Snape wurde gerufen. Es handelte sich wohl um eher unübliche, seltene Substanzen, denn Madame Pomfrey konnte sie alleine nicht identifizieren. Und nachdem Harry einer ziemlich grimmig dreinblickenden McGonagall, als er frühmorgens endlich erwacht war, abermals versichert hatte, keine Drogen zu nehmen, wurde auch Helen geholt und untersucht.

Sie war in den letzten Tagen wohl bereits aufgefallen,da sie immer wieder den Unterricht verschlief und als Harry berichtete, dass auch sie manchmal schlafwandelte, wollte Madame Pomfrey auch Helen genauer unter die Lupe nehmen.

Und nun mussten die beiden es ertragen, dass die düstere, fledermausartige Gestalt Snapes über ihnen umher huschte, seinen Zauberstab über ihre Bäuche bewegte, während er eine Zauberformel gebrauchte, die fast nach einem gemurmelten Lied klang.

Bis aufs Snapes Gesumme, war es nun totenstill im Krankenflügel, doch Harrys Magen begann immer wieder laut zu knurren und Snape versetzte ihm über seine Hakennase hinweg böse Blicke, wann immer er die Ruhe störte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte dann plötzlich etwas wie blauer Rauch auf, der direkt aus Helens Bauchdecke zu schweben schien. Snape reagierte sofort, schuf mit dem Zauberstab ein kristallenes Fläschchen in der Luft und führte den Rauch mit dem Zauberstab hinein.

Nachdem Snape die Flasche versiegelt hatte, traute Harry sich schließlich zu fragen:

„Professor, was ist das?" Snape warf ihm einen vernichtenden Blick zu und erinnerte Harry dabei automatisch an Onkel Vernons Miene, die er immer trug, wenn Harry es wagte Fragen zu stellen.

„Dies Potter, ist der übrige, unverdaute Rest des Imperius-Tranks."

Dieser Offenbarung folgte einigermaßen überraschte Stille. Harry und Helen tauschten einen Blick.

„Imperi-."

„Ja Potter, der Imperius-Trank!" unterbrach ihn Snape, wobei seine Augen unergründlich schienen. Er hielt sich das Fläschchen direkt vor die Nase und stierte hinein, als handle es sich nicht um einen flüssigen Trank, sondern ein Buch, das sich so einfach lesen ließ, wie bedruckte Seiten Papier.

Harrys Gedanken überschlugen sich derweil. Der Imperius-Trank? Wirkte dieser gleich wie der Imperius-Fluch? Es klang naheliegend und Harry zermarterte sich den Kopf, wer sie dazu bringen wollte, nachts schlafzuwandeln, falls dies überhaupt die Intention war...

Oder, konnte es denn nicht einfach ein schlechter Scherz gewesen sein? Jemand der wollte, dass Harry und Helen in Schwierigkeiten gerieten, dass sie von der Schule flogen?

Harry überlegte rasch.

Musste es denn immer gleich das Schlimmste sein? Jemand der wollte, dass sie starben? Doch sein Traum und Voldemorts Plan tauchten immer wieder in seinen Gedanken auf und Harry brauchte Antworten.

Snape stierte noch immer in die klare Flüssigkeit hinein und schien nicht sehr gewillt, sie ihm zu geben. Gerade öffnete Harry den Mund, da sagte Helen:

„So was gibt es?" und nach kurzem Zögern, fügte sie ein hastiges „Professor!" hinzu.

„Wie Sie eigentlich wissen sollten, wenn Sie Ihre Schulbücher ausführlicher gelesen hätten!" Helen errötete und Snape schenkte auch ihr einen grimmigen Blick, ließ das Fläschchen endlich in seiner Tasche verschwinden und wandte sich dann den beiden zu.

„Der Imperius-Trank wirkt ähnlich wie der Fluch, doch er ist weniger präzise, schwächer." Harry unterdrückte einige neue Fragen und wünschte sich, Snape würde endlich zum Punkt kommen und erklären.

Snape blickte sich kurz im leeren Krankensaal um, wie um sicher zu gehen, dass sie auch tatsächlich alleine waren. Dann sprach er erneut:

„Er braucht zwei volle Mondzyklen, um zu reifen und der Zauberer, der den Trank braut, muss ihm seinen Auftrag, seinen Befehl, bereits in der Mitte des ersten zufügen. Sonst funktioniert er nicht."

Harry blickte zu Helen und merkte, dass auch sie nicht verstand. Snape verdrehte die Augen und sagte dann, nun mit unverhohlener Ungeduld:

„Das heißt, dass es da draußen einen Braumeister gibt, einen wahren Meister, denn dieser Trank ist nichts für Amateure, und dieser Braumeister wünscht es, euch beide etwas tun zu lassen." Und nun fanden seine Augen wieder die Harrys und sie blickten ihn durchdringend an.

„Die Frage ist nur, was."

Harry erwiderte seinen Blick, wobei ihm, so schien es, eintausend neue Fragen im Kopf herum schwirrten. Schließlich entschied er sich, die drängendste zu stellen:

„Das heißt also...es war nicht irgendjemand, ähm, Harmloses? Ein Schüler, oder jemand, der-."

„Habe ich nicht gerade eben erklärt Potter, dass kein Schüler die Macht hätte, einen solchen Trank zu brauen?"

Helen gab nun ein seltsamen Geräusch von sich, es klang wie das Stöhnen eines verletzten Tieres. Snape schenkte ihr nur einen verächtlichen Blick und Harry fuhr fort:

„Aber, Sir, könnte man ihn nicht vielleicht kaufen, oder einfach jemand anderen ihn Brauen lassen?"

„Das liegt natürlich im Bereich des Möglichen, ich halte es aber für unwahrscheinlich. Auch glaube ich nicht, dass es einen einzigen Schüler in diesem Schloss gibt, der bereit ist eine dermaßen hohe Summe an Galleonen aufzubringen, nur damit der berühmte Harry Potter nachts umher wandert."

Nun war es an Harry zu erröten, doch wieder gingen seine Gedanken weiter, und wieder kamen sie zu einem Schluss.

„Wenn also kein Schüler dahinter steckt-."

„Jetzt haben Sie auch allmählich den Ernst der Lage verstanden." Snape schaffte es sowohl grimmig, als auch spöttisch zu gleich zu klingen. Dann warf er einen Blick zu Helen und fügte trocken hinzu: „Vielleicht nutzten Sie auch die Gelegenheit, und erklären dies alles ihrer Schwester, während ich den Schulleiter informiere." und er verließ den Krankenflügel so rasch, dass er nicht mehr sah, wie Helens Gesicht puterrot wurde.

„Ich habs sehr wohl verstanden." Murmelte sie beleidigt, sobald Snape außer Hörweite war.

„Aber was heißt das?" sagte Harry alarmiert und begann im Krankenflügel auf und ab zu schreiten, wobei sein erst kürzlich geheilter Knöchel, ein lautes und seltsam befriedigendes Knacken von sich gab.

„Dass jemand uns etwas tun lassen will? Uns zu etwas bringen will? Aber was?"

Und Helen blickte ebenso nachdenklich, während sie auf dem Bett verharrte, Harry herum spazierte und sie beide immer wieder an die selben zwei Personen dachten.

Schließlich sagte Harry, der nicht mehr länger um den heißen Brei herumreden wollte:

„Ist Black ein guter Braumeister?"

Doch auch Helen wusste keine Antwort und so überlegte Harry weiter.

„Und selbst wenn, na gut, nehmen wir mal an Black steckt dahinter...wie hat er ihn uns gegeben? Ich meine, wie konnte er ins Schloss hinein, wie konnte er sich überhaupt die Zutaten besorgen, um ihn zu brauen, wo ihn doch die gesamte Zauberergemeinschaft sucht?"

Helen antwortete noch immer nicht.

„Und wenn Black es war, was will er dann? Uns...schlafwandeln lassen?" Und nun war Harry stehen geblieben und er blickte auf Helen hinab.

Seine Stimme war ganz leiste, als er fortfuhr:

„Uns dazu bringen, dass wir unsere Betten verlassen, vielleicht sogar die Schule? Dass wir selbst zu ihm kommen. Ohne Zauberstab?"

Harry wusste, dass er recht hatte.

Es klang nur logisch, etwas so Unfaires, Hinterhältiges, dass es perfekt zu Black passte.

Er sah in Helens Gesicht nun die Angst stehen, die er selbst verspürte, auch wenn er es sich jetzt nicht eingestehen wollte.

Black ohne Zauberstab zu begegnen, war nochmal etwas ganz Anderes.

„Wo bist du hingegangen, als du das letzte Mal aufgewacht bist?" fragte Harry plötzlich, doch er las die Antwort bereits in Helens Gesicht.

„Ich war kurz vor der Eingangshalle, ja." ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Harry setzte sich wieder auf sein Bett und wollte warten, bis Snape mit Dumbledore zurückkehrte, doch dann fuhr Helen fort:

„Aber ich versteh das nicht, wenn es Black war, wenn er es geschafft hat uns irgendwie diesen Trank unterzujubeln, warum hat er dann nicht...ich meine..." und nun wurde Helen ganz weiß als sie weiter sprach: „Warum hat er uns nicht einfach gleich Gift ins Essen gemischt? Warum so umständlich?"

Harry verstand ihren Gedankengang, doch er hatte trotzdem eine Antwort parat.

„Du vergisst Voldemorts Plan." sagte er mit tonloser Stimme und strich sich erschöpft mit der Hand über die Stirn. Es schien immer darauf zurück zu kommen. Immer lief es auf ihn hinaus.

Immer war er es.

Black wollte sie also lebend zu seinem Meister schaffen und wenn es nach ihm ginge, dann kamen die beiden ganz freiwillig, von selbst.

Sie verbrachten die letzten Minuten schweigend und warteten auf Snapes Rückkehr.

Als er schließlich kam, waren auch die Professoren McGonagall und Lupin dabei, ihr Blick ungeheuer ernst. Dumbledore bildete das Schlusslicht und trug als Einziges keine Grabesmiene.

Er lächelte, als er die beiden entdeckte und sagte freundlich:

„Harry, Helen, wie geht es euch?"

„Gut." Nuschelten sie beide, doch Harry wandte den Blick nicht vom Direktor ab.

Er brauchte Antworten, jetzt.

Professor Lupin warf ihm einen flüchtigen Blick zu, und sah dann wieder zu Dumbledore. McGonagall schürzte die Lippen und wirkte außerordentlich grimmig.

Snape sprach zuerst.

„Der Trank hat, neben seiner offensichtlichen Wirkung, keinerlei Nebenwirkungen und ist damit absolut ungefährlich." Er erklärte dies mit seiner aalglatten Stimme, wobei sein Gesicht etwas säuerlich wirkte, so als bedaure er diesen Umstand zutiefst.

Harry verspürte bei seinen Worten allerdings ein wütendes Ziehen in der Magengegend. Absolut ungefährlich? Kurz dachte er an seinen gebrochenen Knöchel, doch die Tatsache, dass allem Anschein nach Sirius Black hinter dieser Sache steckte, und er ihn direkt zu Voldemort bringen wollte, drängte sich erneut in den Vordergrund. Harry öffnete entrüstet den Mund, doch seine Gedanken schienen sich auf seinem Gesicht abgespiegelt zu haben, denn Dumbledore sagte sanft:

„Was Professor Snape meint Harry, war, dass es neben der offensichtlichen Gefahr, von der ihr bedroht wart, keine weiteren, gesundheitlichen Aspekte gibt, die es zu berücksichtigen verlangt." Und er hatte wieder dieses vertraute Funkeln in den Augen, was Harry dazu bewog den Mund wieder zu schließen.

Snape blickte verärgert.

„Was uns zu den nun drängenderen Fragen bringt. Remus?" Und zu Harrys Überraschung, sahen sie nun alle Professor Lupin erwartungsvoll an, der etwas unbehaglich wirkte, als er zu sprechen begann:

„Ich, halte das nicht für Sirius` Stil, Direktor." Er sprach sehr leise und Harry hatte plötzlich das Gefühl, als würde er die beiden am Liebsten aus dem Gespräch ausschließen.

Snapes Augen wurden nach diesen Worten zu wütenden, kleinen Schlitzen, doch Dumbledore nickte und entgegnete ernst:

„Das war auch meine Ansicht, danke Remus," und dann an McGonagall gewandt: „Minerva, Sie wissen was zu tun ist? Sämtliche Speisen, die Küche, die Überreste von gestern Abend…?"

„Natürlich." sagte Professor McGonagall forsch, nickte und wandte sich zum Gehen, allerdings nicht ehe sie Harry und Helen noch mit einem sorgenvollen Blick bedachte.

Dumbledore wandte sich nun an Snape, doch dieser sah zu Harry, wobei sein Blick wieder ziemlich eindringlich wirkte, und er sagte mit langsamer, überlegter Stimme:

„Potter, als sie unter dem Trank standen und umherwanderten, haben Sie da einen Drang verspürt etwas Bestimmtes zu tun, einen bestimmten Ort zu besuchen, oder etwas dergleichen?" Harry schüttelte verwirrt den Kopf und sah zu Dumbledore. Dieser erklärte:

„Professor Snape wird versuchen den Befehl, der dem Trank innewohnt herauszufiltern. Aber es kann helfen, zu wissen, wonach genau er sucht."

Harry dachte nach, doch er erinnerte sich stets nur an die Schattenmenschen, die ihn getrieben hatten und er wusste nicht, wie er das in Worte fassen sollte.

„Wie sieht es bei dir aus, Helen?" fragte Dumbledore freundlich, doch Helen, so direkt von Dumbledore angesprochen, wirkte jetzt wieder eingeschüchtert. Sie blickte zu Boden, schien aber offenbar mit Worten zu ringen und Harry fragte sich, ob auch sie von den Schattenmenschen heimgesucht worden war.

„Ich, jaah, ich..." Doch auch sie schien Schwierigkeiten zu haben, es in Worte zu fassen. Snape schürzte die Lippen, doch Dumbledore wartete geduldig.

„Ähm, ich hatte das Gefühl, verfolgt zu werden." Sprach sie mit tonloser Stimme weiter. „So als ob, ähm, ich vor irgendwas fliehen musste. Ich wurde getrieben, schneller zu gehen." und bei den letzten Worten blickte sie auf und sah direkt in Dumbledores Augen. Dieser nickte und sagte:

„Vielen Dank, Helen. Severus?"

Snape nickte und wandte sich ab, wobei er mit wehendem Umhang nach draußen verschwand.

Lupin, der bis jetzt geschwiegen hatte, wandte sich an Dumbledore: „Was hat das zu bedeuten? Wenn Black nicht dahiner steckt, wer dann?" fragte er ihn und warf Harry und Helen beim Reden einen stirnrunzelnden Blick zu.

„Das ist die Frage." sagte Dumbledore leise, wobei auch er Harry ansah. Dann fragte er: „Du erinnerst dich an deinen Traum Harry? Den Traum von Oktober?"

Als ob er den vergessen könnte, folgte doch unmittelbar darauf, der Angriff in Hogsmeade.

„Ja, Sir." sagte Harry gespannt.

„Ich muss wohl nicht betonen, dass ihr diese Sache mehr als ernst nehmen müsst?" Harry wusste, Dumbledore dachte ebenso an das Ereignis in Hogsmeade und er nickte etwas beschämt, dann sah er zu Helen. Auch sie hatte gerötete Wangen und nickte dem Boden zu.

„Sehr gut." sagte Dumbledore nun schon fröhlicher.

„Ich versichere euch, wir werden alles tun, um herauszufinden, was genau es mit dieser Sache auf sich hat. Professor McGonagall ist gerade eben dabei die gesamte Küche zu durchkämmen und wird, zusammen mit den Professoren Flitwick und Sprout, jedes einzelne Gericht nach Spuren untersuchen." Harry nickte und fühlte sich einigermaßen erleichtert.

„Bis dahin möchte ich, dass ihr bei jedem ungewohnten Gefühl, jedem plötzlichen Drang irgendetwas Neues, Ungewöhnliches zu tun, sofort einen Lehrer aufsucht. Ganz egal wie unwichtig und trivial es euch auch erscheinen mag. Verstanden?" Wieder nickten sie, doch Harry musste fragen:

„Aber Professor, kann es denn sein, dass der Trank noch immer wirkt? Dass wir heute Nacht wieder schlafwandeln werden?" Nun sah auch Helen ängstlich hoch.

„Professor Snape hat mir versichert, denn er ist der Experte auf diesem Gebiet, dass dieser Trank täglich getrunken werden muss, um seine volle Wirkung zu erzielen." Erklärte Dumbledore und Harry wurde es augenblicklich viel leichter. „Das heißt, wenn ihr heute keine neue Dosis zu euch nehmt, und dafür werden wir sorgen, dann könnt ihr heute Nacht seelenruhig wieder eure Betten betreten."

Auch Helen stand nun die Erleichterung im Gesicht und sie beide erhoben sich, um endlich in den Gemeinschaftsraum zurückzukehren. Dann wandte sie sich allerdings nochmals um und sah schüchtern zu Dumbledore.

Er lächelte ihr ermutigend zu und Helen fragte leise: „Ähm, Sie sagten Professor Snape sucht den Befehl, der sich im Trank befindet? Er hat dieses blaue...ähm, diese Reste vom Trank,... er hat sie nur aus meinem Körper...". Helen tat sich offenbar schwer den Vorgang zu beschreiben, als Snape den blauen Rauch aus ihrer Haut aufsteigen hat lassen, und sie wedelte hilflos mit der Hand in der Luft herum. Doch Dumbledore schien ihren Punkt dennoch zu verstehen:

„Das ist eine der Schwierigkeiten, die der Imperius-Trank mit sich bringt. Er ist unfassbar schwer nachzuweisen. In Harrys Körper fand Professor Snape überhaupt keine Rückstände oder Spuren mehr. Doch, da sich eure Symptome so ähnlich geäußert hatten, können wir wohl davon ausgehen, dass ihr auch den selben Auftrag erhalten habt."

Sie nickten, doch Helen schien mit dieser Erklärung auch nicht viel mehr anfangen zu können, als Harry.

Er sehnte sich nun danach Ron und Hermine alles zu erzählen, doch ein Letztes musste er auch noch klären.

Harry sah nun zu Lupin:

„Professor, Sie, Sie meinen nicht, dass Black dahinter steckt?"

Lupin sah ihm hart ins Gesicht und wirkte äußerst gespannt als er antwortete:

„Ich glaube es nicht Harry. Doch ich habe mich schon mal geirrt." Und da seine Stimme nun wieder diesen ungewohnt grimmigen Klang annahm, und sein Gesicht dermaßen verschlossen wirkte, wollte Harry lieber nicht mehr genauer nachfragen. Dumbledore zwinkerte ihm noch zu und schickte die beiden schließlich hoch, zurück in den Gemeinschaftsraum, um sich für den noch verbliebenen Unterricht bereit zu machen.

Harry war es allerdings schon lange nicht mehr so schwer gefallen sich zu konzentrieren. Er saß im stickigen, dampfigen und stark parfümierten Klassenzimmer des Nordturms und Professor Trewlaney hatte gerade freudestrahlend Rons Traumtagebuch gelobt und dann in theatralischer Trauerstimmung Harrys berichtigt (denn natürlich kannte sie seine Träume wesentlich besser, als er selbst) und ihm erklärt, er habe sich nach seinem Klippensturz nicht nur das Bein, sondern das gesamte Rückgrat gebrochen.

Doch Harry hörte nicht richtig zu.

Er hatte Hermine alles in Kräuterkunde erzählt, wo sie zu zweit an einer Topfpflanze gearbeitet hatten, während Ron mit Neville zusammen in einer Gruppe gewesen war und er war enttäuscht gewesen, dass sie selbst nicht mehr über diesen Trank wusste, ja noch nicht mal von ihm gehört hatte.

Nun versuchte Harry, während Wahrsagen, Ron alles zu berichten. Dieser zeigte sich milde schockiert über Harrys nächtliches Erlebnis, und reagierte dann aber, zu Harrys großer Überraschung, weniger ratlos als Hermine.

„Der Imperiustrank?" Hauchte Ron ungläubig und Harry bedeutete ihm hastig die Stimme zu senken, da Parvati neugierig zu ihnen geblickt hatte.

„Aber, der ist doch total selten!"

Harry sah ihn verwundert an. „Du kennst ihn?" fragte er und beugte sich über seine Kristallkugel und tat, als versuche er hineinzusehen, da Professor Trelawney in diesem Moment vorbeirauschte.

Ron senkte nun ebenfalls die Stimme und sagte:

„Klar, Dad hat mir von ihm erzählt. Früher mal war der richtig beliebt. Man kann Menschen dazu bringen, zu tun was immer man will, und niemand erfährt, wer wirklich dahinter steckt. Alle glauben, dass sie es freiwillig gemacht haben. Ist schwerer nachzuweisen verstehst du." Und Ron wirkte sehr besorgt, als er das erklärte.

Harry hatte kaum Zeit Madame Pomfrey im Stillen für ihre aufmerksame Arbeit zu danken, da fuhr Ron schon fort: „Aber Lupin meint wirklich, Black hat damit nichts zu tun?"

„Sieht so aus." flüsterte Harry zurück.

Es war seltsam. Harry war sich sicher gewesen Black stecke hinter der Sache, doch auch Dumbledore schien Lupin zu glauben. Gleichzeitig hatte er ihn aber wieder an seinen Traum erinnert, ein Traum der zweifelsohne mit Voldemort in Verbindung stand. Wer konnte es also sonst sein? Ein weiterer Anhänger Voldemorts?

Ron schien gerade ähnlichen Gedanken nachzuhängen, denn er sagte:

„Meinst du, das hat irgendetwas mit den geflohenen Todessern zu tun? Die aus Azkaban entkommen sind?" Doch Harry schüttelte den Kopf und sagte leise:

„Das geht sich zeitlich nicht aus. Snape meinte, der Trank braucht über zwei Monate bis er fertig ist. Als die beiden aus Azkaban entkommen sind, standen ich und Helen schon längst unter seinem Einfluss."

Doch auch Harry hatte bereits über einen Zusammenhang nachgedacht, da das Timing doch ziemlich auffällig war.

Als Trelawney ihnen dann auftrug, der Klasse mitzuteilen, was die Kristallkugel ihnen heute offenbarte, versuchte Harry nicht länger darüber nachzudenken.

Helens Gedanken waren ganz von dem Trank vereinnahmt und es fiel ihr genauso schwer sich zu konzentrieren, wie ihrem Bruder. So war sie dermaßen abgelenkt, dass sie eine wahrlich katastrophale Stunde in Verteidigung gegen die Dunklen Künste erleben musste.

Professor Lupin hatte es geschafft eine Aschwinderin zu erzeugen. Das war ein kleines, aber sehr gefährliches Tierwesen, das, laut Lupin, problemlos in jedem Zaubererhaushalt entstehen konnte. Dieses Tierwesen sah aus wie eine graue Schlange, hatte glutrote Augen und entstand aus ganz einfachem Feuer, das man mit magischen Substanzen, wie beispielsweise Flohpulver mischte, und dann zu lange unbeobachtet vor sich hinbrennen ließ.

Zu Anfang hatte sie sich einfach bedrohlich in der Asche herumgeschlängelt und alle Schüler waren ganz aufgeregt gewesen. Die Tische waren wieder an die Wand geschoben, jeder hielt gespannt seinen Zauberstab bereit und wartete auf Action.

Verteidigung gegen die dunklen Künste hatten sie zusammen mit den Slytherins und Helen hatte große Angst gehabt, sich lächerlich zu machen und deswegen versucht, trotz allem, genau zuzuhören.

Die eigentliche Aufgabe bestand aber nicht darin, die Schlange zu bekämpfen, denn diese stellte selbst keine große Gefahr dar, denn ihre Lebensdauer überschritt selten eine Stunde. Wichtig war es, sie davon abzuhalten, eine Ecke zu finden und darin ihre Eier abzulegen, denn diese konnten so heiß werden, dass innerhalb von Sekunden, ganze Häuser abbrannten.

Die einzige Chance sie zu bekämpfen lag in einem einfachen Flammen-Gefrierzauber und Lupin hatte sie zuerst an einer kleinen Flamme, Paarweise, den Zauber üben lassen. Dazu erhielt jeder einen brennenden Holzscheitel auf einer metallenen Platte und sie sollten die Flammen zum Erstarren bringen. Da es nach kurzer Zeit der Großteil der Klasse geschafft hatte, erzeugte Lupin anschließend die Aschwinderin und Helens Unglück begann.

Sie war ganz beseelt von dem Wunsch, sich nicht lächerlich, sondern etwas richtig zu machen und, von ihrem gelungenen Flammen-Gefrierzauber motiviert, hatte sie sich viel zu früh auf die Schlange gestürzt.

Ihr Zauber hatte in all der Aufregung aber nicht funktioniert.

Lupin war zwar sofort zur Stelle, den Zauberstab hoch erhoben, doch Helen stand im Weg und der Schlange gelang es, ein Ei abzulegen. Sofort spürte Helen das Heiß auf ihrer Haut und sie ließ erschrocken den Zauberstab fallen.

Lupins Gefrierzauber funktionierte zwar sofort und die Hitze endete so schnell wie sie gekommen war, doch viele der umstehenden Schüler trugen nun Verbrennungen an Armen und Gesicht.

Sie zischten schmerzerfüllt und warfen Helen böse Blicke zu.

Andere wiederum, die weit genug entfernt standen, um von der Hitze verschont geblieben zu sein, und sich das Schauspiel gut gelaunt betrachtet hatten, zeigten nun kichernd auf den Zauberstab zu ihren Füßen.

Lupin fuhr bereits fort, erklärte den einzelnen Schülern was sie richtig, was falsch gemacht hatten, doch Helen hörte nicht mehr zu.

Sie hatte wieder einmal den Fluch nicht geschafft, hatte wiedereinmal vor Angst den Zauberstab fallen lassen. Eigentlich glaubte sie, dieses Verhalten hinter sich gelassen zu haben. So etwas sollte ihr nicht mehr passieren, gehörte das doch zur alten Helen, zur der Helen, die sich ständig fürchtete und nicht zaubern wollte.

Nur am Rande bekam Helen mit, dass Lupin eine weiße Tube, die voll mit Brandsalbe war, auf die Schüler verteilte, und Ginny stupste Helen plötzlich an und hielt ihr sowohl die Salbe, wie auch ihren Zauberstab entgegen. Dankbar nahm sie sie an sich, und spürte gleichzeitig das Brennen an ihren Armen. Außerdem wirkte ihre Wange ganz straff.

Noch immer beschämt, noch immer in Gedanken versunken und ohne Lupin zuzuhören, träufelte sie sich die Salbe auf die Haut und verspürte augenblicklich Erleichterung. Sie konnte mit freiem Auge zusehen und beobachten, wie die Verbrennung auf ihrer Haut immer kleiner wurde, und schließlich nichts als eine leicht juckende Rötung zurückblieb.

„Ich möchte, dass ihr alle einen Aufsatz über die heutige Stunde, mit allem was ihr über die Aschwinderin wisst, verfasst. Außerdem sollten ein paar von euch noch den Flammen-Gefrierzauber üben. Das wäre dann alles."

Und die Schüler zerstreuten sich, als alle ihre Taschen aus den Ecken des großen Klassenzimmers holten, und aufgeregt über dieses neue Geschöpf tuschelten.

Helen bewegte sich nur langsam. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie Ginny, die offenbar auf sie wartete, doch Helen hatte keine Lust auf ein Gespräch, außerdem erntete sie noch einige böse Blicke der Slytherins, die sich vorhin die Haut verbrannt hatten, und Helen blieb zurück. Sie trödelte und packte ihre Sacken langsam zusammen, dann fiel ihr Lupin auf.

Er entfernte mit seinem Zauberstab die Reste der Asche, sah dabei aber zu Helen. Musterte sie.

Er sah sehr nachdenklich aus und Helen errötete, als sie seinen Blick auffing.

„Alles in Ordnung, Helen?" fragte er dann.

Helen nickte, trat zu ihm und sagte ausweichend:

„Wissen Sie, ob es schon etwas Neues gibt?"

Sie wollte nicht über die Aschwinderin, ihr Versagen, oder gar die anderen Schüler sprechen, und ließ den Zauberstab in der Tasche verschwinden, während Lupin sprach.

„Du meinst, ob Professor Snape bereits mehr aus dem Trank erfahren konnte? Ich fürchte Nein, Helen, doch so etwas braucht immer seine Zeit."

Helen nickte enttäuscht und Lupin, der jetzt seine Tasche um die Schulter schlang, und mit ihr gemeinsam das Klassenzimmer verließ, fügte hinzu: „Ich würde dir aber raten, dir nicht allzu viele Gedanken darüber zu machen. Ich verstehe schon, dass das bestimmt keine angenehme Erfahrung war, aber es wurde ja glücklicherweise früh genug bemerkt."

Helen nickte abermals, doch ihr war gerade etwas eingefallen. Die Art und Weise wie Professor Lupin ihr einmal den Imperiusfluch beschrieben hatte. Dass er den freien Willen seiner Opfer brach, und dass es nur wenigen gelang, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen.

Sie betraten nun gemeinsam den Korridor im siebten Stock, und eigentlich sollten sich ihre Wege hier trennen, doch Lupin schien zu ahnen, dass Helen noch etwas auf dem Herzen lag, und er zögerte.

Helen überlegte, wie sie es ausdrücken sollte, meinte aber gleichzeitig die Gelegenheit nutzen zu müssen, denn wie oft hätte sie wohl noch die Chance allein mit Lupin zu sprechen?

„Professor ich, ähm, ich wollte Sie etwas fragen." Begann sie überflüssigerweise, und Lupin bedeutete ihr mit einer Handbewegung weiter zu sprechen.

„Sie sagten mal, dass man sich gegen den Imperiusfluch wehren kann. Ich habe überlegt, gibt es diese Möglichkeit denn auch bei diesem Trank? Ich meine, ich hab doch geschlafen, während er gewirkt hat, wie soll ich da, also..."

Lupin sah nachdenklich aus.

Sie waren jetzt stehengeblieben und der Gang war wie ausgestorben. Helen hielt ihre schwere Tasche umklammert und versuchte gleichzeitig nicht vor Kälte zu zittern, denn in den Gängen war es um diese Jahreszeit bitterkalt im Schloss.

Dann sagte Lupin langsam, wobei er sie scharf ansah: „Ich habe dir gesagt, dass es schwer ist. Dass es einen unfassbaren Willen erfordert-."

„Ja, Sir, das weiß ich. Aber wenn man dabei schlaft, wie ist es denn dann überhaupt möglich?"

„Machst du dir Sorgen, dass es wieder passieren könnte? Das brauchst du nicht, du weißt Dumbledore persönlich kümmert sich nun um sie Sache."

Doch Helen war nicht überzeugt, und Lupin schien es genau zu sehen. Er betrachtete sie stirnrunzelnd, seufzte tief und sagte dann:

„Auch wenn ich der Meinung bin, dass du dich jetzt mit anderen Dingen beschäftigen solltest, verstehe ich natürlich deine Sorge. Auch Harry war heute schon bei mir, um mich zu befragen."

„Wirklich?" fragte Helen ungläubig, doch Professor Lupin ließ erstmals ein leises Lachen ertönen.

„Natürlich war er das." Entgegnete er. Dann sagte er mit ruhiger Stimme: „Es ist selbstverständlich auch möglich sich gegen diesen Trank zu wehren, ich würde sogar sagen, es ist leichter. Einfacher, als gegen den Imperiusfluch. Professor Snape hat euch die Umstände erklärt, wie er gebraut wird? Der Zauberer, gibt ihm seinen Befehl einmal, und das ist der große Unterschied!" Helen sah ihn verständnislos an. Lupin erklärte geduldig mehr:

„Verstehst du nicht Helen? Er verändert sich nicht! Erhält einen Befehl, einmal, und diesen gibt er dann, an die Person, die ihn trinkt weiter. Während derjenige, der den Imperiusfluch gebraucht, in das Bewusstsein seiner Opfer eindringt, ihren Widerstand spürt, und somit auch auf ihn reagieren kann. Das ist auch der Grund, warum er euch vor allem dann beeinflusst, wenn ihr schläft. Da seid ihr schwächer, euer Geist ist nicht aufmerksam, und der Trank kann sich leichter entfalten."

Das machte schon mehr Sinn und Helen nickte. Sie fühlte sich nun nicht wirklich wohler, eher im Gegenteil, kam ihr nun einfach der Imperiusfluch wesentlich bedrohlicher vor, als ohnehin schon, doch schlechte Antworten waren immer noch besser, als gar keine.

Gerade wollte sie sich aufmachen in die Große Halle, öffnete schon den Mund für eine Verabschiedung, da hob Lupin den Arm:

„Zur heutigen Stunde wollte ich auch noch etwas sagen."

Helen fühlte sich augenblicklich verlegen.

„Keine Kritik," sagte er und lächelte nun angesichts ihrer Miene. „Ich denke, du bist Harry sehr ähnlich. Du stürzt dich in den Kampf, auch Kopf voraus wenn es sein muss." Lachte er nun. „Doch das Wichtigste ist es, den Zauber selbst nie aus den Augen zu verlieren. Ich denke dein größtes Problem ist nicht das Talent, denn das hast du zweifellos. Viel mehr sind es die Nerven."

Darauf fiel Helen keine Erwiderung ein und ihr Gesicht brannte. Sie wollte nichts sehnlicher, als weg hier, ehe sie noch irgendetwas Peinliches tat oder sagte. Auch ihr Herzschlag beschleunigte sich, nach Lupins kleinem Lob.

Ihr Professor schien Helens Unbehagen aber zu spüren und ließ sie schließlich gehen, ohne auf eine Erwiderung zu bestehen und Helen war dankbar.

Am Abend trafen sie sich alle.

Harry, Helen, Ron, Hermine und Neville, saßen nun in in einer Ecke des Gemeinschaftsraumes, auf Kissen am Boden, und besprachen den Imperiustrank.

Doch niemand wusste wesentlich mehr, als Snape und Lupin bereits erzählt hatten, obwohl Hermine extra den gesamten, freien Nachmittag in der Bibliothek verbracht hatte („Befindet sich wohl alles in der Verbotenen Abteilung."), und so verlief ihr Gespräch schnell ins Leere.

Helen und Harry wünschten einander schließlich ziemlich angespannt Gute Nacht, obwohl sie beide wussten, dass nun eigentlich nichts mehr schiefgehen konnte. McGonagall hatte auch im Gemeinschaftsraum sämtliche Snacks und Süßigkeiten konfisziert, zwar mit dem Versprechen, sie später, falls sie denn harmlos waren, wieder zurück zu geben, doch das glaubte niemand so richtig.

Harry und Helen hatten noch länger darüber gerätselt, wer ihnen diesen Trank, und vor allem wie untergejubelt hatte, doch solange die Ergebnisse von Snape und McGonagall nicht kamen,brachten auch diese Überlegungen sie nicht weiter.

„Bis Morgen." Verabschiedeten sie sich schließlich am Fuße der Treppe, und jeder betrat seinen eigenen Schlafsaal, mit bangem Gefühl, aber auch realistisch genug, um zu wissen, dass ihre Sorgen im Grunde nicht gerechtfertigt waren.

Oben war Joe Harper wiedereinmal mit ihren Dehnübungen beschäftigt. Ginny schenkte ihr ein unsicheres Lächeln und Helen fragte sich, wie viel sie eigentlich über Helen wusste, und wie viel Ron ihr offenbart hatte.

Dann verkroch sie sich schließlich unter der Decke, wobei sie ihren Zauberstab, mit ihrer Kette an den Unterarm festband. Helen wusste, das war wahrscheinlich nicht sehr sicher und auch nicht klug, doch sie konnte nicht anders, als diese kleine Absicherung zu treffen, für den Fall, dass die Lehrer doch etwas übersehen hatten und sie wieder auf nächtliche Wanderung ging.

Diesmal erwachte Helen woanders.

Sie konnte es nicht fassen.

Die Kälte im Nacken war ihr so echt erschienen, wie eine eiskalte Hand die sie gepackt, erwischt hatte. Die Schattenmenschen wieder hinter ihr, die sie voran getrieben, gejagt hatten und Helen war gerannt.

Es war ihr so wirklich vorgekommen.

Nun blickte Helen sich um und wusste, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Wie war das möglich, wie konnte das nur wahr sein? Wie konnte sie im Freien sein, das Schloss verlassen haben?

Wie hatte sie es nur wieder an ihren Mitschüler, den Lehrern, Filch und schlussendlich dem Auror vorbei geschafft?

Wie konnte das etwas anderes, als ein wilder Traum sein, wie konnte es war sein?

Doch genauso war es.

Helen stand, in nichts als ihrer kurzen Schlafhose, ihrem schmuddeligen Pullover, und den dicken Socken, die sie mit großer Umsicht ausgesucht hatte, bekleidet, in, bis zu den Knöcheln reichendem, tiefen, kalten Schnee.

Zu ihrer Linken befand sich der Schwarze See, dessen gefrorene Oberfläche bedrohlich im Schein des Halbmonds glitzerte. Vor sich konnte sie den Verbotenen Wald sehen, doch das Schlimmste, war um sie her.

Keine hundert Meter von Helen entfernt, schwebten sie. Die Dementoren. Es waren hunderte, und sie zogen schwarze Nebel nach sich, die Helen das Blut gefrieren ließ, während sie einen Kreis um die Ländereien, und somit um Helen bildeten.

Starr vor Angst blickte sie umher, fragte sich, wie zur Hölle das nur möglich war. Wie es geschehen konnte, dass sie alle, Snape, Lupin, Harry, sogar Dumbledore! Dass sogar Dumbledore etwas Entscheidendes übersehen hatte, dass er versagt hatte.

Helen griff sich an den Unterarm, und stellte, wie um ihre Angst und Ungläubigkeit perfekt zu machen fest,dass auch der Zauberstab nicht mehr da war.

Sie fühlte sich schutzlos und ausgeliefert

Ihr war ganz schlecht.

Hinter Helen lag das riesige Schloss Hogwarts, doch die schwarzen Umrisse der Dementoren waren jetzt so nahe, umzingelten Helen von allen Seiten, so dass sie nicht wusste, wohin sie gehen sollte, wo es noch sicher war.

Helen dachte an Black, und das beklommene Gefühl in ihrem Magen verstärkte sich, wurde schwerer und schwerer als ihre Gedanken weiterzogen, hin zu jenen anderen Ausgebrochenen. Hin zu jenem Punkt in ihrem Leben, der ihre Haare sich sträuben, ihren Magen sich verkrampfen ließ. Und sowie ihre Gedanken diesen Bereich erreicht hatten, schon hatte sie das Gesicht jener Frau vor Augen, die sie einst in ihren Alpträumen begleitet und gejagt hatte, so wie die Schattenmenschen es heute Nacht taten.

Helen presste sich eine Hand an den Mund und kämpfte gegen die Übelkeit, als sie umher sah und nach einem Ausweg suchte. Nur der Weg zum Wald schien frei.

Es schien fast perfide, höhnisch zu sein. Die Dunkelheit der Bäume schien sie zu trietzen, zu rufen, zu verhöhnen. Dass dieser düstere Pfad Helens einziger Ausweg war, ihre alleinige Fluchtroute, alles, was sie tun konnte, um den Monstern ihrer Vergangenheit zu entkommen, wirkte grotesk.

Doch die Hoffnungslosigkeit umtrieb Helen. Sie kroch ihre Glieder hoch, fuhr ihr in die Lungen, legte sich wie ein schwerer, kalter Mantel um ihr Herz und Helen erschauderte heftig.

Der Wald war keine sehr verlockende Option, doch Helen meinte bald, alles zu tun, jeden Weg zu gehen, nur um diese düsteren Gedanken, die sie nun umtrieben, wieder loszuwerden.

Bellatrix Augen, ihre wahnsinnigen dunklen Augen sahen sie direkt aus der Finsternis heraus an. Durchbohrten die ihren und das Schwarz in ihrer Mitte, war so fesselnd, war so irre und eindringlich, dass Helen meinte, ihre Dunkelheit würde Helen in sich hineinziehen. Sie spürte den Sog, verspürte das wahrhaftig Böse, als sie das Gesicht dieser Frau vor Augen hatte und Helen hatte große Schwierigkeiten zu atmen, spürte wie ihre Beine immer schwerer wurden, wie sie allmählich nach vorne sank, hin in Richtung Gras.

Helens Herz schlug nun so heftig, als wollte es ihre Brust verlassen und ein Blick zurück verriet auch warum. Zwei der Dementoren waren näher gekommen, hatten sie offenbar entdeckt, und wollte sie nun genauer betrachten. Helen spürte ihre Präsenz nun ohne sich umzusehen, wusste genau wo sie waren, als jedes einzelne Härchen an ihrem Körper sich aufstellte, und das Kribbeln in ihrem Nacken immer schlimmer wurde.

Helen dachte an den Trank, an den Imperiustrank und irgendwo in ihrem Bewusstsein, der Teil, der nicht mit Bildern von Bellatrix Lestrange überschwemmt wurde, dieser Teil macht sich Gedanken, warum sonst nichts geschah, wo der Urheber des Trankes war, ob der Sinn wirklich nur war, Helen ihren schlimmsten Erinnerungen vorzuführen.

Doch Helen verharrte immer noch reglos, mit wild schlagendem Herzen und blickte umher, wie in der Erwartung, dass bald etwas geschehen musste. Dass es doch einen Grund, für ihre Anwesenheit hier gab.

Und falls derjenige, der ihr diesen Trank verabreicht hatte, nun nicht hier war, durch ein Wunder nicht wusste, dass es gelungen war, so musste doch zumindest im Schloss jemand bemerken, dass Helen weg war? Gewiss würde irgendjemand überprüfen, dass sie wirklich sicher in ihrem Bett lag?

Doch so schnell dieser kleine Funke Hoffnung in Helen aufgekeimt war, so schnell wurde er auch schon erstickt von der Kälte und von Bellatrix Lachen, als sie laut und kreischend und mit der erhobenen Hand über ihr stand, Dolohow immer anwesend, stets im Hintergrund, immer dabei, geduldig wartend auf seinen Zug.

Helen fasste sich an die Ohren, drückte sie fest zu, doch es half nichts. Das Lachen kam nicht von außen, wurde es doch, wie es schien, tief in Helens Brust erzeugt, als stammte es aus der Mitte ihres Herzens.

Das Atmen wurde immer schwerer.

Helen nahm nur am Rande wahr, dass ihre Knie nun gefrorene Erde und Schnee berührten. Sie sank hinab und begrub den Kopf in den Armen, als die Verzweiflung alles Denken übernahm. Helen zitterte nun so heftig, das beklemmende Gefühl drückte ihr so schwer auf die Brust, dass ihr immer schwindliger wurde und ein Rauschen füllte ihre Ohren.

Ein winziger Teil von ihr, der Teil der es geschafft hatte sich von ihr selbst zu distanzieren, sich zu entfernen, zu lösen, dieser Teil registrierte noch, was hier geschah und er bewog Helen dazu, die Augen zu öffnen, nur für einen kurzen Moment lang zu sehen.

Die schaurigen, langsam schwebenden Umrisse der Dementoren waren nun keine dreißig Meter mehr entfernt und ihre Köpfe, ihre von Kapuzen verborgenen Gesichter waren Helen zugewandt.

Helens Magen rumorte nun heftig und sie erbrach sich auf den eisigen Boden, während eine düstere Stimme in ihrem Kopf, die gleichzeitig voll des Hohnes war, leise sagte: Na komm schon, hör auf zu schreien, hör einfach auf zu schreien. Wenn du nicht mehr schreist, dann hören wir auf, dir wehzutun.

Und Helen war wieder in ihrem Keller. War zurück an jenem Ort, der mehr einem Grab als allem anderen glich. Ihre Arme waren gefesselt und ihre Knie fühlten sich wund an, kauerten sie doch schon so lange auf dieser harten, kalten Erde. Der Nacken schmerzte auch, doch alles schmerzte in diesem Leben.

Die Augen sahen hinein, tief hinein in das Antlitz ihrer größten Peiniger und Helens Körper konnte nichts anderes tun, als zu versuchen sich zu wappnen. Die Monster, die sie besuchten waren ihr einziger Kontakt, die einzige Konstante in diesem Leben und sie erzählten Helen, mit ihrer bloßen Anwesenheit, dass sie nicht ganz alleine war, auf dieser Welt.

Helens Körper kannte keinen Kampf mehr, kannte nur noch Schmerz und den Wunsch, sich zumindest, wenn schon alles andere aussichtslos war, sich zumindest darauf vorzubereiten.

Und wieder tat Helen genau das. Fühlte wie jede Pore, jeder Zentimeter sich verkrampfte und sie wartete auf Schmerz.

Und dann geschah etwas Anderes.

Helen fühlte wieder mehr. Fühlte ihr Bewusstsein zurückkommen. Sie war nun mehr als bloße Hoffnungslosigkeit. War mehr als nur Verzweiflung und Schmerz

Helen fühlte plötzlich einen Wunsch, einen Drang. Sie wollte auf einmal nichts sehnlicher, als zu fliehen. Und sobald ihre Gedanken zu diesem einen Schluss gekommen waren, sobald ihr Geist registriert hatte, eine Aufgabe, einen Wunsch zu erhalten, da verblassten auch die furchteinflößenden, verwunschenen Kreaturen um sie her und Helen stand auf.

Ihre Beine bewegten sich fast von selbst, entfernten sich von den Dementoren, wobei ihr Kopf mit jedem Schritt den sie tat klarer wurde.

Helen wusste sofort, dies war nicht normal. Dieser Drang, dieser unfassbare Drang weiterzugehen, fühlte sich nicht mehr natürlich an und Helen kam stolpernd zum Stehen.

Immerhin hatte der Trank sie weggeführt, hatte ihr geholfen, sich soweit von den Dementoren zu entfernen, um wieder etwas Klarheit herzustellen und Helen erschauderte heftig, als ihr ganzer Körper zitterte und ihr war speiübel. Doch Helens Gehirn war nun wieder im vollen Gange, und lief plötzlich wie auf Hochdruck, wie um sein vorheriges Versagen wieder gut zu machen und Helen wusste, sie musste hier weg. Wusste, sie musste ins Schloss zurück und zwar sofort.

Doch hinter Helen waren noch immer die Dementoren und Helen hatte Angst ihnen erneut so nahe zu kommen. Angst und Verzweiflung stiegen wieder in ihr hoch und sie wollte ihre Beine bewegen, wollte losstürmen, doch dann sah sie in den Wald hinein und er wirkte so düster, so dunkel und bedrohlich, dass Helen unwillkürlich wieder ein paar Schritte zurückwich.

Und nun hörte sie auch das Flüstern. Es flüsterte um sie her, und Helen drehte den Kopf, sah vor und zurück, und versuchte eine Quelle, eine Person zu erkennen, die diese Geräusche von sich gab.

Doch Helen sah sich um, und erblickte nur die Schatten ihrer Vergangenheit.

Helen fragte sich auch, ob Dementoren dazu in der Lage waren, ob sie denn sprechen konnten.

Doch die Frage löste sich in ihrem Bewusstsein auf, als Helen mit dem Blick das Antlitz einer dieser verschorften, toten Hände erhaschte und ihr Magen begann erneut zu rumoren.

Dann wurde das Flüstern noch lauter und es löste ein äußerst beklemmendes Gefühl in Helen aus. Sie fühlte sich eingeengt, eingesperrt. Die Luft blieb ihr im Halse stecken.

Ein lautes Quietschen ertönte plötzlich, und es war jenes Quietschen und Helen wusste, sie musste weg. Wusste, es waren die Dementoren, nur die Dementoren, nicht die Wirklichkeit, die sie da gerade erlebte. Und doch streckte sie weit ihre Arme aus, ganz automatisch, nur um zu testen, ob sie noch frei, nur um zu testen, ob Helen sich noch bewegen konnte, und dass sie nicht jeden Moment, von dunkler Erde begraben wurde.

Plötzlich zerriss das Geräusch eines lautem, widerhallenden Knackens die Luft und Helen fuhr herum. Die darauffolgende Stille wirkte jetzt auf einmal gespenstisch und Helen fühlte wie ihr Herzschlag sich wieder beschleunigte, ihre Glieder zitterten so stark, die Kälte und die Anspannung waren unerträglich und Helen wurde jetzt zunehmend hysterisch.

Dieses Geräusch passte nicht zu ihrer Erinnerung, passte nicht zu ihrer Angst. Sie blickte suchend umher, versuchte mit den Augen etwas aus der Dunkelheit zu erspähen, meinte die Richtung ungefähr zu kennen, aus der das Geräusch gekommen war und wurde schließlich am Rande des Verbotenen Waldes fündig.

Denn dort befand sich mehr, als nur die geisterhaften Umrisse von Helens Vergangenheit.

Dort stand jemand.

In der Ferne, nicht weit von Helen entfernt, bewegte sich eine Gestalt. Sie konnte die Umrisse erkennen. Es war ein Mensch, so viel stand fest.

Jemand bewegte sich da, auf den Wald zu!

Helen überlegte einen Moment, sich zu verstecken, dann wegzulaufen, dann um Hilfe zu rufen. Schließlich entschied sie sich nichts zu tun, und sie verharrte reglos, wollte abwarten und sehen, wusste nicht das Richtige zu tun, wo die Dementoren doch so nahe waren, und sie gleichsam in Schach hielten.

Doch Helen fühlte sich ohnehin wie festgefroren.

Die Person bewegte sich ganz langsam und irgendwie unnatürlich. Helen beobachtete sie ganz genau, und wünschte plötzlich nichts sehnlicher, als ihren Zauberstab zu haben.

„Oh nein, oh nein." flüsterte sie, als eine dieser schrecklichen Kreaturen um sie her, rasselnd Atem nahm, und die Kälte erneut Helens Glieder hoch kroch.

Wieder sah sie sich um, und wieder überlegte sie zum Schloss zurück zu rennen, doch dort befanden sich nun ganze vier Dementoren, glitten den Weg direkt vor dem Schlossportal auf und ab und Helen erschauderte heftig, während sie sich fragte, wie sie es nur geschafft hatte, sich wieder in einer so misslichen Lage zu befinden.

Dann sah sie erneut zurück, zu der Gestalt die auf den Wald zuging, auf ihn zu rannte, um genau zu sein, und Helen erschrak einen Moment, da ihre Augen sie nicht sofort wieder gefunden hatten. Diese Person aus den Augen zu verlieren wäre noch mal wesentlich unheimlicher gewesen, denn Helen musste wissen, was sie tat. Als Helens Augen sie dann wieder fanden, war sie keine 200 Meter mehr von Helen entfernt und erreichte gerade die ersten Bäume des Verbotenen Waldes, da bewegten sich die Wolken und befreiten einen Strahl des Mondlichts, der die Person vor Helen erfasste.

Sie traf fast der Schlag.

Die Person, die da gerade zielstrebig, mitten in der Nacht, von Dementoren umgeben, den Verbotenen Wald betrat, war Harry!

Sämtliche Luft schien ihr zu entweichen und Helen stolperte für den Schlag einer Sekunde rückwärts. Sie griff sich an die Brust und sog keuchend die Luft ein, während sie gleichzeitig beobachtete, wie vor ihr die dunkle Gestalt ihres großen Bruders von der Schwärze des Waldes verschluckt wurde.

Helen besah sich einen Moment lang angstvoll die Dementoren, fürchtete sich, ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen - doch Harry war dort und Harry war allein, - also nahm sie all ihren Mut zusammen und rief seinen Namen.

Ihre Stimme erschien Helen in der Dunkelheit wie der Knall einer Kanonenkugel und sie presste wieder angstvoll die Hand auf die Lippen, als die Dementoren sich langsam umwandten, ein erneuter Schauer ihren Rücken hinab jagte, und für einen Moment das Gesicht von Antonin Dolohow vor ihrem geistigem Auge erschien.

Doch Harry wandte sich nicht um, und noch während Helen hinsah, wurde auch der letzte Rest seines Rückens von der Schwärze der Nacht verschluckt.

Mit wütender Ungläubigkeit machte sich nun auch Helen auf den Weg zum Wald, wobei sie ihren Kopf nach rechts und links drehte, wie ein durchgedrehter Kreisel, der einfach nicht zur Ruhe kam. Ihre Sinne fühlten sich nun geschärfter an als je zuvor, reagierten ihre Ohren doch auf jedes Knacken, auf jedes Rascheln und sie fuhr angstvoll herum, immer Mal wenn sich etwas regte.

Die Dementoren betrachteten Helen, folgten mit ihren, von den Kapuzen verborgenen Gesichtern, jeder ihrer Bewegungen und nun wünschte Helen den dunklen Wald schnell zu erreichen, nur um den Blicken dieser Kreaturen endlich zu entgehen.

Helen rannte weiter und sah aus der Ferne Hagrids Hütte. Sie mochte einen kurzen Moment überlegt haben, Hagrid um Hilfe zu bitten, doch sie steuerte weiter Harry hinter her.

Er war allein, er war in Gefahr.

Wer weiß, vielleicht schlief auch er, vielleicht schlafwandelte Harry gerade, und wusste überhaupt nicht, in welche Gefahr er sich gerade brachte. Helen hatte Geschichten über den Wald gehört, dass es ihr die Haare zu Berge stehen ließ, und nun unbewaffnet und schutzlos in seine Nähe zu kommen, erschien ihr wie der helle Wahnsinn. Doch dies alles auch noch schlafend zu tun, wirkte wie der sichere Tod.

Helen kämpfte gegen die Angst, kämpfte gegen ihren Instinkt, der sie aus vollem Leibe heraus anschrie und ihr sagte, ihr riet, sofort umzukehren. Denn Helen konnte nicht zurück.

Ihr Herz raste nun wie wild und endlich hatte sie die Bäume erreicht. Sie verlangsamte ihre Schritte und blickte im Wald umher.

Es war so dunkel, dass sie Mühe hatte überhaupt etwas zu erkennen.

Selbst hier, am Beginn des Waldes, standen die Bäume so dicht, dass Helen nicht mal den Boden zu ihren Füßen sah. Hier, in der Dichte der Bäume, lag auch kein Schnee, und so wurde ihren Augen auch die letzte Helligkeit genommen.

„Harry?" flüsterte Helen, denn nun traute sie sich nicht mehr, zu laut zu sprechen. Sie ging ein paar vorsichtige Schritte weiter, spürte die Kälte ihrer gefrorenen Zehen mittlerweile nicht mehr und hatte das Gefühl eine andere Welt zu betreten.

Der Nebel der Dementoren war nicht mehr zu erkennen, doch der Wald lieferte seine ganz eigene, schaurige Atmosphäre. Helen meinte überall dunkle Schatten von Kreaturen zu sehen, erwartete jeden Moment, dass eines der zahlreichen Geschöpfe, die hier lebten sich schreiend, und mit spitzen Klauen und bösen, magischen Zähnen bewaffnet auf sie stürzte.

Doch Helen setzte ihren Weg fort, weiter hinein, folgte dem Lichtstrahl des Mondes, und alles blieb still.

Sie konzentrierte sich ganz genau, hoffte zu hören, wo Harry sich bewegte, wäre es in der Finsternis doch fast unmöglich seinen Umriss zu erkennen, selbst wenn er direkt vor ihr stand.

Also flüsterte Helen immer und immer wieder seinen Namen, während sie, ganz benommen vor Angst und Kälte weiter trat und mit jedem ihrer Schritte immer tiefer hinein in den Verbotenen Wald ging.

Derweil versuchte Helen sich mit der Tatsache zu beruhigen, dass Harry und Ron schon mehrmals zusammen im Wald gewesen waren, und es bisher immer unverletzt überstanden hatten.

Doch ihre Gedanken drehten sich wieder um Black und um Voldemort. Harry und Helen standen noch immer unter dem Trank und was, wenn sie Harry gerade folgte, direkt hinein in die Arme ihrer Feinde?

Auch wenn es das Letzte war, was Helen jetzt tun wollte, so beschleunigte sie ihre Schritte und rief ein bisschen lauter nach ihrem Bruder, in der Hoffnung ihn einzuholen, noch ehe er sein Ziel erreichte.

Helen rannte nun schon fast, und wusste gleichzeitig, dass sie alleine in der Dunkelheit, niemals den Weg zurück finden würde.

„Oh Harry, wo bist du?" keuchte sie irgendwann und spürte wie ihr verzweifelte Tränen das Gesicht hinab rannen. Sie konnte es nicht fassen. Das war so eine aussichtslose Lage, wie war es möglich, dass sie sich heute Nacht freiwillig ins Bett gelegt, unbeschwert die Augen geschlossen hatte? Und warum zur Hölle, hatte sie ihren Zauberstab nicht dabei, wo sie ihn doch sorgfältig mit ihrer Lieblingskette fest gebunden hatte?!

Vielleicht hatte Harry noch seinen Zauberstab, überlegte Helen, und dieser Gedanke gab ihr wieder ein klein wenig Hoffnung, doch es war so dunkel und Helen hatte keine Orientierung mehr. Wie sollte sie ihn jemals finden?

Erschöpft und verzweifelt ließ Helen sich schließlich auf einem großen, umgefallenen Baum nieder, der quer durch die Büsche und das Gestrüpp reichte.

Sie rieb sich die frierenden Glieder und weinte heftiger, hatte gleichzeitig das Gefühl von hunderten Augen aus der Dunkelheit heraus beobachtet zu werden.

So verharrte sie eine Weile, wobei sie aufgehört hatte, panisch umher zu blicken. Helen meinte ohnehin nichts ausrichten zu können, falls irgendjemand sich ihr näherte.

Gerade war sie dann doch zu dem Schluss gekommen, ihre Probleme würden sich nicht einfach in Luft auflösen, wenn sie hier noch länger säße und wartete, da verspürte sie plötzlich einen sengenden Schmerz an der linken Hand und sie stieß einen überraschten Schrei aus.

Ihre Hand hatte in einer Senke des langen Baumstammes geruht und war dort an etwas Haariges, Vielbeiniges gestoßen, das nun seine langen, spitzen Zähne in ihre Finger und Handgelenk vergrub. Helen schüttelte erschrocken ihre Hand in der Luft und das kleine Getier fiel schließlich unter lautem, zirpenden Getöse ab und schlug in der Luft einen Purzelbaum, ehe kleine Flügel auftauchten, und es nahe an Helens Wange vorbei flitzte.

Helen war aufgeschreckt auf die Beine gesprungen und lutschte nun jammernd an ihrer schmerzenden Hand, wo bereits eine golfballgroße Wunde klaffte. Helen leckte das Blut ab und versuchte nicht darüber nachzudenken, dass der Biss dieses Geschöpfes gefährlich, sogar giftig sein könnte.

Sie fühlte sich nun noch mehr zur Eile getrieben und versuchte in der Dunkelheit einen Weg zu erkennen, vielleicht einen Hinweis zu finden, dass hier zuvor schon jemand vorbeigekommen war. Doch um sie her waren nur Bäume und moosbedeckter, weicher Boden und Helen fuhr sich erschöpft und am Rande eines Nervenzusammenbruchs übers Gesicht.

Harry konnte mittlerweile wer weiß wo sein. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was das bedeutete.

„Reiß dich zusammen." fauchte Helen zu sich selbst, erschrak aber gleichzeitig, da ihre Stimme in der unheimlichen Stille des Waldes, ohrenbetäubend laut klang.

Helen setzte ihre Schritte also fort, wobei sie die Richtung fast willkürlich wählte und rieb sich die frierenden Glieder, während sie gleichzeitig an der Wunde lutschte, die zunehmend stechende Schmerzen den gesamten Unterarm hinauf jagte.

Helen ging immer weiter hinein und versuchte nicht zu hören, wie die Stille des Waldes immer mehr eigentümlichen, knisternden und klackernden Lauten wich. Es fiepte und raschelte, knirschte und klopfte nun zunehmend lauter werdend um Helen herum, und sie wusste, das konnte nur bedeuten, dass sich um sie her einiges Leben tummelte.

Immer wieder rief Helen nun Harrys Namen, wobei sie jetzt keine Rücksicht mehr auf die Lautstärke nahm. Sie wusste, sie hatte sich bereits vielen Geschöpfen offenbart, wusste ihre Anwesenheit hier war nicht länger geheim. Aus der Dunkelheit heraus leuchteten Augen nun von allen Seiten, folgten jeden ihrer Schritte, jeder ihrer Bewegungen und sie ließen dabei ein Fauchen, ein hungriges Stöhnen, oder hohes, ochsenfroschartiges, und nicht weniger verstörendes Kichern erklingen.

Doch dann hörte Helen etwas, das ihr Herz höher schlagen ließ. Gerade war sie mit den Fuß gegen einen großen Stein getreten und hatte sich dabei den Zeh schmerzhaft angeschlagen, da ertönte aus der Dunkelheit heraus etwas, was wie der Schrei einer menschlichen Stimme klang.

Helen erstarrte und fuhr herum. Es war von ihrer Linken gekommen, ganz sicher! Sie bewegte sich langsam in diese Richtung, blieb aber sofort wieder stehen, um besser hören zu können. Sie verharrte noch einen Moment, doch dann hörte sie es erneut und Helen war jetzt ganz sicher.

Jemand rief um Hilfe!

„Harry?" entgegnete sie sofort und rannte los.

Ein schwieriges Unterfangen, wenn man bedachte wie dicht die Bäume hier standen und wie nahe sie sich an weiteres Gestrüpp und Geäst reihten, doch Helen kämpfte sich hindurch, nun vollauf alarmiert und aufgeschreckt. Gleichzeitig spürte Helen Hoffnung in sich aufsteigen und sie ließ alle Vorsicht zurück, als sie aus vollem Leibe Harrys Namen schrie und auf dem Weg hinüber einen Höllenlärm veranstaltete. Zu groß war die Angst, ihn nun wieder zu verlieren.

„Harry?" rief sie noch einmal, doch da hörte sie erneut und verstand zum ersten Mal die Worte die da gerufen wurden.

„Helen?" rief Harrys Stimme. „Helen, bist du das?" Er klang ungläubig, doch Helen fühlte sich wie elektrisiert.

Erleichterung durchströmte sie, so heftig dass ihr ganz schwummrig wurde. Sie keuchte laut auf und wieder rannen ein paar Tränen ihr Gesicht hinab und Helen beschleunigte ihre Schritte abermals, wobei sie nun erstmals spürte, wie Dornen und spitze Steine ihre dicken Socken aufrissen und durchbohrten, bis sie dann plötzlich auf weicheren, sumpfigen Boden stieß. Helen achtete nicht weiter darauf und rief mit lauter Stimme zurück:

„Ja ich bins! Ich bins, Harry!" und schon hatte sie ihn gesehen. Den Lichtstrahl einer kleinen dunklen Gestalt, die da am Boden kauerte. Einen Zauberstab in der Rechten.

Harrys Gesicht schimmerte im Schein seines Lumos´, und seine Wangen waren arg verdreckt und ebenso gerötet vor Kälte, wie Helens aussehen mussten, doch sein Blick fand Helens und auch er wirkte nun ungeheuer erleichtert sie zu sehen, auch wenn er fassungslos den Mund aufriss.

Helen stürzte auf ihn zu und schlang ihre Arme um seinen Hals.

„Ich hatte so eine Angst!" Keuchte sie und Harry tätschelte ihr den Rücken, doch irgendetwas war seltsam, war nicht in Ordnung und Helen musterte Harry scharf.

„Ist alles in Ordnung bei dir?" fragte sie und bemerkte gleichzeitig wie angespannt sein Gesicht aussah. Helen betrachtete den Rest ihres Bruders und realisierte, warum er am Boden kauerte. Mit einer Hand hielt er seinen Knöchel umschlungen und es sah aus, als ob dieser ziemlich stark blutete.

„Du bist ja verletzt!" sagte Helen laut und sprang hastig einen Schritt zurück. Harry bedeutete ihr still zu sein und sagte dann sehr schnell, wobei seine Stimme gequält klang:

„Helen, weißt du wo wir sind? Ich bin eben erst aufgewacht, als ich mir den Fuß verletzt habe. Weißt du, wie weit wir in den Wald hinein sind? Wo es zurück geht?" Doch noch während Harry sprach, schien er die Antwort auf ihrem Gesicht ablesen zu können. Er schloss enttäuscht den Mund, und Helen sah für einen Moment die Angst in seinem Gesicht, die sie selbst verspürte, seit sie diese Nacht die Augen geöffnet hatte.

Helen schluckte schwer und bemerkte gleichzeitig wieder wie unfassbar kalt ihr war, als ein Windstoß durch die Bäume fuhr.

„Tut mir Leid, ich bin dir nachgelaufen, hab dich dann aber aus den Augen verloren. Ich weiß selbst nicht wo wir sind, aber wenn ich raten müsste, dann würde ich sagen in dieser Richtung liegt die Schule," Und sie deutete nach links, denn Helen meinte, aus dieser Richtung gekommen zu sein.

„Dann nehmen wir diesen Weg." sagte Harry nach kurzem Zögern. „Aber du wirst mir helfen müssen, ich weiß nicht ob ich mein Bein belasten kann."

„Na gut." sagte Helen und sah ihn mit großen Augen an während er sich an ihre Schulter klammerte, und sie ihn, äußerst unbeholfen und wacklig, auf die Beine zog. Harry bemerkte ihren Blick und sagte dann:

„Keine Sorge, ich glaube das war nur ein Sumpfkrattler. Hagrid hat uns von ihnen erzählt, die sind nicht giftig oder so, außerdem hat er mich nicht richtig erwischt." Harry sprach betont locker und Helen wusste, er wollte ihr nur nicht noch größere Angst machen und so sah sie ihn nun voller Sorge an.

„Mich hat auch was gebissen, sieh mal." sagte sie dann, als die beiden mühsam um die Büsche herum gingen und Helen zeigte Harry ihre verletzte Hand.

„Bestimmt nur Doxys." murmelte Harry, doch sein Blick passte nicht ganz zu dieser Aussage, er wirkte wesentlich besorgter, als er zugeben wollte und Helen wusste, dass es in diesem Wald wohl eine Menge giftiger Kreaturen geben musste. Doch darüber wollte sie sich jetzt keine Gedanken machen, und so hievte sie Harry weiter, wobei sein Bein ziemlich schlimm verletzt schien, da er sich mit viel Kraft an Helen stützte.

Sie versuchte sich nicht zu beschweren, war sie doch so unglaublich erleichtert, nun nicht mehr alleine zu sein, ihn rechtzeitig gefunden zu haben.

Sie schritten nun gemeinsam, und mit neuer Zuversicht durch die Dunkelheit. Sie waren nicht mehr allein und Harry hatte sogar einen Zauberstab dabei! Helen dachte nun sehnsüchtig an die Sicherheit des Gemeinschaftsraumes, wünschte sich sogar in den Krankenflügel zurück, überall hin, wo sie ein kleinwenig Wärme erlangen konnte. Sie hatte mittlerweile einen wilden Schnupfen und Helen bezweifelte, jemals wieder alle Zehen gebrauchen zu können.

„Ich würde gern einmal aufwachen, ohne dass mein Fuß höllisch wehtut." Grummelte Harry vor sich hin. Das hätte schon fast etwas Komisches, dachte Helen, wenn ihre Situation nicht immer noch so unheimlich und aussichtslos wäre.

Nun mit Harry an ihrer Seite, blickte Helen sich ständig um, fühlte sich wieder verfolgt und beobachtet. Außerdem musste sie ständig daran denken, was für einen Affenlärm die beiden da eben veranstaltet hatten. Gott weiß was hätte sie hören können.

Harry schien gerade ähnliche Gedanken zu haben. Er wischte sich mit der Hand, die den Zauberstab hielt, erschöpft die Haare aus dem Gesicht und fragte dann, mit nun vor Kälte bibbernder Stimme: „Meinst du, Black steckt dahinter?"Und trotz ihrer geschwächten Lage, trotz der Angst die sie umtrieb und trotz der sengenden Kälte, klang etwas in Harrys Stimme nach, was Helen gar nicht gerne hörte. Es war fast etwas wie Hoffnung, als wünschte er, Black nun zu begegnen.

Es war absurd.

Helen sah ihn böse an und sagte:

„Wir können nur hoffen, dass er sich nicht mehr hier rumtreibt. Ich hab nicht mal einen Zauberstab weißt du." Und wieder besah sie sich neugierig und erleichtert zu gleich den kleinen Stab in Harrys Hand.

„Wie hast du das gemacht? Ich hab meinen extra an meinem Arm gebunden, als ich mich hingelegt habe. Oh, ich hoffe ich hab ihn nicht unterwegs verloren." sagte Helen plötzlich, doch Harry sah sie scharf an.

„Du bist mir ohne Zauberstab in den Wald gefolgt? Bist du verrückt?" Sie waren stehen geblieben und Helen kniff die Augen zusammen, wobei sie nun selbst wütend wurde.

„Nein bin ich nicht, danke Harry. Als ob ich eine Wahl gehabt habe! Überall waren Dementoren, und plötzlich sehe ich wie du seelenruhig und schlafend in den Wald spazierst!" Ihre Stimme klang wieder laut, viel zu laut und der Gedanke an die Dementoren jagte Helen erneut einen Schauer über den Rücken und sie fühlte sich plötzlich sehr schwach.

Harry sah sie an.

„Ich bin an Dementoren vorbeigekommen? Die hab ich gar nicht bemerkt." murmelte er.

„Du Glücklicher." Fauchte Helen zurück, doch Harry schien nun sehr beunruhigt.

„Dann hoffen wir mal, dass die weg sind, bis wir zurückkommen." Und Helen wusste, dass er an seinen schwächlichen Patronus dachte und Helen stieg wieder die Angst hoch.

Sie gingen nun eine Weile schweigend, denn die Anspannung dieser Situation, die Angst und Gefahr hier alleine mitten im Wald zu sein, das Unwissen, welch bösartige Geschöpfe ihnen vielleicht in gerade diesem Moment auflauerten, trieb sie immer weiter an und Helen klammerte sich nun genau so fest an Harry, wie er an sie.

Sie waren aber noch nicht sehr weit gekommen, als Helen und Harry zu streiten begannen. Harry war davon überzeugt, dass sie in die falsche Richtung gingen, und er zog sie immer weiter weg von ihren Weg. Helen wiederum war sich sicher den Weg zurück gefunden zu haben.

„Nein, sieh mal, dort drüben ist Rauch, der könnte aus Hagrids Hütte stammen!" sagte Helen hoffnungsvoll, doch Harry wollte davon nichts wissen.

„Das kann gar nicht sein, die ist noch viel zu weit weg. Ich bin mir sicher, wir müssen hier rüber, Helen!"

Sie zangten sich noch eine Weile, doch Helen gab schließlich, ziemlich mürrisch nach und Harry führte sie auf einen düsteren Pfad, der stark umwachsen war. Sie kämpften sich vorwärts und gerieten einige Male fast ins Stolpern, denn die Erde hier war so weich und sumpfig, dass sie immer wieder knöcheltief darin versanken.

Dann lichteten sich plötzlich die Bäume und Helen meinte schon, sie hätten das Ende des Waldes erreicht, doch das erschien ihr nicht möglich, hatte sie dem schlafenden Harry doch eine gefühlte Ewigkeit verfolgt.

Harry verlangsamte seine Schritte und bedachte Helen mit einem abschätzendem Blick. Zögernd traten die beiden nun auf die Lichtung, wobei ihnen sofort ein starker, widerlicher Geruch in die Nase stieg. Es roch nach faulen Eiern und noch nach etwas Anderem, Bleiigem.

Helen rümpfte die Nase und blickte umher, doch der Strahl von Harrys Zauberstab, hatte bereits die Quelle des Gestanks gefunden - ein totes Tier lag zu ihren Füßen. Helen fuhr unwillkürlich zurück und schmiss Harry dabei fast um.

Gerade noch schaffte er es sich zu stabilisieren und der Griff um ihre Schulter wurde für einen Moment schmerzhaft fest.

„Entschuldige." Nuschelte Helen doch Harry sah auf das Tier hinab.

„Nur ein totes Reh." sagte er dumpf. Helen konnte noch keine Maden erkennen und gefroren schien es auch nicht, also musste es noch einigermaßen frisch sein. Gerade wollten sie sich abwenden, gerade wollten sie ihren Weg fortsetzen, denn diese Lichtung war offenbar nicht ihr Ziel gewesen, da riss Helen vor Entsetzen den Mund auf und Harry fuhr erschrocken zurück.

Der Kadaver zu ihren Füßen hatte plötzlich wild zu rucken und zucken begonnen, und nun bewegte sich ein Stück Fleisch nach außen, ganz langsam, wurde gespannt, als würde jemand daran ziehen. Dann riss es plötzlich ab, baumelte einen Moment in der Schwebe, und verschwand dann direkt vor ihren Augen.

„W, Wie-?" stotterte Harry und die beiden sahen zu, wie erneut große Brocken Fleisch aus dem Körper gerissen wurden, scheinbar von unsichtbaren Händen gezogen und dann direkt in der Luft verschwanden.

Dann stieß von hinten etwas gegen die beiden, und Helen entfuhr ein erschrockener Schrei. Die beiden wirbelten herum, und stürzten nun tatsächlich zu Boden, wobei Harry darauf verzichtete sich abzufangen, um den Zauberstab hoch über den Kopf erheben zu können. So landete er hart mit dem Ellbogen in der Erde, und sah hoch, doch- da war gar niemand.

Sie beide sahen sich erschrocken und ängstlich um, hörten sie doch Geräusche, hörten sie doch wie leise Schritte, wie etwas, was nach Hufen klang, sich durch das angetaute Gras bewegte. Doch sehen konnten sie niemanden. Helen blickte zu Harry und sie meinte jeden Moment vor Schreck in Ohnmacht zu fallen.

Harry drehte langsam den Kopf, noch immer alarmiert, noch immer in Bereitschaft sofort anzugreifen, dann fühlte Helen was an ihrer Hand. Es war, als hätte etwas ziemlich Nasses, was stark an eine Zunge erinnerte, über ihre Wunde gestrichen und das getrocknete Blut abgeleckt.

Helen zog laut keuchend die Hand zurück und drückte sich gegen Harry.

Dieser rappelte sich mühsam hoch, zog an Helens Arm und sagte gespannt: „Lass uns hier verschwinden." und sie verließen die Lichtung, doch nicht ohne sich noch mal umzusehen – der gesamte Rumpf des Rehs baumelte nun in der Luft und wurde, noch während sie hinsahen, in Zwei gerissen.

Sie versuchten nicht darüber nachzudenken, was für Monster zu so etwas in der Lage waren, und hasteten davon.

„Was zum Teufel war das?" fragte Harry keuchend, sobald sie weit genug entfernt waren, um nun keine Kaugeräusche mehr zu hören, doch Helen dachte noch immer an das schleimige Gefühl auf ihrer Haut und sie erschauderte heftig.

„Lass uns einfach gehen!" zischte sie atemlos und eilig beschleunigten sie ihre Schritte.

Auf halber Strecke zurück sagte Harry dann: „Wir nehmen einen anderen Weg. Lass uns da lang gehen."

Also machten sie kehrt, wählten dabei immer noch nicht Helens Weg, doch ihr war es im Moment gleich, dachte sie doch nur daran, diese unsichtbaren, fleischfressenden Kreaturen so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.

Mit Harrys Bein, in der Dunkelheit und dem dichten Sträuchern kamen sie nur sehr langsam voran, und Helen flehte zum Himmel, dass sie dieses Mal in die richtige Richtung gingen.

Harry führte sie nun an und Helen klammerte sich, vor Kälte zitternd, fest an seinen Arm, als er mit seinem Zauberstab den Weg beleuchtete. Die Bäume standen hier viel dichter, und nur wenig Mondlicht drang hindurch. So wie sich die Dunkelheit um sie her immer mehr verstärkte, so wuchs auch das Volumen der Geräusche an. Überall um sie her schuhute, zischte und zirpte es jetzt. Außerdem nahm Helen immer mehr Bewegung um ihre Füße her wahr und sie vermutete, dass sich hier abertausende Insekten tummelten. Noch eine Sache über die Helen lieber nicht nachdenken wollte.

Ihr ganzer Körper schmerzte mittlerweile. Sie war müde, ihre Glieder steifgefroren und gleichzeitig riss sie sich ständig an einer Dorne, oder spitzen Ästen und Steinen die Haut auf. Wie ihre Füße mittlerweile wohl aussahen, mochte sich Helen gar nicht vorstellen und die Bisswunde an ihrer Hand strahlte nun stechende Schmerzen in den gesamten Arm aus.

Helen sehnte sich zwar danach sich endlich aufzuwärmen, doch ihre Müdigkeit war verflogen. Die letzte Begegnung hatte sie wieder aufgeschreckt und nun die unzähligen, krabbelnden Tierchen unter ihren Fußsohlen zu spüren, versetzte sie in eine dauerhafte, ganz eigene Art des Grauens und Helen brachte alle Mühe auf, sich nicht zu beschweren, oder schlichtweg schreiend auf einen Baum zu klettern, um all den Viechern mit ihren vielen Beinen zu entgehen.

Sie versuchte nicht darüber nachzudenken und Harry, der um ihre Angst vor Spinnen wusste trieb sie unbarmherzig weiter.

Doch als das Klackern und Knacken um sie her immer lauter wurde, senkte Helen doch den Blick und sah, um was genau es sich hier handelte. Es waren tatsächlich eine Unmenge an Spinnen in allen Größen und Formen. Sie wuselten zu ihren Füßen und Helen musste einen überraschten Angstschrei unterdrücken. Doch als auch Harry die Vielzahl dieses Getiers und vor allem ihre unnatürliche Größe entdeckte, da wurde er unerwartet bleich.

Das war ungewöhnlich, denn Harry fürchtete sich normalerweise nicht vor Spinnen und sie sah ihn abschätzend an.

„Das ist der falsche Weg, der falsche Weg. Verschwinden wir hier!" sagte er sehr schnell und drängte Helen plötzlich zurück.

Doch sie hatte die letzten zwanzig Minuten damit verbracht, sich durch Dornen und Büsche zu kämpfen, war drei Mal gestürzt und hatte sogar eine Schramme an der Wange kassiert, als sie gegen einen Ast gerannt war. Alles nur um diesen stark umwachsenen Pfad zu folgen. Außerdem lauerte in der anderen Richtung nur das fleischfressende Monster und Helen blieb abrupt stehen.

„Nein Harry, nicht schon wieder, das ist der richtige Weg!"

„Du verstehst nicht!" Fuhr Harry sie an, doch Helen war wütend, ihre Zehen schmerzten und waren an mehreren Stellen aufgerissen und sie wollte nicht schon wieder zurück gehen.

„So kommen wir nie zurück Harry! Wir müssen uns mal für eine Richtung entscheiden! Dahinten wartet nur wieder das fleischfressende Monster!" Helen riss empört die Augen auf und stampfte dann tatsächlich wütend mit dem Fuß auf.

Doch Harry versuchte sie weiter zu zerren.

„Komm schon Helen, weg hier! Und sei bloß nicht zu laut!" Zischte er, wobei nun ein Hauch von Panik in seiner Stimme lag und Helen ließ die Arme sinken. Sie sah ihn scharf an. Jetzt erst bemerkte sie seine Miene und bekam sofort einen Klos im Hals.

„Was - was ist denn dort hinten, Harry?" fragte sie langsam, doch Harry war bleich geworden.

Er sah nun an Helen vorbei und sämtliches Blut schien sein Gesicht verlassen zu haben. Ganz langsam zog er an Helens Arm und sie folgte seiner Berührung ganz automatisch, und verspürte gleichzeitig viel zu große Angst sich umzusehen.

Doch ein Knacken ertönte, und Helens Körper verselbstständigte sich, als ihr Kopf sich langsam drehte und ihre Augen fanden das, was Harry zum Erstarren gebracht hatte.

Als Helen es sah, da konnte sie den spitzen Schrei der ihre Kehle verließ nicht mehr zurückhalten.

Eine Spinne, eine Spinne so groß, wie Helen sie noch nie gesehen hatte. Eine Spinne mit acht Augen stand da. Die linke Hälfte des mächtigen Körpers leicht erhoben, da sie auf einem Felsen stand, und das Mondlicht beleuchtete ihre langen, haarigen und schaurigen Beine. Sie war mindestens einen Meter hoch und klackerte nun mit Fangzähnen die rasiermesserscharf aussahen.

So wie der Schrei Helens Kehle verlassen hatte, da presste Harry ihr schon von hinten die Hand auf den Mund.

Doch es war zu spät. Die Spinne bewegte sich auf sie zu, wobei die acht gigantischen Beine ihr eine ungeheure Geschwindigkeit und Sprungkraft verliehen.

Harry und Helen fuhren herum, stürmten los und Harry schaffte es irgendwie, sich auf Helen zu stützen und sie gleichzeitig mitzuschleifen.

Doch die Spinne war zu schnell für sie. Helen spürte etwas Langes, Dünnes, und gleichzeitig sehr Hartes sich um ihre Wade schlingen, da rief Harry plötzlich:

Stupor!" Der Fluch verfehlte zwar sein Ziel, doch die Spinne zuckte trotzdem vor dem hellen Licht zurück und Helen konnte ihren Fuß aus dem Griff eines langen Beines, das so dick wie ihr Unterarm war, befreien.

Als nächstes ging das Untier nun auf Harry los, der ohnehin so wackelig auf den Beinen war und er stürzte rücklings auf den Boden. Sofort war die Spinne über ihn.

„Nein!" kreischte Helen und zögerte keine Sekunde. Sie verpasste den kugeligen Körper der Spinne von der Seite her einen gepfefferten Fußtritt, der sie fast zwei Meter durch die Luft schleuderte, wie einen Fußball.

„Gut gemacht!" Keuchte Harry, während Helen sich schon bückte um ihn aufzuhelfen. Die Spinne rappelte sich erneut hoch, doch Harry und Helen warteten nicht, um zu sehen, was sie als nächstes tat.

Sie rannten Hals über Kopf davon.

Erst als sie die Spinne einige Minuten weit hinter sich gelassen hatten, kam Harry allmählich wieder zur Ruhe und er versetzte Helen einen bleichen Blick von der Seite.

„Alles okay bei dir?" fragte er mit zittriger Stimme und Helen nickte. Sie traute ihrer Stimme noch nicht ganz.

Sie gingen nun langsamer, waren außer Puste, trauten sich aber nicht, ganz stehen zu bleiben und zu lange an einem Ort zu verweilen.

„Gott sei Dank haben wir nur eine kleine Spinne getroffen." sagte Harry und fuhr sich erschöpft mit der Hand durch die Haare.

In Helen setzte plötzlich etwas aus.

Sie fuhr herum: „Eine kleine Spinne?Eine kleine Spinne?" Siehörte ihre eigene Stimme, doch fand nicht, dass sie sich wie die ihre anhörte. Sie klang wütend und laut aber auch ein bisschen hysterisch.

Helen starrte Harry ungläubig an als sie weitersprach: „Soll das etwa witzig sein?"

Harry hob beschwichtigend die Arme.

„Weißt du was, reden wir einfach über was anderes, ja?" sagte er sehr schnell und Helen verengte die Augen. Sie hatte das Gefühl, er weiche ihr aus. Etwas was ihr gar nicht gefiel, denn nun, wo sie einmal angefangen hatte ihn anzufahren, da fühlte Helen sich plötzlich richtig wütend. Ihr kleines Abenteuer schien endlos und Helen mochte das nicht. Sie hatte keine Lust mehr, hier zu sein. Helen war kein Mensch der nachts draußen rumlief, sich an düstere, gefährliche Orte begab, vor Dementoren und unsichtbaren Monstern floh, oder gegen Riesenspinnen kämpfte. Die Spinne hatte ihr den Rest gegeben und all die Anspannung, all die Angst schienen nun einen Weg aus ihr heraus zu suchen und sie hatten ihr Opfer gefunden.

Wütend deutete sie mit den Finger auf Harry:

Das, ist deine Schuld!" sagte sie laut.

Meine Schuld? Wie ist das bitte meine Schuld?!" gab Harry zurück, der jetzt ebenso wütend wirkte.

„Du bist es doch, der immer solche Abenteuer sucht! Du bist es doch, der genau das will! Zu deinem Glück fehlt dir wahrscheinlich nur noch Black persönlich, oder?" Helens Stimme wurde immer lauter, überschlug sich nun fast und triefte vor zynischem Sarkasmus, doch Harrys Tonfall stand dem ihren um nichts nach als er antwortete:

„Black hat mit dieser Sache überhaupt nichts zu tun, schon vergessen? Außerdem bin ich zumindest nicht freiwillig in den Wald spaziert! Ich hab geschlafen und ich hab noch meinen Zauberstab!"

Helen stemmte wütend die Hände in die Hüften, wobei sie sich zu voller Größe aufrichtete und keifte:

„Freiwillig? Freiwillig? Das nennst du freiwillig? Ich bin deinetwegen hier her gegangen! Ich hab dich gesucht, die halbe Nacht, alleine hier! Ich wurde von einer Doxy gebissen -."

-Doxy? Ja? Sieh dir mal meinen Fuß an-!"

„- und dann find ich dich, am Boden liegen-"

-kann nicht mal mehr auftreten-"

„-und du führst uns von einer schrecklichen Kreatur zur nächsten!"

Dein Weg war falsch!"

„Und deiner war richtig?! Ich hab den Rauch von Hagrids Hütte gesehen!"

„Das macht überhaupt keinen Sinn, Helen! Die ist noch viel zu weit weg von uns, du kannst den gar nicht gesehen haben!"

„Nur weil du ohne Brille blind bist wie ein Flubberwurm Harry, heißt das noch lange nicht, dass das für uns alle gilt!"

„Jetzt sei nicht kindisch Helen, so kommen wir nie hier weg-."

„Ich bin kindisch?! Du willst einfach nicht zugeben, dass wir uns verlaufen haben. Ab jetzt gehen wir meinen Weg!"

„Du hast selbst gesagt, du bist zum ersten Mal hier im Wald! Es macht überhaupt keinen Sinn, wenn du den Weg ansagst Helen!"

„Du machst überhaupt keinen Sinn!"

Harry stöhnte und warf frustriert die Arme in die Luft. Er lies ein wütendes Schnauben hören und sagte dann mit beherrschter Stimme, wobei er den Blick zum Himmel richtete:

„Schön. Wohin willst du gehen, Helen?"

Helen funkelte ihn böse an, doch musste sich dann, nachdem sie ein paar Mal hin und her geblickt hatte eingestehen, dass sie jetzt selbst nicht mehr genau wusste, wo sie eigentlich waren. Nachdem sie der Riesenspinne begegnet waren, hatte Helen nicht mehr darauf geachtet wohin ihre Füße sie trugen. Sie hatte keine Ahnung wie sie zurück zu jenem Pfad kamen, der sie zu Hagrid führte, doch zugeben wollte sie das nicht.

Harry schien sie allerdings genau zu durchschauen. Er hob wartend die Brauen und Helen fuhr ihn trotzig an:

„Wo ist der andere Weg? Der mit dem großen Felsen? Der führt uns zu Hagrids Hütte!"

Harry verzog genervt das Gesicht, und dann, gerade als Helen wieder den Mund öffnete, um sich weiter über ihre Lage zu beschweren, da knackte es plötzlich sehr laut, ganz nahe zu ihrer Linken und die beiden fuhren zusammen.

Helen erstarrte und sah zu Harry. Er winkte sie ganz langsam zu sich, wobei sein Blick in die Büsche gerichtet war. Helen bewegte sich zu Harry, wobei wieder die Angst in ihr hochstieg und ihr Kopf war voll mit Gedanken an Riesenspinnen, Schlangen und anderen Monstern.

Wieder packte sie Harry am Ellenbogen und zusammen starrten sie gebannt in die Dunkelheit.

Das Knacken und Rascheln wurde immer lauter und Helen meinte jeden Moment vor Anspannung zu platzen.

Dann leuchteten plötzlich Augen aus der Finsternis hervor und Helen sog die Luft ein.

Wieder wurden ihre Gedanken überschwemmt mit Bildern von schrecklichen Kreaturen, Kreaturen die Helen in Büchern gesehen hatte, als sie für Hagrid recherchiert hatten, und das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Harry hob den Zauberstab, der Fluch schien ihm schon auf den Lippen, da erstarrten sie plötzlich. Ein großes schwarzes Etwas hatte sich aus den Sträuchern gekämpft und seine großen Augen betrachteten nun abwechselnd Harry und Helen.

Helen riss vor Staunen den Mund auf.

„Harry! Aber das ist doch-."

„Ich weiß, wer das ist." Fuhr Harry dazwischen und zusammen betrachteten sie nun den großen, bärengleichen Hund, der sie vor so vielen Wochen vor Lucius Malfoy gerettet hatte.