22. Dezember: Fehlender Familiensinn

"Narcissa, sag mir jetzt bitte nicht, dass du tust, was ich glaube, dass du tust", sagte Lucius Malfoy entsetzt. Er musterte seine Frau, die an ihrem großen Schminktisch saß und sich sorgfältig die Wimpern tuschte. Ihr mittlerweile weiß gewordenes Haar war zu einem eleganten Knoten geschlungen und ihr neuer, sündhaft teurer grüner Festumhang hing an der Tür, die zu ihrem begehbaren Kleiderschrank führte.

Narcissa drehte sich um, bedachte ihn mit einem kalten Blick und wandte sich dann wieder ihren Wimpern zu.

"Was glaubst du denn, was ich tue?"

Lucius stützte sich auf seinen Gehstock und betrat ihr Schlafzimmer. Sie schliefen seit Jahren in getrennten Zimmern, das war für alle Beteiligten besser. "Ich glaube, dass du dich gerade fertig machst, um zu der Hochzeit deines Enkels mit diesem dreckigen Halbblut zu gehen."

Er wartete auf eine Reaktion von ihr, aber sie begann nur damit, einen unauffälligen Lippenstift aufzutragen. Lucius beobachtete sie fassungslos dabei. Es war unglaublich, dass sie ihm so in den Rücken fiel. Einfach unfassbar. Sie musste den Verstand verloren haben.

"Wie kannst du es wagen -", begann er zornig.

Narcissa legte den Lippenstift beiseite und stand mit einer fließenden Bewegung auf. Sie baute sich vor ihm auf. "Wir sind eingeladen. Scorpius rechnet damit, dass ich komme."

Lucius schnaubte. Nur weil sie zu dieser Farce eingeladen waren, bedeutete das noch lange nicht, dass sie auch hingehen mussten. Er hatte mit seiner Frau darüber zwar nicht gesprochen, aber es war für ihn selbstverständlich gewesen, dass sie genausowenig vorhatte, die Einladung wahrzunehmen, wie er.

"Du kannst mir nicht erzählen, dass du gutheißt, dass dein Enkel dieses dreckige Halbblut in unsere Familie bringt. Bei Salazar, sie ist eine Weasley! Diese Familie ist der größte Abschaum, der auf dieser Erde herumwandelt! Und damit nicht genug, muss sie auch noch die Tochter eines Schlammbluts sein! Wie kannst du das gutheißen, Narcissa?!" Schwer atmend schaute er sie an.

Er konnte es einfach nicht fassen. Seine Frau hatte seine Ansichten immer geteilt. Immer. Sie standen, wofür der Dunkle Lord gestanden hatte. Und das bedeutete, dass nur Reinblüter wirklich das Recht hatten zu leben. Mit Halbblütern konnte man sich arrangieren, wenn es absolut notwendig war, aber mehr auch nicht. Lucius wäre nie auch nur auf die Idee gekommen, jemand anderen als eine reinblütige Frau zu heiraten. Alles andere war es nicht einmal wert, überhaupt beachtet zu werden. Und was diese Weasleys anging ... Sie missachteten diese ungeschrieben Gesetze so sehr, dass man gar nicht anders konnte, als sie auf eine Stufe mit dem Abschaum zu stellen. Es war ihm unbegreiflich, wie Dracos Sohn es überhaupt schaffte, dieses Halbblut anzufassen. Unbegreiflich.

"Ich habe nie behauptet, dass ich es gutheiße", erwiderte Narcissa. Sie nahm ihren Festumhang vom Haken und verschwand damit in ihrem Kleiderschrank. Verwirrt schaute Lucius ihr hinterher.

"Aber warum gehst du dann dorthin? Du solltest diesen Wahnsinn nicht auch noch unterstützen! Es ist schon schlimm genug, dass Draco nicht den Mumm dazu hat, seinem Sohn diese Heirat zu verbieten."

Draco war viel zu lasch. Er hatte es nie geschafft, seinen Sohn unter Kontrolle zu halten. Anstatt dafür zu sorgen, dass er in Hogwarts geeigneten Umgang pflegte, wie zum Beispiel Mortimer Zabini, ließ er es zu, dass er sich mit so fragwürdigen Subjekten wie Albus Potter umgab. Es sollte ein Gesetz dafür geben, mit dem man anständigen Zauberern verbot, mit Mitgliedern der Familie Weasley zu verkehren. Dabei konnte nichts Gutes herauskommen. Lucius wurde beinahe schlecht bei dem Gedanken, dass so jemand jetzt in seine Familie kam, weil sein eigener Sohn nicht fähig gewesen war, seinem Sohn die richtigen Werte zu vermitteln. Daran war nur diese dumme Astoria Greengras schuld. Sie hatte Draco verweichlicht, hatte seinen Blick für Gut und Böse auf den Kopf gestellt und jetzt war die Katastrophe eingetreten. Die schlimmste, die es überhaupt geben konnte!

"Ich gehe dahin, mein lieber Lucius, weil ich etwas erkannt habe, was auch Draco erkannt hat. Wofür du viel zu blind bist. Scorpius lässt sich nichts verbieten. Er lässt sich nichts sagen. Er hat seinen eigenen Kopf und er sieht die Dinge nicht so wie wir. Ich bin auch nicht der Meinung, dass er damit Recht hat und das weißt du, aber ich bin nicht so verblendet, mir einzureden, dass er sich irgendwann ändern wird. Er liebt dieses Mädchen, Lucius. Und er wird sie heiraten, egal, ob wir etwas dagegen haben oder nicht. Du hast ihn gesehen. Selbst deine haltlose Drohung, ihm sein Geld wegzunehmen, hat nicht gewirkt. Er wird sie nicht aufgeben. Und wenn wir das nicht akzeptieren, dann wird er nicht zögern, uns aus seinem Leben zu streichen und das weißt du so gut wie ich."

Lucius verzichtete darauf, seine Frau darauf hinzuweisen, dass er das schon so gut wie getan hatte. Seit Dracos Sohn volljährig war, hatte er sich geweigert, irgendeinen längeren Zeitraum auf diesem Anwesen zu verbringen. Lucius konnte die paar Mal, die er ihn nach dessen siebzehnten Geburtstag gesehen hatte, an einer Hand abzählen. Er wusste, dass Narcissa seine Weigerung, Zeit hier zu verbringen, sehr wehtat, aber Lucius würde den Teufel tun und auf ihren Enkel zugehen, obwohl er selbst im Recht war. Er war nicht derjenige, der sich mit einem dreckigen Halbblut eingelassen hatte und die ganze Familie in den Schmutz zog. Vielleicht wäre es sogar besser, wenn Dracos Sohn sie aus seinem Leben verbannen würde. Dann würden sie vielleicht besser mit dieser Schande leben können.

Fertig angezogen verließ Narcissa ihren Kleiderschrank wieder. Sie sah so perfekt und elegant aus wie immer. Schon als junges Mädchen hatte sie diese Eleganz gehabt, die ihren beiden Schwestern völlig gefehlt hatte.

Sie musterte ihn kurz und schüttelte dann bedauernd den Kopf. "Ich sollte nicht erwarten, dass du es verstehst. Familie ist dir nicht so wichtig wie mir. Aber eins kann ich dir sagen, Lucius: Wir sind kurz davor, Scorpius zu verlieren. Du weißt genauso gut wie ich, dass er nicht uns wählen wird, wenn er sich jemals entscheiden sollte. Er ist unser einziger Enkel. Er ist die einzige Hoffnung darauf, dass der Familienname weitergeführt wird."

"Nicht mit dieser Person! Niemals!", widersprach Lucius heftig. Seine Vorfahren würden sich im Grab umdrehen, wenn sie wüssten, dass eine Weasley dafür sorgen würde, dass ihr guter reinblütiger Name weiterhin existierte. Da wäre es besser, wenn er aussterben würde.

Narcissa schüttelte den Kopf. "So alt und trotzdem so naiv. Es wird passieren. Mit oder ohne deine Einwilligung." Sie warf einen prüfenden Blick in ihren Spiegel und befestigte eine lose Haarsträhne hinter ihrem Ohr.

"Narcissa -", versuchte Lucius noch einmal, seine Frau zur Vernunft zu bringen, aber sie unterbrach ihn.

"Ich werde nicht zulassen, dass ich Scorpius wegen deiner Verbohrtheit verliere, Lucius", sagte sie entschlossen. "Draco ist schon nicht sonderlich gut auf uns zu sprechen, weil du Astoria nie gebilligt hast. Und für Scorpius wären wir nicht einmal ein Verlust. Er und Draco sind alles, was ich habe. Alles. Ich werde sie nicht verlieren. Und wenn dir dein Familiensinn nicht ganz abhandengekommen ist, dann würde ich dir empfehlen, deinen Festumhang anzuziehen und mitzukommen. Keiner wird erwarten, dass du lange bleibst." Sie warf ihm einen kalten Blick zu und rauschte an ihm vorbei aus dem Zimmer. Sie drehte sich nicht einmal um, als sie sagte: "Ich werde in zehn Minuten aufbrechen."

Lucius schaute ihr nach und ließ sich schließlich seufzend auf ihren Schminkstuhl sinken. Er hatte Familiensinn. Seine Familie war sehr wichtig für ihn. Sein Sohn war sehr wichtig für ihn. Er hatte viel riskiert damals im Krieg, um sicherzustellen, dass sie alle heil aus dieser Sache herauskamen. Aber alles hatte seine Grenzen. Er konnte einfach nicht darüber hinwegsehen, wie Dracos Sohn sich gegen alles stellte, für das er selbst stand. Er konnte sich nicht einfach hinsetzen und dabei zusehen, wie alles, was ihm wichtig war, von Dracos Sohn mit Füßen getreten wurde und dabei auch noch so tun, als ob er sich darüber freuen würde. Wieso begriff Narcissa nicht, dass sie unmögliches von ihm verlangte?

Es machte ihm auch keinen Spaß, seinen Sohn zu verlieren. Er war nicht dumm, er wusste, dass Draco ihn längst nicht mehr so sehr schätze, wie er es früher getan hatte. Seit es Astoria in seinem Leben gab. Und die Beziehung zu Dracos Sohn war auch den Bach heruntergegangen, als dieses Halbblut in sein Leben getreten war. Nur diese verdammten Frauen waren daran schuld, dass ihre Familie so zerstört war!

Er erhob sich langsam wieder, um sich einen Drink zu genehmigen. Er würde nicht zu dieser verdammten Hochzeit gehen.

Im Herausgehen fiel sein Blick auf ein Bild, das auf Narcissas Nachttisch stand. Es schien ein neueres zu sein. Es zeigte seine Frau mit seinem Sohn und ihrem Enkel im Garten von Dracos Anwesen. Sie hatte ihre Arme um die beiden gelegt und schaute glücklich in die Kamera. Und auch Draco und sein Sohn wirkten fröhlich und zufrieden. Es war keine Spur von der Verachtung zu sehen, die Lucius seit langem von ihnen gewohnt war. Sie sahen aus wie eine Familie. Eine normale glückliche Familie.

Lucius spürte einen starken Stich in seiner Brust. Er klammerte sich an seinen Gehstock. Es war ihm unmöglich, den Blick von dem Bild abzuwenden, das etwas darstellte, von dem er nicht einmal gewusst hatte, dass es überhaupt noch existierte.

Gequält schloss er die Augen. Er würde wohl doch zu dieser verdammten Hochzeit gehen müssen.

TBC…