Coruscant - im Jahre 13 nach der Schlacht von Yavin – zwölf Jahre vor der Invasion der Yuuzhan Vong

Borsk Fey'lya hatte bereits mehrfach versucht, Amorrn zu erreichen. Sein wichtigster politischer Berater hatte ihm geraten, für eine Weile die Füße still zu halten, wenn es darum ging, seine härteste Widersacherin, die Staatschefin Leia Organa-Solo, persönlich zu unterhöhlen. Nicht dass der Senator für den Planeten Bothawui nach neun Jahren Bekanntschaft noch allzu viele Ratschläge von dem blonden Menschen nötig gehabt hätte. Aber vor zwei Wochen war Xbrr-Zinngogg, der Abgesandte von Rhommamool, nach Coruscant gekommen. Und nach dem Besuch des Gran im Senat fand es der Bothaner an der Zeit, diese Zurückhaltung gegenüber der prominenten Menschenfrau fahren zu lassen. Und mit Rückendeckung von seinem politischen Ziehvater würde ihm das erheblich leichter fallen und angenehmer sein.

Er musste den halben Tag warten, bis ihn Amorrn endlich zurückrief. „Sie scheinen noch beschäftigter zu sein als ich", eröffnete der Bothaner das Gespräch.

„Vielleicht bin ich das ja", sagte der semmelblonde Mensch nebulös.

„Haben Sie nicht mal Lust, in meinem Büro vorbeizuschauen, ich hätte da einiges auf dem Herzen, was ich nur unter vier Augen besprechen möchte."

Das blaue Holobild Amorrns wurde nachdenklich. „Ich schau mal in meinem Terminkalender nach."

Der Senator musste eine Weile warten, bis sich der andere wieder meldete. „In acht Tagen hätte ich Zeit", bot Amorrn an.

Jetzt war es an Borsk Fey'lya, zu schauen, ob der Termin passte. „Da muss ich zwei Termine umdisponieren", sagte der Bothaner, obwohl das überhaupt nicht stimmte. „Aber ja, ich würde mich freuen."

Als Nom Anor in seinem alten Ooglith-Hüller durch den Gang des ehemaligen imperialen Palasts lief, wirkte er wie einer von vielen Menschen, die im Senat mehr als gut vertreten waren. Senatoren, deren Mitarbeiter und Protokolldroiden gingen an ihm vorüber. Er bedachte jeden mit dem gleichen flüchtig-neutralen Blick und ließ sich schließlich unter einem jener orange gesprenkelten Ch'hala-Bäume nieder, die den Hauptgang zum Sitzungssaal säumten. Es dauerte zehn Minuten, bis sein Schützling auftauchte.

Nom Anor sah, wie Borsk Fey'lya besorgt dreinschaute, als er seiner ansichtig wurde. Er hatte das erwartet und würde es für seine Zwecke nutzen.

„Schön, dass Sie die Zeit gefunden haben, Amorrn. So kommen Sie doch mit", lud ihn der Bothaner mit dem cremefarbenen Fell ein.

Sie gingen nebeneinanderher ins Büro. Staatschefin Leia Organa-Solo kam ihnen entgegen.

„Borsk", begann Leia, „Haben Sie Zeit, sich mit mir und Senator A'Kla über die Einrichtung der geplanten Kommission für die Überwachung des Waffenstillstandes mit dem Imperium zu unterhalten?"

„Erst in ca. zwei Stunden", sagte Fey'lya kühl.

Leias braune Augen signalisierten Enttäuschung. Dann fiel ihr Blick auf den hellblonden Amorrn.

„Sie kommen mir bekannt vor", sagte die Staatschefin mit einem gewinnenden Lächeln.

Nom Anor erwiderte das Lächeln. „Ich bezweifle, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Aber ich habe sicherlich etliche Doppelgänger."

Leia ließ nicht locker. „Wie heißen und woher kommen Sie?"

„Ich bin Amorrn vom Programm der Politischen Legislative von Hanna City auf Chandrila."

„Ach, daher kenne ich sie", meinte Leia und zupfte sich eine Schläfenhaarsträhne von der Wange. „Dann habe ich schon einiges von Ihnen gehört. Und das, obwohl Sie in letzter Zeit dort recht selten waren."

Nom Anors Miene signalisierte Bedauern. „Politik ist gut und schön, aber derzeit halten mich viele geschäftliche Angelegenheiten davon ab."

Er zwinkerte Fey'lya zu, bevor er zu Leia sagte. „Es hat mich gefreut, Staatschefin Organa-Solo."

Sie ließen Leia stehen und gingen endlich ins Büro.

„Leia hätte wohl gerne noch weiter mit Ihnen geplaudert, Amorrn", sagte Borsk, nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

Nom Anor zwinkerte dem Bothaner zu. „Offenbar schätzt die Staatschefin Sie derart, dass sie gerne wissen möchte, mit welchen Leuten Sie sich treffen."

Borsk lachte kurz auf. „Soll sie doch. Vielleicht haben Sie ja vom Auftritt des Botschafters von Rhommamool hier auf Coruscant gehört."

Nom Anor horchte auf. „Er soll sehr verärgert gewesen sein."

Natürlich wusste Nom Anor, dass der Botschafter des Planeten, auf welchem er sich eingenistet hatte, nicht nur verärgert gewesen war, sondern gar wütend, verzweifelt, verbittert. Die Gran waren ohnehin eine nachtragende Spezies und so schnell würde Xbrr-Zinngogg Leias Grinsen in sein dreiäugiges Gesicht bestimmt nicht vergessen. Der Botschafter hatte nach seiner Rückkehr dem Senat in Redhaven davon berichtet und der Bürgermeister Tamaktis Breetha hatte es Nom Anor weitererzählt, aber der Bothaner durfte nicht wissen, dass auf Rhommamool sein neuer Lebensmittelpunkt war.

„Er ist zu mir ins Büro gekommen und hat sich über Leia Organa beschwert", begann Borsk, zum Kern seines Anliegens vorzustoßen. „Xbrr-Zinngogg wirft der Staatschefin Ignoranz und Arroganz vor, weil sie ihm ins Gesicht gelacht hat. Ich habe ihn natürlich darin bestärkt, dass Menschen nun einmal so sind, wenn Gran oder andere Nichtmenschen vor sie hintreten."

„Und?"

„Der Botschafter hat gar nicht mitbekommen, dass Leia in Wirklichkeit in jenem Moment von ihren drei Kindern abgelenkt gewesen war, die sich der Aufsicht des Droidenkindermädchens entzogen hatten."

Amorrn hob eine Braue. „Die Staatschefin betraut Droiden mit der Aufzucht ihrer Kinder?"

Borsk lächelte wissend. „Ich dachte mir, dass Sie das fragen würden. In der Tat gibt es viele Familien, die sich solche Nanny-Droiden für ihren Nachwuchs leisten."

Spott funkelte in Nom Anors rechtem Auge. „Mit dem Ergebnis, dass die Kinder diesen Droiden entwischen."

„Diese Droidin hat es doch tatsächlich geschafft, einen Kidnapper zu überwältigen, der versucht hatte, sich des kleinen Anakin zu bemächtigen. Sie hat vier Arme, müssen Sie wissen."

Nom Anor verzog das Gesicht.

„Sie denken sicherlich so ähnlich wie dieser Nom Anor, der letztens auf Adumar und auf Rhommamool von sich reden gemacht hat. Kennen Sie ihn?", sondierte der Bothaner.

Amorrn kräuselte abfällig die falsche Oberlippe, auch um aufkeimende Unsicherheit zu verbergen. „Nom Anor ist ein Fanatiker. Wer wirft denn schon Droiden in eine Grube und verbrennt sie?"

Borsk öffnete die lilanen Augen etwas weiter, um Überraschung zu signalisieren. „So weit geht er?", fragte er, obwohl er das bereits wusste. „Wie es scheint, sind Sie bestens informiert."

„Ich weiß auch nur, was das Holo-Net berichtet", wiegelte Amorrn ab. „Also, worum geht es?"

„Xbrr-Zinngogg möchte eine Vielfältigkeitsliga ins Leben rufen, die gegen die menschliche Dominanz im Senat vorgeht. Dafür hat er natürlich meine volle Unterstützung. Ich selbst finde es außerdem angebracht, dass wir wieder damit beginnen sollten, die Staatschefin aufs Korn zu nehmen."

Amorrns gutes Auge blitzte, aber er blieb stumm. Es entstand eine kurze Pause, in der Fey'lya abwartete, ob sein Mentor etwas sagen wollte, aber das geschah nicht, also sprach er weiter.

„Irgendwelche Skandale konnte ich ihr bislang nicht anhängen, aber wenn man sie so wie die Kinder irgendwie ablenken könnte, so dass sie einen Fehler macht ..." Borsk kratzte sich am felligen Hinterkopf. „Es muss ja nicht gleich eine Kindesentführung sein. Das möchte ich klarstellen."

Nom Anor feixte. Es ging also wirklich nicht um seine neue Existenz auf Rhommamool. Der andere hatte nach wie vor keine Ahnung, wen er vor sich hatte. „Dass Sie mir so etwas überhaupt zutrauen, Borsk. Aber ich werde darüber nachdenken."

„Was ist eigentlich mit Ihrem linken Auge passiert?", fragte der Bothaner, anteilnehmend auf die Augenprothese schauend, die sein politischer Ziehvater anstelle des Plaeryn Bol in der linken Augenhöhle trug, um nicht unnötig Aufsehen zu erregen.

„Ein Jagdunfall auf Belkadan", log Nom Anor.

Es war das zweite Mal, dass man ihn das fragte. Ennix Devian vom sogenannten Wiedererstarkten Imperium hatte er eine andere Geschichte aufgetischt, aber der ehemalige Auftragsmörder Palpatines war tot und das Restimperium unter Gilad Pellaeon war nach dem Überlaufen von Ennix' Leuten bislang alles andere als wiedererstarkt.

„Sie sehen generell nicht gut aus, Amorrn", sagte Borsk ehrlich besorgt.

Auch das wusste Nom Anor. Aber natürlich konnte er dem Bothaner nicht sagen, dass sein Ooglith-Hüller bereits weit jenseits seines Verfallsdatums existierte und er ihn nur deshalb nicht entsorgt hatte, weil es Fälle wie dieses Treffen geben konnte, wo Amorrn ein Lebenszeichen von sich geben musste, damit bestimmte Leute nicht unruhig wurden, solange das noch nicht angebracht war. Seine rechte Hand strich über seine eingefallene, mit tiefen Falten übersäte Wange.

„Es ist ein Virus, der meine inneren Organe befallen hat. Aber die Ärzte haben es unter Kontrolle. Ich muss Medikamente nehmen, die setzen meiner Haut zu."

„Wo gehen Sie denn zum Arzt, auf Chandrila oder Belkadan?"

„Grabbus der Hutt hat einen sehr guten Leibarzt, der sich auch mit Menschen gut auskennt."

„Ich gebe Ihnen die Adresse von meinem Hausarzt", bot der Senator an. „Oder besser, ich kann Staatschefin Leia Organa nach ihrem Hausarzt fragen. Sie ist immerhin ein Mensch wie Sie und …"

Nom Anor hob abwehrend die Hände. „Nein, danke. Wenn zu viele Leute in einer Suppe herumrühren … Sie wissen schon."

Schweigen entstand und Nom Anor beeilte sich, das Thema zu wechseln, bevor der Andere noch etwas dazu sagen konnte.

„Und was die Staatschefin sonst angeht, so überstürzen Sie nichts", gab Amorrn seinem Schützling einen guten Rat. „Ich werde mir Gedanken machen, aber für die nächsten drei Wochen bin ich fort."

„Wieder Belkadan?", fragte Borsk Fey'lya.

Nom Anor nickte.

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Die Paru-shan hatte Nom Anor wie geplant an Bord genommen, um ihn zurück zu seinem Heimatweltschiff zu bringen. Der Exekutor fand, dass es wieder einmal ruhiger auf dem Scout-Schiff war als sonst. Nicht so ruhig wie damals, als dieser Kriegsfilm mit Großmoff Tarkin vorgeführt worden war, aber ihm fiel auf, dass vor allem die weiblichen Mitglieder des Spionageschiffs nicht an ihren Plätzen waren. Als er in den Versammlungsraum kam, sah er auch die Ursache dafür. Die vier Damen, die auf der Paru-shan Dienst taten, genossen gerade eines jener Holo-Dramen, welches auf dem Planeten Ryloth spielte und von einer verbotenen Liebesbeziehung zwischen einer Dorfschönheit und einem Jedi handelte, der auf dem Heimatplaneten der Twi'leks eine Geheimmission absolvierte.

„Es ist so schön, dass du hier bist", sagte die Dorfschönheit zu ihrem Liebsten, der in eine traditionelle, hellbeige Tracht des Jediordens gewandet war.

„Ich kann nur für zwei Tage hier sein, Liebste", sagte der Jedi und fasste ihre Hand.

„Zwei Tage sind mehr als nichts", hauchte die blaue Twi'lek, die zu Nom Anors Verwunderung vier Lekkus hatte. „Ich weiß ja, dass du wiederkommst."

Er zog sie an sich. „Ich hoffe, es wird nicht zu lange dauern, aber Meister Windu hat neulich im Rat so eine Andeutung gemacht, dass bestimmte Jedi nicht unbedingt auf ihren Heimatplaneten entsandt werden sollten. Dabei hat er mich so seltsam angesehen."

„Wir haben zwei Tage", sagte sie und spitzte die Lippen zum Kuss. „Und die kann uns keiner nehmen, auch nicht dein Meister Windu."

Er küsste sie – lange und ausgiebig, während zwei der vier Yuuzhan Vong-Frauen im Raum kicherten und etwas wisperten.

„Mace Windu ist nicht mein Meister", sagte der Jedi im Film. „Das fehlte mir gerade noch."

Nom Anor verließ den Raum. Er würde ganze drei Monate auf dem Weltschiff der Domäne Anor verbringen. Und da würde niemand sein, der diese drei Monate so zu schätzen wissen würde wie diese Twi'lek mit den vier Lekkus diese lumpigen zwei Tage! Auch Nom Anors Ernennung zum Exekutor hatte nicht dazu geführt, dass sich Nagme wieder bei ihm gemeldet hatte.

Als Nom Anor am nächsten Tag erwachte, war er schweißgebadet. Er hatte schon wieder diesen Traum gehabt. Der angespitzte, glühende Holzpflock näherte sich seinem linken Augapfel – und als er sich in den Augapfel bohrte, wurde alles schwarz. Schmerz überflutete ihn und hallte nach, während sich die Erkenntnis des Erwachens einstellte. Er setzte sich auf und blinzelte. Nein, es war kein Traum gewesen, sondern er hatte das wirklich erlebt. Immerhin war es jetzt, drei Monate nach jener Blendung, nicht mehr so ungewohnt, aufzuwachen und festzustellen, dass nur das rechte Auge etwas sah, wenn er die Lider öffnete.

Sein rechtes Auge schaute aus dem runden Fenster der kleinen Kabine, die er für den Flug zu seinem Weltschiff bewohnte. Das Spiralrad der zu erobernden Galaxis lag weit hinter ihnen und füllte gerademal ein Viertel des Fensters aus. Die Paru-shan flog also bereits im Leeren Raum, wo es nichts gab außer den auf ihre Chance wartenden Weltschiffen, Korvetten und anderen organischen Schiffen der Yuuzhan Vong.

Es dauerte noch einen Tag, bis das Weltschiff der Domäne Anor in Sicht kam. Nom Anor durchschritt die Schleuse und ging die Rampe herunter, die zungengleich von der Schleuse herablief. Da unten stand Sang Anor und erwartete seinen Sohn. Neben ihm stand eine Frau, die Nom Anor schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte.

„Mutter, Sie sind auch gekommen?", begrüßte er seine Erzeugerin.

„Ich hatte eigentlich bereits zu deiner Plaeryn Bol-Zeremonie kommen wollen", entschuldigte sich die Mutter. „Wo du doch auch Exekutor geworden bist, Nom. Ich bin ja so stolz auf dich."

„Und, warum sind Sie dann nicht gekommen?", wollte Nom wissen.

„Meine Tochter Vilyu ist zur selben Zeit Konsulin geworden. Du verstehst ja sicherlich, dass das vorgeht."

Nom Anor biss sich auf die Zunge. Er wusste, dass seine Mutter noch zwei andere Kinder von anderen Männern hatte, aber soweit er wusste, war Vilyu ganze zwei Jahre jünger als er. Wie also kam seine Halbschwester in so jungen Jahren zu diesem hohen Rang, für den sich sein Vorgänger She'i Vish jahrelang im Gebiet der Ungläubigen abrackern musste?

Er neigte den Kopf. „Vater hatte mir erzählt, dass Sie einen neuen Partner haben und deshalb keine Zeit gehabt hätten."

„Sang, warum erzählst du Nom so einen Quatsch?", fragte die Mutter vorwurfsvoll.

„Was hätte ich ihm denn sonst sagen sollen?", verteidigte sich der Vater. „Du selbst hast mir vor einem halben Jahr von deinem neuen Partner erzählt. Und dass deine Vilyu Konsulin wurde, höre ich jetzt zum ersten Mal!"

„Dein Plaeryn Bol sieht wirklich gut aus, Nom", wechselte die Mutter das Thema. „Wie oft musst du den eigentlich überprüfen lassen?"

„Ein Plaeryn Bol lebt zehn Jahre", erklärte ihr Sohn. „Und morgen wird überprüft, ob alles gut funktioniert. Läuft alles, dann muss ich ihn höchstens alle zwei Jahre checken lassen."

„Du wirst dazu wieder zum Weltschiff der Domäne Dal reisen, nehme ich an", sagte der Vater.

„Nein, es wird jemand vorbeikommen", erwiderte Nom stolz.

Er vermeinte, ob dieser Antwort Erleichterung in Sang Anors harten Zügen zu entdecken.

Den Rest des Tages bis zum Abendessen brachte Nom Anor damit zu, Berichte nebst wichtigen Fundstücken zusammenzustellen und für den Transport vorzubereiten – Dinge eben, die man nicht per Villip übermitteln konnte. Dies war einer der Momente, wo er sich wünschte, dass sein Volk die Galaxis schon vollständig erreicht hätte, so dass er nicht auf den Urlaub warten musste, um zum Beispiel die neuesten Blastermodelle abzuliefern, so dass man sie an den Vonduun-Krabbenrüstungen der Krieger testen konnte.

Das Abendessen im Apartment von Sang Anor verlief unspektakulär. Es waren dieses Mal keine Damen anwesend, die in Nom Anor den Verdacht erweckten, von seinem Vater zu Verkuppelungszwecken eingeladen zu sein. Zufrieden drehte er die runde Platte, bis der Bottich mit den Yanskac-Krabben vor ihm zu stehen kam, und nahm sich eines der orangefarbenen Krustentiere heraus.

„Weißt du eigentlich, dass Kravgu einen Sohn bekommen hat?", fragte Sang Anor seinen Sohn.

Der Yanskac zuckte in Nom Anors Hand, um von dieser in das bereitstehende Kohlebecken befördert zu werden.

Nom Anor schaute auf die Glut, die die harte Krustenschale des von ihm auserwählten Tieres dunkel werden ließ. „Nein."

„Nom, du bist jetzt achtunddreißig Jahre alt und es wird Zeit, dass du auch mal daran denkst, für unsere Domäne Nachwuchs zu zeugen."

Noms gutes Auge zuckte. „Ich bin gerademal einen Tag wieder hier und unten in der Galaxis habe ich andere Prioritäten. Wie soll das denn bitteschön gehen?"

Seine Mutter zwinkerte ihm zu. „Ich kenne da eine professionelle Vermittlerin, die geeignete Kandidatinnen bei der Hand hat, Nom. Das ist immer noch besser, als wenn wir in die Galaxis eindringen und du dir dann von einem Vorgesetzten eine Partnerin zuweisen lassen musst, falls es eng wird mit dem Nachwuchs insgesamt."

„So ein Unsinn!", blaffte Nom. „Unsere Weltschiffe quellen über an Bevölkerung. Vor allem an Kriegern. Und solange ich von unten die Invasion vorbereite, werden wir auch keine großen Verluste erleiden!"

„Dein Wort in Yun-Yuuzhans Ohr", meinte Sang Anor.

Nom Anor nahm sich die zu diesem Zweck neben dem Kohlebecken bereitliegende hölzerne Zange und hob damit den Yanskac aus der Glut, um ihn auf seinen Teller zu legen und begierig zu betrachten, bis er genügend abgekühlt sein würde. „Ich kann sehr überzeugend sein", sagte er und alle lachten.

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Die Kammer, in welcher damals Liam Anor gelegen und auf die Wartung seines Plaeryn Bols gewartet hatte, sah noch fast genauso aus wie, als Nom Anor seinen verstorbenen Großvater das letzte Mal gesehen hatte. Sein Vater hatte allerdings eine neue Kommode hineinstellen lassen, die Nom Anor bereits seit einem Jahr in Beschlag genommen hatte. Hier lagen auch die ganzen Villips, mit denen er mit seinem Vorgesetzten und anderen Verwaltern kommunizierte, wenn er daheim war. Einer der Villips war ziemlich neu. Nom Anor hatte ihn bekommen, nachdem er zum Exekutor befördert worden war und sein Gegenstück gehörte dem Obersten Kommandanten der Flotte seines Volkes. Aber dessen Weltschiff war noch weit hinten im Leeren Raum und Nom Anor erwartete nicht, dass sich der Villip so schnell umstülpen würde.

Nom Anor hörte die verwunderte Stimme seines Vaters durch die Lamellentür.

„Sie?"

„Heviz Dal hat einen anderen Termin, der dringlicher war. Deshalb übernehme ich jetzt diesen Termin", hörte Nom Anor eine wohlklingende Stimme, die er kannte.

Es war genau wie damals, als Nagme Dal den Termin bei seinem Großvater übernommen hatte, nachdem ihre Meisterin gestorben war. Nom Anor bezweifelte stark, dass dem verhinderten Heviz Dal jetzt ein ähnliches Schicksal drohte.

Die Lamellentür zu seiner Kammer öffnete sich und die Gestalterin trat ein. Nagme Dal trug ein tiefgrünes Kleid, welches hervorragend mit ihrem grauen Teint kontrastierte. Aber ihre Augen …

„Du trägst jetzt Maa'its?", entfuhr es Nom Anor.

„Und du einen Plaeryn Bol, den ich mit den Maa'it-Implantaten jetzt viel besser sehen und untersuchen kann." Sie kicherte leise. „Und den Rest von dir auch."

Nom Anor lehnte sich auf seinem Bett zurück und schaute skeptisch in die neuen Augen Nagmes – zwei gleichförmig gelbe Mandeln ohne Iris und Pupille. „Wie kommst du darauf, dass du auch den Rest von mir untersuchen darfst?"

„Weil du dir im Gegenzug auch mein neues Labor anschauen darfst – und darin bleiben kannst, solange du willst."

Nom Anors rechtes gutes Auge wurde so groß wie sein Plaeryn Bol. An diese Möglichkeit hatte er ob der gelungenen Überraschung gar nicht gedacht.

„Und bei mir im Labor kann ich dir auch erzählen, was in deiner Abwesenheit alles passiert ist."

Er musterte sie eingehender. Nagme Dal war etwas runder geworden. Nicht, dass ihm das missfallen würde. Und sie hatte immerhin ihr schwarzes Haar beibehalten. Viele Gestalter ersetzten ihr natürliches Haar durch einen Tentakelkopfputz, der Stimmungen und Gedanken nach außen vermitteln konnte. Nagme jedoch hatte sich über ihrer hohen Stirn eine zweireihige Schuppenkrone implantieren lassen, die den Rest des Haares hinten hielt. Und ihre fünffingrige Adeptenhand war einer achtfingrigen Hand gewichen.

Nagme bemerkte seinen Blick und hob stolz jene Hand empor. Nom Anor konnte zusätzlich zu den Zangen, Messern und dem Hammer noch eine Art Pipette und eine Pinzette erkennen.

„Eine Meisterhand für eine Meisterin!", erklärte sie stolz.

„Herzlichen Glückwunsch!", sagte Nom mit einem Lächeln.

„Ich habe zu gratulieren – zum Exekutor und zum Plaeryn Bol."

„Den du jetzt untersuchen solltest", sagte er ungeduldig. „Ich will nicht allzu viel Zeit vertrödeln, bevor wir zu dir ins Labor fahren."

Sie beugte sich über ihn. „Dann lass mal sehen."

Nom Anor griff mit Daumen und Zeigefinger in seine linke Augenhöhle und holte den ledrigen Ball heraus. Nagme nahm ihn und begutachtete den Plaeryn Bol von allen Seiten, schaute in den schwarzen Schlitz, der wie eine Pupille anmutete. Ihre gelben Augen schauten auf diesen Schlitz, als würden sie einen Antwortblick daraus erwarten. Dann schloss sich ihre graue Hand derart fest um den Ball, dass er etwas zusammengedrückt wurde.

Etwas milchig-weißes spritzte aus dem Pupillenschlitz gegen die Wand und Nagme lächelte. „Sehr gut."

„Zumindest das funktioniert", sagte Nom Anor und lehnte sich noch etwas weiter auf dem Bett zurück – ohne skeptischen Blick diesmal.

Sie hielt ihm den Plaeryn Bol hin, um ihn zurückzugeben. „Zumindest?"

Seine Linke nahm ihre Hand, in der sein Implantat ruhte, und hielt sie fest. Mit der rechten Hand nahm er den Plaeryn Bol aus dieser, dann drückte seine Linke ihre nun leere Hand etwas fester. „Nun, ich hoffe doch stark, dass ich das nächste Mal nicht nur die Wand treffe."

Sie neigte den Kopf und grinste ihn an. „Ich bin mir sicher, du triffst mit allem, was du bei der Hand hast."

Er ließ ihre Hand wieder fahren. Dann beförderte er sein Implantat wieder zurück in die leere Augenhöhle.

Sie gingen nach draußen und Nom Anor sah seinen Vater, der mit lauernden Blicken auf sie gewartet hatte.

„Ich werde für mindestens zwei Wochen auf dem Weltschiff der Domäne Dal sein", verkündete der Sohn.

Sang Anors blaue Augen verengten sich. „Das ist eine recht lange Zeit. Ich würde dich in einer Woche hier brauchen. Da steht die Großinventur unseres Weltschiffes an."

Nom Anor blieb stehen. „Dafür war ich aber gar nicht eingeteilt."

Sang Anor machte eine scheuchende Bewegung, die Nagme nach draußen vor die Tür dirigierte.

„Jetzt bist du es", flüsterte Sang Anor drohend. „Außerdem würde es dir besser anstehen, hier bei uns auf dem Weltschiff zu bleiben, anstatt dich in aller Öffentlichkeit mit einer Gestalterin herumzutreiben, mit der du eh schon häufiger als schicklich zusammen warst. Ich bin schon recht großzügig, wenn ich dir zumindest eine Woche bei den Dals einräume."

Nom Anor straffte sich. Er war mit seinen 1,77 Metern Körpergröße immer noch einen halben Kopf kleiner als sein Vater und das ärgerte ihn. „Danke Vater, aber ich brauche diese Großzügigkeit nicht. Ich bin jetzt Exekutor und niemand hat das Recht, meine Taten in Zweifel zu ziehen, außer, es besteht begründeter Verdacht auf Fehlverhalten. Und ich versichere dir, ich werde niemandem einen Grund liefern!"

„Du wirst schon sehen, was du davon hast", zischte Sang Anor.

Nom Anor grinste. „Wenigstens habe ich etwas zu sehen."

Es war befreiend für Nom Anor, zusammen mit Nagme zum Weltschiff der Domäne Dal zu reisen, ohne dass sich einer von ihnen verstecken musste. Jetzt, wo Nagme Dal Meisterin geworden war, konnte sie genauso souverän mit Leuten Kontakte pflegen wie er, ohne sich von Vorgesetzten hineinreden oder von anderen Leuten etwas öffentlich nachsagen lassen zu müssen. Sie führte ihn einen anderen Weg als den, welchen er beim letzten Besuch des Weltschiffes genommen hatte, der immerhin schon fünf Jahre her war. Nagmes neues Labor war ein sternförmiges Gebilde, welches an ein Damutek erinnerte, welches die Yuuzhan Vong früher auf richtigen Planeten eingepflanzt hatten. Dieses Labor jedoch war höchstens halb so hoch, aber Nom Anor fand gerade das sehr gemütlich.

„Hast du jetzt als Meisterin auch einen Adepten?", wollte Nom Anor wissen.

„Ich hatte einen, aber der ist jetzt mit seiner Ausbildung fertig und arbeitet vorerst auf dem Weltschiff der Domäne Hul, bis er sich an die Meisterprüfungen macht. Und als ich gehört hatte, dass du kommst, hatte ich es mit der Annahme eines neuen Adepten nicht besonders eilig."

„Was ist mit Ch'Gang Hool?"

Sie lächelte süßlich. „Er war einfach nicht abzuschütteln, aber dann war da die Sache, dass er unbedingt noch einen Sohn von mir wollte. Das hat nicht so geklappt und so habe ich mir etwas einfallen lassen. Ich bin ihm hinterhergelaufen und habe mich an ihn drangehängt."

Nom Anor grinste. „Das wird ihn irritiert haben."

Sie lachte. „Irritiert ist ein nettes Wort. Er war genervt, verärgert. Irgendwann wollte ich ihn aufs Bett ziehen. Da wurde er so aggressiv, dass er mir eine Ohrfeige gegeben und gesagt hat, er hätte jetzt jemand neues und ich soll gehen. Natürlich bin ich gegangen."

„Dann hast du also dein Kindersoll vorerst erfüllt", meinte Nom Anor.

„Momentan gibt es genügend Gestalter, also ja."

Sie gingen in den hinteren Bereich des Labors, wo Nagme einen Übertragungssack zu stehen hatte.

„Wir können uns gleich die Nachrichten anhören", schlug sie vor.

Nom Anor hatte nichts dagegen und so sahen sie sich die neuesten Aufklärungsfilme über die neue Galaxis an.

„Es ist eine verseuchte, schmutzige Galaxis, die wir betreten und reinigen werden", sagte der Moderator der Sendung, ein älterer Yuuzhan Vong mit grauen Haaren. „Nichtsdestotrotz müssen wir mit den Ungläubigen kommunizieren, um sie effektiv beherrschen zu können. Deshalb sind alle Kommandanten, Meistergestalter und Präfekten angehalten, Basic zu lernen, so dass sie sich zur Not auch ohne Tizowyrm mit den Bewohnern dieser Galaxis verständigen können. Basic-Lernprogramme dazu können ab sofort bei jedem Gestalterweltschiff geordert werden."

„Ich habe für diese Programme eine Software geschrieben", sagte Nagme stolz.

„Und ich habe die Daten und das Vokabular dafür beschafft", ergänzte Nom Anor.

Sie rückte etwas an ihn heran. „Wie viele Exekutoren gibt es überhaupt momentan?"

Er gab sich beleidigt. „Was denn? Reiche ich dir nicht?"

Sie zog eine Schnute. „Vorhin noch hast du mir verboten, dich auch anderswo zu untersuchen."

Nom Anor ignorierte ihr Schmollen und wandte sich dem Übertragungssack zu. „… jeder Verwalter ab Konsulrang verpflichtet, sich mit dem chaotischen Wirtschaftswesen der Ungläubigen zu befassen", sprach der Moderator im Fernsehen weiter. „Die sogenannte freie Marktwirtschaft lässt es zu, dass Einzelpersonen nach eigenem Gutdünken Firmen gründen und Häuser kaufen können, um dann die Mitarbeiter dieser Firmen oder die Bewohner ihrer Wohnungen nach Belieben zu schikanieren. Präfekt Da'Gara von den Praetorite Vong betont, dass solche Zustände nach und nach abgeschafft und durch die sorgfältig durchdachte Planwirtschaft ersetzt werden, wie sie auf unseren Weltschiffen gang und gäbe ist, wo sich selbst der armseligste Beschämte nicht um sein täglich Obdach zu sorgen hat ganz im Gegensatz zu den unglückseligen Bewohnern mancher Planeten, die gezwungen sind, im Schmutz und Unrat derer zu kampieren, die sie aus der Wohnung geworfen haben, weil sie die Monatsgebühr namens Miete nicht bezahlen konnten …"

„Ist das dort unten wirklich so schlimm?", fragte Nagme.

„Sie glauben, sie haben unglaublich viele Ressourcen", sagte Nom Anor. „Und Lebewesen, die sie entbehren können. Sollen sie doch in ihrem verschwenderischen Hochmut verharren. Umso leichter für uns."

In Nagmes gelbe Augen trat Glanz. „Dann werden uns die Bewohner dieser Galaxis als Befreier begrüßen?"

Nom Anor fasste ihre Hand. „Mich jedenfalls haben sie als Erlöser willkommen geheißen. Es muss ihnen nur schlecht genug gehen."

Nagme legte den Kopf schief und schloss halb die Augen. „Weißt du, Nommie, mir geht es so richtig schlecht."

„Man sieht's", meinte er in gelangweilt-sarkastischem Tonfall. „Soll ich dich kurieren?"

Sie drehte sich von ihm weg. „Hast du denn zumindest Adeptenrang?"

Er kicherte geheimnisvoll. „Nein, ich bin ein Meister."

In einer fließenden Bewegung ergriff Nagmes linke natürliche, graue Hand träge zur Fernbedienung, um den Übertragungssack auszuschalten, während ihr Körper sich mit dem Gesicht zur Sofalehne in die Horizontale begab. Ihre Hand war gerade noch in seiner Reichweite, so dass er ihr die ovale Scheibe aus der Hand nehmen und sie auf den Beistelltisch legen konnte.

„Gleich kommt doch die Sendung über den Cremlevianischen Krieg", schnurrte er ihr ins Ohr. „Ich finde es lustig, wenn im Hintergrund unsere Leute die Droiden plattmachen."

„Nicht mehr", widersprach Nagme, während er ihr den Rock nach oben schob, um sich an ihrer organischen Unterwäschehaut zu schaffen zu machen. Endlich hatte er den Punkt gefunden, der das Ding sich zu einer Kugel zusammenrollen ließ.

„Das Fernsehprogramm wurde geändert. Sie bringen jetzt zu dieser Uhrzeit immer eine Sendung über die sogenannten Klonkriege von vor fünfzig Jahren in dieser Galaxis", hörte er Nagme unter sich säuseln.

„Da werden auch Droiden plattgemacht, als los", keuchte Nom Anor und schob sein bestes Teil in die feuchte Höhle, die sich lustvoll darum zusammenzog.

Als Nom Anor am nächsten Morgen erwachten, lief der Übertragungssack immer noch – oder schon wieder? Er blinzelte und schlug die Augen auf. Nein, es machte ihm nichts mehr aus, dass es auf der linken Seite dunkel blieb. Aber dass er jetzt allein auf der Couch lag, behagte ihm nicht. Er richtete sich halb auf und spähte um sich. Nagme war nicht zu sehen, aber von der Küche her wehte ein angenehmer Essensduft zu ihm herüber. Er entspannte sich und sog den Duft ein. Es roch nach Öl, Schlick und Salz – also würde es eine leckere Schlepptangbrühe geben. Nur einige Augenblicke später trat Nagme zurück ins Wohnzimmer, um das Frühstück zu bringen. Sie nahmen es auf der Couch ein, die sie sich in dieser Nacht geteilt hatten.

„Lecker", meinte er und schaute sie zufrieden an.

Sie schaute gefällig herab, als sie ihm den dunkelbraunen Pott mit der Brühe auf den niedrigen Tisch vor der Couch hinstellte. „Gestalter kochen nun mal am besten."

„Wenn du so gut gestaltest, wie du kochst …?", murmelte er, bevor er einen weiteren herzhaften Zug aus seinem Pott nahm.

„Warte erstmal, bis du im Labor die neue Generation Vonduun-Krabbenrüstung siehst", versetzte sie. „Dank unserer Experimente mit dem Lichtschwert, welches du uns von dieser bothanischen Jedi mitgebracht hast, sind wir endlich soweit, die Rüstungen unserer Krieger so zu gestalten, dass selbst die Lichtschwerter von Jedi ihnen nichts anhaben können. Diese Rüstungen produzieren wir jetzt serienmäßig."

„Das ist gut", sagte Nom Anor. „Wenn wir jetzt noch etwas hätten, ihren sogenannten Machtgebrauch zu unterbinden."

Nagmes gelbe Augen wurden fahl. „Letztens hat man mir einen toten Jedi gebracht, einen Menschen. Aber ich konnte keinerlei Unterschiede zu normalen Menschen ohne diese Fähigkeiten feststellen. Man müsste schon einen lebendigen Jedi einfangen, damit ich ein taugliches Vergleichsobjekt habe."

Nom Anor legte ihr den Arm um die Schultern. „Spätestens mit Invasionsbeginn werden sich die Praetorite Vong auch darum kümmern. Das verspreche ich dir."

Er hob sein Gefäß mit Schlepptangbrühe. „Da wäre noch die Sache mit den Ooglith-Masken, mit denen man auch andere Spezies imitieren kann. Das wäre sehr hilfreich, um dort neue Verbündete zu gewinnen. Vor allem solche, die keine Menschen mögen."

Sie legte ihre Hand um seinen Hals und zog ihn zu sich heran. „Auch daran arbeite ich. Du weißt doch, ich will mal aussehen wie eine Twi'lek."

Sie bot ihm die Lippen zum Kuss und er sog daran, bevor er ihr die Zunge in den Mund schob. Ihr Mund war warm und bereitwillig. Genau wie ihre andere Öffnung weiter unten während der gesamten Nacht. Nom musste daran denken, wie er mindestens zweimal nachts aufgewacht war und schon wieder einen Steifen gehabt hatte. Er hatte sie im Schlaf genommen und sie hatte leise dazu gestöhnt und sich nicht gewehrt. Offenbar hatte Nagme ihn genauso vermisst wie er sie. Und danach war er gleich wieder eingeschlafen … bis er erneut aufgewacht war … in derselben Sache. In der Galaxis der Ungläubigen schlief er nie so schnell und unkompliziert ein. Zu viele Unwägbarkeiten, zu viele Leute, die ihn überraschen könnten …

Schmatzend lösten sie ihre Lippen wieder voneinander und er tätschelte ihre Wange. „Du würdest dich bestimmt gut als Tänzerin in Grabbus' Palast machen."

Sie schlürfte einen großen Zug aus ihrer Schlepptangbrühe. „Warum denn so eine Randwelt? Ich will nach Nal Hutta, wo die großen Shows sind!"

Nom Anor erhob den Zeigefinger. „Du bist ein richtig verdorbenes Luder, weißt du das?"

Sie kicherte belustigt und schlürfte weiter ihre Schlepptangbrühe. Noch eine Viertelstunde verging, dann war das Frühstück beendet. Sie wuschen sich, kleideten sich an und Nagme führte ihn ins Labor.

„Hast du eigentlich schon einmal den Plaeryn Bol benutzt?"

Er schüttelte den Kopf. „Bis jetzt war das noch nicht nötig."

Sie streichelte seine Hand. „Du bist sehr umsichtig. Das mag ich so an dir."

Nom Anor lächelte zufrieden. „Und jetzt möchte ich meine neue Ooglith-Maske sehen."

Sie gingen in einen anderen Raum des großzügig bemessenen Meisterlabors. Dort gab es einen neuen rothaarigen Ooglith-Hüller, der aus demselben Material gezüchtet worden war wie Nom Anors erster dieser Art. Er drehte und wendete sich mit seiner neuen roten Haarpracht vor dem Spiegel.

„Was bist du doch für ein schöner Mensch", sagte Nagme.

Er ergriff ihr Handgelenk. „Aber nur, weil du weißt, wer drunter ist, hoffe ich doch."

Sie schüttelte unschuldig ihren Kopf. „Als hätte ich je etwas anderes gemeint."

Nom Anor dachte darüber nach und schaute in ihre gelben Augen. Es war ungewohnt, in ihnen die Emotionen zu lesen, die er aus Nagmes ursprünglichen schwarzen Augen kannte. Die hatten ihm besser gefallen … Er würde sich daran gewöhnen … irgendwann.

„Und jetzt zeigst du mir, wie man das macht", kam er zum nächsten Punkt seiner Agenda. „Zeit haben wir genug."

Sie langte auf den Tisch und gab ihm eine Pipette. „Träufle zwei Tropfen von dem Oozah in diese Schale."

Er tat wie ihm geheißen und sein gutes Auge glänzte. Der braune Klumpen, der bis dahin undefinierbar in der Schale gelegen hatte, blähte sich auf und trieb Zweige aus.

„Was wird das?"

Sie lächelte diebisch. „Wandelnde Bäume. Es gibt keine besseren Spione und Vorratsräume, wenn man sonst keine Deckung hat."

Nom Anor schaute zu, wie das Ding im Zentimetertakt wuchs und weiter austrieb. „Ich kann es kaum erwarten, sie später unten in der Galaxis zu sehen."

Er blieb die geplanten zwei Wochen in ihrem Labor plus Privatquartier, dann musste Nom Anor wieder zurück zu seinem Weltschiff. Nagme reiste nicht mit ihm, hatte aber versprochen, der anstehenden Zeremonie beizuwohnen.

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Nom Anor hätte nicht gedacht, dass es Nagme nicht nur schaffte, wie versprochen in der Zeremonienhalle des Weltschiffs der Domäne Anor zu erscheinen, sondern auch noch den Gestalterpart der anstehenden Opferung an sich zu reißen. Ein cleverer Schachzug, wie er fand. Denn niemand würde eine Gestalterin verdächtigen, ein Verhältnis mit jemandem zu haben, dem sie öffentlich eine Gliedmaße amputierte.

„Sind Sie bereit?", fragte der Priester, ein würdevoller Mann, der in eine grüne Seidenrobe gehüllt war und dem beide kleinen Finger fehlten.

Nom Anor nickte. Dann ließ er sich auf einem Schemel nieder und legte seine linke Hand auf den vorbereiteten Block. Der Weihrauch nebenan kitzelte die Härchen seiner Restnase. Er hatte den Streifen Haut aus seinem Oberschenkel dieses Mal zügig und ohne zeitschindende Blicke zu seinem Vater herausgeschnitten. Und der Rest würde auch nicht sonderlich schwierig sein. Er schaute auf die bereits verstümmelte rechte Hand des Priesters, die den zusammengeflochtenen Strang der drei Fleischstreifen in die Höhe hob.

Nom Anor lächelte fein, als er den Zopf betrachtete. Es waren ein grauer, ein gelblicher und ein zimtbrauner Hautstreifen, die derart in friedlicher Eintracht miteinander verflochten waren. Er fand, dass es eigentlich vollkommen reichte, dass Nagmes und sein Fleisch in diesem Zopf miteinander vereint waren. Der dritte Streifen war eindeutig zu viel, auch wenn Nom Anor sich noch nie darüber Gedanken gemacht hatte, ob man auch aus zwei Hautstreifen etwas flechten konnte – Knoten ginge sicherlich. Außerdem war ein Priester für eine solche Zeremonie nun einmal unerlässlich.

„Und so möge Yun-Harla dieses Opfer annehmen und Nom Anor bei seiner Arbeit als Exekutor immerdar zur Seite stehen", sagte der Priester salbungsvoll.

Nom Anor hätte es vorgezogen, weiter zu dem Priester zu schauen, aber das Opferprotokoll sah vor, dass er mit eigenem Auge sah, was mit seiner Hand geschah. Nagme erhob ihre achtfingrige Gestalterhand und setzte das runde Rädchen, welches den dritten Finger krönte, am ersten Knöchelgelenk seines kleinen Fingers an. Nom Anor blinzelte, als das Rädchen anfing zu rotieren. Er verzog kurz das Gesicht, als sich das spitzzahnige Rädchen durch die gelbliche Haut fraß. Er schaffte es, ein zufriedenes Lächeln aufzusetzen, als das Rädchen das Fleisch darunter teilte, bis sich das Geräusch des rotierenden Zahnrads in der Tonhöhe änderte und schriller wurde.

Der Knöchel war erreicht. Lautlose Tränen bahnten sich den Weg aus Nom Anors Augen hinaus auf die Wangen, aber das Lächeln blieb und gefror.

Freudentränen – genauso sollte es aussehen.

Nom Anors Lächeln, welches die Freude über diesen Schmerz signalisieren sollte, blieb in seiner Gefrorenheit erhalten, bis der gesamte Finger abgetrennt war. Nagme hob die verletzte Hand in einen Bottich mit Nährstofflösung, die außerdem den Blutverlust stoppte – zumindest mit einiger Verzögerung. Ein schwarzes Rinnsal verdunkelte rasch die Lösung.

Nom Anor stand von dem Schemel auf. „Ich danke Yun-Harla und erbitte mit diesem Opfer weiterhin ihre Gunst", sagte er und kreuzte die Fäuste an den Schultern.

Nagme legte den abgetrennten Finger auf den Block, wo sich auch der Weihrauch und der Fleischzopf befanden. Nom Anor setzte sich erneut auf den Schemel. Mit dem Schleifer an ihrer Meisterhand spitzte Nagme den Restknochen so zu, dass er zum neuen Implantat passen würde. Dann hob sie Nom Anors Hand wieder aus dem Gefäß und legte eine Membran um den verletzten Knochenstummel des amputierten Fingers, um die Aufpfropfung vorzubereiten.

„Ich werde jetzt ein paar Blutgefäße reaktivieren, damit Ihr neues Implantat ernährt werden kann", kündigte Nagme an.

Nom Anor lächelte ein echtes Lächeln. „Ich freue mich schon darauf, es anzuwenden."

Sie schob einige nadelförmige Kanäle in die Fleischwunde an Nom Anors Hand. Dann nahm sie den neuen kleinen Finger vom Opferblock. Er sah genauso aus wie Nom Anors alter Finger. Zu diesem Zweck hatte er vor zwei Monaten in Nagmes Labor Haut abgegeben und sie zu der unauffälligen Hülle formen lassen, die seine neueste Geheimwaffe verdecken würde. Nagme steckte den neuen Finger an Nom Anors verletzte Hand, als handele es sich um einen wertvollen Ring. Es machte Plopp und seine Hand sah genauso aus wie vorher. Er reckte seine Hand und bewegte jeden Finger. Alles ließ sich problemlos bewegen.

Der Priester hob die eigenen verstümmelten Hände in die Höhe, so dass die weiten Ärmel seines Gewandes herabrutschten und magere Arme freigaben. „Möge dieses Implantat den Willen Yun-Harlas in der Gelobten Galaxis verstärken!"

Nom Anor stand endgültig vom Schemel auf. „Ich werde der Verhüllten Göttin keine Schande bereiten."

Die Menge spendierte eifrig Beifall.

„Es war mir eine Freude", sagte der Priester zu Nom Anor und Nagme.

„Ganz meinerseits, Priester Harrar", erwiderte die Gestalterin. „Es ist mein erster Qualmfinger, müssen Sie wissen."

Harrars dunkle Augen lächelten. „Ich bin mir sicher, es wird auch nicht Ihr letzter sein."

In der restlichen Zeit, die Nom Anor auf dem Weltschiff der Domäne Dal verbrachte, badete Nom Anor in einem Meer von Wissen. Er ließ sich von Nagme in die Welt der Gestalterprotokolle, der Molekülverbindungen und DNA-Stränge der Yorik-Koralle, dem Grundbaustein der Yuuzhan-Vong-Wissenschaft, sowie der Biologie des Lebens überhaupt einweihen. Die Stunden, Tage und Kets vergingen wie im Fluge und der Exekutor wusste genau, dass er sich später, wieder unten in der neuen Galaxis, noch oft und lange an diese glückliche Zeit zurückerinnern würde.

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Borsk Fey'lya saß an einem Tisch im Büro des Chefs des bothanischen Spionagenetzwerkes. Karist Krey'lya hatte ihm ein Glas endorianischen Portweins hingestellt und genehmigte sich auch ein Gläschen.

„Es geht um Amorrn", begann Borsk Fey'lya. „Es ging ihm nicht gut, als ich ihn das letzte Mal sah."

„Wo haben Sie Amorrn denn gesehen?", wollte der braunfellige Bothaner wissen.

„Er war in meinem Büro auf Coruscant. Sein linkes Auge ist erblindet und seine Haut ist eingefallen und faltig. Er hat was von einem Jagdunfall auf Belkadan und von einer Viruserkrankung erzählt."

Krey'lya ließ die Luft in einem Pfiff aus seinem vorgeschobenen Mund entweichen. „Das ist mehr, als ich in den letzten zehn Jahren von Amorrn gehört, geschweige denn zu sehen bekommen habe. Wo ist er jetzt?"

„Er sagte mir, er wolle für drei Wochen nach Belkadan reisen, aber er kehrte niemals von dort zurück. Das ist jetzt schon drei Monate her." Borsk Fey'lya knetete die breiten Hände. „Ich verstehe das nicht; wenn er schon so krank ist, wieso geht er dann weiter dort auf die Jagd?"

„Manche Leute können von bestimmten Sachen nicht lassen", erwiderte Karist Krey'lya mit Wehmut in der Stimme. „Sie machen eine Sache immer und immer wieder, auch wenn sie genau wissen, dass sie irgendwann dabei draufgehen. Oder aber er ist unheilbar krank und wollte es so beenden."

„Was, wenn er immer noch auf Belkadan ist und unsere Hilfe braucht?", fragte Borsk.

Krey'lya schüttelte den Kopf. „Grabbus der Hutt wird uns nicht helfen."

Borsk Fey'lya glaubte das nicht. Er hatte vielmehr das Gefühl, dass ihm der andere Bothaner aus irgendeinem Grund nicht helfen wollte. Er stand von seinem Stuhl auf. „Karist Krey'lya, ich bin nicht nur der Senator von Bothawui, sondern auch seit zwanzig Standardjahren der Vorsitzende des All-Bothanischen Rates. In dieser Funktion weise ich sie an, nach Amorrn zu suchen!"

Krey'lyas schwarze Augen schlossen sich halb, als der Leiter des Spionagenetzwerkes nachdachte. „Ich könnte Nachforschungen anstellen."

Borsk Fey'lyas Stimme blieb hart. „Ich bitte darum."

Die Nachforschungen von Karist Krey'lya beschränkten sich darauf, dass er nach Belkadan flog, um dort Leute zu befragen. Man erzählte ihm dort, dass Amorrn eines Tages in den Dschungel gegangen sei, um zu jagen, jedoch nie von dort zurückgekehrt war. Der Spür-Canide, den er mitgebracht hatte, lief in den Dschungel und führte den braunfelligen Bothaner zu einer Lichtung, auf welcher plattgedrückte Vegetation davon kündete, dass hier vor einiger Zeit ein Raumschiff gelandet sein musste. Der Canide verharrte an dieser Stelle und lief nicht weiter.

„Was für ein Typ Raumschiff könnte Amorrn mitgenommen haben?", fragte Borsk Fey'lya Karist Krey'lya nach dessen Rückkehr nach Bothawui.

„Die vier ausgefahrenen Stützen waren rund und in einem Viereck angeordnet. Sie hatten zudem eine Art gebogene Krallen ins Erdreich ausgefahren. Ich habe alle Raumschifftypen überprüft, aber es passen keine gängigen Modelle in dieses Muster."

„Aber das ist … völlig absurd!", entfuhr es Borsk.

Der Chef des Spionagenetzwerkes erhob beide Hände über dem Tisch und bildete mit ihnen eine Kugel, als wolle er etwas verdecken. „Das sage ich jetzt nur Ihnen, Borsk. Als ich Amorrn kennenlernte, da war er Koth Melans alleiniger Verbindungsmann zu einem Barkeeper namens Wuher auf Tatooine gewesen, der uns zur Zeit des Imperiums mit Informationen versorgte. Es waren gute Informationen und Wuher, auch ein Mensch, war stets verlässlich und verschwiegen gewesen. Nun, dieser Wuher machte eines Tages Urlaub auf Dubrillion und ward seitdem nicht wieder gesehen."

Er ließ eine Pause, um zu sehen, wie Borsk darauf reagierte. „Amorrn hat für Sie gearbeitet?"

Krey'lya lächelte diebisch. „Jetzt sagen Sie bloß, das hat er Ihnen nicht erzählt. Natürlich nicht, so verschwiegen wie er war."

Borsks Unterkiefer klappte nach unten. „Sie meinen, die Informanten verschwinden einer nach dem anderen – und hängen irgendwie miteinander zusammen?"

Krey'lyas Miene wurde verschwörerisch. „Ich will damit sagen, dass Ihr und mein Amorrn möglicherweise genau so wenig existiert hat wie Wuher damals. Niemand verschwindet spurlos – und schon gar nicht zweimal!"

Borsk Fey'lya ließ sich das durch den Kopf gehen. „Sie sagten etwas davon, dass Amorrn die letzte Verbindung zu diesem Wuher gewesen war. Meinen Sie, dass Amorrn uns jetzt wieder so einen Sachwalter schicken wird?"

Krey'lya lächelte freudlos. „Ich wünschte, es wäre so. Dann würde ich mich an seine Fersen heften und ihn grillen, bis er zusammenbricht. Aber so dumm wird er nicht sein."

„Leia Organa-Solo fand ihn interessant", fiel Borsk plötzlich wieder ein. „Sie hat mich selten nach meinem Begleiter gefragt, wenn wir uns im Senat über den Weg liefen, aber vor vier Monaten, als Amorrn mich dort besuchte, da war sie richtig neugierig gewesen. Leia hat Jedikräfte. Was, wenn sie irgendetwas Ungewöhnliches an ihm wahrgenommen hat?"

Krey'lyas schwarze Augen schauten versonnen. „Das müssen Sie sie fragen."

„Nachdem sie mich über ihn befragt hat? Das würde komisch wirken."

„Ich lass mir was einfallen", versprach der Spionagechef.

Es fand sich tatsächlich eine Gelegenheit, bei welcher Karist Krey'lya Staatschefin Leia Organa nach Amorrn befragen konnte. Aber Leia konnte ihm über Amorrn auch nur das mitteilen, was er bereits vor Jahren von der glücklosen Jedi Meqel Saav'etu erfahren hatte. Nämlich, dass Amorrn ein Loch in der sogenannten Macht war – nicht zu fühlen. Mit dieser Bemerkung hatte bereits Krey'lyas Vorgänger Koth Melan nichts anzufangen gewusst. Und so verlosch die letzte Spur, die der semmelblonde Mensch namens Amorrn in dieser Galaxis hinterließ.

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Acht Jahre später, Planet Rhommamool - im Jahre 21 nach der Schlacht von Yavin

Nom Anor warf einen Abschiedsblick auf die Feuergrube, in der Droiden dahinschmolzen und ihr künstliches Dasein aushauchten. War die Grube beim ersten Ereignis dieser Art gerademal bis zu einem Viertel gefüllt gewesen, so war der Schrottspiegel jetzt bereits auf über die Hälfte der Grubentiefe angestiegen – nachdem man die Schlacke vom letzten Mal weggeräumt hatte, wohlgemerkt.

Er wandte sich an seinen Stellvertreter. „Wir sollten den Bürgermeister nicht länger warten lassen."

Es war Abend in Redhaven, der Hauptstadt von Rhommamool, geworden. Nom Anor hatte den Anruf von Tamaktis Breetha bereits vor zwei Stunden bekommen, es aber nicht für nötig gehalten, seine Anhänger auf dem Platz der Himmlischen Erlösung alleinzulassen, bevor die Zeremonie der Vernichtung beendet war. Er liebte diese Zeremonien, die Ehrfurcht, ja Anbetung, die ihm die vernachlässigten Rhommamoolianer entgegenbrachten. Nicht zuletzt schwelgte er in der Auslöschung der künstlicher Intelligenzen, die seine rotgekleideten Jünger und Sympathisanten in jene brennende Grube warfen. Ein weiterer angenehmer Aspekt dieser Veranstaltungen war, dass er, Nom Anor, zwar im Mittelpunkt stand, jedoch selbst nichts opfern musste. Manchmal spürte er noch den Phantomschmerz seines verlorenen kleinen Fingers, aber das dauerte höchstens ein paar Minuten, bevor sein Hirn die Information aussandte, dass es jetzt einen neuen Finger gab. Noch hatte er ihn nicht in Gänze benutzt und er fragte sich, wann das wohl sein würde. Was er jedoch genau wusste, war, dass er keine weiteren Teile seines Körpers mehr opfern wollte. Eigentlich hatte er bereits vor acht Jahren mit dem Plaeryn Bol sein Soll mehr als erfüllt. Und den kleinen Finger hatte er später auch nur deshalb geopfert, um an jene weitere exklusive Geheimwaffe zu gelangen …

Er schwang sich auf das rot aufgezäumte Tutakan und sein Stellvertreter tat es ihm gleich. Das Tier war lang und massig genug, so dass es beide Männer tragen konnte. Nom Anor wusste, dass Shok Tinoktin es als besondere Ehre empfand, dass er hinter dem Anführer der Roten Ritter auf dem Reittier sitzen durfte. Hinter ihnen ging die rote Sonne Rhommamools unter und das triumphierende Heulen der Roten Ritter wurde immer spärlicher und leiser, je weiter sich die Menge nach dem Abgang ihres Anführers zerstreute.

Tamaktis Breetha wirkte niedergeschlagen, als Nom Anor und sein Stellvertreter sein Büro im Rathaus betraten. Nom Anor hatte seine schwarze Kapuze zurückgeschlagen, so dass sein rotes Haar und das sommersprossige Gesicht seiner Ooglithmaske sichtbar wurden.

„Osarian hat uns ein Ultimatum gestellt", begann der Bürgermeister. „Wenn wir binnen eines Monats nicht unsere Schulden an die Schwesternwelt bezahlen, dann werden sie den Galaktischen Senat anrufen, der den Bankenclan einschalten wird. Dann könnten wir unseren Sitz im Senat verlieren und unsere Finanzen werden unter Zwangsverwaltung gestellt werden."

Nom Anor zuckte mit den Schultern. „Sie wissen doch genau, dass wir gegen Osarian derzeit nicht ankommen. Ich schlage vor, dass wir unseren Sitz im Senat den Osarianern in dem Sinne zur Verfügung stellen, dass wir jedes ihrer politischen Anliegen im Senat bedingungslos unterstützen. Das wahrt den Schein nach außen hin und erkauft uns mindestens zwei Monate Zeit, bis wir neue Einnahmen für die Schuldentilgung abzweigen können."

Tamaktis' braune Augen wurden matt. „Das wird unserem Gouverneur nicht gefallen."

„Mir gefällt es auch nicht", erwiderte Nom Anor anteilnehmend, „aber ich sehe auch keine andere Lösung."

„Auf dem Platz der Himmlischen Erlösung sind Sie immer so radikal, aber gegenüber den Osarianern kuschen Sie!", zischte der Bürgermeister.

Nom Anor erhob beide Hände, so dass sein schwarzer Umhang hinter ihm aufwallte. „Glauben Sie mir, Bürgermeister, ich weiß, wann es Zeit ist, zuzuschlagen oder abzuwarten."

„Nach und nach unsere Rechte an die Osarianer abzutreten ist wohl kaum bloßes Abwarten!", sagte Breetha scharf. „Irgendwann wird es zu spät sein und sie kassieren uns vollends ein."

Nom Anor lächelte verständnisvoll. Es ist bereits zu spät – ihr wisst es bloß noch nicht.

„Wenn Sie wollen, sage ich es dem Gouverneur persönlich und Sie sind raus", gab sich Nom Anor großmütig.

„Das fehlte mir gerade noch!", begehrte Breetha auf.

Nom Anors gutes Auge wurde eiskalt. „Nun, dann wäre das ja geklärt. Sonst noch etwas?"

Der Bürgermeister schwieg. Ein Frösteln legte sich über sein Rückgrat und er überlegte, ob Nom Anor nicht vielleicht genau das gewollt hatte. Die beiden Männer wandten sich zum Gehen.

„Ach", hielt Breetha sie zurück. „Da wäre doch noch etwas."

Nom Anor wandte sich wieder um und Shok Tinoktin folgte seinem Anführer um eine halbe Sekunde versetzt. „Ich höre."

„Ellgo Veritin, der frühere Raumhafenmeister von Redhaven, wurde gestern auf der Welt Cartao getötet …", Breetha holte tief Luft, bevor er weitersprach, „… totgetrampelt von einem Tutakan, welches von einem Ihrer Roten Ritter geritten wurde."

Nom Anor setzte eine betroffene Miene auf. „Meine Anhänger sind gelegentlich etwas feurig, aber Mord gehört nicht zu unseren politischen Mitteln – ganz bestimmt nicht."

„Dann haben Sie Ihre Männer nicht im Griff!", polterte Breetha.

Nom Anor wies auf seinen Stellvertreter. „Shok Tinoktin wird eine Untersuchung des Vorfalls einleiten und wir werden Ihnen den Schuldigen überstellen. Das verspreche ich Ihnen, Bürgermeister."

Shok Tinoktin nickte eifrig und Breetha konnte nicht anders, als jenes Nicken zu erwidern, wenn auch nur schwach. „Ich verlasse mich auf Sie, Nom Anor."

Sehr gut, du Narr!

Nom Anor war bereits wieder in seinem stattlichen Haus am Rande von Redhaven, welches er mittlerweile allein bewohnte. Er hatte den Ooglith abgelegt und wollte gerade schlafen gehen, als er ein Schmatzen aus dem Schrank hörte. Er war wie elektrisiert, denn er kannte dieses Schmatzen noch nicht. Er ging dorthin, nahm den Villip aus seinem Versteck und streichelte ihn. Der Villip stülpte sich um und ein bleiches Gesicht mit eng zusammenstehenden schwarzen Augen materialisierte sich auf der oberen Hälfte des braunen Balls. Die langen schwarzen Haare waren in einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden und über der Oberlippe war ein dünner Flaum erkennbar, der dem Gesicht etwas Feines und Elegantes verlieh.

Endlich!

Nom Anor verbeugte sich und kreuzte die Fäuste vor den Schultern im Salut. „Oberster Kommandant, ich fühle mich durch Ihren Anruf geehrt."

„Die Ehre gebührt Ihnen, wenn Sie mit der Mission erfolgreich sein werden, Nom Anor", sagte das Gesicht mit leicht schnippischem Unterton.

Nom Anor straffte sich. „Ich höre."

„Es ist an der Zeit, die Invasion aktiv vorzubereiten", verkündete Nas Choka. „Und von den in der neuen Galaxis aktiven zehn Exekutoren wurden Sie auserwählt, diese Vorbereitungen unten in der Galaxis zu koordinieren."

Der Oberste Kommandant ließ eine Pause und Nom Anor verzichtete darauf, sie mit leeren Worten zu füllen, denn außer gängigen Floskeln wollte ihm partout nichts einfallen in diesem historischen Moment.

„Sie werden dafür sorgen, dass sich die lokalen Unruhen über die Grenze eines Planeten hinaus ausweiten und so die Aufmerksamkeit der Neuen Republik von unserem Invasionskorridor ablenken."

Wieder ließ Nas Choka eine Pause und jetzt wusste Nom Anor etwas Vernünftiges zu antworten.

„Dahingehend ist bereits alles vorbereitet. In einigen Welten wie Adumar und Rhommamool wartet die Unterschicht nur darauf, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen und ich werde sie in eine uns genehme Form gießen."

Nas Choka lächelte dünn. „Sehr gut. Aber Sie sollten außerdem geeignete Verbündete auftreiben, die geächtet genug sind, dass man ihnen in der neuen Galaxis nicht vertraut, aber fähig genug, den Boden für unser Eintreffen vorzubereiten."

Nom Anor ließ sich das durch den Kopf gehen, dann kam ihm eine Idee. Er verneigte sich vor Nas Chokas Villip. „So wird es geschehen, Oberster Kommandant."

Nas Chokas schwarze Augen schauten prüfend auf ihn herab, obwohl sich der Villip weit unterhalb von Nom Anors Brustbereich befand. „Sie haben ein Zeitfenster von vier Jahren. Nutzen Sie es klug, Nom Anor!"

Nom Anor kreuzte erneut beide Fäuste und schlug sie gegen seine Schultern. „Ich gelobe es."

Der Villip Nas Chokas stülpte sich wieder um und Nom Anor bekam ein flaues Gefühl im Magen. Ja, er freute sich. Seine Leute rückten näher an diese Galaxis heran. Aber ihm war auch klar, dass er dann nicht mehr so unabhängig operieren konnte wie bisher. Er würde wieder mit den eigenen Leuten zusammenarbeiten. Mit Leuten, die Fragen stellen würden, kritische Fragen. Nein, sie würden natürlich keine kritischen Fragen stellen. Niemand würde dem Exekutor widersprechen, zumindest nicht öffentlich. Und niemand würde sich Nom Anor widersetzen. Nicht, wenn er seinen Job ordentlich erledigte.

Eine Woche später

Es war früher Morgen in Redhaven, als sich Nom Anor erneut ins Büro von Tamaktis Breetha begab. Der dunkelhaarige Mensch zuckte zusammen, als er Nom Anors ansichtig wurde, angetan ganz in Schwarz – und mit der Maske vorm Gesicht, mit welcher er sich bislang zumeist vor der Grube auf dem Platz der Himmlischen Erlösung sehen gelassen hatte. Der schlaksige, dunkelblonde Shok Tinoktin, der einen Kopf kleiner war als Nom Anor, stand neben seinem Boss und tat, als wäre dieses Verbergen des Gesichts ganz normal. Breetha beschloss, diesen Fauxpas vorerst ebenfalls zu ignorieren.

„Osarian wünscht Rhommamools Unterstützung, um die Schürfrechte auf Cartao für Laminanium-Erz durchzusetzen", begann der Bürgermeister, Nom Anor sein neuestes Anliegen vorzutragen. „Einige Senatoren haben einen Antrag auf Verhinderung dieses Vorhabens im Senat eingebracht, weil sie eine Monopolstellung Osarians in der Laminanium-Förderung befürchten. Ich denke, wir könnten den Osarianern unsere Unterstützung gewähren, wenn sie uns im Gegenzug zehn Prozent unserer Schulden erließen. Was meinen Sie, Nom Anor?"

Der Yuuzhan Vong grinste hinter seiner schwarzen Maske. „Zehn Prozent sind nicht genug. Die Osarianer sollen uns alles erlassen!"

Tamaktis Breethas braune Augen traten fast aus ihren Höhlen. „Alles? Das soll ich unserem Gouverneur sagen? Der Gouverneur von Osarian wird uns den Bankenclan auf den Hals hetzen!"

Nom Anor verschränkte die dornenbewehrten Arme vor der Brust. „Sollen sie es doch versuchen", sagte er höhnisch. „Wenn man gewillt ist, den Preis für eine riskante Sache zu bezahlen, so wird man in neunzig Prozent aller Fälle feststellen, dass man ihn gar nicht bezahlen braucht."

Tamaktis Breethas Hände klammerten sich an den dunklen Holzrahmen seines Stuhls, während er antwortete. „Und wenn wir zu den zehn Prozent gehören, wo es nicht klappt?"

„Dann werden wir den Osarianern zeigen, was Sache ist", gab sich Nom Anor so souverän wie nebulös. „Wir werden also den Gegenantrag von Senator Elegos A'Kla im Galaktischen Senat unterstützen."

Der Bürgermeister rang nach Luft. Er stand von seinem Stuhl auf und verließ den Schreibtisch, um mit Nom Anor auf etwa derselben Augenhöhe zu reden. „Meinen Sie, die Jedi werden uns helfen?"

Nom Anor lächelte hinter seiner Maske. „Natürlich werden sie das. Leia Organa-Solo wird entzückt darüber sein, dass ihr Caamasi-Freund weitere Unterstützung bekommt von einem zu lang unterdrückten Volk. Das Aufbegehren des geknechteten Rhommamool gegen das reiche Osarian wird ein Fanal in der Galaxis setzen."

„Nom Anor, ich erkenne Sie nicht wieder."

Der Yuuzhan Vong lachte kehlig. „Haben Sie mich denn je gekannt?"

Der verwirrte Blick des Bürgermeisters nach dieser Ansage entlockte Shok Tinoktin ein leises Schmunzeln und Nom Anor tat nichts, um dieser Respektlosigkeit gegenüber dem Gastgeber Einhalt zu gebieten.

„Ach, bevor ich gehe … da wäre noch eine Sache", kam Nom Anor zu einem anderen Punkt. „Shok Tinoktins Nachforschungen auf Cartao hinsichtlich des Todes von Ellgo Veritin haben erstaunliche Ergebnisse zutage gefördert."

Er nickte seinem Stellvertreter zu und Shok Tinoktin legte los. „Der Mörder von Ellgo Veritin war ein Einheimischer von Cartao, der verhindern wollte, dass Veritin seinen privaten Konflikt mit den Roten Rittern von Rhommamool auf seinen Heimatplaneten trägt. Es gibt einen Brief des ehemaligen Raumhafenmeisters von Redhaven, der besagt, dass Ellgo Veritin die Jedi in die Sache hineinziehen wollte. Aber die Bürger Cartaos hassen die Jedi, seitdem Jedimeister Torles vor fünfzig Jahren den Krieg nach Cartao brachte. Droiden und Jedi gleichermaßen verwüsteten damals einen Teil des Planeten. Da verstehen die Cartaoaner keinen Spaß!"

„Ein Einheimischer Cartaos?", wunderte sich Breetha. „Aber er trug die Kluft der Roten Ritter von Rhommamool!"

„Um eine falsche Spur zu legen!", erklärte Shok Tinoktin empört.

„Wo ist dieser Mörder jetzt?", fragte der Bürgermeister.

„Er nahm sich noch vor seiner Verhaftung das Leben, hinterließ aber einen Abschiedsbrief, der den von Shok Tinoktin geschilderten Sachstand bestätigt", übernahm Nom Anor wieder das Gespräch.

Breethas Gesicht gefror zu einer bitteren Grimasse. „Wie praktisch für Sie."

„Womit die Angelegenheit erledigt wäre", konstatierte Nom Anor kühl.

„Falls es keine weiteren Zeugen gibt", konterte Breetha.

Nom Anor trat einen Schritt auf den Bürgermeister zu. „Es gibt keine weiteren Zeugen und es ist sinnlos, weiter mit der Wahrheit zu hadern."

Tamaktis Breetha zwang sich ruhig zu bleiben und schaute hoch in Nom Anors schwarze Maske. „Sie meinen wohl mit Ihrer Wahrheit."

Nom Anor lachte ein tiefes Lachen und legte dem kleineren Mann eine schwarz behandschuhte Hand auf die Schulter. „Die Wahrheit, mein lieber Bürgermeister, ist mit denen, die sie aus ihrer eigenen Macht heraus gestalten – immer!"

Er wandte sich an seinen Stellvertreter. „Komm Shok, wir sind hier fertig."

Nom Anor schritt würdevoll zur Tür, drehte sich an dieser jedoch noch einmal zu dem von ihm gedemütigten Bürgermeister um. „Und Sie, Breetha, werden dem Gouverneur genau das sagen wie besprochen. Bescheren wir also unseren osarianischen Freunden ein böses Erwachen im Galaktischen Senat!"

Zorn wallte in Tamaktis Breetha auf und der Bürgermeister beschloss, diesen seinen Zorn vorerst gegen die Osarianer zu richten. Nom Anor hatte ja recht: der reiche Zwillingsplanet musste in seinen Hegemonialbestrebungen eingehegt und gestutzt werden – zum Wohle Rhommamools. Gleichzeitig fragte er sich, ob er nicht gerade angefangen hatte, den wahren Nom Anor kennenzulernen, der ihm mit der Maske vor dem Gesicht wesentlich authentischer vorkam als ohne.

Nom Anor war gerade von einer weiteren Vernichtungszeremonie auf dem Platz der Himmlischen Erlösung heimgekommen. Jetzt stand der Yuuzhan Vong hinter dem von außen verspiegelten Fenster und schaute hinaus – hin zu der Qualmsäule, die jetzt nur noch in einem dünnen Faden aus der nun verlassenen Grube in den Nachthimmel Rhommamools aufstieg.

Irgendwann werden es nicht nur Droiden sein


Note der Autorin: Mit diesem Kapitel endet der Handlungsstrang des Comics „Crimson Empire III – Das Verlorene Imperium" aus dem Jahre 2012. Ab jetzt geht es in die Ära „Das Erbe der Jediritter."