Ich hatte die Arme fest um Paul geschlungen, vielleicht fester als es nötig gewesen wäre. Der kühle Fahrtwind schien etwas Klarheit in meinen Kopf zu bringen. Ich schloss die Augen und legte meinen Kopf zwischen Pauls Schulterblätter.
Auch wenn ich nicht verstand was passierte, wie es sein konnte dass ich mich ebenso zu ihm hingezogen fühlte wie zu Dwayne, war es gerade nicht wichtig. Ich hatte mich seit dem Tod meiner Schwester immer so zerrissen gefühlt, doch in den letzten Tagen schien der Schmerz weniger zu werden.
„Wir sind da, Prinzessin." Ich hatte gar nicht bemerkt, dass wir angehalten hatten. Pauls kühle Finger strichen sanft über meine Hände und er lächelte mich über die Schulter an. Etwas widerwillig löste ich mich von ihm und stieg vom Motorrad. Mit seinem typisch schelmischen Grinsen legte er den Arm um meine Schulter.
Wir hatten vor einer Bar angehalten, die mir hier an der Promenade bisher nie aufgefallen war. Offenbar war sie gut besucht, zumindest deutete der Lärm von drinnen darauf hin. Paul griff meine Hand und zog mich mit sich nach drinnen.
Es war sehr voll. Sowohl auf der Tanzfläche als auch an der Bar. Ich war stehen geblieben ohne dass ich es gemerkt hatte. Die Leute auf der Tanzfläche bewegten sich zu lauter Rockmusik, manche standen herum und unterhielten sich, tranken etwas oder rauchten. Ich mochte die Atmosphäre.
„Holen wir uns erstmal was zu trinken, Prinzessin." Paul war hinter mich getreten, beide Hände an meiner Hüfte. Ich nickte und bemerke sehr wohl die teils hasserfüllten Blicke einiger Mädchen als er mich sanft vor sich her zu Bar schob.
„Was willst du haben?" Er hatte uns ohne Probleme an die Bar manövriert wo ich jetzt zwischen der Theke vor mir und seinem Körper hinter mir eingeschlossen war.
„Mir egal…" antwortete ich und sog scharf die Luft ein. Paul hatte spielerisch kurz seine Zähne über meinen Hals gleiten lassen und kicherte jetzt.
„Entspann dich, Süße. Ich würde das nie ohne deine Erlaubnis tun." Er drückte mir ein Glas in die Hand. Wann hatte er denn bestellt? Vorsichtig nahm ich einen Schluck als er das Glas langsam mit einem Finger gegen meine Lippen kippte. Es schmeckte fruchtig, aber man spürte den Alkohol.
Er lächelte mich an und schob mich an einen gerade frei gewordenen Stehtisch. Ich starrte einige Zeit nur vor mich hin, versuchte nicht die Gedanken zuzulassen, die versuchten sich in mein Bewusstsein zu drängen. Ich wollte die Zweifel nicht. Ich wollte nicht an Dwayne denken. Ich wollte nicht darüber nachdenken, dass ich gerade mit Paul hier war und ihn geküsst hatte.
Etwas verwirrt sah mir Paul nach als ich in einem Zug mein Glas leerte und wortlos zur Bar ging. Ich knallte dem Barkeeper einen 50er auf die Theke und sagte ihm er solle mir einfach eine Flasche Rum und zwei Gläser geben.
Als er nicht reagierte knallte ich ihm meinen Ausweis mit auf die Theke und nach einer kurzen Prüfung bekam ich was ich wollte, inklusive Wechselgeld.
„Wir werden also heute noch ein wenig Spaß haben." Bemerkte mein Begleiter mit einem Grinsen als ich unsere Gläser füllte. Statt einer Antwort kippte ich den Inhalt meines Glases hinunter und füllte es direkt wieder.
Nach ein paar Minuten konnte ich spüren wie die Anspannung langsam abfiel.
„Besser?" Paul sah mich durchdringend an.
„Ja. Wenn die Flasche leer ist wird es mir sogar gut gehen." Er zog die Augenbrauen hoch, lies das aber unkommentiert.
Ich griff seinen Arm und zog ihn zur Tanzfläche. Ich hatte jetzt Lust zu tanzen, dafür waren wir ja schließlich her gekommen. Wie schon vor ein paar Tagen am Strand lies ich mich von der Musik fort tragen. Musik war etwas das ich brauchte, auch wenn ich selbst der nicht sonderlich musikalisch veranlagt war.
Ich mochte es wie Paul scheinbar mühelos seine Bewegungen meinen anpasste. Mal lies er mir Platz um alleine zu tanzen, dann wieder lagen seine Hände an meiner Hüfte und bewegten mich mit ihm oder er bewegte sich einfach eng an mich geschmiegt mit mir.
Ich genoss es. Wahrscheinlich mehr als ich sollte.
„Ich muss mal kurz weg, Prinzessin.", raunte mir Paul ins Ohr und ich brummte unwillig. Entschuldigend gab er mir einen schnellen Kuss und verschwand dann zwischen den Tanzenden.
Ich schüttelte den Kopf und tanzte einfach weiter bis ich mit jemandem zusammenprallte. Moment, die kurzen Haare und das Piercing kannte ich doch.
„Tom?" Überrascht sah er mich an und grinste dann.
„Hey Kim. Geht es dir wieder besser? Hab gehör, dass du eine unschöne Begegnung mit einem Wolf hattest." Er sah mich mit ehrlicher Erleichterung an. Wahrscheinlich hatte Michael im Laden angerufen und Bescheid gesagt, dass ich nicht kommen konnte.
„Ja, es geht mir viel besser. Ich bin mit dem Schrecken und ein paar Kratzern davon gekommen." Lächelnd nahm ich ihm seine Bierflasche ab und gab sie ihm nach einem tiefen Zug zurück. Ich schwankte kurz, langsam merkte ich, dass ich fast die halbe Flasche Rum alleine getrunken hatte.
Tom stütze mich und dankbar lies ich mich gegen ihn sinken. Er legte den Arm um mich und bewegte uns im Takt zu dem sehr langsamen Lied, das gerade lief.
„Geht es dir sonst gut?" Seine Stimme war so nah an meinem Ohr, dass sein Atem auf meiner Haut kitzelte.
„Naja… Ich bin von Zuhause abgehauen…" Ich spürte seine Finger an meinem Kinn als er mich zwang ihn anzusehen.
„Du weißt, dass du nur fragen musst, wenn du einen Platz zum Schlafen brauchst. Es ist egal warum du weggelaufen bist, das brauche ich nicht zu wissen." Ich schloss einen Moment die Augen. Wenn es doch nur so einfach wäre…"
„Tom, ich kann nicht…" überrumpelt riss ich die Augen auf. Er hatte den Abstand zwischen und überbrückt und presste seine Lippen auf meine. Ich fühlte nichts. Nicht wie bei Dwayne, der mir das Gefühl gab in Sicherheit zu sein. Nicht wie bei Paul, der mir das Gefühl gab stark zu sein.
Tom schien zu spüren, dass ich den Kuss nicht erwiderte. Sein Gesicht war wieder so weit entfernt, dass er mich ansehen konnte. Er hielt mich trotzdem weiter nah an sich.
„Es tut mir Leid…", flüsterte ich. Ich wünschte ich könnte ihm das geben was e offenbar sah. Ich wünschte ich könnte das fühlen was er sich erhofft hatte. Ich mochte ihn und fühlte mich bei ihm wohl, aber eben nicht mehr.
„Nein, mir tut es leid. Ich dachte nur…" Er wurde nach hinten gezogen und ich fiel fast hin als er mich abrupt losließ.
„Tom, Tom, Tom… Also wirklich. Mit deiner Angestellten." Paul stand hinter ihm und machte ein missbilligendes Geräusch. Tom drehte sich zu ihm um und sagte etwas, das ich nicht verstand. Der Blick des Blonden verdunkelte sich und er starrte Tom an.
Irgendjemand rempelte mich an und verschüttete sein Getränk über mich. Na toll, jetzt hatte ich einen gelben Fleck auf meiner weißen Bluse.
Ich ging in Richtung der Toiletten, Paul war ohnehin so in seinen Wortwechsel mit Tom vertieft, dass er es nicht merken würde.
Ich stand vor dem Waschbecken und versuchte unter dem Wasserhahn den Fleck aus meinem Oberteil zu waschen. Irgendjemand betrat den kleinen Raum, zumindest hörte ich dumpf die Tür knarren.
Plötzlich wurde ich herum gedreht und stand vor meinem anderen Problem. Er sah wütend aus und zum ersten Mal hatte ich ein wenig Angst vor ihm.
„Dwayne…" Er griff nach mir und hielt mich zwischen sich und dem Waschbecken gefangen. Er beugte sich zu mir herunter, sog die Luft ein und lies ein dunkles Knurren vernehmen.
„Du stinkst nach ihm." Er hob mich auf die schmale Ablagefläche neben dem Becken und schob sich zwischen meine Beine. Seine Hände glitten an mein Gesicht, neigten meinen Kopf so, dass ich ihn ansehen musste. Sein Blick war wieder weicher geworden. Er beobachtete meine Reaktion als sein Gesicht meinem näher kam.
„Ich will ihn nie wieder an dir riechen, Kätzchen. Nie wieder." Redete er von Paul? Ich hatte keine Zeit weiter darüber nachzudenken. Sanft glitten seine Lippen über meine und sofort war da dieses Kribbeln, das ich vor wenigen Minuten so vermisst hatte.
Ich seufzte als seine Hände langsam nach unten glitten und er mich fordernder küsste als ich keinen Widerstand leistete. Wie von selbst griff meine linke Hand nach seiner Jacke und meine Rechte in seine weichen Haare um ihn näher an mich zu ziehen. Er brummte zufrieden in den Kuss hinein als seine Hände fest mein Becken griffen und ich die Beine um seine Hüfte schlang.
Mit einem leisen Wimmern gewährte ich seiner Zunge Einlass in meinen Mund. Ich brauchte ihn gerade so sehr, und das lag nicht nur am Alkohol. Ihm schien es ähnlich zu ergehen, er wurde immer fordernder und presste sich fest gegen meinen Körper.
„Hebt euch das für Zuhause auf. Wir gehen Dwayne." Dwayne löste sich leicht von mir und knurrte unwillig, während ich mich keuchend an ihn klammerte.
„Jetzt Dwayne! Wir bekommen gleich Besuch. Paul hat heute dem falschen ans Bein gepinkelt." David stand wartend in der Tür und trommelte mit den Fingern gegen das Holz.
„Wir sind noch nicht fertig, Kätzchen. Versprochen." Bei diesen Worten spürte ich ein heißes Kribbeln durch meinen Körper zucken. Mit einem letzten Kuss half Dwayne mir wieder auf die Füße und hielt mich eng an sich gepresst als wir die Toilette hinter David verließen.
Vor der Bar wartete Paul schon auf seinem Bike und kurz zog sich alles in mir zusammen. Doch als er mir ein verschmitztes Grinsen zuwarf legte sich das Gefühl sofort wieder.
Ich blieb unsicher stehen. Ich wusste nicht mit wem ich jetzt fahren sollte. Mit Dwayne oder Paul. Selbstverständlich zog Dwayne mich mit sich und bedeutete mir auf seiner Maschine Platz zu nehmen. Kaum saß ich lies er sich hinter mir auf den Sitz fallen und zog mich an der Hüfte ein Stück nach hinten bis ich eng zwischen seine muskulösen Oberschenkel geklemmt saß.
„Halt dich hier vorne fest. Wir machen gleich ordentlich Tempo." Er nahm meine Hände und legte sie neben seinen an den Lenker. Im selben Moment erwachten alle drei Motorräder brüllend zum Leben und mit quietschenden Reifen fuhren sie los.
Ein Ruck ging durch meinen Körper und ich war froh Dwayne wie eine Art Überrollkäfig um mich zu fühlen.
Undeutlich sah ich eine Gruppe Männer, die sich uns offenbar in den Weg stellen wollten, doch die drei Vampire schossen ohne Rücksicht auf die Gruppe zu und durch sie hindurch. Ich unterdrückte einen erschreckten Schrei und konnte den Druck auf mich spüren, als Dwayne immer schneller wurde und wir in der Nacht verschwanden.
