Er schloss die Augen und sah den beiden wehmütig nach. Er hatte so sehr gehofft, dass Derek gelogen hatte. Nicht nur was die vier Biker anging, sondern auch was Kim betraf. Er hätte sie niemals mit an den Strand nehmen dürfen, hätte sie niemals mit den Vier alleine lassen dürfen. Er hätte ihr alles bieten können, er hätte ihr die Welt zu Füßen gelegt. Hätte er sich nur mehr Mühe gegeben.
Er warf einen letzten Blick auf das eng umschlungene Paar, als ihn das Telefon aus seinen Gedanken holte.
„Ja?", er nahm den Hörer ab und lauschte einen Moment.
„Ich bin dabei." Seine Stimme war fest, sein Blick hart und entschlossen.
„Braver Junge.", hörte er Dereks Stimme hinter sich und im nächsten Moment schoss ein heißer, unerträglicher Schmerz durch seinen Nacken und Blut lief über seine Brust und tränkte sein weißes Shirt rot.
Wir schossen durch die Dunkelheit, ich konnte mich nicht erinnern, dass wir die Strecke nach Hudson Bluff jemals so schnell zurückgelegt hätten. Der Druck auf mein Herz war so unglaublich groß.
„Laddie passiert nichts. Versprochen Prinzessin." Ich nickte nur, würde ich den Mund öffnen hätte ich mich in diesem Moment bei voller Fahrt übergeben. Der Gedanke, dass Michael dem Kleinen etwas antun könnte war unerträglich. Ich liebte meinen Cousin, er hatte immer zu mir gehalten, vielleicht auch nur weil er nicht die ganze Wahrheit kannte. Aber Laddie würde niemals um Hilfe rufen, wenn es nichts wäre.
Mit quietschenden Reifen kamen wir zum Stillstand und die Luft wurde aus meinen Lungen gepresst als mich Paul Arm davon abhielt über den Lenker geschleudert zu werden.
„Du bleibst hier!", herrschte David mich an und die vier Vampire schossen an mir vorbei zum Höhleneingang. Ich dachte ja gar nicht daran. Unter normalen Umständen wäre ich den schmalen Stufen niemals so schnell in die Tiefe gefolgt, aber es ging um Laddie.
Die letzte Stufe gab unter meinem Gewicht nach und ich prallte gegen die Felswand. Benommen schüttelte ich den Kopf und wischte das Blut weg, welches mein Gesicht hinunter lief. Ich konnte von drinnen Geschrei hören und lief einfach weiter.
Die Szene vor mir war völlig surreal. Die vier Jungs standen mit dem Rücken zu mir. David schrie Michael an, dieser hatte Laddie im Schwitzkasten. Der Moment in dem sich in mir ein Schalter umlegte, war der als ich Stars Locken hinter der Schulter meines Cousins aufblitzen sah.
Ich sah rot und drückte mich zwischen einem völlig überrumpelten Marko und einem ohnehin schon wütenden David hindurch und wollte mich auf die Verräterin stürzen. Ich hatte die halbe Strecke zwischen den Vampiren und meinem Cousin überbrückt als ich von einem Arm um meine Mitte schreiend hart zurückgerissen wurde.
„Ich sagte du sollst draußen auf uns warten!", knurrte David und schubste mich gegen Marko, was diesem einen warnenden Blick von Dwayne und Paul einbrachte.
„Kimmy…" Laddie sah mich mit großen, ängstlichen Augen an. Wütend wehrte ich mich gegen Markos Griff, unbewusst war mir klar, dass er mich vermutlich noch nicht einmal mit einem Viertel seiner Kraft im Zaum hielt, um mich nicht zu verletzten.
„Schön jetzt sind ja endlich alle da.", verschaffte sich Michael Gehör.
„Was willst du Michael?!", schrie ich ihn an, was mir einen weiteren kalten Blick von David einbrachte.
„Wieder ein Mensch sein! In der Weinflasche war Davids Blut, Kim! Du weißt was sie sind! Und du kannst das einfach so akzeptieren? Sie sind Mörder! Sie haben Star und dem Kleinen dasselbe angetan wie mir! Ich werde niemanden Unschuldiges töten und wie sie werden! Und du wirst auch keine von ihnen!" Ich konnte sehen wie aufgewühlt und wütend Michael war.
„Aber was hast du vor? Es gibt keinen Weg zurück, Michael. Du musst niemanden Unschuldigen töten. Es gibt so viele von Grund auf schlechte Menschen in dieser Stadt… Du und Star könnten…"
„Halt den Mund Kim! Du bist so von den vier Blutsaugern manipuliert, du weißt schon gar nicht mehr was du tust! Star hat mir alles erzählt. Dass sie dich als ihre persönliche Blutbank benutzen. Sie haben dir vielleicht versprochen, dass sie dich zu einer von ihnen machen, dass du zu ihnen gehörst. Aber sie werden dich einfach entsorgen, wenn sie deiner überdrüssig werden! Diese ganze Vertrautheit und dass du so wichtig für sie bist ist nur ein krankes Spiel! Und es gibt einen Weg zurück. Wir können wieder Menschen werden, wenn der da tot ist!" Michael zeigte auf David, worauf alle Vampire die Zähne bleckten und knurrten.
„Was redest du da Michael? Star lügt. Sie…" Erneut wurde ich unterbrochen.
„Halt den Mund! Du hast alles hier kaputt gemacht! Laddie und ich hätten frei sein können, wenn du nicht gewesen wärst! Und es ist ja nicht nur so, dass du sie dein Blut trinken lässt, du musstest ja auch noch mit ihnen ins Bett steigen. Du bist nichts als eine billige Bluthure!"
Sämtliche Farbe war aus meinem Gesicht gewichen und mein Körper fühlte sich mit einem Mal so schwach an, dass alles was mich aufrecht hielt jetzt Marko war.
„Du wirst für diesen Verrat bezahlen Star. Ich werde dich nicht einfach töten. Nein, dann hättest du immer noch deine Freiheit. Ich sorge dafür, dass du trinkst und zum vollen Vampir wirst. Ich mache dir die Ewigkeit zur Hölle, dafür dass du wertloses Stück meine Familie bedrohst." Davids Stimme war so bedrohlich ruhig und kalt, dass ich eine Gänsehaut bekam.
„Und was dich angeht, Michael… Du willst meinen Kopf? Komm und versuch es. Aber ich habe Neuigkeiten, du musst den Obervampir töten, wenn du mich tötest ändert sich gar nichts." Michael sah ihn unbeirrt an.
„Selbst wenn das was du sagst wahr ist, David. Dein Tod wäre trotzdem keine Schande. Und ich war nicht so dumm alleine zu kommen." David brach in schallendes Gelächter aus und auch die anderen Vampire um mich herum konnten sich ein Kichern nicht verkneifen.
„Michael… Ich bin wirklich froh, dass das Gehirn in deiner Familie anscheinend bei Kim gelandet ist. Das macht das ganze direkt viel weniger tragisch. Wen hast du bitte um Hilfe gebeten? Die beiden Spinner aus dem Comicbuchladen hoffe ich.", höhnte er.
„Dann ist es ja gut, dass du den Jungen völlig unterschätzt hast, Vampir!" Wir fuhren zu der Stimme herum. Oben am Eingang der Höhle stand ein Mann mittleren Alters mit langen schwarzen Haaren und Bart. Hinter ihm sah ich noch mehr Männer stehen, von denen ich nicht überblicken konnte wie viele es eigentlich waren.
„Derek…", knurrte David wütend. „Was wollen du und deine Hunde hier?"
„Das weißt du ganz genau. Ihr habt Joe getötet. Ihr habt euch nicht an den Pakt gehalten, als Blondie da unten meinte meinem Neffen die Nase brechen zu müssen. Und wie ich sehe ist die Vampirschlampe auch da." Dwayne konnte Paul gerade noch so gegen die Felswand pressen bevor er sich kopflos auf den Mann oben auf der Treppe stürzen konnte. Marko schob mich in derselben Sekunde langsam hinter sich und ich fühlte wie David meine Hand griff und mich zu sich zog.
„Kleines, das hier wird gleich richtig hässlich. Schnapp dir Laddie und von mir aus die beiden Anderen und folgt dem Gang hinter den Zimmern. Der Schacht nach unten ist nicht so tief, ihr werdet euch nichts tun, wenn ihr springt. Ich will euch hier raus haben. Paul und Dwayne werden sich nicht konzentrieren können, wenn du hier bleibst. Weil ihr ganzer Instinkt sie dazu treiben wird dich unter allen Umständen zu schützen, selbst wenn es sie ihr Leben kostet. Dein Cousin hat keine Ahnung auf was er sich da eingelassen hat…" Ich nickte und sah ängstlich nach oben.
Derek hob beide Hände und grinste.
„Darauf habe ich so lange gewartet. Holt sie euch Jungs! Ich will das Mädchen lebend, alle anderen könnt ihr töten. Auch den Verräter." Entsetzt und wie versteinert sah ich wie die ersten Männer einfach die Treppe nach unten sprangen und noch im Flug ihre Gestallt veränderten. Vor uns standen keine Männer mehr sondern riesige knurrende Wölfe.
„Lauf!" David gab mir einen kräftigen Schubser der mich in Richtung meines Cousins taumeln lies. Wie benommen sah ich wie sich die ersten Wölfe auf die vier Vampire stürzten. Langsam ging ich wie in Trance rückwärts, bis ich es hinter mir knirschen hörte. Ich schoss herum und sah einen der Wölfe geifernd und mit gefletschten Zähnen vor mir kauern. Er richtete sich auf und fiel im nächsten Moment reglos zu Boden, als ihn ein Felsbrocken zwischen die Augen traf. Als er auf dem Boden aufschlug, fiel alles Fell von ihm ab und glasige menschliche Augen sahen mich an.
„Kimmy!" Ich sah einen Wolf langsam auf Laddie, der sich von Michael losgerissen hatte, zulaufen.
„Nein!", schrie ich und stürzte auf ihn zu ohne nachzudenken riss ich den Jungen an meine Brust, den Rücken dem Wolf zugewandt. Alles was in diesem Moment für mich zählte war Laddie zu schützen.
Ich erwartete von dem Wolf zu Boden gerissen zu werden, stattdessen hörte ich hinter mir ein lautes Jaulen und ein hässliches Knacken. Ich wurde auf die Füße gezogen und herum gedreht.
„Dwayne…" Ich sah in sein angestrengtes Gesicht hoch.
„Lauf. Lauf so schnell du kannst, wir halten sie auf solange wir können. Dreh dich nicht um, komm nicht zurück. Der Einzige dem du trauen kannst ist Max." Ich sah ihn an, als ich langsam verstand was er da eigentlich sagte.
„Nein. Ich kann nicht. Du und Paul…"
„Kätzchen bitte! Wir versuchen hier lebend heraus zu kommen, aber wenn wir es nicht schaffen will ich dich in Sicherheit wissen." Er presste seine Lippen noch einmal kurz auf meine und eine Sekunde schien das Chaos um uns herum still zu stehen. In diesem Moment zerbrach mein Herz. Das war kein Kuss, der sagte ‚ich hole dich später ein'. Das war ein Abschied, er erwartete nicht hier heraus zu kommen.
„Nein…", flüsterte ich mit Tränen in den Augen, als er mich in den Gang hinter uns schubste, in den Star und Michael bereits abgetaucht waren, und sich mit einem lauten, wütenden Brüllen auf einen weiteren Wolf stürzte.
Ich presste Laddie fest an meine Brust und lief los. Auch wenn ich fast nichts sehen konnte lief ich so schnell meine Beine mich tragen wollten.
„Mach die Augen zu.", befahl ich dem Jungen, als ich das Loch von dem David gesprochen hatte erreichte. Ich zögerte einen Moment bis ich ein animalisches Knurren hinter uns hörte. Ich sah über die Schulter und konnte undeutlich den haarigen Schemen eines Wolfes hinter uns ausmachen. Ich lies mich fallen, rutschte auf dem Hintern so nahe an die Kante wie ich konnte, in der Hoffnung so die Fallhöhe minimieren zu können. Ich schloss die Augen und sprang.
Ich schrie kurz schmerzhaft auf. Der Fall war nicht tief gewesen, doch der Aufprall war hart und meine Beine gaben nach. Mein Instinkt sagte mir, dass ich Laddie schützen musste und rollte mich um ihn zusammen als ich zu Boden ging.
Ich blieb kurz benommen liegen. Ich hörte ein Scharren über uns und rappelte mich irgendwie wieder auf die Beine. Als ich loslief hörte ich hinter uns einen großen Körper zu Boden fallen. Ich stolperte über etwas und hörte ein metallisches Klirren.
„Laddie… Ich werde dich jetzt absetzen und ich will, dass du mir versprichst nicht stehen zu bleiben, bis du… bis du Star gefunden hast. Sie wird sich um dich kümmern."
Ich hörte ihn protestieren. Ich hoffte, dass ich Recht hatte. So sehr ich das Mädchen gerade hasste, ich hoffte, dass sie sich um den Jungen kümmern würde.
„Nein Laddie! Du läufst jetzt!", schrie ich ihn an, so sehr es mir auch im Herzen wehtat.
„Ich hab dich lieb Kimmy.", flüsterte er und leistete endlich Folge.
Hinter mir knirschte es und ich riss die Eisenstange über die ich eben gestolpert war hoch und wirbelte entschlossen herum. Das Metall wurde meinen Händen entrissen, wobei meine Haut aufgerissen wurde.
Vor mir stand kein Wolf mehr, ich konnte eine menschliche Gestalt ausmachen und wich langsam zurück.
„Es hätte alles anders sein können. Du hättest dich doch nur für die richtige Seite entscheiden müssen. Es tut mir Leid, Kim…" Ich erkannte die Stimme. Ein harter Schlag traf mich und ich wurde zur Seite geschleudert. Mein Kopf prallte hart gegen den Felsen und ich fiel zu Boden. Mein Blick verlor den Fokus, es wurde immer dunkler.
„Bitte nicht, Tom…" Dann war alles schwarz.
