23. Keine Ahnung

Roscoe knackte mit den Fingern. „Nichts?"

Seine Leute schüttelten die Köpfe. „Noch nichts. Als wären sie vom Erdboden verschluckt."

Der Anführer biss die Zähne zusammen und drehte sich zu Kinski, Stump, Chorizo und Wounded Bird um, die an einer steinernen Säule in der Höhle angebunden worden waren.

„Und was ist mit euch? Wo ist er?"

Stump schluckte. Kinski zuckte die Achseln. „Keine Ahnung."

Der Kojoten-Boss rieb sich gelassen die Hände. „So, ihr wisst also nicht wo er ist?"

Kinski schaute ihn unsicher an. „Äh… nnnein."

„Und du?", frage er Stump.

„Ich weiß gar nichts, ich weiß gar nichts."

„Du?"

Chorizo schüttelte den Kopf. „Ich bin immer der Letzte, der etwas erfährt."

Roscoe schnaubte. „Aber ich kann mir vorstellen, wo er sein könnte. Er ist in Dreck und hat vor sich das Gold zu holen."

Die Ganoven wechselten untereinander eingeschüchterte Blicke.

„Wovon redet der überhaupt?", fragte Stump Kinski.

Wieder zuckte Kinski die Achseln. „Ich weiß nicht."

Stille trat ein. Jetzt wandte Roscoe seine Aufmerksamkeit Wounded Bird zu.

„Und was ist mit deinem kleinen Sheriff-Freund?"

Wounded Bird war nicht gewillt, die Lager schlimmer zu machen, als sie schon war.

„In der Wüste", antwortete er. „Ob er die Stadt erreicht hat, vielleicht."

„Sehr informationsreich", meinte Roscoe sarkastisch.

Er wandte sich ab und verschränkte die Hände auf dem Rücken.

„Ihr wisst, die ganze Situation ist mir sehr, sehr unangenehm. Und wenn mir etwas unangenehm ist, könnte sich das sehr negativ auf eure Gesundheit auswirken."

Stump zog den Kopf tiefer in die Schultern. Er sah zu Bobby rüber, der schlafend in einer Ecke auf dem Boden lag, mit seinem Stoffhasen auf dem Bauch.

Roscoe nahm einen tiefen Atemzug. Er hatte große Mühe seinen Ärger unter Kontrolle zu halten.

„Also, in dem Fall, wenn die fette Echse und das grüne Gras nicht hier anwesend sind, dann stelle ich die Frage nun an euch: Wer hat die Tür geöffnet?"

Kinski schluckte nervös. „Äh… keine Ahnung."

„So, so, es war also niemand von euch gewesen?"

Sein Blick wanderte zu Stump.

„Ich hab's vergessen. Ich hab's vergessen", rief dieser.

„Wirklich? In dem Fall kann ich wohl niemanden von euch bestrafen. Sehr ärgerlich."

Stump biss sich auf die Unterlippe. Wenn Roscoe verärgert war, war das kein gutes Zeichen.

In diesem Moment drehte sich Roscoe zu ihnen um. „Na schön."

Er gab zwei seiner Leute ein Zeichen. „Schneidet ihnen die Ohren ab!"

Sogleich entwich den Hasen und der Wüstenmaus sämtliche Farbe aus ihren Gesichtern.

Die zwei Kojoten grinsten. „Es wird uns ein Vergnügen sein, Ihnen einen Gefallen zu tun."

„Sind Sie irre?!", schrie Kinski. „Wieso? Wir haben nichts getan!"

Roscoe winkte gelangweilt mit der Hand. „Irgendjemand muss bezahlen. Euer fetter Boss ist nicht hier, also müsst ihr jetzt für ihn die Köpfe herhalten. Oder sollte ich besser sagen, eure Ohren?"

Er steckte sich eine Zigarette an. „Stan, Kyle. Macht eure Arbeit."

Allmählich gerieten die drei Banditen in Panik und versuchten sich aus den Fesseln herauszuwinden. Die Kojoten kamen näher und der Erste packte eines von Stumps langen Ohren.

„Ich würde sagen, wir fangen mit diesen beiden langohrigen Säugetieren an, was meinst du?"

„NEEEIIINNN!", brüllte Stump. „Die brauch ich noch!"

Die beiden Kojoten kicherten. „Nicht mehr lange."

„Autsch!", schrie jetzt auch Kinski, der vom zweiten Kojoten brutal am Ohr gezogen wurde.

„Sehr brauchbar für einen Wischlappen", scherzte Kyle und griff nach Kinskis zweiten Ohr.

Stan grinste. „Komm wir schneiden ihnen gleichzeitig die Ohren ab."

„Okay, Kumpel."

„NEHMT EURE PFOTEN WEG! VERDAMMT NOCHMAL!", brüllte Kinski.

Roscoe stand ein paar Meter daneben und rauchte seelenruhig seine Zigarette.

„Rufen Sie sie zurück! Rufen Sie sie zurück!", rief Stump verzweifelt, während die zwei Kojoten ihre Messer zückten.

Roscoe blies eine Rauchwolke in die kalte Höhlenluft. „Ich hab aber das Zauberwort „Bitte" nicht gehört."

Stump fühlte die scharfe Klinge am unteren Teil seines Ohres. „Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte!"

Der Kojoten-Anführer nahm einen erneuten tiefen Zug aus seiner Zigarette. „Meine Güte, was Bill sich da für eine schwache, feige Truppe eingehandelt hat. Jetzt nimm es wie ein Mann."

Kinski zuckte von Kopf bis Fuß zusammen, als der Kojote sein Messer bewegte und spielerisch über die Haut strich.

Roscoe drückte den Glimmstängel wieder in seinen Mund. „Vergesst nicht den Boden anschließend sauber zu machen, wenn ihr fertig seid", sagte er und wandte sich ab.

Stan und Kyle nickten.

„Selbstverständlich werden wir das tun. Stimmt doch so, oder?"

Kyle zerrte Kinskis Ohren weiter nach oben, so dass der Hase gezwungen wurde auf den Zehenspitzen zu stehen. Auch Stump biss die Zähne zusammen, als Stan dasselbe jetzt mit ihm machte. Ihre Blicke fielen auf Roscoe, doch der würde niemals Mitleid mit seinen Opfern haben.

Chorizo war so geschockt, dass er es gar nicht erst wagte ein Wort zu sagen.

„Na gut", sagte Kyle. „Auf drei."

Stan grinste.

„Eins-zwei…"

„NEEEEIIIIINNNNN!", brüllte Stump so laut er konnte. „BITTE NICHT!"

„Schrei lauter", meinte Roscoe emotionslos. „Ich kann dich nicht hören."

„BITTE…!" Er schnappte nach Luft, als Stan sein Messer an seine Kehle hielt.

„Sei still! Bei dem Lärm kann ich nicht arbeiten!"

„LASS IHN IN RUHE!", schrie Kinski.

Kyle versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. „Halt die Klappe! Fangen wir endlich an! Eins… zwei…"

„Was Bill dir gesagt?", unterbrach Wounded Bird den Countdown.

Kyle knurrte laut.

Roscoe blickte auf und sah ihn verwundert an. „Wie war deine Frage?"

Der Rabe wiederholte. „Was Bill dir gesagt?"

„Halt gefälligst dein Maul!", schrie Kyle ihn an. Doch Roscoe hob die Hand. „Wartet mal einen Moment. Ich hör ja gar nichts."

Enttäuscht ließen die zwei Kojoten ihre Opfer los, an deren Ohren sie ihre Messer angesetzt hatten.

Stumps Kniee gaben nach und er sank in die Seile.

„Wie lautete deine Frage?", fragte Roscoe.

„Ich fragte, was er dir gesagt hat?"

„Wer hat mir was gesagt?"

„Bill. Er sollte sagen Ihnen, wo der Ort sich befindet, oder?"

„So, du weißt also auch etwas darüber?"

Wounded Bird wiegte den Kopf. „Möglich. Du sprachen über Gold."

Interessiert kam Roscoe näher. „Was weißt du?"

„Ich denke, ich können dir etwas sagen, was mehr interessant sein könnte für dich."

Nachdenklich bewegte Roscoe seine Zigarette zwischen seinen Fingern. „Was genau meinst du damit?"

„Ich können dir etwas sagen, wenn du nicht uns verletzt."

Der Kojote hob die Augenbrauen. „Ist es denn so wichtig?"

„Wahrscheinlich."

„Warum hast du das nicht früher gesagt?"

„Du mich nie gefragt. Ich hörte hier davon zum ersten Mal."

„Oh… ja, natürlich. Darüber habe ich mich mit dir nicht unterhalten. Sorry. Aber um was handelt es sich jetzt? Was weißt du genau?"

Wounded Bird blickte in die Runde. Vielleicht war das eine Gelegenheit für sie hier unbeschadet rauszukommen.

„Ich dich bringen kann zu dem Ort, denn du suchst."

Roscoe kratze sich am Kinn. „Erzähl mir was du weißt."

„Zuerst wir müssen gehen zu dem Ort. Aber wir müssen in guter Verfassung sein."

Roscoe verengte die Augen. Doch dann nickte er.

„Na gut. Ich werde euch im Ganzen lassen, doch sei gewarnt. Wenn ihr versucht ein schlechtes Spiel mit mir zu treiben, dann wird es euer Letztes sein."

Er hob die Zigarette in seiner Hand und drückte sie auf Wounded Birds Schnabel aus. Anschließend ließ er den Glimmstängel los, sodass dieses zu Boden fiel, wo der Boss es unter seinen Stiefeln niedertrat.

„Hab ich mich klar und deutlich genug ausgedrückt?", fragte er drohend.

Wounded Bird nickte.

Dann schnippte Roscoe mit den Fingern und befahl Kyle und Stan sich zu entfernen.

Kinski seufzte erleichtert und sah zu Stump, der in der Zwischenzeit in Ohnmacht gefallen war.