15. Dezember: Einhörner
„Hugo, wie schön, dass du auch da bist. Ich hab nur mit Lily gerechnet!", sagte Hagrid begeistert, nachdem er die Tür geöffnet hatte. Er hatte seinen Saurüden Wuffy am Kragen gepackt, damit er Lily vor Begeisterung nicht umwarf. Er zog das Tier zurück in seine Hütte und schloss schnell die Tür hinter sich. „Ich hab leider nich mehr viele Kekse für euch. Ich könnt noch 'nen Hackbraten machen, wenn ihr 'n bisschen Zeit mitgebracht habt-"
„Nein, nein, Hagrid, vielen Dank", sagte Lily so schnell sie konnte und tätschelte seinen Arm. „Wir brauchen kein Abendessen, Hugo wollte mich nachher sowieso noch in die Küche mitnehmen, das ist schon in Ordnung." Hugo atmete erleichtert durch. Er aß zwar so ziemlich alles, und im Gegensatz zu den meisten anderen aus seiner Familie fand er, dass Hagrids Essen gar nicht mal so schlecht schmeckte. Es hatte nur meistens eine grauenvolle Textur und wenn man sich an seinen Keksen fast die Zähne ausbiss war es auch egal, wie gut oder schlecht sie schmeckten.
„Na dann ist ja gut", sagte Hagrid erleichtert und griff nach der Laterne, die bei der Eingangstür stand. „Schade, dass ihr nich schon 'n bisschen früher habt kommen können, wo's noch heller war, aber macht nichts, wird euch auch so gefallen. Besonders dir, Lil."
„Was willst du uns denn zeigen, Hagrid?", fragte Lily aufgeregt. Sie konnte den meisten magischen Wesen etwas abgewinnen, auch wenn sie kein Fan von den Thestralen war. Es war aber auch gruselig, dachte Hugo, wenn da irgendwelche unsichtbaren Tiere um einen herumschlichen. Er fragte sich bis heute, wie seine Eltern es geschafft hatten auf diesen Viechern bis nach London zu fliegen. Die hatten sie doch nicht alle gehabt.
„Ich hab diese Woche Einhörner mit allen meinen Gruppen durchgenommen. Die wollen zwar jetzt ihre Ruhe haben, aber für dich machen sie bestimmt 'ne Ausnahme, Lily. Die Fohlen haben dich ja jedes Jahr geliebt. Ich glaub, die haben dich richtig vermisst."
„Wirklich?", fragte Lily glücklich. Einhörner waren schon ihre Lieblingstiere gewesen, seit sie ein kleines Mädchen war. Sie wäre fast vor Aufregung in Ohnmacht gefallen, als Hagrid ihnen gesagt hatte, dass sie sie im Unterricht drannehmen würden. Hugo konnte sich noch gut daran erinnern, dass Lily sich als Kind liebend gerne Geschichten ausgedacht hatte über Sylvia das Einhorn. Sie hatte ganze Notizbücher voll mit den Erlebnissen von Sylvia, die sie irgendwann ihren eigenen Kindern vorlesen wollte.
„Jep", nickte Hagrid und führte die beiden von der Hütte weg. „Wenn du willst, kannst du dich auch an die Fohlen rantrauen, Hugo, du hast ja auch 'n sehr gutes Händchen für die gehabt. Und nächste Woche will euer Onkel George vorbeikommen und sich für 'n paar Tränke Einhornpulver abholen, das is immer am wirksamsten, wenn ich's bei Vollmond besorge." Onkel George bekam viele seiner Zutaten von Hagrid und Neville. Deshalb waren seine Tränke so effektiv, weil er die qualitativ hochwertigsten und frischsten Zutaten verwendete.
„Ja, er hat Fred und Roxy geschrieben, dass er vielleicht kurz vorbei schauen wird und gefragt, ob es ihnen zu peinlich wäre, wenn er mit ihnen Abendessen würde", fiel es Hugo wieder ein. Sein Kopf war mittlerweile schon so voll von Prüfungsfragen, dass er das meiste andere um sich herum so gut ignorierte wie er konnte.
„Und?", fragte Hagrid grinsend. „Darf er?"
„Na klar", lachte Hugo. „Onkel George kann doch niemandem peinlich sein. Fast alle aus der Schule haben schon mal was von ihm gekauft." Unter den Schülern war er ein noch viel größerer Held als Onkel Harry oder Hugos Eltern. Und jetzt, wo er sich daran erinnert hatte, dass Onkel George vorbeikam, konnte er es kaum erwarten, ihn zu sehen.
„Er hatte ja schon immer so gute Ideen", erinnerte Hagrid sich schwärmerisch. „Meine Güte, haben die anderen Lehrer sich immer über ihn und Fred aufgeregt, das hättet ihr mal hör'n soll'n. Besonders Professor Snape. Und Filch erst! Nur Minerva und Fillius waren immer ganz begeistert von den Sachen, die die zwei gemacht ham. Haben's ihnen natürlich nie gesagt, man muss ja 'ne Autoritätsperson bleiben, nich wahr, aber die beiden haben das Können derZwillinge immer bewundert, weil die sehr fortschrittliche Sprüche benutzt haben. Ich weiß noch, einaml ham sie 'ne halbe Stunde rumgerätselt, was sie für Sprüche benutzt ham."
„Ach ja?", fragte Hugo grinsend. Professor Flitwick unterrichtete immer noch Zauberkunst und Hugo konnte seinen Professor genau vor sich sehen. Professor McGonagall war ein Jahr, nachdem Ted an die Schule gekommen war, in den Ruhestand gegangen, aber sie tauchte manchmal auf den großen Feiern der Weasleys auf. Bei ihr fiel es Hugo schon schwerer, sich das vorzustellen, so ernst und zugeknöpft, wie die ehemalige Lehrerin wirkte.
„Ja. Eure Onkel waren richtig berüchtigt", erwiderte Hagrid und machte bei der großen Weide halt. „Wirklich schade, dass ihr Fred nich kennen lernen konntet, zusammen waren die Zwillinge unschlagbar."
„Das kann ich mir gar nicht richtig vorstellen", seufzte Lily traurig. „Dass es einen zweiten Onkel George gibt. Sogar mit Ohr. Die einzigen Zwillinge, die wir kennen, sind Louis und Dominique, und das ist absolut nicht vergleichbar."
„Is' wahrscheinlich was ganz anderes, wenn es zwei Jungs sind oder ein Mädchen und ein Junge."
Das war es wohl. Dominique und Louis verstanden sich sehr gut, könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Dass die zwei ein gemeinsames Geschäft aufgezogen hätten, wäre ihnen im Traum nicht eingefallen. Und hätte wahrscheinlich zu Mord und Totschlag geführt.
„Na ja, genug davon, gehen wir zu den Einhörnern, bevor es ganz dunkel is", schlug Hagrid vor und öffnete das Gatter. Eine ganze Gruppe Einhörner standen zusammengedrängt ein paar Meter entfernt. Lily und Hagrid näherten sich unerschrocken den Tieren, Hugo hielt vorsichtshalber etwas Abstand. Er hatte nicht vergessen, wie damals ein Einhorn einen seiner Mitschüler so fest getreten hatte, dass der auf die Krankenstation musste. Selber Schuld, wenn man nicht auf Hagrid hörte, der hatte oft genug gesagt, dass ausgewachsene Einhörner Jungen sehr skeptisch gegenüberstanden.
Lily hatte keine Hemmungen und stürzte sich praktisch auf das nächste Einhorn, das sich geduldig von ihr streicheln ließ.
„Das ist herrlich, Hagrid", seufzte sie glücklich. „Kann ich eins von ihnen mitnehmen, gegen den Prüfungsstress?", fragte sie hoffnungsvoll.
Hagrid lachte und führte Hugo zu einem von den Fohlen. Vorsichtig berührte er das Tier und atmete erleichtert durch, als es sich nicht an ihm störte. Es war herrlich warm und wirklich sehr beruhigend, das Tier zu streicheln. Er konnte fühlen, wie der Stress langsam von ihm abfiel.
„Ich würd euch ja liebend gerne eins mitgeben, aber ich fürchte, die Tiere würden sich im Turm nich sonderlich wohl fühlen, Lil. Aber ich hab sie noch zwei Wochen hier auf der Weide, bis die Fohlen etwas größer sind, also wenn du in den nächsten Tagen noch mal kurz vorbei kommen willst..."
„Gerne", sagte Lily glücklich. „Vielleicht nehme ich Fred mit, der wird von seinen ZAGs dieses Jahr auch erschlagen." Sie hätte Fred und Roxy gerne schon heute mitgenommen, aber weder sie noch Hugo hatten die beiden heute zu Gesicht gekriegt. Ihre Freistunden lagen aber auch so ungünstig, dass sie ihrer Cousine und ihrem Cousin unter der Woche kaum über den Weg liefen.
„Solltest du ihn nicht sehen, kann ich's ihm morgen beim Training sagen", erwiderte Hugo schulterzuckend und fuhr dem Fohlen durch die Mähne. Seit James' Weggang hatte Gryffindor keinen so vielversprechenden Spieler wie Fred gehabt. Hugo war zwar auch ziemlich gut, aber Fred konnte er nicht das Wasser reichen. Hugos Dad scherzte immer, dass sich die Gene seiner Mum ja irgendwie rächen mussten. Fred hatte stattdessen zwei richtige Quidditchasse als Eltern, das konnte man gar nicht vergleichen. Seine kleine Schwester Roxanne war als Ersatzspielerin in der Mannschaft, aber ihr war der Sport nicht ganz so wichtig wie ihrem Bruder. Sie tüftelte lieber jetzt schon an Ideen für den Scherzartikelladen, denn sie war sogar noch entschlossener als Hugo, später dort zu arbeiten. Hugo freute sich schon darauf, wenn sie endlich zusammen arbeiten konnten. „Dann kann ich ihm auch gleich das von Rose erzählen."
„Was is denn mit Rosie?", fragte Hagrid besorgt. „Is sie krank? Oder is was mit Scorpius?"
„Nein, nein", sagte Lily sofort. „Sie will heiraten. Gleich, wenn das Schuljahr zu Ende ist, damit wir alle dabei sein können."
„Wirklich?", fragte Hagrid und strahlte über das ganze Gesicht. „Das is ja wunderbar! Ich hab mich schon gefragt, wann es endlich soweit is bei den beiden, so über beide Ohren verliebt wie die sind." Er umarmte das Einhorn, das ihm am nächsten war, und drückte es überschwänglich an sich. „Ob Scorpius' Mum dabei is? Ich würd sie so gern wiedersehen, ich hab in ein paar Wochen einen Babyhippogreif, ich könnte ihre Hilfe beim Training brauchen. Meint ihr, sie hat ein bisschen Zeit, in den Ferien mal bei mir vorbeizuschauen?"
Hugo und Lily schauten sich hilflos an und zuckten mit den Schultern. Hugo hatte Scorpius' Eltern nur auf dem Bahnsteig gesehen, wenn sie ihr zur Schule brachten oder abholten. Er hatte keine Ahnung, wie seine Mutter war. Rose und Al sagten immer, dass sie wirklich nett war und mit Abstand die liebste Person in Scorpius' Familie, aber mehr wusste Hugo nicht. Wenn er an das dachte, was sein Vater ihm immer erzählte, hatte Hugo so seine Zweifel, dass Draco Malfoy sonderlich begeistert sein würde, wenn seine Frau Hagrid mit einem Hippogreif half.
„Naja, ich werd ja bei der Hochzeit Gelegenheit haben, sie zu fragen", sagte Hagrid hoffnungsvoll. Dann verzog sich sein Gesicht und er schaute Lily und Hugo besorgt an. „Außer ich bin nicht eingeladen?"
Hugo schüttelte entschieden den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dich nicht einladen. Du bist doch Hagrid!" Er war einer der ersten gewesen, der seine Eltern nach der Geburt besucht hatte. Rose und er hatten beide ein gerahmtes Foto, wie Hagrid sie nur Stunden nach der Geburt im Arm hielt. Sie waren beide zwar kaum zu sehen, so klein waren sie in Hagrids riesigen Pranken, aber sein tränenüberströmtes glückliches Gesicht war einfach nur fantastisch.
„Außerdem hat Rose geschrieben, dass sie die Hochzeit extra so legen wollen, dass wir alle Ferien haben. Nicht so, wie Louis und Annie."
„Louis und Annie?", fragte Hugo stirnrunzelnd. „Wann wollen die denn heiraten?" Er wusste, dass Louis und seine Jugendliebe, Dominiques beste Freundin Annie, verlobt waren, aber er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wann der Termin war. Er wusste nur, dass die beiden im kleinen Kreis heiraten wollten, weil Annie der Aufwand einer großen Feier zuwider war und sie irgendwann später eine Party für alle aus der Familie schmeißen wollten, die nicht kommen konnten. Hugo störte das nicht weiter. Er mochte Hochzeiten, besonders wegen des tollen Essens, aber der viele Smalltalk und das lange Stillsitzen war jetzt nicht so seins. Außerdem war Louis doch schon ein ganzes Stück älter als Hugo und er hatte nie so viel Zeit mit ihm verbracht, deshalb fand er es nicht so schlimm, dass er nicht dabei war, wie es das gewesen wäre, wenn seine große Schwester ohne ihn geheiratet hätte.
„Merlin, Hugo, du Ignorant!", sagte Lily augenverdrehend. „Die heiraten in zwei Wochen, am Valentinstag!"
„Oh", murmelte Hugo. „Ist das nicht ein bisschen übertrieben?"
„Übertrieben? Das ist der romantischste Tag des Jahres!", widersprach Lily. „Ist doch süß."
Naja. Hugo fand den ganzen Tag völlig übertrieben. In Hogwarts hasste er ihn immer wie die Pest und war nur froh, dass er an dem Tag noch nie eine Freundin gehabt hatte. Es reichte völlig, dass herzförmiges Konfetti von der Decke der Großen Halle segelte und in seinem Kaffee aufweichte, da brauchte er nicht noch den Stress, von Neville eine Rose kaufen zu müssen, der den Erlös jedes Jahr ans Mungo spendete, oder irgendein Gedicht zu schreiben oder was für romantischer Scheiß von ihm erwartet wurde. Die Vorstellung, an dem Tag sogar noch zu heiraten … na gute Nacht. Wahrscheinlich hatte er deshalb die Hochzeit von Louis und Annie komplett verdrängt.
„Na wenn du meinst", murmelte er unverbindlich. Lily war schon immer eine Romantikerin gewesen und würde es immer bleiben. Sie hatte ihre Hochzeit wahrscheinlich schon bis ins kleinste Detail durchgeplant, nur der passende Mann musste sich da noch reinfügen.
„Die Frau, die dich mal abkriegt, kann sich wirklich glücklich schätzen", sagte Lily sarkastisch und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Jetzt sei mal nich so, Lil, unser Hugo is doch ein sehr guter Fang, nich wahr?", erwiderte Hagrid versöhnlich und klopfte Hugo so stark auf die Schulter, dass der mehrere Zentimeter im Boden versank. „Mach dir keine Sorgen", raunte er ihm leise zu. „Du wirst die Richtige schon noch finden."
„Danke", sagte Hugo mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Das bedeutet mir viel." Wenn es nach ihm ginge, dann konnte die Richtige noch eine ganze Weile auf sich warten lassen, aber das würde er diesen Romantikern hier doch nicht unter die Nase binden.
TBC…
A/N:
Schwesterherz: Das freut mich, dass du dich noch daran erinnert hast, wieder bei mir vorbeizuschauen. Sind mir wenigstens zwei treue Leserinnen auf der Seite hier erhalten geblieben, ich hab schon befürchtet, dass keiner mehr übrig ist. Schön, dass ich dich mit meinem Universium noch zu Harry Potter zurück holen kann, ohne wäre ich ehrlich gesagt auch nicht mehr hier. (Ich hab für die Hochzeit hier die Kapitel aus dem siebten Buch gelesen, in denen es um Bills Hochzeit geht, um zu sehen, wie die abgelaufen ist, und war ganz überrascht, wie schnell mich das Buch wieder in seinen Bann gezogen hat. Ist schon eine Weile her, dass ich die Bücher zum letzten Mal gelesen hab.)
