Wir schossen mit mörderischem Tempo durch die Dunkelheit. Undeutlich erkannte ich David und Paul zu beiden Seiten. Ich fühlte mich hier vorne sicherer als ich mich bei diesem Tempo hinter Dwayne gefühlt hätte.

Mit quietschenden Reifen hielten wir plötzlich auf einer Lichtung an. Wo waren wir? Das hier war jedenfalls nicht der Weg nach Hudson Bluff, so viel war sicher. Die drei waren angespannt und schienen auf irgendetwas zu warten.

„Was ist hier los?" Ich sah nach hinten zu dem dunkelhaarigen Vampir Sein Kiefer war angespannt. Da war eine Dunkelheit in seinen Augen.

„Wir teilen uns auf. Paul gib ihr deine Jacke und nimm ihre Bluse. Vielleicht können wir sie lange genug verwirren." Ich starrte ihn ungläubig an. Er glaubte doch wohl nicht ernsthaft, dass ich mich hier vor ihm ausziehen würde.

Zu meiner Überraschung lief Paul auf uns zu und blieb mit dem Rücken zu David stehen. Ich sah wütend zu ihm hoch und machte keine Anstalten irgendetwas auszuziehen.

„Kätzchen uns gefällt das auch nicht. Aber es ist nötig. Vertrau uns bitte." Dwayne brummte leise in mein Ohr und legte sanft die Hände an meine Hüfte.

„Er wird nichts sehen, Prinzessin. Dwayne hat Recht, du musst uns jetzt bitte vertrauen." Paul schlüpfte aus seinem Mantel und hielt ihn vor mich.

Unsicher begann ich meine Bluse aufzuknöpfen. Meine Finger zitterten so sehr, dass ich am zweiten Knopf viermal abrutschte bevor ich Dwaynes Hände auf meinen spürte.

„Lass mich das machen. Auch wenn ich mir das anders vorgestellt hatte…" Er schob meine zitternden Hände beiseite und öffnete schnell die Knopfleiste.

Die Nachtluft war kalt auf meiner entblößten Haut und Paul beeilte sich mir seine Lederjacke überzustreifen. Sie war warm und schwer. Er nahm meine Bluse von Dwayne entgegen und beugte sich noch einmal zu mir um mir einen liebevollen Kuss zu geben.

„Wir sehen uns später in der Höhle. Pass gut auf sie auf Bruder." Er richtete sich auf und sah den Vampir hinter mir ernst an.

„Immer, das weißt du." Der kurze Wortwechsel machte mir Angst.

„Kann mir bitte endlich jemand sagen was hier los ist?" Ich sah die beiden an, doch bekam keine Antwort.

„Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Wir trennen uns hier und treffen uns später wieder. Volles Tempo, keiner hält an, keine Alleingänge." Davids Stimme war jetzt wieder so autoritär wie vorhin in der Bar. Und das beunruhigte mich noch mehr.

Ich hätte gerne noch Paul gebeten vorsichtig zu sein, doch bevor ich etwas sagen konnte brachte Dwayne uns schon wieder zurück auf den schmalen weg und die beiden anderen Vampire wurden schnell kleiner. Wir fuhren weiter auf der schmalen Straße, tiefer in den Wald hinein, so kam es mir zumindest vor.

„Scheiße!" Dwayne ging kurz vom Gas und riss seine Maschine so scharf herum, dass ich eine Sekunde Angst hatte wir würden umfallen. Ich bildete mir ein weitere Motorengeräusche zu hören und sah vor uns zwei Scheinwerfer.

„Jetzt wird es ungemütlich." Ohne weitere Warnung schoss Dwayne zwischen zwei Bäume und ich hatte Mühe mich festzuhalten als wir über unebenes Gelände schossen. Es kam mir vor wie ein Wunder, dass wir bei diesem Tempo nicht mit einem der eng stehenden Bäume kollidierten. Ich hätte gerne hinter uns geschaut, aber ich wusste dass das vermutlich keine gute Idee war.

Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Dwayne schlug mit dem Motorrad Haken, änderte immer wieder die Richtung in die wir fuhren und wurde mal schneller und dann wieder langsamer.

Plötzlich waren wir aus dem Wald heraus und hoch über dem Meer auf der Klippe. Nur dass mir dieser Teil nicht bekannt vorkam. Wir fuhren jetzt deutlich langsamer einen schmalen Pfad hinunter bis wir einen niedrigen Eingang erreichten. Dwayne hielt an und stellte den Motor ab.

Verwirrt sah ich ihn an als er abstieg und mir die Hand hinhielt um mir zu helfen. Vorsichtig schwang ich mein linkes Bein auf seine Seite und stand mit wackligen Beinen auf. Hätte Dwayne mich nicht sofort gegen sich gezogen wäre ich vermutlich direkt hingefallen. Ich lächelte ihn entschuldigend an und löste mich von ihm.

Er griff sein Bike und schob es in den dunklen Eingang vor uns und bedeutete mir dicht bei ihm zu bleiben. Hier drinnen war es stockdunkel, ich konnte rein gar nichts erkennen.

Ich stöhnte kurz auf, als ich mir den Kopf an irgendetwas Hartem stieß. Dwayne blieb stehen und ich hörte, dass er das Motorrad abgestellt hatte. Er griff sanft meine Hand und zog mich eine Weile schweigend mit sich.

„Komm her und mach die Augen zu." Ich wusste zwar nicht warum er das wollte, aber ich vertraute ihm. Ich schloss die Augen und lies mich von ihm eng an seine Brust ziehen. Ich erschrak und hielt mich krampfhaft an dem großen Mann fest. Ich hatte das Gefühl zu fliegen, mir wurde ganz flau.

Trotz meiner geschlossenen Augen nahm ich wahr, dass es etwas heller wurde. Plötzlich hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Zögernd öffnete ich die Augen und konnte jetzt tatsächlich immerhin die Felswände um uns erkennen.

Wir folgten dem Gang in dem wir standen noch ein gutes Stück, bis ich vor uns sanftes Licht erkennen konnte. Das hier kam mir bekannt vor.

Wir traten aus dem Gang heraus und überrascht stellte ich fest, dass wir wieder in Hudson Bluff waren. Ich war erleichtert wieder hier zu sein und fühlte mich mit einem Mal ganz kraftlos.

„Alles gut Kätzchen, ich habe dich." Dwayne hob mich hoch und lief mit mir zu einem der Sofas wo er mich sanft absetzte.

Aus irgendeiner Ecke der Höhle kam Laddie auf uns zugelaufen und sprang seinem großen Bruder in die Arme. Dwayne fing ihn auf und drückte ihn kurz liebevoll an sich. Dann setzte er ihn ab und der Kleine kletterte neben mich und schmiegte sich in meine Seite.

Dwayne schloss kurz die Augen und wirkte konzentriert.

„David ist auf dem Weg hier her. Paul und Marko kann ich nicht erreichen." Ich sah ihn verwirrt und leicht beunruhigt an. Was bedeutete das? Er ging vor mir auf die Knie und tippte sich gegen die Stirn.

„Wir sind durch Blut verbunden. Wenn sie es zulassen kann ich immer Kontakt mit ihnen aufnehmen, egal wie weit wir voneinander entfernt sind." Ich nickte und streichelte abwesend Laddies Haare. Es beunruhigte mich, dass er nicht wusste wo Paul und Marko waren.

Es knirschte hinter uns und ich erschrak als ich Marko blutverschmiert vor uns stehen sah. Ich sprang vom Sofa auf und lief zu ihm. Ich lies besorgt meine Finger über seinen Oberkörper gleiten.

„Es ist nicht mein Blut, aber mach ruhig weiter." Er grinste mich wenig überzeugend an und ich schlug ihm genervt gegen die Schulter.

„Was ist passiert? Und warum antwortest du Idiot nicht?" Dwaynes Stimme war ruhig, scheinbar brachte ihn nichts aus der Ruhe.

„Paul…" Er verzog das Gesicht und mir wurde ganz anders.

„Wo ist er? Was ist mit ihm?" Statt einer Antwort griff der Lockenkopf meine Hand und zog mich mit sich in die Richtung aus der er gekommen war. Ich wusste, dass Dwayne direkt hinter mir war, ebenso besorgt wie ich.

Als wir das Zimmer betraten zog Dwayne mich mit einem Ruck zurück. Eine Sekunde später klatschte etwas nass gegen die Felswand wo eben noch mein Kopf war. Undeutlich sah ich Star, die um das Bett herumlief. Geschockt keuchte ich als mein Blick auf Paul fiel, er war über und über mir Blut verschmiert, offensichtlich sein eigenes.

„Was hat sie hier verloren?" Star sah mich gehetzt an und schien wenig glücklich mich zu sehen. Ich konnte Paul leise knurren hören. Dwayne warf ihr ebenfalls einen missbilligenden Blick zu.

„Ich bitte euch. Ein Bruder reicht ihr nicht und jetzt ist Paul wegen der dummen Kuh auch noch verletzt." Ihre Worte trafen mich hart. Mein Magen zog sich zusammen.

„Verschwinde endlich. Ich will deine Hilfe nicht. Wo ist Kim? Geht es ihr gut?" Marko zog die beleidigte Star aus dem Zimmer und stellte sich in den Eingang um sie am Zurückkommen zu hindern. Dwayne schob mich sanft vor sich her zum Bett.

„Ich… Ich bin hier Paul." Seine Augen zuckten unruhig hin und her bis er mich, von Dwayne gestützt, neben sich stehen sah. Schwach hob er die Hand um mich zu berühren. Zögernd griff ich danach und strich sanft mit dem Daumen über seinen Handrücken.

Ich konnte Tränen in meinen Augen fühlen, so nah sah er noch viel schlimmer aus.

„Das wird schon wieder, Prinzessin. Ich muss nur ein bisschen schlafen." Er drückte leicht meine Hand und stöhnte schmerzhaft auf. Dwaynes Arme um mich schienen gerade alles zu sein, das mich aufrecht hielt. Ich spürte seine Haare in meinem Nacken als er einen sanften Kuss gegen meine Schläfe drückte.

„Es sieht schlimmer aus als es ist. Er hat schon Schlimmeres überstanden, Kätzchen." Zögernd nahm ich eines der Stofftücher aus der Wasserschale neben dem Bett und lies mich vorsichtig neben den blonden Vampir auf sein Bett sinken. Ich begann sein blutverschmiertes Gesicht damit abzuwischen, irgendetwas musste ich tun.

Seine Hand legte sich an meine Wange und ich gab langsam dem leichten Druck nach. Meine Tränen tropften leise auf sein Gesicht als er mich für einen liebevollen Kuss zu sich zog. Ich löste mich von ihm und machte damit weiter ihn von seinem Blut zu befreien.

Nach einer gefühlten Ewigkeit nahm Dwayne mir das blutgetränkte Tuch ab und ich sah ihn verwirrt an.

„Wie wäre es wenn du dir saubere Sachen anziehst? Ich mache hier weiter bis du wieder kommst." Er zog mich hoch als ich nicht reagierte. Ich lehnte mich erschöpft gegen ihn. Er hob mein Kinn an und gab mir einen langen Kuss bevor er mich sanft zum Ausgang schob.

Marko nahm meine Hand und zeigte mir den Weg zu meinem Zimmer wo er mich alleine zurück lies. Ich achtete gar nicht darauf was ich anzog, einfach nur etwas Bequemes. Meine Haare zu einem Zopf bindend ging ich zurück.

Dwayne hatte das restliche Blut von seinem Bruder gewischt und jetzt sah er nur noch erschöpft aus. Der dunkelhaarige Vampir streckte die Hand nach mir aus als er mich hörte. Sofort griff ich danach und lies mich von ihm auf das Bett ziehen. Vorsichtig krabbelte ich zum Kopfende bis ich neben Paul saß.

„Bleib bei ihm, er wird sonst nicht schlafen.", brummte Dwayne.

„Und was ist mit dir?" Ich sah ihn zweifelnd an und klopfte hinter mich auf die Matratze. Wir würden alle drei ohne Probleme in dem großen Bett Platz haben.

„Komm schon Großer. Du hast die Lady gehört." Paul grinste seinen Bruder an und dieser seufzte bevor er um das Bett herum ging. Zufrieden schmiegte ich mich vorsichtig an die Seite des blonden Vampirs. Mit einem leisen Stöhnen zog er mich ein wenig höher, so dass mein Kopf an seiner Schulter ruhte und drückte seine Lippen an meine Stirn.

Dwayne zog die Decke über uns hoch bevor er seinen Arm um meine Mitte schlang und mich mit seinem Körper zwischen sich und seinem Bruder gefangen nahm.

„Ihr werdet mir trotzdem noch erklären was da heute Abend passiert ist.", murmelte ich schläfrig. Beide Vampire brummten und langsam driftete ich in meinem schützenden Kokon zwischen den beiden in einen tiefen Schlaf ab.