Planet Belkadan im Äußeren Rand, Forschungsstation ExGal4 – drei Tage vor Invasionsbeginn
Danni Quee hatte den Westturm des ExGal-4-Forschungsprojekts erklommen. Seit zehn Minuten hatte sie Feierabend und wollte die Zeit nutzen, um still dem Sonnenuntergang zuzuschauen. Sie liebte die Rosa- und später Rottöne, die der Himmel ihrer derzeitigen Wahlheimat annahm, bevor die dunkelrote Scheibe der Sonne Belkadans am Horizont unterging. Aber dieses wiederkehrende Ritual war seit etwa einem Monat verändert. Zunächst hatte sie sich gefragt, ob die Veränderung schon immer dagewesen war oder ob sie sich die neu hinzugekommenen Orange- und Grünnoten am Himmel nur einbildete. Aber es gab Fotos – Fotos, die sie selbst in den drei Jahren geschossen hatte, seit sie hier auf den vierten Außenposten der ExGal Forschungsgesellschaft auf Belkadan gekommen war. Da waren die Sonnenuntergänge eindeutig nur rosa und rot gewesen. Zuerst war das Orange dazugekommen – zunächst als schmaler, kaum wahrnehmbarer Streifen am Horizont. Dann war das Orange breiter geworden und seit zwei Tagen hatte sich unterhalb davon eine grüne Zackenlinie dazugesellt.
Danni war schon immer begeisterte Hobby-Astronomin gewesen. Vor sechs Jahren war sie im zarten Alter von fünfzehn Jahren der ExGal-Forschungsgesellschaft beigetreten, die auch ihr späteres Studium auf ihrem Heimatplaneten Commenor finanziert hatte. Nur ungern hatten die gutsituierten Beamteneltern sie damals vor drei Jahren nach Belkadan ziehen lassen, aber die junge Frau hatte diesen Schritt niemals bereut. Immerhin konnte sie in regelmäßigen Urläuben nach Hause fliegen. Daheim auf Commenor musste sie sich des öfteren Sprüche wie „Dort draußen ist sowieso nichts" oder „Das Universum ist so groß. Wieso sollten Leute aus anderen Galaxien ausgerechnet zu uns kommen?" anhören. Am meisten nervten Danni die diskreten Anfragen ihres Vaters, wann sie denn endlich eine „richtige" Stelle an Land ziehen würde. Für Danni jedoch hatte sich mit der Berufung nach Belkadan ein Traum erfüllt – zumindest der Anfang davon. Die Kollegen hier auf ExGal4 waren in Ordnung und akzeptierten ihre junge Chefin, die häufig als Letzte die Laborräume verließ. Jetzt fehlte Danni Quee nur noch eines zu ihrem Glück – eine bahnbrechende Entdeckung, die ihren Namen bis in alle Ewigkeit in den Annalen der Astronomieforschung dieser Galaxis festschreiben würde.
Manchmal hatte sie das Gefühl, damit alleine zu sein. Viele ihrer Kollegen betrachteten die Arbeit hier auf Belkadan eher als Durchgangsstation, bis irgendwo im reichen, saturierten Kern der Galaxis in einem renommierten Institut ein gut dotierter Posten für sie frei wurde. Manchmal stellte Danni sich vor, wie es wäre, solch eine gut bezahlte Stelle anzutreten, eine Familie zu gründen, worüber sich ihre Eltern mehr als freuen würden. Sie würde mit dem Mann ihrer Träume vielleicht ein, zwei Kinder haben … aber erst, nachdem sie ihre bahnbrechende Entdeckung hingelegt hatte. Sicherlich gab es irgendwo da draußen noch Leben. Sie hatte bereits vor ihrem Studium am Astrophysikalischen Institut von Munto auf Commenor gewusst, dass es nicht nur eine Galaxis gab. Seit dieser frühen Zeit hatte Danni Quee die Frage umgetrieben, ob es auch dort Leben, womöglich sogar intelligentes Leben, gab – und ob eine Möglichkeit bestünde, sich mit solcher außergalaktischer Intelligenz bekanntzumachen.
Danni Quee überlegte, ob eine Bekanntschaft mit einer extragalaktischen Kultur sie irgendwann genauso ermüden würde wie all die Annäherungsversuche der Männer auf der Forschungsstation. Eigentlich konnte sie es ihren Kollegen gar nicht mal übelnehmen. Sie war eine von nur vier Frauen der insgesamt fünfzehn Mann starken Besatzung von ExGal4. Sie alle waren junge Leute und warum sollten bei dem einen oder der anderen nicht auch mal die Hormone überschießen? Aber warum kapierten manche Männer einfach nicht, dass sie kein Interesse an ihnen hatte? Nicht, dass sie körperlich zudringlich wurden. Aber Danni spürte den Wunsch, hörte die Absicht hinter vermeintlich harmlosen Komplimenten. Anfangs hatte sie sich eingeredet, sich das alles nur einzubilden – nur um mehr Ruhe zu haben. Es hatte nicht funktioniert.
Danni Quee ließ einen leisen Seufzer fahren und wünschte, sie hätte ein so dickes Fell wie ihre Kollegin Tee-ubo. Die grüne Twi'lek genoss all die Komplimente, badete förmlich darin und ging oft mit dem einen oder anderen Mann aus. Hin und wieder warf sie dann ihren Kopf in den Nacken, so dass die beiden Lekku anmutig durch die Luft schwangen – und dann sagte sie so etwas Hinreißendes, dass ihr keiner böse sein konnte, es den Verehrer aber doch irgendwie beschwichtigte und Tee-ubo eine Pause gewährte. Während Danni in die rote, nun nur noch halbe Scheibe des untergehenden Sterns Belkadans starrte, wollte ihr partout keiner dieser netten Sprüche Tee-ubos einfallen. In derartig zweideutigen Situationen wich sie für gewöhnlich auf ein sachliches, arbeitsbezogenes Thema aus und … kam sich dann richtig ungeschickt vor, keine galante und dabei superschlaue Erwiderung parat zu haben.
Danni fiel selbst auf, wie lange ihre Gedanken um dieses Thema kreisten. Sie schaute auf den großen Palisadenzaun direkt unter dem Turm, auf dem sie saß. Sie und ihre Kollegen hatten einige der Dallon-Bäume gerodet, um Befestigungs- und Schutzanlagen zu bauen. Rotkammpumas waren eine allgegenwärtige Bedrohung auf Belkadan. Jetzt zierten viele Teleskopschüsseln, Antennen und Lauschgeräte die Dächer und vier Türme von ExGal4 – sie alle hatten das zusammen aufgebaut, nun ja, bis auf Yomin Carr, ihren jüngsten Neuzugang, der erst zum Team gestoßen war, als der Großteil der Anlage bereits stand.
Aber der Frischling hatte beim Anlegen und Pflegen der Gärten einen grünen Daumen bewiesen. Und er war ein Genie, was das Reparieren von Technik anging. Sie schaute nach unten zu dem plätschernden Süßwasserbrunnen, dessen gebrochene Kurbelwelle Yomin Carr vor einer Woche erneuert hatte. Sie hob den Blick, um festzustellen, dass die Sonne nun völlig untergegangen war, einen Orangeschleier mit grünem Rand hinterlassend, der sich von Norden nach Süden ausdehnte. Sie sog die laue Stille der Abenddämmerung in sich ein, bis jene Stille jäh gebrochen wurde. Ein lang gezogenes, tiefes Knurren ertönte von unten und Danni Quee erkannte es als Laut eines Rotkammpumas.
Die Zeit des Zwielichts war hereingebrochen – die Jagd begann.
Danni rieb sich die Augen und gähnte. Der Arbeitstag war lang gewesen. Jetzt wollte sie zurück in ihr Zimmer im Wohntrakt der Station. Langsam stieg sie vom Turm hinunter, nicht ahnend, dass sie dabei beobachtet wurde.
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Planet Birgis am nördlichen Rand der Galaxis, Nähe Bastion im Jahre 25 nach der Schlacht von Yavin, zwei Tage vor Invasionsbeginn
Der kleine Stern Birgis strahlte nur wenig Licht ab im Verhältnis zu der Nähe, in welcher sich die Besucher aufhielten. Es war eine überschaubare Gruppe von sieben Kampfjägern, die oberhalb des Planeten kreuzten, der ebenfalls Birgis hieß - ihrem von Udelen bestimmten Treffpunkt. In der Mitte des Kleingeschwaders thronte Boba Fetts Slave I, rechts davon flogen die Detta-Brüder Cham und Suvar, den linken Flügel bildeten Tiroc Vhon und Goran Beviin - alle in Gladiator-Jägern. Als Nachhut fungierten Briika Jeban und ihre vierzehnjährige Tochter Dinua in ihren Aggressor-Jägern.
Goran Beviin starrte hinaus in die Schwärze des Alls. Hier draußen am Rand der Galaxis waren die Sterne rar gesät. Hinter ihnen befanden sich gerade mal zwei schwach flackernde Punkte, hinten links der Stern der restimperialen Hauptstadtwelt Bastion am Ende der Braxant-Straße sowie hinten rechts die Sonne des Belkadan-Systems im Dalonbian-Sektor. Noch etwas weiter rechts, dann würde das Helska-System kommen, das zweite der beiden Sternsysteme dieses Sektors, wie er wusste.
„Wäre irgendwie trostlos, an einem solchen Ort zu sterben", sagte Beviin über Komlink zu seinen Mitstreitern.
„Das Einzige, an dem heute irgendwer sterben wird, ist Langeweile", hörte er Cham Detta antworten, „zumindest nicht wegen Unpünktlichkeit. Wir haben das Zeitfenster doch nicht verpasst, oder?"
„Nein", schaltete sich Fetts Stimme ein. „Haben wir nicht. Er aber – fast."
Beviin gab Energie auf seine Schubdüsen. „Ich werde mich mal ein bisschen umsehen."
Ganz im Gegensatz zu Cham empfand er überhaupt keine Langeweile, zumindest nicht, wenn er daran dachte, wie wenig sie alle doch über ihren gutbetuchten Klienten wussten, der sie zu dieser leeren Ecke der Galaxis beordert hatte. Er drehte seine Gladiator um 180 Grad und schoss kernwärts in einem Bogen davon. Die Rasanz des Wendemanövers brachte ihm die nötige Ablenkung, um noch einmal über alles nachzudenken. Udelen hatte gesagt, dieses Treffen würde allein einer Einsatzbesprechung dienen. Er überlegte, wie viel die Mandalorianer wohl unter den Truppen stehen würden, mit denen Udelen sie heute bekanntmachen wollte. Er fand, dass das eigentlich egal war. Niemand in der Galaxis legte sich gerne mit der geballten Mandalorianermacht an. Und wenn Udelen so dumm war zu glauben, er könnte die Beskar'gamträger zu irgendetwas absolut Ehrenrührigem zwingen, dann hatte er sich gewaltig getäuscht. Fett hatte schon Recht, wenn er zunächst mal schauen wollte, wie sich die ganze Sache entwickelte, bis er Udelen und die Seinen schließlich in die Schranken weisen würde. Bis dahin hatten sie mehr verdient als in den ganzen zehn Standardjahren zuvor. Und trotzdem …
Der Annäherungssensor blinkte auf und Beviin wandte seine Aufmerksamkeit von seinem HUD der transparenten Kuppel der Gladiator zu. Er zog Sichtkontakt grundsätzlich vor. Einen Moment lang dachte er, der Scanner würde verrücktspielen, weil das unbekannte Schiff – und es musste ein Schiff sein, wenn man die Geschwindigkeit bedachte, mit der es sich bewegte, vom Profil her eher einem Asteroiden ähnelte, einer Ansammlung mineralischer Messwerte – und es war riesig, weit über tausend Meter groß, vielleicht sogar zweitausend. Er wendete, um Sichtkontakt zu dem zu bekommen, was auch immer hinter seinem Heck lag.
Ja, da war ein großes Objekt in Reichweite. Aber dessen Form war gleichmäßiger und ovaler als die üblichen Trümmerbrocken. Verdammt! Das hier war kein Asteroidengebiet! Der Felsbrocken bewegte sich mit der Zielstrebigkeit eines Kriegsschiffes durchs All und als er vom Licht des Zwergsterns gestreift wurde, glitzerte er und Beviin konnte mehr erkennen. Er schaltete sein Visier auf maximale Vergrößerung und sah einen grauen, zerklüfteten Felsen mit ungewöhnlich regelmäßigen Ansammlungen von schwarzem, glänzendem Material - wie Hämatit oder Tektit. Aus den Krümmungen des Dings ragten funkelnde scharlachrote und blaue, zweigähnliche Auswüchse hervor, fast wie die Barteln eines Eisflussvabans; an einigen waren beutelartige, kegelförmige lila Schoten zu erkennen. Die „Schoten" schienen ungefähr die Größe eines X-Wings zu besitzen.
Ein Blinzeln von Beviins rechtem Auge und das Komlink im Helm war aktiviert. „Mand'alor, klink dich mal in meinen Videokanal ein."
„Ich kann es auch von hier aus gut erkennen", ertönte Fett ruhige Stimme. „Tatsächlich kann ich sogar noch mehr davon sehen."
Beviin schaute wieder auf die Tafel des Annäherungssensors. Ja, da waren noch vier Punkte derselben undefinierbaren Art. Als er wieder aus dem Cockpit schaute, konnte er sogar zwei davon sehen – ferne, schwarzgraue Ovale.
„Das Ding navigiert", hörte Goran Briikas Stimme. „Das ist eine Flotte."
„Wir haben schon häufiger Flotten zu Gesicht bekommen", meinte Fett cool.
„Aber keine wie diese, Mand'alor", erwiderte die Frau und sie klang besorgt.
Etwas in Beviins HUD klickte und er wusste, dass Fett gleich eine Übertragung an die fremde Flotte senden würde. „Unidentifizierte Raumschiffe, hier spricht die Slave I." Beviin fand, dass Fett so kontrolliert und sorglos sprach wie immer. Wahrscheinlich wurde man so abgebrüht, wenn man in einen Sarlacc gefallen war, von jenem stundenlang langsam verdaut wurde, um im letzten Moment von einem Freund gerettet zu werden. „Ich empfange kein Transpondersignal von Ihnen. Identifizieren Sie sich."
Es folgte leise zischendes Schweigen und irgendwie hatte Beviin auch nichts anderes erwartet. Warum nehme ich automatisch an, dass sie feindselig sind?
Zum einen, weil es immer mehr wurden - eine schweigende Horde von Felskolossen, deren Strom sich rechts von ihnen in leicht gekrümmtem Weg vorbeibewegte. Beviin dämmerte es: die Wolke der Objekte – der Schiffe – war auf Kurs nach Belkadan.
„Mandalorianer", hörte Beviin eine vertraute Stimme über den Komlink. „Wir sind gekommen, um euch und eure gesamte Galaxis von eurem Irrglauben an die Technologie zu befreien und euch Respekt vor den Großen Göttern zu lehren."
„Udelen …", sagte Beviin.
„Ich bin Nom Anor, Vollstrecker, und was ihr hier seht, ist die Vorhut der Yuuzhan Vong-Flotte. Es hat Jahrzehnte gedauert, um hierher zu gelangen, und jetzt wird eure Galaxis von uns verbessert werden. Verwandelt."
Beviin hörte, wie Fett leise Atem holte. Für seine Verhältnisse kam das einem überraschten Aufheulen gleich. Beviin hingegen war nicht überrascht. Ärger brodelte in ihm hoch. Ärger darüber, dass Boba Fett ihm nicht geglaubt hatte. Ärger über sich selbst, nicht öfters und entschiedener den Mund aufgemacht zu haben. Ärger darüber, für diesen Kerl mit falschem Namen eine Mordserie hingelegt zu haben, damit der seine, Beviins, Heimat verbessern konnte.
„Ich nehme an, einige Leute werden darüber erst einmal reden wollen." Boba Fetts Stimme klang so kühl und professionell wie, als gehe es lediglich um die Konditionen eines nur etwas größeren Auftrags. Ihre Waffen waren immer noch feuerbereit, aber wie groß war diese Yuuzhan Vong-Flotte eigentlich, wenn das hier nur die Vorhut war?
„Ihr würdet dies eine Invasion nennen", hörte er Nom Anor dröhnen. „Und ihr genießt das Privileg, zu den ersten Ungläubigen zu gehören, die Zeugen unserer Ankunft werden."
Beviin wartete darauf, dass Boba Fett irgendetwas sagen würde. Jetzt, wo er sich wieder an den rothaarigen Kerl vom Raumhafen von Adumar erinnerte. Nom Anor hatte damals einen von Boba Fetts Truppe gekillt – mit einem durch und durch mechanischen Blaster, über den er jetzt derart verächtlich sprach. Und er hatte ihm, Goran Beviin, die Faust in die Magengrube gerammt. Wie konnte Fett jetzt so ruhig bleiben, wo er den bereits damals ungeliebten, jetzt garantiert verhassten, Namen gehört hatte?!
„Nom Anor – Sie haben damals auf Adumar einen meiner besten Männer umgebracht!", grollte Fett glücklicherweise genauso emotional, wie es Goran Beviin in solch einer Situation erwartete.
„Sehen Sie's als Kollateralschaden an." Goran konnte das dünne Lächeln des vermeintlichen Udelen förmlich spüren, auch wenn er nur die tiefe, kehlige Stimme hörte. „Und als Kompliment, dass es nicht Sie getroffen hat, Fett. Die Überraschung ist Ihnen jedenfalls damals gelungen."
„Ihnen jetzt ebenso", gestand Boba Fett ein, der sich jetzt endlich wieder daran erinnerte, wo er den Geruch der frischen Meeresbrise das erste Mal an einem Menschen gerochen hatte. Zwölf Jahre waren seitdem vergangen – verdammt lang her, aber nicht lang genug. Ja, es war tatsächlich eine neue Galaxis, die auf einen Sprung vorbeigekommen war. Über das aktivierte Komlink war das Atmen aller zu hören, und es klang gepresst, flach – ängstlich.
„Fett, folgen Sie diesen Koordinaten und kommen Sie an Bord meines Schiffs", befahl Nom Anor. „Wir werden euch die Zukunft eurer Galaxis zeigen und euch sagen, welche Rolle ihr beim Erreichen dieser dringend erforderlichen Verwandlung spielen werdet."
„Dann werde ich meine Truppen hierlassen, damit sie auf meine sichere Rückkehr warten."
„Ich bin einverstanden; es gibt keinen Anlass, dass ihr alle an Bord kommt. Und Sie werden sich für Ihre Männer verbürgen."
Fetts Stimme wurde sarkastisch. „Angesichts der Größe Ihrer Flotte, was könnten ein paar kleine Schiffe da überhaupt anrichten?"
„Mand'alor, ich begleite dich", unterbrach Beviin. Er hatte das so nicht geplant, sondern die Worte waren ihm wie selbstverständlich entschlüpft. Wir scharen uns um den Mandalore. Auf diese Art überleben wir. „Ich folge dir hinein."
„Sobald ich in Erfahrung gebracht habe, wo es hinein geht", sagte Fett. „Dann nur zu."
„Oya", brachte sich Suvar Detta in die Funk-Konversation ein. Schnappt sie euch. Und bleibt am Leben. Beviin fand, dass dieses Oya schon ein komisches Wort war. Es war so mandalorianisch wie kein anderes Wort, das er kannte. Es passte in jeder Situation. Goran Beviin verstand darunter Tapferkeit.
Einige Minuten später an Bord des Miid Ro'ik
„Sie landen hier – mit ihren scheußlichen Schiffen – und ihren leblosen Waffen?", fragte Tuak Vootuh, der Kommandant des Miid Ro'ik, Nom Anor.
„Ja und ich werde dafür garantieren, dass sie mit allem wieder von hier abheben", bestätigte der Exekutor. „Es ist Ihr Erstkontakt mit Ungläubigen; da werde ich Ihnen diese Frage nachsehen."
„Darf ich fragen, wieso die Ungläubigen keinen Villip benutzen, obwohl sie unsere Verbündeten sind, wie Sie sagen?", fragte Vootuh mit Blick auf Nom Anors Komlink, welches der Exekutor am Armgelenk trug.
Nom Anors Stimme wurde drohend. „Ich entscheide, welche unserer Errungenschaften ich den Händen eines Ungläubigen anvertraue und wann das geschieht."
Der Kommandant schwieg düster und Nom Anor trat einige Schritte von ihm fort – hin zum geplanten Landeplatz der Gäste. Die Mandalorianer sollten nicht unbedingt gleich beim Eintreffen bemerken, dass der Kommandant der Tarak-shi einen Kopf größer war als ihr Gastgeber.
Nom Anor ließ sich die Konversation durch den Kopf gehen, während die Slave I und Goran Beviins Gladiator-Jäger im Hangar vor ihm und der Kriegerphalanx aufsetzten, die zur Überwachung ihrer Ankunft angetreten war. Sicherlich wäre das Benutzen eines Villips ein guter Test dafür, wie weit bestimmte Ungläubige gehen würden, um ihren neuen Herren zu dienen. Ein Villip in ihrer Obhut würde sie zudem verwundbar machen – und so noch enger an die Invasoren ketten. Eigentlich sprach nichts dagegen, den Mandalorianern zum Abschluss ihres Besuchs einen Villip zu geben, am besten Beviin, den er schon länger kannte.
Fett und Bevin entstiegen ihren Raumjägern, sahen sich an und nickten sich zu. Dann kamen die beiden Mandalorianer auf ihn zu.
„Ich schätze, ich sollte Sie von jetzt an nicht mehr mit Udelen ansprechen", sagte Fett zur Begrüßung, noch bevor der Exekutor etwas sagen konnte.
„In der Tat ist Udelen von jetzt an Geschichte", bestätigte Nom Anor. „Willkommen an Bord der Tarak-shi – einem Angriffskreuzer der Miid Ro'ik-Klasse der Yuuzhan Vong."
Der Exekutor konnte die Gesichter der Ungläubigen nicht sehen, aber der Körperhaltung und Kopfbewegung nach schienen sie bereits von diesem Teil des Miid Ro'ik ziemlich beeindruckt. Alles war geordnet und die schwarzgerüsteten Krieger säumten in schnurgerader Phalanx sowohl die gelandeten Schiffe als auch den ersten Teil des Korridors, den Nom Anor mit seinen Gästen entlangzuschreiten gedachte. Boba Fetts Helm bewegte sich ziemlich oft und er war sich sicher, dass dem Kopfgeldjäger nichts entging, was er hier sehen würde. Und der Helm mit Antenne würde womöglich Daten speichern. Aber was waren das für Daten, die er nicht entschlüsseln konnte, da diese grüne, technische Abscheulichkeit gar nicht einordnen konnte, was ihre Sensoren aufnahmen?
Er hatte gehört, dass Boba Fett beeindruckende Narben am Körper trug. Eigentlich würde er diese Narben gerne sehen, auch wenn sie lediglich von einem Unfall von vor 25 Jahren herrührten. Er registrierte, wie Goran Beviin Fett diszipliniert folgte. Der Mann hatte im letzten Jahr wirklich gute Arbeit geleistet und bei den letzten Deals viel weniger dumme Fragen gestellt oder skeptische Bemerkungen gemacht als noch zu Anfang ihres Kontakts. Womöglich fügen sich die Mandalorianer doch gut in die natürliche Ordnung der Dinge ein.
Aber das hatte noch Zeit, denn jetzt war zunächst ein anderer Meilenstein erreicht. Nom Anor gab sich den Ungläubigen als das zu erkennen, was und wer er wirklich war. Seine rechte Hand strich versonnen über die braune, organische Kluft mit den breiten Schulterplatten, die er nun anstelle des schwarzen Anzugs trug. In Höhe der Schlüsselbeine waren auf diesen Platten runde, blaue Augen zu sehen, Sinnesorgane seiner Kleidung. Die schmale Hüfte zierte ein breiter Gürtel, auch das über seine hagere Gestalt hinwegtäuschend. Und aus der oberen Rückenpartie seiner Robe wuchsen strahlenförmig lange, schlanke, mit Löchern durchbrochene Yorik-Dornen, die ihren Träger größer und majestätischer erscheinen ließen. Dies war seine Festrobe und Nom Anor trug sie nur zu gerne an diesem denkwürdigen Tag der Wahrheit.
Der Exekutor sog die frische Luft an Bord des Miid Ro'ik in sich ein. Endlich wieder unter Seinesgleichen und das nicht im Urlaub. Endlich wieder die Luft auf der Haut spüren, auf seiner eigenen, richtigen tätowierten, vernarbten Haut – ohne Ooglith-Hüller, dessen Eindringen in seine Hautporen immer noch wehtat – wehtun musste.
Nom Anor fühlte die Blicke der beiden Mandalorianer auf ihm ruhen. Die Körperhaltung beider Männer war zu ruhig, zu starr, als dass ihnen sein Äußeres gefallen würde. Kein Mensch dieser Galaxis fand eine abgeschnittene Nase schön, deren hinterlassenes Loch das Gesicht zierte wie ein Baustellenkrater eine Verkehrsstraße. Für ihn freilich war das eine Zierde und wenn die Bewohner dieser Galaxis seine Male des Schmerzes und des Opfers nicht als schön empfanden, dann zeigte das nur einmal mehr, wie verweichlicht und ignorant sie doch waren. Seine Rechte gab einen Wink und Fett und Beviin folgten ihm in den von der Kriegerphalanx vorgegebenen Gang, der vom Hangar fortführte.
„Wie hätte ich wissen sollen, was er ist?", zischte Goran durch die interne HUD-Kommunikation seinem Boss zu, so dass Nom Anor davon nichts mitbekam.
„Das konntest du nicht", nahm Fett ihm einen Teil der Schuld ab. „Und wir sollten besser herausfinden, womit wir es hier zu tun haben, bevor wir wie der Rest der Galaxis eine böse Überraschung erleben."
Beviin zog die ergrauten Brauen zusammen. „Das hier wird nicht laufen wie das gute alte Sith- und Jedi-Puppentheater, oder?"
„Ich weiß es nicht", brummte Fett zurück. „Alles, worauf es ankommt, ist, ob dabei irgendetwas für uns Mandalorianer rausspringt."
Der Mand'alor betrachtete die leuchtenden Farben der Wände und der Gegenstände im Schiff, von denen er keine Ahnung hatte, wozu sie dienten. Helle, perlmuttartige Pastelltöne wechselten sich mit dunklen, von innen glühenden Farben ab und vermittelten den Eindruck, sich trotz aller Lebendigkeit in einer künstlichen Welt zu befinden, die es eigentlich nicht geben durfte, sollte. Das Leben in diesem Schiff strotzte vor Kraft, Agilität und Stärke – und doch haftete ihm ein Geruch an, der Boba Fett an eine stinkende Höhle erinnerte – und das, obwohl der Geruch von feuchten Wäldern oder Gras, welches über Ästen trocknete, eigentlich angenehm sein sollte. Aber da war auch eine Andeutung von einem ganz bestimmten Metall, die die sauerstoffreiche Luft im Schiff durchzog.
Ja, Blut! Boba Fett merkte, wie sein Stresspegel deutlich anstieg. Er befand sich erneut im Inneren eines Sarlaccs – eines gar mobilen Monsters, das die gesamte Galaxis zu verschlingen drohte! Nein, das habe ich nicht kommen sehen. Ich hätte es tun sollen. Doch jetzt weiß ich es – nun, vielleicht ist dies die beste Position, in der man jetzt sein kann. Er ließ jedes Aufnahme- und Analysegerät in seinem Helm mitlaufen, während er durch das Schiff ging, berührte organische Wände und tat, als würde er sie bewundern, dabei Organspuren aufnehmend und diskret in den Fächern seines Gürtels verstauend.
„Proben", sagte er durch die interne HUD-Kommunikation zu Beviin rechts hinter ihm. „Alles, was klein ist. Jedes Fitzelchen von diesem Ding, das du dir unauffällig schnappen kannst. Steck es ein. In Ordnung?"
„Verstanden."
Ein Mann kam ihnen entgegen. Der Yuuzhan Vong war nicht so mit Narben übersät wie die Krieger, die bei ihrem Empfang Spalier gestanden hatten, aber seine Tätowierungen waren genauso regelmäßig wie die der Krieger. Während jene entweder glatzköpfig waren oder aber oberhalb der fliehenden Stirn schwarze Haare trugen, die entweder zu einem Pferdeschwanz gebunden oder in mehreren Zöpfen geflochten waren, trug dieser Typ ein Gebilde auf dem Kopf, das an durchscheinende Schlangen erinnerte. In seinen sehnigen Händen, von denen eine an den Fingern vollgepackt war mit Zangen, Rädchen oder Pinzettenfortsätzen, hielt er ein violettes Gefäß. Dieses Gefäß hatte keine gewöhnliche Öffnung, sondern ein Maul mit zwei Reihen spitzer, dreieckiger Zähne. Das runde Gebilde war reglos, doch zwei schwarze Augen zeigten an, dass es lebte.
Boba Fett schauderte. Es wartet auf seinen Einsatz. Und ansonsten befindet es sich im Standby-Modus, bis seine Herren etwas für es zu tun haben. Die perfekte Maschine – nur eben organisch. Ob es auch Tiere bei ihnen gibt, die einen Freiraum haben so wie die Tiere bei uns auch?
Er wandte seinen Blick von dem Gefäßträger ab und fixierte das schlangenartige Ding, welches um den linken Arm des Vollstreckers geschlungen war. Jabba hatte einen kowakianischen Echsenaffen gehabt, der in seiner Bauchtasche wohnen durfte. Viele Bewohner der Galaxis hielten Haustiere, vielleicht auch die Yuuzhan Vong? Er schaltete von interner HUD-Kommunikation auf externe Stimmübertragung um.
„Ein Haustier?", fragte er Nom Anor.
Der drehte sich zu ihm um. „Eine Waffe."
Er schüttelte das dünne, schwarze Ding mit einer eleganten Geste vom Arm und es versteifte sich zu einem geraden Stab von vielleicht zwei Metern Länge, die Spitze dünn und vielleicht scharf, das dicke Ende ein Schlangenkopf mit ausgefahrener, gespaltener Zunge. Boba Fett unterdrückte ein Zurückzucken, während er vermutete, dass das Ding Gift speien könnte. Dieselbe elegante Armbewegung Nom Anors und das Ding ringelte sich wieder um den Arm des Vollstreckers zusammen, als habe es sich nie in anderer Position befunden.
„Eine lebendige Waffe, die Amphistab genannt wird", erklärte Nom Anor stolz.
In Boba Fetts Kopf arbeitete es. Er hatte schon viele gefährliche Tiere gesehen, sie bekämpft, Kriege gefochten und dabei gelernt, was er in dieser Galaxis verändern konnte und was nicht. Er war zu dem Schluss gekommen, dass es das Beste für ihn und sein Volk war, sich das zu nehmen, was man kriegen konnte, ohne dabei allzu viel Unwillen zu erregen. Dass man die Nachbarn in Ruhe ließ, auf dass sie einen ebenfalls in Ruhe lassen würden. Das hatte zumindest für ihn und für Mandalore im Imperium funktioniert und auch die Neue Republik schien sich unausgesprochen an diese Regel zu halten. Diese Yuuzhan Vong allerdings schienen zu glauben, dass es nichts gab, das sie nicht verändern oder zu ihren Gunsten formen konnten, dass es passgenau so funktionierte, wie es ihnen beliebte. Das machte ihm Angst, denn es bedeutete, irgendwann aus der selbstgewählten mandalorianischen Isolation heraustreten und galaxisübergreifenden Widerstand zu organisieren, um diese einfallenden Horden mit ihren abartigen, hochgezüchteten Geschöpfen effektiv bekämpfen zu können.
Nom Anor wandte sich wieder dem Weg zu und schritt mit weit ausgreifenden Schritten voran. Seine tätowierte Hand wies stolz auf eine Flechte an der rechten Flurwand, die warmes, gelbliches Licht absonderte. Die Geste grenzte an Arroganz, bevor Nom Anor auch diese Grenze deutlich überschritt.
„Ich habe mich sechsundzwanzig Jahre lang unter euch Ungläubige gemischt", sagte er. „Kein einziges Mal bin ich dabei auf eine reine Kultur mit komplett organischer Technologie gestoßen."
„Wir tun unser Bestes", sagte Boba Fett in einem Tonfall, den Beviin so noch nie an seinem Mand'alor gehört hatte. Es war nicht direkt unterwürfig, aber doch viel zu kooperativ und willig. „Ihr müsst uns lehren, wie man die Dinge richtig macht."
Sie gingen weiter und Beviin tat, als würde er stolpern, um eine rosafarbene Scherbe aufzulesen.
„Das werden wir", sagte Nom Anor.
„Dann sind Sie also ein befehlshabender Offizier – so etwas wie ein Kommandant?", sondierte Fett.
„Wir haben eine Kastengesellschaft", erklärte Nom Anor. „Ich bin Vollstrecker, auch Exekutor genannt. Ich gehöre zur Kaste der Verwalter. Das stellt mich in der Hierarchie über einen Krieger."
Fett zog hinter seinem Helm die Oberlippe hoch. Ein Bürokrat, der über einen Krieger gebot, mit gerümpfter Nase auf ihn herabblickte … Fierfek, die elende Barve hatte nicht einmal eine Nase!
Fett musterte die Krieger in ihren schwarzen Rüstungen, deren Gewebe auch organisch zu sein schien. Sie trugen große, brutale, klauenartige Fortsätze an Schultern, Knien, Handgelenken und sogar hinten an ihren Beinen. Sie würden sich im Dienst niemals hinsetzen, soviel war schon mal sicher. Als ein Soldat vorbeiging, bewegte sich das glänzende, polierte, scharlachrote Ehrenabzeichen auf seiner Brust plötzlich – ein Käfer, ein großer Käfer.
„Woraus ist diese Rüstung angefertigt?", fragte Fett.
„Nicht angefertigt, biogenetisch gezüchtet. Eine lebende Vonduun-Krabbe, mit der eure Technik es nicht im Mindesten aufnehmen kann. Blasterfeuer kann den Panzer nicht durchdringen. Und sie töten jeden, abgesehen von dem Krieger, für den sie gezüchtet wurden."
Ja, verrat mir ruhig all eure Geheimnisse. „Dann seid ihr nicht auf einem Verkaufstrip hier."
Nom Anor lächelte, als er sich umwandte, um Fett anzusehen. Die beiden Mandalorianer betrachteten das vernarbte Gesicht. Unter den hochstehenden Wangenknochen war die Haut der Wangen derart eingefallen, dass das fahlgelbe Gesicht wie die Vorderseite eines Schädels wirkte. Die dünnen Lippen waren mehrfach gespalten worden, so dass man durch die Scharten hindurch die Zähne sehen konnte, deren untere Reihe einige Brüche aufwies. Offenbar war dem Exekutor mehrfach der Unterkiefer gebrochen worden, denn auch sein Kinn sah sehr unregelmäßig geformt aus. Sie gestalten sich so wie ihre Biogeschöpfe – konsequent eben. Und mit derselben Konsequenz würden sie diese Galaxis erobern.
Nein!
Nom Anors Stimme troff vor Herablassung. „Wir sind gekommen, um diese Galaxis zu erobern und zu kolonisieren. Ich sagte doch, dass dies eine Invasion ist, nicht wahr?"
„Und Sie glauben, wir helfen Ihnen dabei?", fragte Fett und gab zumindest die Hälfte von Nom Anors Herablassung zurück.
„Ihr habt kaum eine Wahl."
„Sie werden sich Ihren Weg quer durch diese Galaxis erkämpfen müssen, Welt für Welt, und das wissen Sie. Sie hätten uns nicht angeheuert, würden Sie glauben, Sie könnten das allein hinbekommen."
„Fordert ihr weitere Credits?", fragte Nom Anor lauernd.
Fett beschloss, Nom Anor in diesem Irrglauben zu belassen. Und mehr Credits waren wirklich nicht schlecht. „Vielleicht."
„Ihr seid nicht in der Position zu feilschen."
„Ich glaube doch." Fetts Stimme klang so ruhig und souverän, wie es Goran Beviin von seinem Boss kannte. „Ich will genau wissen, was Sie von uns erwarten. Und was wollt ihr von der Galaxis?"
Nom Anor blieb an einer zackigen Öffnung in der Wand stehen und winkte sie mit einer Geste hindurch. „Unterwerfung und Gehorsam."
Fett schürzte die Oberlippe. Träum weiter, Barve. „Präziser bitte."
„Wir werden eure Galaxis von aller Technologie säubern und sie durch unsere eigene ersetzen. Durch organische Technologie. Lebendige Technologie. Keine Maschinen, keine künstliche Verbrennung, keine Artefakte. All das sind, wie ihr noch erkennen werdet, Abscheulichkeiten und eine Beleidigung der Großen Götter höchstpersönlich."
Boba Fett hatte plötzlich das Bild von sich selbst in einer Vonduunkrabbenrüstung vor Augen. Er kannte bislang nur einen, der versuchte hatte, die gesamte Galaxis zu übernehmen. Aber selbst Palpatine hatte nicht versucht, die Galaxis von unten nach oben umzukrempeln, indem er Technologie ausrottete. Aber sein eigener Vater Jango Fett hatte damals unwissentlich Palpatine dabei geholfen, später die Macht zu übernehmen. Er, Boba Fett, würden diesen Fehler seines Vaters aus Ignoranz und Geldgier nicht wiederholen! Aber dafür musste er weiter aufklären - still, heimlich und leise.
„Und worin besteht unsere Rolle in diesem großen Plan?", fragte er pflichtbewusst.
„In der Informationsbeschaffung und dem Erledigen der subtilen Arbeit, die getan werden muss."
Also weitermachen wie bisher. Er schaute auf den Boden der Kammer, in die Nom Anor ihn und Beviin geführt hatte. Auf deren Boden kauerte ein Wesen, das humanoid aussah, um den Hals jedoch ein Art Kragen trug, der dieselbe rosane Farbe hatte wie die Knötchen, die aus der olivbraunen Haut seines Nackens und Halses ragten. Die Gestalt wirkte apathisch und war in ein grobes, graues Leinenhemd gekleidet. Nom Anor riss das Wesen an der Schulter hoch und jetzt sah Boba Fett, dass es sich um einen Menschen handelte – einen Menschen wie ihn und Goran.
„Wollen Sie mir das näher erklären?", forderte Boba Fett eher, als er fragte.
„Es ist eine Koralle", sagte Nom Anor. „Sie kolonisiert den Körper und ermöglicht es uns, Gefangene zu kontrollieren und sie zu produktiven Sklaven zu machen. Dieses Exemplar war ein wenig anders, deshalb studieren unsere Gestalter, wie sich das Yorik-kul an ihn anpasst. Der Prozess ist …", er entließ den Bedauernswerten aus seinem Griff und der Mann fiel schlaff zu Boden, „… unvollständig."
Fett trat einen Schritt von Nom Anor und dem bedauernswerten Sklaven weg. „Und das haben Sie mit der ganzen Galaxis vor, nicht wahr? Mit uns allen."
„Nicht notwendigerweise als Sklaven", gab Nom Anor sich konziliant. „Einige werden die Wahrheit erkennen und zu Yuuzhan Vong werden."
„Und die, die das nicht tun? Lassen Sie mich raten", begehrte Fett auf.
„Entweder werden sie zu Yuuzhan Vong oder sie sterben."
Das war der Moment, in dem Nom Anor aufhörte, einfach nur ein widerlicher Geschäftspartner zu sein, und zu etwas wurde, das Fett vorher noch nicht untergekommen war – zu einer Gefahr, mit der er möglicherweise nicht fertig werden würde. Bisher hatte Boba Fett seine Feinde oder Klienten kühl analysiert, sie zu verstehen gemeistert, um größtmöglichen Vorteil daraus zu ziehen - und dabei doch stets die Distanz gewahrt. Er mustere den Exekutor; sein Blick verweilte auf den ungleichen Augen, von denen das linke größer war als das rechte und nicht so glänzte. Was er anfangs noch für menschengleich gehalten hatte, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als Augen mit katzenhaft senkrecht schmaler Pupille – wie bei einer Raubkatze. Blieben Nom Anors Zähne – da gab es in der Tat keinen Unterschied zur Menschenspezies. Mit diesem seinem apodiktischen Satz jedoch hatte Nom Anor alles, was Boba Fett noch an ihm menschlich erschienen war, verspielt. Es war verschwunden und machte einer völligen Fremdartigkeit und Bösartigkeit Platz, die es zu tilgen galt. Gerade durch die Allumfassendheit von Nom Anors Vorhaben wurde die Sache persönlich, was Fett ein Gräuel war. Aber nun wusste er zumindest, was er zu verlangen hatte.
„Solange wir für euch arbeiten", sagte Fett, „haltet ihr euch aus dem Mandalore-Sektor raus."
Nom Anors blaue Augen fixierten seinen Helmschlitz und Boba Fett starrte zurück. Er betrachtete die dicken, blauen Wülste, die sich sichelförmig entlang der Wangenknochen unterhalb von Nom Anors Augen entlangzogen. Ob das auch Narben waren oder doch eher Natur?
„Du versuchst immer noch, mit mir zu feilschen", sagte Nom Anor tadelnd.
„Das ist mein Preis", bejahte Fett. „Und wenn ich herausfinde, dass ein Klient nicht vollkommen offen zu mir war, steigt er noch." Auch wenn jetzt ich es bin, der sich, nein uns, etwas erkauft – nämlich Zeit. „Ihr werdet hier um jeden Meter Boden kämpfen müssen. Tausende empfindungsfähige Rassen, unzählige Welten. Und jede einzelne davon wird sich zur Wehr setzen. Ihr braucht uns. Und wenn auch bloß, um mit den Jedi fertig zu werden."
„Bloß?", höhnte Nom Anor. „Ich könnte dich jetzt auf der Stelle töten."
„Und wenn schon. Ich bin bloß ein Mann, der versucht, für sein Volk zu sorgen und dabei das Richtige zu tun. Wenn ich sterbe, werden sich die Clans unverzüglich einen neuen Mandalore suchen, und dann werden sie kämpfen – gegen Sie. Ihre Entscheidung."
Der Kragenmann auf dem Boden begann, unartikuliert zu stöhnen und unter Krämpfen zu zucken. Ein weiterer Yuuzhan Vong, ebenso tätowiert und vernarbt wie Nom Anor, betrat die Kammer. Er trug ein aschgraues Gewand, das er nicht einfach angezogen hatte, sondern es war ihm an den Körper implantiert worden. Boba Fett verspürte das Verlangen, das Leiden des Gefangenen mit seinem Blaster zu beenden. Aber er wusste, dass viele Mandalorianer für diese seine Großzügigkeit büßen würden müssen. Wenn sich diese Leute schon selbst gerne solche Schmerzen zufügen, was tun sie dann erst anderen an? Der Graugekleidete beugte sich über den Gefangenen und riss ihm mit einem Ruck den Korallenkragen vom Hals. Blutende Wunden waren dort zu sehen, wo sich die Fortsätze des Kragens in den Hals des Sklaven gebohrt hatten. Der Gefangene hörte auf, sich zu regen und seine Augen rollten nach oben weg. Boba Fett wusste aus Erfahrung, dass er tot war.
„Ich will jeden einzelnen Krabbenbengel in der Galaxis zur Strecke bringen", hörte Fett Beviin durch die Sicherheit der internen Helmkommunikation fluchen. „Ganz egal, ob du einen Handel mit ihnen hast oder nicht, Mand'alor."
„Ganz ruhig, Goran." Der Ausbruch seines getreuen Kameraden hatte Fett überrascht. Und er hatte Beviin noch nie einfach nur beim Vornamen genannt. Aber Krabbenbengel – Beviin hatte einfach ein unfehlbares Talent, Leuten wohlfeile Beleidigungen angedeihen zu lassen.
„Der Mandalore-Sektor bleibt unangetastet", gab Nom Anor schließlich nach.
Lügner! Deine Krabbenbengel werden sich um uns kümmern, wenn du es an der Zeit findest. Du hast sechsundzwanzig Jahre lang als wandelnde Lüge unter uns gelebt. Da ist eine weitere Täuschung nicht weiter von Belang.
„Unter dieser Bedingung sind wir uns dann also einig." Aber ich kann genauso gut lügen wie du!
„Eure nächste Aufgabe besteht darin, auf Birgis eine Landezone für uns zu sichern", kam Nom Anor zum nächsten Punkt. Er reichte Fett einen Datenchip – verderbte Technologie, wie Fett innerlich schmunzelte. „Hier sind die Aufklärungsdaten, die wir kürzlich erhielten – in einem Format, mit dem ihr arbeiten könnt. Wir könnten die Oberfläche auch einfach vom Orbit aus vernichten, da der Planet ohnehin umgebildet und neu gestaltet werden wird, um unseren Bedürfnissen zu entsprechen, aber wir möchten die Bewohner am Leben lassen, damit sie für uns arbeiten."
„Wann?", fragte Fett.
„In fünf Tagen."
„Dann sollten wir uns lieber an die Arbeit machen."
Nom Anor strebte dem gezackten Eingang der Todeskammer zu – die Einsatzbesprechung war beendet. Es fiel den beiden Mandalorianern schwer, Nom Anor auf ihrem Rückweg nicht zu überholen und diesen Schlund von Korridor nicht einfach zu durchrennen. Im Hangar standen nach wie vor ihre beiden Schiffe, gesäumt von den Yuuzhan Vong-Kriegern gleich einem Wald schwarzer, grotesker Dornenbäume, an die sich Schlangen schmiegten. Für Boba Fett und Goran Beviin war dieser Wald das, was sie seit neuestem am meisten verabscheuten - der Vorbote einer schwarzen Zukunft.
Der Kommandant der Tarak-shi trat auf Nom Anor zu. „Sie haben ihnen immer noch keine Villips gegeben."
„Haben Sie meine Worte vom Anfang dieses Treffens vergessen?", kam Nom Anors spitze Antwort.
„Nein, aber ich dachte, Sie hätten Ihr Bündnis mit den Mandalorianern auf eine neue Stufe gehoben, die den Einsatz von Villips rechtfertigen würde."
„Sie dachten …" Nom Anor wiegte sein kahles Haupt. „Und die Mandalorianer kooperieren, aber sie tun es nicht gern. Wir werden also weiter scheibchenweise ihre Loyalität einfordern, bis sie wahrhaft begreifen werden – so oder so."
„Wozu brauchen wir diese Leute überhaupt?", fragte Tuak Vootuh verärgert. „Wir könnten uns Tizowyrms einsetzen und selbst mit den Leuten von Birgis reden."
Nom Anors gutes Auge verengte sich. „Noch ist es nicht an der Zeit, dass allzu viele Bewohner dieser Galaxis von unserem Eintreffen Kenntnis erhalten, aber ich verspreche Ihnen, dass es bis dahin nicht mehr weit sein wird. Bis dahin werden die Mandalorianer entbehrlich werden."
Und dann wird jeder Einwohner dieser Galaxis nicht nur meinen Namen, sondern auch mein Gesicht kennen.
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Belkadan, Forschungsstation ExGal4 – 25 Jahre nach der Schlacht von Yavin - Tag Null
Der junge Yuuzhan Vong hatte genau eine Stunde, die er allein im Beobachtungsraum von ExGal4 war, bis seine Kollegen für diese Nachtschicht eintrudeln würden. Diese Zeit des Ungestörtseins würde bald herum sein und Yomin Carr straffte sich in seinem Sessel vor dem Bildschirm in Erwartung einer Störung.
„Wieder so früh?", hörte Yomin Carr hinter sich von der Tür her eine spöttische Stimme.
Er wandte sich um. Bensin Tomri stand hinter ihm, bereit, an ihm vorbei zu seiner Beobachtungskapsel von sieben insgesamt im Raum zu gehen.
Tomri kicherte. „Oder bist du von gestern Abend übrig geblieben?"
Der Yuuzhan Vong zog es vor, nicht zu antworten. Es war oft genug vorgekommen, dass er die Nacht hier durchgemacht hatte – allerdings nicht heute. Trotzdem sollte der Mensch ruhig weiter glauben, dass er der fleißige Neuling war, dessen Begeisterung zu überlangen Nachtschichten führte.
„Es wird ihn schon noch früh genug langweilen", sagte von hinten im Raum Garth Breise, ein anderer Kontrolleur der Nachtschicht, der auf jener höheren Ebene im Raum saß, wo sich bequeme Stühle, ein Spieltisch und der Küchenbereich der Station befanden.
Yomin Carr schenkte Breise ein kurzes Lächeln, bevor er sich wieder dem Sichtschirm von Kapsel Drei zuwandte, von der aus er die Weite jenseits dieser Galaxis betrachtete.
Die Chefin Danni Quee betrat den großen, elliptischen Raum. Yomin Carr schaute ihr dabei zu, wie sie ihr langes, blondes Haar zurückwarf, als sie sich an Kapsel Vier genau neben seine Kapsel setzte. Von Kapsel Vier aus konnte Danni überlappend alle sechs eng begrenzten Bereiche des Weltraums beobachten, die ihre Kollegen in dieser Nachtschicht zugeteilt bekommen hatten.
Das letzte Mitglied der Nachtschicht erschien im Raum. Tee-ubo Doole wedelte kokett mit ihrer kleinen Handtasche herum, als sie die Tür durchschritt.
„Alle da?", rief die grüne Twi'lek fröhlich in die Runde. „Dann kann ich die Tür ja zumachen."
Sie schlenderte mit ziemlich weit ausladenden Hüftbewegungen an den bereits besetzten Kapseln vorbei und zwinkerte Yomin Carr zu – eine Aufmerksamkeit, die den Yuuzhan Vong gewaltig amüsierte. Sie zog eine Phiole aus ihrer Handtasche und schüttelte sie.
Ryll, dachte Yomin Carr angewidert. Ein Genussgift, dessen Gebrauch die junge Chefin hier auf der Station lediglich duldete. Er registrierte, wie Danni Quee neben ihm angewidert die Nase kraus zog. Sofort wandte er sich von der posierenden Twi'lek ab und Danni zu, die falsche Nase ebenso krausziehend und ein Lächeln andeutend. Etwas leuchtete in Dannis grünen Augen auf, dann konzentrierte sie sich wieder auf ihren erhabenen Sichtbereich des Alls jenseits der Galaxis.
Sie überprüfte rasch die Systeme von ihrer Zentralkapsel aus und stellte den Zentralschirm so ein, dass er der Reihe nach die kleineren Erfassungsbereiche jeder einzelnen Kapsel zeigte. Dies dauerte genau solange, bis die, die es wollten, mit ihrem Ryll fertig waren und im Küchenbereich miteinander lachten.
„Wie wäre es mit einer Runde Dejarik?", fragte Danni und stieg die drei Stufen hinauf zum Pausenbereich, um zu jenem runden Tisch zu gehen.
„Ja, gerne", sagte Garth Breise und setzte sich sofort auf die Rundbank am Dejarik-Tisch.
Danni warf einen Blick nach unten, wo Yomin Carr immer noch hinter seiner Kapsel saß, aber der zwei Jahre ältere Mann mit den schwarzen, leicht welligen, kinnlangen Haaren schüttelte nur den Kopf. Das Gejaule und Geknurre der virtuellen Holo-Monster auf dem Rund des Dejarik-Tisches begann aufzubranden. Und so bekam Danni Quee nicht mehr mit, wie Yomin Carr unauffällig den Lautstärkeregler an ihrer Kontrollkapsel auf extrem niedrig stellte, so dass nur er hören konnte, falls sich etwas Auffälliges ereignen sollte.
„Willst du spielen?", rief Garth Breise so gar nicht subtil zu Yomin Carr an seiner Kapsel hinunter.
Yomin Carr schaute auf die Monster auf dem Dejarik-Spieltisch. Nur zu gerne hätte er sich der Runde hinzugesellt. Besonders gegen Danni hätte er gerne gespielt, da sie eine gute Strategin war. Dejarik schulte den Kriegergeist und die Konzentration, hatte Nom Anor ihm gesagt.
„Nein, ich habe zu tun", antwortete er.
„Zu tun?", schnaubte Bensin Tomri. „Man könnte glauben, dass die größte wissenschaftliche Entdeckung des letzten Jahrtausends jeden Augenblick vor deinen staunenden Augen stattfinden wird."
„Wenn du hältst das für wahr, mit dem nächsten Shuttle solltest du nicht gehen?", entgegnete Yomin Carr höflich und merkte anhand der Reaktionen der Kollegen, dass er wieder einmal die Satzstruktur durcheinandergebracht hatte. Verdammt! Ich muss mehr mit dem Tizowyrm üben!
„Lass ihn doch", sagte Jerem, ein junger Mann, dessen raspelkurzes Haar fast so dunkel war wie die Ooglith-Perücke Yomin Carrs, und legte Tomri begütigend eine Hand auf die Schulter.
Yomin Carr merkte angesichts der unerwarteten Schützenhilfe auf und beschloss, sich das zu merken.
„Bist du sicher?", fragte jetzt auch Danni Quee den einsamen Mann an Kapsel Drei.
„Es gefällt mir so", sprach Yomin Carr akzentuiert, sorgfältig auf jedes Wort achtend.
Danni nickte ihm zu und ihr Blick verriet ihm, dass sie sich wünschte, andere Kollegen würden seinem Beispiel folgen.
Die Runde wandte ihre belustigten oder neugierigen Blicke von ihm ab und wieder dem Dejarik-Tisch zu. Auf dem Spielfeld jaulte ein rothäutiger Monnok auf, als ihn ein Kintan-Schreiter mit seinen Pranken packte und hochhob. Jetzt fand es Yomin Carr an der Zeit, seine Satellitenschüssel langsam und verstohlen auf den Sektor L-30 zu justieren, denn hier lag der Eintrittsvektor, über den Da'Garas Weltschiff in diese Galaxis eintreten würde.
Dann geschah es.
Yomin Carr bemerkte den winzigen Lichtfunken ganz am Rand des Sichtschirms der Kapsel aus dem Augenwinkel. Er erstarrte, sah genauer hin und stellte die Lautstärke ein winziges bisschen höher ein. Das Signal verschwand, dann war es wieder zu sehen, begleitet von dem rhythmischen Signal, das nur von einem Schiff kommen konnte – von seinem Schiff.
Yomin Carr konnte kaum atmen. Endlich - nach all den Jahren der Vorbereitung! Rasch schaltete er seine Satellitenschüssel auf Sektor Eins um. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Da'Garas Weltschiff den Sichtbereich auf dem Hauptbildschirm wieder verlassen hatte, stellte er die Lautstärke wieder auf normal und stand auf, zunächst, um sich nach der langen Sitzerei zu strecken – und erregte Dannis Aufmerksamkeit.
„Gehen muss." Noch bevor Danni etwas sagen konnte, korrigierte er sich. „Ich muss ein paar Schritte gehen."
Danni nickte. „Es ist ohnehin ruhig. Du kannst den Rest deiner Schicht frei nehmen, wenn du willst."
„Nein", antwortete er schnell. „Ich muss mich nur ein wenig räk … räk … strecken."
Er ging in seine Kammer und berührte den verborgenen Punkt neben seinem linken Nasenloch. Tausend winzige Tentakel rissen sich aus seinen Poren. Die Ooglithmaske glitt von seinem Gesicht, seinem Oberkörper, seinen Armen und Beinen, rollte sich zu einem rosafarbenen Ball zusammen und glitt mit schlürfenden, saugenden Bewegungen hin zum Schrank.
Yomin Carr betrachtete sich im Spiegel, begutachtete seine den Körper überziehenden Tätowierungen. Schon bald würde das Muster vollkommen sein! Er erfreute sich an seiner mehrfach gebrochenen Nase, dem vergrößerten Riss der Unterlippe, dem gespaltene Augenlid. Jetzt, nur noch mit einem Lendenschurz bekleidet, der seine wohltrainierte Gestalt betonte, war er bereit, mit dem Exekutor zu sprechen. Seine Finger zitterten vor Aufregung, als er den Code eingab, um besagtes Fach im Schrank zu öffnen. Zwei Villips lagen dort. Eigentlich hätte er lieber den von Präfekt Da'Gara genommen, aber das wäre gegen das Protokoll gewesen.
Der Villip, der mit dem des Exekutors verbunden war, stülpte sich um und Yomin Carr konnte die vertrauten Züge erkennen.
Yomin Carr verbeugte sich respektvoll.
„Es ist so weit", sagte er, froh, wieder seine eigene Sprache benutzen zu können.
„Haben Sie die Station zum Schweigen gebracht?"
„Das werde ich jetzt tun", erklärte Yomin Carr.
„Dann tun Sie das", erwiderte Nom Anors Villip und stülpte sich ohne jede weitere Förmlichkeit wieder um.
Wieder musste sich Yomin Carr dem Drang widersetzen, Da'Garas Villip zu streicheln, aber jetzt musste schnell gehandelt werden. Der Exekutor würde an diesem kritischen Punkt kein Versagen tolerieren. Er stellte den Villip zurück in den Schrank und holte stattdessen eine kleine Truhe heraus. Er küsste sie zweimal und murmelte ein rasches Stoßgebet, bevor er sie öffnete. Drinnen befand sich die kleine Statue des schönsten Geschöpfs, dass sich ein Krieger der Yuuzhan Vong überhaupt nur vorstellen konnte. Es erinnerte an ein Hirn mit einem einzigen, riesigen Auge und einer vorgewölbten Schnauze. Viele Tentakel gingen von diesem rosafarbenen Wesen aus, einige kurz und dick, andere fein und lang. Das war Yun-Yammka, der Schlächter, der Kriegsgott der Yuuzhan Vong.
Yomin Carr betete abermals, die gesamte Litanei des Yun-Yammka, dann küsste er die Statue erneut und stellte die Truhe wieder zurück in den Schrank. Er verließ seine Kammer, um hinaus in die Nacht zu huschen, nur bekleidet mit seinem Lendenschurz – ohne Ooglithmaske. In der Hand trug er sein Coufee, jenes kurze, scharfe Messer, welches in seiner breiten archaischen Form das Symbol der Wehrhaftigkeit schlechthin war. Es war kalt dort draußen, doch das Blut Yomin Carrs war derart in Wallung und Aufruhr, dass ihn die Kälte eher anstachelte.
Die Jagd hatte begonnen.
Note der Autorin: Die Ereignisse um Boba Fett und Goran Beviin entstammen größtenteils der Kurzgeschichte: „Boba Fett – ein Pragmatiker" von Karen Traviss, die dem Roman „Opfer" von derselben Autorin, dem fünften Band der Buchreihe „Wächter der Macht" (2007) als Anhang beigefügt wurde.
Der Erzählstrang um Danni Quee und die Forschungsstation ExGal4 entstammt dem Roman „Die Abtrünnigen" von R.A. Salvatore (2000), dem ersten Band der Buchreihe „Das Erbe der Jediritter", warum auch immer der Band im Deutschen so heißt. Der englische Titel „Vector Prime" ist da wesentlich aussagekräftiger, finde ich.
