20. Dezember: Kuchen oder Torte?

„Und du bist dir wirklich sicher, dass du das durchziehen willst?", fragte James skeptisch, während er Scorpius ein Butterbier reichte. Er hatte nur eine Jogginghose an und noch klatschnasse Haare, weil er direkt vom Training kam und gerade erst geduscht hatte. Scorpius schaute sich James' Oberkörper lieber gar nicht erst an. Es war unfair, dass der Jäger so gut durchtrainiert war. Nur, weil er Profisportler war und nicht den Großteil des Tages am Schreibtisch verbrachte, so wie Scorpius!

„Aua!" James rieb sich den Hinterkopf und schaute seinen kleinen Bruder vorwurfsvoll an, der ihm einen Klapps auf den Kopf gegeben hatte. „Was soll das denn?"

„Sowas kannst du einen doch nicht direkt vor der Hochzeit fragen! Bist du bescheuert?!"

„Wieso?", erwiderte James verständnislos. „Ist doch besser, als nach der Hochzeit. Jetzt kann er immer noch einen Rückzieher machen."

„Spinnst du? Nach all der Arbeit und dem Familienkrach sollen die beiden jetzt so kurz vor dem Ziel aufgeben?" Al schüttelte empört den Kopf und trank einen großen Schluck von seinem eigenen Butterbier. Er schaute zu Scorpius und verdrehte die Augen. Scorpius zuckte nur mit den Schultern. Er hatte ehrlich gesagt nichts anderes von James erwartet. Der hatte doch noch keine Beziehung gehabt, die länger als zwei Wochen gedauert hatte. Natürlich hatte er da keine Ahnung von Hochzeiten und der Ehe.

„Ja wann denn sonst?" Er hob abwehrend die Hände. „Jetzt schau mich nicht so an, Al, ich mein das ganz ernst! Ihr seid gerade erst zwei Jahre aus Hogwarts raus und wollt schon heiraten? Ernsthaft? Was, wenn es nicht funktioniert? Wollt ihr das wirklich riskieren?"

„Es mag dich überraschen, James, aber es gibt immer noch die Scheidung, sollte es soweit kommen", sagte Al.

„Ja, schon, aber warum soll man es so weit kommen lassen? Das ist alles so endgültig. Warum lasst ihr es nicht einfach so weiterlaufen wie bisher? Und solltet ihr euch trennen, dann ist das keine große Sache."

„Ich will mich aber von Rose nicht trennen", erwiderte Scorpius. „Und ich will was endgültiges mit ihr. Ich liebe sie, ich will für den Rest meines Lebens mit ihr zusammen sein und ich will, dass alle Welt weiß, dass wir uns dafür entschieden haben und zusammengehören."

James ließ sich in den großen Fernsehsessel in seinem Wohnzimmer fallen und starrte auf Scorpius und Al, die beide auf seinem Sofa saßen. James hatte keine große Wohnung, da er in den letzten Jahren wegen mehrerer Teamwechsel oft hatte umziehen müssen, und er hatte auch nicht viele Sachen, aber einen guten Sessel hatte er sich gegönnt. Scorpius erinnerte er an die Sessel von Joey und Chandler aus Friends, aber als er das vorhin angesprochen hatte, hatte James ihn nur verständnislos angesehen. Davon fühlte sich Scorpius mehr angegriffen als von James' Zweifeln an seinen Zukunftsplänen. Wie konnte man die Serie Friends nicht kennen?! Das war doch einer der Klassiker schlechthin!

„Aber Rose ist doch deine erste richtige Freundin. Ich meine, woher willst du wissen, ob nicht noch was besseres daherkommen wird?" James duckte sich geistesgegenwärtig, als Al aufgebracht das neueste Quidditchmagazin nach James warf.

„Wie kannst du das sagen?! Du redest hier über unsere Cousine!", rief Al wütend.

„Ich will ihnen doch gar nichts böses, Al, kannst du mal aufhören, mich zu attackieren?", rief James und warf das Magazin nun seinerseits nach seinem Bruder. Scorpius rutschte vorsichtshalber etwas von seinem besten Freund weg. Bei den Brüdern konnte man nie wissen. Einmal hatte er bei ihren Streitereien sogar ein blaues Auge davongetragen, weil er aus Versehen in die Schusslinie geraten war. Und damit konnte er morgen unmöglich heiraten. „Ich mein ja nur, ich könnte mir nie im Leben vorstellen, jetzt jemanden zu heiraten. Das wäre ja gerade so, als ob man in seinem Leben nur eine Torte probiert hätte und dann nie wieder eine andere essen will. Was, wenn die Torte scheiße schmeckt und man das einfach nicht merkt, weil man nie was anderes gegessen hat? Und dabei entgeht einem dann ein total abgefahrener Kuchen, nur weil man sich viel zu früh festgelegt hat."

„Aber ich hab doch schon anderen Kuchen gegessen", widersprach Scorpius lachend. „Rose schmeckt mir einfach am besten."

Al schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf. „Das ist eine so schreckliche Metapher, um Himmels Willen!", sagte er leidend. Scorpius klopfte ihm tröstend auf die Schulter.

„Das kannst du mir nicht erzählen, du hast doch in deinem Leben nur mit Rose geschlafen!", erwiderte James ungläubig.

Scorpius verdrehte die Augen. „Es geht doch nicht nur um Sex, James! Ich war vor Rose schon verliebt und ich kann dir sagen, andere Torten interessieren mich nicht."

James schnaubte und trank einen Schluck von seinem Butterbier. „Und in wen? Ich hab dich noch nie mit einer anderen gesehen."

„Und was war mit Enid Belby? Ich hab monatelang versucht, mit ihr auszugehen, aber sie war nur scharf auf dich. Einmal knabbern hat dir bei ihr wohl gereicht!" Merlin, er hätte in der fünften Klasse alles gegeben, um mit Enid ausgehen zu können. Aber als er endlich den Mut aufgebracht hatte, sie um eine Verabredung zu bitten, hatte sie ihm nur entschuldigend gesagt, dass sie in James verliebt war und es keinen Sinn hätte, mit Scorpius auszugehen. Scorpius war am Boden zerstört gewesen.

„Diese Metapher ist so grauenvoll", war das einzige, das Al dazu zu sagen hatte.

James runzelte die Stirn. „Wer?", fragte er völlig ratlos und Scorpius warf frustrierend seine Hände in die Luft.

„Ganz genau! Du kannst dich ja nicht mal mehr an sie erinnern! Was hatte das dann für einen Sinn?" Er hätte James dafür umbringen können, dass er wochenlang Liebeskummer gehabt hatte, während Enid sich Hoffnungen auf James gemacht hatte, der nie die Absicht gehabt hatte, sie zu erfüllen.

„Lassen wir mich mal Beiseite, Enid zählt doch gar nicht, wenn ihr noch nicht mal ein Date gehabt habt", konterte James unbeeindruckt. „Und wer weiß, vielleicht wäre Enid jetzt ganz scharf auf dich. Willst du dir die Möglichkeit wirklich versauen?"

„Wieso sollte ich noch Interesse an Enid haben, wenn ich Rose habe? Rose ist die Liebe meines Lebens."

„Aber woher willst du das denn wissen, wenn sie deine erste Freundin ist? Woher?"

„Ich war vor Rose mit Carolina Matthews zusammen und im Vergleich zu Rose waren meine Gefühle für Carolina eher wie für Spinat als für Schokotorte." Nachdem er endlich mit Enid abgeschlossen hatte, war er mit Carolina zusammengekommen. Und auch wenn er sie gemocht hatte, mit seinen Gefühlen für Rose war das überhaupt nicht vergleichbar gewesen. Rose hatte er geliebt, schon damals in der sechsten Klasse, vielleicht sogar schon früher, wer konnte das nach so langer Zeit so genau wissen? Seine Gefühle für Rose hatten alle anderen völlig unwichtig gemacht.

„Könnt ihr bitte aufhören, Frauen mit Essen zu vergleichen? Davon wird mir schlecht", beschwerte Al sich. Er sah tatsächlich ein bisschen grün im Gesicht aus. Das lag wahrscheinlich am Jetlag, Al kam damit gar nicht gut zurecht.

„Aber woher weißt du, dass du keine bessere Torte finden wirst?", ignorierte James Al völlig. Scorpius runzelte die Stirn. James schien das wirklich zu beschäftigen, wenn er so darauf herumritt.

„Ich liebe Rose. Ich will mit ihr zusammen sein. Ich hoffe, dass ich für den Rest meines Lebens mit ihr zusammen sein kann. Wir waren ein Jahr getrennt und auch wenn das etwas war, das ich wirklich wollte, ohne sie war es nur halb so schön. Mir hätte sich jede an den Hals werfen können und ich hätte nur Augen für Rose gehabt. Ich weiß nicht, ob das für immer so bleiben wird. Das weiß niemand. Aber wenn ich mir meine Eltern anschaue, oder eure Eltern, oder Roses Eltern. Oder eure Großeltern. Es ist nicht so unrealistisch. Und warum soll ich darauf warten, dass ich vielleicht irgendwann jemand besseren finden könnte, wenn ich jetzt so glücklich mit Rose bin? Wenn ich so drauf wäre wie du, hätte ich eher Angst, dass ich die Richtige schon gefunden und wieder habe gehen lassen in der Hoffnung, irgendwann jemand besseren zu finden."

James starrte Scorpius mit offenem Mund an und fragte schließlich beinahe panisch: „Meint ihr, das ist schon passiert? Hab ich die Richtige schon gehabt und es nicht gemerkt?"

Al schnaubte nur und atmete dann tief durch, wohl, um seine Übelkeit zu verscheuchen.

„Beruhig dich, James", sagte Scorpius mit sanfter Stimme. Er stand auf, setzte sich auf die Lehne von James' Sessel und legte ihm einen Arm um die Schulter. Merlin, die Potters konnten vielleicht dramatisch sein. Zum Glück war Rose nicht so, sie war die Weasley, die am rationalsten war. „Wenn es dich tröstet, ich glaube nicht, dass eine von deinen Affären die Richtige war. Du suchst doch gar nicht nach ihr. Und selbst wenn du sie jetzt finden würdest, du bist doch gar nicht bereit dazu, eine solche Beziehung zu führen, da hätte das doch gar keinen Sinn." James schaute ihn betreten an. „Solltest du jemals eine Beziehung wollen wie die von Rose und mir, dann wirst du schon die Richtige finden, keine Sorge. Sowas kann man nicht erzwingen."

„Sonst wäre Della Chang nicht so ein Reinfall gewesen", betrauerte Al die einzige ernste Beziehung, die er in Hogwarts gehabt hatte.

Scorpius verdrehte die Augen. „Della war ein Reinfall, weil du dir eingeredet hast, dass sie ein völlig anderer Mensch ist, als sie war." Al war Hals über Kopf in sie verliebt gewesen, während Della eher Interesse an seiner berühmten Familie gehabt hatte als an ihm. War doch klar, dass das auf Dauer nicht hätte gut gehen können. Aber Al hatte ja nicht auf ihn hören wollen. Genauso wenig wie Lily auf Al hatte hören wollen, als der ihr von Leonard McLaggen hatte abraten wollen. Die Potters konnten unglaublich stur sein.

„Reite nur drauf rum, Scorp", sagte Al pampig. „Nur weil du die Liebe deines Lebens schon gefunden hast, musst du hier nicht so angeben. Wir wissen beide, dass wir Looser sind!"

„Hey! Schließ bitte nicht von dir auf andere!", erwiderte James empört. „Ich bin ein erfolgreicher Quidditchspieler! Mir ist es zu verdanken, dass die Cannons ihre beste Saison seit fünfzig Jahren hatten!"

„Ja, du bist der Beste", sagte Scorpius und tätschelte James die Schulter. Hätte er gewusst, dass das hier so ausartet, hätte er vielleicht doch vorgeschlagen, dass sie in einen Stripclub gehen, so wie James das vor jeder Hochzeit vorschlug. Da hätten sie wenigstens nicht über solche Themen reden müssen.

James trank einen Schuck und rülpste. „Genau! Vielen Dank, Scorp, dass das endlich mal jemand ausspricht."

Al verdrehte die Augen und trank seine Flasche leer. „Warum hast du keine Cousine, Scorp? Dann hätte ich mich in die verlieben können und wir hätten eine Doppelhochzeit gehabt und das wäre eine fantastische Geschichte gewesen. Kannst du dir vorstellen, wie die Hexenwoche sich vor Begeisterung überschlagen hätte?"

„Nein, danke." Merlin sei Dank hatte die noch keinen Wind davon gekriegt und würde hoffentlich erst so spät davon erfahren, dass es keinen mehr interessierte. Wenigstens war Rose „nur" die Tochter von Ron und Hermine und nicht von Harry Potter höchstpersönlich. (Obwohl die Zeitschrift eine Weile vermutet hatte, dass Rose vielleicht das Resultat einer Affäre von Hermine und Harry gewesen sein könnte. Scorpius hatte das nie nachvollziehen können, denn Rose war so offensichtlich Rons Tochter. Bei Hugo hatten sie sich die Mühe nicht mehr gemacht, der war seinem Vater so sehr aus dem Gesicht geschnitten, dass der Hexenwoche das keiner abgekaut hätte.) „Ich kann dir nur Ted als Cousin zweiten Grades anbieten, wäre der was für dich?" Seine Tante Daphne hatte keine Kinder und sein Vater war ein Einzelkind, deshalb hatte er keine Cousinen zu bieten.

„Vicky würde dich umbringen, wenn du ihr den Mann ausspannst!", lachte James lauthals und duckte sich erneut, als Al jetzt ein Kissen nach ihm warf, das stattdessen Scorpius am Kopf traf. Merlin sei Dank hatte der ehemalige Jäger Al keine Kraft in den Wurf gelegt. Das letzte, was er gebrauchen konnte, wäre, auf seiner Hochzeit mit einem blauen Auge aufzutauchen, weil die Potters sich nicht beherrschen konnten.

Al verdrehte die Augen. „Ted ist wie der Bruder für mich, den ich nie hatte, das ist doch das viel größere Hindernis", konterte er.

„Hey!"

Scorpius stand schnell auf, um aus der Schusslinie zu kommen. Er rettete sich in James' noch nie benutzte Küche und holte sein Handy heraus. „Hilf mir!", sagte er flehentlich zu Rose, als sie endlich seinen Anruf entgegennahm und hörte nur ihr lautes Lachen. Eine schöne Verlobte hatte er sich da ausgesucht.

TBC…