Was Wesker nach seinem Zusammenbruch in der Therapie bei Dr. Svensson gelernt hatte und die Ablenkung durch seine Arbeit an Piers Nivans halfen ihm, sich nach seiner Flucht von der B.S.A.A. halbwegs aufrecht zu halten. Es ging ihm besser als vor gut einem Dreivierteljahr, doch er konnte nicht verhindern, dass ihn hin und wieder Flashbacks und depressive Phasen heimsuchten und er nachts wegen seiner Grübeleien wachlag. Dass er keine Therapiestunden mehr hatte, bedeutete nicht nur, dass er niemandem mehr zum Reden hatte, sondern auch, dass er einen kalten Medikamentenentzug durchmachen musste, der ihn die ersten zwei Wochen nach ihrem Einzug in das alte Herrenhaus in ein tiefes, schwarzes Loch fallen ließ und ihm obendrein unangenehme körperliche Beschwerden bescherte. Er verbarg alles vor dem Soldaten und vergrub sich umso verbissener in seiner Arbeit, um sich abzulenken. Wenn seine Unruhezustände und die Schweißausbrüche zu unerträglich wurden, dann steckte er seine Energie in die Reinigung des Hauses oder in sein Training. Piers Nivans war misstrauisch, doch vermutlich wagte er nicht nachzufragen. Überhaupt sprachen die beiden Männer wenig miteinander. Wenn sie im Labor zusammen waren, dann stellte Piers Fragen zu Weskers Arbeit, auf die Wesker auch stets ausführlich antwortete, auf Fragen zu Chris, Jake oder Weskers neuem Leben blockte Wesker jedoch sofort ab. An die Welt außerhalb des Herrenhauses wollte er nicht erinnert werden. Es reichten ihm die bitteren Stunden, die er abends grübeln im Bett lag, in denen er auf äußerst schmerzhafte Weise an seine gegenwärtige Situation erinnert wurde. So ungern er es auch zugab, doch es gab eine Menge Dinge, die ihn belasteten. Er war immer noch der Verlierer, der nach seiner grandiosen Niederlage ziellose umherwanderte und nicht mehr wusste, welchen Sinn sein Dasein haben sollte. Dazu spürte er neuerdings ein Gefühl, das ihn noch nie in seinem Leben heimgesucht hatte: Einsamkeit. Über eine lange Zeit hinweg hatte er ständig andere Menschen um sich gehabt, die um seiner selbst willen in seiner Nähe gewesen waren und deren Nähe er sehr genossen hatte. Sie fehlten ihm jetzt. Claires und seine Beziehung hatte keine Zukunft gehabt und doch fehlte sie ihm. Er hatte sie aus seinem Herzen ausgesperrt, wo sie nun eine Lücke hinterlassen hatte. Nicht mal die Arbeit am R-Virus und die Aussicht, womöglich in naher Zukunft seine Kräfte wiederzubekommen, konnten die Lücke in seinem Herzen füllen, die Claire Redfield hinterlassen hatte. Er hatte nicht erwartet, dass er über die Monate, in denen sie zusammen gewesen waren, eine derart starke Bindung zu Claire aufgebaut hatte. Er hatte sich doch verändert seit seiner Wiederauferstehung und seit sein Körper den Prototyp-Virus abgebaut hatte.

Auch wenn Wesker für den Moment zwei Ziele hatte – Piers zu helfen und sich seine Kräfte zurückholen – war es nicht zu leugnen, dass er in einer Art Sinnkrise steckte, aus der er im Moment keinen Ausweg wusste.

Hin und wieder, wenn er abends nicht schlafen konnte, dann dachte er an die letzten Stunden mit Dr. Svensson zurück, die ihm besonders im Gedächtnis geblieben waren, und versuchte sich dann zu erinnern, was sie besprochen hatten. Wenn er Zeit hatte, dann las er auch Bücher, um sich selbst zu helfen. Als er seine Tasche in seinem neuen Zuhause auspackte, stellte er fest, dass er eines von Dr. Svenssons Büchern, das sie ihm ausgeliehen hatte, versehentlich eingesteckt und mitgenommen hatte. Irgendwann wollte er es ihr zurückgeben. Im Moment war es ein abendliches Ritual für ihn, darin zu lesen und die Informationen aufzunehmen.

In den ersten Wochen gingen sich Wesker und Piers sogar bei den Mahlzeiten aus dem Weg, nach einer Weile jedoch fand es selbst Wesker albern, dass die einzigen beiden Personen, die das große Haus bewohnten, nicht mal gemeinsam essen konnten.

HUNK erledigte ein paar Sachen für ihn und hielt ihn über alle Vorkommnisse in der Außenwelt auf dem Laufenden. Er brachte Wesker auch gefälschte Papiere, die zu Weskers neuem Aussehen passten und ihm eine neue Identität gaben, damit er reisen konnte.

„Seien Sie bloß vorsichtig", mahnte HUNK ihn. „Alle Welt sucht nach Ihnen. Ihre Gesichter kommen in allen Nachrichten."

HUNK hatte völlig Recht. Piers verfolgte jeden Tag die Nachrichten und nicht selten wurde über ihn und Wesker berichtet. Die B.S.A.A. suchte nach Hinweisen. Er war erleichtert zu hören, dass man noch keine Spur von ihm und Piers hatte. Weskers Arbeit hatte noch keine großen Fortschritte gemacht und es wäre eine Katastrophe, sollten sie jetzt ausfindig gemacht werden.

Eines Abends nach dem Essen, fand Wesker Piers Nivans wieder einmal im Wohnzimmer. Der Fernseher lief und der Soldat schaltete gerade durch die Kanäle. Wesker hatte nie viel auf Fernsehen gegeben. Wo er aufgewachsen war, hatte es nicht einmal einen Fernseher gegeben. Die Leitungder Einrichtung, in der er vor seinem Umzug nach Raccoon City gelebt hatte, hatte keine Ablenkung geduldet. Wesker und die anderen Kinder hatten sich allein auf ihr Studium zu konzentrieren. Auch im späteren Leben hatte sich Wesker nie für das Fernsehprogramm begeistern können, wenn man von den gelegentlichen Nachrichten absah. Im Moment musste er wohl seine Abneigung gegen das Fernsehen ablegen. Nivans schien irgendwo zwischen den unzähligen Krimiserien und Castingshows auf der Suche nach einer Nachrichtensendung zu sein. Wesker wollte sich zu ihm gesellen und neben seiner Arbeit mit halben Ohr das Tagesgeschehen mitverfolgen.

„Ich schalte gleich wieder aus, ich will nur wissen, was in der Welt passiert. Wenn Raphael irgendetwas unternommen hat, werden die das ja hoffentlich bringen", sagte er, als er Wesker hinter sich bemerkte.

Wesker nahm in einem der Sessel Platz und beobachtete desinteressiert, wie die Bilder an ihm vorbeizogen. Er wollte sich gerade seinen Notizen widmen, da erregte etwas seine Aufmerksamkeit.

„Halt! Schalten Sie mal zurück!", bat er und Piers schaltete zurück auf den Kanal, den er eben übersprungen hatte.

„Das gibt's doch nicht", murmelte Wesker kaum hörbar und mehr zu sich selbst.

Claire Redfield stand vor der Kamera und gab ein Interview zu ihrem neuen Job als Pressesprecherin eines Thinktanks. Sie trug ein schickes Business-Kostüm und ihren üblichen Pferdeschwanz.

„Ich freue mich auf die Zusammenarbeit", sagte sie auf die Frage eines Reporters. „Ich bin froh, wieder da zu sein."

Also hatte sie die Stelle doch angetreten, dachte Wesker. Für ihn hätte sie das Angebot ausgeschlagen, das hatte sie ihm selbst gesagt. Sie hatte nicht nach Seattle gehen wollen. Ihre ungewollte Trennung hatte sie offenbar umgestimmt. Das bedeutete, dass sie New York bereits verlassen hatte.

„Da war etwas zwischen Ihnen, oder?", fragte Piers Nivans.

„Wie bitte?" Wesker wurde aus seinen Gedanken gerissen. Für einen Moment hatte er vergessen, dass er nicht allein im Raum war.

„Ich saß zwar in diesem Labor fest und habe nicht sonderlich viel mitbekommen, aber ich habe gesehen, was da zwischen Ihnen war. Sie sind also nicht nur vor Ihrem Sohn weggelaufen und Ihrer Verantwortung, sondern auch vor ihr."

„Ich bin vor niemandem davongelaufen und ich denke nicht, dass ich mich vor Ihnen rechtfertigen muss." Wesker packte seine Papiere, erhob sich und wollte das Wohnzimmer verlassen, doch der Soldat stellte sich ihm in den Weg.

„Lassen Sie mich durch", sagte Wesker leise, aber bedrohlich.

„Nein", widersprach Piers. „Wissen Sie, Sie sind Chris eigentlich verdammt ähnlich."

„Wie bitte?!", fragte Wesker, der glaubte, sich verhört zu haben.

„Sie haben mich schon gehört", sagte Piers gelassen. „Chris ist auch vor seiner Vergangenheit und seiner Verantwortung davongelaufen. Genau wie Sie jetzt. Vor was laufen Sie wirklich davon, Wesker? Sie können nicht vor Jake, vor Chris, vor Sherry, vor Claire oder vor Ihrem Leben davonlaufen. Sie sind nun mal wieder am Leben. Finden Sie sich damit ab. Wissen Sie, als ich in der Unterwasseranlage zurückblieb, dachte ich, es wäre vorbei. Es gab eine gewaltige Explosion und ich … Ich dachte, ich wäre tot. Und glauben Sie mir, das wollte ich sein. Dann wache ich in diesem Labor wieder auf und merke, dass ich überlebt habe, aber dass ich ein Monster bin. Ich habe mich selbst gehasst. Aber nach einer Weile, habe ich erkannt, dass ich dennoch lebe und dafür bin ich heute jede Minute dankbar. Warum können Sie das nicht sein? Und warum können Sie sich nicht an dem freuen, was Sie jetzt haben?"

Wesker musterte Piers.

„Sie können den anderen nicht ewig aus dem Weg gehen", sagte Piers. „Irgendwann müssen Sie zurückgehen."

Wesker drängte sich wortlos an Piers vorbei und ließ den Soldaten im Wohnzimmer allein.


Die folgenden sechs Monate …

Alex hatte endlich ihr Studium abgeschlossen. Sie hatte ihrem Bachelor-Abschluss schon mit Ungeduld entgegengesehen. Sie hatte ihr Studium durchaus genossen, doch je näher das Ende herangerückt war, desto desinteressierter und gelangweilter war sie geworden. In der Zeit, als sie wegen ihrer Arbeit bei der B.S.A.A. etliche Vorlesungen verpasst hatte, hatte sie gemerkt, wie sehr sie produktive Arbeit im richtigen Leben vermisst hatte. Der akademische Betrieb war ihr zu trocken und zu realitätsfern. Außerdem hatte sie im Umgang mit den Professoren und den Mitstudenten täglich gemerkt, dass sie bereits über 60 war und sehr viel mehr Erfahrung und Wissen hatte. Die Professoren, die nicht selten jünger waren, als sie selbst, konnten ihr nichts Neues erzählen, und die anderen Studenten waren Kinder, zu denen sie keinen Zugang gefunden hatte. Am Anfang hatte sie es durchaus genossen, eine Studentenparty zu besuchen oder sich als Teil einer Mädchenclique zu sehen, weil sie Lebenserfahrungen nachgeholt hatte, die sie in ihrem alten Leben nicht gemacht hatte. Es hatte gutgetan, endlich so normal wie alle anderen zu sein. Doch Alex konnte sich und ihre Umwelt nicht ewig belügen. Sie war nicht normal wie alle anderen. Und das würde sie auch nie sein. Sie war dankbar für alle Erlebnisse, die sie während der letzten drei Jahre gehabt hatte, doch es erleichterte sie ungemein, dass sie nun endlich den Abschluss in der Tasche hatte und nicht mehr zurückblicken musste.

Das Publikum klatschte, als ihr der Universitätspräsident persönlich ihr Abschlusszeugnis überreichte. Sie hatte nicht nur als Jahrgangsbeste abgeschlossen, sondern auch als beste Studentin seit mehr als 25 Jahren. Der Präsident hielt ihr zu Ehren eine Rede. Die Universitätsleitung hatte die Bitte an sie herangetragen, eine inspirierende Rede zu halten, mit der sie die jetzigen und zukünftigen Studenten motivieren sollte, doch Alex hatte abgelehnt. Sie hatte es satt, sich zu verstellen, und fürchtete, sie könnte ein paar unbequeme Dinge sagen.

Sie verfolgte die Rede nicht, sondern sah stattdessen ins Publikum. Die Burtons, Barry, Kathy, Moira und Polly, saßen in der ersten Reihe und blickten voller Stolz zu ihr hinauf. Sie glaubten wirklich dass ihre Adoptivtochter und -schwester Natalia gerade ihren Abschluss gemacht hatte. Sie hatten immer noch keine Ahnung. Alex grübelte schon länger darüber, ob sie den Burtons endlich die Wahrheit sagen sollte. Sie hatte in den vergangenen Monaten alle Argumente dafür und dagegen abgewogen, aber war immer noch zu keiner Entscheidung gelangt. Als der Präsident seine Rede beendet und das Publikum klatschte, traf sie spontan ihre Entscheidung aus dem Bauch heraus.

Einer ihrer Professoren kam nach der Rede zu ihr, schüttelte ihr die Hand und gratulierte ihr.

„Sie waren meine beste Studentin, Natalia", sagte Professor Welsh, der auch ihre Abschlussarbeit bewertet hatte. „Ich muss wirklich sagen, so eine Studentin wie Sie habe ich noch nie getroffen. Manchmal dachte ich wirklich, ich würde bei Ihnen studieren. Ihre Abhandlung über Enzymtechnik war wirklich brillant."

„Vielen Dank", sagte Alex und nahm aus dem Augenwinkel heraus wahr, dass sich die Burtons näherten.

„Was haben Sie jetzt vor? Ich nehme an, Sie wollen mit dem Master und dem Doktor weitermachen?"

Alex lächelte. „Nein, das werde ich nicht tun", sagte sie, was ihren Professor doch sehr verwunderte.

„Das ist sehr bedauerlich", sagte er ehrlich betroffen. „Sie könnten es wirklich weit bringen. Die Forschung braucht Leute wie Sie, Natalia. Haben Sie schon Pläne für die Zukunft?"

Alex nickte. „Erst muss ich ein paar Dinge in meinem Privatleben in Ordnung bringen. Und dann werde ich vermutlich in die Wirtschaft gehen. Ich habe eine Geschäftsidee, die ich umsetzen werde."

„Wenn das so ist, dass wünsche ich Ihnen viel Erfolg dabei", sagte Professor Welsh. „Die Tür dieser Universität steht Ihnen stets offen."

„Natalia! Da bist du ja!", frohlockte Moira. „Wir haben dich schon gesucht. Wir wollen zur Feier des Tages Essen gehen."

Sie hatten gute Laune, sie freuten sich und Alex würde ihnen diese Freude gleich rauben.

„Das ist sehr nett, aber ich muss ablehnen. Barry, Kathy, Moira, Polly, es gibt etwas, über das wir sprechen müssen", sagte Alex. „Wir sollten nach Hause fahren."

„Was ist denn los?", fragte Barry besorgt.

„Das werdet ihr gleich sehen."

Eine gewisse Wehmut erfasste Alex, als sie durch die Tür ins Haus der Burtons trat, in das Haus, das so viele Jahre ihr Zuhause gewesen war. Vermutlich war es schon in wenigen Stunden nicht mehr ihr Zuhause, wenn die Burtons die Wahrheit wussten. Die Kartons mit ihren Sachen, die sie nach dem Auszug aus dem Studentenwohnheim wieder mitgebracht hatte, waren im Flur gestapelt. Wenigstens hatte sie schon einen Teil ihrer Sachen gepackt, dachte sie.

„Gehen wir rüber ins Wohnzimmer", sagte Alex. „Ihr solltet euch setzen."

„Natalia, was ist hier los? Du bist so ernst. Ist irgendetwas passiert?", wollte Barry wissen.

„Mein Name ist nicht Natalia, Barry. Er ist es schon seit sehr vielen Jahren nicht mehr."

„Ich verstehe kein Wort", sagte Kathy.

„Ich bin Alex Wesker." Und so begann Alex zu erzählen.


Claire hatte sich in die Arbeit gestürzt. Sie hatte sich recht schnell in ihrem neuen Zuhause in Seattle eingelebt und steckte all ihre Energie und Zeit in die Arbeit. Ihre Chefin hatte nur Lob für sie.

„Ich wusste schon, warum wir Sie zu uns geholt haben", sagte sie Claire nach Abschluss einer erfolgreichen Medienkampagne. „Ich bereue es nicht, Sie eingestellt zu haben."

„Ich bin froh, dass ich das Angebot angenommen habe", versicherte Claire. Es stimmte schon, dass es ihr guttat, eine neue Aufgabe zu haben, und ihr machte die Arbeit auch wirklich Spaß, doch sie musste zugeben, dass ihr Interesse an der Stelle nicht der einzige Grund gewesen war, weswegen sie nach Seattle gezogen war. Sie war geflohen.

Auch wenn ihre Trennung bereits ein paar Monate zurücklag, hatte Claire Albert Wesker nicht vergessen. Mit der Arbeit versuchte sie zwanghaft ihn aus ihren Gedanken zu vertreiben, was ihr allerdings nur mäßig gelang. Er schlich sich immer und immer wieder in ihre Gedanken und manchmal sogar in ihre Träume. Die Zeit mit ihm war seit langem die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Sie war wieder lebendig, sie lebte wieder und konnte wieder Freude am Leben empfinden. Und seit langer Zeit hatte sie wieder aufrichtige Gefühle für einen Mann entwickelt. Sie hatte einen Mann getroffen, mit dem sie zusammen sein wollte, mit dem sie sich eine Zukunft vorstellen konnte. Doch genau dieser Mann hatte sie verlassen und ihr das Herz gebrochen.

Claire ertappte sich dabei, wie sie hin und wieder auf ihr Handy sah in der Hoffnung, Wesker hätte sich endlich gemeldet. Es war naiv anzunehmen, dass er sie anrufen oder wenigstens eine SMS schicken würde, doch sie wollte noch nicht aufgeben. Wenn sie nicht ihre Arbeit gehabt hätte, sie wäre sicher wieder in Depressionen verfallen.


„Du hast uns all die Jahre nur belogen", sagte Barry. „Du hast uns ausgenutzt." Kathy, Moira und Polly hatten das Wohnzimmer verlassen und Alex und Barry allein zurückgelassen.

„Das stimmt wohl", meinte Alex.

„Seit wann?"

„Seit Polly ausgezogen ist", erklärte Alex. „Der Treppensturz, als ich mir den Kopf verletzt habe, hat mein Bewusstsein an die Oberfläche gebracht und ich konnte Natalias Körper übernehmen."

„Ich verstehe." Barry schüttelte den Kopf. „Wir haben dir ein Zuhause gegeben, waren eine Familie für dich, du hast mit uns gegessen, du hattest hier ein Dach über dem Kopf und all die Jahre hast du uns nur benutzt."

„Am Anfang, Barry. Ich hatte meine Rache geplant. Ich wollte euch heimzahlen, euch allen, dir, Claire, Chris, allen, was ihr mir und Albert angetan habt. Ich wollte Rache, deshalb begann ich auch eine Beziehung mit Chris."

„Ich kann das nicht glauben."

„Ich habe meine Rachepläne aufgegeben", sagte Alex, „weil mir klar wurde, wie viel mir mein neues Leben bedeutet. Was ich durch euch bekommen habe. Ich habe die Zeit hier bei euch sehr genossen, Barry. Ich hatte in meinem alten Leben selbst nie eine Familie. Ich wusste nicht, was es bedeutet, Eltern zu haben, die für mich sorgen. Als ich das erkannt habe, wollte ich euch nicht mehr schaden. Und die Beziehung mit Chris, die für mich zu Beginn nur ein Mittel zum Zweck war, habe ich ebenfalls sehr geschätzt."

„Seid ihr noch zusammen?"

„Nein. Als ich ihm die Wahrheit erzählt habe, hat er unsere Beziehung beendet."

„Das heißt, du hast gerne bei uns gelebt?", fragte Barry. „Ich muss zugeben, dass ich ab und zu den Verdacht hatte, dass mit Natalia etwas nicht stimmt, aber ich hätte mir nicht mal im Traum vorstellen können, dass …"

„Ich weiß Barry, das ist schwer zu begreifen. Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, dass ich es tatsächlich geschafft habe, meinen Geist in einen neuen Körper zu bringen."

„Wie? Warum? Was hat dir Natalia getan?"

„Sie hat mir nichts getan. Sie war von unschätzbarem Wert, weil ihr Körper nicht auf den t-Phobos reagiert hat. Sie war der perfekte Wirt für mein Experiment. Ich habe die Angst bezwungen und wurde eine Göttin."

„Aber warum wolltest du das?", fragte Barry voller Unverständnis. „Wie kann man seinen eigenen Körper aufgeben wollen?"

„Weißt du, mein alter Körper hatte nicht mehr lange", sagte Alex. „Als ich die digitalisierte Form meines Bewusstseins auf Natalias Körper übertrug, war der Krebs bereits im Endstadium. Er war nicht mehr heilbar. Der Traum meines „Vaters" war immer die Unsterblichkeit gewesen. Seine sterbliche Hülle degenerierte immer weiter, doch er wollte der Wahrheit nicht ins Gesicht blicken. Dass alle Lebewesen sterben müssen, dass es keine Unsterblichkeit in der Biologie gibt. Die einzige Möglichkeit weiterzuleben, besteht darin, sich einen neuen Körper zu suchen. Ich habe viele Jahre für Spencer nach der Unsterblichkeit gesucht, weil ich an seine Vision glaubte, doch mein eigener Zustand führte mir vor Augen, dass ich auf diesem Weg niemals fündig werden würde."

„Du hattest Krebs?", fragte Barry.

Alex nickte. „Als der Krebs festgestellt wurde, war er bereits so weit fortgeschritten, dass eine Behandlung praktisch sinnlos gewesen wäre. Womöglich wäre ich sogar an der Behandlung gestorben. Es war nicht mal mehr zu erkennen, wo er genau ausgebrochen war – Milz, Galle, Bauchspeicheldrüse, irgendwo – so stark hatte er bereits gewuchert. Er war mein Todesurteil, das ich nicht akzeptiert habe."

„Man muss den Tod akzeptieren, wenn er kommt", meinte Barry. „Er gehört zum Leben dazu. Du hättest all diese Dinge nicht tun müssen."

„Hättest du Kathys Tod einfach so akzeptiert?"

„Bei Kathy war der Krebs heilbar, weil er rechtzeitig entdeckt wurde. Das ist etwas anderes, Alex. Wir hätten alles Erdenkliche versucht, aber wenn es passiert wäre, dann … dann wäre ich bis zum Ende bei ihr geblieben und hätte sie begleitet. Außerdem darf der Mensch nicht Gott spielen. Ich weiß, warum du weiterleben wolltest. Weil dir sonst bewusst geworden wäre, dass du allein bist. Dass du niemanden hast, dem du etwas wert bist. Dass du niemanden hast, der um deiner selbst willen bei dir ist. So eine Erkenntnis muss hart sein."

„Es gibt etwas, was ich dir noch erzählen wollte, Barry", fuhr Alex fort. „Ich war der unbekannte Gönner, der die Rechnungen für dich bezahlt hat."

„Du warst das?!"

„Es sollte ein kleines Dankeschön dafür sein, dass ihr euch um mich gekümmert habt", erklärte Alex. „Ich habe damals mitbekommen, in welch großer finanzieller Not ihr wart, weil du schon in Rente warst und Kathy nicht mehr arbeiten konnte. Ich wollte nicht, dass du dich zwischen dem Haus und Kathys Arztrechnungen entscheiden musst. Deshalb habe ich die Arztrechnungen beglichen und die Hypothek auf dein Haus abbezahlt."

„Das war … sehr nett von dir." Barry schien mit sich zu ringen. Er war hin und her gerissen zwischen der Dankbarkeit für Alex' Tat und seiner Abscheu, die er für die Wesker empfand.

„Da du jetzt die Wahrheit kennst, wie soll es jetzt weitergehen? Wenn du möchtest, dass ich gehe, dann werde ich das tun. Ich wollte jetzt nach dem Abschluss ohnehin in eine eigene Wohnung ziehen. Ich besitze sehr viele Immobilien, ich habe eine gute Auswahl. Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob ich hier in New York bleiben werde. Andererseits wäre ich gerne in der Nähe von Jake und Sherry und dem Baby."

„Ich möchte, dass du unser Haus verlässt", sagte Barry entschieden. „Ich kann nicht sagen, ob du hier je wieder willkommen sein wirst. Bitte geh."

Alex nickte. Damit hatte sie schon gerechnet. Zum zweiten Mal binnen weniger Monate hatte ihr jemand ins Gesicht gesagt, nichts mehr mit ihr zu tun haben zu wollen. Fortan, das wusste sie, war sie auf sich allein gestellt.


Claire hatte sich in die Arbeit gestürzt. Sie hatte sich schnell in ihren neuen Job eingefunden und verstand sich sehr gut mit ihren neuen Kollegen. Auch wenn sie kurze Zeit Zweifel gehabt hatte und das Jobangebot hatte ausschlagen wollen, war sie heute froh, dass sie doch zugesagt hatte. Sie war froh, Abstand von ihrem Bruder und New York gewonnen zu haben und endlich eine neue Aufgabe zu haben, die sie forderte und auslastete. Gleich nach ihrer Ankunft in Seattle hatte sie sich in einer Taekwondo-Schule angemeldet. Zweimal die Woche trainierte sie nun am Abend und mittlerweile hatte sie endlich ihren Schwarzgut erhalten.

Claire war jeden Morgen die erste im Büro und ging abends als letzte nach Hause. Wenn sie nicht trainierte, dann versuchte sie so oft wie möglich mit ihren Kollegen den Feierabend zu verbringen. Wenn sie nach Hause ging, ging sie sofort ins Bett. Sie wollte ständig beschäftigt sein, sie wollte keine freie Minute, die sie in Versuchung brachte, nachzudenken, weil sie Angst hatte. Sie hatte Angst vor den Gefühlen, die sonst hochkommen könnten. Sie wusste selbst, dass sie auf der Flucht war und irgendwann würde ihre Flucht ein plötzliches Ende nehmen und sei es, weil sie aus Erschöpfung nicht mehr weglaufen konnte.

Die leise Stimme in ihrem Hinterkopf hatte ihr die ganze Zeit zugeflüstert, vor was sie davonlief. Ein paar Wochen, nachdem sie ihre neue Stelle angetreten war, verabredete sie sich mit einem Kollegen aus einer anderen Abteilung. Sie hatte ihn in der Kantine kennengelernt. Sie fand ihn attraktiv und gutaussehend und sie verstanden sich auf Anhieb ausgezeichnet. Nach ein paar Dates nahm er sie mit in seine Wohnung. Claire sehnte sich nach Nähe und war bereit, den nächsten Schritt zu tun. Beinahe hätten sie die Nacht miteinander verbracht, doch Claire hatte kurz davor einen Rückzieher gemacht. Sie konnte sich nicht entspannen und war sowohl mit dem Kopf als auch mit dem Herzen ganz woanders. Sie entschuldigte sich mit der Ausrede, dass sie noch nicht über ihren Ex hinweg war. Er respektierte das, doch seitdem war Funkstille zwischen ihnen. Kürzlich sah Claire ihn mit einer anderen Frau. Irgendwann hatte er nicht mehr auf sie warten wollen und hatte sie hinter sich gelassen. Claire stand wieder allein da. Das Leben schritt an ihr vorbei und sie kam sich vor, als wäre sie in der Vergangenheit verhaftet.

Claire lief vor Albert Wesker davon, dem Mann, der ihr das Herz gebrochen hatte. Und dieser Mann besaß die Unverschämtheit, sich ständig in den unpassendsten Momenten in ihrem neuen Leben zu melden. Kein Mann würde sie jemals so anfassen wie Wesker, kein Mann konnte eine solche Leidenschaft in ihr entfachen wie Wesker, bei keinem Mann würde sie sich jemals so wohlfühlen wie bei Wesker. Sie konnte sich noch so oft vormachen, dass sie über ihn hinweg war, doch sie war es nicht.

Wenn sie in ihrer Taekwondo-Gruppe war, dann wurde sie jedes Mal daran erinnert, wem sie es zu verdanken hatte, dass sie so gut geworden war. Ihr Lehrer war sehr gut, doch er konnte ihr Wesker ebenfalls nicht ersetzen. Jedes Mal, wenn sie vor die Presse trat oder Interviews gab, wurde ihr bewusst, dass Wesker es gewesen war, der ihr wieder auf die Beine geholfen hatte, und der es geschafft hatte, ihr ihre Angst zu nehmen.

Der räumliche Abstand half zwar, doch der blonde Mann mit der Sonnenbrille schlich sich trotzdem ständig in ihre Gedanken und ihre Träume und oft fragte sie sich, wo er jetzt war und wie es ihm ging. Und natürlich was er vorhatte. Sie hoffte um seinetwillen inständig, dass er nicht auf alte Pfade zurückkehrte.


„Sind Sie sich sicher, Piers, dass Sie das tun wollen?", fragte Wesker.

Der junge Soldat nickte. „Ich bin mir sicher. Tun Sie es."

„Es gibt keine Garantie, dass es wirkt, und es könnte Nebenwirkungen haben."

„Damit werde ich schon fertig", meinte Piers zuversichtlich. „Habe ich eine Wahl? Ich muss mich auf Ihr Können verlassen."

„Vertrauen Sie mir denn, Mr. Nivans?"

„Nein, aber nachdem Sie Tag und Nacht hier im Labor zugebracht haben, gehe ich davon aus, dass Sie wissen, was Sie tun."

Ein paar Monate waren vergangen, Monate, in denen Wesker unermüdlich an einem Heilmittel für Piers geforscht hatte. Und nun war es endlich soweit. Das erste vielversprechende Mittel war fertiggestellt. Nachdem die Tests an Mäusen erfolgreich gewesen waren, hatte Piers sich bereit erklärt, das Mittel am eigenen Körper auszuprobieren. Wesker konnte die Ungeduld des B.S.A.A.-Soldaten nachvollziehen. Piers brannte förmlich darauf, endlich Weskers Kreation zu testen. Es war die Hoffnung, die ihn antrieb.

Wesker hingegen war nicht ganz so zuversichtlich wie Piers. Er hatte alles Erdenkliche unternommen, um die Mischung so wirksam wie möglich, aber so frei von Nebenwirkungen wie möglich zu gestalten, doch wie genau der Soldat darauf reagieren würde, das konnte auch er nicht mit Sicherheit sagen. Sofern überhaupt eine Wirkung eintrat.

Er hatte zwei Spritzen vorbereitet. Piers saß schon auf der Laborliege bereit. Er verzog das Gesicht, als Wesker ihn kurz nacheinander die beiden Injektionen gab.

„Wie genau wirkt das Zeug jetzt eigentlich?", fragte Piers.

„Die erste Spritze enthält ein Serum, ähnlich dem meinen, das Ihrem Körper hilft, den C-Virus unter Kontrolle zu bringen und die Mutation zurückzubilden."

„Und die zweite Spritze?"

„Die aktiviert den C-Virus, damit er anfängt zu arbeiten."

„Moment mal, was?!", fragte Piers entsetzt. „Wieso?!"

„Ganz einfach", sagte Wesker ruhig, „der C-Virus hat, genau wie der G-Virus, aus dem er gemacht wurde, die Fähigkeit, Gewebe zu regenerieren. Denken Sie an Sherrys Heilkräfte. Ich habe die Hoffnung, dass er Ihren Arm nachwachsen lässt."

„Wie bei einem Seestern?", fragte Piers ungläubig.

Wesker grinste. „So in etwa, ja."

„Wann wird die Wirkung einsetzen?"

„Das weiß ich leider nicht. Sofern denn überhaupt eine Wirkung einsetzt. Hoffen Sie auf das Beste, Piers."

Wesker schloss den Soldaten an die Maschinen im Labor an, um seine Vitalwerte überwachen zu können.

„Sagen Sie mal, Wesker", sagte Piers ernst, „Sie haben die letzten Monate doch nicht nur an dem Heilmittel für mich geforscht, oder? Sie haben auch noch ein anderes Projekt."

„Ihrem Scharfsinn entgeht nichts, nicht wahr, Piers?", meinte Wesker nur amüsiert. „Es sind sogar zwei Projekte."

„Ich vermute mal, Sie haben versucht, einen Weg zu finden, wie Sie Ihre Kräfte zurückbekommen."

„Ganz recht", sagte Wesker.

„Hatten Sie Erfolg?"

Wesker verneinte nur mit einem Kopfschütteln. Er wollte nicht näher auf seine frustrierenden Fehlschläge eingehen. Je weniger Piers von seinen Experimenten wusste, desto besser.

„Und was ist das zweite Projekt?", wollte Piers wissen.

Wesker lachte leise auf. Mit seinem zweiten Projekt hatte er aus einer Laune heraus vor ein paar Monaten begonnen, weil er einfach neugierig gewesen war, wie weit er kommen würde. Er war noch mitten in seinen Untersuchungen und konnte noch nicht viel sagen, aber er hatte zumindest ein besseres Gefühl als bei der Suche nach neuen Kräften. Er war sich nicht sicher, ob er Piers einweihen sollte.

„Verraten Sie mir, an was Sie noch arbeiten?"

Wesker überlegte kurz, dann sagte er: „Ich habe den R-Virus genau analysiert und … Es wäre möglich, dass es mir vielleicht gelingt, ein Gegenmittel herzustellen. Ich stehe noch am Anfang, aber … Es sieht vielversprechend aus."

„Das ist doch großartig!", meinte Piers. „Wenn das wahr ist, dann müssen Chris und die anderen davon erfahren!"

„Auf keinen Fall", sagte Wesker entschieden. Für ihn war das Thema erledigt. „Legen Sie sich hin und versuchen Sie etwas zu schlafen. Ihr Körper wird früher oder später anfangen zu arbeiten. Unter Umständen könnte er sehr heftig reagieren. Rufen Sie mich, wenn Sie etwas brauchen. Ich arbeite nebenan."

Wesker wollte ins Nebenzimmer gehen, als Piers ihn zurückhielt: „Warten Sie, Wesker. Sie waren doch vor kurzem unterwegs, oder?"

„Und ich werde bald wieder verreisen", sagte Wesker. „Aber erst, wenn es Ihnen besser geht."

„Was haben Sie gemacht? Haben Sie etwas rausgefunden?"

„Ich bin nicht sicher. Ruhen Sie sich aus, wir reden morgen."

Die folgenden 19 Stunden sollten nun über die Zukunft des Soldaten Piers Nivans entscheiden.


Alex war allein. Sie hatte niemanden mehr und auch keine Aufgabe mehr, der sie sich widmen konnte. Nach ihrem Geständnis hatte sie keine Familie mehr. Ihr Bruder war gegangen. Ihre Beziehung hatte sie verlassen und da Jake und Sherry mit dem Baby nach Washington zurückgezogen waren, gab es auch niemanden mehr, um den sie sich kümmern konnte und der sie sehen wollte. Sie hatte keinen Grund mehr gesehen, sich noch länger bei der B.S.A.A. aufzuhalten.

Sie hatte ihre Sachen gepackt und war in eines ihrer Penthäuser gezogen, wo sie sich nun ihren eigenen Plänen widmete. Nun da sie ihr Studium beendet hatte und nicht mehr für die B.S.A.A. arbeitete, hatte sie ungewohnt viel freie Zeit, aber Alex war froh darum. Sie genoss es ungemein, sich einmal um nichts Gedanken machen zu müssen. Die Wohnung war viel zu groß für ihre wenigen Habseligkeiten, sodass die meisten Räume leer blieben und sie die ersten Wochen nicht einmal einen Stuhl und einen Esstisch hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie sich Möbel kaufte. Als ihre Wohnung eingerichtet hatte, kaufte sie sich ein Auto. Zum ersten Mal in ihrem Leben legte sie sich ein Haustier zu. Sie war nun stolze Katzenbesitzerin. Nachdem sie sich ein normales Leben geschaffen hatte, widmete sie sich ihrer beruflichen Zukunft.

Schon seit längerer Zeit bastelte sie an einer Geschäftsidee. Sie wollte sich der eigentlichen, ursprünglichen Aufgabe von Umbrella widmen, nämlich der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen. Natürlich konnte sie allein keinen Pharmakonzern aufbauen, aber sie konnte zumindest die ersten Grundlagen schaffen. Sie wünschte sich, dass Albert in ihr Geschäft einstieg, doch sie hatte von ihrem Bruder seit Monaten nichts gehört und im Moment war es nicht einmal sicher, ob sie ihn jemals wiedersehen würde.

Wenn sie nicht mit ihrer Firma beschäftigt war, dann schrieb sie an einem Buch, für das ihr vor kurzem die Idee gekommen war. Mit einer schnurrenden Katze auf ihrem Schreibtisch neben sich tippte sie auf ihrem Laptop an ihrer Biografie und der Geschichte des Wesker-Kinder-Projektes. Sie strebte keine Veröffentlichung an, sondern schrieb einfach nur die wichtigsten Momente ihres alten Lebens auf, um ihre Vergangenheit zu ordnen. Vielleicht half ihr das, mit weniger Last in ihre Zukunft zu schreiten.


Chris hatte sich noch nie in seinem Leben so allein und verlassen und machtlos gefühlt.

Er hatte seine Freundin, mit der er sich eine Zukunft aufbauen wollte, verloren. Er hatte erkennen müssen, dass er zwei Jahre seines Leben einer Lüge gewidmet hatte. Seine Arbeit für eine bessere Welt ohne Bioterrorismus war durch Albert Weskers Rückkehr in Frage gestellt worden. Über Piers' Rückkehr hatte er sich nur kurzzeitig freuen können, denn sein ehemaliger Partner hatte sich mit dem Feind, Wesker, verbrüdert und war gegangen.

Seine Freundschaft mit Barry war nun mehr als unterkühlt, seit Alex ihrem Adoptivvater die Wahrheit über sich erzählt hatte, denn Barry machte Chris Vorwürfe, dass dieser nicht erkannte hatte, mit wem er sich eingelassen hatte, und außerdem war Barry wütend auf Chris, weil er nicht gewusst hatte, dass seine Adoptivtochter mit seinem besten Freund, einem Mann, der mehr als doppelt so alt wie sie war, eine Affäre begonnen hatte.

Zwischen Claire und Chris herrschte auch so etwas wie Funkstille, seit sie nach Seattle gezogen war. Er sah sie manchmal im Fernsehen und fand, dass sie ihren Job richtig gut machte. Dass seine eigene Schwester eine Beziehung mit Albert Wesker gehabt hatte, hatte die Beziehung der beiden Geschwister schwer belastet.

Chris kam sehr schwer mit der Vorstellung zurecht, dass seine Schwester Gefühle für Wesker haben sollte. Und er konnte nicht glauben, dass Wesker sich verändert haben und gute Absichten mit Claire haben sollte. Er sperrte sich gegen diese Gedanken.

Wenn er mit Jill und Rebecca zu tun hatte, dann spürte er, dass sich auch ihr Verhältnis merklich verändert hatte.

Niemand, der von seinem Geheimnis erfahren hatte, behandelte ihn noch wie früher, bevor er seine Beziehung mit Natalia begonnen hatte.

Sein Lebensmittelpunkt war die Arbeit, auch wenn er viel davon bevorzugt in der Abgeschiedenheit seines Büros oder der Einsamkeit seiner Wohnung erledigte, nur um ja niemandem über den Weg laufen zu müssen.

Er recherchierte viel und schrieb einen ganzen Block voll mit Notizen, Überlegungen, Hypothesen. Er sammelte alles, was er finden konnte über die Familie, Gallaghan Industries, Amanda und Raphael. Er ging alle Geschichten nochmal systematisch nach Unstimmigkeit und Hinweisen durch. Er stellte ein paar Vermutungen darüber an, was Raphael unternehmen und wo er zuschlagen wollte, doch jede neue war unsinniger und aberwitziger als die davor.

Er beobachtete die Suche nach Raphael genau, doch Simmons' Sohn zog es nun vor, im Dunkeln zu operieren. Was Chris ohnehin mehr interessierte, war die Suche nach Piers, so erfolglos sie auch war. Weder Wesker noch Piers hatten sich seit ihrer Flucht vor ein paar Monaten irgendwo in der Öffentlichkeit gezeigt. Wie Wesker sich so unter dem Radar bewegen konnte, war Chris ein Rätsel, doch das bestätigte immerhin seinen ursprünglichen Verdacht, dass jemand seinem Ex-Captain geholfen hatte. Einmal dachte er, Wesker auf einer Überwachungskamera eines Flughafens gesehen zu haben, doch er war sich nicht sicher. Der Mann trug keine Sonnenbrille und hatte dunkle Haare und war noch dazu in der Menschenmenge nicht gut zu erkennen. Sein Vorgesetzter O'Brian überzeugte ihn, dass Wesker sicher nicht riskieren würde, ins Ausland zu reisen und Chris wollte ihm glauben.

Er konnte seine Sorge um Piers, aber auch seine Wut auf Wesker nicht abstellen und die Hilflosigkeit machte ihn wahnsinnig. Er wusste genau, dass etwas bevorstand, er spürte es, doch er konnte nichts tun. O'Brian wiegelte immer wieder ab.

„Chris, es bringt nicht, sich verrückt zu machen. Wir tun alles, um Raphael, Wesker und Piers zu finden, aber schlussendlich können auch wir nur warten."

Warten, das war das einzige, was Chris geblieben war. In Gedanken war er bei Piers, Alex, seiner Schwester und Wesker.


Sherry war erleichtert, als sie endlich in ihre eigenen vier Wände nach Washington zurückkehren durfte. Sie hatte ihr Zuhause die letzten Monate wahnsinnig vermisst und freute sich schon auf ihr eigenes Bett und ihr eigenes Badezimmer. Jake wollte sich etwas eigenes suchen oder in eine Hotel ziehen, doch Sherry hatte auf diesen Vorschlag nur die Augen verdreht und den Kopf geschüttelt.

„Natürlich ziehst du zu mir!", hatte sie ihm eröffnet. „Wir sind jetzt Eltern und unser Kind braucht seinen Vater!"

Ihr Verhältnis war immer noch angeschlagen und Sherry hatte Jake immer noch nicht verziehen, aber sie war bereit für einen Neuanfang und wollte versöhnend auf Jake zugehen.

Das Leben als frischgebackene Mutter war nicht leicht für Sherry. Sie musste in ihre Aufgabe erst hineinwachsen und noch viele lernen. B.O.W.s zu bekämpfen war durchaus leichter, als Mutter zu sein, fand Sherry. Wenn sie einem Monster gegenüberstand hatte sie nicht ständig das Gefühl, etwas falsch zu machen, was bei ihrem Baby ganz anders war.

Jake war rührend. Wo er nur konnte, half er ihr mit Füttern und Windelwechseln und stand sogar nachts auf, um ihrer kleinen das Fläschchen zu geben, wenn Sherry zu erschöpft war.

Dankbar war sie auch für Rebecca Chambers und Ingrid Hunnigan, die beide bereits größere Kinder hatten und ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen konnten. Ohne ihre Hilfe wäre sie manchmal aufgeschmissen gewesen. Alex meldete sich oft telefonisch. Sie verstand zwar überhaupt nichts von Babysachen, dafür war es schön zu wissen, dass Familie da war, mit der man auch über andere Themen sprechen konnte. Alex bot an, Magdalena-Sophia zu untersuchen, um zu sehen, wie sich der G-Virus und der C-Virus auf sie auswirkten. Alex versprach auch, auf einen Besuch vorbeizukommen und Jake und Sherry finanziell zu unterstützen, solange Jake noch keine Arbeitsstelle hatte.

Auch wenn Sherry Alex' Hilfe wirklich zu schätzen wusste, so sehnte sie sich freilich nach jemand anderem. Und sie wusste, dass Jake genauso empfand.

„Was glaubst du, Sherry, wo mein Dad ist?", fragte Jake eines Abends, als sie bei Kerzenlicht zusammen im Wohnzimmer saßen. Ihre Tochter schlief nebenan in ihrem Kinderzimmer. „Ob es ihm gutgeht?"

„Bestimmt, Jake", meinte Sherry zuversichtlich. „Er könnte überall sein. Er wird sich gut verstecken."

„Ob er irgendwas ausheckt?"

„Das glaube ich nicht. Dein Vater ist jetzt anders. Er hat sich sehr verändert, er wird nichts Schlimmes machen."

„Bist du dir sicher?", fragte Jake skeptisch.

„Völlig sicher. Und Piers ist bei ihm. Der hält ihn davon ab, etwas Böses zu tun. Mach dir keine Sorgen, Jake", versicherte Sherry. „Dein Dad wird zurückkommen und ihr werdet euch kennenlernen."

Jake sah nachdenklich in die Ferne. Ich hab Angst davor, Sherry. Weißt du, ich bin zurückgekommen, um mich ihm zu stellen, aber ich fürchte, der Mut hat mich verlasen. Ich weißt nicht, was ich ihm sagen soll, ich weiß nicht, wie ich ihm gegenübertreten soll. Ich hab echt Angst vor unserer ersten Begegnung. Was, wenn er mich nicht mag? Was, wenn ich ihn nicht mag, Sherry? Meinen eigenen Dad. Mein ganzes Leben lang habe ich ihn gehasst. Wie kann sich das ändern?"

„Hasse deinen Dad nicht, Jake", sagte Sherry. „Ich bin mir sicher, er liebt dich und eines Tages werdet ihr zueinanderfinden."

„Das hat Mum mir auch gesagt", sagte Jake. „Ich hab's nie geglaubt."

„Jake, deine Mum hatte Recht. Hasse Wesker nicht. Er ist dein Vater, er ist ein Teil von dir und er ist auch ein Teil unserer Tochter. Er ist deine, nein, unsere Familie. Sei dankbar für ihn. Meine Familie ist …" Sherry schluckte und unterdrückte ihre Tränen. „Wesker war die letzten Monate, bevor er ging, so lieb zu mir. Er hat sich rührend um mich gekümmert, als du nicht da warst. Er war ein bisschen der Ersatz für dich. Er ist auch meine Familie geworden. Wenn schon mein eigener Dad nicht hier sein kann, so war es doch zumindest Wesker."

„Er hat dich gern. Du hast ihn gern, oder?", fragte Jake und auf seinem Gesicht konnte Sherry ablesen, dass ihn sehr viele Gefühle auf einmal übermannten – Bewunderung und Neid, aber auch Unverständnis.

„Früher habe ich ihn nur als Monster gesehen", erklärte Sherry, „doch vergangenes Jahr habe ich gelernt, dass mehr in ihm steckt, Jake. Er hat auch eine andere Seite. In seinem Herz ist auch Platz für andere Menschen. Er hat sich immer schwer damit getan, Nähe zuzulassen, weil sein Leben nicht leicht war. Aber tief in ihm drin, das weiß ich, ist er ein guter Mensch. Wenn er hier ist, dann sind wir komplett."

Jake sah sie an und lächelte. Er hatte die Anspielung verstanden. Er beugte sich zu Sherry und küsste sie.


Die vergangenen sechs Monate waren die Ruhe vor dem Sturm. Alle wussten, dass etwas auf sie zukam. Der Zeitpunkt, wann es passieren würde, lag im Ungewissen, doch sie alle spürten, wie die Katastrophe langsam immer näher rückte.

Am 15. März 2024 schlug Raphael Simmons zu und die Welt versank im Chaos.