18. Dezember: Keine Schlangen!

„Du hättest wirklich nicht mitkommen müssen, Dad", seufzte Scorpius, als er die Tür zu Madam Malkins aufstieß. „Du bist doch schon seit Ewigkeiten nicht mehr mitgekommen, wenn ich einen neuen Festumhang brauche." Und er brauchte jedes Jahr einen neuen, weil seine Großeltern darauf bestanden hatten, dass es unschicklich für einen Malfoy war, Sachen vom Vorjahr aufzutragen. Deshalb hatte er in einem ihrer Kleiderschränke eine Reihe von identisch aussehenden Festumhängen hängen. Merlin sei Dank war Hermine einmal vorbeigekommen und hatte ihn vergrößert, sonst wüsste er gar nicht, wohin mit dem Zeug. Sollte er wirklich enterbt werden, wie sein Großvater gedroht hatte, konnte er die endlich guten Gewissens dem Second Hand Laden spenden. Die Dinger waren so gut wie neu und nur einmal getragen.

„Wenn deine Mutter Rose dabei helfen durfte, ihr Kleid auszusuchen, will ich dir auch helfen. Wir dürfen ja sonst nichts machen", erwiderte sein Vater stur das Mantra, das er seit zwei Wochen runterbetete, wenn er mit Scorpius sprach.

„Ein Brautkleid ist doch ganz was anderes als ein Festumhang", widersprach Scorpius. „Keiner wird auf mich schauen, es geht doch nur um die Braut." Rose würde wunderschön sein, daran hatte Scorpius keinen Zweifel. Sie war immer wunderschön. Aber dieses Mal besonders. Seine Mutter war ganz begeistert von ihrem Kleid gewesen und sogar Rose hatte enthusiastisch geklungen, als sie ihm vor einem Monat davon erzählt hatte.

„So stimmt das nicht. Du bist unser Sohn und wir werden nur auf dich starren", versprach sein Vater grinsend.

Scorpius seufzte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er trat zum Tresen. „Hallo. Scorpius Malfoy. Ich habe einen Termin für einen Festumhang? Für die Malfoy/Weasley Hochzeit?"

Die Frau strahlte ihn an. „Ja, natürlich. Wenn Sie sich schon mal auf das Podest da stellen, es kommt gleich jemand, um alles abzustecken." Sie führte Scorpius und seinen Vater in eine abgeschiedene Ecke und deutete auf das Podium. Im Laden herrschte gähnende Leere, wie Scorpius gehofft hatte, als er einen Termin unter der Woche am Vormittag gemacht hatte. Er hasste es sowieso, neue Umhänge zu kriegen und war froh, wenn das Publikum so gering wie möglich gehalten wurde. Schlimm genug, dass sein Vater darauf bestanden hatte, ihn zu begleiten. Er hatte gehofft, dass Al mitkommen konnte, deshalb hatte er den Termin so lange wie möglich hinausgezögert, aber die Hochzeit war in zwei Wochen, Al hing noch auf seiner Ausgrabungsstätte fest und Rose würde ihn umbringen, wenn er den Umhang nicht hatte. Gut, wahrscheinlich wäre Rose auch damit zufrieden, dass er seinen neuesten Festumhang trug, aber seine Mutter würde ihn das nie vergessen lassen. „Das ist deine Hochzeit, Scorpius! Wenn alles gut geht, die einzige, die du je haben wirst. Willst du Rose wirklich zeigen, dass dir der Tag so wenig bedeutet, dass du nicht mal einen Umhang speziell für diesen Anlass tragen willst?" Rose wusste ganz genau, wie wichtig ihm dieser Tag war, aber seine Mutter hatte Recht, es sendete wirklich die falsche Botschaft.

Scorpius stieg auf das Podium und sofort kam ein Maßband angeflogen und wuselte um seinen Körper herum, während ein Pergament neben ihm in der Luft schwebte und seine Maße notierte. Er hasste dieses Zeug, aber er war oft genug hier gewesen, dass er mit dem Prozess vertraut war. Sein Vater hatte sich währenddessen in einem bereitstehenden Sessel niedergelassen, zurückgelehnt und schaute seinem Sohn genüsslich dabei zu, wie er litt.

„Was waren nochmal die Farben Ihrer Hochzeit?", fragte die Mitarbeiterin, bevor sie sie alleinließ.

„Gold und grün", erwiderte Scorpius und zuckte zusammen, als sich das Maßband um seinen Hals wickelte. Das war immer der schlimmste Moment. „Und es sollte zum Kleid meiner Verlobten passen, das hab ich ja schon gesagt."

Die Frau nickte. „Natürlich. Das haben wir ja auch noch hier für ein paar letzte Änderungen. Bräute nehmen häufig wegen dem Stress in den letzten Wochen vor der Hochzeit ab."

„Ich weiß", erwiderte Scorpius. Deshalb holte Rose das Kleid auch erst zwei Tage vor der Hochzeit ab.

Die Mitarbeiterin lächelte ihnen zu und eilte dann zurück zum Tresen, als sie sah, dass eine ältere Dame den Laden betreten hatte.

„Ist sie denn so im Stress?", fragte Scorpius Vater stirnrunzelnd. „Ich dachte, dass Weasleys Mutter praktisch alles organisiert."

„Sie hat diese Woche Prüfungen, sie lernt nonstop. Letztes Jahr hat sie vor den Prüfungen schon kaum geschlafen, dieses Jahr ist es nicht besser." Rose war schon bei den UTZen völlig durchgedreht und die waren mit diesen Prüfungen überhaupt nicht zu vergleichen.

„Wäre es dann nicht besser, die Hochzeit später zu haben?", fragte sein Vater besorgt. „Ist ja nicht so, als ob eure Location ausgebucht ist." Der Fuchsbau stand ihnen das ganze Jahr zur Verfügung, das stimmte.

„Wir wollen, dass Al dabei ist und alle aus Hogwarts. Al hat kein so großes Zeitfenster offen und Lily wird bald im Tagespropheten eingespannt sein. Und Ginny muss dann bald zur Quidditch-WM für den Tagespropheten und das schien einfach wie der beste Zeitpunkt. Ganz zu schweigen davon, dass nach den Prüfungen alle Ausbildungsheiler zwei Wochen frei haben und sowieso Party machen wollen." Es war wirklich nicht einfach gewesen, einen Termin zu finden, der wirklich für alle passte. Ein paar Momente war er versucht gewesen, doch noch mit Rose durchzubrennen, aber das konnte er dem Rest der Familie nicht antun, besonders, nachdem Molly schon so viel Arbeit reingesteckt hatte. Und er wollte ja, dass alle dabei waren.

„So, da bin ich, entschuldigen Sie, dass Sie warten mussten", sagte eine ältere Mitarbeiterin von Madam Malkins, die plötzlich vor ihnen aufgetaucht war. Das Maßband flog ihr in die Hand und sie pflückte das Pergament mit seinen Maßen aus der Luft. „Ich hab noch letzte Änderungen am Kleid Ihrer Verlobten vorgenommen, ich mach das immer gerne, bevor ich mich um den Bräutigam kümmere, damit auch alles zusammenpasst." Sie strahlte Scorpius und seinen Vater ab, der tiefer in seinem Sessel versank und unverbindlich nickte. Die Frau hatte aber auch sehr viel Energie für diese Uhrzeit. Ehe Scorpius es sich versah, hatte sich ein schwarzer Stoff um ihn gelegt und die Mitarbeiterin begann, ihn mit Stecknadeln zu bearbeiten. „Ihre Farben waren gold und grün, nicht wahr?"

„Mhm", murmelte Scorpius und biss sich auf die Lippe, als sie ihn mit der Stecknadel in die Wade stach.

„Eine etwas ungewöhnlichere Kombination, die haben wir hier nicht häufig", sagte sie interessiert.

„Wir wollten was von beiden Häusern, aber weil so viele in der Familie meiner Verlobten rote Haare haben, dachten wir gold ist besser." Und die Farben hatten überraschend gut zusammengepasst, zumindest bei der Deko, die Roses Großmutter ihnen gezeigt hatte.

Scorpius' Vater schnaubte und Scorpius warf ihm einen finsteren Blick zu.

„Sollen wir irgendwo in dem Umhang Schlangen einarbeiten? Für Slytherin? Vielen gefällt das sehr gut."

„Nein, bloß nicht!", rief Scorpius sofort entschieden.

Sein Vater lachte lauthals und die Mitarbeiterin schaute verwirrt zwischen beiden hin und her. „Er hasst Schlangen", sagte Scorpius' Vater schließlich grinsend. Scorpius' Angst vor Schlangen hatte ihn jahrelang amüsiert. Aber es war zumindest zum Teil auch seine Schuld. Wer hatte Scorpius als kleiner Junge erzählt, dass er zugesehen hatte, wie eine Riesenschlange einen Menschen verspeiste? Dazu kam noch Al, der ihm erzählt hatte, wie sein Vater einmal gegen einen Basilik angetreten war und Roses Mutter, die von diesem Basilisken beinahe ermordet und für Wochen versteinert worden war und Scorpius war glücklich, wenn er für den Rest seines Lebens keine Schlange zu Gesicht bekam. Ein weiterer Grund, warum er das Haus seiner Großeltern verachtete. Da waren überall Schlangen in die Einrichtung eingearbeitet. Merlin sei Dank waren die Weasleys nicht ganz so exzentrisch mit Gryffindor und im Fuchsbau war nicht ein Haufen Löwen verteilt.

Die Mitarbeiterin lachte. „Wie amüsant."

„Ja, sehr", sagte Scorpius missmutig. „Also bitte keine Schlangen. Wenn sie irgendwo gold oder grün unterbringen, reicht das völlig." Das wäre sein schlimmster Albtraum, im Beisein von diesen vermaledeiten Slytherin-Schlangen zu heiraten. Das schlimmste Wappentier von allen Häusern. Aber wen wunderte es bei einem Gründer, der dachte, der beste Ort für junge Schüler war unter einem düsteren See in einem zugigen feuchten Kerker. Und der zur Sicherheit ein lebensgefährliches Tier im Schloss versteckte, um zu passender Gelegenheit alle Muggelgeborenen umzubringen. Zu aller Gefahr war das auch noch Tierquälerei.

„Keine Sorge, es werden keine Schlangen vorkommen, weder bei Ihnen noch bei Ihrer Verlobten", versprach die Mitarbeiterin beruhigend. Prüfend ging sie um Scorpius herum und schwang dann ihren Zauberstab.

„Wären an dem Kleid sonst Schlangen gewesen?", rief Scorpius entsetzt. Rose hatte nicht diese Abneigung gegen Schlangen, die Scorpius hatte (was ihn ehrlich gesagt wunderte, schließlich war es ihre Mutter gewesen, die diesem Vieh beinahe zum Opfer gefallen war), aber sie war jetzt auch nicht gerade ein Fan. Und sie würde nie etwas tragen, von dem sie wusste, dass er es hasste.

„Nein, nein. Schlangen an einem Brautkleid sind schrecklich geschmacklos", erwiderte die Mitarbeiterin und wirbelte die Stoffbahnen um Scorpius herum. Scorpius lachte jetzt doch etwas belustigt, denn er konnte sich erinnern, dass auf dem Brautkleid seiner Großmutter eine riesige silbrig-grüne Schlange gewesen war. Seine Mutter hatte große Mühe gehabt, die Schlange von dem Kleid zu schaffen.

„Es kommt auf die Präsentation an, denke ich", versuchte sein Vater seine Mutter halbherzig zu verteidigen. Aber Scorpius konnte er nichts vormachen, seine Mutter hatte ihm oft genug erzählt, wie erleichtert er gewesen war, dass er keine Frau hatte heiraten müssen, auf deren Kleid sich eine Riesenschlange räkelte.

„Auf einer Kostümparty vielleicht", erwiderte die Mitarbeiterin. „Ich meine, wir können so ziemlich alles machen, wenn es gewünscht ist, und wenn aufwendigere Stickereien gewünscht sind, dann fügen sich Schlangen manchmal ganz hübsch ein, aber das Kleid Ihrer Verlobten ist ziemlich schlicht, da hätte es nicht gepasst. Und Sie wollen wohl auch nichts aufwendiges?"

Scorpius schüttelte den Kopf. „Ich hab genug Festumhänge, die Slytherin Tribut zollen. Wenn sie sich mehr auf das gold konzentrieren, hab ich nichts dagegen."

„Nein, das passt wunderbar." Sie wedelte erneut mit dem Zauberstab durch die Luft und einen Moment später war der Stoff über seinen Kopf geflogen. „Ich hab ein paar Entwürfe vorbereitet, da wird hoffentlich was passendes dabei sein." Sie drückte ihm einen ganzen Stapel Pergamente in die Hand. Auf allen waren Entwürfe abgebildet, die Scorpius' Meinung nach alle gleich aussahen. Hilflos hielt er sie seinem Vater hin, der sie interessiert durchblätterte.

„Das sieht ja schon mal nicht schlecht aus", sagte er nach einer Weile. Einen ließ er abwertend auf den Boden fallen. „Der hier geht gar nicht, der passt nicht zu dir. Und der ist zu altmodisch. Es ist Mai, der wird viel zu warm sein. Und der hier ist zu extravagant, das wäre nichts für dich." Nachdem er zu jedem einzelnen Entwurf einen Kommentar abgegeben hatte, hielt er schließlich ein einziges Pergament triumphierend in die Luft. „Der ist exzellent!"

Scorpius warf einen Blick drauf und zuckte mit den Schultern. Er sah keinen Unterschied zu den anderen. Aber seinem Vater gefiel es und es war definitiv nicht so schrecklich wie manche von den Festumhängen, die ihm im Laufe der Zeit aufgezwungen worden waren. Ihm war letzten Endes egal, was er trug, solange er Rose darin heiraten konnte. Und solange es keine Schlangen hatte.

TBC…