Die Weihnachtsfeiertage waren wundervoll. Fred blieb eine ganze Woche am Stück bei ihnen, dann aber ging er nach England zurück und ließ sich lange nicht mehr blicken. Es war, als wäre mit dem neuen Jahr eine neue Zeit angebrochen und Stefanie mochte sie nicht.
Seitenblicke auf die Eisrose zeigten ihr, dass diese durchaus noch existierte und sofern er ihr die Wahrheit über die Magie der Rose gesagt hatte, bedeutete das, dass er noch am Leben war.
In den ersten Tagen hielt sie jedes „Plopp" für ihn, lief nach draußen und wollte sich in seine Arme werfen. Die Enttäuschung, dass es nur Andreas oder Daniel waren, die sie besuchten, wurde mit der Zeit zur Gewohnheit und verwandelte sich in Resignation. Als es, nach gut zwei Wochen, dann tatsächlich Fred war, hatte sich soviel davon angestaut, dass sie ihn mit den, nicht gerade freundlichen, Worten: „Wo warst du die ganze Zeit?", begrüßte.
„Konnte nicht weg."
Er küsste sie, obwohl er ihre negativen Signale empfing und schloss sie danach in seine Arme. „Du weißt, dass ich gekommen wäre, wenn ich gekonnt hätte, oder? Sieh mich nicht so an, als hätte ich dir etwas wirklich Schlimmes angetan, der Blick bricht mir das Herz."
Sie bekam ein schlechtes Gewissen und bemühte sich, ihn etwas netter anzusehen. „Tut mir Leid, ich … wahrscheinlich war ich einfach nicht darauf vorbereitet, dich so lange nicht zu sehen. Ich hab mir zwar nicht direkt Sorgen gemacht, aber ich hab dich vermisst."
Und die Ungewissheit, wann er kommen würde, hatte sie dazu verleitet, das Haus nicht mehr zu verlassen. Sie hätte es nicht ertragen, gerade weg zu sein, wenn er endlich kam.
„Ich hab dich auch vermisst." Er drückte sie noch einmal so fest an sich, dass sie ihm glaubte, dann ließ er sie los und fragte. „Wie geht es Sophie?"
„Gut. Sie weiß ja noch nicht, was sie an dir hat."
Ein schwaches Lächeln flog über Stefanies Gesicht, dann aber stellte sie sich vor, dass es jetzt Jahre so weiter gehen könnte und ihrer Tochter der Vater irgendwann doch abgehen würde.
Sie gingen ins Haus und nachdem Stefanies Eltern nicht da waren, wartete dort nur Sophie auf sie.
„Was hat dich aufgehalten?", fragte sie ihn, während sie sich auf die Sofakante niederließ. Sophie lag in einem verstellbaren Holzbett, das zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben einfach zu einer Gehschule würde umgebaut werden können, indem man die Liegefläche nach unten schob.
„Es war viel los. Wir mussten den Laden schließen und dann untertauchen. Und wenn man gerade erst untergetaucht ist, muss man leider ein bisschen warten, bis der Staub sich gelegt hat, ehe man einen Ausflug unternimmt."
Er sprach im Plauderton, als würde er ihr von einem Ausflug berichten, während er Sophie aus ihrem Bett hob und sich dann neben Stefanie setzte.
Stefanie schluckte ihre Sorgen hinunter, weil sie wusste, dass sie ihn mit Fragen dieser Art nur zusätzlich belasten würde und tat, als würde einer Aktion wie den Laden zu schließen, keine Gefahr vorausgegangen sein, die dazu geführt haben musste. Wenn die Zwillinge gezwungen gewesen waren, den Laden zu schließen, dann musste es gefährlich geworden sein.
Natürlich, Fred war hier, saß neben ihr, erfreute sich am Anblick ihrer Tochter und strahlte keine Art von Beunruhigung aus. Er schien müde, das war nicht abzustreiten, aber es waren keine Verletzungen an ihm zu sehen und er wirkte nicht gehetzt.
„Wenn ihr bei Muriel seid", begann Stefanie schließlich, weil ihr kaum etwas einfiel, dass nicht mit Gefahr zu tun hatte, „dann seid ihr ja untergetaucht. Meint ihr, dass ihr gesucht werdet?"
„Nicht über ein normales Maß hinaus. Ein wenig vielleicht? Du meinst, es gibt jetzt Flugblätter mit unseren Gesichtern drauf und Greifer halten nach uns Ausschau?"
Was Greifer waren, wusste Stefanie nicht und so runzelte sie ihre Stirn und warf ihm einen fragenden Blick zu. „Greifer? Sind das Leute, die Gesuchte ergreifen sollen?"
„Ja, aber was ich mitbekommen habe, finden sich in dieser Berufsklasse Leute, deren Magieniveau unter ZAG liegt. So wie Montague in etwa, nur mit zu wenig Bestechungsgeld, um doch noch den Abschluss zu schaffen. Wie ein Beschäftigungsprogramm für Kakerlaken", erklärte Fred und bei seinem letzten Satz verzog er seine Mundwinkel zu einem fiesen Grinsen.
Auch Stefanie musste darüber schmunzeln, wurde aber sofort wieder ernst. „Auch Kakerlaken können sehr lästig sein. Und wenn sie euch ernsthaft suchen – müssen sie da nicht einfach nur Percy fragen? Er arbeitet doch noch im Ministerium, oder? Euer Dad auch noch?"
„Dad arbeitet nicht mehr dort. Nachdem seine Abteilung unter der neuen Regierung sowieso obsolet geworden ist, hatte er eh nichts mehr zu tun. Und Percy… ja, er arbeitet dort, aber das ist mehr sein Problem, als unseres. Natürlich, wenn uns jemand wirklich sehr intensiv suchen würde, könnte er auf die Idee kommen, bei Percy nachzufragen, aber selbst, wenn dieser ihnen sagen würde, dass er sich vorstellen könnte, dass wir bei Muriel sind, kann man uns dort nicht mehr finden. Er ist kein Geheimnisträger."
„Ach, natürlich", murmelte Stefanie und fragte sich, wie es Percy wohl ging. Er war zwar immer sehr regierungstreu gewesen, aber unter dem neuen Regime zu arbeiten, musste doch selbst für ihn zu viel sein. Er musste längst erkannt haben, dass er sich für die falsche Seite entschieden hatte und besser daran getan hätte, seiner Familie treu zu bleiben. Andererseits konnte er weiterhin in seinem Bett schlafen, während die anderen Weasleys, von Ginny einmal abgesehen, bei der schrecklichen Muriel um Asyl ansuchen hatten müssen.
Der Gedanke an Muriel ließ Stefanie schaudern und sie warf Fred einen kleinen Seitenblick zu, während sie überlegte, ob es wohl verschwendeter Atem wäre, ihn zu fragen, ob er nicht doch einfach hier bleiben wollte – jetzt, wo es den Laden nicht mehr gab.
„Ihr habt keinen Versandhandel, oder? Das wäre ja sinnlos, bei einem geschützten Haus."
„Ich könnte Eulen von hier aus starten", griff Fred das Thema auf, als käme ihm der Gedanke nicht zum ersten Mal. Da ihr die Richtung gefiel, sagte sie: „Ja, das wäre eine gute Idee. Von hier aus könntet ihr den europäischen Markt erschließen. Und niemand würde die Eulen abfangen."
„Ich werd George mal fragen, was er davon hält. Aber Muriel hat uns schon verboten, irgendwo in ihrem Haus eine Werkstatt einzurichten und wenn sie auch nur einen Hauch von Zündstoff riecht, will sie uns rauswerfen."
„Achja", fiel ihm dann ein und er griff in seine Brusttasche, um ein Foto herauszuholen. Es war die Abbildung von Marie und Fabienne. „Dad sagt, sie sieht Grace nicht unähnlich und könnte durchaus ihre Tochter sein. Dann ist Mum dazu gekommen und hat es auch gesehen. Anschließend war sie für etwa zwei Tage melancholisch und hat schließlich einen Brief geschrieben. Wer weiß – vielleicht versucht sie, wieder Kontakt aufzubauen."
Stefanie nahm das Foto an sich und sah es eine Weile nachdenklich an, kam dann aber zu der Erkenntnis, dass ihr Mitspielen in der Geschichte hier wohl endete. Sie hatte alles getan, was sie gerade tun konnte.
Sophie erwachte und es war deutlich zu erkennen, dass sie ihre Umgebung bereits wahrnehmen konnte. Zumindest reichte ihr Blickfeld bis zu Freds Gesicht, denn ihre blauen Augen sahen mit ernsthaftem Interesse zu ihm hoch und sie streckte ihre Hände aus, um ihn zu berühren. Sie war noch nicht in der Phase, in der sie sich alles in den Mund stecken wollte, das sie erreichen konnte, aber irgendetwas zu berühren, war schon Erfolg genug.
Definitiv mit der Evolution im Zusammenhang stehende Hormone wurden in Stefanies Körper ausgeschüttet und ein Glücksgefühl erfasste sie, dass sie die schweren Zeiten der Schwangerschaft leicht vergessen und zu der Erkenntnis kommen ließ, dass weitere Kinder eigentlich eine tolle Sache wären.
„Schon komisch, aber ich hätte, wenn man mich gefragt hätte, kein Kind haben wollen. Noch nicht. Aber jetzt, wo Sophie da ist, kann ich mir nicht mehr vorstellen, ohne sie zu sein."
Offenbar funktionierten die Babyhormone auch bei Männern. Stefanie lächelte ihn an und stand dann auf, um Tee aufzubrühen.
„Ist sie immer noch brav, oder hat sie das Weinen inzwischen für sich entdeckt?", hörte sie Fred hinter sich fragen und während sie Wasser aufkochte, erwiderte sie: „Gott sei Dank nicht."
Sie goss das kochende Wasser in eine Kanne, gab zwei Teebeutel hinein und stellte es auf dem Sofatisch ab, bevor sie zwei Teetassen holte.
„Meinst du, dass du jetzt wieder öfter kommen kannst?", fragte sie schließlich, als sie sich wieder neben ihn setzte. Er blickte hoch und sie konnte die Antwort bereits in seinen Augen sehen.
„Tut mir Leid", sagte er schlicht und sie nickte langsam, schicksalsergeben. „Das Problem ist, dass es immer ein Risiko mit sich bringt, das Haus zu verlassen. Solche Ausflüge sind auch nicht immer möglich, weil die Position des Hauses ja bekannt war. Natürlich kann man es jetzt nicht mehr sehen, aber wir glauben dennoch, dass es beobachtet wird. Es zu verlassen, ist also sehr riskant und wenn es mal möglich ist, dann haben meistens Ordensangelegenheiten Vorrang."
„Und was ist mit nächstem Sonntag? Sophies Taufe?"
Natürlich war Fred anglikanisch. Und nicht sehr religiös. Genauer gesagt, war er wohl mehr aus Gewohnheit religionsangehörig, als weil es jemandem sehr wichtig gewesen war.
Stefanie war katholisch und es war ihr wichtig. Sie war zwar in den letzten Jahren nicht oft in der Kirche gewesen, aber sie glaubte an Gott und ihr waren die Werte ihre Religion bedeutend genug, um sie weitergeben zu wollen. Es war leicht gewesen, Fred dazu zu bringen, einer Taufe Sophies zuzustimmen, er hatte nie etwas dagegen gehabt.
Für Stefanie würde die Taufe ein wichtiger Moment sein, Fred dürfte sie relativ gefühlsneutral stimmen. Das war auch der Grund, warum sie sich vorstellen konnte, dass auch an diesem Sonntag der Orden Vorrang haben würde.
„Ich werde versuchen, zu kommen", versprach er und schien es auch so zu meinen. Stefanie hätte gerne Andreas zum Taufpaten gemacht, aber der Quidditchspieler war Protestant und kam damit nicht in Frage. Daniel hingegen war Katholik und hatte sich gefreut, als sie ihn gefragt hatte. George, die naheliegendste Wahl, schien aus denselben Gründen nicht in Frage zu kommen, obwohl Stefanie, Jahre später, eine Lösung für dieses Dilemma finden würde.
Sie tranken den Tee und Fred ließ sich von Stefanie berichten, was für langweilige Dinge in den vergangenen zwei Wochen in ihrem Leben geschehen waren. Zumindest erschienen sie Stefanie langweilig im Vergleich zu dem, was sich in seinem Leben zugetragen haben musste. Ihn schienen sie dennoch zu faszinieren, alles, was mit Sophie zu tun hatte, interessierte ihn und sie erkannte, dass er in den vergangenen Tagen zwar physisch nicht hier gewesen war, aber kaum an etwas anderes, als an sie und Sophie gedacht hatte, sofern seine Gedanken nicht an den Krieg gefesselt gewesen waren.
Als Sophie wieder in ihrem Bettchen lag und schlief, wandte er seine Aufmerksamkeit Stefanie zu. Es fühlte sich so an, als hätten sie einander ewig nicht mehr berührt. Das entsprach auch beinahe den Tatsachen – seit Sophies Geburt waren sieben Wochen vergangen. Aber Fred endlich wieder so nahe bei sich zu spüren, war eines der schönsten Gefühle, an das sich Stefanie erinnern konnte.
Am nächsten Morgen verließ er das Land wieder und schon beim Abschied wusste sie, dass es lange dauern würde, bis sie ihn wiedersehen würde.
Die Woche verging und wie erwartet, ließ Fred sich nicht blicken. Stefanie hatte sich die Grundhaltung, dass er nicht kommen würde, zu eigen gemacht, um am Ende eines Tages des Wartens nicht zu enttäuscht zu sein, aber es funktionierte nur teilweise.
Sie war enttäuscht, als sich am Sonntag abzeichnete, dass er nicht kommen würde, um der Taufe beizuwohnen.
„Es ist ja nicht deine Hochzeit", tröstete ihr Vater sie und sie musste tatsächlich grinsen.
„Nein, das wäre wirklich hart. Aber schade ist es trotzdem."
Dabei hätte sie sich Fred speziell an diesem Tag an ihre Seite gewünscht, denn genau an diesem Morgen war ihr zum ersten Mal ein Hauch von rotem Flaum an Sophies Kopf aufgefallen. Sie war ohne Haare auf die Welt gekommen, dass diese nun tatsächlich rot zu werden schienen, hatte Stefanie gefreut. So verpasste Fred an diesem Sonntag zwei wichtige Momente im Leben seiner Tochter (wobei sich freilich darüber streiten ließ, ob es denn nun ein wirklich wichtiger Moment war, zu entdecken, dass sie rotes Haar hatte).
Von seiner Abwesenheit abgesehen, war die Taufe durchaus schön. Die Sonne schien und es war sehr kalt. Der Schnee, der sich links und rechts am Straßenrand hochtürmte, war an der Oberseite gefroren und wäre die Straße nicht mit Kieselsteinen beglückt worden, so hätte sicher Gefahr bestanden, dass jemand ausrutschte.
Neben Daniel und Maggie waren auch Andreas, Chris und Claudia anwesend. Außerdem natürlich Stefanies Eltern. Sie vermisste Fred in jeder Sekunde, aber versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, sondern zu versuchen, den Moment so gut es ging zu genießen. Auch George ging ihr ab, vor allem, als sie anschließend Essen gingen. Er war ein sehr angenehmer Tischnachbar und wusste, wie man eine Gesellschaft unterhielt. Sie fehlten ihr beide, aber sie wusste, dass sie nicht absichtlich ferngeblieben waren, sondern es einen guten Grund dafür geben musste.
Es war einer jener Tage, an denen Andreas sich die Zeit genommen hatte, vorbeizusehen. Er war mit der Absicht gekommen, bald wieder zu gehen, aber ihre Eltern hatten ihn eingeladen, zum Essen zu bleiben. Es war nicht das erste Mal und Stefanie selbst fand nichts dabei. Sie mochte Andreas, er war ihr ein guter Freund. Vor allem in den letzten Wochen, in denen sie von Fred nicht viel gesehen hatte, hatte er sich oft ein paar Stunden freigeschaufelt, um ihr Gesellschaft zu leisten. Ohne ihn wäre sie die meiste Zeit alleine gewesen und höchst wahrscheinlich vereinsamt. Außerdem war ihm die Idee gekommen, Sophie einfach mitzunehmen, wenn sie Sport machen wollte. Er hatte ihr den alten Kinderwagen seiner Schwester besorgt, der sehr robust war und den sie leicht vor sich herschieben konnte, wenn sie Joggen ging. Das machte es viel einfacher, Sport zu machen, auch, wenn sie keinen hatte, der auf Sophie aufpassen konnte. Manchmal begleitete Andreas sie auch dabei, denn als Profisportler musste er sich sowieso fit halten und es sprach ja nichts dagegen, das mit dem Angenehmen zu verbinden.
Sie hatten sich gerade erst zum Essen niedergesetzt, als die Türglocke läutete.
„Erwarten wir noch jemanden?", fragte Stefanie mit einem flauen Gefühl im Magen. Wenn die Antwort „nein" lautete, dann standen die Chancen, dass es Fred sein könnte, gar nicht so schlecht. Sie hatte zwar nicht gehört, dass jemand herappariert war, aber vielleicht hatte sie einfach nicht darauf geachtet.
„Nein, nicht dass ich wüsste", erwiderte ihr Vater und nickte ihr zu.
Stefanie erhob sich vorsichtig und ging mit recht schnellen Schritten zum Eingangsbereich, um die Türe zu öffnen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, je näher sie der Türe kam und es schlug heftig gegen ihre Brust, als sie die Klinke schließlich herunterdrückte.
Enttäuschung machte sich breit, als ihr klar wurde, dass es nicht Fred war.
Es war Abigail.
Stefanie war so überrascht, dass sie einige Sekunden brauchte, um sich zu fassen, Sekunden, die ihre Großmutter nutzte, um zu fragen: „Verwundert, mich zu sehen? Willst du mich nicht hereinbitten?"
„Nun, ich..." Dann trat Stefanie doch einen Schritt zur Seite und ließ sie in den Flur treten. Abigail trug einen Pelzmantel, den sie mit einer geschmeidigen Bewegung von ihren Schultern gleiten ließ und an die Garderobe hängte.
„Du hättest mir ruhig von meiner Urenkelin erzählen können", sagte sie inzwischen mit leicht vorwurfsvoller Stimme und Stefanie, die die starke Vermutung hatte, dass ihre Großmutter diese Information von Miles haben musste, biss sich kurz auf die Lippen.
„Vielleicht wollte ich dich nicht in Schwierigkeiten bringen. Immerhin hast du Papa sehr viel zu erklären. Und soweit ich weiß, hast du dich deshalb seit zwei Jahren nicht mehr hier gemeldet."
„Nun, es ist tatsächlich Zeit, dem ein Ende zu bereiten."
Selbstbewusst trat Abigail in den großen offenen Raum, der Wohn-Esszimmer und Küche in einem war und Stefanie hörte, wie sie leise fragte: „Oh, ist das dein neuer Freund?"
Erst jetzt fiel ihr wieder ein, dass Andreas anwesend war und mit vor unterdrückte Wut zitternder Stimme gab sie kaum hörbar zurück: „Warum bitte sollte ich einen Neuen brauchen?!"
Aber leider konnte Abigail darauf keine Antwort mehr geben, denn inzwischen hatte sie auch ihr Sohn gesehen und mit einem kaum überzeugenden: „Mutter, womit haben wir die Ehre deines Besuches verdient?", stand er auf, um auf sie zuzugehen. Ein Seitenblick zeigte Stefanie, dass nun doch ein Hauch von Unsicherheit auf Abigails Zügen lag, aber da Sophie in diesem Moment erwachte, hatte sie eine gute Ausrede, den Raum mit ihr zu verlassen. Auf der einen Seite war sie natürlich neugierig und ein Teil von ihr hätte gerne gesehen, welche Erklärungen Abigail finden würde, um ihren Sohn zu beschwichtigen. Ob sie ihm die Wahrheit sagen würde?
Aber ein anderer Teil von ihr wollte nicht dabei sein. Es war ihr unangenehm, die Atmosphäre, die im Raum gelegen hatte, hatte ihr das Atmen erschwert.
Auch Andreas schien so zu empfinden, denn er folgte ihr auf dem Fuße und sagte: „Ich glaube, ich werde besser gehen. Nicht die Art von Familienzusammentreffen, die ein Außenstehender stören sollte. Brauchst du noch was?"
„Nein, danke. Ich verstehe, dass du lieber gehen willst. Geht mir auch so."
Er grinste schwach. „Du kannst dich ja hier verstecken. Machs gut und… viel Glück."
Sobald er fort war, blickte Stefanie hinab zu Sophie, die zwar wach, aber weder hungrig noch anderweitig bedürftig zu sein schien und informierte sie: „Deine Urgroßmutter ist da. Deine einzige. Und sie wirkt auch nicht sehr motiviert, bald abzutreten. Eigentlich unfair, die Großeltern deines Dads hätte ich gerne kennengelernt, aber die netten Leute sterben natürlich früh, während die Unsympathischen alt werden. Die Bosheit hält sie am Leben. Appropos, deine Urgroßtante Muriel gehört auch dazu. Hoffentlich musst du die nie kennenlernen. Gut möglich, dass Daddy sich gerade mit der herumschlägt und sie ihm Gift ins Ohr träufelt. Aber da haben wir es auch nicht besser, immerhin versucht Urorma Abigail das ja auch, oder? Hast du gehört, was sie zu mir gesagt hat? Ob Andreas mein neuer Freund wäre? Sie weiß doch genau, dass ich noch beim Alten bin! Aber sie ist eben eine interessante Persönlichkeit, die sich mit Muriel sicher gut verstehen würde. Ob sie Opa wohl gerade wirklich endlich die Wahrheit erzählt? Wenn ja, dann ist sie vielleicht doch nicht ganz im falschen Haus gewesen. Manchmal irrt der sprechende Hut sich ja und in ihrem Fall wäre, meiner bescheidenen Meinung nach, Slytherin das bessere Haus gewesen. Allerdings wäre sie dann sicher gleich mit Mikael, deinem Stiefurgroßvater, zusammen gekommen und es hätte deinen Opa nie gegeben und das wäre blöd gewesen. Ich glaube, dass ich nur in Gryffindor war, weil ich dorthin wollte. Immerhin wusste ich, dass dein Vater und Onkel ziemlich sicher dort landen würden und ich wollte mir nicht neue Freunde suchen müssen. Wäre ich ihnen nicht zuvor begegnet, wäre ich sicher in Ravenclaw gelandet. Eine Hufflepuff bin ich wohl nicht und ich hoffe auch keine Slytherin. Aber wäre ich in Ravenclaw gewesen, hätte ich sicher nicht halb so viel Spaß gehabt, wie ich in Gryffindor hatte. Und außerdem hätte ich mich dann mit Leuten wie Fawcett anfreunden müssen, die konnte ich nie leiden. Aber dafür hätte dein Vater mich vielleicht mal gefragt, ob ich mit ihm ausgehen will, immerhin wären wir dann nicht befreundet gewesen und er hätte unsere Freundschaft ergo auch nicht riskieren können. Die Frage ist nur, ob ich ja gesagt hätte."
An diesem Punkt erstarb ihr Geplapper und sie legte ihr Stirn in Falten, um über diese spannende Frage nachzudenken. „Ich glaube, ich hätte ja gesagt", stellte sie schließlich, nach einer ganzen Weile der Gedankenspiele, fest. „Sie wären mir aufgefallen und auch, wenn ich nicht viel mit ihnen gesprochen hätte, hätte ich sie gemocht. Jeder hat sie gemocht, es ist unmöglich, sie nicht zu mögen. Außer man ist ein Slytherin, aber das zählen wir jetzt mal nicht. Außerdem lache ich gerne und dass er mich zum lachen bringen kann, ist ja unabstreitbar. Also alleine deswegen hätte ich wohl, neugierig wie ich bin, zugesagt. Vielleicht gäbe es dich dann ja doch."
Ihr nächstes Gedankenspiel versetzte sie nach Beauxbatons. Sie hätte sich durchaus für die französische Schule entscheiden können. Die Zwillinge so nie kennen gelernt zu haben, gefiel ihr nicht und sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie sich, mit etwas Glück, mit Fleur angefreundet hätte und zu ihrer Hochzeit eingeladen worden wäre. Dort hätte sie Fred immerhin begegnen können, obwohl es wahrscheinlich dabei geblieben wäre.
Die Türe wurde leise geöffnet und als Stefanie ihren Kopf hob, erblickte sie ihre Mutter, die ihr ein leichtes Lächeln schenkte. „Der Spuk ist vorbei, du kannst zurück kommen."
„Das heißt, sie ist weg?"
Ihre Mutter lachte leise, schüttelte aber ihren Kopf. „Das Gespenst ist noch da, aber es wird jetzt hoffentlich brav sein."
„Hat sie euch alles erzählt? Oder nur Halbwahrheiten?"
„Oh, ich denke, sie hat uns alles erzählt. Und dein Vater hätte es ihr leichter machen können, indem er ihr gesagt hätte, dass er schon alles weiß. Stattdessen hat er sie eine halbe Stunde lang mit verschränkten Armen gemustert und durch keine Muskelregung zu erkennen gegeben, dass er ihr das je verzeihen wird."
„Wird er es ihr verzeihen?", hakte Stefanie nach und stand vorsichtig mit Sophie auf. Sie hatte keine große Lust, jetzt im selben Raum wie ihre Großmutter zu sein, aber sie wollte ihre Eltern auch nicht mit dieser unangenehmen Aufgabe alleine lassen.
„Sie ist seine Mutter. Sonderlich gern haben, wird er sie wohl nie, aber seine Verwandten kann man sich eben nicht aussuchen und tief im Herzen hat man sie doch lieb."
Das war vermutlich ihre Erklärung dafür, warum sie selber sie nicht lieben musste. Immerhin verband die zwei Frauen herzlich wenig, am aller wenigsten aber Blut. Stefanies Vater war das einzige Bindeglied zwischen ihnen. In diesem Moment überkam Stefanie tiefste Dankbarkeit dafür, dass sie Freds Eltern gern hatte. Es war aber auch wirklich schwer, seine Familie nicht zu mögen, wenn man Muriel mal ausklammerte.
„Und dass sie Sophie kennen lernen will, kann man ihr wohl nicht vorhalten. Immerhin ist es ihre erste Urenkelin."
Leider war das tatsächlich so und folgend hörte Stefanie sich kurz darauf, recht steif wohl, fragen, ob Abigail Sophie gerne halten wollte.
„Rotes Haar, nun, damit wird sie wohl leben müssen", stellte Abigail fest, sobald sie ihre Urenkelin näher betrachten konnte und Stefanie biss sich so fest auf die Lippen, dass sie die untere aufriss.
„Mir gefällt rotes Haar", sagte sie, nachdem sie mit ihren Fingern einmal über die blutende Unterlippe gefahren war und versuchte, nicht allzu aufgebracht zu klingen.
„Offensichtlich", war alles, was Abigail dazu zu sagen hatte. „Und wie geht es Fred?", fragte sie dann in einer Tonlage, hinter der mehr zu stecken schien, als ehrliches Interesse. Vielleicht war Stefanie auch einfach paranoid, aber sie war bereit, hinter jeder Frage eine Falle zu wittern.
„So gut, wie es jemandem eben geht, wenn er im Krieg untertauchen muss."
„Dann lässt er sich hier wohl auch nicht mehr allzu oft blicken? Man hat wohl besseres zu tun, wenn man sich versteckt halten muss."
Dazu schwieg Stefanie, denn sie konnte Abigail wohl kaum vom Orden erzählen, davon, dass Fred gewiss sinnvolle Dinge tat, um dem Regime Widerstand zu leisten und er nicht auf der faulen Haut lag. Mochte ihre Großmutter auch keine Unterstützerin des neuen Regimes sein, so war sie auch nicht gerade dabei, gegen es zu arbeiten. Da sie reinen Blutes war, ebenso ihr Ehemann, und außerdem nie irgendwie aufgefallen war, gehörte sie wohl zu jenen, die sich einfach gar keine Gedanken darüber machen mussten – vielleicht nicht einmal einen Unterschied zu früher feststellen konnten.
„Ich habe ja gehört, dass sie ihren Laden in der Winkelgasse geschlossen haben."
Stefanie begann, innerlich von zehn hinunter zu zählen, um ihre Geduld zu wahren. Sie war ein wenig empfindlich, was alles anbelangte, das Abigail von sich gab. „Ja, das hat er erwähnt", erwiderte sie schließlich, als sie bei „eins" angelangt war.
„Du wirkst ja erstaunlich ruhig, angesichts seiner Lage. Hast du ihn;", begann sie, wurde aber unterbrochen. Sophie gab erste Anzeichen von Unzufriedenheit von sich, es war anzunehmen, dass sie hungrig war. Vielleicht wollte sie auch nur Stefanie aus dem unangenehmen Gespräch mit ihrer Großmutter befreien. Diese ergriff die Chance dankbar und verschwand mit Sophie nach oben, wo sie einfach blieb, bis Abigail sich verschieden wollte.
„Sie ist ein süßes Baby", sagte sie, etwa eine halbe Stunde, nachdem Stefanie die Flucht ergriffen hatte, und sie bereits vor der Haustüre standen. „Sie verdient einen Vater."
„Sie hat einen Vater", stellte Stefanie klar und in den breiten Taschen ihres Latzkleides ballte sie ihre Hände zu Fäusten.
Abigail lächelte sie nachsichtig an. „Einen Vater, der nie da ist? Oder sprichst du von dem gut aussehenden Mann, der sich verabschiedet hat, sobald ich hereinkam?"
„Du weißt sehr gut, von wem ich rede. Fred mag im Moment nicht sehr oft hier sein, aber das ist kein Dauerzustand."
„Es sieht im Moment aber nicht so aus, als würde sich in England sobald etwas ändern. Es ist nie ein besonders gutes Zeichen, wenn man sich versteckt halten muss, nur, weil man einer Familie angehört, die mit Widerstand in Verbindung gebracht wird und mit Harry Potter befreundet war. Der Krieg wird irgendwann enden, aber wenn die falsche Seite gewinnt, siehst du ihn vielleicht nie wieder."
„Dazu müsste er schon sterben und das wird er nicht." Dabei redete sie mehr sich selbst gut zu, als ihrer Großmutter. „Und wenn du nur hierher kommst, um Fred schlecht zu machen, dann kann ich auch gut darauf verzichten. Dass du wieder ein Teil von Papas Leben sein willst, ist schön und gut, aber wenn du an meinem, oder an Sophies Leben Teil haben willst, dann hör besser auf damit, so über Fred zu reden. Wenn es deine Meinung ist, dann behalt sie eben für dich, aber ich würde eine Person lieber erst persönlich kennenlernen, bevor ich so über sie rede."
Mit diesen Worten drehte sie sich um und schloss die Haustüre zwischen ihnen. Sie hatte nicht wirklich Lust, auf eine Antwort zu warten, denn wenn sie ehrlich war, dann war es ihr komplett egal, wie diese ausgefallen wäre.
Nach dieser Begegnung wünschte Stefanie sich Fred noch mehr an ihre Seite, aber natürlich kam er nicht. Sein letzter Besuch lag drei Wochen zurück und wäre nicht die stets intakte Eisrose gewesen, so hätte sie sich schreckliche Sorgen gemacht.
Am Tag nach Abigails Besuch kam Andreas auf einen Sprung vorbei. „Du solltest vielleicht mal wieder unter Leute kommen", schlug er vor, während sie einen Spaziergang mit dem Kinderwagen unternahmen.
„Ich bin unter Leuten."
„Leute, die nicht ich sind." Er warf ihr einen Seitenblick zu und fuhr fort: „Etwas unternehmen, was nichts mit Kindern zu tun hat. Deine Mutter hat doch gesagt, dass sie gerne auf Sophie aufpasst, wenn du mal raus willst."
Das stimmte, auch ihre Mutter war der Meinung, dass Stefanie sich nicht im Haus vergraben sollte. Stefanie selbst sah das nicht so eng – sie verließ das Haus jeden Tag, um Joggen zu gehen. Meist nahm sie Sophie mit, manchmal, wenn ihre Eltern zu Hause waren, ließ sie sie in ihrer Obhut. Natürlich verstand sie, dass ihre Eltern sich nur Sorgen machten. Dauernd Zuhause zu sein, nur, weil Fred auftauchen könnte, war wahrscheinlich wirklich nicht sehr gesund. Stefanie selbst störte das weniger, als dass sie kaum Erwachsene um sich hatte. 24 Stunden mit einem Baby zusammen zu sein, konnte zu Selbstgesprächen führen. Es tat ihr jedes Mal gut, wieder auf einen Erwachsenen zu treffen, mit dem sie ein normales Gespräch führen konnte. Noch ein Grund, warum sie so dankbar für Andreas Besuche war.
„Woran denkst du?", fragte Stefanie gedehnt und überlegte, ob es wohl um ein Quidditchspiel ging. Vielleicht würde sie sich dazu überreden lassen, ein solches anzusehen – es würde sie zwar an Fred erinnern und sie würde ihn umso mehr vermissen, aber immerhin würde es sie auch daran erinnern, dass es Magie gab – etwas, das ihr im Moment auch abging.
„Heute Abend bin ich zu einer Veranstaltung eingeladen – du könntest mich begleiten, wenn du willst." Er blieb stehen und sie tat es ihm gleich, um ihn neugierig zu mustern. „In Paris, falls dich das motivieren kann."
„Ich war noch nie in Paris..." Die Idee hatte einen gewissen Reiz – sie hatte die Stadt der Liebe schon immer einmal besuchen wollen. Natürlich war sie in ihrer Vorstellung mit Fred dort gewesen, aber nachdem er nicht da war, musste sie dieser Fantasie kurzfristig wohl den Laufpass geben.
„Dann wird es Zeit – obwohl du natürlich nicht sehr viel von der Stadt sehen wirst."
Sie rechnete es ihm an, dass er sie nicht mit falschen Anreizen zu der Veranstaltung locken wollte. Da sie die Stadt sowieso lieber mit Fred ansehen wollte, weinte sie dem nicht nach.
„Welche Art von Veranstaltung ist es?", erkundigte sie sich und stellte sich eine Quidditchgala vor, bei der Preise verliehen wurden.
„Eine Abendveranstaltung zu wohltätigen Zwecken. Und vielleicht ehren sie ein paar Leute, das kann immer passieren. Leider. Hast du ein Abendkleid?"
Das Kleid, das Fred ihr eigentlich für Fleurs und Bills Hochzeit gekauft hatte, kam ihr in den Sinn. Sie hatte es bisher nie getragen, aber inzwischen sollte sie wieder hineinpassen. Außerdem wäre es schade, hätte sie nie Gelegenheit, es zu tragen. „Ja, ich habe etwas."
Sie könnte das Armband, das Fred ihr im Vorjahr zu Weihnachten geschenkt hatte, dazu anlegen. Auch dafür gab es kaum Gelegenheiten, außer sie ignorierte die Tatsache, dass es Diamanten waren und trug es im Alltag, als wären die Steine Glas.
„Selbst wenn Fred genau heute Abend kommt – ich denke, er liebt dich genug, um notfalls ein paar Stunden auf dich zu warten. Außerdem ist deine Mutter ja mit Sophie da, ihm wäre auch nicht langweilig."
Das stimmte. Und obwohl sie sich gerne einreden wollte, dass die Chance, dass er kam, mit jedem Tag, an dem er es nicht tat, doch steigen musste, glaubte sie nicht daran. „Na gut, ich komme mit."
Also zog zog sie sich Abends das Kleid an, das eigentlich für Freds Augen bestimmt gewesen war und legte das Armband an, das er ihr geschenkt hatte. Beides erfüllte sie mit dem Hauch eines schlechten Gewissens, aber wenn sie in sich ging, und darüber nachdachte, so konnte sie doch nur zu dem Entschluss kommen, dass Fred nicht gewollt hätte, dass sie sich seinetwegen einsperrte und jedem Vergnügen entsagte.
Auch ihre Mutter sah das so und unterstützte das Vorhaben mit Nachdruck. „Du musst unbedingt wieder unter Leute kommen. Es tut nicht gut, das Haus nur zum Joggen zu verlassen – obwohl ich wohl schon dankbar bin, dass du zumindest das machst. Und es wird dir auch gut tun, mal andere Menschen zu sehen, als dauernd nur uns und Andreas."
„Aber falls Fred heute kommt, sag ihm bitte, dass er auf mich warten soll. Lass ihn ja nicht gehen, bevor er mich nicht gesehen hat!"
Darüber lachte ihre Mutter. „Er würde vorher sowieso nicht gehen."
Also war Stefanies Gewissen mehr oder weniger beruhigt, als Andreas kam, um sie abzuholen. Er trug einen Festumhang, aber von einer Machart, wie man sie in England nicht trug. Er wirkte seltsam modern auf Stefanie. „So ist es Mode in Paris", erklärte er mit einem schlichten Achselzucken und Stefanie fragte sich, was die Französinnen wohl so trugen. Die Globalisierung war in der Zaubererwelt, was die Mode anbelangte, viel weiter zurück, als in der Muggelwelt. Was man in der Modemetropole Paris trug, erreichte London etwa ein halbes Jahrhundert später. Etwas in Paris zu kaufen, hatte tatsächlich Wert, weil man es so in London nicht finden würde.
Dann bot er ihr den Arm, um sie zu apparieren und da sie aus Erfahrung wusste, dass er sehr gut darin war, hatte sie auch keine Bedenken, das Angebot anzunehmen.
Ein Ruck ging durch ihren Körper, für ein paar Sekunden war ihr, als würde sie durch ein enges Rohr gepresst werden, dann gab es sie frei und sie spürte Boden unter ihren Füßen. Als sie ihre Augen aufschlug, fand sie sich vor einem alten, aber sehr ehrwürdigen Gebäude wieder, das definitiv aus der Französischen Kaiserzeit, noch vor Napoleon wohl, stammen musste.
Um sie herum befand sich eine Art magisches Absperrband – eine deutlich sichtbare, aber wohl nicht greifbare Barriere, wie gebündelte Energie. Um dieses Band herum standen die Pressleute und Fotografen, sie konnte sie Andreas Namen rufen hören, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Offenbar konnte man nur mit Einladung in das Innere des Bereichs apparieren.
Sie waren nicht die einzigen, bei ihnen waren noch weitere elegant gekleidete, Hexen und Zauberer, die dem Eingang entgegen strömten und so aussahen, als würden sie einer höheren Gesellschaftsschicht angehören, als Stefanie es zu tun glaubte.
Sie runzelte die Stirn, angesichts all der Menschen um sie herum, und klammerte sich fester an Andreas Arm. Sie hasste Menschenansammlungen einfach. In Hogwarts hatte es sie nie gestört – auch in der großen Halle waren immer viele Leute gewesen – aber hier fühlte sie sich beengt und seltsam angsterfüllt. Es war keine begründete Angst, aber sie spürte, wie angesichts der Leute Panik in ihr hochstieg. Dabei wurde sie nicht einmal gestoßen oder angerempelt, alles ging sehr geordnet von sich. Trotzdem – sie hatte das Gefühl, als wären alle Augen auf sie gerichtet – die Lichter der Kameras blendeten sie, es war unangenehm. Andreas schleuste sie durch all das hindurch, ohne irgendwo anzuecke und führte sie durch die hohe Pforte ins Innere des Gebäudes.
Stefanie ertappte sich dabei, Luft auszustoßen, sobald sie den Saal betraten, der sich vor ihnen öffnete. Er war ziemlich groß und geräumig – die Menschenmenge verteilte sich darin, sodass es mehr Luft zum Atmen gab.
Immer noch hing Stefanie an Andreas Arm und sie konnte sich nicht dazu überreden, ihn los zu lassen. Nun hatte sie wirklich das Gefühl, als würden sie alle anstarren. Die Menschen drehten sich zu ihnen um und sie hörte sie leise miteinander flüstern. Der Grund dafür war natürlich Andreas – er war vermutlich ein recht gern gesehener Gast auf derartigen Veranstaltungen. Es war nicht nur sein gutes Aussehen, sondern auch seine Berühmtheit. Seine Anwesenheit sorgte wohl für einen guten Zusatz an medialer Aufmerksamkeit, die keinem Gastgeber schaden konnte.
„Kein Grund für Angst", murmelte Andreas dicht an ihrem Ohr und sein Atem kitzelte sie ein wenig. „Du machst Augen wie ein verschrecktes Reh, dabei habe ich dich hergebracht, damit du Spaß haben kannst."
Ein Tablett mit Sektgläsern schwebte auf sie zu und im Vorbeigehen griff Andreas mit seiner freien Hand nach einem von ihnen, um es Stefanie zu reichen.
„Ich stille, ich darf nicht", erinnerte sie ihn, woraufhin er es selber nahm und sagte: „Dann brauchen wir wohl etwas anderes für dich. Was willst du?"
„Ich weiß nicht… vielleicht Orangensaft?"
Sie spürte, wie er ihr seinen Arm entzog und blickte mit einem Anflug von Panik zu ihm hoch. Er würde sie jetzt doch nicht alleine lassen?
„Ich bin gleich zurück. Und wirklich Stefanie, zieh nicht so ein Gesicht – keiner hier will dir etwas Böses."
Er schenkte ihr noch ein Lächeln, bevor er in die Menge eintauchte, um ihr etwas zu Trinken zu besorgen. Stefanie versuchte, nicht allzu verschreckt auszusehen, während sie ihre Augen über die Leute um sich herum schweifen ließ. Die meisten von ihnen trugen Festumhänge, einige Muggelkleidung. Es gab Männer in Anzügen und Frauen in Abendkleidung, ähnlich ihrem Kleid. Ihr Blick streifte viele Augen, die sie ansahen und sie fragte sich, ob es an ihrer Begleitung lag. Sicher interessierten sich viele für die Frau, die mit Andreas Müller auf eine Abendveranstaltung gehen durfte. Sie wünschte sich, Fred wäre da.
Stefanie war zu schüchtern, um von sich aus irgendjemandem anzusprechen, aber es ging auch niemand auf sie zu. Erleichterung durchströmte sie, als Andreas wieder vor ihr auftauchte und ihr ein Glas mit Orangensaft reichte. „Hier, für dich. Wenn du willst, gehen wir in den Hauptsaal? Ich habe noch niemanden gesehen, den ich kenne, aber wir sollten noch Leute treffen..."
Das war nicht der Hauptsaal? Es gab also noch mehr Leute?
Stefanie schluckte, nickte aber und war dankbar, als Andreas ihr wieder den Arm bot. Wenn sie sich an ihm festhalten konnte, fühlte sie sich zumindest nicht ganz so verloren. Er führte sie geschickt durch die Grüppchen an Alkohol trinkenden und sich unterhaltenden Menschen hindurch, an einer Bar vorbei, durch eine weitere große Türe hinein in einen weiteren Saal. Jetzt sah Stefanie, was mit Hauptsaal gemeint gewesen war. Der Raum, in den sie nun kamen, war nicht größer, als der Eingangssaal, aber in ihm waren runde Tische, an denen man sitzen konnte aufgestellt und vorne befand sich eine Bühne. Vielleicht würde hier noch jemand eine Rede halten. Es befanden sich auch in diesem Raum Leute, aber Stefanie fand sie weniger bedrohlich, denn sie saßen brav auf ihren Plätzen und standen nicht herum. Dennoch spürte sie Blicke auf sich, während Andreas einen kurzen Blick auf ihre Karten warf, auf denen die Tischnummer stand. Der Tisch war anschließend rasch gefunden. Etwa acht Leute konnten an einem Tisch Platz nehmen, an ihrem Tisch hatte bereits ein älteres Pärchen Platz gefunden. Normalerweise wäre Stefanie davon ausgegangen, dass es sich um ein Ehepaar handelte, aber da sie selber mit jemandem hier war, mit dem sie in keiner Beziehung war, wollte sie keine Vorurteile hegen.
„Andreas!" Der Mann, sicher über sechzig, erhob sich, um Andreas zu begrüßen. Er sprach Deutsch und Andreas stellte ihn ihr als seinen alten Trainer vor. Seine Tischdame war tatsächlich seine Ehefrau und Stefanie fand bald heraus, dass sie keine Hexe war. Scheinbar hatte sie ihren Mann kennengelernt, als dieser bei einem Besenflug in freier Wildbahn gegen einen Baum gekracht und nach unten gestürzt war. Sie hatte ihn gefunden und erstversorgt, eine schöne Geschichte, wie Stefanie fand.
Während der Saal sich füllte und auch noch mehr Leute an ihrem Tisch Platz fanden, verstrickte Stefanie sich in ein Gespräch mit ihr, bald erzählte sie ihr von ihrer Schulzeit in Hogwarts und verstärkte damit ihre eigene Sehnsucht nach Britannien, in dem sie immerhin fast zehn Jahre zu Hause gewesen war. Und sie vermisste Fred so sehr, dass es beinahe physisch weh tat.
Irgendwann wurde der Saal abgedunkelt und die Gespräche verstummten. Automatisch wanderte Stefanies Blick zu der Bühne, die nun als einziger Ort im Raum beleuchtet wurde. Als es komplett still war, trat ein Mann von der Eingangshalle aus auf die Bühne, er trug einen Festumhang, ähnlich dem von Andreas, außerdem eine Art Zylinder. Mit magisch verstärkter Stimme begann er, eine Rede zu halten, von der Stefanie kein Wort verstand. Er sprach Französisch.
Sie klatschte dann, wenn ihre Nachbarn es taten und war im Gedanken an einem weit entfernten Ort. Genauer gesagt, sinnierte sie, ob Fred es sich mit Muriel wohl so weit verscherzen konnte, dass sie ihn hinauswarf, oder ob ihr Familiensinn das nicht zuließ.
Als Andreas Name aufgerufen wurde, war sie so überrascht, dass sie zusammenzuckte. Er erhob sich und ging unter den Augen aller Anwesenden mit gemessenen Schritten auf die Bühne zu. Offenbar hatte er gerade einen Preis gewonnen, denn der Mann reichte ihm eine Trophäe aus Glas, die wohl einen Quaffel darstellen sollte. Auch Andreas hielt eine Rede, ebenfalls auf Französisch.
Da sie nicht zuhören konnte, hatte sie wenigstens mehr Zeit, sich an seinem Anblick zu erfreuen. Die dunklen Locken, blauen Augen, das charmante Lächeln und die attraktiven Züge taten sicher seinen Teil zur Faszination, die er bei seinen Fans auslösen musste, aber Stefanie bezweifelte, dass er den Preis des besten Quidditchspielers wegen seines Aussehens gewonnen hatte. Vielleicht war dieser Preis hier ja für sein Lächeln (war das nicht ein Preis, auf den Lockhart stolz gewesen war?), aber wahrscheinlich nicht.
Nach wenigen Minuten ließ Andreas sich mit einem leisen Stöhnen wieder neben ihr fallen. „Ich verabscheue öffentliche Dankesreden."
„Sie war aber gut … glaube ich. Zumindest hing man an deinen Lippen. Aber das würden sie wohl auch tun, wenn es eine schlechte Rede wäre. Ich habs getan und ich hab kein Wort verstanden."
Sie sagte das in einem Anflug von Gedankenlosigkeit und die Worte schienen Andreas gewissermaßen zu irritieren, denn für einen winzigen Moment musterte er sie auf seltsam forschende Art. Dann aber schüttelte er seinen Kopf, als würde er einen Gedanken abschütteln, und sagte: „Du hast nicht wirklich was verpasst. Ganz vergessen, dass die hier Französisch reden werden. Aber jetzt haben wir das hinter uns. Hast du Hunger? Wir werden jetzt mit Essen belohnt."
Tatsächlich erschienen nun vor ihnen Speisekarten und Stefanie musste an den Weihnachtsball denken. Auch dort hatte das System so funktioniert. Man wählte ein Gericht von der Karte aus und durch ein lautes Aussprechen bestellte man es, woraufhin es auf dem Tisch erschien. Beim Weihnachtsball hatte Stefanie sich Salat bestellt, eine Verschwendung, wenn man bedachte, was es alles an Leckereien gegeben hatte. Nun, da sie selber kochen musste, wusste sie eine aufwendig zubereitete Mahlzeit durchaus zu schätzen, entschied sich letztendlich aber für ein Fischfilet mit Kartoffeln als Beilage. Das letzte Mal Fisch gegessen hatte sie zu Fred und Georges letzten Geburtstag. Ob Fred zu seinem Geburtstag wohl bei ihr sein würde? Ob er zu ihrem Geburtstag bei ihr sein würde?
Es wäre nicht das erste Mal, dass sie zu ihrem Geburtstag nicht einmal eine Karte von ihm bekäme – Umbridge, die ja nach wie vor im Ministerium tätig war, tat ihr den Gefallen sicher wieder gern, den Luftraum zu überwachen, um jeden Kontakt zu verhindern.
Zum Fisch hätte Weißwein gepasst, aber Stefanie musste sich auf Wasser beschränken. Sie kostete einen Schluck von Andreas, weil sie wusste, dass sie Sophie in den nächsten Stunden nicht stillen würde und hoffte, dass sich die kleine Menge Alkohol bis dahin wieder verflüchtigt haben würde – es tat ihr fast Leid darum, selbst verzichten zu müssen.
Leider kam irgendwann der Moment, wo sie nicht mehr ignorieren konnte, dass sie besser die Toilette aufsuchen sollte und so musste sie sich, so ungern sie es auch tat, erheben und durch die Tische hindurch zu den Sanitäranlagen gehen. Sie hatte die Beschilderung dazu in der Eingangshalle gesehen und fand problemlos dorthin. Auf dem Rückweg standen auch in der Halle wieder einige Leute und unterhielten sich. Sowohl dort, als auch im Hauptsaal spürte sie, wie ihr die Blicke der Menschen folgten. Ihre eigenen Augen wanderten über die Tische und die Leute, die dort saßen und sie so aufmerksam ansahen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde sie sich dessen bewusst, die schönste Frau im Raum zu sein.
Andreas war ein Gentleman. Vielleicht amüsierte er sich selbst nicht halb so gut, wie er es zu tun vorgab, aber sobald sie das erste Mal gähnte, fragte er sie mit besorgtem Ausdruck, ob er sie nach Hause bringen sollte. Sie wollte.
Er brachte sie bis vor die Haustüre, wünschte ihr eine gute Nacht und machte sich dann selbst auf den Weg nach Hause. Sie wusste, dass er eine Wohnung in Paris besaß und fragte sich, ob er wohl dorthin ging oder zurück auf die Party. Natürlich war Fred in der Zwischenzeit nicht gekommen.
Am nächsten Vormittag kam Andreas kurz vorbei, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Ob sie gut geschlafen hätte, ob es ihr am Vortag zu lang geworden wäre, ob sie sich sehr gelangweilt hätte. Währenddessen spielte er mit Sophie, die gerade wach war, und brachte sie zum Lachen. Dann verabschiedete er sich, weil er zum Training musste.
Stefanie hörte das leise „Plopp", kurz, nachdem Andreas gegangen war. Eine leise Hoffnung machte sich in ihr breit, aber weil sie in letzter Zeit so oft enttäuscht zu Bett gegangen war, warf sie routinemäßig einen Blick durch den Raum, auf der Suche nach etwas, das Andreas vergessen haben könnte. Erst, als sie nichts fand, trat sie klopfenden Herzens zur Haustüre und zog sie auf.
Als sie Fred sah, entglitt ihr ein Freudenschrei und sie überbrückten die Meter, die ihn noch vom Haus trennten, in wenigen Sekunden, um sich ihm in die Arme zu werfen. Sie trug nicht einmal Hausschuhe, aber den Schnee auf ihren nackten Füßen spürte sie kaum, während er sie eng an sich drückte und sie seinen Geruch tief einsog.
„Ich habe dich schrecklich vermisst", brachte sie hervor und küsste ihn überschwänglich.
„Ich dich auch", murmelte er, bevor er sie leicht von sich drückte, um sie zu mustern. „Du siehst noch viel schöner aus, als in meiner Erinnerung."
Sie lachte. „Vielleicht hast du mich zu lange nicht gesehen."
Diese Tatsache ließ sein Lächeln verschwinden und mit einem ernsten Ausdruck in den Augen nickte er. „Ich weiß, es tut mir Leid. Aber wir konnten das Haus kaum verlassen und wenn, dann waren immer Ordensangelegenheiten wichtiger… Also… in den Augen der anderen."
Er nahm ihre Hand und sie gingen zurück ins Haus, während Stefanie schwieg. Sie freute sich ungemein, dass Fred endlich wieder hergekommen war, aber dennoch sagte sie: „Du hast so viel versäumt. Sophie hat ihre ersten roten Haare bekommen, stell dir vor! Ich habe es mir so gewünscht, aber ich hätte es mir nicht gedacht, obwohl Papa meinte, dass es schon möglich wäre, weil mein Haar ja hell ist."
Diese Neuigkeit quittierte Fred mit einem sehr zufriedenen Grinsen.
Sie erreichten das Haus und Stefanie klopfte den Schnee von ihren nackten Füßen, während Fred seinen Mantel auszog. Sie konnte sehen, dass sein Blick suchend ins Wohnzimmer wanderte, wo er Sophie vermutete.
„Sie schläft gerade", erklärte Stefanie, als sie an ihm vorbei ins Wohnzimmer ging. „Andreas war gerade da und hat sie ziemlich bespaßt..."
Sie setzte sich auf das Sofa, neben dem Sophies Bettchen stand und betrachtete sie zufrieden, während Fred sich neben sie setzte und mit seinen Fingerkuppen sanft über die Wangen des Babys strich, bevor er über den roten Haarflaum fuhr.
„Andreas ist wohl ziemlich oft hier?"
„Oh ja", erwiderte sie und lächelte. „Fast jeden Tag. Du solltest ihn mit Sophie sehen, er hat sie wirklich gerne und..." Sie verstummte und warf ihm einen fragenden Seitenblick zu. „Du bist doch nicht etwa eifersüchtig, oder?"
„Doch, sogar ziemlich", gab Fred ehrlich zu und ließ von Sophie ab, um sie anzusehen. Er wirkte nicht so, als wäre er wütend auf sie, oder würde ihr zutrauen, ihn zu betrügen, aber dennoch schien er es ernst zu meinen.
„Das musst du nicht", stellte sie klar und schüttelte unterstreichend ihren Kopf. „Andreas ist nichts als nett zu mir und so schrecklich aufmerksam. Du… du siehst das alles nicht, weil du nie da bist, aber es ist manchmal ziemlich schwierig für mich. Wenn du hier bist, versuche ich immer, mich von meiner besten Seite zu zeigen, damit wir die Zeit bestmöglich nutzen können, aber manchmal bin ich mit meinen Nerven wirklich am Ende. Ich bin so froh, dass Andreas hier ist, und mir hilft. Es tut gut, mit einem Erwachsenen zu reden und auch aus dem Haus hinausgeholt zu werden. Manchmal passt er auch auf Sophie auf, damit ich derweil etwas anderes machen kann. Und er ist mit mir ziemlich oft Joggen gegangen, also verdankst du ihm indirekt, dass ich meine alte Figur wiederhabe! Und stell dir vor, letzte Nacht hat er mich sogar auf so eine Abendveranstaltung mitgenommen, bei der er einen Preis gewonnen hat!"
„Ich weiß." Fred presste seine Lippen kurz zusammen, bevor er ihre Hand nahm. „Ich habe ein recht gutes Bild davon, was er alles für dich tut, weil Muriel dieses schreckliche Klatschmagazin – der Klatscher, ich weiß nicht, ob du ihn kennst – abonniert hat. Sie schneidet alle Artikel über dich und Andreas aus und sammelt sie, als ‚Beweise', wie sie sagt. Sie macht sich einen Spaß daraus, zu versuchen, mich gegen dich aufzubringen."
„Aber du glaubst doch nicht, was dieses Magazin schreibt, oder?" Stefanie hatte schon lange keinen Blick mehr in den Klatscher geworfen. Eigentlich nicht mehr, seit sie mit Andreas das erste Mal zu diesem Quidditchspiel gegangen war.
„Steph, ich vertraue dir. Ich weiß, dass du mich nicht betrügen würdest. Aber Andreas vertraue ich nicht."
Angesichts all dessen, was Andreas in den letzten Wochen für Stefanie getan hatte, konnte sie gar nicht anders, als aufzubegehren: „Andreas ist die Güte in Person! Er weiß doch, dass wir zusammen sind und er ist mir nie unerwünscht nahe gekommen!"
„Das glaube ich dir wohl, aber denkst du wirklich, er macht all das aus reiner Güte? Ich will dir ja keine Naivität unterstellen, aber nachdem ich ein Mann bin, weiß ich, wie Männer denken und irgendeine Art von Gegenleistung erhofft er sich sicher daraus, soviel Zeit mit dir zu verbringen." Fred wich ihrem Blick nicht aus und fuhr, während er sprach,unentwegt mit seinem Daumen über ihren Handrücken. Sie genoss die Berührung und wäre das Thema nicht so ernst gewesen, hätte sie sich gerne näher an ihn gekuschelt.
„Vielleicht genießt er einfach nur meine Gesellschaft", schlug sie vor, obwohl sie sich ihrer Sache nicht mehr ganz so sicher war. Sie suchte in ihrem Gedächtnis nach Hinweisen, dass Andreas mehr von ihr wollte, als Freundschaft, aber fand nichts. Er berührte sie nie über ein normales Maß hinaus, suchte nicht ihre Nähe. Natürlich, wenn sie ihn umarmte, wich er ihr nicht aus, er stützte sie, wenn sie Halt brauchte (so wie am Vorabend, als sie seinen Arm kaum losgelassen hatte) und ein oder zweimal hatte er ihr vielleicht aufmunternd die Schulter gedrückt. Die meisten Berührungen gingen also eher von ihr aus, er wich ihr nur nicht aus. Eine Falte grub sich in Stefanies Stirn und sie hob ihren Blick, um Fred in die Augen zu sehen. Er irrte sich gewiss in Andreas Absichten, aber dass er eifersüchtig war, bedeutete immerhin, dass sie ihm noch wichtig war.
„Das tut er sicher", sagte dieser inzwischen und ein Grinsen erschien auf seinen Lippen, als er fortfuhr: „Und hofft, dass ich im Krieg sterbe."
„Sag sowas nicht..." Aber es gelang ihr nicht mehr, den nötigen Widerstand in ihre Worte zu legen. „Fred, ich liebe dich und das weißt du auch. Wenn es nach mir ginge, dann wären wir die ganze Zeit zusammen und… Ich vermute, dass, selbst wenn du recht hast, was ich aber nicht glaube, Andreas wesentlich weniger Zeit mit mir verbringe würde, wenn du hier wärst."
„Ich weiß. Weißt du, ich habe nachgedacht und ich… ich glaube, dass ich einen Fehler gemacht habe, als ich mich dazu entschieden habe, mich aufzuteilen. Ich kann nicht an zwei Orten zugleich sein. Ich dachte, dieser Krieg wäre in ein paar Monaten vorbei und dann könntest du zurück nach England kommen und wir könnten zusammen sein und alles wäre gut. Aber inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob der Krieg nicht ewig andauern wird. Und du hast Recht – wenn dem so ist, dann ist diese Übergangslösung als Dauerlösung nicht tragbar. Es fällt mir schwer, mich für einen Teil meiner Familie zu entscheiden und den anderen alleine zu lassen, aber… wenn ich mich dazu entschließe, in diesem Krieg weiter zu kämpfen und in England zu sein, dann muss ich dich aufgeben. Zumindest weiß ich, dass du bei Andreas in guten Händen bist."
Stefanie stockte der Atem, als er das sagte und die Angst, dass er zum Abschied gekommen war, erfüllte sie. Nie zuvor war ihr der Gedanke gekommen, dass das überhaupt eine Option war.
„Aber ich will nicht mit Andreas zusammen sein, sondern mit dir! Fred, das kannst du mir nicht antun! Ich weiß, dass du es nicht ertragen kannst, deine Familie in Unsicherheit und in einem Krieg zu wissen, während du in Sicherheit bist und nichts tust, um für die Freiheit deines Landes zu kämpfen, aber ich könnte es nicht aushalten, von dir verlassen zu werden! Wenn du meinst, dass du nur eines machen kannst, dann gehe ich wieder mit dir nach England!"
Ein leises Lächeln erschien auf seinen Lippen und er drückte ihr einen kurzen Kuss auf den Mund. Seine Hand strich dabei über ihre Wange und sie spürte, dass ihr Tränen in die Augen traten.
„Steph, das habe ich nicht gemeint. Und ich würde dich niemals freiwillig in ein Land bringen, in dem Krieg herrscht. Du kannst dir vermutlich nicht vorstellen, wie es ist, sich in einem Haus zu verstecken und jedes Mal, wenn man es verlässt, Vielsafttrank schlucken zu müssen. Aber ich bin froh, zu hören, dass du nach wie vor mit mir zusammen sein willst." Er machte eine kurze Pause, bevor er sich von ihr löste und vom Sofa aus auf den Boden in die Knie ging.
„Ich wollte dich eigentlich fragen, ob du mich heiraten willst."
Und aus seiner Westentasche zog er einen Ring, der vermutlich wunderschön und teuer war. Stefanie aber hatte keinen Blick für den Ring, sie sah Fred mit großen Augen an und fragte mit erstickter Stimme: „Ist das dein Ernst?"
„Ja, ist es. Ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen und dass ich dich heiraten will, war mir schon von Anfang an klar. Als du schwanger wurdest, hätte ich dich gefragt, wäre da nicht die Sache mit Du-weißt-schon-wem gewesen. Ich wollte warten, bis wir wieder in Frieden leben und eine Hochzeit feiern können, bei der unsere Familien zusammen kommen können, ohne, dass sie von Todessern gecrasht wird. Nur glaube ich jetzt nicht mehr, dass ich warten kann, bis dieser Friede herrscht. Vielleicht hört der Krieg in einem Monat auf, vielleicht in einem Jahr, vielleicht nie. Und ich will nicht mehr warten, bis Andreas oder irgendein anderer Quidditchspieler oder was auch immer dich mir wegschnappt. Steph, ich will jeden Tag neben dir aufwachen und neben dir einschlafen. Ich habe Sophies Taufe verpasst und ihre ersten Haare, aber ich will nicht ihre ersten Worte oder Schritte verpassen. Ich will, dass sie zu mir Dad sagt und nicht zu Andreas. Ich habe eigentlich ein Haus in Irland gekauft… das sollte eine Überraschung sein, aber nachdem ich jetzt ein halbes Jahr gewartet habe, ist es wohl irrelevant – und wenn irgendwann wirklich wieder Friede herrschen sollte, würde ich gerne dort mit dir leben. Aber solange das Land im Krieg steht, bleibe ich mit dir hier und … ich kann von hier aus arbeiten. Unseren Laden in Europa aufbauen. Und vielleicht auch für den Orden arbeiten, wer weiß. Aber das wichtigste ist, dass wir zusammen sein können und..." Er verstummte und suchte ihren Blick. „Was sagst du?"
„Ich..." Sie musste lachen, während sie zu ihm auf den Teppich sank. „Was denkst du denn? Natürlich sage ich Ja!"
Vielleicht war Fred sich nach all der Anspannung der letzten Wochen, nach Muriels subtilen Versuchen, ihm Stefanie als untreu darzustellen, wirklich nicht so sicher gewesen, ob sie sich nicht in Andreas verliebt hatte, denn sie konnte sehen, dass er erleichtert war.
„Gut." Er lächelte, bevor er ihr den Ring auf den Finger steckte, der, bei näherer Betrachtung, wirklich hübsch war. „Ich bin froh, dass ich nicht vorhabe, nochmal jemandem einen Antrag zu machen – die Aufregung war schlimmer, als damals, als Dumbledore George und mich in sein Büro gebeten hat, nachdem wir Snapes Robe in Brand gesetzt hatten..."
Und das sagte ja wirklich alles.
