16. Dezember: Steinalt, furchteinflößend und total cool
„Was wird das denn?", fragte Roxanne neugierig Lily, Hugo, Hugos besten Freund Tommy und ihren großen Bruder Fred, die in der großen Halle beim Abendessen saßen und mit Käsestangen in der Luft herumfuchtelten. Roxanne und ihre beste Freundin Ellen hatten gerade erst die Große Halle betreten und einen Moment war sie versucht, auf dem Absatz kehrt zu machen.
„Wir haben versucht, Sprüche für Verteidigung gegen die dunklen Künste an der Handbewegung zu erkennen, aber Lily ist zu gut in ungesagten Sprüchen und hat mich gelähmt", erklärte Hugo grinsend und biss von seiner Käsestange ab. „Deshalb haben wir die Zauberstäbe gegen das hier ausgetauscht."
„Und du lernst mit ihnen?", fragte Roxannes beste Freundin Ellen Fred beeindruckt. „Du machst doch nur den ZAG, nicht den UTZ."
„Die Sprüche sind die gleichen", erwiderte Fred schulterzuckend. „Und fast alle Lehrer sagen, dass Grafiken von Handbewegungen in der Prüfung eine Rolle spielen, deshalb ist das eine gute Übung."
„Aber warum lernst du überhaupt mit ihnen?", hakte Roxanne nach und ließ sich neben ihrem großen Bruder auf die Bank fallen. Sie lehnte sich zu ihm und biss von seiner Käsestange ab, die er schnell vor ihr in Sicherheit brachte.
„Wir sind alle vom Training gekommen und haben Lily hier wie eine Verrückte vor sich hinmurmeln sehen", erklärte Tommy grinsend und duckte sich, als Lily versuchte, ihm in den Arm zu boxen. Roxanne war als Ersatzjägerin in der Mannschaft, aber weil sie eher selten zum Einsatz kam, musste sie nicht bei jedem Training dabei sein. Sie zog es vor, Mittwoch nachmittags ein Nickerchen zu machen, weil sie an dem Tag um Mitternacht Astronomie hatten und sie dann nicht so müde war.
„Ich hab nicht wie eine Verrückte vor mich hingemurmelt, ich hab die verdammten Definitionen aufgesagt", protestierte Lily augenverdrehend. „Ich hab euch gebeten, mich abzufragen, aber ihr wolltet euch ja lieber mit Essen duellieren." Sie nahm ihre Karteikarten in die Hand, die auf dem Tisch lagen, und fuchtelte damit vor den anderen herum.
Hugos Augen wurden groß. „Sind die etwa von Rose?", fragte er aufgeregt. „Wieso hast du sie? Ich bin ihr Lieblingsbruder!"
„Du bist ihr einziger Bruder", protestierte Lily unbeeindruckt und brachte sie außer Reichweite, als Hugo danach grabschte. „Und ich hab sie zuerst gefragt, direkt, nachdem sie mit den Prüfungen fertig war. Selbst Schuld, wenn du nicht dran gedacht hast."
„Außerdem kann man die doch ganz einfach duplizieren", sagte Roxanne verständnislos und hielt die Hand auf. Lily gab ihr ohne Federlesen die Karten und alle schauten gespannt zu, wie Roxanne sie innerhalb weniger Sekunden mit einem Zauber mehrmals kopierte und an alle verteilte. „Und ihr wollt Zauberer sein, also wirklich, Jungs", sagte sie enttäuscht. Vielleicht hatte Quidditch ihnen zu sehr die Birne vernebelt, als dass sie logisch denken konnten. „Nächstes Jahr will ich die aber auch für die ZAGs haben, klar?" Rose hatte die ausführlichsten Notizen von allen Schülern, die sie kannte, aber sie war auch sehr gut darin, sie auf das wesentliche zu reduzieren. Molly war darin sogar noch besser gewesen, aber deren Handschrift konnte keiner lesen.
„Na klar", sagte Fred sofort und schaute dann hoffnungsvoll zu Lily. „Hast du auch die Karteikarten aus den anderen Fächern?"
Lily nickte. „Sicher. Sie hat mir alles Material gegeben, was sie hatte. Nur Geschichte der Zauberei kannst du vergessen, da hat sie enorm große Lücken." Es war der ganzen Familie ein Rätsel, warum Lily an dem Fach so einen Spaß hatte, besonders, weil sogar die Musterschülerinnen Rose und Molly die Hoffnung aufgegeben und jeweils ein E und ein A in den ZAGs akzeptiert hatten. Bisher hatte es ihren Karrieren keinen Abbruch getan.
„Ist schon gut", winkte Roxanne ab und goss sich Kürbissaft in ihr Glas. „Geschichte der Zauberei brauch ich später sowieso nicht."
„Sei dir da mal nicht so sicher, Schätzchen", sagte eine tiefe Stimme direkt hinter Roxanne. Die zuckte zusammen und stieß ihr volles Glas um, das sich über alle Karteikarten entleerte. Die anderen beeilten sich, den Schaden zu beheben, und bombardierten die Karten mit so vielen Sprüchen wie sie konnten. Innerhalb von Sekunden hatten sie alles gerettet, auch wenn die Karten jetzt leicht rauchten.
Roxanne hatte sich mittlerweile umgedreht. „Daddy!", rief sie begeistert und fiel ihrem Vater um den Hals, der sie grinsend an sich drückte und dann mit seinem Sohn weitermachte, der gerade Roses Karteikarten gegen das Licht hielt und nach Schäden absuchte. „Du wolltest heute kommen?", fragte sie stirnrunzelnd und versuchte sich daran zu erinnern, was in dem Brief stand, den er ihr letzte Woche geschickt hatte.
„Eigentlich erst morgen, aber Neville hat mir eine Nachricht geschickt, dass heute der perfekte Tag für die Alraunenwurzelernte seiner Sechstklässler war, deshalb hab ich umdisponiert. Ich brauch die frischen Wurzeln unbedingt für einen Trank und ich will nicht, dass sich die Produktion schon wieder um einen Monat verzögert." Er wuschelte Ellen, die ein häufiger Gast in ihrem Haus während der Ferien war, durch die kurzen Haare, und grinste Lily und Hugo an, die ihn beide anstrahlten. „Ich muss bald in den Laden, aber eine halbe Stunde kann ich noch bleiben, wenn ihr nichts dagegen habt, mit einem Greis zu essen."
„Du bist doch kein Greis", widersprach Fred augenverdrehend und rückte zur Seite, damit ihr Vater zwischen seinen Kindern sitzen konnte. „Auch wenn du nur noch mit einem Ohr hören kannst."
„Jetzt werd mal nicht frech, junger Mann", sagte ihr Vater streng, auch wenn sein breites Grinsen seine Worte Lügen strafte. „Ich hör immer noch gut genug, um dir Hausarrest zu geben!"
Fred lachte und reichte seinem Vater einen Teller mit gebratenem Hühnchen. „Ja sicher, Dad. Das glauben dir hier alle."
„Hey!", rief ihr Vater empört und schaute in die Runde. „Was muss ich mir hier anhören?!"
„Hören Sie nicht auf die anderen, Mr Weasley", sagte Ellen hilfreich und lächelte ihn an. „Machen Sie sich keine Sorgen, Sie sind sehr alt und sehr furchteinflößend."
Er nickte ihr dankbar zu. „Vielen Dank, Ellen. Das wollte ich doch nur hören." Er schaute seine Familie der Reihe nach an. „Ihr Banausen!"
„Hättest du uns gesagt, dass du schon heute kommst, hätten wir uns auch entsprechend vorbereiten können", gab Roxanne zu bedenken und lehnte den Kopf an die Schulter ihres Vaters. Sie liebte Hogwarts, aber manchmal hatte sie schon etwas Heimweh. Glücklicherweise war der Großteil ihrer Familie auch hier, da war es nicht ganz so schlimm. „Du weißt schon, damit wir uns auch anständig vor dir fürchten."
Ihr Vater verdrehte die Augen. „Mach dir keine Mühe, Schatz, ich weiß, dass eure Mutter die Furchteinflößende ist. Ich hab mich damit abgefunden." Er biss in einen Hähnchenschenkel und Roxanne goss sich ihren Saft nach. „Da fällt mir ein", sagte er mit vollem Mund, „ich soll euch Knirpse von eurer Mum grüßen. Und euch zwei von euren Eltern. Hermine hofft, dass du auch anständig lernst."
Hugo stöhnte und verdrehte die Augen. „Du kannst ihr sagen, dass ich nichts anderes mache", sagte er und hielt zum Beweis die Karteikarten in die Luft. „Und dann kannst du ihr sagen, dass es dir egal ist, ob ich nur Os bekomme."
Roxannes Vater verzog nachdenklich das Gesicht. „Ich weiß ja nicht, Hugo, du klingst ja so, als ob ich gar keine Ansprüche hätte. Das hab ich schon mit Percy durch, diese Diskussion muss ich nicht auch noch mit deiner Mutter anfangen."
Roxanne verdrehte die Augen. Es hatte ewig gedauert, bis Onkel Percy akzeptiert hatte, dass Lucy nicht im Ministerium arbeiten wollte. Mittlerweile wusste er die Arbeit zu schätzen, die der Scherzartikelladen verlangte, aber Merlin, wie viele Familienfeiern er davor ruiniert hatte!
„Sei nicht unfair, Onkel George, Mum hat immer den größten Respekt vor deiner Arbeit, die weiß, wie vielseitig die ist", protestierte Hugo ernsthaft und schaute hilfesuchend zu Lily, die bestätigend nickte. Roxanne musste Hugo Recht geben. Tante Hermine war zwar schrecklich pingelig, was Regeln und Lernen anging, aber sie war auch immer von den neuen Produkten des Scherzartikelladens begeistert und rätselte, wie sie funktionierten. Mehr als einmal hatte ihr Vater sie sogar um Hilfe gebeten, wenn er nicht weiterkam.
Es war immer schwer für Roxanne sich vorzustellen, dass ihre Tante, verrückt nach Regeln und Gesetzen, die gleiche Frau war, die einmal einen Drachen durch Hogwarts geschmuggelt und mit Onkel Harry illegal durch die Zeit gereist war, um Sirius Black zu retten, unerlaubterweise als Zweitklässlerin einen Vielsafttrank gebraut und später einen Haufen Schüler dazu überredet hatte, eine verbotene Verteidigungsgruppe zu gründen, ganz zu schweigen davon, dass sie ohne mit der Wimper zu zucken in Gringotts eingebrochen war. Aber wenn Roxanne sah, wie Tante Hermine mit ihrem Vater über seine Scherzartikel fachsimpelte, dann sah sie das plötzlich vor sich.
„Ich weiß, ich weiß. Und du hast Glück, Hugo, deine Mum hat im Moment genug dazu, Ron unter Kontrolle zu halten, da hast du leichteres Spiel."
„Wieso?", fragte Fred besorgt. „Geht's Onkel Ron nicht gut?"
Ihr Vater verdrehte die Augen und schnaubte. „Onkel Ron ist übergeschnappt, wenn ihr mich fragt."
„Wieso?", wollte jetzt auch Roxanne wissen. Das klang gar nicht gut.
„Er hat sich eine Scheibe vom guten alten Perce abgeschnitten und wird genauso erfolgreich damit sein wie mein geliebter großer Bruder. Merlin sei Dank war Bill nie so bescheuert, der hat Teddy nur gerne Angst gemacht."
Roxanne und Fred tauschten einen verwirrten Blick und schauten zu Lily und Hugo, die nur die Augen verdrehten.
„War ja klar, dass Dad durchdreht", seufzte Hugo. „Und dabei war es doch so klar, dass es darauf hinauslaufen wird."
„Nicht wahr?", nickte Roxannes Vater und zeigte mit seinem abgeknabberten Hähnchenschenkel auf Hugo. „Hab ich ihm auch gesagt. Ronnie, hab ich gesagt, du bist ein Idiot. Und der letzte, auf den Rosie hören wird. Meine Güte, Molly ist das folgsamste Kind, das ich je gesehen hab, und selbst sie hat Percy gesagt, dass er sie mal am Arsch lecken kann. Als ob Rose da anders wäre. Sie hat Hermines Gene und die ist Expertin darin, nicht auf Ron zu hören."
„Worum geht's denn überhaupt?", fragte Fred genervt.
Ihr Vater schaute ihn enttäuscht an. „Du wärst ein miserabler Auror, mein Sohn. Ron und Harry hätten da schon längst eine Verschwörungstheorie mit Snape und Malfoy in der Hauptrolle vermutet."
„Was?", fragte Fred nun völlig verwirrt und schaute hilflos zu Lily und Hugo, die sich beide das Lachen verkniffen.
„Rosie und Scorpius wollen heiraten, hat euch das noch niemand gesagt?"
Roxanne verschluckte sich an ihrem Kürbissaft und blickte nun ebenfalls überrascht zu Lily und Hugo, die das keineswegs zu sein schienen. „Wirklich? Und ihr zwei habt uns nichts gesagt?"
Hugo zuckte mit den Schultern. „Ich hab euch Freitag nicht gesehen und am Samstag war beim Training keine Zeit. Und am Abend hat James Bond uns so abgelenkt. Und dann hab ich's irgendwie vergessen." Roxanne sah ihn wütend an. „Schau mich nicht so an, Roxy, ich bin im Prüfungsstress und eine Monate entfernte Hochzeit ist da wirklich nicht das wichtigste." Roxanne wollte weiter sauer sein, aber Hugo schien so mit den Nerven am Ende, dass sie ihm nicht böse sein konnte. Sie wusste, dass seine ZAG-Ergebnisse nicht die besten gewesen waren und seine Mutter sehr enttäuscht war, und dass er sich jetzt zum Teil auch wegen ihr so reinhängte. Und weil ihr Dad, auch wenn es vielleicht nicht so rüberkam, ziemlich hohe Ansprüche hatte. Hugo hatte die schon alle übertroffen, aber er wollte trotzdem gut abschneiden.
„Werden wir wenigstens zu der Hochzeit eingeladen?", fragte sie missmutig. „Nicht so, wie Louis und Annie." Die ganze Familie konnte manchmal erschlagend wirken und sie konnte verstehen, dass sie ihren großen Tag im kleinen Kreis feiern wollten, aber es störte sie trotzdem, dass sie nicht dabei sein konnte. Sie liebte Hochzeiten. (Auch wenn sie es wie die Pest hasste, dass sie als jüngste Weasley ständig als Blumenmädchen missbraucht worden war. Merlin sei Dank gab es jetzt Victoires Tochter Dora, die diesen Part übernehmen konnte.)
„Im Moment ist der Plan, dass sie in den Sommerferien im Fuchsbau heiraten wollen", erzählte ihr Vater. „Mum ist schon ganz aus dem Häuschen, sie hat schon mit dem Putzen angefangen. Ihr wisst schon, die erste Hochzeit eines Enkelkindes am Fuchsbau, da kann man sie gar nicht aufhalten." Ein schwärmerischer Ausdruck trat in seine Augen. „Ich freu mich schon, dass die Malfoys das ertragen müssen. Die haben nie ein gutes Haar am Fuchsbau gelassen und jetzt heiratet ihr einziger Nachfahre gerade dort. Dass Ron diese Ironie nicht zu schätzen weiß …"
„Hat er sich noch immer nicht mit Scorpius abgefunden? Der ist doch so toll", sagte Fred ungläubig
„Sag das mal deinem Onkel", seufzte George. „Glaub mir, wir haben alle schon auf ihn eingeredet. Nicht mal Hermine hat ihn überzeugt, und die hat immerhin Sex auf ihrer Seite."
Hugo spuckte seinen Kaffee aus und starrte seinen Onkel entsetzt an. „Sag sowas nie wieder! Schlimm genug, dass ich sie mit sieben einmal dabei erwischt hab. Das verfolgt mich heute noch." Er erschauderte.
Roxannes Vater schaute ihn begeistert an, aber bevor er irgendetwas dazu sagen konnte, trat Roxanne ihm fest auf den Fuß. Sie konnte Hugos Leiden nur zu gut nachvollziehen, ihr war mit sechs das Gleiche passiert. Seither knallte sie jede Tür laut zu, wenn sie einen Raum betrat. Man konnte da nicht vorsichtig genug sein.
„Ich versteh wirklich nicht, wie Onkel Ron das nicht hat kommen sehen. Wenn ein Paar nach der Schule heiratet, dann ja wohl Rose und Scorpius", sagte Roxanne kopfschüttelnd. „Die sind doch schon ewig bis über beide Ohren verknallt."
Ihr Vater nickte. „Sagen wir auch alle." Er legte den Arm um sie und gab ihr einen großen Schmatzer auf die Wange. Roxanne verdrehte die Augen, sagte aber nichts. Das ermutigte ihn sonst nur noch mehr. „Roxy, ich versprech dir, wenn du mal heiraten willst, werde ich nichts dagegen haben. Selbst wenn du einen Troll anschleppst. Oder einen Kobold. Oder einen Geist. Bei Binns würde ich vielleicht an deinem Verstand zweifeln, aber ich werde nichts dagegen haben."
„Ist das nicht illegal, magische Wesen zu heiraten?", fragte Lily stirnrunzelnd.
Roxannes Vater zuckte mit den Schultern. „Dann hat vielleicht das Gesetz was dagegen, aber ich bestimmt nicht! So ein cooler Vater bin ich!"
Fred schüttelte lachend den Kopf. „Ja, Dad, das bist du. Steinalt, furchteinflößend und total cool."
„Nicht wahr?", sagte er zufrieden. „Das ist doch alles, was ein Vater hören möchte."
TBC…
