Als ich wach wurde schaffte ich es nicht direkt die Augen zu öffnen. Ich stöhnte als ein stechender Schmerz durch meinen Kopf schoss und versuchte mich nicht zu bewegen. Dunkel erinnerte ich mich an die harte Kollision mit der Felswand.
Es war kalt. Und es roch muffig. Wo war ich? Jedenfalls nicht mehr in der Höhle. Ich zwang mich langsam die Augen zu öffnen. Zunächst war alles verschwommen und mein Blick klärte sich nur langsam. Mein Kopf dröhnte, vermutlich hatte ich mir eine Gehirnerschütterung zugezogen.
Ich saß in einer Art Keller. Der Raum war nicht besonders groß und zum Großteil bestanden die Wände aus feuchtem und bemoostem Gestein. Lediglich die Wand mit der schweren Holztür mir gegenüber schien von Menschenhand geschaffen worden zu sein. Ich wollte mich anders hinsetzen und bekam sofort Panik. Jemand hatte meine Hände mit alten, rostig wirkenden Ketten an der Wand hinter mir fixiert. Als ich den Kopf herum warf musste ich husten. Ich hatte eine Art Halsband, das ebenfalls an der Wand befestigt worden war, um und es drückte mit jeder Bewegung unangenehm auf meinen Kehlkopf.
„Oh Gott…", keuchte ich und versuchte ruhig zu atmen. Die Panik in mir wurde immer stärker. Ich hatte das Gefühl nicht genug Luft zu bekommen. Meine Brust wurde immer enger, meine Sicht trübte sich ein. Verzweifelt konzentrierte ich mich auf einen Stein zu meinen Füßen. Versuchte jeder einzelnen Rille mit den Augen zu folgen bis ich langsam wieder atmen konnte.
Ich spürte heiße Tränen auf meinen Wangen. In was war ich da nur hinein geraten?
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und ich brauchte einen Moment bis ich den Mann aus der Höhle erkannte.
„Schön. Du bist endlich wach." Mit einem Grinsen zog er einen Stuhl herein und schloss die Tür wieder. Er stellte ihn mit der Lehne zu mir und setzte sich darauf. Ich versuchte seinem interessierten Blick Stand zu halten. Diese grünen Augen hatten etwas Unnatürliches und böses an sich.
„Wo…?" Sofort wurde ich unterbrochen.
„Oh nein, Kleine. DU stellst hier keine Fragen. Du zahlst den Preis für das was diese blutsaugenden Arschlöcher mit Joe gemacht haben." Ich schluckte hart, unsicher was das zu bedeuten hatte.
„Sie werden…" Ich zuckte zusammen als er mir eine schallende Ohrfeige verpasste und wieder Platz nahm als wäre nichts gewesen. Meine Wange brannte und mit Mühe hielt ich die Tränen zurück.
„Ich sagte du sollst die Klappe halten! Und deine Vampire werden nicht kommen. Schau nicht so ungläubig. Vampire sind nicht übermächtig und sie sind kein Gegner für ein richtig geführtes Rudel. Hier, falls du es immer noch nicht glaubst. Ich glaube das gehörte deinem Liebhaber." Ich starrte das was er in meinen Schoß geworfen hatte einige Sekunden ratlos an, bis ich das rote Tuch erkannte. Nur dass es jetzt dreckig und mit Blut vollgesogen war.
„Nein!" Ich schrie entsetzt auf als ich endlich begriff, dass das hier das rote Tuch war, welches immer an Dwaynes Gürtel hing. Ich begann unkontrolliert zu schluchzen und konnte den Stoff nur anstarren. Mein Herz wollte aus der Brust springen, es tat so sehr weh.
Wenn er das hier hatte, gab es nur eine Erklärung dafür. Dwayne würde das Tuch niemals freiwillig hergeben, es sei denn er war… Mein Gehirn weigerte sich das anzuerkennen was mein Herz längst begriffen hatte. Dwayne und Paul und die anderen waren tot.
Ich weinte und schrie bis ich heiser war. Ich hatte nicht einmal mitbekommen wie der Mann mich alleine mit meinem Schmerz zurück gelassen hatte. Irgendwann hatte ich keine Tränen mehr, meine Stimme war auch kurz davor zu versagen. Wie war das hier fair? Ich hatte endlich einen Ort gefunden an den ich zu gehören schien. Ich hatte mich verliebt, Hals über Kopf. In zwei Vampire… Und irgendjemand hatte entschieden, dass ich dieses kleine bisschen Glück nicht verdiente.
So gerne hätte ich das Tuch genommen und mein Gesicht darin vergraben, noch einmal Dwaynes unverkennbaren Geruch wahrgenommen. Doch meine Fesseln verhinderten dies.
Irgendwann kam wieder jemand herein. Ich weigerte mich erst hinzusehen. Betrachtete nur die Stiefel vor mir bis sich derjenige hinkniete und sanft meinen Kopf anhob. Mir wurde sofort schlecht, ich hasste dieses Gesicht so sehr.
„Wag es nicht mich anzufassen!" Schnappte ich und Tom lies mein Kinn los. Er sah mich mit einem Seufzen an.
„Es tut mir Leid Kim. Ich wollte nicht, dass es so läuft. Aber es ist besser so. Du hast mehr verdient als ein Leben in den Schatten. Du wirst mir danken. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber du wirst sehen, dass ich Recht habe." Ohne nachzudenken spuckte ich ihm ins Gesicht.
„Verpiss dich, Tom. Ich will deine Entschuldigungen nicht. Wegen dir sind sie tot! PAUL UND DWAYNE SIND WEGEN DIR TOT!" Meine Stimme war laut und schrill und hallte von den Wänden wieder. Ich spürte Galle hochsteigen und riss mich zusammen, mich nicht sofort zu übergeben. Es laut auszusprechen machte es nur noch schlimmer.
„Ruh dich aus. Du wirst deine ganze Kraft brauchen." Da ich in meinen Bewegungen sehr eingeschränkt war, schaffte ich es nicht ihm auszuweichen als er mir einen Kuss auf die Wange drückte. Er zog sich schnell genug zurück und meine Zähne schnappten ins Leere. Ich beobachtete ihn wie er langsam nach draußen ging.
Als ich wieder alleine war lies ich es zu, dass nun doch wieder Tränen in meine Augen stiegen. Ich war wütend und verletzt. Niemals hätte ich gedacht, dass Tom mich so betrügen würde. Ich hatte Angst was noch vor mir lag. Doch alles andere wurde überlagert von diesem unendlichen Schmerz, diesem Gefühl alles verloren zu haben. Hätte ich meinem Herz den Befehl geben können nicht mehr zu schlagen, ich hätte es in diesem Moment getan.
Irgendwann sackte ich einfach kraftlos zusammen. Das letzte was ich sah war Dwaynes Tuch, das immer mehr zu einer wabernden roten Masse verschwamm.
Schnaufend sah David sich um. Es war ein hässlicher Kampf gewesen. Ein oder zweimal hatte es für Marko ziemlich übel ausgesehen. Er beobachtete wie Paul dem letzten der Flüchtenden den Weg abschnitt, während der Rest des Rudels nach draußen verschwand. Dwayne riss den verbleibenden Wolf rückwärts die steinerne Treppe nach unten und die beiden stürzten sich auf ihn. Er hatte keine Chance gegen die beiden Vampire.
„Mann… Dass Paul ausrastet ist jetzt nichts Neues. Aber Dwayne so zu sehen ist ja fast schon gruselig." Marko stand neben seinem ältesten Bruder und schüttelte fast schon angewidert den Kopf.
„Was erwartest du? Es geht um Kim…", knurrte David als Antwort.
„Es reicht jetzt! Er ist seit zwei Minuten tot." Seine laute Stimme und der Druck den er in diesen Satz legte, brachte Dwayne und Paul dazu endlich von dem blutigen und leblosen Körper abzulassen.
Dwayne wischte sich etwas das einmal ein Stück Leber gewesen sein könnte aus den Haaren. Er hatte Mühe sich wieder unter Kontrolle zu bringen.
Ein leises Geräusch in einem der Gänge lies alle vier Vampire herum fahren, bis ein kleiner brauner Schopf vorsichtig um die Ecke lugte. Dwayne war der Erste der reagierte.
„Laddie! Bist du in Ordnung?" Er riss den Kleinen vom Boden hoch und untersuchte ihn eilig auf Bisse und Kratzer. Der Junge schüttelte nur den Kopf und blickte betreten zu Boden.
„Was ist los, Kumpel?", besorgt sah er Laddie an während seine Brüder sich um die beiden versammelten und er sicher war, dass dem Jungen nichts fehlte.
„Kimmy…" seine Stimme brach weg und Tränen begannen seine Wangen hinab zu laufen.
Dwayne legte seine Stirn gegen die des jüngsten Familienmitgliedes.
„Ich weiß, dass das alles gerade sehr viel ist. Aber du musst mir sagen was mit Kim ist. Sonst können wir ihr nicht helfen." Er war nervös. Laddie war völlig verstört und verängstigt und der Junge lebte immerhin mit Vampiren.
„Sie… Sie hat gesagt ich soll mich verstecken. Dass ich nicht auf sie warten darf. Und dann war da der Mann… Der Mann aus dem Musikladen… Er… Er hat Kimmy geschlagen und sie hat sich nicht mehr bewegt. Und dann hat er sie einfach mitgenommen… Und ich konnte doch nichts machen, ich habe es ihr doch versprochen…" Laddie begann fürchterlich zu weinen und der dunkelhaarige Vampir drückte ihn fester an sich.
„Es ist in Ordnung. Du hast alles richtig gemacht, Kumpel." Er starrte einfach ins Leere. Die Emotionen kochten in ihm hoch. Die Wölfe hatten Kim. Und Tom hing mit drin…
„Ich bringe ihn um! Ich reiße ihm jeden Finger einzeln ab… Er wird den Tag verfluchen an dem unser Mädchen in seinen Laden gekommen ist. Ich…"
„Paul! Beruhig dich! So bist du ihr keine Hilfe. Wir wissen wer sie mitgenommen hat. Wir müssen den Idioten nur finden. Und dann Gnade ihm Gott. Die Kleine gehört zur Familie und das nicht nur weil sie an euch beide gebunden ist." Paul knurrte unwillig und bleckte die Zähne.
„Wir sammeln uns erstmal. Wir müssen mit Max reden was wir tun können. Und wenn Star und Michael uns über den Weg laufen…" David lies den Satz unvollendet. Es war auch überhaupt nicht nötig ihn zu Ende zu führen.
