35: [Das weiße Kind III: Hahnenfeder]

Ich sprech zu dir

Und bitte dich

Ich hoffe doch, du erhörst mich

Denn der Mensch, den du erschufst

Kann eigentlich nur ein Fehler sein

Ich schau sie an

Sie machen nichts,

Fressen, saufen, stören mich,

Und denken noch dabei

Die Krone der Schöpfung zu sein

Lieber Gott,

Schmeiß doch Gehirn

Denn wir könn's gebrauchen hier

Und prügel es hinein

Benutze mich dafür

Ich hör ihnen zu

Nur Macht und Geld

Ich hoff doch bald die Schnauze hält

Jetzt töten sie sich selbst

Raketen fliegen über mir

Lieber Gott,

Ich fleh dich an

Dein neuer Sohn kommt irgendwann

Der uns zum Lichte führt

Benutze mich dafür

Lieber Gott,

Ich frage mich,

Der Mensch scheint mir so lächerlich

Und sie, sie denken nur,

Was geht das uns überhaupt an?

Lieber Gott,

Schmeiß doch Gehirn

Denn wir könn's gut brauchen hier

Und prügel es ihnen rein

Benutze mich!

Lieber Gott,

Ich fleh dich an

Dein neuer Sohn muss wieder rann,

Der uns zum Lichte führt

Benutze mich!

Lieber Gott,

Komm nun zu mir

Die neue Welt erschaffen wir

Den neuen Mensch dazu

Benutze mich dafür

-Welle:Erdball, ‚Lieber Gott'

„Das soll doch wohl nicht dein Ernst sein, Yui-chan!"

Ein mit reichlich Enthusiasmus geworfener, ausgeleerter Bubbletea-Becher samt noch drin steckendem Strohhalm traf die Gesichtspanzerung von EVA 01, prallte unbeindruck daran ab und stürzte mit einem deutlich hörbarem ‚Platsch!' in die Kühlflüssigkeit hinein, wo es wohl an den Boden des Cages segelte, und dem Wartungsarbeiter, der das fragwürdige Glück haben würde, darüber zu stolpern, mit einer Überraschung den Tag zu versüßen.

2005

NERV-Hauptquartier

Cage von EVA 01, kurz nach dessen vorläufiger Fertigstellung

Die Urheberin der lauten Worte, und somit auch des unsachgemäß entsorgen Getränkebechers stand derzeit auf dem Steg über der Umbilikalbrücke, vor dem Gesicht der humanoiden Kampfmaschine – Nach dem Aktivierungsexperiment und dem bald darauf folgenden Ende aller Bergungsversuche hatte man trotz allem recht bald mit dem Bau der monströsen Schöpfung weitergemacht, ganz gleich, ob sie ihre Erschafferin mit Haut und Haaren gefressen hatte – Es hatte nicht einmal eine Diskussion gegeben, so gering war die Rolle, welche die Ethik in dieser Einrichtung spielte. Egal, was hier letztes Jahr geschehen sein mochte, es war von vorne herein klar gewesen, dass man diese unheilsträchtige Gott-Maschine früher oder später weiterverwenden würde – Um sie wegen soetwas wie Sicherheitsbedenken aufzugeben, hatte man zuviel darin investiert, insbesondere bei diesem Test-Modell, bei dem es sich um mehr handelte als eine schlichte Kopie – Ungeachtet der Tatsache, dass das Aktivierungsexperiment also ein Menschenleben gefordert hatte, wurde die Konstruktion an dem gigantischen Fleischkoloss ohne weiteres fortgesetzt, Stahlrohre in das Fleisch getrieben und diese Panzerplatten draufgesteckt – „Und schau mal einer an! Gendo-kun hat sie sogar in deiner Lieblingsfarbe anstreichen lassen, schön lila, wie du es seid dem Kindergarten liebst! Ich hoffe, du bist zufrieden!"

Diese drastische Meinungsäußerung stammte, wie auch das vormals losgelassene Wurfgeschoss von einer einzelnen, hochgewachsenen Frau, die auf dem zur Umbilikalbrücke gehörigen Steg stand, und wie man sich denken konnte, überhaupt nicht erfreut wirkte – Ihr langes, braunes Haar fiel ihr nur von einer klobigen, roten Haarspange gebändigt schwer über den Rücken, die Formen ihres Körpers waren durch ein geld-rosa kariertes, vorne durch Knöpfe zusammengehaltenes Kleid zu erahnen, über dem zusätzlich noch ein weißer Kittel hing und auf ihrer Nase saß eine Brille mit einem roten, minimalistischen Gestell, das die Gläser nur von oben beschränkte.

Die Ähnlichkeit zu ihrer Tochter war für jene, die sie kannten, vermutlich offensichtlich, der größte Unterschied fand sich in der Augenfarbe und den merklich stärker ausgeprägtem Kiefer der Mutter: Dr. Makinami Murasaki.

Ihre Tochter hätte ihre Meinung wohl ähnlich ungehemmt herausposaunt, wäre dabei aber vermutlich gelassener geblieben – Es gab auf dieser Welt nur sehr wenige Dinge, die Makinami Mari Illustrious jemals wirklich überrascht hätten.

Doch auch Dr. Makinami nahm ihren Ärger nicht ganz so ernst, und unterbrach ihr Schipfen gerne mal für ein tiefes Seuftzen.

„'Tschuldige, Yui-chan, ich hab's ja nicht so gemeint. Ärger ist eine natürliche Phase des Trauerns, und ich vermisse dich, ehrlich, auch wenn's nicht immer so aussieht…" dennoch hatte die Wissenschaftlerin ihr Feuer schnell wiedergefunden: „…trotzdem wüsste ich sehr gerne, was du geraucht hast, als du dir diesen Plan ausgedacht hast! Von dem Zeug würde ich nämlich auch gern was abhaben!"

Von Seiten des violetten Evangelions kam erwartungsgemäß keine Antwort.

Doch davon ließ sich Dr. Makinami keinesfalls beirren, und sprach fidel weiter: „Ehrlich, Yui-chan. Und dabei warst du immer die Vernünftige von uns beiden – auch wenn ich langsam denke, dass du einfach nur besser darin warst, vernünftig auszusehen…"

Und zum dritten Mal seufzte Dr. Makinami in die große, leere Halle hinein, die den Cage bildete.

„…jedenfalls bin ich hier, weil ich dir noch mal nen Besuch abstatten wollte, bevor mein eigenes Experiment ansteht. Meine Chancen stehen den bisherigen Ergebnissen nach zu urteilen ja nicht besonders gut…" gab sie zu, sich verlegen lächelnd etwas am Hinterkopf kratzend, es scheinbar nie für nötig gehalten habend, dem jugendlichen Wahnsinn bis zum 25. Lebensjahr irgendwann mal zu entsagen.

„…deshalb habe ich mir so einige Frangen gestellt, über dich, und wie die Welt für dich jetzt so aussieht. Du steckst sozusagen im Körper eines lebenden Gottes, gut möglich, dass du für die Geschäfte von uns krabbelnden Sterblichen keinen Nerv mehr hast… aber wege du hörst mir nicht zu! Zeit hast du jetzt ja genug… Mal im ernst, ist das nicht langweilig, tagein tagaus in diesem Cage herumzustehen? Ich werd' das nie aushalten wenn mein blödes Experiment auch schiefgeht… Auch wenn „schiefgehen" implizieren würde, dass das gewünschte Resultat nicht erreicht wurde. Und du hast deins gekriegt, nicht…? Strahlende Zukunft, sollst du gesagt haben, dass ich nicht lache!

Yui, Yui, Yui, ihr zwei seid miserable Eltern!

Miesmiesmiesmiesmies!

Ehrlich, ich will mich ja nicht in dein Familienleben einmischen, aber echt jetzt!

Nur mal so zu deiner Information: Dein „Ableben" scheint deinen lieben Gatten doch noch für die „Endlösung" begeistert zu haben, wenn du verstehst, was ich meine. Nein, nein, er hat sich diesen Opis da oben nicht angeschlossen, keine Sorge! Was auch immer er vorhat, es sieht bedeutend anders aus. Aber mit unserem uhrsprünglichem Plan hat es nur recht theoretische Ähnlichkeit, sobald ich das abschätzen kann. Er will ihn sozusagen nicht bis ganz zuende durchführen… Oh, und die alte Akagi hat in letzter Zeit ein richtig widerliches Grinsen im Gesicht. Vielleicht solltest du darüber nachdenken, die Scheidung einzureichen – Wenn Gendo-kun sie nicht zuerst einreicht.

Wirklich, du warst richtig eklig zu dem armem Spinner, weißt du das?

Ihn mit so einem kleinen Kind allein zu lassen…

Was du dir geleistet hast ist eine Sache, aber dass du ihm kein Sterbenswörtchen gesagt hast…"

Dr. Makinami schüttelte den Kopf. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie er sich über seinem Schreibtisch sein Hirn darüber zerbrütet hat, was du wohl von ihm willst und was du unter diesen Umständen tun würdest, aber wenn du ihm keine Anweisungen da lässt, ist irgendwie klar, dass er irgendwelchen Quatsch machen würde. Und wenn du dachtest, daser sich von Fuyutsuki-sensei zur Vernunft bringen lässt, hättest du blinder sein müssen, als du eh schon warst!

Aber nein, du dachtest, dass er von deinem heldenhaften Opfer inspiriert sein würde, und euer Projekt mit feurigem Eifer weiterführen würde, nicht?

Man kann es dir nicht verdenken, im bezug auf deinen eigenen Ehemann die berüchtigte rosarote Brille auf der Nase zu haben, selbst du bist gegen die Lieeebäääh wohl nicht ganz immun, aber was du hier überschätzt hast, ist dein eigener Einfluss, Yui-chan.

Du dachtest, dass du ihm den Weg gezeigt hättest, nicht, du warst dir sicher, dass er mittlerweile allein klar kommen würde, dass du sein kleines Herzchen mittlerweile komplett wieder zusammengeflickt hättest…

Süß, Yui, wirklich süß, aber so war es nicht… Hast du aus der Geschichte mit Kagura-chan denn nichts gelernt?"

Wenn diese Standpauke bis jetzt irgendwelche Ergebnisse gezeigt hatte, ließen die sich durch die Panzerung hindurch nicht erkennen – Dr. Makinami hoffte ja, dass unter diesen Panzerplatten eine ausreichende Menge Schamesröte zusammengekommen war, auch, wenn sie ahnte, dass sie da höchstwahrscheinlich vergebens hoffte.

Es war ihr egal.

„Du warst immer diejenige, die die „Magie" beherrscht hast, das „Vodoo" hast du ganz allein herbeibeschwört, und jetzt denkt er, er könnte es nur mit dir haben, was auch immer du ihm gezeigt hast, und ganz sicher nicht ohne dich…

Weißt du noch, wie Kagura-chan immer sagte, dass ihr euch nicht hättet fortpflanzen sollen? Sie stellte sich darunter wohl eher vor, dass eure Wonneproppen euch in Punkto Superhirnfaktor und Ambition noch überbieten und die Weltherrschaft an sich gerissen haben würden, bevor sie aus den Windeln raus sind…

Also, ich mache mir ja vielmehr Sorgen darum, was eine Kombination aus deiner Dickköpfigkeit und Gendo-kuns Komplexen anrichten könnte, insbesondere mit diesem Ding hier!"

Makinami machte eine ausladende Geste in Richtung des Evangelions.

„Strahlende Zukunft, das ich nicht lache… du denkst, dieser Job wird ein ein Privilleg sein? Das wird ein Krieg, Yui. Kriege sind nicht glorreich, guck doch mal in die jüngere Geschichte – Das letzten paar Male, wo wir Kriege mit Glanz und Gloria verwechselt haben, haben wir die ohnehin knappen Ressourcen nach dem Second Impact noch zusätzlich zerhackstückelt, und das vorletzte Mal, ein paar Atombomben in unserer Nachbarschaft…. Yui, Yui, Yui… Natürlich, natürlich, so hast du es nicht gesehen, du dachtest dir wahrscheinlich, dass du lieber dein eigenes Kind dafür hergibst, als das von irgendjemand anderen dafür herzunehmen, um Verantwortung für das Ding zu beweisen, das du gebaut hast. Du wolltest selbst diese ‚schwere Bürde' auf dich nehmen, auch, wenn du dich dafür von deiner heißgeliebten Familie trennen musst, und du denkst, das du deinem süßen Baby da drin wesentlich mehr nützt, wo du ihn vor den großen, bösen Engeln beschützen kannst und so weiter undso fort, et cetera, et cetera, alles sehr nobel…

Nur, dass du da etwas sehr wichtiges übersehen hast!

Weißt du, was? Ich will mich ja echt nicht in eure Kindererziehung einmischen, aber Gendo-kun und du, ihr müsst echt reden."

Sie deutete mit ihrem Zeigefinger unverfrohren auf den violetten Evangelion.

„Scheint, als wolle er alles selbst entscheiden und einfädeln, und euren Junior komplett im Dunkeln lassen. Wäre ich gemein veranlagt, könnte man sogar Manipulation dazu sagen…

Aber manche Sachen solltet ihr als Eltern auch selbst entscheiden. Und tu gar nicht erst so ahnungslos!"

Was genau an EVA 01 nun ahnungslos aussah, wusste wohl nur Dr. Makinami.

„Wirklich, Yui. ‚Möchtest du die Bevölkerung des Planeten in Orangensaft verwandeln' ist nichts, was du deinen Junior fragen solltest, bevor er volljährig ist. Ja, natürlich, du hoffst, dass er dir an allem nachstreben wird, und dasselbe wollen wird wie du, schließlich ist er dein Sohn… Außer, Yui, Kopfrechnen! Der Bengel wird mitten in der Pubertät sein, bis der Tag der Prophezeihung kommt… Welches Kind in dem Alter eifert seinen Eltern wirklich nach?

Du hast wohl keine Teenager mehr zu Gesicht gekriegt, seid deine Schwester zwanzig geworden ist! Natürlich wird der Bengel eine total lebensbejahende Einstellung haben, sicherlich, ich meine, soweit er das weiß, ist seine Alte tot und sein alter Herr ein hoffnungsloser Workaholic… Du hast alles arrangiert, klar, es sollte eigentlich alles perfekt laufen – ich versteh schon, du hast Vorkehrungen getroffen, also denkst du, das alles okay sein wird, und das du dieses „noble Opfer" getrost bringen kannst, damit alles in Ordnung kommt… aber das wird es nicht, weil du nicht dein wirst, kapisch?

Sagest du selbst nicht immer, dass die Rolle einer Ehefrau und Mutter in ihrer Wichtigkeit immer unterschätzt wird?

Und überhaupt! Yui, Yui, wie soll dein Junior eine reife, informierte Entscheidung treffen, wenn keiner von euch Heinis es für nötig hält, ihm irgendetwas zu sagen!"

Dr. Makinami nahm ihre Brille einzig und allein ab, um sich ungestört mit der Hand gepflegt durchs Gesicht zu fahren.

„Aber, was soll's, das ist, wie gesagt, eine Sache zwischen dir und Gendo-kun… ich sollte wohl nicht so weit den Mund aufmachen, wenn man bedenkt, das übermorgen mein eigenes Experiment ansteht… Es ist nicht so, als ob es dafür Ratgeber gäbe, „Verschwörungen und die Kindererziehung" oder, „Fünf wichtige Tips für Verschwörer-Eltern" …bei dem Gedanken an Clark alleine mit Mari läuft es mir jetzt schon kalt den Rücken runter, aber innerhin hatte ich die Zeit, Vorbereitungen zu treffen… die du auch gehabt hättest, wie ich gerne anmerken würde. Aber was habe ich für eine Wahl? Dieser Stein ist längst angestoßen, und wenn ich mich jetzt noch querstelle, werde ich am Ende bloß abgeknallt – gut möglich, dass Gendo-kun es sogar selbst macht, weil ich ja eine Freundin der Familie bin…"

Sie seufzte. „…In so einem Metall-Dingens bin ich wohl für alle Fraktionen nützlicher… Wenn ich ehrlich bin, bin ich ja sogar ein kleines bisschen neugiegig darauf… Trotzdem. Diesen Plan hast du geschmiedet und angestoßen, ohne uns zu fragen. Nicht mich, nicht Fuyutsuki-sensei, nicht Genko-kun, und gewiss nicht die arme Kyoko-san. Aber wenn man an dem Fall etwas gesehen hat, dann wohl, dass die Absorption für alle Beteiligten angenehmer wird wenn ich freiwillig loslasse… Irgendwie morbide… Diese Entscheidung hätte ich gern selbst getroffen."

Der violette Evangelion sah nicht besonders reuhmütig aus – langsam konnte sich selbst Makinami nicht mehr dem Gefühl entziehen, dass sie genau so gut Selbstgespräche führen könnte.

Sie ließ das Gestikulieren sein und steckte ihre Hände in die Taschen ihres weißen Kittels.

„…Jedenfalls… wirst du jetzt eine ganze Menge Zeit zum Nachdenken haben, von heute bis zum großen Tag, also wollte ich dir etwas sagen, nur so, damit du es einplanen kannst. Ich verfolge, was die „Verschwörer-Elternschaft" angeht, ein etwas anderes… uh, Erziehungsmodell als du…."

Dr. Makinami holte tief Luft – stünde ihre Freundin noch in ihrer ursprünglichen Hülle vor ihr, würde sie sich jetzt instinktiv auf ein Donnerwetter gefasst machen.

„Mari-chan weiß alles."

Sie hätte schwören können, dass die biomechanische Kampfmaschine sie anglotzte. Oder zumindest hoffte sie das. Wenn Yui sich nicht dazu bequemen wollte (was zugegebenermaßen verständlich war – Schließlich würden bei der kleinsten außerplanmäßigen Regung des gigantischen Cyborgs gleich alle Alarmglocken losschellen. ), musste Makinami die Reaktionen eben selst beisteuern. Sie kannte ihre alte Freundin gut genug, um abschätzen zu können, wie sie reagiert hätte, und dann zu ihrer höchst eigenen Belustigung das Gegenteil zu hoffen.

„Jedenfalls wird sie alles wissen. Ich habe ihr Aufzeichnungen hinterlassen, die sie laut Testament kriegen soll, sobald sie ungefähr alt genug ist, um sie zu verstehen – Oder zumindest um die Zeit herum, um die man sie vermutlich rekrutieren dürfte, wenn ich das alles richtig einschätze. Ich werde ihr alles hinterlassen, was ich habe, alles, was ich weiß, was ihr nützlich sein könnte. Was sie damit machen wird, kann ich dir auch nicht sagen – das überlasse ich Mari, weiter will ich mich da gar nicht einmischen…"

Auf ihren Lippen prangte ein um die Mundwinkel herum leicht herrausforderndes, aber auch eine gewisse, natürliche, aber doch tiefe Weisheit besitzendes Lächeln, nicht unähnlich dem ihrer Tochter.

„Wenn ich dir damit irgendwelche Striche durch deine Rechnungen gemacht haben sollte, tut es mir leid, aber was soll ich sagen… Du erziehst deinen Bengel, wie du es für richtig hälsts, und ich tue dasselbe für mein junges Fräullein… ich will, das sie bescheidweis. Denn wer nichts weiß, kann auch nichts verstehen.

Also dann, Yui-chan… Wir sehen uns dann am Tag der Prophezeihung… Halt die Ohren steif. Und noch viel Glück mit der Kindererziehung. Ich fürchte, du wirst es brauchen…"

Ein letztes, dünnes Lächeln wurde noch ausgetauscht, dann machte Makinami auf dem Absatz kehrt, und machte sich ohne weiteres auf dem Weg, um diesen Ort zum letzten Mal zu verlassen und den violetten Evangelion mitsamt der Seele, die dahin ruhte, für eine lange, lange Zeit in der Finsternis zurückzulassen.

Eine Südwand, eine großes Fenster mit vielen, weißen Zargen, Rechteckig, darüber Bogenförmig mit speichenartigen Zargen, von der Decke bis zum Boden – Lange, weiße Gardinen, und dahinter, endlose, weite Heidelandschaft unter der Sonne, silbriges Blassgrün marmoriert mit ausgedehnten Flecken von Violett, beinahe etwas unwirklich und psychedelisch anmutend, wenn man sich auf das ganze und die Farben konzentrierte, und nicht die einzelnen Pflänzchen und ihre komplexen kleinen Blüten – Das Land war flach, und die Sicht daher weit, bis hin zum Horizont, ein gewissermaßen malerisches Abbild, hie und da mit Kiefern oder Wacholdern garniert, deren Nadeln sich gut in das silbrige Blassgrün der allgemeinen Farbpalette einfanden.

Und vor dem Fenster, auf schweren, dunklen Holzdielen, zwei graue Häupter, die zu kaum unterschiedlicheren Männern gehört haben könnten.

Frühjahr 2014

Deutschland, Schleswig-Holstein, nahe der Ostseeküste

2. Privatresidenz des Vorsitzenden des Komitees zur Vollendung der Menschheit

Einer von ihnen, der Eigentümer dieser Behausung, war unglaublich alt, und hatte vermutlich schon mehr Zeit auf dieser Welt verbracht, als ihm im Uhrwerk des Schicksals zugestanden worden war – Die Linien der Zeit schnitten sich tief und klar begrenzt in sein Gesicht, klarer noch, wo Fleisch auf Metall und Plastik traf – sein Gefährte hingegen war gerade erst dabei, seine Blüte zu erreichen, und erst seid kurzem mit den Worten „junger Mann" würdig bezeichnet, frisch und neu wie der Morgen, und er würde es wohl immer bleiben.

Doch hätte man den Alten gefragt, wer von ihnen beiden die längere Zeit auf dieser Welt verweilt hatte, würde er auf das silberne Kind verweisen, hinter dessen papierdünner Marmorhaut die Seele eines lebenden Gottes strahlte und sein Licht durch die Ritzen und Kanten dieser unvollkommenen Gestalt hervorblitzten und ihn als etwas anderes markierte, wie die Hahnenfeder am Hut den verwandelten Teufel markierte, egal in welche Form er auch schlüpfen mochte, die ja so oder so doch nur ein zeitweiliger Behelf war, nicht anders, als die Hilfmittel, mit denen der Vorsitzende sein eigenes Fleisch konservierte, lange, nachdem er allen Fleisches entsagt hatte – Das war es doch, worran so viele Unternehmungen der Menschheit gescheitert waren, der Geist war willig, aber das Fleisch war schwach und besessen von urtierhafter Gier.

Doch genug, „Nicht mehr!" hatten die Götter verkündet, und Lorenz war hier um ihrern Willen auszuführen, als ihr Stellvertreter – Zu diesem Zweck diente auch jenes Geschöpf, das derzeit an seiner Seite weilte und seine hellen Finger auf den Fenstersims stützte – Er sah in erster Linie das Wesen, das Alien, und kam sich über jene erhaben vor, deren Erkennen an der jugendlichen Hülle seiner Kreatur aufhörte, doch im Nachhinein könnte man an dieser Überzeugung zweifeln – Wenn Lorenz jemals fähig gewesen wäre, das selbst zu erkennen, würde er nicht dieser Organisation und diesen Ideologien folgen, doch die Zieher späterer Schlussfolgerungen würden ihm in kommenden Zeiten unterstellen, dass er in dem Moment, in dem er den Jungen einfach abtat, etwas sehr wichtiges übersah, dass seinen Plänen einen sensiblen Strich durch seine Rechnungen machen könnte, und, wenn die Fortuna denn geneigt war, auch machen würde.

Doch das war in der Zukunft, wenn aus ihren Pfaden Bäume von Bedeutungen erwachsen waren, und alle ihrer Äste und Zweige blühten, jede Blume ein Leben, ein Schicksal dass von ihren Taten und Entscheidungen beeinflusst worden waren, jede Frucht eine bleibende Konsequenz, die die Blüte, aus der sie entsprungen war, noch lange überleben würde, und die Äste des Bäumes mit ihrem Gewicht biegend, prächtig dargeboten, damit die Bewohner der Zukunft sie ernsten können.

Jetzt war da nur die noch gänzlich grüne, saure Gegenwart ohne Blüte oder Frucht, nichts weite als ein uralter Mann und ein herranwachsender Junge, nicht älter als das neugeborene Jahrtausend, die vor einem großen Panoramafenster standen, und so verschieden, wie ihre irdischen Gestalten waren, war auch das, was sie jenseits dieser Glasscheibe sahen, und dessen Spiegelung auf ihren Zügen – Ernsthafte Strenge in der einen Ecke des Rings, ein entspanntes, offenes Lächeln in der anderen.

Hätte einer von beiden gefragt „Was siehst du?" hätte ein langes und von Gegensatzpolen geprägtes Gespräch zu stande kommen können, bei dem kein Baum nicht von beiden Seiten beleuchtet und keine Farbschattierung mit demselben Wort benannt worden wäre, und weil der Vorsitzende, so sehr er auch für Demut und Loslassen des Selbst einzustehen versuchte, ein nicht zu unterschätzendes, gründlich geleugnetes, nicht von Heuchelei befreites Faible für den Klang seiner eigenen Stimme hatte, tat er trotzdem genau das.

Tabris, dem diese Landschaft über die Jahre recht vertraut geworden war, vielleicht vertrauter als alle anderen, wenn man die Innenseite von Komplex Fünf nicht mitrechnet, kam überhaupt nicht der Gedanke, das Lorenz damit die Landschaft selbst in ihrer physischen Einfachheit meinen könnte – Alle möglichen Austausche, die sie über diese hätten haben können, hatten in der Vergangenheit stattgefunden, und er konnte sich trotz all seiner Bemühung, in Wahrnehmung, Verständnis und Kommunikation Achtung und Sorgfalt walten zu lassen, keines Vorwands erinnern, der eine erneute Diskussion dieses Themas begründen könnte – Auch würde es dem Keel Lorenz, den Tabris kannte, niemals einfallen, jenseits dieser Glasscheibe etwas zu vermuten, das seine Zeit Wert gewesen wäre – er stand nur hier, weil er das Kind, dass dem Unterschied in ihrem augenscheinlichen Alter zum Trotz passender als sein potenzieller Komplize beschrieben war als durch das Wort „Schützling", dass hier nicht mal in einem ironisch-pervertierten Verständnis angebracht wäre.

Die teilweise metaphorische Natur der Frage wurde also ohne Verzögerung erkannt – Auch, wenn ihre Philosophien sehr unterschiedliche Dinge sagten, sprachen sie immerhin rein auf die Ausdrucksweise bezogen auf derselben Wellenlänge, einfach, weil der Alte und seinesgleichen neben den Wissenschaftlern eine der Quellen waren, aus denen er seine Worte entnahm bevor er sie seinem eigenen Willen nach gruppierte, und die Wahrheit war, dass die Worte der Verschwörer, unabhängig davon, was sie damit sagten, seiner persönlichen Natur mehr zugesagt hatten, als diese der Wissenschaftler – Ein Verschwörer oder ein Kultist war er nicht, aber im Innersten war der silberne Junge mehr ein Philosoph, als das er ein Naturwissenschaftler war, auch, wenn er sich der Überschneidungen durchaus bewusst war und nicht die arroganz hatte, sie zu verkennen – Als ideelle Wissenschaft war zum Beispiel die Mathematik, so unintuitiv es einem Laien auch erscheinen mochte, am nächsten mit der Philosophie verwand – Gewiss, wenn er an diese Verbindungen dachte, dachte er an Miyazawa, aber letzlich glich er trotz seiner gewollten, bewussten, gewählten Beteiligung an seiner Umgebung in bestimmter Hinsicht doch den Weisen aus den Westen, an denen alles abperlte wie Regentropfen an Lotusblättern, und sie, mit allem, für das sie stand, war einer dieser Tropfen, die er nur nicht unverändert hinter sich ließ, wie es eigentlich seiner Natur entsprochen hatte, weil er das so gerne wollte, so wählte, und jederzeit anders wählen konnte, wenn es ihm anders belieben sollte, frei nach seinem Gütdünken.

Vom Wesen her war er als Engel des freien Willens in erster Linie frei, freiheitlich, dieses erste, kurze Wörtchen wurde der immergrünen Frische der Implikationen nicht ganz gerecht.

Die Engel hatten ihren Garten Eden nie verlassen, was hieß, dass sie einerseits immer noch starr dem Willen der Schöpfer unterlagen, aber auch, dass ihnen die Frucht des Lebens Abhilfe für viele Zerbrechlichkeiten und Unzulänglichkeiten des Lebens bot. Doch er allein war nicht einmal davon noch gebunden, er allein konnte sich entscheiden, ob er dem Ruf seiner Natur folgen sollte oder nicht, ihm allein oblag es sozusagen zu entscheiden, ob die Existenz der Engels rechtens war oder nicht – In dieser Hinsicht war er für die Engel, was der Auserwählte für die Menschen sein würde, wenn es vorher keinem von ihnen gelingen würde, die Krone der Schöpfung an sich zu reißen, eine weitere Faser in dem roten Faden, der ihre Pfade unweigerlich zusammenband.

Der, der ihn in die Gefilde menschlicher Verletzlichkeit, Betroffenheit und Sterblichkeit hinabziehen würde, musste erst noch kommen –

(Lange nach deinem Tod spürte ich noch, wie deine Gedanken in die meinen hineinschwemmt wurden; Lange, bevor wir uns trafen, hatten wir dieselben Träume.)

Bis dahin aber stand ihm im Wesentlichen frei zu tun, was ihm beliebte – Er hätte jederzeit aus SEELEs Einrichtungen hinauslaufen und ihnen kein weiteres Fünkchen Beachtung zollen können, wenn ihm denn danach gewesen wäre. Bis dahin blieb er, wie sich der Philosoph Epikur die Götter vorgestellt hatte (Denn es waren beim gegenwärtigen Stand der Wissenschaft erst seine Schüler, die ihnen ganz entsagten, und das berühmte Zitat verfassten) unberührt und freudvoll, höchstens zur persönlichen Belustigung mit den Menschen verkehrend aber nur sehr begrenzt an ihren Bitten und Leiden interessiert – Das, zumindest, war die Idee, die Keel Lorenz von ihm hatte, als er den hellen, leichten Klang seiner Antwort vernahm, die für ihn nur mit Naivität gleichzusetzen sein könnte: „…Die Welt."

Tabris hatte sie eine ganze Weile bedacht, doch Lorenz erschien sie dennoch unendlich simpel – Doch hatte er sich an diese Facette des Engelskindes schon weit genug gewöhnt, um sie ein stückweit als ergründet, verstanden und aFundament seiner Überlegenheit einzuordnen, so das seine folgenden Worte, eine hohnvolle Widerholung, nicht verbarg, dass er sich hier als besser wissend empfand, ohne, dass er genug Leidenschaft bessen hätte, um diesen Fakt insbesondere durchzudrücken: „Die Welt also?"

Er war sich seiner Sache sicher. „Es einfach nur „Welt" zu nennen, zeugt vom Mangel an einen besseren Wort – Würden wir das Universum meinen oder die Galaxie, oder eine andere Welt, Mars oder Venus, wären unsere Worte präziser, aber ausgerechnet an unserer eigenen Existenz stocken uns die Worte…"

„Wie würden Sie es denn Vorschlagen, es zu nennen, Herr Vorsitzender?" fragte der Junge, hell und klar, als ob er sich die Antwort, oder zumindest deren ungefähre Geschmacksrichtung nicht selber denken könnten. Lorenz war sich sicher, das er es konnte, und dieses Wissen setzte denn an sich offen, wenn nich naiv gesprochenen Worten einen fast schon prickelnd-provokanten Beigeschmack zu, gleich irgendeinem komplexen kleinen Teils eines Weinbouquets, oder einer herausgeschmeckten Zutat in einem Cocktail.

„Einen Pfuhl." Erwiderte der Vorsitzende, die Vielfalt an Bedeutung und Interpretation in der strahlenden Stimme des Jungen bewusst totschlagend. Die ungesagte, aber durch die Nötigkeit des eigenen Hinzufügens umso mehr unterstrichene Implikation war natürlich das Präfix „Sünden-" zu „Pfuhl", auch, wenn, zumindest nach Lorenz' Meinung, kaum eine Notwendigkeit bestand, dies vor Tabris noch gesondert auszusprechen – Der hatte es schließlich am Besten zu Wissen.

Doch ganz unabhängig davon, was er sollte oder nicht sollte, fragte er, unbeschwert, wie auf Trampolinen gehend: „…Mögen Sie die anderen Lillim nicht?"

Eine Frage, die der silberne Jüngling bisweilen widerholte.

SEELE 01 hätte das beinahe belustigend gefunden, wenn Belustigung im Katalog seiner Reaktionen denn vorgelegen hätte.

„Hast du sie dir denn einmal angesehen, Tabris?"

Wäre das Lachen nicht etwas, dass der alte Führer von Seele grundsätzlich nicht tat, hätte es die Ironie dessen, was dieser junge, silberhaarige Gott eben gesagt hatte, dies bewerkstelligt, und wenn nichts anderes jemals genügt hätte.

„Ich werde nicht müde davon, sie zu betrachten, Herr Vorsitzender."

„Das ist, weil du nichts von ihnen weißt, Tabris, weil sie dir so fremd sind, wie die Versuchung dem Heiland… Es ist verstänndlich, dass du ein Faszinonsum daran findest, wie ein Schriftsteller am Mord, aber wer Mensch ist, Menschen sieht, der braucht nicht lange, um sie als zerstörerische, absurde Kreaturen zu entlarven…

Das wir Menschen uns selbst im Spiegel als die Scheusale erkennen können, die wir sind, ist vielleicht unser größter Fluch…"

„Aber wäre es nicht um diesen Fluch…" formte der Engel sein kühnes, abwägend-herausfordernds verbales Engarde „…könntet ihr dann einen Plan, ein Projekt aufstellen, um euren Beschränkungen zu entfliehen?"

Der Bengel war gut, der Bengel war wirklich gut.

Wäre er der Mensch, dessen Äußeres er schlecht immitierte, würde Lorenz anmerken, dass die Hölle zweifellos für jene geschaffen worden war, die solche Fragen stellten, aber da er sich sehr wohl darüber bewusst war, mit was er da sprach, fehlte ihm hierzu die Autorität.

Dennoch sah er hierrin nichtetwa den Gegenbeweis zu seinen Thesen, sondern eine Prüfung.

„Tabris, Tabris… Um auf deine Frage zurückzukommen, und auch auf die, die du gestellt hast, als du das erste Mal hier ankamst… Du fragtest mich, weshalb diese Residenz hier außen liegt, und nicht in den eleden Bienenstöcken, in denen sich die anderen Menschen versammeln… Die Wahrheit ist, dass ich es leid bin, sie zu sehen… und warum sollte ich es auch?

Gier beherrscht sie, und Selbstsucht, ihr einziger Inhalt ist es, zu fressen, zu saufen, und sich zu paaren alles andere bewusst ignorierend oder nur zu Extensionen ihres Egos zu erklären. Das Ego, der einzelne und die Fixation damit, sind doch der wahre Ursprung aller Laster, aller Sünde, und aller Gier, diese kranke Verliebtheit in etwas so vergängliches, so unstetiges wie das selbst ist doch der wahre Grund für alle Ungerechtigkeit, der Stolz das Schafott aller Zivilisationen! Wenn wir stolz sind, wenn es uns daran liegt, unseren eigenen Geschmack in die Melodien zu weben, dann kann das Schicksal nicht auf und spielen wie auf guten Instrumenten, und wir bringen das höhere, das transzendete, der Anteil der Melodie, die auf Orgel, Klavier und Geige doch noch gleich klingt, und auch auf den Instrumenten von Verganheit und Zukunft ununterscheidbar sein würde, nicht richtig zum Ausdruck, weil unsere Selbstverliebtheit in den eigenen Klang, unseren Unwille, die Geschichte, die wir erzählen wollen, für sich allein stehen zu lassen, sie im Keim erstickt – Ein Lied mit einem Namen darin kann nur von einer einzigen Person gesungen werden und nicht über sie hinaus bestehen bleiben, und was nicht bestehen bleiben kann, hat von Anfang an keinen Sinn gehabt…

Die Zukunft, die Hoffnung für die Menschheit kann also nur in der Gnadenlosen Ausmerzung dieses „selbst" bestehen, der Zermahlung allen Stolzes, jenes Geschenk des Luzifer, in dem der Mensch sich seiner Armseligkeit bewusst wird, Buße tut, und allen eigenen Wünschen und Begierden entsagt, sodass er den göttlichen Willen empfangen und ein Teil des großen und ganzen werden kann, nachdem er alle 108 Versuchungen erkannt hat, die ihm vom Nirvana fernhalten, und einsieht, dass das Leben Leiden ist, und das Leiden nur im Ende des Lebens gefunden werden kann – es gibt wahrlich wenig erbärmlicheres als das menschliche Leben…

Da sind ja selbst die primitiven Wesen vorzuziehen, die diese hirnlosen Ochsen als Tiere und Pflanzen abtun… so beschränkt, wie ihre Existenzen auch sein müssen – und selbst das sicherlich wesentlich weniger, als die meisten dieser Einfaltspinsel es wahrhaben wollen – wenigstens existieren sie noch so, wie sie existieren sollten, wie es in ihrer Natur ist, zu existieren, ganz so, wie es die Schöpfer für sie festgelegt haben, alle gleich, alle den selben Instinkten folgend, alle sich in den selben Reigen der Evolution einreihend…

Menschen sind da anders, Menschen sind verliebt in ihren eigenen Stolz, hypnotisiert pflücken sie die Blumen am Abgrund, und wundern sich, wenn sie den Abhang hinunterpurzeln wie die Lemminge!

Sie sind unverfrohren und ohne Demut, und Ikari Gendo, dass ist der Schlimmste von allen, der kühnste und achtloseste! Die Blume am Abgrund!"

Tabris hatte den Respekt, den bitteren alten Mann aussprechen zu lassen, auch, weil der Name dieses einen Mannes gefallen war, der in gewissem Maße sein höchst eigenes, dunkles Gegenstück war – Das er fähig war, sein brennendes Interesse zu zügeln, hieß nicht, dass er nicht jeden Tropfen von Information dankbar aufsog – Die Blume am Abgrund?

Was er davon hielt, würde er erstmal nach gründlichem Nachdenken herausarbeiten müssen, und vielleicht würde er es Lorenz, Miyazawa oder einer anderen zum Zuhören geneigten Seele eines Tages vortragen, vielleicht der einen, nach der er solange gesucht hatte, aber im Moment hatte er eine andere, nicht minder treffende Antwort parat, die er ausprobiert haben wollte.

„Haben Sie es denn nie versucht?"

„Was meinst du, Tabris?"

„Dieses Leben, meine ich. Das Leben der Lillim, das Leben in dieser Welt… Sie wurden doch mit sicherheit in diese Verschwörung hineingeboren, nicht? Wie sonst hätten sie in diesen Kreisen, die die Starrheit verehren, zum Vorsitzenden aufsteigen? Haben sie es denn niemals versucht…?"

Der Unterschied zwischen Ikari und Lorenz, zumindest einer der Unterschiede war, das ersterer sich noch zum dünnsten aller Lächeln hinreißen lassen würde, und letzerer nicht. Er verblieb durch und durch streng, als er seine Antwort verfasste.

„Es stimmt, dass ich in diese Kreise hineingeboren wurde… aber in meiner Jugend hielt ich zugegebenermaßen wenig von ihnen…"

„Dass Sie fähig sind, die Fehler ihrer Jugend zu erkennen, bedeutet doch nur, dass Sie sich seither wiedererkannt und doch von dortaus weiterentwickelt haben…"

Lorenz konnte das nur so und so weit leugnen, also machte er genau dort weiter: „Ich lebe nun schon eine lange, lange Zeit, und habe in dieser Zeit vieles gesehen, Tabris… Genug, um die Sinnlosigkeit dieser Existenz zu erkennen… Wie gesagt, es stimmt, das ich in diese Welt hineingeboren wurde, aber zunächst konnte ich recht wenig damit angefanden – Es war recht schwamming für mein damals junges Hirn, und so beschloss ich in meiner jugendlichen Dummheit, die Welt wie sie war zu prüfen, und die Warnungen der Rollen zu ignorieren… Ich trieb mich herum mit essen, schlafen und sich paaren, sogar eine ganze Zeit lang… - Einen erheblichen Teil meines Reichtum, so sinnleer der Gebrauch dieses Wortes dir in dieser Hinsicht erscheinen muss, habe ich geerbt, und einen großen Teil davon investierte ich in dies sogenannte „Leben"; aber nicht einen Moment lang konnte ich leugnen, dass mir zwischen Huren und spekulativem Gewerbe etwas fehlte… Die Wahrheit, die eine Wahrheit hinter aller Wahrheit. Und wie es mir von weiseren, älteren Seelen vorgezeichnet wurde, kehrte ich letzlich zurück zur Wurzel meines Ursprungs und fügte mich den alten Prophezeihungen, ganz so, als hätte es nie einen anderen Weg gegeben. Ein kurzer Irrweg ließ mich erkennen, dass sie richtig lagen.

Unterlagst ausgerechnet du der Täuschung, ich wüsste nicht, wovon ich rede? Oh nein, ich habe diese Welt gesehen, bis in die untersten Ritzen jener vergorenen Bienenstöcke, die sie ihre Städte nennen, und ich bin müde geworden, sie zu sehen – Hoffe, dass du nicht lange genug in diesem Pfuhl zubringen musst, um selbst dieses Anblicks zu ermüden."

Ermüdung war seiner nicht würdig, die Andeutung der Möglichkeit eine pedantisch verpackte Herrausforderung, sein Eingehen auf diese ein Spalt von einem Grinsen, hinter dem das Weiß seiner Zähne hindurchlukte wie das Silber des Mondlichts zwischen den ältlichen Brettern einer Holzhütte auf dem Felde.

„Mit jedem Gespinnst, das wir für neues Wissen halten, entfernen wir und weiter von dem Urzustand unserer Natur, klammern uns gerade an die zerbrechliche Erkenntnis, wegen derer wir aus dem Paradies vertrieben wurden, und entfernen und weiter und weiter davon, in dummer Arroganz glaubend, dass wir uns die Gunst der Schöpfer selbst ersetzen können, wo wir doch immer noch die selben Affen sind, die in ewigen Kreisen herrumrennen, ohne das Geringste zu lernen… Ja, oft grasen sie noch dieselben Irrwege ab, nach dem sie sich ihrer Irrsinnigkeit bewusst werden, und machen die Erkennis, die wir uns da töricht vom Baum gepflückt haben, mehr zu einem Fluch als zu einer Gabe…

Sodom und Ghomorra!

Der Tod ist ein Geschenk, dass sie nicht verdienen!"

Der Lauf in Kreisen – Tabris verstand, was er meinte, so viel hatte er über die Menschen bis jetzt so gelernt.

Seine Augen verengten sich leicht, und während er an diesem Gedanken kaute, wich sein helles Lächeln einem Ausdruck mit einer eher nachdenklich-melancholischen Note, aber auf eine entfernte Art und Weise, wie jemand, der über traurige Musik oder unglückliche Vorkommnisse in grauer Vergangenheit sinierte, ohne betroffen zu sein, in seiner ewigen Leichtigkeit nicht beschwert von persönlichem Schmerz.

Das die menschen ihre Gegensätze und Absurditäten hatten, dessen war er sich voll bewusst – Für ihn war es sozusagen Teil des Verkaufspreises, etwas, dass er abstrahieren konnte, der Unterschied zwischem einem Theaterstück, dass ihn negative Dinge wie Frustration oder Trauer fühlen ließ, und einem das schlecht war, und viele gute Stücke waren Tragödien;

Die Menschen lebten es. Er spürte es nicht, aber er hatte dafür Verständnis, und für jemanden, der Einsicht, Verstehen und Begreifen im philosophischen sinne so hoch wertete, Akut fühlte, war das nichts, was seinen Blick trüben würde, er verstand die Mängel und hatte Mitgefühl – Doch ob die Menschen tatsächlich unfähig waren, vorranzuschreiten, das wollte er erst mit seinen eigenen Augen bestätigen.

Vielleicht war das auch eines der Gründe, weshalb es ihn letzlich zu einem insbesondere absurden, verzweifelten, einsamen Menschen hinziehen würde, zu jemanden, dessen Kreisbahnen schmerzhaft offensichtlich waren – Wenn er urteilen sollte, dass selbst er mit dem Leben eher gesegnet als verflucht, und der Zukunft eher beraubt als von ihr erlöst sein würde, wenn Tabris' Antwort auf die finale Frage, die sie sich letzlich alle stellen würden müssen, sie alle, die sich um die Krone dieses Planeten rissen, „Ja" und nicht „Nein" lauten würde, dann würde er davon ausgehen können, dass man das auch für die immense Mehrheit seiner jetzigen Bewohner sagen können würde –

Was er aber tun würde oder sollte, wenn er zu diesem Ergebnis gelangen sollte, hätte ihm zu diesem Zeitpunkt nicht in den Sinn kommen können – Es waren experimentelle, entfernte Gedanken, theoretische Überlergungen, wie man sie nur in der, wenn auch vorfreudigen Betrachtung einer Sache haben konnte, die man selbst noch nicht erlebt hatte, viel blumiger und komplizierter, als es war, und doch nur ein trüber, selbstverliebter Abklatsch einer wesentlich grundlegenderen, realreren Sache – Die Art von Ausdrucksweise und Idee, die er gebraucht hatte, bevor er das spätere Objekt seiner Faszination wirklich von Angesicht zu Angesicht begegnet war.

(Mit ein wenig Erfahrung konnte man bei Kunstwerken lernen zu unterscheiden, ob sie von jemandem stammten, der wirklich geliebt hatte, wie man jemanden, der wirklich eine Mutter geworden war (Davor waren Beschreibungen des Muttertums eher allgemein und archetypenhaft, danach wohnte den Worten eine Wärme, ein Sanftmut und ein Unterton inne, der in allen Zungen der Welt eindeutig zu erkennen war), oder jemandem, der wirklich am Rande des Freitods gestanden hatte (Wer nie so tief in den Sumpf der Verzweiflung gesunken war, stellte sich Abschiedsbriefe voll mit hohlen, ausladenden Platitüden über die Existenz vor, und Hass auf die Welt, tatsächlich fand sich bei den wahrhaft Unglückseligen eher eine Simplifizierung der Weltsicht, die Konzentration auf kleine Dinge, weil man die Großen nicht mehr ertrug, Dinge wie, „Liebling vergiss nicht, den Hund zu füttern" und auch eine Wahrnehmung des selbst als getrennt von der Welt, als Fremdkörper, der nicht hinzufasste – Die Wenigsten hielten sich für zu gut für diese Welt, eher das Gegenteil) mit der Liebe war es das Gleiche – Böse Zungen könnten ansetzen, das der Narr die Schönheit in ihr ausmahlte, und der durch Erfahrung beschwerte die Hässlichkeit betont, aber man könnte es, poetisch, mit dem subtilen Unterschied zwischen dem gängigen, bonbon-süßen Erdbeeraroma und dem spezfischeren, markanteren Geruch von echten Erdbeeren, zwischen Bonbonrosa und Klatschrot, oder nüchterner, anmerken dass de Werke von Singles den Protagonisten eher zwischen vielen Damen im Zweispalt hatten, während sich der Autor die vielen Möglichkeiten mit jedem potentiellen Ziel ausmalte, oder die allgemeinen Seite des gewünschten Geschlechts aufzählte, während jemand, der bereits einen Partner besaß, den Protagonisten tendentiell eher auf eine Person fokussiert sein ließ, statt dem neuen, verborgenen die allmähle Öffnung und Vertiefung von Vertrauen thematisieren würde.

In diesem Beispiel war es etwas Ähnliches…

Tabris, der Engel des Freien Willens – Aber auch der Engel des Verrats.)

SELBES JAHR

KÜSTE DES TOTEN MEERES

NERV AUSSENSTELLE 04 – GOLGHATA BASE

KRYPTA DES ALTBAUS

Das vielleicht characteristischtiste an diesem Ort war vielleicht dieses stetige Geräusch von Tropfen im Hintergrund, Plopp, Plopp, Tröpfchen, Tröpfchen, zu langsam und gemächlich, um etwas mit einem Nieselregen gemeinsam zu haben, eher verwand mit einem leckenden Wasserhahn, oder mehr einem ganzen Wald aus diesen, es waren durchaus bisweilen mehrere auf einmal zu hören, von Zeit zu Zeit, zu Zeit…

Vielleicht war ja gerade der Wald eine der treffends möglichsten Analogien, die es zu finden gab, ein Wald, aber ein Wald nach einem Sturm, der die Regentropfen, die er wärend des Sturms selbst von jenen ferngehalten hatte, die unter dem Blätterdach dahinspaziert sein könnten oder auch nicht nun langsam wieder abgab, Blatt für Blatt, Tropfen für Tropfen, herrab aus dem erfrischten Grün, noch aller Substanz in diesem Ökosystem anhaftend; Nur, dass die Pflanzen in diesem Tropf-Wald scheinbar niemals ganz zu trocknen schienen… oder, ohne die Metapher so weit zu treiben reichte es zu sagen, dass sich an Häufigkeit und Menge jener Tropflaute nie wirklich etwas zu ändern schien. Nur wenigen der ohnehin nicht sehr zahlreichen Angestellten dieses hochgradig mechanisierten Stützpunktes war es erlaubt, tief genug in die Eingeweide dieser Basis vorzudringen, die an sich in eine tiefe Schlucht hinein oder vielmehr and deren gegenüberliegenden Wänden heran gebaut worden war, um dieses Phänomen gelegentlich mitzubekommen und über dessen Ursprung zu tuscheln, aber hier, nahe am Grund der tiefen, aber relativ schmalen (Das hieß, trotzdem die Dimensionen mehrerer Fabrikhallen überbietenenden) Erdspalte, von deren oberes Ende man selbst ohne die ganzen Bauten hier unten kein noch so winziger Lichtstrahl bis nach hier unten vorgedrungen wäre, wurden die ploppenden Laute sich spaltender Flüssigkeitstropfen zu einem ständigen, entnervenden Begleiter, der an Kontzentration und Behagen ständig nagte, einen bei der sonstigen Stille hier im wieder wie aus dem Nichts zusammenfahren lassen konnte.

Es war aufreibend, aber dem wohl einzigen Wissenschaftler, der sich derzeit hier unten herumtrieb, war das Unbehagen dann doch deutlich lieber, als die Implikationen, die es haben würde, sich jemals an diesen Ort zu gewöhnen – Es war hier nicht wirklich das Gefilde von Menschen, hier unten fand zwar stetige Arbeit statt, die meiste aber von Robotern, die auch von Robotern gewartet wurden – Verirrte sich ein Wissenschaftler hierher, musste er sich entweder Jacke und Handschuhe anziehen oder im vorraus die Umweltkontrollen einschalten, sie pauschal anzulassen, hatte sich als nicht besonders effektiv erwiesen – Betreten wurde dieser Ort ohnehin nur von den sehr, sehr wenigen, die dazu befugt waren, seine letzten Geheimnisse zu kennen, und hier etwas kontrollieren oder einschalten wollten, das besonders kundiger und vor allem sorgsam auserlesener Augen bedurften, welche die Geheimnisse dahinter halten würden – Die Anlagen hier unten hatten alle ihre Funktion, die meisten davon höchst signifikant, aber sie waren auch nicht immer alle in Betrieb – Die Einrichtung, die der einsame Wissenschaftler soeben betreten hatte hatte zum Beispiel schon eine ganze Weile still gelegen und war erst vor kurzem zum ersten Mal in Jahren wieder beleuchtet wurden, ähnlich wie jetzt nicht durch das explizite Drücken eines Lichtschalters, sondern durch einen automatischen Sensor, der die Aktivierung schummriger, roter, indirekter Lichter verursachte, sobald der ältliche Wissenschaftler und sein lichtes Haupthaar die ersten Schritte in den Raum hinein gemacht hatten.

Diese Anlage war eine Kopie einer ähnlichen Experimentenanordnung, die derzeit im Hauptquartier im Terminal Dogma stand – Größer, moderner, in viel weiterem Maßstab angelegt, aber seid Jahren still gelegt, während die analoge Konstruktion im Hauptquartier noch sehr regelmäßig Verwendung fand – Diese hier hatte ihre ursprüngliche Funktion schon vor Jahren erfüllt, und nun sollte sie, sowahr die Sterne günsting standen, eine ganz andere erfüllen.

Statt eines komplizierten Musters zeigte der Boden dieses zyllindrischen Raumes zur Mitte hin dichter werdende, beleuchtete konzentrische Kreise, und die Schläuche, die von der oberen Spitze der das Zentrum des Raumes ausmachenden, durchsichtigen Röhre aus machten, verzweigten sich nach oben hin zu einem unüberschaubaren Nest aus verstrebungen, Kabeln und Schläuchen, deren Weg weiter nach oben führte, Dinge hinunterbringend, die hier unten gebraucht wurden, und Dinge heraufführend, die sie hier gefertigt hatten, hauptsächlich die Daten, die der Wissenschaftler sich auf der Aufzugsfahrt hierher auf einem portablen Gerät besehen hatte.

Wie man daraus entnehmen konnte, war die Aufzeichnung dieser Daten und somit das Experiment, dass hier statt gefunden hatte, längst beendet, und die Anwesenheit des Wissenschaftlers erklärte sich darin, dass er hier war, um das zu holen, das Gegenstand der Experimente gewesen war – Dennoch, er hatte sich nicht in Erwartung des Endes hierher begeben, sondern hatte sich erst aufgemacht, als ihm von einem jener praktischen Piepsegeräte signalisiert hatte, dass die Daten eben „Im Kasten" waren, was bedeutete, das zwischen dem Ende des Experimentes uns seiner Ankunft hier eine gute Viertelstunde vergangen sein könnte – Es war eine lange, lange Aufzugsfahrt hier herunter, und das Ergebnis war schwer zu übersehen: Die Röhre war bereits teilweise hochgefahren, das LCL über den Boden verströmt, ein ordentlich abgelegtes Häufchen Kleidung war augenscheinlich spurlos mitgenommen wurden, mit der Ausnahme eines Paars Schuhe, und der aus diesen noch heraushängenden Socken.

12. Datensammlungssitzung für Projekt-Master-Unternehmung X4-0204, später reklassifiziert als experimentelle Vorläufer des Dummyplugsystems 2. Generation.

Subjekt: Code „Tabris"

Experimenteur: Kuze Testsuo

Zeit: 0:16 Stunden nach Ende der Datenaufzeichnungen

Tja. Es war nicht ganz ohne Grund, dass eine später als Asahina, zu dieser Zeit aber noch als Ueda bekannte Person Kuze bisweilen der Nachlässigkeit bezichtigte – das wirklich „Schöne" an dieser Angelegenheit war, das Kuze ja immer selbst zur Vorsicht mit diesem Geschöpf aufrief, die er für gewöhnlich auch walten ließ – Die ernüchternde Wahrheit, die er bei dem Anblick der verlasenen Apparatur direkt als Erst- oder Zweitreaktion zu Tage trat, ohne dass er viel Zeit mit Reaktionen des Schocks oder dergleichen verbracht hatte, am ehesten noch ein Seufzer über eine altbekannte, vertraute Quelle der Frustration, in gewissen tonlichen Details scharf davon getrannt, aber für den ungeübten Betrachter, der den kahlen Wissenschaftler nicht kannte, rein akustisch nicht viel anders als die Sorte von Seufzer, die dem Ärger über seine Frau oder irgendeinen Streich seiner Kinder folgen könnte – Für ein höheres Niveau von Frustration hatte er, ob es ihm nun gefiel oder nicht, schon all zu viel Gewöhnung an das „Überleben" von Dingen wie Miyazawa und Subjekt 23.

Das er selbst jeglichen Grund zur Eile komplett verpennt hatte, einfach hierher… geschlendert war nicht das richtige Wort, weil Kuze generell nicht schlenderte oder trödelte, aber die Möglichkeit, dass das Subjekt fliehen und sie alle töten könnten, war in seinem Kopf einfach nicht präsent gewesen – Nicht, dass er jetzt wirklich glauben würde, dass das als Tabris bezeichnete Wesen in irgendeiner Form geflüchtet sein könnte (Er hatte einen gesunden selbsterhaltungstrieb, nicht Paranoia) – Seiner Erfahrung nach würde dieser Lausebube mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwo ganz in der Nähe sein, und hatte sich zu keinem anderen Zweck entfernt, um seine persönliche Neugier zu sättigen , sich zur Bekämpfung seiner Langeweile etwas die Beine zu vertreten, und sie alle mit ihrer Unfähigkeit zu mockieren, ihn daran zu hindern – Kuze sah schon die ein wenig zu perfekte Unschuldsmiene des sprichwörtlichen Engels vor sich, dieser Satansbraten!

Nicht, dass Kuze auch nur für einen Moment lang aufgehört hätte, den Fakt, dass er doch tatsächlich erwartet hatte, ihn hier anzutreffen, als gefährliches Zeichen dafür zu sehen, dass dieses Wesen mittlerweile begonnen hatte, selbst ihn in ein falsches Gefühl der Sicherheit zu lullen, gerade jetzt, wo sich die Zeit der Auslöschung näherte, und der Bengel also irgendwann in näherer Zeit seinen Plan zur feindlichen Übernahme des Planetens ausrollen müssen sollte – Aber die „Bedrohung" (-für die armen Reste der Würde, von der er sich schon vor langer Zeit verabschiedet hatte-) die davon ausging, dass er am Ender der ganzen Geschichte irgendwie die Schuhe dieses Engel-Kindes für ihn herumtrug, um sie ihm zu reichen, war recht anderer Natur.

Aber persönlich war es nicht – Anders als Miyazawa, die da keinen Grund sah, eine Grenze zu ziehen, und der vormaligen Direktorin, die es nicht völlig verhüten konnte, von Teilen ihrer Arbeit auch privat beeinflusst zu werden, war Kuze die Sorte, die sein Privatleben sei sich behielt, und seine Arbeit auf seinem Schreibtisch liegen ließ, genau so wenig einen Widerspruch zwischen Menschenexperimenteur und Familienvater findend, wie manche Leute keinen nennenswerten Konflik zwischen Religion und dem Leisten von nennenswerten Errungenschaften in der Physik fanden.

Der Raum, in der die Röhre stand, war größtenteils abgeschlossen mit soliden Wänden und mehr, doch es gab einen der dunklen Korridore, der jenseits dicker Mauern einfach in die zu den untersten Level dieser Anlagen umfunktionierte Schlucht hineinfühten, weitergeführt von einem schlichten Steg, der zugegebenermaßen die Breite eines guten Bürgersteings inklusive Fahrradweg hatte, und von zwei hineingekerbten Linien in drei Teile geteilt war –

Es war eine glatte, leicht glänzende Oberfläche mit einem wie mamoriert anmutendem Muster aus grün und violett mit spuren von Grau dazwischen, wie ein polierter Alexandrit im Spiel verschiedenen Lichts, die sich in einem glimmenden Schein, von dem Kuze nicht ganz klar war, woher er eigentlich kam in die Finsternis der Schlucht erstreckte – Weit konnte der Boden nicht mehr sein, dass hier war das tiefste Level, aber davon, das es bis zu dem steinernen Grund noch weit genug herunter ging, damit ein Mensch in seinen Tod fallen könnte, konnte man ruhig ausgehen.

Hier war das Tropfgeräusch nicht mal durch die Wälle der entfernt Zwiebel- oder eher Physalisförmigen Wälle der vorherigen Testkammer abgeschirmt, deren dunkle, wie ein knospender Pilz an einem Baumstamm an der Felswand wurzelnde Form soeben hinter sich gelassen hatte – Aus der „Spitze" wuchsen Kabel heraus wie Sprosse aus einer Blumenzwiebel in Frühling, hoch hinaus, als wollten sie ans Licht wuchern.

Umso deutlicher konnte man jeden eigenen Tropfen hören, und mach einer könnte der Illusion erliegen, dass die Geräusche den eigenen Atemzügen oder Herzschlägen auf irgendeine bizarre Art und Weise folgten.

Wenn man diesen Steg entlanglief, konnte man nach oben oder zu den Seiten vereinzelt kleinere, glimmende Lichtquellen ausmachen, die ihre Umgebungen nur schmenhaft erleuchteten, aber das war Kuze nur recht, so lange die Beleuchtung noch ausreichte, damit er ausmachen konnte, wo er hin trat – Er wusste besser als viele anderen, was hier so alles hing, und er zog es vor, das alles nur schemenhaft zu sehen, während er daran vorbeiging.

In säulenhaften Gefäßen „abgepackt" oder nackt wie sie waren von fließbandartigen Strukturen herabhängend, teils im" Umbau" zu Dummyplug-Prototypen befindlich, fand sich hier nacktes, junges Fleisch als Fabrikware, die menschliche Form in ihrer grundlegensten Erscheinung, meistens weiblich, je weiter man nach unten kam, gelegentlich auch männlich, nichts anderes als Ersatzteile und Baumaterialien, die hier teils mit mechanischen Garnierungen darauf vorbereitet wurden, allerlei nützliche Aufgaben wahrzunehmen.

Die allein wären schon ein Skandal gewesen, aber sie waren, ganz hier unten noch nicht einmal die Haupattraktion:

Zwischendrin verliefen, teils recht nah an Kuzes Steg vorbeikommend, eine Vielzahl von Kabeln und Schläuchen, von denen nicht alle zu irgendwelchen Komplexen oder Installationen zu gehen schienen, viele von ihnen, dunkel und teils mit Bezeichnungen versehen, die man bei dieser Beleuchtungsituation zwar nicht ablesen, aber mit dem Lichtkegel einer einzigen Taschenlampe dazu hätte bringen können, einem alles zu verraten, was sie zu sagen hatten.

In der Dunkelheit ließ sich nur schemenhaft ausmachen, wohin die Röhren führten, obgleich diese Ziele von dem Steg gar nicht so weit weg lagen – Von Kuzes standpunkt aus waren sie nur als Schatten von riesenhaften Schultern auszumachen, zu denen weißgott noch ganze Körper dazugehhört haben könnten, rechts, ein grünliches graubraun mit einem Alpha beschschriftet, links, etwas weiter vorne liegend, mittelgrün mit einem Beta, beides im Geheimen von SEELE erbaut, für spezielle Zwecke, die sie lieber für sich behalten wollten, und zum Einsatz mit den anderen, wichtigen Technologien konzipiert, an deren Vorrantreibung hier gearbeitet wurde, doch im Wesentlichen nicht wirklich speziell oder viel anders als die gängigen Production-Modelle wie EVA 02, außer vielleicht in ein paar relevanten, auf ihre geplanten Aufgaben gemünzten Einzelheiten – Doch es gab noch einen dritten Batzen von Kabeln, die sich wie die Stacheln eines Igels von der Figur abzweigten, zu der sie gehörten, Kabel und Schläuche, deren Ziel endgültig zu weit von dem Steg entfernt lag, um erkennbar zu sein, ohne weitere Lichte hinzuzuschalten, aber die sogenannten Kabel und Schläuche sprachen für sich, in der Art, wie sie, gleich des silbernen Jungens ihren Unterschied zu dem, was sie vorgaben zu sein, auf den zweiten Blick schmerzlich offensichtlich machten, und dem menschlichen Wesen, dass versuchte, sie als etwas ihm vertrautes zu begreifen, Eistürme durch die Wirbelsäule ragte – Tatsächlich könnte man das derzeit noch stark unfertige, tief im Herzen der Dunkelheit vor sich hinwachsende Etwas mit einiger Berechtigung als dunklen Zwilling des strahlenden Jungens bezeichnen, aufgrund der ähnlichen Quelle.

Gerade im Vergleich zu den Kabeln und Schläuchen, die zu den anderen beiden menschengemachten Kolossen hinführten, offenbahrten diese falschen Verstrebungen nur zu leicht, dass es sich bei ihnen nur um etwas handelte, dass vorgab, Kabel und Schläuche zu sein, und ähnliches über das herleiten ließen, mit denen sie verbunden waren – Ihres war so ein tiefes kohlenschwarz, dass sie selbst die Dunkelheit am Grund dieser Spalte im Vergleich hell erscheinen ließen, und sich ihre Konturen nur als wenn auch scharf begrenzte, nach gewöhnlichen Schläuchen und Kabeln ausschauende Details gut erahnen lassende Schatten zeigten.

Aber hie und da offenbahrte sich ihre wahre Natur, die der Form eines Kabels oder Schlauches letzlich nur ähnelte, in wie weit eine Gummipuppe einem Menschen ähneln konnte, in Form und Aussehen, aber nicht in Substanz, und Tropfen des höllischen Materials begannen sich an einigen Stellen nach und nach, in aller Stille zu formen, wo die Menschen dem, was sie sich da in ihrer Vermessenheit gegriffen hatten, mehr schlecht als Recht Gestalt aufzwingen konnten – Es schien als schienen die Kabel, oder zumindest diese mittelmäßige, obsidianfarbene Imitation davon, regelrecht zu bluten, rote, unscheinbare Tröpfchen zeigten sich dort, wo die Substanz noch im akzeptablen Maße, aber doch merklich versagte, und sich ihren Versammlungspunkt nicht etwa von der Schwerkraft diktieren ließ, sondern von den ganz eigenen, kafkaesken Eigenschaften ihrer ursprünglichen Subtanz, und sich begleitet von diesen leisen, aber doch nicht auszublendenden „Plopp"-Geräuschen somit nicht nach unten, sondern nach oben verabschiedete, von allen Erscheinungen, die sich an diesem Ort beobachten ließen, wohl die Widernatürlichste: Jene paradoxen Tropfen, wie ein umgekehrt fallender Regel aus Blut, der vereinzelt die Schlucht hinaufrann, und meist scheinbar harmlos von allen möglichen Anlagen und Installationen aufgehalten wurden, die ihnen im Weg standen, sodass sie, so weit man der die Golghata-Basis enthaltenen Erdspalte nach oben folgte, seltener und seltener zu hören waren.

So weit unten, so nah an der Quelle, konnte man sogar noch den Geruch in der Luft kleben riechen, irgendwo zwischen Blut, Kadaver und Erbrochenem, wenn man nur stehen blieb, sich die Zeit nahm und eine geflegte Nase voll Luft einsog – Der kahle Wissenschaftler hatte schon vor langer Zeit gelernt, es nicht zu tun.

Natürlich wusste er selbst nur zu gut, wo diese Schläuche hinführten, ganz egal, ob die Finsternis es ihm nun preisgeben wollte, oder nicht, auch, wenn er darüber noch wesentlich weniger gerne nachdachte als über die Klone – Evangelion Mark Nine.

Statt nur Menschen zu erschaffen, welche die Fähigkeiten von Monstern besaßen, wagten sie sich nun daran, Monster in Menschenform zu erschaffen…

Kuzes Bestimmungsort war dagegen wohl relativ harmlos, auch, wenn sein Weg dorthin ihn fast zur anderen Ende der Schlucht führte, wo ein weiterer Komplex in die Felswand eingelassen war, einer von vielen, ein Schlitz, eine Schlüsselkarte, eine Tür, und schon hatte der alternde Mann gefunden, was er vermisst hatte, am Rande eines großen, ringförmigen schwimbadartigen Bassins sitzend, lächelnd zu ihm hingedreht, als ob er dessen Ankunft durch die Wand hindurch erblickt hatte.

Dieser Raum war im Grunde eine etwas anders dimensionierte Ausgabe des letzten, nur, dass Kuze und seine Schöpfung hier sozusagen ein Stockwerk höher waren, und das ganze daher aus einer etwas anderen Perspektive lagen – Unterhalb dieser Ebene, auf gleicher Höhe mit dem Boden des Beckens, befand sich ein Raum, der zu dem, aus dem sie gerade kamen fast identisch war – Nur die „Füllung" war anders – Licht hatte dieser Junge nicht gebraucht, doch der ältliche Wissenschaftler zog es vor, es anzuschalten, auch, wenn ihm so der Anblick der unreifen Frauenkörper nicht erspart blieb, die in der orangeroten Flüssigkeit vor ihnen umherschwappten, circa dreizehnjährigen Kindern entsprechend, mit blauem Haar und leeren Augen, die sich in einer primitiven Reaktion auf das Licht öffneten, ohne dass ein besonderes Erkennen oder auch der geringste Funken Intelligenz darin zu liegen schien, nackt, unbeseelt, aus Massenproduktion, nichts weiter als verwendbare Biomasse, die nie irgendwo anders gewesen war, oder irgendwo anders sein würde als in diesem Loch hier – Ein Außenstehender hätte sich an dem nackten Fleisch vielleicht gestört, aber Kuze arbeitete lange genug damit, um es einfach als die Form zu sehen, welche diese Bauteile hatten – Auch das war einfach nur eine Frage des Aussehens, wie er sie schon von dem silberhaarigen Jungen kannte, der ihn hier scheinbar geduldig erwartet hatte, ein Bild der Unschuld, scheinbar lässig zurückgelehnt und auf die Arme gestützt, fast schon etwas verspielt in der Art, wie er seine Hosen hochgekremmpelt hatte, und nun scheinbar unbekümmert mit seinen nackten Füßen im LCL herrumplätscherte, sich genüsslich an die Existenz all jeder kleinen Gelenke und Sehnen in seinen Füßen erinnernd.

Man hatte ihm in der für ihn geplanten Funktion kürzlich so etwas wie eine Uniform zugeteilt, schwarz, im Schnitt ähnlich derer, die auch die höheren Tiere bei Nerv trugen, auch wenn man sich fragte, wieso, oft trug er sie nicht – Heute aber hatte Kuze selbst entscheiden, was sie dem vermeintlichen Knaben hinwerfen sollten, um ihm vor der Außenwelt presentabel wirken zu lassen, und anders als zum Beispiel Miyazawa fand er keine Freude daran, das Wesen hübsch einzukleiden wie ein braves Schaufensterpüppchen – Kuze wusste, was es war und könnte meinen, dass das eigentlich genug sein müsste, um den Witz daran zu verderben.

Der dunkle Stoff betonte die unnatürliche Erscheinung des übermenschlichen Kindes nur noch, ließ das weiß seiner Haut noch weißer und das rot seiner Augen noch röter wirken, im Halbdunkel unverkennbar dämonisch im Aussehen.

Kuze machte sich gar nicht erst die Mühe, dieses Ding zurechtzuweisen, oder ihm zu sagen, wo er das Problem sei – Der Junge würde ohnehin von Anfang an genau wissen, was er meinte, sich wenig darum scheren (oder seinen Zorn, von dem er ohnehin nichts zu befürchten hatte, bewusst in Kauf genommen haben) und sich trotzdem mit engelsgleicher Miene entschuldigen, wesentlich reumütiger aussehend, als es ein wirklicher Teenager jemals sein würde.

Also beschränkte er sich darauf, jener Wesenheit nicht ganz ohne Frustration seine Schuhe hinzuwerfen.

„Wir gehen." Merkte er an, nicht bewusst tadelnd, sich aber auch nicht die Mühe gebend, seine Meinung hiervon zu verbergen.

Er hatte mittlerweile ein ganz gutes Gespür dafür entwickelt, zu was für Orten es den Engel bisweilen spontan hinziehen würde…

Dieser nahm die Schuhe bereitwillig entgegen, und begann auf der Stelle sie sich über zu ziehen, ohne dass dieses verdammte beschwingte Lächeln auch nur einen Moment lang von seinen Lippen wich.

„Dankesehr, Herr Direktor." Merkte er an, während er noch an seinen Schnürsenkeln werkelte, praktisch die Heiterkeit selbst!

Jedoch lag das keinesfalls daran, dass er sich der Gereiztheit des älteren Mannes schlichtweg nicht bewusst war, was der Wissenschaftler selbst wesentlich beruhingender gefunden hätte.

Oh nein, das unmenschliche Kind wusste die Gestik, Mimik und Tonlage seines widerwilligen Aufpassers nur zu gut zu deuten.

„…hat es Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet, mich nicht in der Kammer vorzufinden…?"

Er war fertig mit seinem Schuhwerk und stellte sich auf, sich dem ältlichen Wissenschaftler voll und ganz zuwenden – Anders als den meisten anderen Bengeln konnte man dem Subjekt jedenfalls nicht vorwerfen, dass es den Erwachsenen in seiner Umgebung keine Aufmerksamkeit schenkte.

Aber irgendwie wünschte sich Kuze, ihm etwas Handfestes vorwerfen zu können, etwas anderes als luftige, vage umrissene Gefühle von „Unheimlichkeit."

Doch selbst wenn, was sollte er tun? Ihm das Taschengeld streichen? Ihn anweisen, sich in die nächste Ecke zu stellen? Einen lebenden Gott?

Nein, eigentlich hatten sie sich glücklich zu schätzen, dass es im Moment den Launen dieses Dings entsprach, sich kooperativ zu verhalten, aber das war eine recht schwammige Garantie für all ihre Leben.

Kuze musste zugeben, dass ein der Frustration wohl auch daher gab, sich diese unvollstellbare Gefahr aus einem Meter höhe antun zu müssen – Sicherlich, mittlerweile waren es eine ganze Menge Zentimeter mehr, aber er reichte dennoch kaum weiter nach oben als Kuzes jüngster Sohn.

„Ich bitte vielmals um Verzeihung, Herr Direktor…" kam es scheinbar zutiefst aufrichtig von dem vermeintlichen Teenager. Kuze konnte sich denken, dass er es ohne weiteres wieder tun würde, und der nächste Satz bestätigte diesen Eindruck nur weiter.

„…Aber ich konnte nicht widerstehen… ich wollte unbedingt einen Blick auf sie werfen…"

„Auf sie?" Fragte Kuze fordernd zurück.

Tabris machte über das Becken mit den Klonen hin eine ausladende Geste.

Sie. Das First Child. Ayanami Rei. Auch, wenn diese Gefäße hier nur ein winzig kleiner Teil von ihr sind… Näher werde ich ihr vor der Zeit der Prophezeihung wohl nicht kommen…"

Kuze wollte gar nicht erst wissen, was er mit der Hälfte dieser Dinge meinte, hatte ausgegeben, sie zu ergründen, solange sie nicht konkret mit seiner Aufgabe zu tun hatten… Er war der festen Meinung, dass es in diesem Universum einigeWahrheiten gab, für deren Erfassung der menschliche Verstand nie gedacht war, und Kuze überließ es anderen, kühlicheren Geistern, sich ihnen auszusetzen.

Er stellte gar nicht erst weitere Fragen, unterließ es, die im LCL vor sich hin gärenden Klone unter dem Gesichtspunkt genauer zu betrachten, dass sie Teile irgendeines diffusen Ganzen sein könnten, sondern wendete sich mit einem „Komm!" zum gehen, dass er nicht wirklich polierte, sich aber nicht die Mühe machte, sie betont schroff klingen zu lassen, und der Junge lächelte ihm nur still hinterher und folgte ihm.

(1) Eine Hahnenfeder (am Hut oä.) ist in der mittelalterlich-christlichen Mythologie eines der Kennzeichen des (bisweilen verwandelten) Teufels. So trug Mephisto(pheles) in Goethe's „Faust" eine solche Hahnenfeder am Hut.

(2) 108 ist im Buddhismus tatsächlich die Zahl der Versuchungen/Ablenkungen, die die seele auf Erden ertragen muss… wenn ihr euch gefragt hat, wieso diese Zahl in Animes, inklusive NGE, so oft vorkommt, hier ist die Erklärung.

(3) Der „rote Faden" oben im Text könnte auch als Anspielung auf den „roten Faden des Schicksals" verstanden werden, der in der japanischen Mythologie Paare verbindet, die füreinander bestimmt sind. Angeblich ist er am kleinen Finger befestigt (oder, in weniger mordernen Versionen, bei den Frauen am kleinen Finger und bei den Männern am Daumen) und kann sich verdrillen und verknoten, aber niemals abreißen. Und tja, zumindest Kaworu selbst war ja der Meinung, dass er für Shinji bestimmt ist…. *grins*

(4) Die im Geheimen von SEELE erbauten EVAs Alpha & Beta stammen aus dem Videospiel Battle Orchestra, und ich habe eine nette Idee, was man plottechnisch damit machen könnte… *sehr evil grins* Wiedersehen werden wir einige von den nebulösen Dingen, die in diesem (und dem letzten) Kapitel angedeutet wurden, aber erst sehr, sehr viel später, in Akt 4 oder gar dem Finale, wo sie aber einschlagen werden, wie die Bomben… Es kann sich also lohnen, bei diesem Flaschbacks genau hinzugucken…

(5) ...Und im nächsten Teil erwartet euch die Enthüllung darüber, was die in Bethany Base nun tatsächlich getrieben haben, oder zumindest eine Interpretation dazu - Freut euch schon mal auf 36: [Nidhöggr]