Nar Shaddaa, Café Jara' – Zwei zum Preis von Einem-Nacht – Fünfter Monat des Jahres 24 nach der Schlacht von Yavin – ein Jahr bis zur Invasion der Yuuzhan Vong
Im Café Jara', welches als Anlaufpunkt für versprengte Mandalorianer auf dem Huttenmond galt, ging die Abendschicht zu Ende und die Nachtschicht brach an. Eine Gruppe Frauen in Beskar'gam-Rüstung feierte ziemlich lautstark. Sie mussten schon seit Stunden hier zugange sein, wie der schwarzgekleidete Gast schätzte, der allein an einem Tisch saß und an seinem Kri'gee-Bier nippte, das ihm der Kellner vor zehn Minuten gebracht hatte. Er hätte lieber ein Wasser bestellt, zog es jedoch vor, sich soweit es ging, an die sprichwörtlich lokalen Gepflogenheiten anzupassen, denn das, weswegen er eigentlich gekommen war, wich doch erheblich davon ab.
Er sah, wie der Kellner, ein blonder Mann mit kantigen Gesichtszügen, zum Tisch der feiernden Damen ging, um weiteres Bier aufzutischen. Dieser Mann hatte ihm versprochen, einen Kontakt herzustellen. Das war vor zwei Tagen gewesen und der Gast zweifelte nicht daran, dass der Termin eingehalten werden würde. Mandalorianer waren für ihre Pünktlichkeit und Akkuratesse bekannt – genau wie es auch bei seinesgleichen Brauch war, auch wenn noch niemand hier davon wusste.
Ein mandalorianischer Krieger betrat das Lokal, mittelgroß und in voller Beskar'gam. Durch das charakteristische T-Visier war nichts von seinem Gesicht zu erkennen. Der Gast schätzte derartige Tarnung durchaus, allerdings eher für sich selbst; bei anderen wollte er schon gerne wissen, mit wem genau er es zu tun hatte.
Der Mann ging an den Tresen, hinter den der Wirt zurückgekehrt war, und erfuhr von jenem, wer ihn bestellt hatte. Dann kam er nicht allzu eilig an den Tisch des Gastes und legte seine Waffe, einen schweren Blaster, auf der Tischoberfläche ab, bevor er sich seinem Verhandlungspartner gegenübersetzte.
Der Mann im schwarzen Anzug fühlte sich bemüßigt, anstelle seiner Waffe die behandschuhten Hände auf den Tisch zu legen. „Ich habe ein Problem, das gelöst werden muss."
„Davon gehe ich aus. Ich bin Goran Beviin. Und Sie sind?"
Der Schwarzgekleidete hob die Oberlippe gerade hoch genug, um seine Zähne nicht zu zeigen – ein Ausdruck angeekelten Hochmuts. „Ich dachte, Kopfgeldjäger wären diskret."
Beviin musterte den Anderen. Seine Lippen waren nicht dünn, wirkten jedoch blutleer und schlaff. Sein ganzes Gesicht war grob gehauen, als hätte ein Bildhauer seine Büste nicht vollendet, sondern nur die wichtigsten Konturen hineingemeißelt. Die Augen waren wässrig blau in dem bleichen Gesicht, das gespenstisch mit dem eleganten, schwarzen Anzug kontrastierte, den der potentielle Auftraggeber trug.
„Diskret ja, dämlich nein", gab Goran Beviin zurück.
Es war eine Sache, diskret zu sein, eine ganz andere, nicht zu wissen, mit wem man es zu tun hatte. „Nachdem Sie erst einmal das Risiko eingegangen sind, mir zu sagen, was Sie wollen, bezahlen Sie entweder komplett im Voraus oder geben mir Informationen, um zu überprüfen, dass Sie tatsächlich bezahlen können."
Der Andere lächelte dünn. „Welche Ironie, das von einem Mann zu hören, der sich hinter seinem Helm versteckt."
„Ich bin Mandalorianer", tat Beviin den Angriff ab. „Den meisten Kunden genügt das normalerweise an guten Referenzen."
Er konnte den Mann ihm gegenüber nicht einordnen. Er mochte vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt sein, aber sein Basic ließ keinerlei Rückschlüsse darauf zu, woher er stammte. Aber er schien frustriert darüber zu sein, dass er die Augen seines zukünftigen Vertragspartners nicht sehen konnte. Das kannte Beviin nur allzu gut. Die Leute brauchten immer irgendetwas Greifbares, Visuelles, Persönliches. Und was konnte persönlicher sein als Augen? Aus den Augenwinkeln nahm er eine Landsmännin in roter Beskar'gam wahr, die in Richtung Toilette strebte. Sie hatte an dem Tisch gesessen, wo die Frauen die Verd'goten-Feier abhielten, die Zeremonie des Erwachsenwerdens der jungen Blonden sicherlich – vielleicht die Tochter der Frau in der roten Rüstung.
Und dann beging der potentielle Kunde einen Fauxpas. Seine behandschuhten Hände wanderten unter den Tisch. Es dauerte nicht mal eine Sekunde, bis Beviins zweite Waffe, ein Miniblaster, gezogen, entsichert und auf das Gesicht des Gegenübers gerichtet war. Er hatte nicht darüber nachgedacht. Es war ein gut eingeübter Reflex. Seine Hand hatte es einfach getan.
Der Gast blinzelte kurz. Er hatte nie vorgehabt, den Mandalorianer zu bedrohen. Stattdessen hatte das Stilett in seiner rechten Hand unter dem massiven Holztisch die Handfläche der Linken durchbohrt. Das war eine Konzentrationsmethode, sonst nichts. Keine lebenswichtige Ader oder Sehne war getroffen worden. Aber freilich konnte der Mandalorianer das nicht wissen. Er hatte das ganz reflexhaft gemacht, während er überlegt hatte, wieviel von seiner Person er wann preisgeben würde. Tatsache war, dass dieser Beviin ihn nervös machte, sehr nervös. Er hatte sich im Vorfeld mit der Geschichte der Mandalorianer vertraut gemacht und dabei erfahren, dass dieses Volk, welches zumeist aus Menschen bestand, aber jeden aufnahm, der sich dem Kodex dieser Gemeinschaft unterwarf, schon öfters das Zünglein an der Waage gewesen war, was die Geschicke dieser Galaxis anbetraf. Hier im Jara' ging es im Prinzip um keine große Sache, aber wenn sie glückte und das Band erst einmal geknüpft war, dann würde den Mandalorianern wieder einmal so eine Entscheidungsrolle zuteilwerden – nein, keine Entscheiderrolle, die hatte immer noch er. Und genau deshalb durfte er sich jetzt keine Fehler erlauben.
Das Blinzeln wich dem Blick auf einen neuen Störfaktor. Nervosität machte tödlicher Ruhe Platz. Da war noch ein Blaster auf ihn gerichtet – aus Richtung der Toilettentür, wo die rotgerüstete Frau stand, ein wesentlich größeres Blastermodell in der entschlossenen Hand.
Das Geschnatter an dem Frauentisch verstummte – so wie all das Murmeln und Schwatzen im übrigen Teil des Jara'.
„Copaani gaan, burc'ya?", fragte die Frau an der Toilettentür Beviin.
Gaan als Mando'a-Wort für Hand konnte auch Hilfe bedeuten und Burc'ya bedeutete so viel wie Freund oder Kumpel. Der Bedrohte hätte jedoch auch ohne Kenntnis dieser beiden Mando'a-Wörter gewusst, was jetzt lief. Langsam legte er beide Hände wieder sichtbar vor sich auf den Tisch. Die Oberseite des Handschuhs der durchbohrten linken Hand war noch intakt. Darauf hatte er geachtet. Fleisch und Haut würden schnell heilen – eine verpatzte Gelegenheit vielleicht niemals. Die Frau in der roten Rüstung hatte bleiche, fast weiße Haut. Ihre haselnussbraunen Augen glühten in dem Eifer, ihrem Mandobruder zu Hilfe zu eilen. Ihre braunen Haare hatte sie zu im Nacken zu einem Zopf geflochten, dessen Länge er jetzt nicht abschätzen konnte. Aber diese Hand, die den Blaster hielt – voller dunkelblauer Tätowierungen! Schöne Muster, wie er fand. Und sie kontrastierten hervorragend zu ihrem hellen Hautteint. Vielleicht waren die Mandalorianer doch noch mehr wert, als er diesem zusammengewürfelten Haufen bislang zugetraut hatte. Er ertappte sich bei dem Wunsch, die Frau hätte ihm beigestanden, nicht Beviin.
Beviin schüttelte den Kopf. „Naysh a'vor'e, vod." Danke, Schwester, aber nein. "Ich bin in letzter Zeit bloß ein bisschen angespannt."
Sie senkte ihre Waffe, wartete aber noch zwei Sekunden, bevor sie sie endgültig wieder im Holster verstaute. Beviin tat es ihr gleich und lehnte sich an die Wand der Nische, in welcher er saß, zurück, um endlich die erwartete Antwort zu bekommen.
„Mein Name ist Udelen", sagte der Mann ihm gegenüber. Seine Stimme klang ruhig dabei und überhaupt schien er im Moment mehr Interesse an der rotgerüsteten Helferin zu haben. Er beobachtete sie doch tatsächlich, bis sie außer Sicht war. Goran fiel ein, dass Udelen schon vor seiner längst überfälligen Namensnennung auf die tätowierte Hand der Frau gestiert hatte, als würden ihm die indigoblauen Muster irgendetwas sagen. Komischer Kerl, aber immerhin ließ er sich nicht so leicht Angst machen. Und ängstliche Auftraggeber waren ihm ein Gräuel.
Endlich schaute ihn der Fremde wieder an. „Ich muss jemanden aus dem Verkehr ziehen."
„Wie nachhaltig?", fragte der Söldner routiniert.
„Dauerhaft", kam die überzeugte Antwort.
Udelen schien aufzutauen. Jetzt wurde es für Goran Beviin interessant. „Schulden? Rivalität?"
Der Auftraggeber lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Das brauchen Sie nicht zu wissen."
„Ohne ein paar Einzelheiten kann ich Ihnen keinen Preis für den Job nennen."
Udelen lächelte dünn. „Nun, dann eben Rivalität."
"Wollen Sie das näher ausführen?"
Udelens blaue Augen wurden noch kälter. „Nein."
Jetzt war es an Beviin, hinter seinem T-Visier zu lächeln. „Das geht dann extra."
„Sind Sie mit der Politik des Planeten Ter Abbes vertraut?"
Mit einer Reihe rascher Blinzler aktivierte Beviin die Bedienoberfläche in seinem Helm, und an einer Seite seines Blickfeldes ergoss sich eine Kaskade von Symbolen nach unten.
„Ter Abbes", echote er, als würde er lediglich sichergehen wollen, richtig verstanden zu haben, während der Audiosensor die Worte bereits aufgenommen und analysiert hatte. Beviin brauchte nur noch den Strom von GalaxSat-Bildern zu überfliegen, um zu erfahren, dass Ter Abbes ein trostloser Industrieplanet abseits der perlemianischen Handelsstraße war. Es war keine besonders reiche Welt und die Kriminalität bewegte sich deutlich unter Hutt-Niveau. Beviin wurde unwohl. Es war eine Sache, gesuchte Kriminelle oder anderen Hut'uune-Abschaum zur Strecke zu bringen, Politiker waren etwas anderes. Mandalorianer mischten sich seit Jahrtausenden nicht mehr in die Politik anderer Welten ein, andererseits war die Kopfgeldjagd auch kein Geschäft, bei welchem man einen Fünfjahresplan aufstellte. Zudem machte seine Farm auf Mandalore gerade ein ziemlich mageres Jahr durch – genau wie das Jahr davor. Und wenn der Auftragsmord glückte, dann hätten er und Medrit für dieses Jahr ausgesorgt, wenn nicht für längere Zeit. Aber bis dahin standen noch Verhandlungen bevor.
„Was hat er getan?"
„Er lässt sich bestechen."
Diese Antwort war Beviin viel zu banal. Es musste um etwas Größeres gehen – um etwas viel Größeres! „Nein, ich meine, was hat er getan, das all die anderen nicht tun?"
„Er hatt seine Versprechen nicht eingehalten."
Goran Beviin zuckte mit den Schultern. Dass Politiker Wahlversprechen brachen, war ebenfalls nichts Neues. Und Udelen sah nicht aus wie ein enttäuschter Kleinbürger, der angesichts eines solchen Wahlversprechensbruchs aus allen Wolken fallen würde. Er beobachtete, wie Udelens sehnige Hand bedächtig zum Aufschlag des eleganten Jacketts wanderte. Offenbar hatte er seine Lektion gelernt.
Ein Datenchip wechselte den Besitzer.
„Darauf finden Sie, wie ich diese Angelegenheit gehandhabt haben möchte", erklärte Udelen hoheitsvoll. „Ich möchte, dass er bis zu den Wahlen nächsten Monat nicht mehr als Politiker tätig ist."
Beviin schob den Chip in die Buchse seines Unterarmpanzers und der Datenstrom lief geradewegs über sein HUD. Gut, dass Udelen jetzt nicht sah, wie sich seine blauen Augen in Überraschung weiteten.
„Osik", entfuhr es ihm und er hoffte, dass Udelen dieses Mando'a-Wort für braune Fäkalien nicht verstehen würde. „Das ist der Anführer der Opposition, Tholote B'Leph! In Ordnung, als er noch an der Macht war, war er für die ungewöhnliche Generosität bekannt, mit der er Mordaufträge auf Regierungsangehörige vergab. Doch ihn zu töten, wird auf dem ganzen Planeten Aufstände hervorrufen. Wollen Sie nicht lieber, dass ich ihm die Finger breche oder etwas in der Art? Normalerweise funktioniert das."
Udelens grimmiges Gesicht wurde noch grimmiger. „Was immer die Folgen sind, ist nicht Ihr, sondern Ter Abbes' Problem."
Er hielt Beviin die Handfläche hin, um den Datenchip wieder entgegenzunehmen. „100 000 Credits. Der übliche Deal – die Hälfte im Voraus, wenn Sie akzeptieren, die andere bei Abschluss, was einige Tage vor der Wahl sein muss."
In Goran Beviins behelmtem Kopf ratterte es. Ein so enger Zeitplan bedeutete, dass es bei der Sache um wesentlich mehr ging als nur um Bestechungsgelder. Doch 100 000 Credits waren eine Menge. 100 000 Credits würden bedeuten, dass er sich um die nächsten paar Jahre weder Gedanken um die Ernte auf seiner Farm auf Mandalore machen müsste, noch über neue Kopfgeldjägeraufträge. Er könnte sich die aussuchen, die ihm zusagten – keine Morde an Politikern mehr. Möglicherweise jedoch würde dieser Auftrag auch Ärger einbringen – mehr, als er alleine würde bewältigen können.
„Möglicherweise muss ich Verstärkung anheuern. Wie lange habe ich Zeit, es mir zu überlegen?"
Udelens Oberkörper kam etwas näher an den Tisch heran. „Bis die Schicht unseres Wirts zu Ende ist. Also bis zur Morgendämmerung. Solange werde ich hier sein."
Goran Beviin lächelte hinter seinem Helmvisier. „Ich werde schon früher wieder zurück sein."
Während der Söldner zur Tür ging, beobachtete er durch den 360°-Sensor seines Helmvisiers die tätowierte Frau mit der roten Rüstung. Sie hatte ihren Oberkörper leicht gedreht, beobachtete ihn also auch. Er nahm sich vor, nach seiner Rückkehr zu ihrem Tisch hinüberzugehen und ihrer Tochter zur Verd'goten-Feier zu gratulieren. Aus den Augenwinkeln bekam er mit, dass Udelen sich ebenfalls nach der Frau umgedreht hatte. Wie konnte es dieses hässliche, grimmige, abgebrühte Stück Fleisch überhaupt wagen …?! Wichtiger jedoch war, dass dieser brisante Auftrag vom Mand'alor persönlich abgesegnet werden musste.
Goran Beviin schaute auf die Holo-Konsole seines Angriffsjägers, den er Beroya getauft hatte, wo sich das blaue Holoabbild Boba Fetts materialisierte.
„Ich bin auf Nar Shaddaa und ein Typ namens Udelen hat mir einen Deal von 100 000 Credits angeboten, wenn ich Tholote B'Leph, einen Politiker von der Welt Ter Abbes töte."
„Verlierst du die Nerven?", fragte Fett lässig.
„Es gehört nicht gerade zu meinen üblichen Aufträgen, einen Anführer der politischen Opposition, egal wo auch immer, zu eliminieren."
Fetts Miene wurde aufmerksamer, wobei er nicht aufhörte, seinen EE3-Blaster zu putzen. „Was gibt dir daran zu denken?"
„Die Bürgerunruhen, die es auslösen wird."
„Es gibt immer irgendwo Bürgerunruhen", wiegelte Fett ab. „An dem Tag, an dem du anfängst zu überlegen, ob das Ganze moralisch richtig ist, bevor du ein Kopfgeld akzeptierst, kannst du dich ebenso gut der Armee der Neuen Republik anschließen. Und auch da lassen sie dich deine Schlachten nicht selbst aussuchen."
Beviin unterdrückte seine Verärgerung. Fett hatte ja recht: Ja, womöglich war er übermäßig pingelig mit seinen Kontrakten und machte sich vermutlich viel zu viele moralische Gedanken darüber. „Aber das Ganze erscheint mir dennoch so, als ginge es dabei um mehr, als bloß um die Bestrafung von jemandem, der es versäumt hat, die Dinge mit seinem Zahlmeister im Guten zu regeln."
Jetzt wurden Fetts Putzbewegungen am Blaster deutlich langsamer. „Sprich weiter."
„Es ist zu strategisch. Der Zeitplan ist sehr eng."
Boba Fett wischte einmal energisch den Blasterlauf entlang. „Es geht um 100 000 Credits. Wann hast du das letzte Mal so viel Geld gesehen?"
„In Ordnung", seufzte Beviin. „Gehen wir die Sache mal durch."
Er ließ die Positionslichter aufblitzen, um Schaulustige von seinem Landeplatz zu verscheuchen, die mitbekommen hatten, dass ein echter Mandalorianer samt einem Angriffsjäger der Gladiator-Klasse auf Nar Shaddaa gelandet war. „Er will nicht einfach nur, dass ich dem Kerl ein wenig die Beine breche oder ihn sonst wie aufmische. Er will, dass ein politischer Rivale unmittelbar vor der Wahl ausgeschaltet wird. Das ist keine Erinnerung daran, dass er mit dem Begleichen seiner Rechnung überfällig ist."
Fetts Holobild zuckte mit den Schultern. „Dann ist es eben was Politisches. Das sind Geschäfte mit den Hutten auch."
Beviin rang nach einem weiteren Grund, die Sache abzublasen. „Nein, es ist alles sehr … unpersönlich. Ich werde Vernunft walten lassen."
Fett drehte das abgeschraubte Zielfernrohr der EE-3, um es zu putzen, obwohl Beviin sogar über den Holoprojektor sehen konnte, dass es bereits sauber war. Der Mand'alor war eindeutig verwirrt. „Aber du brauchst diese Credits."
Der Söldner ließ die Schultern schlaff nach vorne hängen. „Ich hatte nicht unbedingt das beste Jahr."
Fett lachte kurz auf und begann wieder schneller zu putzen. „Ich bekomme mehr Aufträge angeboten, als ich in meinem Alter erledigen kann. Nimm mir doch beizeiten ein paar davon ab."
Es war gerade mal zwei Standardjahre her, seit der berühmteste Kopfgeldjäger der Galaxis den verstorbenen Fenn Shysa als Mand'alor, den Herrscher Mandalores, abgelöst hatte. Trotzdem war der Klon Jango Fetts immer noch als Kopfgeldjäger tätig. Eigentlich hätte Goran Beviin es wissen müssen, trotzdem …
Sein Mund schnappte nach Luft. „Mand'alor …"
„Fett Ende."
Der blaue Schein erlosch und Goran Beviin verließ das Cockpit, um wieder zurück ins Jara' zu gehen. Da sollte einer den Mand'alor verstehen. Schon einige Male hatte Boba Fett sehr selbstlos gehandelt, weil er der Meinung gewesen war, dass diese Dinge moralisch richtig waren und getan werden mussten. Fett hatte so seine Momente. Und im nächsten Moment blies er jemandem den Schädel weg, weil alles rein geschäftlich war. Vielleicht verstand ja auch Boba Fett nicht, um was es hier ging. Aber wie auch, wenn er, Goran Beviin, einfach nicht die richtigen Worte fand, um auszudrücken, was bisher noch nicht dagewesen.
Er betrat wieder die Kneipe. Udelen schaute ihn an, als hätte er nie etwas anderes hier getan. Auch Mutter und Tochter waren noch da – und feierten weiter.
Er ging auf seinen Auftraggeber zu. „Abgemacht."
Udelen griff in sein Jackett – langsam und bedächtig – und holte einen Creditchip hervor. „Informieren Sie mich, sobald der Auftrag erledigt ist", sagte er. „Und geben Sie mir Bescheid, wie ich wieder mit Ihnen in Kontakt treten kann, um Ihnen die andere Hälfte zu zahlen. Wenn mir Ihre
Arbeit gefällt, habe ich jede Menge Arbeit für Sie und Ihre Kameraden."
Beviin fand, dass sich das gut anhörte. Er nahm den Chip und stöpselte ihn in die Datenbuchse an seinem Unterarmpanzer ein, um zu prüfen, ob er gültig war: 50 000 Credits, genug, um das Leben auf seiner Farm für eine Weile zum Besseren zu ändern. Das stecknadelkopfgroße blaue Licht bestätigte es.
„Ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen", sagte der Mandalorianer.
Udelen neigte den Kopf um eine Winzigkeit, dann erhob er sich und verließ das Jara' mit der steifen Würde eines Bestattungsunternehmers. Goran Beviin wurde kalt. Er hatte Udelen vor ihrem Verhandlungsgespräch nicht hereinkommen sehen, aber jetzt, wo er zusah, wie er sich in dem zugegebenermaßen sehr eleganten Anzug von ihm fortbewegte, kam es ihm vor, als sei sein Auftraggeber der Tod persönlich. Sein Gang bestärkte Beviin noch in seinem miesen Gefühl, dass es um mehr ging, als dass ein Mistkerl den anderen ausknipsen wollte. Um viel mehr!
Allerdings hatte er endlich ein gutes Geschäft abgeschlossen und das wollte er feiern. Also bestellte er Getränke für die Frauen am Verd'goten-Tisch und schlenderte zu ihnen hinüber, um die Gläser vor sie hinzustellen.
„Oya, vo'ika", begrüßte er das Mädchen, um das es hier ging.
Einige Gäste an anderen Tischen gafften ihn blöde an, aber das waren Aruetiise, Außenseiter mit null Ahnung von Mando-Gepflogenheiten. Oya, vo'ika war so viel mehr als ein bloßes Prosit. Es bedeutete: Überlebe, kleine Schwester. Jage, genieße das Leben, mach deinem Volk Ehre. „Oya manda."
„Oya", erwiderte das Mädchen strahlend. „Ich bin Dinua."
Er wandte sich der Frau in der roten Rüstung zu. Jetzt erst fiel ihm auf, wie eigenartig kalt ihre haselnussbraunen Augen wirkten. „Sie müssen Dinuas Mutter sein."
Sie nickte. "Und mein Name ist Briika - Briika Jeban."
Goran lächelte. Endlich hatte er erfahren, was er wissen wollte, seit ihm die Frau so unverhofft zur Seite gesprungen war.
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Zwei Tage später – immer noch im Jahre 24 nach der Schlacht von Yavin – ein Jahr vor der Invasion der Yuuzhan Vong
Nom Anor hatte einen Villip hervorgeholt, um zur Paru-shan Verbindung aufzunehmen, damit das Scoutschiff der Yuuzhan Vong auch den richtigen Felsbrocken ansteuern würde. Denn dort saß der Exekutor in einem rhombenförmigen VCX-100-Frachter und wartete. Endlich hatte das Scoutschiff den Asteroiden in der Nähe des Planeten Bandomeer an der Kreuzung zwischen der Braxant-Strecke und der Hydianischen Handelsstraße erreicht. Das eiförmige Schiff senkte sich langsam ab, um nicht durch den Rückstoß infolge nahezu nicht existenter Schwerkraft das Ziel wieder zu verlassen. Die Krallen der vier ausgefahrenen Stützen gruben sich in den felsigen Grund, dann öffnete sich die Membran der Einstiegsluke und das felsenähnliche Schiff fuhr seine zungenartige Einstiegsklappe aus. Über die Zunge lief ein junger, hochgewachsener Yuuzhan Vong nach unten, der eine Gnullith-Maske trug, um auch im Vakuum atmen zu können. Der Krieger verzog angewidert das Gesicht, als er das mechanische Schiff sah, das auf ihn wartete.
Der Exekutor wartete, bis die Paru-shan sich wieder erhob, dann öffnete er die Einstiegsluke seines Schiffs.
Der Blick der schwarzen Augen des Kriegers, der von draußen kam, war schon im Vakuum des Asteroiden nicht besonders angetan gewesen. Jetzt in Nom Anors Schiff nahm er seine Gnullith-Maske ab und offenbarte eine in Ekel emporgezogene Oberlippe, während er die Augen zu unwilligen Schlitzen zusammengekniffen hatte.
„Sie sind also Yomin Carr, den mir Präfekt Da'Gara als seinen besten Mann in Spionagedingen angepriesen hat", begrüßte Nom Anor seinen Gast.
Der Angesprochene verzog den linken Mundwinkel zu einem Halbgrinsen. „Sicher nicht besser als Sie – ein Frischling zudem."
Nom Anor hob eine Braue. Wieso dachte dieser Kerl überhaupt daran, besser als er, Nom Anor, zu sein?
Yomin Carr ließ seinen Blick durch das Schiffsinnere schweifen. „Und das müssen Sie alles ganz allein bedienen?"
„Wenn ich andere Geheimagenten empfange, die ganz offen Gnullith-Masken tragen, dann schon."
Yomin Carrs zog die zerschnittenen Brauen zusammen. „Was hätte ich denn stattdessen tragen sollen? Etwa so ein technisches Atemgerät wie die Ungläubigen?"
Nom Anor lächelte belustig. „Auch daran werden Sie sich noch gewöhnen müssen. Wie haben Sie sich Ihre Mission eigentlich vorgestellt?"
Das tätowierte und vernarbte Gesicht des Gefragten gefror für einen Augenblick, bevor er antwortete. Nom Anor vermutete stark, dass Yomin Carr in dieser Frage eine Falle vermutete. Es war nicht üblich, dass Untergebene gefragt wurden, welche Vorstellungen oder gar Wünsche sie von ihrer Arbeit oder Mission hatten. Sicherlich hatte er stattdessen konkrete Anweisungen erwartet. Aber das hatte Zeit.
„Ich kundschafte den Außenposten der Ungläubigen aus, der am nächsten an unserem Invasionskorridor liegt, lege ihn lahm und kehre dann zu Da'Garas Weltschiff zurück."
Nom Anor wiegte weise sein kahles Haupt. „Gute Agenten sind rar in diesen Tagen, Yomin Carr. Machen Sie sich darauf gefasst, von einer Mission zur nächsten geschickt zu werden."
„Aber doch nur solange, bis wir diese Galaxis eingenommen haben."
Nom Anors gutes Auge zwinkerte. „Ihr Zeitplan ist wahrlich unterhaltsam. Ich hoffe, unsere Krieger kämpfen so schnell wie Sie planen."
Zum ersten Mal konnte Nom Anor Zweifel im Gesicht Yomin Carrs sehen. Der Krieger war einen Kopf größer als er selbst, hatte mindestens so viele Narben und Tätowierungen wie der Exekutor selbst. Es waren jedoch zumeist Narben, die er sich selbst beigebracht hatte oder sich hatte machen lassen. Ein wirklich vom Leben gezeichnetes Gesicht war das noch nicht.
„Was glauben Sie denn, wie lange wir für die Inbesitznahme dieser Galaxis brauchen werden, Exekutor?"
„Wie alt sind Sie eigentlich?", wollte Nom Anor wissen.
„Dreiundzwanzig Jahre."
„Dann lassen Sie sich gesagt sein, dass ich bereits ein Jahr länger hier unten bin als Sie alt sind", ermahnte ihn Nom Anor. „Und ich wäre hier nicht so alt geworden, wenn ich in zu knappen Zeitfenstern planen oder mich in falschen Hoffnungen wiegen würde."
Sein gutes Auge wanderte zu dem Amphistab, den Yomin Carr um seine Taille geschlungen hatte. „Das hier oder den Gnullith darf niemals jemand von hier zu sehen bekommen."
„Und mit was soll ich mich dann verteidigen?", schnappte Yomin Carr. „Auch in dieser Galaxis soll es viele gefährliche Raubtiere geben und einen dieser Blaster fass ich nicht an!"
„Und ob du das wirst!", sagte Nom Anor streng.
Dann machte er eine Geste, die Yomin Carr bedeutete, mit ihm zu kommen. Sie gingen in den Aufenthaltsraum, der fünfmal fünf Meter groß war. Nom Anor ging zur Wand, öffnete ein Paneel und entnahm dem dahinter versteckten Regal eine grau schimmernde Waffe.
„Ein E-11-Blaster", erklärte Nom Anor seinem Schützling. „Nicht das neueste Modell, aber sehr zuverlässig."
Er wies auf eine Scheibe an der gegenüberliegenden Wand, auf der mehrere verschiedenfarbige Kreise zu sehen waren. „Du entsicherst die Waffe hier", erklärte er und es machte metallisch Klick.
„Dann drückst du hier ab und …"
Peng! Auf dem Mittelpunkt der Scheibe leuchtete etwas auf.
„Getroffen!", sagte Nom Anor stolz, während Yomin Carr erneut die Augen zusammenkniff – nicht wegen des Schallstoßes der unreinen Waffe, wie er feststellte.
„Und jetzt Sie."
Angewidert starrte Yomin Carr auf den grauen Blaster.
„Den hab ich auf niedrigste Intensität eingestellt", erklärte Nom Anor. „Soll ja auch nur eine Zielübung sein." Seine Stimme wurde feierlich. „Stellen Sie sich einfach vor, Sie würden damit Ungläubige erschießen – mit ihren eigenen Waffen."
Nom Anor sicherte den Blaster und reichte ihn seinem Schutzbefohlenen. Jetzt ergriff Yomin Carr die verruchte Waffe, entsicherte sie erneut und legte an, zielte und schoss.
Peng! Der Schuss ging genau auf die Kreislinie, die den Mittelpunkt umschloss.
„Nicht schlecht", meinte Nom Anor. „Die meisten Ziele sind für gewöhnlich eh größer, auch Herzen und Köpfe von Menschen."
„Haben Sie schon viele damit erschossen?"
Nom Anor lächelte dünn. „Noch nicht genug."
Yomin Carr reichte die Waffe wieder Nom Anor. Der verschränkte die Arme vor der Brust. „Auch das war noch nicht genug. Außerdem haben Sie vergessen, die Waffe wieder zu sichern. Und gleich noch mal."
Yomin Carr erhob erneut die lang bekrallte Hand mit dem Blaster und drückte ab. Sein zweiter Schuss traf die andere Seite des Kreises, den er bereits getroffen hatte. Er bewegte die Lippen in lautlosem Fluch, dann drückte er zum dritten Mal ab. Der Schuss traf innerhalb des Mittelpunktkreises, wenn auch nahe an dessen Rand. Er wollte die Waffe zurückgeben, besann sich jedoch und sicherte sie zunächst, bevor er sie dem Exekutor hinhielt. „Ist es jetzt genug?"
Nom Anor lächelte etwas weniger dünn und nahm den E-11-Blaster wieder an sich. „Für heute ja."
Er führte Yomin Carr in die Pilotenkanzel und setzte sich auf den Pilotensitz. Auf eine Geste hin nahm Yomin auf dem Co-Pilotensitz neben ihm Platz. „Und jetzt wird es Zeit, von hier zu verschwinden. Hier gibt man die Zielkoordinaten ein und das Schiff berechnet dann den Kurs."
Nom Anor drückte ein paar Knöpfe und Yomin Carr schaute dabei zu, wie der sich verlängernde Balken anzeigte, wie weit der Navcomputer mit seinen Berechnungen fortgeschritten war.
„Naaal Huttaaa", las Yomin Carr langsam die Basicbuchstaben, die er auf dem Weltschiff gelernt hatte. „Was ist das für eine Welt?"
Nom Anor lachte kurz auf. „Eine der schmutzigsten und verdorbensten Welten dieser Galaxis überhaupt. Wenn Sie eine Weile dort gelebt haben, dann kann Sie hier so schnell nichts mehr umhauen."
Die Triebwerke des VCX-100-Frachters erwachten zum Leben und Yomin Carr neben ihm erstarrte, die Augen erneut zusammengekniffen. Nom Anor zog den Steuerknüppel nach hinten, um das Schiff möglichst steil vom Asteroiden abheben zu lassen.
Das Schiff gewann an Höhe und Yomin Carr saß immer noch steif in seinem Co-Pilotensessel, in den ihn der Druck des schnellen Auftriebs presste.
„Jetzt entspannen Sie sich mal", sagte Nom Anor. „Ich fliege diese Kiste bereits seit zehn Standardjahren."
„Ist es die ganze Flugzeit über so laut?", fragte Yomin Carr vorsichtig.
Nom Anor ärgerte sich, dass er nicht gleich darauf gekommen war, was den jungen Mann an seiner Seite umtrieb. Stattdessen war er in Gedanken bereits an ihrem Zielort gewesen. Auch das zeigte ihm an, dass er schon viel zu lange in dieser Galaxis und getrennt von seinem Volk lebte. Die lebenden Schiffe der Yuuzhan Vong flogen lautlos, selbst bei Start und Landung. Gravitationsunterschiede wurden von den Dovin Basalen der Schiffe beinahe sofort nach ihrem Erkennbarwerden ausgeglichen. Bei der mechanischen Schwerkraftsimulation im Inneren eines Raumschiffs der Ungläubigen hingegen konnte es schon mal einige Augenblicke dauern, bis ein Druckausgleich stattgefunden hatte. Allerdings verschaffte einem solch eine technische Verzögerung auch einen greifbaren, sinnlichen Eindruck jener physikalische Gesetzmäßigkeiten, die einem Yuuzhan Vong, der Zeit seines Lebens auf einem vollklimatisierten Weltschiff lebte, höchstens als Abstraktion bekannt sein dürften.
„Ja, diese Motorengeräusche werden Sie den ganzen Flug über ertragen müssen", raubte Nom Anor Yomin Carr die Illusion, das Summen und Brummen der Schiffsmaschinen würde sich lediglich auf Start und Landung beschränken.
„Welche Spezies leben denn auf Nal Hutta?", wechselte Yomin Carr das Thema.
„Ziemlich viele, die ich Ihnen dort alle zeigen kann. Aber beherrscht wird der Planet von Hutts, riesigen, ziemlich schleimigen Schneckenwesen, die jedoch sehr intelligent und verschlagen sind. Sie sind für unsere Sache von großem Nutzen."
Das Abendessen stand an. Nom Anor ging zur Kühleinheit des Transporters und holte einen gefrorenen Fisch heraus, um ihn in einen Topf und jenen auf den Plasmaherd in der Bordküche zu stellen.
„Der ist ja schon tot!", meinte Yomin Carr angewidert.
„Manchmal muss ich mit diesem Schiff schnell von einem Ort verschwinden", wies Nom Anor seinen Schützling zurecht. „Und dann ist herumschwappendes Wasser in einem Bottich lebender Fische eher kontraproduktiv. Auf einem behäbig dahinsegelnden Weltschiff wie dem von Präfekt Da'Gara freilich ist es was anderes."
Das Essen war beendet und Nom Anor zeigte Yomin Carr dessen Schlafplatz, eine dreimal vier Meter große Kammer mit einem Doppelstockbett. Zum ersten Mal sah der Exekutor, wie sich die Miene des jüngeren Mannes aufhellte.
„Das ist total viel Platz", sagte Yomin Carr überrascht. „Und das auf so einem kleinen Schiff."
„Mehr als auf einem Weltschiff – und das, wo mein Schiff doch so klein ist", meinte Nom Anor spöttisch.
„Aber es riecht nicht gut."
„Es ist mein Schiff", wies Nom Anor ihn zurecht. „Und auch daran werden Sie sich gewöhnen. Und Sie werden auf anderen Schiffen noch wesentlich üblere Gerüche vorfinden."
Am nächsten Tag gab Nom Anor seinem Schützling einen kleinen Ball. „Sie kennen das schon?"
Yomin Carr nickte. „Natürlich, eine Ooglith-Maske."
Er wollte sich den hellrosafarbenen Ball nehmen, aber Nom Anor zog seine Hand zurück. „Sie werden sich zunächst die Fingernägel abschleifen."
Yomin Carr schaute ungläubig auf seine schwarzen, fünf Zentimeter langen, am Ende spitz zugefeilten Krallen. „Aber die gehören zu mir. Jeder Yuuzhan Vong hat …"
„Du könntest die Ooglith-Maske damit beschädigen", warnte Nom Anor. „Außerdem würden Ihre Finger derart verhüllt unter der Maske unnatürlich lang wirken."
Er hielt seine eigenen Hände hin, so dass Yomin Carr die sorgfältig zu Ovalen getrimmten Fingernägel des Exekutors sehen konnte, deren Rand ziemlich stumpf aussah.
„Das ist ein Preis des Dienstes, Yomin Carr", erklärte Nom Anor. „Sie werden sich andere Mittel zum Durchbohren oder Aufreißen zulegen müssen – so wie ich."
Er zog ein metallenes Messer von seinem Gürtel und Yomin Carr konnte eine schmale Stahlklinge sehen. „Das ist ein gängiges Modell, mit dem man weniger auffällt als mit naturschwarzen, langen Fingerkrallen."
Yomin Carr folgte ihm ins Bad und Nom Anor zog einen Schleifer mit einer runden, rauen Steinscheibe hervor. Er drückte einen Knopf und der Stein begann mit einem Summen zu rotieren. Yomin Carr schreckte zurück. „Mit solch einer ekligen technischen Apparatur soll ich mir die Nägel stutzen lassen?"
Nom Anor kniff die Augen zusammen. „Weigern Sie sich und ich rufe sofort die Paru-shan an, dass sie Sie wieder zurück auf Da'Garas Weltschiff bringt und man mir jemand besseren schicken möge."
Jetzt kniff Yomin Carr die Augen zusammen, aber er hielt seine Hände hin. Nom Anor atmete unhörbar auf. Er war sich für einen Augenblick tatsächlich unsicher gewesen, ob er wirklich mit dem Jüngeren zusammenarbeiten sollte. Ein anderer Vorgesetzter hätte Yomin Carr geschlagen oder anderweitig bestraft. Und die meisten anderen Untergebenen hätten sich nicht widersetzt. Allerdings erinnerte er sich an ähnliche Vorfälle bei seiner eigenen Einweisung durch seinen Exekutorenvorgänger She'i Vish. Solch ein Widerspruchsgeist und zu viel Eigensinn waren bei seinem Volk nicht gern gesehen. Aber es waren genau die Gründe, warum man solche Leute wie ihn oder Yomin Carr in diese Galaxis geschickt hatte. Denn hier waren sie auf sich allein gestellt, um weitestgehend eigenständig zum Wohle ihres Volkes zu handeln. Sie waren der vielfältigen Unsicherheit einer Freiheit ausgesetzt, mit welcher viele andere Angehörige ihres Volkes nicht umzugehen wissen würden. Und je länger Nom Anor in dieser Galaxis lebte, je näher der Tag der Invasion rückte, desto ferner rückte auf unerklärliche Weise in seinem Geist das Ziel.
Mit Wehmut sah der junge Yuuzhan Vong dabei zu, wie seine langen, scharfen Krallen dem schnöden, leblosen Werkzeug der Ungläubigen zum Opfer fielen.
Das Schiff fiel aus dem Hyperraum und der gelb-grünliche Planet Nal Hutta bot sich dar, umgeben von vielen Ringen. Der Asteroidengürtel Nal Huttas war genauso dicht wie der um Bothawui – eine gute Möglichkeit, um Dinge darin zu verstecken, die nicht unbedingt gesehen werden sollten. Nicht dass die Hutts allzu viele Gedanken daran verschwenden würden, dass jemand in ihre Hauptwelt eindringen würde. Selbst Palpatine hatte die Hutts in Ruhe gelassen und es war keine Macht in Sicht, die daran bald etwas ändern würde.
Nom Anor steuerte den Mond Nar Shaddaa an und sie stiegen aus. Ein griesgrämiger Mensch, flankiert von zwei Gamorreanern, überprüfte ihre gefälschten Papiere und ließ sie den Kontrollpunkt passieren. Als sie die Straße betraten, waren sie zwei Menschen, der eine mit kurz geschnittenen, braunen Haaren und blauen Augen, von denen das eine als Prothese erkennbar war, während der andere schwarze Haare und ebensolche Augen hatte. Yomin Carr schaute in das gute Auge des Exekutors, dessen Pupille durch die Kontaktlinse jetzt rund und nicht mehr als senkrechter Schlitz erkennbar war. Immerhin diesen Aufwand musste er nicht betreiben, waren doch seine Iriden genauso schwarz wie die schlitzförmige Pupille darin.
Sie kamen an eine Straßenkreuzung, in derem einen Winkel ein Haufen alter Kleidung lag, garniert mit einigen Holzstücken, einem verrosteten Plasmaherd sowie einer Haarfrisierhaube, die wohl genauso defekt war wie der Herd. Und niemanden kümmerte es.
„Was ist das?", fragte Yomin Carr in seiner Muttersprache.
Nom Anor bedachte ihn mit einem scharfen Blick und antwortete auf Basic. „Eine der vielen Müllkippen. Einmal am Tag kommt die Müllabfuhr vorbei, um aufzuräumen, damit sich keine Seuchen ausbreiten."
„Was ist Müll?", fragte Yomin Carr.
Der Exekutor lächelte belustigt. „Müll sind die Sachen, die die Ungläubigen nach einer Weile nicht mehr brauchen, weil sie nicht gelernt haben, diese Sachen nach deren Verschleiß in andere nützliche Zustände umzuwandeln, so dass der natürliche Zyklus der Dinge erhalten bleibt."
„Aber die …", Yomin Carr hatte Mühe, sich an das neue Wort zu erinnern, „Müllabfuhr holt das doch heute noch ab. Was machen sie damit, wenn sie es nicht wieder aufarbeiten?"
„Sie bringen es auf einen größeren Haufen Müll und dort bleibt es dann, wenn sich keiner der Schrottsammler erbarmt. Aber die Schrottsammler haben es zumeist nur auf die technischen Geräte abgesehen."
Yomin Carr rümpfte die falsche Nase. „Kein Wunder, dass es hier so stinkt."
Nom Anor steuerte ein Gebäude an, welches im Gegensatz zu den meisten in jener Gasse, die sie gerade durchmaßen, ziemlich gut in Schuss war. Es war kein Schimmel an den Wänden, sondern ordentliche Wandfarbe ohne Schmierereien oder grellbunte Reklame. Am Eingang wachte ein Twi'lek-Concierge über die Hereinkommenden und die das Gebäude Verlassenden und im Treppenhaus der Technischen Fachschule von Nar Shaddaa roch es auch viel besser als draußen in den Straßen und Gassen.
Der rutianische Twi'lek hob den Blick. „Guten Tag, meine Herren, wie kann ich Ihnen helfen?"
„Mein Name ist Udelen Carr", sagte Nom Anor zu dem blauhäutigen Concierge. „Ich hatte meinen Neffen Yomin hier für eine technische Ausbildung angemeldet."
„Für ein Jahr oder für zwei?", fragte der Concierge zurück.
„Für eins", sagte der braunhaarige Mensch.
Der Twi'lek schaute ungläubig drein.
„Fürs Erste", schob Udelen Carr nach und bedeutete Yomin Carr, seinen gefälschten Ausweis vorzulegen.
Der Twi'lek sah den neuen Schüler an und lächelte. „Na dann wollen wir mal ein technisches Genie aus dir machen."
Nom Anor schaute dabei zu, wie Yomin Carrs Miene erneut versteinerte. Nein, so hatte sich sein Schützling seine Mission ganz bestimmt nicht vorgestellt.
„Das ist dann Raum 404 im vierten Stock links", sagte der Concierge zu Yomin Carr gewandt. „Professor Paldrup führt in zehn Minuten die Neulinge ein. Und hier ist die Schlüsselkarte für Ihr Zimmer im Wohntrakt der Fachschule. Wenn Sie etwas brauchen oder wissen wollen, dann kommen Sie ruhig zu mir."
„Dann weiß ich dich ja in guten Händen", sagte Nom Anor zu seinem Schützling, klopfte ihm auf die Schulter und wandte sich zum Gehen.
Yomin Carr wollte die Treppe hinaufgehen, da rief ihm der Concierge zu: „Dort rechts ist doch ein Repulsorlift. Das geht schneller."
„Äh, ja, danke", brachte er hervor – und lief die Treppe hinauf, die technische Abscheulichkeit auf der rechten Seite peinlich vermeidend.
Raum 404 war bereits mit fünfzehn anderen Schülern gefüllt, zwei davon Mädchen, die kicherten, als Yomin Carr eintrat. Bis auf einen Rodianer und einen Quarren waren alles Menschen. Schweigend setzte er sich auf einen Stuhl an einem Zweiertisch, wo der Rodianer saß. Ihm gefiel der Geruch nicht, den der grüngeschuppte Geselle absonderte, aber er hatte auch keine Lust, sich gleich neben einen Menschen zu setzen, der von dem vermeintlichen Speziesgenossen Dinge erwarten könnte, die er nicht wusste oder konnte.
„Hey, ich bin Lesmo und komme direkt von Rodia – und du?", stellte sich der Rodianer vor.
„Ich bin Yomin Carr und vom Planeten Null kommen."
Lesmo verzog die grüne Schnauze. „Mit Basic hat man es auf dem Planeten Null wohl nicht so."
„Nein", erwiderte Yomin Carr steif.
„Ist auch egal", sagte Lesmo und machte eine wegwischende Handbewegung. „Hauptsache, wir lernen hier was. Ich will ein Fliegerass werden und bei den großen Rennen mitmischen so wie mein großer Bruder. Und ich will das Schiff auch warten können, das ich dann fliege – und du?"
„Ich studiere hier Astrophysik. Aber ich auch fliegen … will."
Lesmo lachte ein krächzendes Lachen. „Was denn, du kannst noch nicht mal fliegen?"
Yomin Carr schaute peinlich berührt nach unten. Offenbar hatte er etwas ziemlich Dummes gesagt. „Dann hast du aber noch 'ne Menge zu lernen. Aber ich hab schon gehört, dass Null ziemlich zurückgeblieben sein soll. Wenn du willst, lass ich dich nach dem Unterricht mal mitfliegen und zeig dir mein derzeitiges Schiff."
Yomin Carr dachte kurz daran, was ihm Nom Anor über den Geruch in anderen Schiffen erzählt hatte, und schnüffelte in Lesmos Richtung, dann brachte er seine Mimik wieder unter Kontrolle. „Sehr gern", sagte er kurz angebunden, darauf hoffend, dass der Tizowyrm, der in seinem linken Ohr saß, ihm bei einem derart kurzen Satz die richtigen Worte eingegeben hatte. Der Exekutor würde sicherlich Verständnis dafür haben, wenn er sich etwas später zurückmelden würde. Ein möglicherweise wichtiger Kontakt würde das gewiss rechtfertigen.
Professor Paldrup betrat den Raum. Der Mensch mochte um die sechzig sein, hatte sich bereits lichtendes, weißes Haar und stechend blaue Augen.
„Ihr seid also die Neuen. Willkommen in der technischen Fachschule von Nar Shaddaa. Ich bin Professor Paldrup und werde euch das Wichtigste sagen, was ihr über unsere Schule wissen müsst. Aber zunächst stellt euch doch vor."
Einer nach dem anderen stellte sich vor. Yomin Carr war froh, nicht der erste zu sein, so dass er sich an den Erzählungen der anderen Schüler orientieren konnte.
In der recht überschaubaren Astrophysik-Klasse, die Yomin Carr belegte, war er der einzige Nichtmensch, ohne dass seine menschlichen Mitschüler davon ahnten. Es stellte sich heraus, dass Professor Paldrup auch hier ihr Lehrer war.
„Früher bin ich immer zu astronomischen Missionen aufgebrochen, um neue Systeme zu kartographieren und die Sternen- und Landkarten zu aktualisieren", plauderte der alte Mann. „Aber heutzutage ist ja so gut wie alles in der Galaxis bereits erforscht. Warum also wollt ihr Astrophysik studieren?"
„Ich will ein Schwarzes Loch erforschen", sagte ein Schüler.
„Nun, bislang ist noch keiner wieder daraus zurückgekommen" erwiderte Paldrup. „Ein ehrgeiziges Ziel also."
Yomin Carr war froh, als zweiter dran zu sein. Er wollte es hinter sich bringen. „Ich möchte gerne wissen, was diese Galaxis zusammenhält."
Paldrup lachte. „Dazu braucht man freilich nicht Astrophysik zu studieren. Die Macht hält die Galaxis zusammen. Du hast doch sicherlich von dem Energiefeld der Midichlorianer gehört, welches sich durch diese Galaxis zieht."
Yomin Carr zog die Brauen zusammen. Natürlich hatte er von diesen Midichlorianern bereits gehört, wenngleich auch erst vor zwei Wochen.
„Vielleicht solltest du dich eher zur Jedi-Akademie begeben, wenn du das Geheimnis der Macht erforschen willst", sagte belustigt ein rothaariges Mädchen, das einzige weibliche Wesen der Klasse.
„Die Jedi haben diese Galaxis aber nicht erschaffen", konterte Yomin Carr. „Und da es auch andere Galaxien gibt, was hält die dann zusammen?"
Paldrup wurde nachdenklich. „Dort gibt es sicherlich auch Midichlorianer. Wir wissen nur nichts davon."
„Dann hat also noch niemand diese Galaxis verlassen und ist wieder zurückgekehrt?", fragte Yomin Carr in ehrlichem Interesse.
Der Professor schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Hätte jemand so einen schnellen Hyperantrieb erfunden, wüsste ich davon. Und da die Galaxien immer weiter auseinanderdriften, wäre solch eine Reise eine Angelegenheit von Generationen, wenn nicht Äonen."
„Warum sollten wir diese Galaxis auch verlassen?", meinte die Rothaarige schnippisch. „Wir haben hier doch alles."
„Na ja, für dich reicht's gerade noch vielleicht", spöttelte Yomin Carr.
„Genug damit", beendete der Professor den Schlagabtausch und nach fünf weiteren Vorstellungen begann der Unterricht.
Der Rodianer Lesmo wartete neben dem Turbolift auf Yomin Carr, dessen letzte Unterrichtsstunde im selben Stockwerk stattgefunden hatte. Seine schwarzen Facettenaugen sahen, wie der Mensch angewidert auf den Turbolift schaute und dann zu ihm sagte: „Lass uns die Treppe nehmen."
„Fünf Stockwerke?"
„Warum nicht? Das ist wie Sport."
Lesmo trat etwas dichter an seinen neuen Kameraden heran. „Gehörst du etwa auch zu den Leuten, die Angst davor haben, Turbolifte zu betreten?"
Yomin Carr lachte laut und hart auf. „Angst? Davor? Ich einfach in Form bleiben will."
„So dünn, wie du bist?", wunderte sich Lesmo. „Aber warum eigentlich nicht. Solange ich nicht rauflaufen muss."
Das Raumschiff des Rodianers entpuppte sich als ein Shuttle der Sheathipede-Klasse, welches schon ziemlich alt aussah, zumindest für Leute, die neuere Modelle gewohnt waren. Als sie das Innere betraten, schlug Yomin Carr ein penetranter Gestank entgegen und er erinnerte sich erneut an Nom Anors Worte.
Lesmo sah, wie der Mensch die falsche Nase rümpfte. „Ach, ich hatte gestern hier Krötensuppe gekocht – aus meiner Heimat Rodia. Das mag nicht jeder."
„Vielleicht schmeckt sie ja besser als sie riechen", meinte Yomin Carr.
Die Schnauze des Rodianers verzog sich zu einem Lächeln dieser Spezies. „Du bist echt nett, Yomin. Sowas hat noch kein Mensch zu mir gesagt. Aber zumindest in Turboliften riecht es nicht so und wenn du dich trotz des Gestanks in mein Raumschiff traust, dann könnten wir ja morgen zusammen im Turbolift hochfahren. Es ist gar nicht so schwierig, wenn man abgelenkt ist."
„Du denkst also immer noch, ich hätte Angst davor?"
„Beweise mir morgen, dass es nicht so ist", sagte Lesmo feierlich und hielt die Hand zum Einschlagen hin.
„Also gut", erwiderte Yomin und schlug ein.
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Ter Abbes – Casino Glückssträhne – im Jahre 24 nach der Schlacht von Yavin – zehn Monate vor der Invasion
„Der Anzug steht Ihnen gut, B'Leph", sagte die schlanke, rothaarige Frau am Sabacctisch zu dem Mann, der gerade seine Karten auf den Tisch legte.
„Danke, Schätzchen."
Die Rothaarige lächelte artig. Der strahlendweiße Anzug kontrastierte hervorragend mit dem gebräunten Hautton des Politikers. In einer Brusttasche prangte eine runde, blaue Blüte – das Zeichen der Opposition auf Ter Abbes.
Die anderen Spieler legten ihre Karten auf den Tisch und ihre Werte waren durchweg niedriger.
„Narrenrunde!", verkündete Tholote B'Leph und warf dem Croupier einen gebieterischen Blick zu.
Die Rothaarige wusste, dass dieser Blick überflüssig war. Auch so war es die Pflicht des Casinodieners, die Chips auf B'Lephs Stapel zu legen.
„Wenn Sie genauso gut die Wahl gewinnen, wie Sie spielen, dann kann ja nichts mehr schiefgehen", meinte einer der unterlegenen Spieler.
B'Leph lächelte demonstrativ bescheiden. „Noch ist das Spiel ja nicht beendet."
„Aber die Umfragewerte sind eindeutig", sagte der Unterlegene. „Dieses Mal hat Hankoth endgültig ausgespielt!", sagte die blonde Frau an des Spielers Seite. „Es hat mich schon verwundert, dass er diese Legislaturperiode überhaupt durchgestanden hat."
Die Rothaarige grinste. „Unser Tholote hat dem Präsidenten aber auch ganz schön zugesetzt, und das mit absolut fairen und sauberen Mitteln."
Die Blonde lachte. „Ja, er kann auch ganz anders." Ihr Blick glitt zum Subjekt des Gesprächs. „Nicht wahr, Thotti?"
Tholote B'Leph stemmte die fleischigen Arme in die Hüften, so dass sein verbliebenes Sabaccblatt hinter seinem Rücken verschwand. „Ich hab's nicht nötig, gegen den schwere Geschütze aufzufahren."
Die Hände kamen wieder hinter dem Rücken hervor und der Rundengewinner eröffnete eine neue Runde. „Voller Sabacc!" verkündete B'Leph triumphierend.
Der Rest am Spieltisch machte betretene Gesichter. „Ich passe", sagte der, der bereits vorher unterlegen gewesen war.
B'Leph nickte ihm zu. „Eine weise Entscheidung, Brench. Sonst hättest du noch mehr verloren."
Der Croupier schob die Chips auf B'Lephs Stapel und jener machte sich daran, die Zwischenstufe seines Gewinn in ein Tuch zu packen.
„Keine Revanche?", fragte Brench – seine Stimme zwischen Erwartung und Enttäuschung.
„Heute nicht", beschied ihn B'Leph. „Ich hab heute gewonnen und dabei bleibt es."
Die Rothaarige berührte ihn am Unterarm. „Und das mit ganz fairen Mitteln."
„Wollte dein Mann nicht noch kommen?", reagierte B'Leph auf die Berührung.
Ein blaues Licht blitzte an der Decke des Raumes auf, beinahe nicht wahrnehmbar unter all den absonderlich geformten Lampen, die dort hingen und ihr diffuses, in vielen Farben gedämpftes Licht verbreiteten. Aber draußen vor dem Casino war jemand, der die Botschaft empfing.
Ihre braunen Augen signalisierten Bedauern. „Er hat mir mitgeteilt, dass sein Termin länger dauert. Jetzt muss ich allein nach Hause fahren. Und das, wo die Straßen dank Hankoths Politik so unsicher geworden sind."
„Ich werde dich nach Hause bringen", bot B'Leph an.
„Oh, das ist nicht nötig. Deine Frau wartet bestimmt bereits."
B'Leph tat diesen Einwand mit einer Handbewegung ab. „Natürlich tut sie das. Sie ist sehr geduldig, musst du wissen." Die anderen am Tisch lachten. Er fasste ihre Hand und seine dunkelbraunen Augen glühten. „Ich bestehe darauf."
Der Privatspeeder, dessen rote Greelholzvertäfelung mit aurodiumfarben blitzenden Metallarmaturen durchbrochen war, glitt beinahe lautlos durch die Nacht der Hauptstadt von Ter Abbes, bis sie zu jener Villa kamen, in welcher die Rothaarige wohnte.
„Und dein Mann ist immer noch beim Termin?"
Sie schaute kurz zu Boden, dann sah sie ihm direkt in die Augen. „Er übernachtet im Büro. Wenn du willst, kann ich dir noch schnell einen Stimcaf aufbrühen, damit du auf dem Rückweg nicht einschläfst."
Er lachte und tätschelte ihre nackte, ebenmäßige Schulter. „Das werde ich bestimmt nicht."
Sie gingen ins Haus. Die Rothaarige zog die Chipkarte über den Scanner und die Tür glitt mit einem tiefen Ton auf. Sie betätigte einen Lichtschalter, während er besitzergreifend ihre Hüfte umfasste.
Der Schalter machte Klick; aber es blieb dunkel.
„Ich versuch mal den Schalter an der gegenüberliegenden Wand; der geht eigentlich immer", schlug sie vor, blieb aber stehen.
„Ich sehe ihn schon", sagte Tholote B'Leph zuvorkommend, nahm seine Hand von ihrem Gesäß und ging zu dem Schalter.
Eine starke Hand packte ihn unsanft an der Schulter. „Hab ich Sie!"
B'Leph wandte sich um. Vor ihm stand ein Typ in einem schwarzen, eleganten Anzug. Er musste sich hinter der breiten Säule hinter dem Eingangsraum verborgen gehalten haben. Über seinen Kopf hatte er eine Kapuze gezogen, so dass man sein dem Kinn nach vermutlich hellhäutiges Gesicht nicht sehen konnte.
Die Rothaarige zuckte zusammen, schnappte ein paar Mal nach Luft. „Du?"
B'Lephs Gesichtsfarbe hatte einen Blaustich bekommen, aber der Politiker fing sich rasch wieder. „Es ist nicht so, wie sie denken."
„Wie ist es dann, hääh?"
„Ich habe Ihre Frau lediglich nach Hause gebracht, weil Sie noch arbeiten mussten. Wir haben Sie im Casino vermisst."
Der Griff des Ehemannes wurde fester. „Ach ja? Habt ihr das?"
„Lassen Sie mich los. Ich werde gehen und die Sache ist erledigt."
„Ja, gleich. Aber Sie haben beim Sabacc gemogelt!", grollte der Ehemann. „Ich hab genau gesehen, wie Sie eine Todeskarte aus ihrem Ärmel zogen, als Sie die Arme in die Hüfte gestemmt hatten."
B'Leph setzte eine gelangweilte Miene auf. „Das ist absolut lächerlich."
„Ja, eigentlich ist es das – vielleicht aber auch nicht."
Ein Faustschlag traf B'Leph an der Schläfe und es knackte hörbar. Der Politiker merkte, dass das keine normale Hand war, die ihn da geschlagen hatte. Brennender Schmerz kroch sein gebrochenes Jochbein entlang und bohrte sich in sein Hirn. Er ging benommen zu Boden und blickte zu dem Mann in Schwarz hoch.
„Es ist nicht wegen dem Sabacc. Und Sie sind gar nicht ihr Mann, richtig?"
Tholote B'leph änderte die Blickrichtung zu der Rothaarigen. Erst jetzt fiel ihm auf, wie kalt ihre Augen waren. Er überlegte, ob sie ihm möglicherweise deshalb im Casino so zugesagt hatte. Er schalt sich sofort ob dieses Gedankens, denn jetzt hielt sie einen Miniblaster auf ihn gerichtet.
„Nein, ist er nicht. Aber es ist auch nichts Persönliches", sagte sie kalt …
… und drückte ab.
Das mörderische Paar verließ die Villa, um zu dem Raumschiff zu eilen, wo eine vierzehnjährige Pilotin auf sie wartete.
„Würdest du jetzt bitte diesen fürchterlichen schwarzen Anzug ausziehen?", sagte Briika Jeban zu Goran Beviin, der im Aufenthaltsraum des Schiffes gerademal dazu gekommen war, sich die schweren Handschuhe abzustreifen, welche Faustschläge so wahnsinnig effektiv machten.
„Aber deine Überraschung im Gesicht war so echt, die hat ihn erst einmal abgelenkt", erwiderte Goran grinsend. „Außerdem hätte er es tun sollen."
Briikas braune Augen funkelten. „Ja, er hätte es tun sollen."
„Ich wünsche mir so, dass der Verdacht irgendwann auf Udelen fallen möge."
Briika lächelte ein bitteres Lächeln, dann erst zog sie sich die Rothaarperücke vom Kopf. „Nette Idee. Immerhin hast du schon mal die Crushgaunts ausgezogen. Du weißt genau, dass die illegal sind."
Beviin warf angewidert die Kapuze in die Ecke. „Natürlich, aber ich bin froh, dir und Dinua ein bisschen unter die Arme greifen zu können."
„Oya manda", erwiderte sie und schaute in Richtung Cockpit, wo ihre Tochter den Hyperraumsprung einleitete.
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Belkadan – im Jahre 24 nach der Schlacht von Yavin - neun Wochen vor Invasionsbeginn
Als Udelen Carr auf dem Raumhafen von Belkadan landete, stand Yomin Carr bereits am Dock, um seinen vermeintlichen Onkel zu empfangen. Der junge Yuuzhan Vong stieg in den Speeder, den Nom Anor am Raumhafen anmietete und der Ältere hieß ihn, sich ans Steuer zu setzen, nachdem er ihm die Koordinaten gegeben hatte.
„Sie machen das recht gut", sagte Nom Anor in seiner Muttersprache zu Yomin Carr.
„Danke, Exekutor."
„Wie läuft es denn auf ExGal4?"
Yomin Carr zögerte einen Moment. Natürlich könnte er Nom Anor etwas über Annäherungsversuche einer gewissen Twi'lek erzählen. Über die Hilfe, die ihm andere Mitglieder des Astroforschungsteams manchmal zuteilwerden ließen. Darüber, wie gut Stromkabel schmeckten. Aber das hätte ihn schwach erscheinen lassen. Also entschied er sich für geradlinige Unverfänglichkeit. „Sie ahnen nichts und ich habe mich gut eingelebt."
„Das ist gut. Sorge dafür, dass es weiter so bleibt, bis Da'Gara eintreffen wird."
Sie hatten den Palast von Grabbus dem Hutten erreicht. Der Herrscher Belkadans ergötzte sich gerade an einer Tanzdarbietung und winkte die beiden Besucher träge heran, ohne ihnen wirkliche Beachtung zu schenken. Also schauten die beiden Yuuzhan Vong solange zu, bis der Hausherr geruhen würde, sich ihnen zuzuwenden.
„Das ist so – entwürdigend", meinte Yomin Carr in seiner Muttersprache leise zu Nom Anor, während seine eine Fußspitze in Ungeduld wippte.
„Lassen Sie das!", fauchte ihn der Exekutor mit Blick auf den unruhigen Fuß an. „So wird das nicht bleiben", beruhigte Nom Anor den aufgebrachten Speziesgenossen. „Nicht, nachdem er erfahren hat, was wir von ihm wollen."
Sie mussten eine halbe Stunde warten, bis Grabbus genug von dem Getanze der Twi'lek-Damen hatte. Er wedelte mit der grünen Hand und die Tänzerinnen verschwanden. Nom Anor wartete, bis zwei andere Bittsteller ihr Anliegen vorgebracht hatte, dann kam die Reihe an ihn.
„Großer Grabbus, ich bitte um eine Audienz unter sechs Augen."
Grabbus musterte die beiden Menschen. Der ältere, braunhaarige von ihnen starrte ihm direkt in die Augen, ohne die Blickrichtung zu ändern.
„Ich bin Udelen Carr und das ist mein Neffe Yomin Carr."
Grabbus fiel auf, dass der, der sich Udelen nannte, zunächst den Blick senkte, bevor er seinen Neffen mit der schwarzen Wallemähne ansah. Irgendetwas stimmte mit den blauen Augen Udelens nicht, aber noch konnte er sich darauf keinen Reim machen. Den Hutt beschlich das ungute Gefühl, dass der Mensch noch unangenehmere Geheimnisse barg.
Der Hutt wedelte mit den kleinen, energischen Händen. „Räumt den Saal!"
Sie warteten, bis der Empfangssaal leer war und sich die Türen wieder schlossen.
„Also", sagte Grabbus in bedrohlicher Tieflage seiner gewaltigen Stimme.
„Wir sind gekommen, um Sie zu warnen", kam Udelen Carr zum Punkt. „Es wird hier in der Region Krieg geben und Sie sollten sich eine neue Basis des Herrschens suchen."
„Ich wünsche keinen Krieg", erwiderte Grabbus hart. „Wer immer Krieg will – ich werde mich mit ihm zu einigen wissen."
„Das hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun", sagte Udelen besänftigend. „Es ist vielmehr so, dass Sie einst einem guten Freund von mir geholfen haben, dessen Vermächtnis ich fortführen möchte. Sie erinnern sich vielleicht noch an Amorrn."
„Haben Sie ihn umgebracht?", fragte Grabbus ohne Umschweife.
Nom Anor ließ ein Lächeln aufblitzen. „Nein und selbst wenn, dann hätte das keinerlei Auswirkungen auf das, was es jetzt zu besprechen gibt."
Er wartete auf Grabbus' Reaktion nach diesem Satz, aber der Hutt schien von diesem Gedankengang seines Gastes unbeeindruckt. Den Fältchen nach zu urteilen, die sich um seine gelben Augen legten, war er gar eher beeindruckt denn geschockt.
„Amorrn hat Sie stets geschätzt und auch ich tue das. Sie sollten Belkadan binnen eines Standardmonats unauffällig verlassen und sich während dieser Zeit eine neue Machtbasis auf Ylesia aufbauen."
Grabbus' Zunge fuhr über den oberen Teil des klaffenden Risses, der der Mund des Hutts war. „Ylesia."
Nom Anor konnte förmlich riechen, wie der Hutt gedanklich in all den Vorteilen und Annehmlichkeiten schwelgte, die sich durch die Inbesitznahme dieser Welt im Huttraum für ihn ergeben würden. Belkadan lag doch ziemlich verloren am Rande der Galaxis – weit weg vom Stammland der Hutts, und viele Leute, nicht nur Hutts, würden solch eine Gelegenheit gerne ergreifen. „Ich glaube nicht, dass sich Tolja Besadii Diori so leicht entthronen lässt", gab sich Grabbus zaudernd.
Udelens blaue Augen glitzerten. „Wer redet von Entthronen? Ich spreche davon, den Hutt dauerhaft aus dem Verkehr zu ziehen." Wodurch seine Cousine Borga Besadii Diori auf Nal Hutta geschwächt werden wird und wir später also noch einen fetten Deal bekommen werden.
„Dauerhaft?", fragte Grabbus vorsichtig.
„Hören Sie mir zu, Grabbus Progga", dröhnte Nom Anor. „Tolja Besadii Diori wird sterben. Und zwar binnen einer Woche. Sie können Gewinn aus der Sache ziehen und sich darauf vorbereiten, ihn zu beerben oder aber nichts zu tun und hier sterben."
Grabbus kicherte. „Das reimt sich."
Nom Anor hatte das nicht beabsichtigt, griff die Trope jedoch sofort auf. „Was ist Ihnen lieber – Erben oder Sterben?"
„Warum tun Sie das?", wollte Grabbus wissen.
„Das erfahren Sie, wenn es an der Zeit ist. Nehmen Sie diese Informationen als Vorschuss des Vertrauens, das ich und meine Leute in Sie setzen aufgrund der guten Empfehlungen von Amorrn."
Der Hutt hob eine Stelle über seinem rechten Auge, wo bei Humanoiden Brauen waren. „Ihre Leute?"
Udelen lächelte verheißungsvoll. „Auch die werden Sie zu gegebener Zeit kennenlernen – auf Ylesia."
Grabbus fixierte Udelens Augen. Irgendetwas daran kam ihm bekannt vor. Nicht die Augenfarbe, es handelte sich um ein etwas anderes Blau – ganz sicher, aber der Mensch hatte so etwas an sich …
„Wie kann ich sicher sein, dass das keine Falle ist, in die Sie mich locken?"
„Sie werden erkennen, dass es keine Falle ist, wenn Sie eine längere Geschäftsreise nach Ylesia unternehmen und währenddessen vom Tod Toljas erfahren sowie später von gewissen Ereignissen hier auf Belkadan."
Grabbus schwieg eine Weile und starrte vor sich hin. Nom Anor frohlockte still. Das war genau jener Moment, wo die Leute umkippten – um zu tun, was er von ihnen wollte.
„Eine Geschäftsreise", brach Grabbus die knisternde Stille. „Ich freue mich, wieder von Ihnen zu hören, Udelen Carr."
„Ganz meinerseits. Dann bis in einer Woche auf Ylesia."
Udelen nickte seinem jungen Begleiter zu und die beiden Menschen verließen den Thronsaal.
Grabbus schaute ihnen nach. Ja, die Art, wie Udelen Carr sich eben von ihm abgewandt hatte. Wie er jetzt mit dem jüngeren Speziesgenossen von ihm fortstrebte – genau wie Amorrn damals. Konnte es sein, dass Amorrn nie gestorben war? Würde Udelen Carr irgendwann auch derart sang- und klanglos verschwinden, um unverhofft in neuer Identität aufzutauchen? Der Hutt nahm sich vor, den Menschen später daraufhin zu befragen – auf Ylesia.
„Ich hätte nicht gedacht, dass man diese Riesenschnecken so einfach überzeugen kann", sagte Yomin Carr, während der Speeder über den Dschungel Belkadans zog. „Immerhin hat er Sie das erste Mal in seinem Leben gesehen."
Nom Anor genoss die bewundernden Blicke des jüngeren Yuuzhan Vong. „Gute Ermittlungsarbeit und Planung ist eben alles. Wie du siehst, habe ich ihn genau dort gepackt, wo er am empfänglichsten ist, an seiner Gier und an seinem Überlebenswillen. Und meine Partner werden auf Ylesia den Weg für seinen Einzug bereiten. Grabbus wird erkennen, wie groß meine Reichweite ist und mir noch mehr vertrauen." Er verzog einen der falschen Mundwinkel schief nach oben. „Solange, bis niemand anderes mehr da ist, dem er vertrauen kann."
„Sie kamen, sahen und siegten", sagte Yomin Carr andächtig. „Sowas würde ich auch gerne können."
Nom Anor klopfte ihm mit der freien Hand auf die linke Schulter. „Wenn Sie weiter so anstellig sind wie bisher, werden Sie das sicherlich noch lernen."
Der Exekutor fand es nicht angebracht, seinem Schützling zu erklären, dass es mitnichten das erste Mal gewesen war, dass er Grabbus begegnet war. Sollte Yomin Carr ihn ruhig noch etwas weiter bewundern.
„Wer war eigentlich dieser Amorrn gewesen?", fragte Yomin Carr, als hätte er Nom Anors Gedanken gelesen.
Der Mann am Speedersteuer kniff sein gutes Auge zusammen. „Jemand, der seinen Sinn und Zweck erfüllt hat und entbehrlich wurde."
Yomin Carr öffnete den Mund, um eine weitere Frage nachzuschieben, entschied sich jedoch anders und blieb still, wohl um über den letzten Satz nachzudenken, wie Nom Anor vermutete. Er war überzeugt davon, dass man über solch einen Satz eigentlich gar nicht lange genug nachdenken konnte – und dass man stets dafür sorgen sollte, niemals entbehrlich zu werden. So langsam würde der Jüngere begreifen, wie alles hier funktionierte – in ein paar Jahren vielleicht, wie alles funktionierte, nicht nur die Maschinen, die er mittlerweile warten und reparieren konnte.
Nom Anor brachte Yomin Carr noch bis zum gut umzäunten Gelände des ExGal4-Außenpostens, dann flog er mit dem Speeder zurück zum Raumhafen, um wieder in seinen CVX-100-Frachter zu steigen und die Holo-Komm-Anlage zu aktivieren. Es dauerte nicht lange, bis sich Goran Beviins behelmtes Gesicht darüber materialisierte. Nom Anor hatte sich mittlerweile an dieses Maskieren des Anderen gewöhnt. Er kannte die Stimme und die Art des Mandalorianers und wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte.
„Beviin, ich habe einen Auftrag für Sie."
„Wieder Treffen auf Nar Shaddaa, nehme ich an."
„Nein, soviel Zeit haben wir nicht. Wir werden uns direkt in zwei Tagen auf Ylesia treffen. Ich bringe die 150 000 Credits Vorschuss wieder in Form eines Chips mit."
Nom Anor ließ eine gewisse Pause, um des Mandalorianers Neugier auf den groß angekündigten Auftrag in sich einzusaugen.
„Ein Regierungschef?", sonderte Beviin.
Udelen deutete ein Lächeln an. „Bereiten Sie sich darauf vor, in einem Standardmonat Tolja Besadii Diori auszuschalten."
„Den regierenden Hutt von Ylesia?"
Udelen nickte.
Für einen Moment zögerte der Mandalorianer am anderen Ende der Verbindung. Eigentlich hatte er bereits genügend Credits von Udelen erhalten, um einige Jahre auf seiner Farm zu überleben, ohne dass er oder Medrit groß arbeiten gehen würden müssen. Dann fiel ihm wieder ein, was Boba Fett ihm vor acht Monaten über seinen ersten politischen Auftragsmord an Tholote B'Leph auf Ter Abbes gesagt hatte. Dann ist es eben was Politisches. Das sind Geschäfte mit den Hutten auch. Jetzt kam eben noch ein Mord an einem Hutt dazu. Geschäft eben. Goran Beviin entschied, dass diese Ansage des Mand'alor ausreichte, den Auftrag auch ohne vorheriges Einholen von dessen Zustimmung durchzuführen.
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Keldabe, Hauptstadt von Mandalore – 25 Jahre nach der Schlacht von Yavin – acht Wochen vor Invasionsbeginn
Udelen steuerte seinen T-77 Luftspeeder zu der Landeplattform hin, die ihm Goran Beviin zugeteilt hatte. Auf Nar Shaddaa war er in dieser Sache mit einem anderen gemieteten Flugvehikel unterwegs gewesen und je weniger man ihn von Seiten der Mandalorianer einschätzen oder gar berechnen konnte, desto besser. Und noch etwas war dieses Mal anders. Auf dem Huttenmond war er derjenige gewesen, der zuerst dagewesen war. Wie auch die anderen Male, die er Goran Beviin und später auch einige seiner Mitarbeiter getroffen hatte. Jetzt jedoch stand nicht nur Beviins Gladiator-Kampfjäger bereits auf dem Rollfeld, sondern auch die fönförmige Slave I, das bevorzugte Schiff des Kopfgeldjägers und jetzigen Mand'alors Boba Fett.
Er ließ den Blick über diesen Teil des Planeten schweifen. Mandalore bestand hier aus vielen Wäldern, in die hinein man mehrere Fabrikanlagen gestellt hatte. Mandal Motors hatte hier ihren Sitz. Keldabe selbst war eine Festung auf einem Hügel, der sich in eine Windung des Flusses Kelita schmiegte. Weiter hinten am Horizont brach das Grün des Waldes scharf ab, um einer der ockerfarbenen Wüstengebiete Mandalores Platz zu machen. Begrünte, regelmäßig geformte Abraumhalden kündeten vom weitgehend aufgegebenen Beskar-Eisenerzabbau, dem das untergegangene Imperium mehr als ausgiebig gefrönt hatte. Der Wald war mit kleineren Werkstätten und einzelnen Weilern gesprenkelt. Udelen erspähte einige Gebilde aus Holz, die inmitten von Bäumen angebracht waren. Davor flatterte an Leinen, die von Ast zu Ast gespannt worden waren, frischgewaschene Wäsche. Nom Anor lächelte. Lebende Häuser – eine Besonderheit, die ihm die Mandalorianer etwas sympathischer erscheinen ließ als andere Völker, mit denen er in dieser Galaxis zu tun hatte.
Die grüne Beskar'gam des Mannes, der sich in respektvoller Entfernung von dem T-77-Airspeeder postiert hatte, um auf seinen Gast zu warten, war abgewetzt und etwas ausgebleicht in der blaugrünen Farbe, aber seine braunen Augen waren so wach und bereit wie eh und je, auch wenn der Gast sie nicht zu sehen bekommen würde.
Udelen verließ mit einem letzten Schritt die Ausstiegsrampe. „Ich hatte nicht erwartet, dass Mandalore so … unberührt ist", begrüßte er Boba Fett. „Irgendwie habe ich geglaubt, der Planet wäre stärker industrialisiert. Ihr habt sogar einige Baumhäuser."
„Wir haben alle möglichen Arten von Behausungen", wich Fett aus. „Einige Einheimische ziehen die Bäume dem Erdboden allerdings noch immer vor."
„Wer führt eure Regierung? Wer sind die Verwalter?"
Hinter Fetts T-Visier gefror die Miene. Was will der? Wieso stellt er Fragen wie ein neugieriger Tourist? „Mandalorianer mögen die Dinge zwanglos und freundlich. Was wollten Sie mit mir besprechen?"
Boba Fett registrierte den Bruchteil einer Sekunde, den Udelen zögerte in Unwillen über eine derart abweisende Beantwortung seiner Fragen. Aber schnell gewann der Mensch im schwarzen Anzug die Kontrolle über sich zurück. „Ich kam, um Ihnen zu sagen, dass Ihr Volk in den nächsten paar Monaten gut beschäftigt sein wird. Ein Krieg steht bevor."
„Sie müssen neu in dieser Galaxis sein", meinte Fett herablassend. „Irgendwo herrscht immer Krieg. Das war schon immer so und das wird immer so sein. Das ist der Grund, warum Mandalorianer niemals arbeitslos werden."
Nein, werdet ihr nicht, dachte Udelen zurück. Ihr lebt vom Krieg und doch habt ihr gar nichts davon außer einem unsteten Broterwerb. Und du als Mand'alor nimmst immer noch Kopfgeldjägeraufträge entgegen wie ein gemeiner Söldner. Was für eine Art Herrscher bist du?
„Dieser könnte eskalieren", kam Udelen der Sache näher.
„Wird das Einfluss auf den Mandalore-Sektor haben?"
Ah, er sorgt sich doch tatsächlich um seine Leute. Soll er doch, bis er erledigt hat, wofür ich ihn und seinesgleichen bezahle. Selbstzufriedenheit machte sich auf Udelens grobgeschnittenem Ooglith-Gesicht breit. „Wollen wir hoffen, dass das nicht passiert."
Fett baute sich vor Udelen auf. „Wer auch immer auch nur in Erwägung zieht, hier gegen uns zu kämpfen, sollte besser ebenfalls darauf hoffen."
Ein Kribbeln durchfuhr das Rückgrat des Mand'alor. Dieser Udelen schien in einer Liga zu spielen, die ihn an bestimmte Leute aus seiner Kindheit erinnerte. Und da war noch dieser Geruch, den ein laues Lüftchen von dem Besucher zu ihm herüberwehte. Es war ein feiner, doch nicht zu ignorierender Geruch der frischen, kalten Gischt des Meeres von Kamino. Heimat! Boba Fett war noch nie einem Menschen begegnet, der so roch. Doch, da war mal einer gewesen, aber so sehr er auch in seinem Gedächtnis kramte, es wollte ihm einfach nicht einfallen. Dies war eine der Sachen, wobei einem auch keine Datenbank helfen konnte, die man vom HUD seines Helms aus hätte abrufen können. Vielleicht war der Meeresgeruch ja eines dieser Understatement-Parfüms einer Welt, die er nur noch nicht kannte. Die Färbung von Udelens Basic jedenfalls konnte er ebenso wenig zuordnen.
„Dann nehme ich an, unsere Übereinkunft schließt Söldnerarbeit mit ein", unterbrach Udelen seine Erinnerungen. „Die üblichen Konditionen."
Boba Fett hob eine Hand, um deren leere Innenfläche dem Auftraggeber zu präsentieren. „Nicht alle Mandalorianer sind Söldner. Sie suchen sich die Aufträge aus, die sie übernehmen."
Als ob das einen Unterschied machen würde, Mand'alor. Du nimmst meine Aufträge an, weil du hörst, was du hören willst – und weil ich weiß, was ich dir sagen muss, damit du sie annimmst. „Dann bitte ich Sie, sich mit einigen Truppen Ihrer Wahl in zwei Wochen für ein Treffen zur Verfügung zu halten."
„Besser, Sie verraten mir, was uns erwartet, damit ich die richtigen Leute für den Job mitbringe." Ich bin nicht dein Handlanger, Freundchen. Ich bin mein eigener Herr. „Wie immer behalten wir uns das Recht vor, Ihr Angebot abzulehnen."
Udelen nahm diese Ansage mit einem unmerklichen, nachsichtigen Lächeln zur Kenntnis. Ich werde ihn bei seiner Ehre als Krieger packen. „Sie haben sich gar nicht danach erkundigt, wer die Gegner sein werden."
Fett brachte es fertig, arrogant mit den Schultern zu zucken. „Sie würden es mir ohnehin nicht sagen."
Udelens Lächeln wurde einen Hauch dünner und breiter. „Stimmt."
„Darum rechne ich mit dem Schlimmsten."
Der Schwarzgekleidete machte eine Andeutung, als wolle er dem Mand'alor auf die Schulter klopfen. „Tun Sie das. Dann bis in zwei Wochen."
Udelen gab Boba Fett den Creditchip und der Kopfgeldjäger prüfte ihn. 200 000 Credits. Woher hatte ein Typ wie Udelen so viel Knete? Aber natürlich war Boba Fett diskret und professionell genug, nicht nach derlei zu fragen.
Der Mand'alor ging zum Gladiator-Angriffsjäger von Goran Bevin. Er musste nicht anrufen, keinen Code absetzen, dass sich die Einstiegsluke für ihn öffnete und er hineingehen konnte.
„Also sooo hässlich sieht er nun auch wieder nicht aus", sagte Boba Fett zu Goran Beviin, der im Cockpit saß. „Da gibt es üblere Typen."
„Na, wenn du das sagst", erwiderte Goran mit Skepsis in der Stimme.
„Er hat mir 200 000 Credits gegeben … im Voraus."
Ein Pfiff entwand sich Bevins Mund. „Wofür?"
„Es wird Krieg geben. Und er will uns unsere neuen Gegner vorstellen."
„Lass mich raten: Er hat die Gegner nicht genannt."
„Braucht er auch nicht", meinte Fett leichthin. „Es handelt sich immer um zeitlich begrenzte Operationen. Das versichere ich dir. Und sollte die Sache zu schlimm werden, können wir jederzeit aussteigen."
„Ja, sicher", erwiderte Goran und nickte. Ich hoffe, wir können das dann noch.
Die beiden Männer schauten dabei zu, wie Udelens Luftspeeder abhob, dann deaktivierte Boba Fett mittels seiner Helmverbindung die Kanone der Slave 1, die er scharf gemacht und auf den T-77 gerichtet hatte – nur für den Fall. Er wusste, dass der Kontrolltower des Raumhafens von Keldabe den Speeder verfolgen würde, bis er den Orbit von Mandalore verließ – nur für den Fall.
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Der Direktor der Zentralbank von Rhommamool hatte schwitzende Hände bekommen. Sein Puls war ohnehin bereits mehr angestiegen, als gesund war. Er fragte sich, wie viel Druck er an diesem Tag noch ertragen würde müssen.
„Nein, das ist gegen die Vorschriften", sagte er und konnte doch nicht verhindern, dass seine Stimme kläglich klang. „Ich darf Ihnen keinen Kredit mehr einräumen. Sie haben bereits die letzten vier Millionen Credits nicht in ihrer Rückzahlung bedient."
Nom Anor verschränkte die Arme vor der schwarz geharnischten Brust. Sein gutes Auge schien ein Loch in den einen Kopf kleineren Menschen zu brennen, aber er wusste, dass es der Plaeryn Bol war, der dem Mann noch viel mehr Angst machte. Es kursierten bereits Gerüchte, dass dieses Auge kein gewöhnliches war. Dass es mehr als eine bloße Prothese war, dass es gar sehen konnte – und dem Angeschauten die intimsten Geheimnisse entreißen konnte. Nom Anor hatte sich weder die Mühe gemacht, den Zustand in seiner linken Augenhöhle zu erklären noch irgendetwas zu dementieren. Sollten die Gerüchte doch ruhig weiter ins Kraut schießen, wenn das seine Macht festigte. Manchmal sagen keine Worte mehr als alle Worte zusammen.
„Ich dachte immer, hochrangige Angestellte einer Bank würden langfristig planen", sagte er in lauerndem Bedauern. „Sie wissen, dass wir den Osarianern keinerlei Schürfrechte mehr gestatten und so immer mehr Gewinne in unsere Kassen gespült werden. Zusätzlich zu den Ausgleichszahlungen, die Senator Zinngogg im Galaktischen Senat gegenüber Osarian beantragt hat."
Die schwarzen Augen des Bankdirektors wurden panisch. „Aber darauf werden die Osarianer sich nicht einlassen! Sie haben sich noch nie auf so etwas eingelassen!"
Nom Anor lächelte hinter seiner schwarzen Maske. „Glauben Sie mir, Direktor, Osa-Prime wird sich darauf einlassen."
„Wie können Sie da so sicher sein?"
Nom Anor trat einen Schritt auf ihn zu, bis nur noch fünf Zentimeter die beiden Männer voneinander trennten und der Direktor gezwungen war, zu dem Anführer der Roten Ritter von Rhommamool aufzuschauen. „Wir werden die Osarianer zwingen."
„Wie?", schnappte der Direktor. „Die würden uns beschießen. Es würde Krieg geben!"
Den gibt es bald sowieso.
Nom Anor ergriff die Hand des Direktors. „Wir werden aber zuerst schießen. Und jetzt unterschreiben Sie schon den Vertrag, bevor ich richtig ungemütlich werde!"
Die Knöchel an der derart gepackten Hand des Direktors wurden weiß. Der Schweiß an seiner Hand begann zu rinnen. Ein, zwei leiser Platscher auf dem Boden machten das Rinnen hörbar. Sicher hörte der Schwarzgeharnischte es auch. „Natürlich, Sir Nom Anor."
Der ungekrönte König Rhommamools verließ die Zentralbank, deren Gebäude von einem Kordon seiner Roten Ritter für das Leben umstellt war, während ihr Anführer drinnen mit dem Direktor harte Verhandlungen geführt hatte.
Als Nom Anor wieder allein in seiner Villa war, stellte er die Holo-Konsole an, um die Nachrichten zu hören.
Der Sprecher, ein blauer Twi'lek, bereitete ihm dieses Mal eine ganz besondere Freude.
„Wie erst heute bekannt wurde, hat gestern auf der Huttenwelt Ylesia ein Putsch stattgefunden. Dem Putsch ging die Explosion der Sternenjacht von Tolja Besadii Diori im Orbit des Planeten Bimmisaari voraus. Die Ursache dieser Explosion ist bislang ungeklärt. Grabbus Progga, der neue Machthaber auf Ylesia, hat die Rückendeckung des Progga-Clans bei seiner Machtübernahme, während Borga Besadii Diori auf Nal Hutta eine Erklärung veröffentlicht hat, dass sie diese Übernahme Ylesias nicht gewillt ist hinzunehmen.
Der Bürgerkrieg auf Ter Abbes tobt weiter. Xynnox T'Leeth, der Nachfolger des vor acht Monaten ermordeten Oppositionsführers Tholote B'Leph, hat angekündigt, den bewaffneten Kampf gegen Präsident Hankoth solange fortzusetzen, bis jener abdankt und somit die Rache für B'Lephs Tod vollzogen ist. Hankoth wiederum weigert sich unter Verweis auf die prekäre Sicherheitslage auf Ter Abbes kategorisch, den Präsidentenpalast zu räumen unter Verweis auf die Militanz und Gewalttätigkeit einer Opposition, die seine Verhandlungsangebote bereits mehrmals zurückgewiesen hat.
Und jetzt noch die Nachrichten von Adumar …"
Nom Anor wusste bereits, dass auch der Bürgerkrieg auf Adumar nicht so schnell enden würde. Auf dem Planeten hatte sich ebenfalls eine Rote Ritter-Miliz gebildet, die er von Rhommamool aus tatkräftig finanziell unterstützte – einer der Gründe, warum er heute die Zentralbank seiner derzeitigen Wahlheimat aufgesucht hatte.
Er schaltete die Holo-Konsole aus und holte sich ein Kri'gee-Bier aus dem Kühlschrank, um den kühlen Getreidesaft genüsslich zu schlürfen, während sich neue Pläne in seinem Hirn entfalteten. Ja, das Mando-Gebräu stieg in den Kopf, aber nach so einem erfolgreichen Tag war das angemessen – und es ließ einen hernach herrlich schlafen.
Der E-11-Blaster Nom Anors kommt in „Die Verheißung" von Greg Keyes, dem achten Band der Reihe „Das Erbe der Jediritter" von 2004 vor.
Ein Quednak ist ein Lasttier der Yuuzhan Vong
Note der Autorin: Die Ereignisse um Boba Fett und Goran Beviin entstammen größtenteils der Kurzgeschichte: „Boba Fett – ein Pragmatiker" von Karen Traviss, die dem Roman „Opfer" von derselben Autorin, dem fünften Band der Buchreihe „Wächter der Macht" (2007) als Anhang beigefügt wurde.
