150. Das erste Weihnachtsfest

Am nächsten Tag bekam Stefanie Besuch. Sie war gerade dabei, Sophie zu halten, in Freds Beisein, und sich von ihm erzählen zu lassen, wie leicht es war, Freude unter die Angestellten zu bringen, indem man ihnen Essen brachte.

„Vielleicht sollte ich später wiederkommen?"

Stefanie blickte überrascht zur Türe, als sie Freds Stimme doppelt hörte und ihr Blick hellte sich weiter auf, als sie George sah. „Hi, ich wusste nicht, dass du heute kommen würdest! Es ist so schön, dich zu sehen! Komm rein!"

„Reicht mein Anblick dir neuerdings nicht mehr?", fragte Fred ohne jeden Ernst und ihr blieb nur, zu erwidern: „Ach, deine Perfektion ist auf Dauer zu nervenaufreibend. Es ist eine wohltuende Abwechslung, George mit seinem fehlenden Ohr anzusehen."

„Dieses fehlende Ohr hat mir bereits das eingebracht", sagte George, während er ans Bett trat und hielt einen Zettel hoch, auf dem eine Telefonnummer stand. „Ich bin nur nicht sicher, was ich damit machen soll."

Aber er schien keine Antwort zu erwarten, denn seine Aufmerksamkeit hatte sich inzwischen auf seine Nichte geheftet und Stefanie musste lächeln, als sie den Ausdruck in seinen Augen sah.

„Willst du sie halten?", bot sie an und Fred schien grenzenloses Vertrauen in seinen Bruder zu haben, denn er zögerte nicht, ihm das Kind in den Arm zu legen.

„Ist euch schon der Gedanke gekommen, dass ihr beide dieses Kind ... kreiert habt? Übrigens bin ich nicht alleine gekommen", sagte George, nachdem er Sophie kurz gehalten, sie dann aber wieder zurück zu Stefanie gegeben hatte. „Nur sind wir in der Eingangshalle auf deine Eltern getroffen. Zumindest haben sie behauptet, deine Eltern zu sein. Meine Verwandtschaft zu Fred konnte ich kaum abstreiten, also … Auf jeden Fall fanden sie es wohl interessanter, sich kennen zu lernen, bevor sie zu euch kommen."

„Sag bloß, Mum ist hier?", fragte Fred ein wenig ungläubig nach. Ungläubig vermutlich deshalb, weil er seiner Mutter wohl nicht zugetraut hatte, über den Ozean zu apparieren.

„Dad auch", erwiderte George freundlich und Fred pfiff anerkennend durch die Zähne.

„Scheinbar setzt so ein Baby neue Kräfte in Mum frei. Ich hätte nicht gedacht, dass sie diese Strecke auf sich nehmen würde."

Es dauerte auch nicht mehr lange, bis diese Kräfte Mrs. Weasley in Stefanies Krankenzimmer trieben. Ihr folgten ihr Ehemann und Stefanies eigene Eltern, obwohl diese der Ansicht waren, dass zu viele Leute der Sache den Reiz raubten und gleich wieder gingen, um einen Kaffee in der Krankenhauskantine zu trinken.

„Stephanie! Wie fühlst du dich? Geht es euch gut?"

Es war offensichtlich, dass ihre Eltern den Weasleys von dem Kaiserschnitt berichtet hatten, denn Mr. Weasley trug jenen Gesichtsausdruck der Neugierde zur Schau, der darauf hindeutete, dass er diesen Muggeleingriff höchst spannend fand.

„Es geht mir gut", versicherte Stefanie ihr, denn was sie im Moment am meisten in Sorge versetzte, war lediglich das Ergebnis der Wage, die sie morgens über sich ergehen hatte lassen müssen. Zwar hatte sie auch durch die Geburt an Gewicht verloren, aber war natürlich nicht durch Zauberhand wieder zu ihrem Ursprungsgewicht zurückgekehrt. Stefanie war es nicht gewöhnt, sich über ihre Figur Gedanken machen zu müssen. Sie hatte in ihrem Leben nie einen Moment erlebt, in dem ihr eine Hose nicht mehr gepasst hätte und sie fühlte sich mit den Schwangerschaftspfunden gar nicht wohl. Natürlich wusste sie, dass es normal war und sie es früher oder später wieder los werden würde, hoffte aber stark auf früher und hätte am liebsten sofort damit angefangen, Sport zu machen. Leider hatte ihr die Krankenschwester das angesehen und ihr noch einmal eingeschärft, dass sie eigentlich sechs, besser acht Wochen keinen Sport machen durfte. Stefanie hatte nicht vor, sich daran zu halten. Sie würde vier lange Wochen warten, dann das verbliebene Narbengewebe mit Magie heilen und wieder mit dem Sport anfangen. Das hatte sie der Schwester natürlich nicht gesagt und auch sonst niemandem. Fred hätte dafür kein Verständnis – seine Sorge um ihre Gesundheit, und dass sie es übertreiben könnte, wäre viel zu groß. Sie war sie sich ziemlich sicher, dass ihr jeder sagen würde, sie solle es ruhiger angehen und ihrem Körper Zeit geben, sich zu erholen. Nun, sie hatte ja auch vor, ihm Zeit zu geben – einen Monat nämlich. Außerdem mussten all diese Leute ja nicht in ihrem Körper leben. Sie lebte darin und wenn sie sich nur wohl darin fühlte, wenn sie ihre alte Figur zurück hatte, dann war das eben so. Und sie hatte ja auch nicht vor, sich zu etwas zu zwingen. Ihr Körper würde ihr schon sagen, wo ihre Grenzen lagen und die würde sie dann auch nicht überschreiten.

Stefanies Überlegungen in diese Richtung hatten Mrs. Weasleys Begeisterungsbekundungen zu ihrem ersten Enkelkind an ihr vorüberziehen lassen, aber sie war sich ziemlich sicher, dass nichts allzu wichtiges gesagt worden war.

„Oh, ich wünschte, ihr könntet Weihnachten bei uns feiern – wie schön wäre es, wenn die ganze Familie beisammen wäre! Und Ginny und Ron würden Sophie sicher auch gerne kennenlernen! Wir müssen zumindest ein Foto für sie machen, Arthur hat extra einen Fotoapparat aufgetrieben. Er konnte es nicht lassen und musste ein bisschen daran herumschrauben – es kann also sein, dass er nicht funktioniert, aber ihr kennt ihn ja..."

„Was sagt Muriel eigentlich zu der frohen Nachricht?", erkundigte Fred sich harmlos und Stefanie warf ihm einen amüsierten Seitenblick zu. Er hatte sie zwar nicht aus Prinzip geheiratet, aber die Blutlinie mit ihr zu verwässern, war ja eigentlich noch schlimmer.

„Oh, Muriel", begann Molly und ein Hauch von Röte schlich sich in ihre Wangen.

„Deine Großtante Muriel ist die Furie, die sie schon immer war, und sie hat dich enterbt. Aber nachdem sie das schon vor fünfzehn Jahren getan hat, soll dich das nicht kümmern", warf Mr. Weasley ein und Fred grinste.

„Arthur!"

„Hätte ich nicht Furie sagen sollen? Aber du weißt, dass sie sich wie eine aufgeführt hat, als du es ihr gesagt hast. Du selber hast es erzählt."

„Ja, aber das heißt doch nicht, dass du es gleich so weitergeben musst", murmelte sie leise und noch mehr Röte war in ihre Wangen gestiegen.

„Muriel zu erfreuen, war ja nicht unser Ziel", warf Stefanie hastig ein, um keine eheliche Verlegenheit aufkommen zu lassen. „Und streng genommen ist Sophie ja keine Weasley, sondern eine Galen."

„Nun, ja… natürlich." Molly schenkte Stefanie ein Lächeln, ehe sie Fred einen bösen Blick zuwarf, der ihm wahrscheinlich mitteilen sollte, dass dieser Umstand alleine seine Schuld wäre, weil er Stefanie nicht rechtzeitig geheiratet hatte.

„Das konnte Muriel nicht trösten. Im Gegenteil, sie hat sich, nachdem Molly ihr das gesagt hat, eingehend über Freds Charakter ausgelassen."

„Besser, als über meine Erziehung, damit hätte sie immerhin Mum beleidigt."

„Nun, reden wir nicht mehr davon", warf Mrs. Weasley ein und lächelte leicht gezwungen. „Meine Tante Muriel ist eben… Muriel. Lasst uns lieber über erfreulichere Dinge sprechen. Dazu haben wir auch genug Anlass."

„Ja, wir waren gerade bei Weihnachten, nicht wahr? Natürlich würde niemand mit einem Baby über eine so weite Distanz apparieren, selbst wenn die Dinge anders liegen würden", kam Mr. Weasley dem Wunsch seiner Frau nach einem Themenwechsel nach und so sehr Stefanie es auch bedauerte, so war doch klar, dass sie die Feiertage dieses Jahr getrennt verbringen würden.

Natürlich blieben die Weasleys nicht Stefanies einzige Besucher, sie waren nur die, deren Besuch sie am meisten überraschte. Daniel, Maggie und Andreas kamen auch und da Daniel einen Bauernhof in der Umgebung erworben hatte und gedachte, ihn zu renovieren, lag es auf der Hand, dass sie sich auch in Zukunft nicht so leicht aus den Augen verlieren würden. Stefanie wurde recht bald entlassen, denn es hatte keinerlei zusätzliche Komplikationen gegeben und gab keinen Grund, sie allzu lange medizinisch betreuen zu lassen. Und allzu schnell mussten sie in den Alltag zurückkehren. Für die nächsten Wochen gelang es Fred, wie auch immer er es anstellte, jede Nacht bei ihr zu verbringen.

Das Stillen zehrte. Stefanie hatte mehr Hunger als früher, aber bemühte sich redlich, ihn nur mit gesunder Nahrung zu stillen, sich ausgewogen zu ernähren und den Zucker, wenn möglich, wegzulassen. Sie wurde bald dafür belohnt und verlor schneller an Gewicht, als sie, da sie ja keinen Sport machen durfte, erwartet hatte. Das trug maßgeblich dazu bei, dass sie sich rasch wieder wohl in ihrem Körper fühlte und nicht mehr so viele Gedanken daran verschwendete.

Der Dezember war von jeher einer der Monate gewesen, die Stefanie am liebsten hatte. Schon als kleines Kind war die Adventszeit für sie etwas besonderes gewesen und obwohl sie viele Menschen kannten, für die Weihnachten mit dem Heranwachsen an Zauber verloren hatte, so gehörte sie nicht dazu. Natürlich glaubte sie nicht mehr an das Christkind und an den Weihnachtsmann sowieso nicht, aber sie konnte trotzdem kindliche Freude empfinden, wenn sie an all die wunderbaren Dinge dachte, die das Fest mit sich brachte. Dieser Advent verging um einiges schneller, als all die Jahre zuvor und Stefanie erschien es, als hätte sie kaum eine ruhige Minute, um Kekse zu backen. In den ersten Tagen war Sophie sehr brav. Sie schlief eigentlich die ganze Zeit und wenn sie wach war, dann wollte sie etwas Trinken. Sie brüllte aber nie, sondern gab nur ein süßes Glucksen (Krächzen, sagte Chris, der wenig für Babys übrig hatte) von sich. Sobald sie begann, ihre Umgebung wahrzunehmen, hefteten ihre Augen sich auf dieses oder jenes und besonders gerne hatte sie den funkelnden Stern, den George ihr geschenkt hatte. Wie ein Mobile hing er über ihrem Bett und glitzerte viel schöner, als Muggeldinge es gekonnt hätten.

Stefanie bekam eine Karte von Miles Bletchley, in der er ihr gratulierte. Es war offensichtlich, dass er sie auf gut Glück ausgesendet hatte, denn niemand hatte ihm von der Geburt berichtet. An Miles zu denken, erinnerte Stefanie wieder daran, dass sie noch eine Großmutter hatte und sie überlegte eine Weile, ob sie ihr denn schreiben sollte, entschied sich aber dagegen. Wenn ihre Oma sich wirklich für sie interessieren würde, dann hätte sie sich in den letzten zwei Jahren einmal bei ihrem Sohn gemeldet. Sie hatte ihm ja nicht einmal gesagt, dass sie das Land verlassen hatte! So gesehen verdiente Abigial es nicht besser, als dass ihr ihre Urenkelin vorenthalten wurde. Zumindest würde Stefanie sicher nicht den ersten Schritt machen und ihre Oma fragen, ob sie sie denn besuchen wollte. Irgendwann würde der Frau schon wieder einfallen, dass sie noch Familie auf dem Kontinent hatte und dann würde sie schon merken, dass diese sich inzwischen vergrößert hatte.

Fred kam am 20. Dezember mit der Absicht, über Weihnachten zu bleiben, zu ihnen, am selben Tag, wie Marie. Sie backten Kekse und schlägerten einen Baum, den sie dann durch den hohen Schnee bis zum Haus zogen und schmückten. Sie besuchten außerdem Daniel und Maggie, die allerdings noch nicht in ihrem neuen Haus wohnen konnten. Zwar waren sie weit gekommen, aber es fehlten noch einige unerlässliche Dinge wie eine Heizung oder Warmwasser. Natürlich hatten die beiden, und auch Andreas, die kleine Sophie schon dutzende Male besucht und bewundert, aber gemeinsam mit Marie ergab es eine recht lustige Runde, und sie hatten mehr Spaß, als Stefanie erwartet hatte als Mutter haben zu können.

„Übrigens habe ich ein Foto von Fabienne mitgebracht. Ich wollte es schicken, aber dann war es zeitlich auch schon egal." Marie zauberte eine Fotografie aus ihrer Tasche hervor, die sie neben der Französin zeigte. Die beiden Mädchen winkten fröhlich in die Kamera, im Hintergrund war ein Schloss zu sehen, das wirklich beeindruckend aussah. Es war leicht, sich vorzustellen, dass man sich darin wie eine Prinzessin vorkam und über die düsteren Mauern Hogwarts' die Nase rümpfte.

Fabienne war ein wenig größer als Marie, sie war schlank und sah wirklich nett aus. Ihr Haar allerdings war nicht rot, sondern eher honigfarben. Vielleicht konnte man es, mit viel Fantasie und wenn die Sonne richtig hinein fiel, noch als erdbeerblond bezeichnen, aber auf die Idee kam Stefanie nur, weil sie nach rotem Haar suchte. Ihre Augen waren blau, anders als die grünen oder teils auch braunen Augen der Weasleys und sie hatte definitiv keine Prewett Nase.

Stefanie gab ein leicht unzufriedenes Geräusch von sich und zeigte Fred das Foto. „Was meinst du? Irgend ein Hauch von Ähnlichkeit zu Gideon?"

Fred nahm das Foto an sich und besah es sich mit gerunzelter Stirn. „Ehrlich gesagt nicht. Aber ich werde Dad das Foto zeigen, er weiß ja, wie Grace ausgesehen hat. Vielleicht hat sie eben nichts von Gideon geerbt und sieht ihrer Mutter ähnlich."

„Aber sieh zu, dass es deine Mum nicht sieht. Nicht, dass sie sich aufregt..."

Er steckte das Foto weg und verdrehte die Augen. „Ich werd das schon machen. Außerdem wird Mum sich in nächster Zeit sowieso nur Fotos von Sophie ansehen."

Zu Weihnachten selber kam auch Stefanies Bruder (er hatte sie und das Baby zwar ebenfalls schon besucht, aber war nicht lange geblieben) und brachte Claudia mit.

Sophie schlief in ihrem Gitterbett, dass neben der Treppe stand, Stefanie und Fred waren damit beschäftigt, den Baum zu schmücken, während Marie und ihre Mutter in der Küche standen und das Weihnachtsessen bereiteten. Chris und Claudia waren in den Ställen und kümmerten sich um die Pferde, während Stefanies Vater auf dem Sofa saß, eine riesige Tasse voll dampfenden Tee vor sich, und zufrieden seine Familie beobachtete.

„Das ist dein erstes Weihnachten ohne George", bemerkte Stefanie, während sie sich auf die Zehenspitzen stellte, um einen Strohstern auf einen höher gelegenen Ast zu bugsieren.

Eine Platte mit Weihnachtsliedern war aufgelegt worden und im Hintergrund erklangen leise deutsche Weihnachtslieder. Der Duft von Zimt lag in der Luft, prominenter als der Geruch des Essens, das gerade zubereitet wurde, denn ein Teller mit Keksen lag direkt in Freds Reichweite.

„Jetzt wo du es erwähnst." Er griff nach einem Zimtstern und steckte ihn sich in den Mund.

Sie wusste, dass sie es nicht erst hatte erwähnen müssen. Vermutlich war George sein erster Gedanke gewesen, als er überlegt hatte, wo er das Fest feiern sollte.

„Eigentlich", fuhr Stefanie fort und keuchte leicht vor Anstrengung, weil sie sich so weit strecken musste, um den nächsten Stern aufzuhängen, „Ist es auch mein erstes Weihnachtsfest ohne ihn, seit ich 11 war! Es kommt mir vor, als wären wir seitdem immer zusammen gewesen."

Es gelang ihr, den Strohstern dorthin zu bekommen, wo sie ihn haben wollte und zufrieden kam sie zurück auf den Boden. Sie stemmte ihre Hände in die Hüfte und musterte ihr Werk.

„Wir waren auch praktisch immer zusammen", erwiderte Fred und trat hinter sie. Sie spürte seine Hände um ihre Taille und lehnte sich zurück.

„Es fehlt vielleicht noch ein Gnom als Weihnachtsengel", gab Fred gerade zu bedenken und Stefanie musste lachen. „Ja, das könnte dir so gefallen, nicht wahr?"

„Worüber redet ihr?", fragte Marie, die in diesem Augenblick zu ihnen getreten war. Sie war nicht ganz leicht zu verstehen, denn in ihrem Mund war ein ziemlich großer Lebkuchen, aber jahrelange Erfahrung hatte Stefanie gelehrt, kleine Schwestern zu durchschauen.

„Darüber, dass es sein erstes Weihnachten ohne George ist."

Das brachte Marie dazu ihren Mund zu verziehen. „Du Armer. Ich bin auch von Anthony weg, wenn dir das ein Trost ist."

„Ich versuche, stark zu sein", versprach Fred mit lachender Stimme, aber Marie schlang ihre Arme um ihren Körper und wirkte auf einmal ein wenig nachdenklich.

„Er hat dieses Jahr seine UTZs." Sie schluckte. „Und ich bin nicht da."

„Dann kannst du ihn wenigstens nicht ablenken", tröstete Stefanie sie und beobachtete, wie ein dunkler Schatten über Mariechens Gesicht zog, als würde sie einem düsteren Gedanken nachgehen. Es war untypisch für ihr fröhliches Gemüt, sich irgendwelche Sorgen zu machen und es erstaunte Stefanie einigermaßen. Immerhin war sie jetzt schon ein halbes Jahr weg und angesichts ihrer Briefe hatte Stefanie angenommen, dass sie ganz gut darüber hinweg gekommen war. Natürlich, es war sicher nicht einfach, ihren Freund solange nicht zu sehen, vor allem, wenn es dort wo er sich aufhielt so gefährlich war, aber immerhin war sie in Sicherheit. Doch der Moment ging vorbei und nach einer kurzen Pause zuckte ihre Schwester einfach mit den Schultern.

„Ja. Aber wechseln wir bitte das Thema, ich mag zu Weihnachten nicht an solche Sachen denken." Stefanie war vermutlich kein sehr empathischer Mensch. Es fiel ihr schwer, zu sehen, was in ihrer Schwester vorging, obwohl sie selbst ähnliche Zweifel durchgestanden hatte. Auch sie war in Sicherheit, während ihre Freunde in Gefahr waren. Ging es um sie selbst, konnte sie klar sehen, betrachtete sie aber die Lage ihrer Schwester, dann sah sie nur ihre eigene Erleichterung, sich zumindest um Marie keine Sorgen machen zu müssen.

„Okay", begann Fred, um ihr den Gefallen zu tun, „hast du schon alle Geschenke?"

Wie erwartet brachte sie das zum Lachen. „Widerlicher Mensch!", kicherte sie. „Natürlich habe ich schon alle Geschenke! Wie sieht es denn bei euch aus? Steffi, du musst jetzt ja wirklich genug Zeit gehabt haben, um einzukaufen."

Stefanie verzog ihren Mund zu einer leichten Grimasse und wog ihren Kopf hin und her. „Ja und nein. Ich hatte zwar Zeit, aber Sophie wollte immer irgendetwas und wenn nicht sie, dann habe ich im Haushalt geholfen und in meiner freien Zeit habe ich Daniel und Maggie geholfen und… naja, das Ende vom Lied ist, dass ich zwar für alle ein Geschenk gefunden habe, aber nicht von mir behaupten kann, dass der große Knüller dabei wäre."

„Du wirst von jedem Babysachen bekommen", gab ihre kleine Schwester zu bedenken. „Ich glaube, dass du niemandem ein super tolles Geschenk schenken musst, wenn sie auch nicht mehr an dich denken, sondern nur noch an Sophie."

„Ich denke an dich", begehrte Fred auf und kniff sie in die Seite. „Und von mir bekommst du auch keine Babysachen."

Diese Aussicht veranlasste Stefanie dazu, ihn entzückt zu küssen.

Am Abend ging die versammelte Gesellschaft in die Kirche. Es war keine sehr große Kirche, aber sie musste ja nur für eine recht kleine Gemeinde dienen und war an den Sonntagen auch nicht ganz so gut gefüllt, wie zu Weihnachten oder Ostern. Dieses Mal begleitete Stefanie ihre Familie ja schon von Beginn an und ergatterte so leicht einen Sitzplatz. Der Preis dafür (fast eine Stunde zu früh dort zu sein) wurde mit leichtem Murren ertragen, aber im Endeffekt wagte keines der jüngeren Mitglieder der Gesellschaft, zu rebelliere. Außerdem konnten sie nun immerhin ganz vorne sitzen und würde eine wirkliche gute Aussicht auf das Krippenspiel haben. Sophie hielt Stefanie in ihren Armen, während der Kinderwagen sehr platzeinnehmend einfach neben der Bank stand und einen wertvollen Stehplatz blockierte. Es trug zu Freds Amüsement bei, zu beobachten, wie eine unsympathisch wirkende alte Dame, die selbst ebenfalls einen Sitzplatz hatte, immer wieder böse zu dem Kinderwagen starrte und sich lautstark bei ihrem Nachbarn darüber aufregte, was manchen Leuten eigentlich einfiel, dass sie jemandem die Sicht raubten, weil sie ihren Kinderwagen nicht draußen stehen lassen würden. Zwar sprach sie Deutsch und Fred sollte es eigentlich nicht verstehen können, aber sein Grinsen, das wie mit einem Dauerklebefluch angehext zu sein schien, wann immer er einen Blick aus den Augenwinkeln zu besagter Dame warf, brachte Stefanie darauf, dass er sich ein sehr gutes Bild von dem, was sie sagte, gemalt hatte.

„Muriels gibt es immer", bemerkte sie mit einem Grinsen, das er bereitwillig erwiderte.

„Du hast meine Gedanken gelesen. Ich habe mir außerdem gerade überlegt, ob die Arme es wohl schon überwunden hat, einen Enkel mit, wie sagte sie gleich? Achja – verwässertem Blut, zu haben."

„Ich hoffe, dass es für dich nicht mehr Auswirkungen haben wird, als dass sie dich enterbt hat", murmelte Stefanie leise und musste an Mrs. Weasleys Notfallplan denken.

„Ich auch." Er lehnte sich zurück und kreuzte seine Knöchel übereinander. „Mum und Dad sind nämlich wirklich in der Planung, in Muriels Anwesen zu übersiedeln. Ich hoffe aber, dass es noch nicht so schnell dazu kommen wird, wirklich dorthin zu ziehen. Natürlich, Muriel mag zwar eine Schreckschraube sein, aber eins muss man ihr lassen: Ihr Familiensinn geht tief genug, um bereit zu sein, uns bei sich zu verstecken."

„Ich nehme an, dass es nichts bringt, den Fuchsbau zu schützen, nachdem er bei Todessern allgemein bekannt ist."

Er verzog sein Gesicht zu einer gequälten Grimasse. „Sehr richtig. Auf Muriel würden sie nicht kommen. Sie ist niemand, den man auf den Schirm hat, weil sie recht zurückgezogen lebt und in den letzten 50 Jahren nicht von sich reden gemacht hat. Wenn sie merken werden, dass wir weg sind, werden sie vielleicht verschiedene Orte in Betracht ziehen, aber selbst wenn sie an sie denken, wird ihr Haus schon lange unsichtbar und unerreichbar für sie sein."

„Aber dann ist es ja ziemlich gefährlich noch zu arbeiten…", begann Stefanie vorsichtig, obwohl es beinahe ein Tabuthema war, über die Offenhaltung des Ladens zu reden.

„Arbeiten ist nie gefährlich", schnaubte Fred. Er hielt kurz inne und stellte spöttisch fest: „Das gerade ich das einmal sagen werde." Dann wurde er aber wieder ernst und seufzte. „Nein Liebling, den Laden werden wir bald nicht mehr aufsperren. Ob direkt nach Weihnachten, oder ein wenig später, wissen wir noch nicht genau. Leider ist es wirklich zu gefährlich geworden. Aber wir werden einen Postversand machen und Untergrund;" er brach ab und biss sich auf die Lippen, doch zu spät. Stefanie hatte genug gehört und das Wort „-Arbeit", anzufügen, erforderte nun wirklich keine überlegene Geisteskraft mehr.

„Ihr wollt also im Untergrund gegen…", sie räusperte sich, „Du-weißt-schon-wen arbeiten? Das kommt mir nicht weniger gefährlich vor, als den Laden offen zu lassen, aber ich vermute, dass du es mir deshalb nicht erzählen wolltest."

Er machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber in diesem Moment ertönte die Glocke, die den Beginn der Messe ankündigte, und die Orgel begann „Es ist ein Ros entsprungen", zu spielen.

Stefanie warf Fred einen vielsagenden Blick zu, ließ das Thema aber gezwungenermaßen fallen und lugte in das Liederbuch, das Fred hielt, nachdem ihre Hände mit Sophie besetzt waren. Sie hatte schon als Kind in der Weihnachtsmette nie wirklich durchgehend aufgepasst, weil ihre Gedanken immer schon voller Vorfreude beim Weihnachtsfest lagen. Vor zwei Jahren, als sie das letzte Mal hier gewesen war, hatte sie an nichts anderes, als an diesen Kuss denken können und nun drehten ihre Gedanken sich um ihre Sorge um Fred. Wenn er und George mit ihren Eltern bei Muriel untertauchen würden, wären sie zumindest in Sicherheit. Aber stellte es dann nicht ein Risiko dar, sie alle zu verraten, wenn er nach wie vor zu ihr kam? Immerhin lag ein Schutz gegen das Apparieren auf dem Haus und er musste die geschützte Zone verlassen, wenn er es tun wollte.

Dass er einfach zu ihr nach Österreich kommen könnte, war zwar ihr Lieblingsgedanke, aber nichts, was sie wirklich in Betracht zog. Er würde es nicht tun. Zwar wusste sie, dass er sie liebte und nichts lieber täte, als immer bei ihr zu sein, aber er war viel zu ehrenhaft, loyal und mutig, um den Rest seiner Familie einfach allein zu lassen. Zwar gab es hier genug Platz um sämtliche Weasleys aufzunehmen, aber Stefanie kannte die Familie gut genug, um zu wissen, dass sie es nicht wollen würden. Sie wollten kämpfen. Das war zwar genau die richtige Einstellung, aber da Stefanie selber durch Sophie nicht in der Lage war, ihren Beitrag beizusteuern, kam sie nicht um den Wunsch herum, die anderen auch in Sicherheit wissen zu wollen. Sophie regte sich und der beruhigende Gedanke, dass zumindest sie fernab aller Gefahren war, hob Stefanies Stimmung ein klein wenig.

Als sie sich setzten, drückte Fred ihren Arm und suchte ihren Blick. Sie wusste, dass er den Abend nicht durch diese Meinungsverschiedenheit verderben wollte. Also schmiegte sie sich enger an ihn, um zu signalisieren, dass sie durchaus nicht vorhatte, das Fest mit mieser Stimmung zu ruinieren und versuchte, sich fortan auf das zu konzentrieren, was der Priester sagte. Sie bewunderte die Kinder beim Krippenspiel, lauschte den Klängen der Weihnachtslieder und folgte schließlich höchst motiviert der Aufforderung des Priesters, nun nach Hause zu den Geschenken zu gehen. Sophie wurde in ihren Kinderwagen gesteckt und dick mit Decken und einer Mütze eingepackt, ehe sie sich wieder hinaus in die Kälte wagten. Stefanie trug ihren schon einige Jahre alten Wintermantel, während Fred sich erst vor kurzem einen neuen gekauft hatte. Offenbar hatte der Alte den Anforderungen, die der österreichische Winter an ihn gestellt hatte, nicht gerecht werden können.

Und während die anderen noch einen Abstecher zum Friedhof machten, schlenderten Stefanie, Fred und ihre Mutter gemütlich nach Hause. Noch nie hatte sie eine so passable Ausrede gehabt, nicht zum Friedhof mitgehen zu müssen, aber Sophie konnte wirklich nicht so lange in der Kälte bleiben. Ihre Mutter begann, gemeinsam mit Fred den Tisch zu decken und das Essen herzurichten, während Stefanie sich rasch mit Sophie in eine stille Ecke zurückzog, um sie zu stillen. Danach schlich sie sich hinauf in ihr Zimmer und holte ihre Geschenke unter dem Bett hervor. Es waren nicht wirklich viele, aber sie hatte Hausschuhe für ihren Vater bestickt (er schätzte mit Liebe gemachte Dinge sehr), ihrer Mutter einen Reiseführer für England, damit sie sie auch einmal besuchen kam (sofern sich die Sache mit Voldemort zum Guten wenden sollte), Mariechen ein paar hoffentlich stylischer Schuhe und ihrem Bruder und Claudia ein sehr langweiliges Buch über Pferde, zu dem ihr ihre Eltern aber geraten hatten, besorgt. Zu ihrer Überraschung freuten die beiden sich aber wirklich darüber, als sie es zwei Stunden später, nach einem ergiebigen und wirklich sehr gutem Essen, in trauter Runde um den Weihnachtsbaum versammelt, auspackten. Auch ihre anderen Geschenke kamen recht gut an, was sie sehr freute, weil sie sich große Mühe gegeben hatte billige Dinge zu erstehen, die trotzdem Freude bereiten würden. Für Fred hatte eine Mütze gestrickt. Ein kleiner Scherz zwischen ihnen, nachdem sie wusste, wie ungerne er die Mütze trug, die seine Mutter ihm gestrickt hatte. Wie erwartet musste er über das Geschenk grinsen und bezeichnete sie liebevoll als „Freches Stück". Er gab ihr kurz darauf ein unförmiges Paket, das Stefanie seltsam zerbrechlich erschien, obwohl er diesbezüglich keine Bedenken zu haben schien.

„Hier, für dich. Du hast mir ja strengstens untersagt, dir etwas Teures zu kaufen." Und dabei fuhr er mit seiner freien Hand über das Armband, das er ihr im Vorjahr geschenkt hatte. Sie hatte es seitdem kaum getragen – denn wann gab es schon einen passenden Anlass, Diamanten zu tragen? – aber an diesem Abend zierte es ihr Handgelenk.

„Naja, ich weiß, dass du dich dieser Regel nur beugst, weil es dir in dem Kram passt. Hättest du mir etwas schenken wollen, das mehr kostet, hättest du es auch getan."

Er grinste und sie nahm das Päckchen mit einem Lächeln entgegen. Als sie es aufwickelte, zitterten ihre Hände ein wenig, obwohl sie nicht wusste warum, und sie hatte wirklich keine Ahnung, was sich unter dem Papier, auf dem ein nostalgische Schaukelpferde abgebildet waren, verbarg.

Zum Vorschein kam schließlich ein Gegenstand. Es war eine Rose, aber sie bestand, und das irritierte Stefanie einigermaßen, aus Glas. Nein, erkannte sie, es war Eis, nicht Glas.

Sie warf Fred einen fragenden Blick zu und sah, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass sie wissen würde, was sie in den Händen hielt.

„Du wolltest etwas, das dir anzeigt, wann ich in Gefahr bin. Ich bin nicht bereit, dich mit einem solchen Gegenstand auszustatten, aber diese Rose zumindest hält nur solange, wie ich lebe. Sollte ich sterben, schmilzt sie. Dann weißt du zumindest Bescheid."

Stefanie blickte ihn mit großen Augen an und auch die anderen Familienmitglieder fanden keine Worte dazu. Claudia, die inzwischen alles über Magie wusste, räusperte sich schließlich und sagte: „Dann hoffen wir mal, dass sie nie schmilzt."

„Ich...danke", sagte Stefanie schließlich und nahm die Eisrose in die Hand. Sie war schön, das war sie wirklich. Sie fühlte sich nicht sehr kalt an und schmolz auch bei Berührung mit ihrer warmen Haut nicht. Es mochte Einbildung sein, aber als sie sie umfasste, hatte sie das Gefühl, als würde sie sehr leicht pulsieren.

Sie beschwor eine Vase hervor und stellte die Blume hinein, bevor sie Fred küsste. Sie freute sich schon über das Geschenk, aber es erinnerte sie gleichzeitig wieder daran, dass Freds Tod tatsächlich eine Option war und das bedrückte sie natürlich.

„Und jetzt zu fröhlicheren Dingen", verkündete er inzwischen und drückte ihr ein ziemlich großes Paket in die Hand. Auf ihren Blick hin, hob er abwehrend die Hände und sagte: „Sieh mich nicht so an. Das ist nicht von mir, sondern von George. Er darf dir ja etwas schenken, oder?"

Wie erwartet hatten die anderen Geschenke für sie ausnahmslos Sachen für Sophie enthalten und Stefanie konnte sich irgendwie vorstelle, dass dieses Paket einen großes Schaukeldrachen enthielt, der Feuer aus seinen Nüstern blasen konnte, oder durch das Zimmer fliegen. Es würde zu dem passen, was George unter lustig verstand (und man musste ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen – er hatte ja nie mit Kleinkindern zu tun gehabt und woher sollte er auch wissen, dass so ein Spielzeug keine Freude bei einer Mutter auslösen konnte?). Umso überraschter war sie, als das Geschenk kein Spielzeug für Sophie enthielt, sondern einen wirklich schönen Wintermantel.

„Oh", entfuhr ihr und sie stand so hastig auf, dass das Geschenkpapier, das sich auf ihrem Schoß gesammelt hatte, herunterfiel. „Der ist aber wirklich schön."

Sie probierte ihn an und er gefiel ihr um so vieles besser als ihr alter, abgetragener Mantel, dass sie eine Weile nicht mehr aufhören konnte, zu lächeln. Als sie sich nach einem kleinen Umtrunk mit ihrer Beute hinauf in ihre Zimmer begaben, fragte Stefanie Fred leise: „Du hast ihm gesagt, dass ich einen neuen brauche, oder?"

Fred zuckte mit den Achseln. „Ich wusste dass du zwei Geschenke von mir nicht nehmen würdest und George hat mich gefragt was du brauchst. Aber er hat wirklich Geschmack bewiesen, muss ich sagen."

„Ihr seid wirklich die Besten. Und ich habe ihm nur ein popeliges Bild von dir mit Sophie auf dem Arm geschenkt."

„Ja, aber du musst bedenken, dass er sich jetzt immer und immer wieder ansehen kann, wie sie mich ankotzt, also denke ich, dass er sich freuen wird", erinnerte Fred sie lachend und auch Stefanie konnte nichts gegen die Richtigkeit dieses Gedankenganges sagen und grinste zufrieden. Rückblickend stellte sie fest, dass es ein wirklich gelungenes Weihnachtsfest gewesen war, obwohl ein dunkler Schatten über ihnen schwebte und sie wusste, dass Fred mit seinen Gedanken, genau wie sie selber, mehr als nur einmal weit über den Ozean zu seiner Familie gesegelt war.