Am letzten Arzttermin vor dem errechneten Geburtstermin wollte Fred Stefanie begleiten. Sie freute sich darüber, nicht nur, weil er dann das Wunder des Ultraschalls bewundern konnte, sondern auch, weil sie den Anblick des Kindes gerne mit ihm teilen wollte. Dieses Mal fürchtete sie sich nicht mehr vor dem Besuch, obwohl es ihrer Laune einen kleinen Abbruch tat, dass Fred nicht rechtzeitig kam, um mit ihr hinzugehen.
„Sieht so aus, als hätte er die Zeit übersehen", seufzte sie, als sie zehn Minuten länger gewartet hatte, als eigentlich gewollt, und wirklich losgehen musste, um nicht zu spät zu kommen.
„Oder er wurde aufgehalten", warf ihre Mutter sich für ihn in die Bresche und angelte nach ihrem Mantel. „Ich lass einen Zettel da, er kann ja nachkommen. Fahren wir, sonst komme ich auch zu spät."
Stefanie hätte natürlich zu Fuß gehen können, aber davon abgesehen, dass es dafür schon zu spät war, hatte ihre Mutter sich schon vor einer Woche angeboten, sie zu begleiten und während der Untersuchung in der Stadt ein paar Besorgungen zu erledigen. Dagegen hatte Stefanie, die in der winterlichen Dunkelheit nur ungern alleine unterwegs war, nichts einzuwenden.
Während der Autofahrt überlegte sie, ob es wahrscheinlich war, dass Fred etwas Gröberes zugestoßen sein konnte, aber zwang sich schließlich, die Gedanken beiseite zu schieben. Sie musste sich jetzt auf sich konzentrieren, Stress war nicht gut für das Baby, das hatte ihr Vater ihr mehrmals eingeschärft, wenn sie sich wegen Fred Sorgen gemacht hatte.
Sie hatte ihn eigentlich um eine Kette gebeten, ähnlich wie er sie trug, damit sie immer spürte, wenn er in Gefahr war. Das hatte er strikt abgelehnt und sich auf eben diese weisen väterlichen Worte berufen. „Wenn du wüsstest, wie oft ich in Gefahr bin, wirst du noch verrückt vor Angst. Vertrau mir einfach."
Das war wirklich leichter gesagt, als getan, aber Stefanie bemühte sich und dachte nur noch ein klein wenig daran, ob es ihm wohl gut ginge, während sie die Stufen in den Keller zur Ordination hinabstieg. Stattdessen malte sie sich aus, dass er von einem allzu wissbegierigen Kunden aufgehalten wurde, der unbedingt herausfinden wollte, warum ihre Feuerwerke soviel besser waren, als die von Filibuster.
Obwohl sie ein bisschen zu spät war, wartete vor ihr noch eine andere Patientin und sie stellte sich auf eine etwas längere Wartezeit ein. Gerade als sie ihr erstes Magazin durchgeblättert hatte, öffnete sich die Türe und Fred betrat den Warteraum.
„Fred!", entfuhr ihr und freudig überrascht stand sie auf, um ihn zu begrüßen. „Ich dachte, du schaffst es nicht."
„Ich auch, aber wie du siehst, hat es geklappt. Wir hatten… reden wir später darüber, ich will nicht, dass du dich aufregst."
Die Worte alleine waren schon genug, um sie in Aufregung zu versetzen, aber sie nickte gehorsam und ließ sich wieder auf dem Sofa nieder.
„Oh, ist das dein Freund?", fragte Frau Garret inzwischen im Plauderton. Da sie Deutsch sprach, verstand Fred kein Wort (zumindest nicht sehr viel) und sie schien sich dessen bewusst zu sein, denn sie erklärte: „Engländer haben einen wirklich attraktiven Akzent. Du solltest ihm Deutsch beibringen, dann kannst du dich daran erfreuen. Aber in seiner Muttersprache klingt er auch sexy."
Stefanie lachte ehrlich über diese Aussage und drückte beiläufig Freds Oberarm. „Ja, finde ich auch. Aber passen Sie auf, was Sie sagen – ein paar Wortfetzen versteht er schon."
Das Telefon klingelte und Frau Garret wurde aus dem Gespräch gerissen, was Fred dazu brachte, Stefanie leise mitzuteilen: „Sie hat irgendetwas über Engländer und sexy Akzent gesagt? Und das Wort attraktiv kam auch vor, oder?"
Stefanie grinste. „Du bist wirklich gut. Da sieht man es mal, zwei Wörter, die in beiden Sprachen ähnlich klingen, reichen schon aus, um zwei Sätze zu verstehen. Sie meinte, dass du Deutsch lernen sollst, damit du mit einem sexy englischen Akzent reden kannst. Und dann hat sie gesagt, dass du auch sexy klingst, wenn du Englisch redest. Ich glaube, sie hat ein Faible für Briten."
„Wär ich auch nie drauf gekommen, angesichts dieses kleinen Busanhängers auf ihrem Schlüsselbund", murmelte Fred leicht sarkastisch und verschränkte die Arme vor der Brust, während er auf den kleinen Schlüsselanhänger blickte, der einen der berühmten Doppeldeckerbusse darstellte.
„Fräulein Galen?" Dr. Garret steckte seinen Kopf zum Warteraum hinein und schien seine Freude dabei zu haben, sie mit ‚Fräulein' anzusprechen.
„Komm", forderte Stefanie Fred auf und griff nach seiner Hand. Unwillkürlich fragte sie sich, ob er wohl an ihrer statt nervös war, aber dann fiel ihr ein, dass er laut eigener Aussage nur nervös gewesen war, als er wegen Snapes brennenden Umhangs in Dumbledores Büro zitiert worden war und ließ den Gedanken fallen.
„So, das ist dann wohl der Freund?", fragte Dr. Garret freundlich, sobald sie die Türe des Untersuchungsraums hinter sich geschlossen hatten. Sie hatte ihm davon erzählt, dass Fred Engländer war und empfand einen Schwall von Sympathie für ihren Arzt, als dieser für den restlichen Zeitraum der Untersuchung nur noch Englisch mit ihnen sprach.
„Also, der errechnete Termin ist in drei Tagen, wenn sich die kleine Lady jetzt noch nicht gedreht hat, dann macht sie es wahrscheinlich nicht mehr", sagte er beiläufig, während er das Ultraschallgerät bereitmachte und Stefanie verzog ihren Mund ein klein wenig zu einer Grimasse, als er den Sensor an ihren Bauch drückte.
Im Plauderton begann er dann, Fred zu erklären, was sie eigentlich sahen und zeigte ihm, wo genau die Umrisse des Kindes waren, bis er sich an das Bild gewöhnt hatte. Dann sagte er: „Sie hat sich nicht gedreht. Das macht nichts, ansonsten sieht alles gut aus."
„Heißt das, dass es ein Kaiserschnitt werden wird?", fragte Stefanie zaghaft, die sich noch nicht mit der Vorstellung, aufgeschnitten zu werden, angefreundet hatte.
Dr. Garret schenkte ihr ein leichtes Lächeln. „Das hängt immer noch vom Arzt ab. Ich allerdings würde vorschlagen, dass du am Samstag zu mir ins Krankenhaus kommst. Ich sehe mir noch einmal an, ob sie schon soweit ist, also ob ihre Lungenreife schon passt – was ich allerdings glaube, denn ihr errechneter Termin wäre ja am Sonntag – und dann würde ich sie rausholen, bevor die normale Geburt anfängt. Wenn du schon Wehen hast, dann ist es ein bisschen schwieriger mit dem Kaiserschnitt und da ich stark dazu tendieren würde, keine normale Geburt durchzuführen, wenn sie so liegt, kommt mir das am einfachsten vor."
Stefanie hatte ihren Vater bereits recht genau nach Kaiserschnitten ausgefragt, schluckte aber trotzdem. Sie hatte bis zum letzten Moment gehofft, dass sich Sophie noch drehen würde.
„Wie kann ich mir das vorstellen?", fragte Fred nach, der, als Zauberer, keine Ahnung von Kaiserschnitten hatte. „Der Bauch wird aufgeschnitten? Das klingt barbarisch."
„Seine Mutter hat sieben Kinder Zuhause auf die Welt gebracht", erklärte Stefanie beiläufig, was den Arzt grinsen ließ.
„Respekt. Also, man schneidet hier durch die Bauchdecke..." Er zeigte es anhand Stefanies Bauch, was sie wieder dazu brachte, eine Grimasse zu schneiden. Keine nette Vorstellung. „Und durch die Gebärmutter. Man kann eine Vollnarkose oder eine Regionalnarkose wählen, aber ich tendiere da eher zur Vollnarkose. Und das wars eigentlich. Es hat ein paar Nachteile gegenüber einer normalen Geburt, zum Beispiel nimmt man an, dass das Immunsystem des Kindes besser ist, wenn es bei der Geburt mit den Bakterien der mütterlichen Flora in Kontakt kommt, aber die Studienlage ist nicht ausreichend, um mich davon abzuhalten, dir dazu zu raten. Und natürlich darfst du danach sicher einen Monat keinen Sport machen, sonst könnte die Narbe aufgehen. Ach ja, die Narbe ist für viele Frauen der größte Nachteil, weil es eben eine kosmetische Sache ist. Aber ich verspreche dir, dass ich sie sehr gewissenhaft vernähen werde und normalerweise heilen von mir vernähe Schnitte immer gut ab."
„Wenn eine Narbe das einzige Problem ist", meinte Fred nachdenklich, dem die Sache immer noch nicht geheuer zu sein schien. Stefanie dachte daran, dass sie die Narbe mit Magie sicher verschwinden lassen konnte, sollte sie sie kosmetisch stören, und hatte deswegen keine Bedenken.
„Keine Angst, junger Mann. Schon im alten Rom hat man Kaiserschnitte durchgeführt. Zumindest leitet sich der Name Caesar – und ich meine Julius Caesar – davon ab. Es bedeutet ‚Der aus dem Leib Geschnittene' und angeblich war er der Erste, den man so herausgeholt hat. Das bezweifle ich allerdings. Gut möglich, dass er eine Kaiserschnittgeburt war, aber sicher nicht der Erste. Und deine Stefanie ist auch nicht meine erste Operation dieser Art, also keine Sorge. Davon abgesehen habe ich Michael versprochen, auf sie aufzupassen und so ein Versprechen zu brechen, würde ich nie wagen."
Vor allem letzteres Argument schien Fred einigermaßen zu beruhigen, während die Geschichte von Caesar ihn wenig beeindruckt hatte. Zwar wusste er, wer Caesar gewesen war, aber da die magische Welt sich seit dem alten Rom weniger verändert hatte, als die der Muggel, schien ihm die Zeitspanne nicht zu imponieren.
Sie schwiegen eine Weile, nachdem sie die Ordination verlassen hatten. Von ihrer Mutter war noch nichts zu sehen, aber sie hatte Stefanie gesagt, in welchem Kaffeehaus sie warten würde, also schlenderten sie langsam in diese Richtung. Es war ziemlich kalt und Stefanie vergrub ihrer Hände tief in ihren Manteltaschen, obwohl sie die hübschen Handschuhe trug, die Marie ihr vor zwei Weihnachten geschenkt hatte.
„Meinst du, du kannst am Samstag hier sein?", fragte Stefanie schließlich und warf Fred einen fast schon flehenden Blick zu. „Ich habe vollstes Vertrauen in Dr. Garret, aber ich fürchte mich trotzdem ein wenig und wenn ich wüsste, dass du da wärst..."
„Natürlich bin ich da", erwiderte Fred, ohne zu zögern. Er bemerkte ihren ängstlichen Blick und lächelte ihr aufmunternd zu. „Das wird schon gut gehen. Ich werde mir Samstag freinehmen, dann gehen wir ins Krankenhaus, wann immer du dich soweit fühlst."
„Danke." Sie räusperte sich, bevor sie nachhakte: „Was hat dich heute aufgehalten?"
Ein Schatten fiel über sein Gesicht und sie sah, dass er einen raschen Blick über seine Schulter warf, als wolle er sicherstellen, dass ihn niemand außer ihr hören konnte. „Wir hatten ministeriellen Besuch. Man könnte es auch unfreundlicher formulieren. Sie haben den Laden ordentlich gefilzt und es war wirklich nicht gut für die Kundschaft." Er lachte freudlos und schüttelte dann seinen Kopf. „Schlecht fürs Geschäft."
Ein Schauder lief über Stefanies Rücken, als sie das hörte und ihre Ängste wegen der bevorstehenden Geburt verflüchtigten sich und machten Platz für die Furcht um ihren Freund.
„Aber Fred… war das nicht … sind sie speziell zu euch gekommen, um etwas zu finden, damit sie euch verhaften können? Ihr habt doch alles aus dem Sortiment genommen, was man als Beleidigung gegen Vold… gegen Du-weißt-schon-wen auffassen könnte, oder nicht?"
„Sie sind nicht speziell zu uns gekommen, sondern haben sich alle Läden angesehen. Und wir hatten Glück – es waren keine Todesser, sondern Leute wie Dad, die schon vorher im Ministerium gearbeitet haben. Aber lustig war es trotzdem nicht und ich ihr Verständnis dafür, dass ich zu meiner schwangeren Freundin wollte, die eine wichtige Untersuchung machen muss, wäre begrenzt gewesen."
„Du hast ihnen doch wohl nicht gesagt, dass es eine Muggeluntersuchung war?", fragte Stefanie ein wenig entsetzt nach. Sie konnte sich vorstellen, dass so eine Nachricht nicht gerade toll aufgenommen werden konnte, wenn man sich in einer so muggelfeindlichen Umgebung befand.
Fred schnaubte leise. „Liebling, hältst du mich für närrisch? Ich habe ihnen gar nichts über dich gesagt, deswegen hat es ja so lange gedauert. Obwohl ich ehrlich gesagt glaube, dass es zu einer weiteren Verzögerung geführt hätte, den Mund auch nur aufzumachen."
„Nein, ich..." Sie biss sich auf die Lippen und blieb stehen, bevor sie ihre Arme um seinen Hals legte und flehend zu ihm hoch blickte: „Oh Fred, ich wünschte, du wärst nicht dauernd in Gefahr. Und erzähl mir nicht, dass es anders wäre. Alleine, in der Winkelgasse zu wohnen, bringt dich in Gefahr, nicht wahr? Wie lange wollt ihr dort noch bleiben?"
„Mum hat schon einen Notfallplan ausgearbeitet", sagte er in beruhigender Tonlage, während er eine Hand um ihre Taille legte. Nur, dass seine Worte den gegenteiligen Effekt hervorriefen, als beabsichtigt.
„Notfallplan?!" Wenn Mrs. Weasley einen solchen Plan ausgearbeitet hatte, dann musste es in Britannien wirklich ernst zugehen. „Was bedeutet das?"
„Na, es heißt, dass sie Muriels Haus mit allen erdenklichen Schutzzaubern versehen haben und somit einen Ort haben, an dem wir uns verstecken können, wenn es wirklich brenzlig wird."
„Muriel?", wiederholte Stefanie ungläubig und sah ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Amüsement an. „Das kann nicht dein Ernst sein? Du willst wirklich lieber mit Muriel unter einem Dach wohnen, als hierher zu kommen und bei mir zu bleiben?"
„Das ist keine Frage des Wollens", wehrte er ab und schien erleichtert, dass sich in diesem Moment Stefanies Mutter zu ihnen gesellte, und ihn davor bewahrte, sich erklären zu müssen.
„Na, wie wars? Alles gut? Hat es sich gedreht? Schön, dass du auch noch gekommen bist, Fred", begrüßte ihre Mutter sie und Stefanie wandte sich ihr mit einem leicht gezwungenen Lächeln zu, während sie ihre Hand in Freds Arm krallte.
„Es hat sich nicht gedreht. Ich soll am Samstag ins Krankenhaus kommen und er will einen Kaiserschnitt machen."
„Dann seien wir einfach mal froh, dass du doch zu einem Arzt gegangen bist, obwohl Zauberer angeblich nie Probleme bei der Geburt haben", munterte ihre Mutter sie auf und Fred murmelte leise etwas wie: „Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es so viele bescheuerte Slytherins gibt. Sie sind bei der Geburt alle ein paar mal zu oft mit dem Kopf gegen den Beckenknochen gestoßen, bis man sie endlich rausbekommen hat."
Stefanie prustete und fühlte sich gleich besser.
Fred hatte schon die längste Zeit vorgehabt, an diesem Samstag nicht zu arbeiten. Mrs. Weasley hatte schon, als sie zum ersten Mal nach dem errechneten Geburtstermin gefragt hatte, angemerkt, dass Kinder nie dann kamen, wenn man sie erwartete und er sich am besten gleich eine ganze Woche freischaufeln sollte. So weit war er nicht gegangen, aber mit dem 30.11. als Termin hatte er nicht vorgehabt, am 29. noch zu arbeiten.
„Nicht, dass es sonderlich viel zu tun gäbe", meinte er in einem Nebensatz, während er ihr eigentlich erklärte, wie es dazu gekommen war, dass George ihm ein Mobile für Sophie mitgegeben hatte. Es handelte sich um einen Stern, der von sich aus zu leuchten schien und sich tatsächlich gut über dem Babybett machte. „Keine Kunden – keine Arbeit. Er hatte genug Zeit, das Teil zu basteln."
„Das macht es nicht weniger aufmerksam von ihm. Richte ihm meinen Dank aus, aber er kann auch gerne mal persönlich vorbeischauen. Ich habe ihn schon so lange nicht mehr gesehen, dass ich gar nicht mehr weiß, wie er aussieht."
Das entlockte Fred ein Lachen und er schulterte ihre Krankenhaustasche mit einem Grinsen. „Ich werds ihm ausrichten. Er hatte vor, nach der Geburt vorbeizuschauen, ich glaube, er will nicht das dritte Rad am Wagen sein."
Das konnte Stefanie sich auch gut vorstellen. Nachdem ihre Zeit mit Fred so wertvoll geworden war, wollte er diese möglicherweise einfach nicht stören.
Stefanies Eltern brachten sie zum Krankenhaus, denn es war eines jener Wochenenden, an denen keiner der beiden Dienst hatte. Es war insoweit praktisch, da Stefanies Vater ihr bei der Anmeldung helfen konnte und sie sich deswegen keinerlei Sorgen machen musste. Immerhin war das Krankenhaus praktisch seine zweite Heimat und er hatte keine Probleme, sich zurechtzufinden.
Stefanie wurde in ein Einzelzimmer gebracht – scheinbar verfügte sie über eine Zusatzversicherung, die ihre Eltern nie aufgekündigt hatten – und es dauerte nicht lange, bis Dr. Garret zu ihr kam.
„Wie passt dir 13 Uhr?"
„Seh ich so aus, als hätte ich heute noch nen anderen Termin?", fragte sie mit einem müden Lächeln, weil sie zunehmend nervös wurde.
„Wir holen dich also um 13 Uhr ab. Ich bevorzuge Vollnarkosen, aber für dich hat das den Vorteil, dass du umgeben von deiner Familie einschlafen kannst, die ganze Aktion verschläfst und dann wieder aufwachst, als wäre nichts gewesen."
Er erklärte ihr, dass sie zuerst ein mildes Beruhigungs-, dann ein Schmerzmittel und dann das Narkosemittel gespritzt bekommen würde. Nach letzterem würde sie einschlafen und die weitere Narkose, die über Atemmaske gasförmig zugeführt werden würde, weil es so leichter dosierbar war (er sprach von einer kürzeren Halbwertszeit des Gases) gar nicht mehr mitbekommen. Dann ließ er sie alleine.
„Du wirst doch da sein, wenn ich wieder aufwache, oder?", fragte sie Fred fast schon flehentlich.
„Sicher bin ich da. Wo sollte ich übrigens auch schon großartig hingehen?"
„Mach dir keine Sorgen, wir werden alle da sein", versicherte ihr Vater ihr und beruhigte sie damit so weit, dass sie der Vollnarkose entspannter entgegen sehen konnte. Wenigstens entkam sie so einer PDA, die, ihrer Mutter zufolge, über eine sehr große Nadel in den Rücken gespritzt wurde. Darauf konnte sie wirklich verzichten, da waren ihr die drei Nadeln in den Arm lieber.
Trotz dieser Versicherungen und den ihrer Beruhigung dienenden Erklärungen ihres Arztes, schlug ihr Herz heftig, als gegen 13 Uhr eine Krankenschwester zu ihr kam und sie nach ihrem besseren Arm fragte.
„Der Rechte", antwortete ihr Vater für sie, bevor sie überhaupt verstand, worum es eigentlich ging. Während die Krankenschwester ihre Ellbäuge zu desinfizieren begann, tastete Stefanie mit ihrer linken Hand nervös nach Freds.
„Denk an dein erstes Festmahl in Hogwarts", forderte er sie auf und gerade, als Stefanie sich gehorsam in Erinnerung rief, wie all das Essen gerochen hatte und was sie anhand des Überflusses empfunden hatte, spürte sie ein kurzes Stechen in ihrem rechten Arm. Sie wollte hinsehen, aber Freds freie Hand hielt sie davon ab und er fragte: „Neben wem hast du gesessen?"
„Neben dir", antwortete sie leise und lächelte. „Weil F vor G im Alphabet kommt. Du warst zuerst dran, also warst du zuerst neben mir."
Ein weiteres, kleines Stechen, dann gelang es ihr, einen Blick zu ihrem rechten Arm zu werfen. Sie sah eine Kanüle, die mit einer milchigen Flüssigkeit gefüllt war und ihr wurde klar, dass jetzt das Narkosemittel kommen musste. Rasch wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Fred zu. Sie wusste, dass ihr eigentlich nichts passieren sollte, aber in diesem Moment hatte sie trotzdem das Bedürfnis, ihm noch zu sagen: „Ich liebe dich. Und geh nicht weg."
Dabei war sie sich dessen bewusst, dass sie ihn nicht in den OP lassen würden. Er lächelte ihr trotzdem aufmunternd zu und gerade, als sie versuchte, sich daran zu erinnern, was sie bei ihrem ersten Willkommensfestmahl in Hogwarts gegessen hatte, schlief sie ein.
Als sie aufwachte, war es dunkel. Sie blinzelte einige Male verwirrt gegen das schwache Licht, das von dem Notfallschild über der Türe kam, und brauchte lange, bis ihr klar war, wo sie war, und was passiert war.
Ihre Hände tasteten nach ihrem Bauch und obwohl sie ihn immer noch spürte, war ihr klar, dass sie kein Baby mehr darin trug.
Wo waren alle? Warum war es dunkel? Wieso war sie alleine?
Sie setzte sich ein wenig im Bett auf und versuchte, sich soweit an die Dunkelheit zu gewöhnen, dass sie mehr vom Raum sehen konnte. „Fred?", fragte sie leise, bekam aber keine Antwort.
Ihre Eltern waren nicht da, ihr Freund war nicht da, ihr Baby war nicht da.
Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen und obwohl sie sich im selben Moment sagte, dass sie komplett überreagierte, fühlte sie sich verzweifelt genug, um zu weinen. Sie wollte aufstehen und Fred suchen gehen, musste aber feststellen, dass verschiedene Schläuche in ihren Körper gesteckt worden waren und sie irgendwie an einem Gestell neben dem Bett festhing.
Diese Erkenntnis machte sie vollends fertig und für ein paar Minuten saß sie aufrecht im Bett und weinte, bis sie sich soweit beruhigt hatte, dass sie den Notknopf neben dem Bett drückte, um die Schwester zu rufen. Irgendjemand sollte ihr gefälligst erklären, warum es schon dunkel war, wieso sie alleine war und wo um alles in der Welt ihr Baby geblieben war.
Es dauerte vielleicht zwei Minuten, bis sich die Türe öffnete und die Umrisse einer Krankenschwester darin erschienen.
„Fräulein Galen?"
„Ja?"
Die Bestätigung genügte der Frau, um das Licht anzuschalten und nachdem Stefanies Augen sich daran gewöhnt hatten, sah sie, dass Fred der Schwester gefolgt war.
„Hi, wie fühlst du dich?", fragte er leise und ging neben ihrem Bett in die Hocke, sodass sie auf Augenhöhe waren.
„Warum warst du nicht da?" Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme anklagend klang. „Du hast versprochen, dass du da sein würdest, wenn ich aufwache."
„Schatz, ich war doch da." Er drückte ihre Hand und lächelte leicht. „Du kannst dich nicht erinnern, oder? Dein Vater meinte, dass die meisten das erste Aufwachen vergessen und denken, sie wachen zum ersten Mal auf, wenn es eigentlich schon das zweite Mal ist. Du warst noch ein bisschen unter Drogen und hast etwas von Schokoladenkuchen geredet. Und dann bist du einfach wieder eingeschlafen."
„Oh", machte Stefanie und grinste schwach. Natürlich war er da gewesen, wie hatte sie nur je daran zweifeln können? „Tut mir Leid… wie geht es Sophie?"
„Gut, es geht ihr gut." Er fuhr mit seinem Daumen immerwährend über ihren Handrücken, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Sie ist auf der ..." Er warf einen hilfesuchenden Blick zur Krankenschwester. „Babystation?", fragte er probeweise und Stefanie sah, dass die Frau lachte.
„Sozusagen. Ich kann sie aber holen, wenn ihr wollt."
Und schon war sie verschwunden und hatte sie alleine gelassen. „Wie spät ist es?", fragte Stefanie leise und versuchte wieder, sich aufzurichten.
„20 Uhr. Die Operation verlief unkompliziert, aber natürlich durften wir nicht dabei sein. Wir durften Sophie sehen, während sie dich zusammengenäht haben. Dann warst du im Aufwachzimmer und wir waren bei dir, bis du wach wurdest und wieder eingeschlafen bist. Danach hat dein Vater uns dazu getrieben, vielleicht doch etwas essen zu gehen. Deine Eltern sind nach Hause gefahren, aber ich habe mich mit mehreren der Angestellten gut gestellt und herausgeschlagen, dass sie mich informieren, sobald du wieder wach bist und nichts dagegen haben, wenn ich die ganze Nacht im Stationswartebereich verbringe."
„Du willst auf einem dieser Sessel schlafen?", fragte sie mit großen Augen und dachte mit einem Hauch von Unwohlsein an die kaum bequemen Wartesessel, die an jedem Stationseingang standen.
„Ich habs in Betracht gezogen. Da du jetzt schon wach bist, kann ich vielleicht doch zu dir nach Hause gehen und in einem Bett schlafen. Aber ich habe drei Muggelzeitschriften über Babys und Elternschaft durchgelesen und jetzt fühle ich mich jeder Herausforderung gewachsen. Und Schwester Greta – ich darf sie so nennen, weil ich ihren Namen so schön ausspreche, sagt sie – hat mich mitgenommen, als sie sich um Sophie gekümmert hat."
„Wie sieht sie aus?" Stefanie fühlte sich bereits jetzt wieder müde, obwohl sie aufgekratzt war und es schrecklich bereute, all das verschlafen zu haben.
„Schwester Greta? Mach dir keine Sorgen, Liebes, die ist über fünfzig Jahre alt und verheiratet."
Das entlockte ihr ein leises Lachen. „Ich rede doch nicht von der Krankenschwester! Wie sieht Sophie aus?"
„Schwester Greta hat uns versichert, dass sie das hübscheste Baby wäre, das sie je gesehen hat und sie hätte schon so viele gesehen, dass auf ihre Meinung ruhig etwas gegeben werden darf. Ich gehe zwar davon aus, dass sie das jedem sagt, aber … Sie hat blaue Augen, die sie von keinem von uns geerbt haben kann. Allerdings lagern sich die Pigmente wohl noch ein? Zumindest hat dein Vater was in die Richtung gesagt, dass alle Babys blaue Augen hätten, außer die sehr dunklen. Haare hat sie nicht wirklich, nur einen Flaum, und die sind sicher nicht rot."
„Die Chance, dass sie rotes Haar bekommt, ist nicht sehr hoch", gab Stefanie vorsichtig zu bedenken und drückte seine Hand. „Ich weiß, ihr seid alle rothaarig, aber eure Eltern waren es auch beide und eure Großeltern auch und deren Eltern… In meiner Familie hat keiner rotes Haar, sie wird also wahrscheinlich blond werden, vielleicht sogar schwarzhaarig, wie Marie und meine Mutter."
Er schmunzelte, bevor er in gespielter Nachdenklichkeit nachhakte: „Sag Schatz, welche Haarfarbe hat noch einmal unser Postbote…?"
„Du bist unmöglich!", entfuhr ihr und sie verdrehte die Augen zur Decke. „Wenn ich mich nicht so schwach fühlen würde, würde ich dich für diese Aussage zumindest kitzeln."
„Verschieben wir das auf einen anderen Zeitpunkt. Ich werde mich zurückhalten und keine unfairen Aussagen mehr machen, bis du sie mir nicht angemessen zurückzahlen kannst", murmelte er leise und drückte ihr einen Kuss auf den Mund. Sie schloss ihre Augen und genoss seine Nähe, bis sie das Öffnen der Türe hörte und sich, in der Erwartung, zum ersten Mal ihre Tochter zu halten, ein wenig aufsetzte.
„Sooo, da haben wir die Kleine." Die Schwester warf einen raschen Kontrollblick auf die Aufnahmenummer, die an Stefanies Bett angebracht war und verglich sie mit der Nummer auf dem Armband des Babys.
„Stell dir vor, die hätten sie vertauscht", scherzte Fred leise und musste wohl daran denken, wie die Muggeleltern wohl reagieren würden, wenn Sophie dann irgendwann magische Fähigkeiten zeigen würde.
„Du hast sie doch direkt danach in den Händen gehalten – würdest du sie nicht wiedererkennen?"
„Lass sehen..." Fred war aufgestanden, um der Krankenschwester seine Tochter abzunehmen. Stefanie konnte sehen, dass er die Stunden, in denen sie geschlafen hatte, tatsächlich gut genutzt hatten, denn er zeigte keinerlei Zögern darin, wie er ein Baby tragen musste.
„Nein, das ist genau dasselbe Baby, das sie mir vorher auch in die Hände gedrückt haben", stellte er fest und legte es ihr sehr vorsichtig in die Hände. Stefanie war froh darüber, in einem Bett zu liegen, damit sie das Baby nicht versehentlich fallen lassen konnte, oder der Fall zumindest nicht sehr tief wäre. Sie achtete darauf, den Kopf zu stützen und blickte mit einer Mischung aus Faszination und Bewunderung hinunter auf das Gesicht der Neugeborenen. Sie schlief, aber dennoch konnte Stefanie Schwester Greta nur zustimmen, dass es sich um ein wirklich hübsches Baby handelte. Niemand hätte sie ansehen können, ohne sie entsetzlich süß zu finden, und wäre sie nicht ihr eigenes Kind gewesen, hätte ihr Anblick in ihr definitiv das Bedürfnis, nach einem eigenen Kind ausgelöst. Aber sie konnte keine Worte finden, um all diese Gefühle in Worte zu fassen. Stattdessen sah sie sie einfach nur an, bevor sie Fred das strahlendste Lächeln schenkte, das er je bei ihr gesehen hatte.
