zähne klapperten, und wütend zog er sein Jackett von den Schultern. „Hier", knurrte er, und sie nahm es dankbar entgegen. Die Kälte machte ihm heute nichts aus. Es war ein geringeres Problem.

„Komm wieder rein. Lass uns… lass uns reden!", versuchte sie, ihn zu bewegen. Er schüttelte nur den Kopf.

„Du hast mich ausgenutzt", erwiderte er lediglich.

„Nein, ich…- das kann man ja wohl so nicht sagen!", rechtfertigte sie sich.

„Du wusstest, wer ich war im Urlaub oder nicht?", wollte er jetzt wütend von ihr wissen. Sie sah ihn schuldbewusst an, widersprach aber nicht. „Und du wusstest, dass… dass ich…" Er wollte es nicht sagen. Er wollte nicht sagen, dass sie wusste, dass er verheiratet war. Er wollte die Worte nicht laut sagen. Niemals!

„Ja, ich… wusste es", räumte sie jedoch leiser ein. „Ich… ich wollte es dir längst sagen, aber…"

„Aber?", unterbrach er sie gereizt. Sie sah so gut aus. Er wandte den Blick wieder hastig in den dunklen Garten, denn er durfte sie nicht zu lange ansehen. Es war gefährlich.

„Deine Eltern reden gerade mit meinen Eltern", sagte sie nun, mit mehr Bedacht. Er schwieg. „Und… und es klingt, als… sollen sich die Dinge demnächst ändern, Draco", erklärte sie zuversichtlich. „Sie werden sich um die Scheidung kümmern, und…"

War es nicht einfach furchtbar? War es nicht absolut lächerlich? Sah es niemand außer ihm?!

„Astoria-", begann er und hatte sich ihr wieder zugewandt, aber sie unterbrach ihn atemlos.

„-Draco, ich liebe dich", sagte sie rau, und er vergaß kurz seine Worte. „Und… und ich will versuchen, alles wieder gut zu machen!", versprach sie aufrichtig.

Sie liebte ihn?

Sie kam näher. Er war darauf nicht vorbereitet.

„Du hast mich belogen!", entfuhr es ihm verletzt. „Du hast mit mir gespielt, du hast mich benutzt, und du denkst, alles lässt sich einfach so wieder regeln?", fuhr er sie an, und verzweifelt kam sie näher. So wunderschön, wie sie war. Er wich unbewusst zurück.

„Draco, bitte! Hab keine Angst, und mach dir keine Sorgen! Es wird alles wieder gut! Wenn du Hermine nicht willst, dann ist das doch die beste Lösung für uns!", beteuerte sie. Er blinzelte mehrfach.

„Es ist nicht deine-"

„-bitte, gib mir wenigstens die Chance, alles wieder gutzumachen! Ich wollte längst mit dir gesprochen haben, und ich wäre sogar bereit gewesen, heimlich mit dir zusammen zu sein, aber jetzt… jetzt haben wir die Chance wirklich zusammen zu sein!"

Sie kam wieder näher. Er konnte mittlerweile in ihren Augen versinken, und hastig wandte er sich von ihr ab.

„Nicht", sagte er und schritt wieder Richtung Türen zum Saal.

„Ich dachte…, du liebst mich auch", wisperte sie, und er spürte, wie sein Herz zerriss.

„Ich… dachte das auch", brachte er über die Lippen, und Astoria sah ihn unglücklich an. „Aber…" Ihr Blick fiel.

„Aber was?", flüsterte sie untröstlich.

„Aber… ich kann das jetzt nicht. Ich… brauche mehr Zeit. Alles ist… durcheinander und falsch und… nichts Gutes kann durch eine Entscheidung meiner Eltern passieren, Astoria. Und… ich möchte jetzt alleine sein", schloss er und öffnete die Türen. Wärme empfing ihn.

Astoria folgte ihm, wollte wohl mehr erklären, mehr Worte benutzen, um ihn doch noch vom Gegenteil zu überzeugen, und er wusste, würde er ihr länger in die Augen sehen, wäre es noch schwerer Nein zu sagen, aber… er war so enttäuscht von ihr. Von allen Menschen! Niemand war seine Aufmerksamkeit noch wert.

Er bemerkte die Totenstille erst als er und Astoria wieder im Saal standen.

Und er fing ihren Blick nahezu übergangslos auf, als sie ihm aufgefallen war.

Denn sie stand alleine in der Mitte des Saals und wurde von den Reinblütern angestarrt wie ein unwillkommener Gast. Wie eine nutzlose Drohne im Bienenstock. Das Getuschel glich einem zornigen Summen, und Dracos Kiefer hatte sich überfordert gelockert.

Er war nicht wieder gekommen, fiel ihm ein. Er hatte ihr gesagt, sie solle auf ihn warten. Aber er hatte nicht vorgehabt, wiederzukommen. Er hatte vorgehabt, sie auf dieser Party zu betrügen. Mit… mit Astoria.

Grangers Blick glitt neben ihn. Astoria starrte Granger ebenso verblüfft an, wie er es getan hatte.

Aber was hatte er sich eingeredet? Dass es einfach wäre, Granger zu betrügen? Er hatte sich da etwas vorgemacht. Und vielleicht hatte Blaise es gewusst. Zur Hölle, vielleicht hatte Draco es selber gewusst.

Draco nahm an, Granger war das Jackett an Astoria aufgefallen. Vielleicht war ihr aufgefallen, dass er alleine mit ihr von der Veranda gekommen war.

Er wusste nicht, warum er das dachte, warum es ihn überhaupt kümmerte, was sie dachte, was sie aus seinem Verhalten schließen konnte.

Sie wirkte so… ernst. So müde. So traurig.

Und eine Gewissheit kristallisierte sich für ihn deutlich heraus.

Es lag an ihm. Es war alles seine Schuld. Sie war schwanger von ihm. Sie war seine Frau. Er hatte sie vergewaltigt, hatte ihr wehgetan.

Und er war sich nicht sicher, ob er gerechtfertigt handelte, egal, was für Hintergedanken sie eigentlich hatte, egal, was ihre Motive eigentlich waren. So langsam fragte er sich, ob er nicht zu weit gegangen war, denn es tat weh. Sie zu sehen tat einfach weh.

Und er merkte, auf welcher Seite er sich gerade befand. Seine Eltern stand etwas weiter ab, und Mrs Greengrass hatte begonnen, den Weg in Richtung Granger zu wagen, während die Gesellschaft sich wohl nicht an ihr sattsehen konnte. An einem Mädchen, was nicht hierhergehörte, und alles durcheinander gebracht hatte, wofür sie alle standen.

Und Draco konnte nur unbewegt zusehen und sich eingestehen, dass Granger mutiger war als er.

Mittlerweile nahm er an, sie war mutiger als sie alle hier zusammen.

„Mrs Malfoy", begrüßte Allegra Greengrass sie bedächtig, mit einem eisigen Lächeln und dunklen Haaren, die all das Licht aufzusaugen schienen. Ihr Lächeln war so falsch, wie die freundliche Begrüßung, die sie Granger zuteilwerden ließ.

„Willkommen in unserem bescheidenem Haus", rief sie aus, und ihre Stimme hallte bei dieser Lüge wie Hohn von den hohen, prunkvoll geschmückten Wänden wider. „Wir hatten nicht mehr mit Ihnen gerechnet", fuhr sie lächelnd fort.

Granger schüttelte der Frau die dargebotene Hand, mit deutlicher Skepsis und Widerwillen im Blick.

„Allerdings", fuhr Allegra Greengrass fort, und ihre Stimme kühlte merklich ab, „scheinen sich die Dinge auch ein klein wenig verändert zu haben, nicht wahr?", flötete sie säuerlich, und sie wandte den kalten Blick nun zu ihm und Astoria.

„Oder irre ich mich, Draco?", sprach sie nun direkt mit ihm, und stumm hatte sich die Aufmerksamkeit auf ihn verlagert.

Auf ihn und Granger.

Grangers Blick galt wieder ihm. Und er rührte sich nicht. Die Gesellschaft murmelte hinter den Händen, schien die Situation noch nicht zu begreifen, und es schien, als legten es seine Eltern darauf an, Granger noch heute Nacht aus der Gesellschaft zu befördern.

„Bei arrangierten Hochzeiten kann so ein Fehler leicht einmal passieren", bemerkte Mrs Greengrass anschließend.

Und jetzt erst sprach sie. Grangers Blick löste sich von seinem Gesicht, und es war, als fiele ein tonnenschweres Gewicht von ihm ab, was ihrem Blick immer innewohnte, wenn sie ihn betrachtete. Er konnte jetzt erst wieder atmen.

„Und was für ein Fehler wäre das?", erkundigte sich Granger ruhig, fast zu leise, als dass man es verstehen konnte, und die Gesellschaft verstummte augenblicklich, um ihre Worte zu hören. Sensationsgeiler Haufen, dachte Draco, mit einem Anflug von Zorn.

„Nun, manchmal denkt man, ein Mädchen wäre besser geeignet als ein anderes und man bemerkt den Fehler erst ein wenig später", erklärte Mrs Greengrass mit herablassender Nachsicht. „Ich kann natürlich verstehen, dass Sie der Etikette wegen hier her gekommen sind, Mrs Malfoy, jedoch ist es nur nachvollziehbar, wenn Sie lieber gehen möchten", schloss sie lächelnd.

Und Draco starrte sie an. Und selbst er begriff die Unhöflichkeit.

„Ich möchte lieber gehen?", wiederholte Granger, mit derselben falschen Höflichkeit. „Und warum das? Weil Narzissa und Lucius mit Ihnen und Ihrem Mann bereits vereinbart haben, dass Draco Ihre Tochter heiraten wird? Wann? Direkt heute Nacht, Mrs Greengrass oder haben die beiden noch irgendein Mitspracherecht bei dieser Entscheidung?" Grangers Stimme klang wie sie immer klang, wenn sie mit ihm sprach.

Gereizt, die Wut jederzeit greifbar, kurz davor zu explodieren.

„Ich habe das Gefühl, unter Kindern zu sein", sagte Granger kopfschüttelnd. Und ihr Blick galt nun Narzissa. „Ich werde von einer Party geworfen?", vergewisserte sie sich. „Warum? Weil nicht alles perfekt ist, in dieser Welt? Weil man bei all der Goldhorterei die wesentlichen Dinge aus den Augen verliert? Weil, wenn man einen Sohn verliert, man den anderen gleich mit aufgeben muss?"

Kurz herrschte eine solche Stille, dass sie fast unmenschlich laut erschien.

Niemand sprach.

Vielleicht hatte Granger erwartet, dass seine Mutter reagieren würde, dass sie Menschlichkeit zeigen würde, aber er kannte seine Mutter. Und fast war es traurig mitanzusehen. Narzissas Blick war nicht zu durchschauen.

„Keine Sorge", sagte Granger schließlich, der Demütigung wohl überdrüssig. „Ich werde gehen. Ich wünsche Ihnen das Jahr, das Sie alle verdienen", verkündete sie mit einem Nicken in die Runde.

Und es war wie das große Ende einer Vorstellung. Die größte Attraktion des Zirkusses verließ die Manege. Nicht bevor sie ihm noch einen letzten Blick geschenkt hatte, aus den dunklen Augen, die er stets verabscheut hatte, wann ihm sie ihm folgten, wann immer sie ihn bewerteten.

Sie verließ den Saal, und es war als würde ein Gewicht von ihnen allen gehoben. Die Reinblüter schienen aufzuatmen.

Sie war fort.

Und er bemerkte es erst wesentlich später. Er bemerkte es erst, nachdem sich seine Beine in Bewegung gesetzt hatten.

Er bemerkte es erst, als er ebenfalls den Saal verließ. Denn auf einmal rannte er.

Er bemerkte, dass er ihr folgte.

Und es hatte sich für ihn nicht die Frage gestellt, ob er es tun würde.

Nein. Denn verblüffenderweise wollte er heute genauso wenig unter Reinblütern sein, wie Granger wohl ihr ganzes Leben lang niemals unter ihnen verweilen wollte.

Sie war verschwunden, als er das Anwesen unter großen Augen aller Anwesenden im Laufschritt verließ und draußen in der Kälte stand. Sein Blick flog über die weiße Landschaft. Sein Atem kondensierte vor seinem Gesicht. Er rannte zu den Grenzen des Grundstücks, ohne seinen Mantel, ohne sein Jackett, so schnell ihn seine Füße trugen.

Und dann apparierte er. Ohne weiter nachzudenken. Er apparierte, gerade als er erkannte, dass Pansy ankam. Aber es war egal. Denn er folgte ihr. Er folgte Granger.