14. Dezember: Frühstück
„Hugo, wach auf!"
„Wa?!" Hugo schreckte hoch und blinzelte seine Cousine Lily Potter verwirrt an. „Was is'n?"
„Du bist beim Frühstück eingeschlafen", grinste Lily und deutete auf Hugos kalt gewordenes Spiegelei und völlig aufgeweichtes Müsli. Er seufzte. So weit war es also schon gekommen. Er war zu müde zum Frühstücken. Das Ende war nah. „Was hast du denn gestern so lange gemacht?
„Ob du es glaubst, oder nicht, ich habe meinen Aufsatz für Zaubertränke fertig geschrieben. Kettleburn hat gedroht, uns alle zu vergiften und dabei zuzusehen, wie wir in zwei Stunden das Gegengift zusammenbrauen, wenn wir ihn bis heute nicht fertig haben." Nicht, dass er das wirklich gemacht hätte, ihr Professor war ein sehr lieber Mann, kein so geisteskranker wie Snape es gewesen war, aber bei dem Aufsatz verstand er trotzdem keinen Spaß.
Lily zuckte mit den Schultern. „Selbst Schuld, wenn du auch unbedingt einen UTZ in Zaubertränke machen willst." Lily war miserabel in dem Fach gewesen und hatte es gar nicht schnell genug abwählen können. Sie hatte Ted zum Wahnsinn getrieben, die zwei Mal, als sie ihn um Nachhilfe gebeten hatte. Es war auch nicht Hugos stärkstes Fach, aber das hatte ihn nicht abgehalten.
„Du weißt doch, dass ich Zaubertränke später brauchen werde. Und es ist besser, wenn ich das im Unterricht schon mal gemacht habe, als später alles blind auszuprobieren." Hugo wusste schon ganz genau, was er in ein paar Monaten machen würde, wenn er endlich fertig war mit Hogwarts. Er würde bei Onkel George im Scherzartikelladen anfangen. George hatte ihm zwar schon vor Jahren versichert, dass ihm seine Noten im Grunde völlig egal waren, aber wenn er später bei der Entwicklung von Produkten mitarbeiten wollte und nicht nur im Verkauf, müsste er trotzdem gut Bescheid wissen in Kräuterkunde, Zauberkunst, Verwandlung und Zaubertränke. Verteidigung gegen die dunkeln Künste wäre auch nicht schlecht, wenn auch generell nicht so wichtig wie die anderen Sachen. Hugo war ein bisschen traurig, dass er Wahrsagen nicht weiter machen konnte, das war immer so ein entspanntes und witziges Fach gewesen, aber er hatte mehr als genug zu tun. Er war vielleicht nicht so brillant wie Rose oder seine Mum, aber er war nicht dumm und wenn er auch in keinem Fach über ein E herauskam, war es dennoch harte Arbeit.
„Außerdem, du hast leicht reden, Lil, wer hat denn Geschichte der Zauberei belegt?" Binns wäre vor Schock beinahe noch einmal gestorben, als er gesehen hatte, dass Lily mit dem Fach weiter machen wollte.
„Na und? Es ist wirklich hilfreich, die ganzen geschichtlichen Hintergründe zu kennen, gerade wenn man später seriösen Journalismus betreiben will." Lily hatte absolut nichts übrig für Paparazzi, die sich voller Vergnügen durch das Privatleben von fremden Leuten gruben. Ihr großer Traum war es, später für den Tagespropheten zu arbeiten und seriös über Politik zu schreiben. Dazu war es wohl ganz nützlich, über Geschichte Bescheid zu wissen. Und sie hatte die unerklärliche Gabe, Binns tatsächlich zuhören zu können. Manchmal hatte sie den Geist völlig aus der Fassung gebracht, als sie doch tatsächlich Fragen im Unterricht gestellt hatte. Hätte sein Handy in Hogwarts funktioniert, hätte Hugo ein paar Unterrichtsstunden aufgenommen, um eine Einschlafhilfe zu haben für die Nächte, in denen er nicht schlafen konnte. Das war seiner Meinung nach das einzige, wofür der Unterricht gut war.
„Ich weiß", seufzte Hugo und starrte traurig auf sein Spiegelei. Vorhin hatte es noch so schön ausgesehen. Er zog seinen Zauberstab und versuchte einen einfachen Erwärmungszauber. Nicht perfekt, aber besser als kalt. „Ich bin nur froh, wenn die UTZe endlich vorbei sind." Er hatte gedacht, dass die ZAGs ein Albtraum waren und die UTZe richtiggehend gefürchtet, als er gesehen hatte, wie sehr Rose und Al vor zwei Jahren durchgedreht waren. Er war Onkel George wirklich dankbar dafür, dass er nicht die besten Noten von ihm verlangte. Hugo hatte in den letzten Jahren in jeden Sommerferien bei ihm im Laden ausgeholfen und mit seiner Cousine Lucy auch schon das eine oder andere Produkt entwickelt. Nichts großes, aber George war begeistert gewesen. Er hatte Lucy, die sofort bei George angefangen hatte, nachdem sie mit der Schule fertig war, gefragt, wie wichtig es war, dass er in den Fächern gut war und sie hatte ihm gesagt, dass sie sehr froh war, so hart gearbeitet zu haben, weil das Wissen wirklich unabkömmlich war. Sie hatte sich schrecklich mit Onkel Percy gestritten, weil der unbedingt gewollt hatte, dass sie mit den guten Noten im Ministerium anfing, aber mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, dass seine Tochter das wohl nie tun würde. Und er hielt jedes Produkt, an dem Lucy beteiligt war, stolz jedem unter die Nase, der lange genug stillstand. Sowohl im Fuchsbau als auch im Ministerium. Sein Dad hatte Hugo lachend erzählt, dass er sich einmal vor Onkel Percy auf dem Klo versteckt hatte, damit der ihm nicht Lucys neuestes Furzkissen zeigte.
„Wem sagst du das", seufzte Lily und starrte verträumt in die Leere. „Ich weiß gar nicht mehr, wie das ist, wenn man eine Nacht durchschläft, ohne von Prüfungen zu träumen. Bin ich froh, dass ich keine Heilerin werden will, so wie Rose."
„Wenigstens ist Freitag", sagte Hugo zuversichtlich. Er hatte morgen zwar Quidditchtraining, aber er hatte die ganze Woche hart gearbeitet, damit er dieses Wochenende sonst nichts zu tun hatte. Diese zwei Tage würde er genießen, komme was wolle. Er träumte schon seit Tagen davon, heute Abend in die Küche zu schleichen und sich von den Hauselfen kulinarisch verwöhnen zu lassen. Was für ein Festmal! Und morgen Abend wollte der Muggelclub den neuesten James Bond im Raum der Wünsche schauen, das würde klasse werden.
„Ja. Ich wollte am Abend bei Hagrid vorbei schauen, willst du mit?" Lily goss sich eine heiße Schokolade ein und nahm sich dann einen Teller voller Pfannkuchen, der gerade auf dem Tisch erschienen war.
Hugo nickte begeistert. „Gerne! Ich wollte schon letzte Woche, aber das hat so geregnet."
„Ich weiß", sagte Lily bedauernd. Sie hatten beide sehr gerne Pflege magischer Geschöpfe bei Hagrid gehabt, aber nach den ZAGs hatten sie einfach keine Zeit mehr dafür gehabt. Sie besuchten ihn trotzdem sehr gerne und ließen sich die Geschöpfe zeigen, die er gerade im Unterricht durchnahm. Hugo hatte eine Weile mit dem Gedanken gespielt, auch dieses Fach weiterzumachen, denn man wusste ja nie, was man später mal bei den Zauberscherzen gebrauchen konnte, aber sich letztendlich gedacht, wenn es einen Lehrer gab, den er auch nach der Schule immer um Hilfe bitten konnte, dann war es Hagrid. Hagrid war zwar sehr enttäuscht gewesen, dass so viele Weasleys nicht bis zum UTZ bei ihm blieben, aber er hatte es ihnen nicht übel genommen. Und Lucy hatte ihren UTZ sogar bei Hagrid gemacht, und Scorpius auch, also war es nicht ganz so schlimm. Scorpius' Mum soll wohl fantastisch in Hagrids Unterricht gewesen sein, was Hugo sich immer nur schwer vorstellen konnte. Was wollte so jemand mit Dads und Onkel Harrys Erzfeind?
„Willst du am Abend dann mit in die Küche?" Er hatte zwar alleine gehen wollen, weil Lily längst nicht so viel für das Essen übrig hatte wie er und sie sich in den Kerkern nicht wohl fühlte, nicht mal, wenn sie zur Küche führten, aber wenn sie Hagrid besuchten, dann war es gut möglich, dass sie das Abendessen verpassen würden und Hagrids Kochkünste hatten sich in all den Jahren nicht einen Deut verbessert.
„Nach Hagrids Essen?", seufzte Lily. „Werde ich wohl müssen."
„Ich hab noch ein paar Schokofrösche, wenn du nicht runter willst", bot Hugo großzügig an.
Lily schüttelte den Kopf. „Nö, dann schon lieber die Hauselfen." Sie goss großzügig Sirup über die Pfannkuchen und schnitt ein großes Stück ab. Sie schaute an die Decke der großen Halle und runzelte die Stirn. „Sag mal, will die Eule zu uns?"
Hugo schaute verwirrt auf den Steinkauz, der vor ihnen landete und erwartungsvoll sein Beinchen ausstreckte. Die Eule kam ihm überhaupt nicht bekannt vor. Schnell nahm er dem Vogel den Brief ab, klaute ein Stück Speck von dem Teller eines Drittklässlers, der neben ihm saß und glücklicherweise nichts bemerkte, verfütterte es an die Eule und schaute dann zu, wie das Tier sofort wieder losflog.
Schnell riss er den Umschlag auf und sah die vertraute Handschrift seiner großen Schwester. Das erklärte die Eule. Sowohl Rose als auch Scorpius waren große Katzenfans und hatte im Moment keine eigenen Eulen. Außerhalb von Hogwarts kommunizierte die Familie untereinander vor allem per Handy, deshalb hatten sie sich bisher noch kein Tier gekauft. Rose schrieb ihm kaum, seit sie mit Hogwarts fertig war. Hoffentlich war nichts Schlimmes passiert. Aber dann hätte ihm schon längst seine Mutter geschrieben, seine Eltern hatten eine Eule namens Walpurga.
„Von Rose", informierte er Lily, die ihm neugierig über die Schulter schaute. Rasch überflog er den Brief und schnappte überrascht nach Luft. „Scorpius hat ihr einen Antrag gemacht! Sie wollen im Fuchsbau heiraten, sobald das Schuljahr zu Ende ist!"
Lily schaute ihn mit großen Augen an. „Wirklich?", sagte sie begeistert und klatschte vor Aufregung in die Hände. „Wie schön! Und schon so bald! Da haben wir ja was, worauf wir uns nach den Prüfungen freuen können!"
„Mhm", nickte Hugo nachdenklich. Lily liebte Hochzeiten, kein Wunder, dass sie sich freute. „Aber kommt dir das nicht ein bisschen früh vor?"
„Nein, wieso?", fragte Lily verständnislos. „Hast du die zwei überhaupt mal gesehen? Ich hätte gedacht, die machen das gleich nach Hogwarts, damit Onkel Ron endlich die Klappe hält."
„Da kennst du Dad aber schlecht." Seit Rose und Scorpius zusammen waren, hatte er sich jede Ferien anhören dürfen, was für eine schlechte Wahl Scorpius war. Mit Rose zusammen und manchmal auch, wenn sie nicht da war. Dann hatte Dad ihn immer enttäuscht angesehen und gesagt „Hugo, ich hab dir doch gesagt, dass du als Bruder auf Rosie aufpassen musst, gerade bei Jungs." Das hatte er ihm schon als kleiner Junge eingetrichtert. Hugo hatte das auch immer sehr ernst genommen und jeden Jungen, mit dem Rose zusammen war, genau unter die Lupe genommen. Er war weder von Joseph Corner noch von Daniel Harris ein großer Fan gewesen, die beide vor Scorpius gekommen waren, aber Scorpius selbst war wirklich nichts vorzuwerfen. Er war ein netter Junge und so sehr in Rose verknallt, dass einem manchmal beinahe schlecht wurde, wenn man mit den beiden alleine war. Sein Dad war ein Idiot, wenn er Scorpius nicht mochte. Aber er war auch ein sturer Bock und wenn er wollte, konnte er sich jahrelang an seine Ablehnung für Scorpius klammern. Hugo war ehrlich gesagt überrascht, dass seine Mum ihn noch nicht hatte umstimmen können. Wenn es jemanden gab, auf den sein Vater hörte, dann war es Hugos Mum.
„Ich dachte nur, weil sie eben nicht gleich nach Hogwarts geheiratet haben, wollen sie sich jetzt Zeit lassen." Rose machte eigentlich nie was überstürztes, aber von Molly hätte er auch nie gedacht, dass sie sofort heiraten würde, deshalb hatte er es schon für möglich gehalten. Aber weil sie sich nicht sofort verlobt hatten, hatte Hugo eigentlich erwartet, wenn Rose bis zum dreißigsten Geburtstag gewartet hätte.
„Aber vielleicht wollen sie auch nicht mehr warten, jetzt, wo er ein Jahr nicht da war. Das war doch auch der Grund bei Molly und Justin", gab Lily zu bedenken. Justin war ein Jahr älter gewesen als Molly und die räumliche Trennung hatte den beiden sehr zugesetzt.
„Ich weiß ja nicht", sagte Hugo skeptisch.
Lily verdrehte die Augen. „Merlin, bist du unromantisch, Hugo!"
„Was denn!", verteidigte Hugo sich verständnislos. Rose war noch viel unromantischer als er, Hugo kannte niemanden, der pragmatischer war als seine große Schwester. Lily war die einzige gewesen, die ihre Verabredungen zu Madam Puttifoot geschleppt hatte. Und Al vielleicht. Der Rest von ihnen hatte einen großen Bogen um den Laden gemacht. Wer trank schon gerne Kaffee mit Konfetti drin? Schwachsinn!
Lily schnaubte und schnitt energisch ein weiteres Stück Pfannkuchen ab. „Männer!"
Hugo wandte sich kopfschüttelnd ab und stellte fluchend fest, dass sein Rührei schon wieder kalt geworden war. „Wenigstens haben wir Hagrid heute Abend was zu erzählen."
„Oh ja!", sagte Lily sofort begeistert. „Der wird vor Freude bestimmt anfangen zu weinen. Meinst du, er wird Rose einen seiner Hippogreifs anbieten, der sie zum Altar fliegt? So wie Vicky?"
Hugo verschluckte sich an seinem Kaffee und lachte lauthals. „Oh ja. Das Gesicht möchte ich sehen!"
TBC…
