152. Bis dass der Tod euch scheidet

„Was genau hast du dir vorgestellt?", fragte Stefanie viel später an diesem Tag, als sie schon lange im Bett lagen. „Der Mai ist sicher schön zum Heiraten."

„Mai? Bist du verrückt? Bis dahin sind es ja noch Monate. Ich dachte eher an nächste Woche", erwiderte Fred und Stefanie musste ihn erst ansehen, um zu erkennen, dass er in vollem Ernst sprach.

„Aber so kurzfristig bekommt man doch sicher keinen Priester", gab sie vorsichtig zu bedenken, obwohl sie es grundsätzlich befürwortete, nicht ewig zu warten. „Und man muss doch so ein Eheseminar machen, glaube ich. Das dauert sicher auch ein bisschen."

„Wieso braucht man einen Priester? Ich dachte nicht an eine kirchliche Hochzeit. Ich bin nicht gerade religiös, schon vergessen?"

Das hatte sie natürlich nicht, aber angesichts dessen, wie leicht es gewesen war, ihn von Sophies Taufe zu überzeugen, hatte sie wohl einfach angenommen, dass es noch einmal funktionieren würde.

„Na gut, wenn du nur standesamtlich heiraten willst, dann bekommen wir sicher kurzfristig auch was. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Dorfstandesamt überlaufen ist..."

Sie sah, dass Fred darüber nachgrübelte und musste seine Gedanken nicht erst lesen, um zu wissen, dass er lieber in England geheiratet hätte. Vielleicht wäre es anders gewesen, gäbe es keinen Krieg. Dann hätte er ihr den Gefallen, in ihrer Heimat zu heiraten, sicher gerne getan. Es wäre ihm egal gewesen. Sein Herz hing nicht an einer großen Hochzeit im Fuchsbau, einem weißen Festzelt und aufsteigenden Tauben. Nicht, wenn er es haben konnte. Aber das konnte er nicht. Jetzt, wo sich abzeichnete, dass es eine Hochzeit mit vielleicht zehn Gästen werden würde, bei der seine Eltern und Geschwister fernbleiben würden müssen, war es nur verständlich, dass er sich wünschte, es wäre anders.

„Wenn es irgendwann einmal anders ist", begann Stefanie vorsichtig und setzte sich leicht im Bett auf, „dann können wir ja in England nachfeiern und alle einladen, die nicht kommen konnten."

Auch Stefanie selber hatte sich nie mädchenhaften Träumen einer perfekten Hochzeit hingegeben. In ihrer Vorstellung gab es keine Kutsche, die von weißen Rössern gezogen wurde, keine Tauben, kein Feuerwerk. Sie wollte zuerst nicht einmal in weiß heiraten, denn sie kam sich nicht sehr jungfräulich vor. Mit einem Baby als Beweis, konnte man doch kaum ein weißes Kleid anziehen! Überhaupt kam es ihr wie Verschwendung vor, überhaupt ein Kleid zu kaufen, wo doch keine Gäste anwesend sein würden. Sie spielte ein paar Tage sehr ernsthaft mit dem Gedanken, einfach in Jeans ins Standesamt zu gehen. Leider fiel ihr dann ein, dass Fred sich dann vielleicht eine Drachenhautweste anziehen würde und das wollte sie noch weniger.

Schließlich war es ihre Mutter, die ihr altes Brautkleid, als Kompromiss sozusagen, ausgrub. Es war zwar altmodisch, entstammte aber nicht der schrecklichsten Modezeit, hatte keine ätzenden Puffärmel oder Schulterpolster. Mit ein paar Zauberstabbewegungen konnte Stefanie die größten Modesünden abändern, am Ende war es zwar kein neues Kleid, aber hatte einen Flair von Vintage, der Jahre später sogar wieder Mode werden würde.

Die cremefarbene Spitze gab ihr nicht das Gefühl, eine Heuchlerin zu sein und sie hatte es auch nicht kaufen müssen.

Ihr Vater überredete sie, ihm die Organisation und die Kosten zu überlassen, wie es offenbar in ihrem Land üblich war. Er tröstete Fred damit, dass er dafür irgendwann Sophies Hochzeit zahlen würde dürfen und ließ weiters keinen Laut mehr über seine Pläne hören. Auch die Ringe fielen nicht in ihr Metier und sie war sich nicht ganz sicher, ob sie Fred diese Aufgabe guten Gewissens anvertrauen konnte. Ein Teil von ihr fürchtete, er würde einen Ring kaufen, der in etwa die Drachenhautweste unter den Ringen war, weswegen sie ihm mehrmals sagte, er solle bei schlichten Goldringen bleiben.

„Soll das etwa heißen, dass ich deinen Verlobungsring nicht mit treffsicherem Geschmack ausgewählt habe?", erwiderte er gekränkt und sie musste zugeben, dass er den Ring wirklich gut ausgesucht hatte. Es war ein schmaler Reif aus Roségold, auf dem zwei kleine, rosarote Steine (Stefanie kannte sich mit Schmuck nicht aus, sie wusste nicht, was für Steine es waren) einen etwas größeren säumten, der wohl ein Brillant war.

Fred verschwand im Zeitraum zwischen der Verlobung und der Hochzeit nur für einen Tag. Er ordnete seine Angelegenheiten in England, geschäftliche und private. Dann kehrte er zu ihr zurück und blieb bei ihr.

Zur Hochzeit selber chauffierten Stefanie ihre Eltern und sie war einigermaßen irritiert, als sie nicht in die Stadt fuhren. „Hättest du nicht vorne abbiegen sollen?", fragte sie, als ihr Vater einfach an der Einfahrtstraße vorbeifuhr, doch er winkte ab.

„Ich war der Meinung, dass eine kleine Hochzeit nicht bedeutet, dass man sie auch an einem langweiligen Ort feiern muss."

„Und hast du Fred das rechtzeitig gesagt, oder wird er jetzt an besagtem langweiligen Ort vergeblich warten?"

„Für ihn macht es doch keinen Unterschied, welche Adresse ich ihm nenne", winkte ihr Vater ab und natürlich hatte er damit recht. „Was ihn dort erwartet, sieht er dann eh."

Also verfolgte Stefanie ihren Weg mit mehr Spannung, als erwartet und erkannte bald, dass sie in Richtung eines der Seen fuhren, die in der näheren Umgebung lagen. Letztendlich blieben sie bei einem kleinen Seeschloss stehen, das heute als hochpreisiges Restaurant genutzt wurde. Es verfügte über einen Garten mit Seeblick, in dem es auch einen Pavillon gab, denn es war für Hochzeiten sehr beliebt.

„Ich dachte, um hier zu heiraten, müsste man zwei Jahre im voraus buchen", gab Stefanie zu bedenken, aber ihr Vater schmunzelte nur.

„Ich kenne zufällig den Besitzer. Und außerdem will so früh im Jahr kaum jemand am See heiraten. Gerade, dass man nicht mehr dort eislaufen kann. Und Schnee liegt auch noch."

Das stimmte, auch, wenn es nur ein paar Haufen waren, die vereinzelt herumlagen. Die Sonne war schon fleißig dabei, die Landschaft von allen Resten des Winters zu befreien, aber sie war noch nicht kräftig genug, um es vollends zu bewerkstelligen. Stefanie trug einen kurzen, weißen Spitzenumhang, der zu dem Kleid gehörte, sodass es nicht entsetzlich kalt war. Anstelle eines Schleiers, trug sie einen Kranz aus Frühlingsknotenblumen im Haar und auch ihr Brautstrauß bestand aus solchen. Chris hatte sie am Morgen höchstpersönlich gepflückt und Claudia, die recht geschickte Hände hatte, hatte sie mit einem Spitzenband umwickelt, sodass es ein wirklich schönes Arrangement war. Es war ein schöner Märztag, mit wolkenlosem blauen Himmel, der den See von seiner besten Seite zeigte. Das Wasser schien im Licht mal türkis, mal blau, was, so erinnerte sich Stefanie düster, irgendetwas mit Kalk zu tun hatte, der sich weiß am Boden ablagerte und so in seichteren Regionen des Sees zu der türkisen Farbe führte.

Als Stefanie ausstieg, achtete sie darauf, mit den hohen, schmale (unbequemen) Absätzen nicht direkt in einen Schneematschhaufen zu steigen und erblickte Daniel, Andreas und Maggie, die neben George standen. Dass George hier war, freute sie, gleichzeitig wurde sie traurig, weil es bedeutete, dass der Rest von Freds Familie nicht kommen würde.

„Steph – ein Hochzeitsgeschenk", begrüßte George sie und hielt ihr ein sehr kleines und ein relativ großes Paket entgegen. Beide waren in weißem Papier, auf dem goldene Herzen gemalt waren, eingepackt und sie tippte stark darauf, dass dieser Touch Mrs. Weasleys Stilbewusstsein zu verdanken war.

„Das kleine ist von Mum und Dad, das andere von mir."

„Danke, es ist wirklich lieb, aber wäre nicht nötig gewesen", begann sie, nur um unterbrochen zu werden.

„Doch, das macht man allgemein so." Auch Maggie reichte ihr nun, da die Geschenkübergabe offenbar offiziell begonnen hatte, ein Päckchen, Andreas folgte. Da Stefanie die Geschenke nicht mit sich herumtragen wollte, lud sie sie ins Auto ihrer Eltern und sah sich dann nach Fred um.

„Wo hast du deinen Bruder gelassen?", erkundigte sie sich bei George, der mit den Achseln zuckte. „Muss wohl irgendwo über dem Ozean verloren gegangen sein. Aber ich biete mich als Ersatz an. Übrigens, ich habe von Bill erfahren, dass es zu den Aufgaben des Trauzeugen gehört, nach dem Ableben des Ehemanns auf die Ehefrau aufzupassen. Früher ging das wohl so weit, dass sie dann zum Trauzeugen des verstorbenen Mannes gezogen ist und wirklich von ihm unterhalten wurde."

„So wie du das sagst, muss dir die Vorstellung die Galle hochbringen", grinste sie und fügte hinzu: „Dann hoffen wir mal, dass Fred dich, oder zumindest mich, überleben wird und du so nie in die Verlegenheit kommen musst, mich bei dir wohnen zu lassen."

„Wir werden sehen. Und jetzt komm, wir wollen schnell essen, also müssen wir es hinter uns bringen."

Bis auf Stefanie und ihren Vater ging die Gesellschaft vom Parkplatz zum Garten des Schlösschens, Sophie in den Armen ihrer Großmutter.

„Ich bin stolz auf dich, das weißt du, oder?", fragte ihr Vater, als sich ihre Blicke trafen.

„Ich wusste, dass du stolz auf mich warst, als ich in der Schule gute Leistungen erbracht habe, aber ich gebe zu, dass ich mir nicht mehr ganz sicher war, als ich so früh schwanger geworden bin. Ich meine… vom intellektuellen Standpunkt aus, hätte ich mehr aus mit herausholen können. Manchmal habe ich mich auch gefragt, ob es nicht eine Verschwendung von meinem Verstand ist, so früh ins Familienleben abzutauchen. Was ich alles erreichen hätte können…" Ihre Stimme versagte und sie schluckte den Kloß, der sich beim Sprechen in ihrem Hals gebildet hatte, herunter. Sie hatte mit Fred darüber gesprochen, sogar lange und eingehend, aber nie mit ihren Eltern. Ihre Ängste diesbezüglich hatten darin bestanden, dass ihre Eltern sie finanziert hatten und vielleicht sehen wollten, dass sie etwas mit ihrem Leben anfing. Dass ihre aussichtsreiche Ausbildung durch eine Schwangerschaft abgebrochen worden war… Natürlich, streng genommen war Voldemort Schuld daran gewesen, dass sie ihre Anstellung verloren hatte. Und sie plante durchaus, sie wieder aufzunehmen, wenn die Sophie und England es zuließen. Aber das hatte sie ihren Eltern nie gesagt.

„Wenn dir wissenschaftliche Erfolge wichtig sind, wirst du wegen ein paar Kindern nicht damit aufhören, zu forschen. Und wenn du es nicht willst, dann ist es allein deine Sache, was du mit deinem Potenzial machst. Wir sind stolz auf dich, weil aus dir ein wunderbarer Mensch geworden ist, obwohl wir nicht da waren, um dich dabei zu unterstützen. Du hast alles alleine gemacht, seit du nach England gegangen bist. Dass du jemanden gefunden hast, den du liebst, und der dich liebt, macht es uns viel einfacher, an dich zu denken, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Wir können dich in guten Händen wissen. Komm her, nicht weinen."

Er zog sie in seine Arme und Stefanie blinzelte heftig, während sie seinen kräftigen Arm um sich spürte. „Gehen wir."

Also gingen sie. Stefanie war, als wäre sie einer Blase – aber dieses Mal war es eine gute Blase. Sie mochte sie. Es roch gut, der Wind trieb ihr den Duft der Frühlingsblumen in ihrer Hand in die Nase und ehe sie um die Ecke bogen, flitzte ein kleines Eichhörnchen vor ihren Füßen vorüber.

Der Garten des kleinen Schlosses war trotz der verbliebenen Schneehaufen grüner, als Stefanie es erwartet hätte, es gab einen Rosenbogen und obwohl die Rosen nicht blühten, sah sie einige letzte Hagebutten und es sah schön aus.

Fred trug keine Drachenhaut. Mehr konnte sie sich nicht wünschen.

Es war eine schöne, kleine Zeremonie. Stefanies Mutter schoss Fotos, für jene, die nicht anwesend waren. Marie, Freds Familie. Es tat weh, daran zu denken, aber Stefanie war gut darin, solche Gedanken beiseitezuschieben und sich auf das wesentliche zu konzentrieren. Der Standesbeamte sprach mit fast passablen Englisch, zumindest verstand Fred, was er eigentlich sagte. Das anschließende Essen war wirklich gut.

Schließlich war es an Daniel seine Rede zu halten, und er räusperte sich vernehmlich, ehe er mit einer Gabel gegen sein Weinglas klopfte und sich erhob.

„Liebes Brautpaar", begann er mit einem breiten Grinsen, „liebe anwesenden Gäste… Wir sind also hier, weil wir heute endlich wieder etwas zu feiern haben. Ich kenne beide, Stefanie und Fred, aus der Schule, und ich muss sagen, Stefanie, als ich dich das erste Mal gesehen habe, da warst du für mich wirklich nur ein lästiges Anhängsel, das sich den Weg zum Bahnhof beim ersten Mal nicht gemerkt hatte, weil es nicht aufgepasst hat."

Sie musste schmunzeln, als sie das hörte, aber es war nicht böse gemeint.

„Aber du warst in meiner Obhut und auch wenn du es nicht glauben wirst – ab und zu hatte ich ein wachsamen Auge auf dich und ich war froh zu sehen, wie schnell zu Fuß gefasst hast. Anfangs war ich überrascht, dass es ausgerechnet zwei Jungen waren, mit denen du wohl etwas wie Blutsbruderschaft geschlossen haben musst, denn seit du in diesen Zug gestiegen bist, wart ihr ja keinen Tag mehr getrennt, aber ich habe schnell erkannt, dass du glücklich warst. Wir sind beide ein wenig gewachsen und immer mehr bewundernde Blicke haben sich auf dich geheftet. Ich wusste ja, dass du zwei Wachhunde hast (obwohl sie dich nicht vor Davis bewahrt haben….) und musste mich nicht darum kümmern. Auch mit Fred und George, die ja im selben Quidditchteam wie ich waren, habe ich mich angefreundet und wusste somit, dass du in guten Händen warst." Er brach ab und ein leichtes Lächeln überzog nun seine Lächeln. „Und dann kam dieser Ball. Wir alle erinnern uns an den Weihnachtsball und an die Aufregung, die er verursacht hat. Wer geht mit wem? Wird er mich fragen? Wird sie ja sagen?" Er warf einen Blick in die Runde. „Ich gebe es ehrlich zu – Stefanie war die erste, an die ich dachte. Aber ich war 17 und nicht blind. Sie war schon damals wunderschön und Fred und George sind auch nur Männer, nicht wahr? Ich konnte es nicht mit meinem Ehrenkodex verbinden sie zu fragen, ohne vorher um Erlaubnis bei den Zwillingen anzuklopfen. Und ich hatte Recht, denn, auch, wenn ich glaube, dass ihr es ihr nie erzählt habt – als ich euch damals frage, ob es okay für euch wäre, wenn ich mit Stefanie auf den Ball gehe, oder ob einer von euch Interesse an ihr habt, da habt ihr mir anvertraut, dass dem so ist und weil meine Gefühle für sie nie über Freundschaft hinausgegangen sind, war es okay für mich." Er lächelte Maggie an, die sein Lächeln erwiderte. „Ich bin froh, denn wer weiß, ob ich Maggie kennengelernt hätte, wäre ich damals mit Stefanie auf den Ball gegangen." Daniel räusperte sich kurz, dann fuhr er fort: „Wie dem auch sei, ihr könnt euch meine Überraschung vorstellen, als Stefanie nicht mit Fred auf den Ball ging. Mein Opfer hatte scheinbar gar nichts gebracht."

An dieser Stelle mussten einige lachen, auch Stefanie war dabei. Sie war froh, dass sie die Geschichte kannte, andernfalls wäre es vielleicht ein etwas großer Schock gewesen jetzt zu erfahren, was damals passiert war.

„Umso glücklicher bin ich zu sehen, dass ihr endlich zusammen gefunden habt. Ihr gehört zusammen und ich war nicht allein mit dieser Ansicht – schon vor drei Jahren nicht."

Er hob sein Glas und prostete ihnen zu, als er sagte: „Ich bin auch froh, dass ich dich, Stefanie, vor einem halben Jahr im Laden traf, dass wir unsere Freundschaft wieder aufnehmen konnten und das ich heute hier sein darf. Also – auf euch, Stefanie und Fred!"

Mit Sophie wirklich wegzufahren, war kaum möglich. Stefanie und Fred fuhren, als Flitterwochen sozusagen, für eine Woche zu jenem Haus am See, das Stefanies Eltern vor zwei Jahren erworben hatten. Es war zu kalt zum Baden, weswegen der Tourismus die Gegend noch nicht erfasst hatte. Sie machten lange Spaziergänge am Seeufer und im anliegenden Wald, alleine mit sich und Sophie. Es war die friedlichste Woche, an die Stefanie sich erinnern konnte. Es gab keinen Platz für negative Gedanken an die reale Welt – Stefanies Blase war immer noch intakt.

Selbst, als sie zurück zu Stefanies Elternhaus kamen, schien es, als würde sie noch nicht platzen müssen. Fred begann, an dem Motorrad ihres Großvaters herumzubasteln, anstelle einen Versandhandel hochzuziehen. Das hätte erfordert, sich daran zu erinnern, was in England vor sich ging. Vielleicht brauchte er auch Urlaub.

Es geschah Anfang Mai, als sie gerade dabei waren, ins Bett zu gehen, dass Fred irritiert mitten in der Bewegung innehielt.

„Was ist?", fragte Stefanie und legte ihre Ohrringe ab. Er tastete mit der Hand in seine Hosentasche und zog eine Galleone heraus.

„Die ist heiß geworden", erklärte er und runzelte die Stirn. „Das ist die DA-Münze", stellte er dann fest. „Und da steht: Direkt in den Eberkopf – die Schlacht geht los."

Sie starrten einander an und beide brauchten einige Sekunden, um ihren eigenen Gedanke nachzugehen. Es schien also, als würde es zu einem Kampf gegen Voldemort und seine Anhänger kommen und sie sollten sich im Eberkopf treffen. Das lag vermutlich daran, dass auf ihm kein Zauber lag, der sofort verriet, wenn jemand hinein apparierte.

Stefanies erster Gedanke war es, dass sie ihren Zauberstab greifen und losapparieren musste. Aber in diesem Moment gab Sophie einen Laut, der wie Schluckauf klang, von sich und sie kam zurück auf den Boden der Tatsachen. Natürlich konnte sie nicht gehen. Wenn ihnen etwas zustoßen würde, wäre ihre Tochter eine Waise.

Ihr Blick fand Fred, in dessen Kopf gerade vermutlich so ziemlich das gleiche vor sich ging. Auch er blickte auf Sophie, dann suchte er ihre Augen.

„Ich muss gehen", sagte er tonlos und obwohl sie es nicht wollte, nickte sie.

„Ich weiß", hörte sie sich sagen und durch ihren Kopf schossen hunderte Arten, wie Fred sterben könnte. Todesfluch, von einem Riesen zerquetscht, von einer Wand erschlagen oder eine Riesenspinne gefressen. Man konnte nie wissen, was für Wesen für Voldemort kämpfen würden. Sie wusste, dass Fred ein fähiger Zauberer war und ihr war auch klar, dass nichts, das sie sagen konnte, ihn davon abbringen würde, zu kämpfen. Sie hatte auch nichts dergleichen gesagt, aber dennoch schien er das Gefühl zu haben, seine Entscheidung rechtfertigen zu müssen.

„Du kannst nicht gehen, Steph. Sophie braucht dich. Ich meine, sie braucht auch mich, aber nicht so dringend. Außerdem habe ich nicht vor, zu sterben. Ich will für ihre Zukunft kämpfen, dafür, dass sie ihre Onkels und Tanten, ihre Großeltern kennenlernen kann und in einer Welt aufwächst, in der sich niemand fürchten muss."

„Ich weiß", wiederholte Stefanie nur und ihre Stimme klang seltsam hohl, während sie in ihrem Kopf fieberhaft nach einer Möglichkeit, ihn vor dem Grauen zu bewahren, das ihn erwarten könnte, suchte. Sie suchte nach einem Zauber, der alles von ihm abschirmen könnte, oder der ihn transparent machte, sodass alles durch ihn hindurch ging. Aber da war nichts.

„Aber ich weiß auch, dass du sterben könntest. Wenn Hermine über die DA-Münze um Hilfe bittet, brauchen sie viele Leute, weil sie gegen viele Todesser kämpfen müssen. Wenn das wirklich eine Schlacht wird, ist das wahrscheinlich die größte Gefahr, der du je ausgesetzt warst", hörte sie sich sagen und sie sah, wie Freds Kiefermuskel zuckte.

„Das kann man nie wissen. Ich war schon in so vielen Kämpfen, in denen ich hätte sterben können, aber es ist nie passiert."

„Je öfter du dem Tod entkommst, desto unwahrscheinlicher wird es, statistisch gesehen, dass du noch einmal überlebst", erwiderte Stefanie, die in ihrer Verzweiflung einfach das sagte, was ihr in den Sinn kam. Von Statistik hatte sie keine Ahnung, aber die Aussage kam ihr recht vernünftig vor. „Und was soll ich machen, wenn du stirbst?" Sie setzte sich an die Bettkante und vergrub ihr Gesicht hilflos in ihren Händen.

„Dann sagst du Sophie, dass ich sie liebe", antwortete Fred erstaunlich zärtlich und trat näher zu ihr, um vor ihr in die Hocke zu gehen. Er nahm ihre Hände in seine, zwang sie, von ihrem Gesicht abzulassen, indem er sie in ihre Knie drückte und suchte ihre Augen.

„Sag es ihr selber." Tränen erstickten ihre Stimme, aber er verstand sie trotzdem.

„Und in dem Fall musst du dich um George kümmern. Er würde dich brauchen." Darauf ging sie gar nicht erst ein. Natürlich würde sie sich um George kümmern, sie könnte ihn nie in seiner Trauer alleine lassen.

Stefanie schloss ihre Augen und durchforstete ihr Gedächtnis nach etwas, das ihr versichern würde, dass ihm nichts passieren konnte.

Dann kam es. Der Gedanke. Die Erinnerung. Felix Felicis.

„Fred", entfuhr ihr und sie ruckartig sprang sie auf, löste sich von ihm und machte sich auf die Suche nach ihrem Beutel. Irgendwo… unter dem Bett? Nein, auf dem Schreibtisch!

Sie steckte ihre Hand hinein, zog ein paar Dinge heraus, warf sie weg, drehte sich um, nahm ihren Zauberstab und rief: „Accio Felix Felicis!"

Das kleine Probefläschchen ihres eigens gebrauten Trankes fand seinen Weg aus dem Beutel, direkt in ihre Hand. Sie fing es und hielt es ihm hin.

„Weißt du noch? Wir haben ihn in unserem letzten Schuljahr zusammen aus Snapes Büro gestohlen. Ich habe es nie benutzt, aber du wirst ihn jetzt trinken. Hörst du mich? Trink ihn, dann geh und tu was du tun musst. Aber komm zu mir zurück."

Ihre Stimme klang so eindringlich flehend, dass ihm gar nichts anderes übrig blieb, als die Flasche entgegen zu nehmen und sie nachdenklich zu mustern. Sie konnte sehen, wie es in ihm arbeitete, wahrscheinlich dachte er an Dinge, die ihr nicht einmal in den Sinn gekommen waren.

„Das ist nicht sehr viel", stellte er schließlich fest und hielt die Flasche so gegen das Licht, dass sich deutlich abzeichnete, wie wenig nur noch darin war. „Ich dachte, du hättest nie davon getrunken?"

„Ich habe einen Großteil verschüttet", gestand sie, sah aber nicht, wieso das wichtig war. Von Bedeutung war doch nur, dass genug für Fred darin war und der Schluck würde allemal reichen, um ihn durch ein paar Kämpfe zu bringen. „Als wir getrennt waren und ich vorhatte, dir von der Schwangerschaft zu erzählen. Ich hatte ihn gerade entkorkt und dann… nachdem das passiert ist, entschied ich, dass es wohl nicht sein sollte und habs gelassen. Aber Fred, es ist genug für dich!"

„Ja, für mich schon. Aber wenn du noch alles hättest, hätten wir anderen auch was davon abgeben können. George, Ginny, Mum, Dad, Ron, Lupin, Tonks…"

Stefanie konnte verstehen, dass er alle Menschen, die er liebte, schützen wollte und ihm gerade klar geworden war, dass es tatsächlich einen Weg gegeben hätte. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, würde Stefanie vielleicht über die Tatsache, dass sie etwas verschüttet hatte, was ihre Liebsten retten hätte können, trauern, aber in diesem Moment interessierte sie diese Möglichkeit herzlich wenig.

„Es ist genug für dich", insistierte sie und sah ihn eindringlich an. „Wäre die Flasche voll, würde ich auch wollen, dass alle etwas davon bekommen, aber das ist sie nun mal nicht. Es reicht aus für dich und nachdem ich diesen Trank gebraut habe, bestehe ich jetzt darauf, dass du es vor meinen Augen trinkst. Wenn du das getan hast, kann ich dich halbwegs beruhigt gehen lassen, verstanden?"

Fred nickte langsam, blickte sie ein paar Momente an, dann den Trank. Sie sah ein kurzes Aufflackern in seinen Augen, das ihre Besorgnis erregen hätte sollen, dann entkorkte er das Fläschchen, setzte den Rand an seine Lippen und trank. Sie sah, dass er schluckte, bevor er es absetzte, den Korken wieder hinauf steckte und die leere Flasche in seine Tasche gleiten ließ. „Zufrieden?"

„Ja."

Obwohl er den Trank getrunken hatte, wich die Angst in ihren Knochen nicht. Sie verschränkte ihre Arme, berührte mit ihren Händen ihre Ellbogen und musterte ihn mit einem Anflug an Unsicherheit und Verzweiflung. Sie sollte beruhigt sein, warum war sie es nicht? Ob der Trank vielleicht doch nicht so gut gebraut war, wie sie angenommen hatte? Konnten solche Tränke an Wirkung verlieren, sozusagen ablaufen? „Wie fühlst du dich?", fragte sie zaghaft und Fred lächelte sie aufmunternd an.

„Gut. Als könnte nichts schief gehen. Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, dass wir diese Schlacht gewinnen werden." Er trat zu ihr, nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie lang und eindringlich. Als er von ihr abließ, konnte sie seinen Mund noch deutlich auf ihren Lippen spüren. Dann ging er zu Sophies Wiege und stand eine Weile vor ihr, während er zu ihr hinuntersah. Er fuhr noch einmal mit der Hand durch den roten Haarflaum, dann wandte er sich der Tür zu. „Achja", fiel ihm noch ein und er drehte sich zu ihr um. Stefanie sah ihn irritiert an, als er seinen Zauberstab hervorholte, ihn schwang und ihr unbekannte Worte murmelte. Sie spürte, wie eine seltsame Kälte sich über ihre Handgelenke legte und als sie ihren Blick auf sie senkte, konnte sie einen Zauber sehen, der wie eisblaue Seile waren, die sich um sie schlangen, als würden sie sie fesseln.

„Was machst du da?", fragte sie ihn und zu ihrer Überraschung zitterte ihre Stimme. „Was ist das?"

„Apparierfesseln", verkündete Fred gnadenlos und steckte seinen Zauberstab wieder weg. „Zu deinem Besten. Damit du nicht auf die Idee kommst, auch nach Hogwarts zu apparieren."

Stefanie hatte nicht vorgehabt, das zu tun, zumindest nicht bewusst. Nun aber breitete sich Panik in ihr aus, die sie selbst erstaunte, und ihr wurde klar, dass sie die Möglichkeit irgendwo doch in Betracht gezogen hatte. Jetzt, da er ihr die Chance dazu geraubt hatte, wallten Wut und Enttäuschung, gepaart mit Angst, in ihr hoch und sie starrte ihn wütend an. „Das hatte ich doch gar nicht vor!", begehrte sie lauter auf, als es notwendig gewesen wäre. „Ich würde Sophie doch nicht alleine lassen."

„Mag sein, dass du die Idee noch nicht entwickelt hast, aber ich wollte auf Nummer sicher gehen. Deine Mutter kommt in einer Stunde nach Hause, bis dahin hat sich bei dir vielleicht wieder Unruhe und Sorge aufgestaut, du drückst ihr Sophie in die Hände und apparierst mir hinterher. Und wer weiß, vielleicht kommst du dann im Getümmel um, nicht ich. Du hast nichts von Felix Felicis getrunken und du bist, ohne dich beleidigen zu wollen, ziemlich aus der Übung, was Duelle anbelangt. Wenn alle Stricke reißen, kann Sophie ohne mich leben, aber ohne dich wird sie es schwer haben." Und weil seine Worte keinen Beitrag leisteten, ihren wütenden Blick verschwinden zu lassen, erklärte er nach einem kurzen Seufzen: „Ich versuche nur, meine Familie zu schützen."

„Verdammt, ich wusste nicht mal, dass es Apparierfesseln wirklich gibt. Ich dachte, das wäre nur so etwas Dahergesagtes", schimpfte sie leise und riss probeweise ihre Arme auseinander. Die Fesseln spürte sie nicht mehr, sie waren nun auch kaum mehr sichtbar. „Und was mache ich, wenn dir doch etwas passiert und du nicht zurückkommst? Dann kann ich nie wieder apparieren!"

Ein schwacher Versuch, wie sie sich selbst eingestehen musste. Fred quittierte ihn mit einem nachsichtigen Grinsen. „George wird sie abmachen. Ich werde ein paar Leuten sagen, in welcher Lage ich dich zurückgelassen habe und sollte ich nicht selber kommen können, wird es sicher genug Freiwillige geben, die dich schon immer in Fesseln sehen wollten."

Anhand dieser Aussage, die wohl witzig gemeint und darauf ausgelegt war, sie zum Lachen zu bringen, verdrehte Stefanie ihre Augen. „Schon klar, irgendjemand wird sie mir abnehmen. Geht das einfach? Kann ich das selber auch?"

„Du könntest es bei jemand anderes, aber Liebste, glaubst du wirklich, ich lege dir solche Fesseln an, wenn du sie selber abnehmen könntest? Der Entfesselungszauber wirkt natürlich nicht, wenn man ihn an sich selber anwendet." Und diese Tatsache schien ihn auch noch zu amüsieren.

Stefanie biss sich auf die Lippen und überlegte, ob ein „das verzeih ich dir nie", angebracht oder übertrieben wäre. Angesichts der Situation entschied sie, es zu lassen und sich mit ihrer Lage abzufinden. Immerhin wollte er sie wirklich nur schützen.

„Na schön, aber wehe, du kommst du nicht zurück. Und sollte die Schlacht länger als einen Tag dauern, dann wäre ich dir sehr verbunden, wenn du abhauen könntest, denn länger wirkt ein Schluck Felix nicht, wenn ich mich recht erinnere."

„So lange wird es schon nicht dauern", murmelte Fred und küsste sie noch einmal zum Abschied, bevor er es sich gefallen lassen musste, innig von ihr umarmt zu werden. Dann musste sie ihn gehen lassen. Obwohl er den Trank getrunken hatte, kam es ihr so vor, als stünde es zur Debatte, dass sie ihn gerade zum letzten Mal gesehen hatte.

Zurückzubleiben fühlte sich falsch ein. Ihr war, als wäre ein Teil ihres Herzens bei ihm und hatte ein Loch in ihrer Brust zurückgelassen. Sie wusste nichts mit sich anzufangen. Nichts was sie anfasste, kein Buch, keine Zeitung, kein Spiel, konnte ihre Aufmerksamkeit länger als eine halbe Sekunde fesseln, sodass sie alles wieder weglegte. Sie tigerte im Haus herum wie eine Gefangene, den Blick immer wieder nervös auf die Eisrose geheftet. Die Rose selber stand unschuldig in ihrer Vase, erblüht und aufrecht, voller eigentümlicher Schönheit und Magie. Voller Leben, obwohl sie aus Eis bestand.

Irgendwann kam Stefanies Mutter nach Hause. Sie ließ sich Stefanies Situation erklären und konnte nur Verständnis zeigen. Sie versuchte zwar, sie in ein Gespräch zu verwickeln, aber kein Thema entlockte Stefanie mehr als einsilbige Antworten. Schließlich zog ihre Mutter sich in ihr Zimmer zurück und Stefanie blieb alleine zurück. Sie setzte sich im Schneidersitz auf das Sofa, den Blick unentwegt auf die Eisrose gerichtet. Die Sekunden erschienen ihr wie Stunden. Seit Freds Fortgehen waren erst zwei Stunden vergangen und es kam ihr vor wie Tage. Die Wochen, in denen er in Muriels Haus festgehangen hatte, waren schneller vergangen, als diese Minuten. Schließlich zog sie ein Kreuzworträtsel zu sich und begann, es auszufüllen. Ihr fiel wieder ein, dass sie das auch getan hatte, als sie gemeinsam mit Ginny und Molly auf die sieben Potters gewartet hatte. Die Erinnerung ließ sie den Stift sinken und ihre Unruhe verstärkte sich. Sie konnte sich wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise ausmalen, in welch großer Gefahr Fred damals gewesen war. Heute war es vermutlich schlimmer.

Sie schluckte und zwang sich, sich wieder dem Rätsel zuzuwenden. „Schottisches Wort für Engländer...", murmelte sie leise und warf Sophie, die wach war und versuchte, mit ihren Händen nach dem Eulenmobile zu fassen, das George ihr zu Hochzeit geschenkt hatte, einen fragenden Blick zu. „Es war irgendetwas, das sich so ähnlich wie Sachse schrieb. Irgendwas wie Sachse… Oder war es nur was mit S? Bilde ich mir das ein? Neun Buchstaben… Sasse…" Sie schrieb Sasse in die Spalte und starrte den Wortbeginn eine Weile an, bis es ihr einfiel. „Sassenach."

„Wenn Fred auch nur halb so gut vorankommt, wie ich bei diesem Kreuzworträtsel, dann kann ja nichts schief gehen", spottete sie leise und diese Erinnerung an sich selbst, bezüglich Freds Aufenthaltsort, ließ ihren Magen einen Sprung machen und sie lenkte ihren Blick wieder zu der Rose, nur um zu sehen, wie ein Tropfen von einem der Blätter hinunterfiel.

Ihr Herz stockte.

„Nein!", entfuhr ihr und sie sprang auf, sodass das Kreuzworträtsel auf den Boden fiel, wo es liegen blieb. Sie war so schnell bei der Rose, dass sie dabei am Tisch anstieß und sich wahrscheinlich einen blauen Fleck an der Hüfte zuzog, ohne es überhaupt zu bemerken.

„Verdammt, hör auf zu schmelzen!", fuhr sie die Rose an und starrte mit vor Entsetzen geweiteten Augen auf die Eisrose. Ein weiterer Tropfen fiel zu Boden. Sie hatte es sich nicht eingebildet, das Eis schmolz.

Mit zitternden Fingern berührte sie das Blatt und als sie sie wieder hob, haftete Wasser an ihrer Haut. Aber es war seltsam – ein plötzlicher Tod musste doch auch zu plötzlichem Schmelzen führen. Das hier sah eher so aus, als würde Fred qualvoll verbluten.

Eine Vorstellung, die ihr die Galle hochbrachte.

Sie musste etwas tun.

Ohne sich einen Plan zu überlegen, schnappte sie sich Sophie und brachte sie, so schnell es ging, hinauf in den ersten Stock. Sie legte sie in ihre Wiege und schob diese zu ihrer Mutter. „Du musst auf Sophie aufpassen, ich muss weg."

Zeit, darauf einzugehen, ließ sie ihr nicht, stattdessen stürmte sie die Treppe hinunter, aus dem Haus hinaus, wobei es ihr hoch anzurechnen war, dass sie die Türe schloss. Sie zog sich weder Schuhe, noch eine Jacke an und lief in ihrer Jogginghose und dem Tanktop, das sie den ganzen Abend getragen hatte, nur in Socken, bis zur Appariergrenze, die sie selbst gezogen hatte. Dahinter blieb sie stehen, holte tief Luft und tat einen Schritt nach vorne.

Nichts passierte, bis auf ein leichtes Ziehen in ihren Handgelenken. Ein Blick nach unten zeigte, dass die Apparierfesseln und nun wieder deutlich sichtbar aufleuchteten. „Verdammt Fred!", zischte sie und zerrte daran. Nicht, dass das irgendetwas gebracht hätte – der Zauber war nicht materiell.

Ihr ganzer Körper begann zu zittern, als ihr klar wurde, dass sie hier nicht einfach herumstehen konnte. Sie musste zu ihm, Apparierfesseln hin oder her. Aber sie konnte wohl kaum mit dem Flugzeug kommen!

Also schloss sie ihre Augen und bediente sich der einzigen Möglichkeit, die sie in diesem Moment sah, um ihre eigene Magie zu verstärken. Sie wurde wütend. Wütend auf Fred, weil er ihr diese dummen Fesseln angelegt hatte und so verhinderte, dass sie ihm zur Hilfe eilen konnte. Das Zittern ihres Körpers nahm zu, sie spürte, wie der Zorn sich ausbreitete und als sie das Gefühl hatte, ihn wirklich anschreien zu können, da apparierte sie. Sie hörte ein Bersten, wie das Zerspringen von Glas, spürte einen Ruck, der durch ihren Körper ging, das vertraute Gefühl des Apparierens und wusste, dass sie es geschafft hatte. Sie hatte die Apparierfesseln zerbrochen.

Hogwarts war von jeher mit einem Apparierschutz belegt gewesen, aber es war möglich, dass dieser nicht mehr existierte. Ihn zu brechen, hatte Stefanie nicht gewagt. Sie war an die Grenze appariert, nicht in den Eberkopf, wie die DA-Münze es befohlen hatte. Die Schlacht musste schon lange im Gange sein, Heimlichkeit schien keinen Sinn mehr zu machen.

Sie befand sich zwischen Hogsmeade und Hogwarts, als sie wieder Boden unter ihren Füßen gewann und ihr war vom Apparieren so schlecht, dass sie sich übergeben musste. Immer noch zitterte sie am ganzen Leib und festzustellen, dass sie nicht einmal Stärkungstrank bei sich trug, baute sie nicht gerade auf. Dennoch zwang sie sich, ihre Animagusgestalt anzunehmen, um schneller zum Schloss laufen zu können. Sie hatte sich nach Sophies Geburt recht bald wieder verwandelt, aber kaum lange Ausflüge unternommen. Sie hatte das Baby nie lange alleine lassen wollen. Nun wieder richtig laufen zu können, erfüllte sie mit einem Glücksgefühl, das ihr unpassend erschien. Aber es wirkte – in ihrer Katzengestalt konnte sie Kräfte mobilisieren, die sie als Mensch nicht gehabt hätte und es dauerte nicht lange, bis Hogwarts in Sicht kam.

Sie wusste nicht, was sie eigentlich erwartet hatte, aber es war nicht das, was sie sah. Das Schloss sah beinahe aus, wie immer. In ihrer Katzengestalt konnte sie keinen Unterschied ausmachen. Da waren nicht einmal Todesser, die sich mit ihren Freunden duellierten. Katzen hatten ein sehr feines Gehör, aber kein Kampfgeschrei drang an ihr Ohr und als sie vor dem Eingangsportal stand, das offen war, verwandelte sie sich zurück und blieb für einige Sekunden zögernd stehen.

Hatte sie das etwa geträumt? Gab es keine Schlacht?

Sie spähte in die Eingangshalle und sah zwei Menschen, die sie irgendwann schon einmal in Hogwarts gesehen, gerade aber nicht zuordnen konnte, die einen dritten, Verletzten, zwischen sich stützten und in die Große Halle schleiften.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich und sie blinzelte kurz heftig, bevor sie in die Eingangshalle trat. Es war real. Und die verdammte Rose hatte Ansätze gezeigt, zu schmelzen!

Gemurmel drang aus der Großen Halle und als sie eintrat, gewann für einige Momente ein Eindruck des Grauens die Überhand, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Auf dem Boden, nebeneinander aufgeschlichtet, lagen Körper. Es erinnerte Stefanie an die Streckenlegung einer Treibjagd, aber sie wehrte sich heftig gegen diesen makaberen Gedanken und schüttelte ihn ab. Um die Toten herum standen Trauernde. Sie sah einen Körper mit Tonks buntem Haar und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen.

Ihre Augen wanderten weiter, während ein hohes Summen in ihr Ohr trat, das nur sie hören konnte. Der Tinnitus dauerte nur einige Sekunden, genau den Zeitraum, den sie brauchte, um die Verletzten zu finden. Zuerst sah sie Madame Pomfrey, die sich über einen Verwundeten beugte und ihr den Rücken zuwandte. Die Anwesenheit der Heilerin verriet Stefanie, dass die Leute auf dieser Raumseite noch lebten. Dann sah sie eine Ansammlung an rotem Haar, die auf einen ganzen Clan an Weasleys hindeutete.

Ihr Herz zog sich zusammen und ihre Hände begannen wieder zu zittern. Sie konnte sie nur von hinten sehen, da sie ihr ebenfalls den Rücken zuwandten, aber sie standen um einen Menschen herum und obwohl Stefanie acht zählte, wusste sie, dass einer von ihnen am Boden lag. Und er war der Grund, warum sie gekommen war.

„Fred!"

Sie merkte kaum, dass sie seinen Namen rief, während sie auf die Weasleys zuhastete, aber George hatte ihren Ruf gehört und er drehte sich um. Sie konnte sehen, dass er überrascht war, sie zu sehen – überrascht, aber nicht unbedingt unerfreut. Er löste sich aus den Reihen seiner Familie und kam ihr entgegen. Als er sie erreicht hatte, stoppte er sie, indem er sie an den Armen festhielt.

„Was machst du hier, Steph?", fragte er und sie versuchte, sich loszureißen.

„Ich bin hier, weil diese dumme Rose angefangen hat, zu schmelzen. Ich will sichergehen, dass mein Mann diese verdammte Schlacht überlebt, also lass mich gefälligst los, damit ich zu ihm kann! Er ist es doch, der am Boden liegt, oder nicht? Was ist passiert?!"

Georges Griff um ihre Arme verstärkte sich und er sagte: „Er lebt, Liebes, er lebt."

Noch nie hatte George irgendeinen Kosenamen für sie benutzt und ihn den sagen zu hören, mit dem sein Bruder sie stets bedachte, ließ ihren Widerstand erschlaffen. Es hörte sich nicht an, als würde er seinem Zwilling nachsprechen und er sagte es auch nicht, um an ihre Vernunft zu appellieren. Sie spürte, dass er es so meinte. Vielleicht nicht auf die Art, wie Fred es meinte, aber doch auf eine verwandte Art. Stefanie blickte ihn mit großen Augen an und ihre Lippen formten ein stummes: „Was ist passiert?"

„Ich war nicht dabei. Percy war bei ihm, gemeinsam mit Ron, Harry und Hermine. Es war wohl eine Explosion. Madame Pomfrey sagt, dass sein Rückenmark im Halsbereich gebrochen ist. Er spürt unterhalb des Halses nichts mehr, kann sich nicht bewegen. Aber es ist reparabel – sie hat ihm einen Trank gegeben. Es wird nur sicher ein paar Stunden dauern. Er hat ziemliche Schmerzen."

Stefanie kannte den Trank. Er war der Auslöser der Schmerzen, die der Patient durchstehen musste. Durchtrennte Nerven wieder zu verknüpfen, war ein schweres Stück Magie und tat höllisch weh. Dennoch spürte Stefanie, wie sie Erleichterung überkam und ehe sie sich versah, hatte sie George die Arme, die er inzwischen freigegeben hatte, um den Hals gelegt und sich an ihn gedrückt. „Ich bin so froh, dass es nur das ist", flüsterte sie und er erwiderte die Umarmung auf eine Art, die ihr klar machte, wie erleichtert er selbst war.

„Als Percy ihn hergetragen hat, dachte ich zuerst...", hörte sie ihn leise sagen und sie konnte sich vorstellen, was er gedacht und empfunden haben musste.

„Aber etwas verstehe ich nicht", begann Stefanie und löste sich von ihm. „Warum ist ihm überhaupt etwas passiert? Ich habe ihm Felix Felicis zu trinken gegeben, er hätte viel mehr Glück haben sollen! Ob er wohl nicht wirkt?"

„Bei mir wirkt er tadellos, mir sind Zauber nicht mal ansatzweise nahe gekommen", erwiderte George und der Funke eines Verdachts tat sich in ihr auf.

„Was soll das heißen, dass er bei dir wirkt? Wie kommst du zu Felix Felicis?"

„Fred hat mir den letzten Schluck gegeben", erklärte er arglos und Stefanie hörte sich leise aufstöhnen.

„Dieser Idiot." Sie schloss ihre Augen und betete Gott um Ruhe an, damit sie ihren Mann nicht selbst umbrachte. „Er hat mich reingelegt."

Ohne einen weiteren Blick zu George, bahnte sie sich ihren Weg zu den restlichen Weasleys, die sie längst bemerkt hatten. Sie traten zur Seite, sodass sie neben Fred auf die Knie sinken konnten. Er hatte die Augen geschlossen, aber sie war sich nicht sicher, ob er schlief. Sie hätte ihrem Patienten einen Schlaftrank gegeben, da ein schmerzhemmender Trank keine Wirkung zeigte, wenn man ihn mit dem Trank verabreichte, den Fred nun intus hatte. Wenn er wach war, dann stand er gerade Schmerzen aus, die an der Grenze dessen lagen, was ein Mann ertragen konnte, ohne die Besinnung zu verlieren.

„Was hast du dir dabei gedacht, mich glauben zu lassen, du hättest den Trank getrunken?", fragte sie leise, während sie mit ihrem Daumen über seine Wange strich und spürte, wie ihre Wut über seine Aufopferung der Sorge wich.

Auf ihre Stimme hin öffnete er seine Augen und blickte zu ihr hoch. „Sollte ich halluzinieren? Davon hat Madame Pomfrey gar nichts gesagt, aber ich sehe Steph und sie macht mir Vorwürfe."

„Ich bin real, Liebster, und wenn du Idiot den Trank geschluckt hättest, wie du es zu tun vorgegeben hast, dann müsste ich dich jetzt auch nicht mit Vorwürfen quälen."

„Ich habe ihn geschluckt", verteidigte er sich und seine Stimme war nun noch leiser, als zuvor. Es war, als würde er nicht die nötige Energie aufbringen, zu sprechen und gleichzeitig gegen die Schmerzen anzukämpfen. Überhaupt musste er eine ziemlich hohe Schmerztoleranz haben – sie hatte Patienten gesehen, die sich stöhnend im Bett hin und her geworfen hätten, hätten sie sich nur bewegen können. „Aber vielleicht nicht alles. Den Rest habe ich George gegeben."

„Den größeren Rest", verbesserte Stefanie ihn und obwohl sie wütend war, weil er sich damit in Gefahr gebracht hatte, konnte sie nicht anders, als ihn dafür zu lieben. Und nun wurde ihr klar, dass er doch Glück gehabt haben musste. Wenn sein Rückenmark im Halswirbelbereich durchtrennt worden war, hätte er auch am Genickbruch sterben können. Aber er lebte, zwar gelähmt, aber dennoch. Mit magischen Mitteln konnte man dem abhelfen. Ihr Trank hatte doch gewirkt.

„Was machst du überhaupt hier? Habe ich dir nicht Apparierfesseln angelegt?", fragte Fred inzwischen und sie sah, dass ihm gerade erst wieder klar geworden war, dass er sich nicht über ihre Anwesenheit freuen sollte.

„Die habe ich zerbrochen", informierte sie ihn und umfasste die seiner Hände, die neben ihr lag. Sie war unbeweglich und er konnte den Druck nicht erwidern, aber sie hielt sie dennoch fest, obwohl er es nicht einmal spürte.

„Ich wusste, dass ich dich noch mit echten Seilen hätte fesseln sollen", murmelte er und brachte es sogar jetzt fertig, sie anzugrinsen.

„Das hätte dir so gepasst, nicht wahr?" Sie beugte sich zu ihm und drückte ihn einen Kuss auf den Mund, bevor sie hochsah und zu den anderen Weasleys blickte. „Was ist überhaupt hier los? Sind die Kämpfe vorüber?"

Erst jetzt bemerkte sie Percy und ihr wurde klar, dass er der achte Weasley gewesen war, den sie von hinten gesehen hatte. Natürlich, George hatte erwähnt, dass er bei Fred gewesen war, als es passiert war.

„Hi, Percy", begrüßte sie ihn und lächelte. „Bist du wieder zur Vernunft gekommen?" Aber sie ließ ihn darauf keine Antwort geben, denn sie wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen. Also erhob sie sich, trat zu ihm und umarmte ihn zum ersten Mal in ihrem Leben. „Danke, dass du auf ihn aufgepasst hast", flüsterte sie in sein Ohr, so leise, dass nur er es hören konnte. Sie spürte, dass er seine Hände leicht unbeholfen auf ihren Rücken legte – vielleicht mochte er Umarmungen einfach nicht. Sie hatte Audrey nie gefragt, ob er eher der Kuscheltyp war, oder nicht. Irgendwie konnte sie es sich schwer vorstellen.

Als sie sich von ihm losmachte, räusperte sich Bill und antwortete auf ihre erste Frage: „Du-weißt-schon-wer hat uns eine Stunde gegeben, um ihm Harry auszuliefern. Derweil können wir uns um die Verletzten kümmern und die Toten zusammentragen."

Ein Schatten lag auf seinem Gesicht, als er das sagte, aber da sie das durchaus verstehen konnte, nickte sie nur und fragte nicht nach, ob bei ihm alles in Ordnung war. Dazu hatte sie auch keine Gelegenheit, denn nun erklang Mollys Stimme: „Stefanie, hast du Sophie allein gelassen?"

Das waren die Worte, die sie benutzten, aber sogar Stefanie verstand, dass sie ihr eigentlich sagte, dass sie hier nichts zu suchen hatte und bei ihrem Baby bleiben hätte sollen. „Meine Mutter passt auf sie aus", erwiderte sie vage und Mollys Gedanken dazu waren so eindringlich, dass sie trotz Stefanies Abschirmung auf sie eindrangen.

Das hat Tonks auch getan und nun ist ihr Teddy eine Waise.

Automatisch drehte Stefanie sich in die Richtung um, in der sie die Leiche von Tonks entdeckt zu haben glaubte. Aus der Ferne erkannte sie, dass einer der benachbarten Körper tatsächlich Lupin sein könnte und ihr Herz wurde schwer. Offenbar hatte Lupin den Zauber für Apparierfesseln auch nicht gekannt. Vielleicht hatte er bei Tonks auch nicht damit gerechnet, dass sie ihm nachkommen würde, immerhin war das eher etwas, was man bei einem Gryffindor erwarten musste. Sie erinnerte sich daran, dass Fred sowohl Tonks, als auch Lupin unter den ersten Namen aufgezählt hatte, denen er Felix Felicis gegeben hätte und Stefanie bekam ein schlechtes Gewissen. Hätte sie sich damals nur nicht eingebildet, für ihre privaten Probleme etwas von dem Trank nehmen zu müssen! Dann hätte sie ihn nicht verschüttet und es wäre genug für alle gewesen. Auch genug, um Fred die Schmerzen zu ersparen, die er jetzt litt.

Aber wie hätte sie ahnen können, dass es zu so einem Kampf kommen würde?

Sie wandte sich wieder Molly zu, die erkannt haben musste, dass Stefanie den unausgesprochenen Vorwurf gehört hatte. Vielleicht hatte sie ihn gedanklich auch geschrien, damit er ihre Barrieren durchbrechen konnte.

„Ich habe nicht vor, zu kämpfen", erklärte Stefanie, die wirklich nie mit dem Gedanken gespielt hatte. Fred hatte Recht, sie war aus der Übung. Und auch zuvor nicht sehr gut darin gewesen. „Ich werde Madame Pomfrey bei der Versorgung der Verwundeten helfen."

Außerdem hatte sie nicht vor, Fred weiter als ein paar Meter von der Seite zu weichen.

Ihr Vorhaben schien ihre Schwiegereltern, wie auch alle ihre Schwäger und Ginny einigermaßen zu beruhigen, sie hatten wohl alle schon befürchtet, dass sie sich jetzt ins Kampfgetümmel stürzen wollte. Eigentlich fand Stefanie das rührend, ein Teil von ihr lachte darüber, nur ein winziger Teil war ein klein wenig beleidigt.

Sie ging und unterhielt sich kurz mit Madame Pomfrey, ließ sich von ihr kurz über die verschiedenen Verletzungen informieren und was sie noch tun konnte. „Erst einmal will ich die Verwundeten gerne aus der Großen Halle schaffen", erklärte die Heilerin schließlich und ihr Mund hatte einen festen Zug angenommen, den man von ihr so nicht gewöhnt war. „Die Stunde ist bald um und wer weiß, was ihnen so einfällt. Ich will abseits der Schusslinien sein, wenn ich Verletzte versorge. Der Krankenflügel ist zu weit weg, aber wir könnten sie in die Kammer neben der Halle bringen."

Das leuchtete ein und mit Hilfe von Fleur und Bill ließen sie die Verwundeten auf Tragen in jene Kammer schweben, in der Harry mit den anderen Champions verschwunden war, nachdem der Feuerkelch seinen Namen ausgespuckt hatte. Stefanie war noch nie dort gewesen, aber nachdem der Raum, von ein paar Portraits an den Wänden und einem ziemlich großen Kamin, in dem selbst heute ein Feuer brannte, leer war, schien ihr das kein Verlust zu sein. Sie sah auch eine weitere Tür, hinter der sie einen Abstellraum vermutete. Die Kammer war groß genug für die Verwundeten, auch die Toten hätten wohl noch hinein gepasst, aber darauf verzichteten sie erst einmal.

Sie war gerade wieder über Fred gebeugt, der dieses Mal nicht wach zu sein schien, und dankte Gott dafür, dass er sich nicht das Genick gebrochen hatte, als eine unbekannte Stimme, magisch verstärkt, durch das ganze Schloss hallte: „Harry Potter ist tot. Er wurde getötet, als er wegrannte, als er versuchte, sich selbst zu retten, während ihr euer Leben für ihn gegeben habt. Wir bringen euch seine Leiche zum Beweis dafür, dass euer Held gestorben ist. Die Schlacht ist gewonnen. Ihr habt die Hälfte euer Kämpfer verloren. Meine Todesser sind in der Überzahl gegen euch, und der Junge, der überlebt hat, ist erledigt. Der Krieg darf nicht länger währen. Jeder, der weiterhin Widerstand leistet, ob Mann, Frau oder Kind, wird niedergemetzelt werden, wie jedes Mitglied seiner Familie. Kommt aus dem Schloss, unverzüglich, und kniet vor mir nieder und ihr werdet verschont werden. Eure Eltern und Kinder, eure Brüder und Schwestern werden leben und es wird ihnen verziehen, und ihr werdet euch mir anschließen in der neuen Welt, die wir gemeinsam errichten werden."

War das Voldemorts Stimme? Sagte er die Wahrheit? War Harry wirklich tot? Stefanie sah hoch zu Madame Pomfrey und erhaschte einen Blick auf die Enttäuschung in ihrem Gesicht. Dann wurden die Züge der Heilerin wieder hart und sie sagte: „Sei es, wie es wolle, die Patienten lasse ich nicht allein."

Das war auch das Mantra, das man Stefanie antrainiert hatte und sie nickte, obwohl sich ein Kloß in ihrem Hals gebildet hatte. Harry war ihre Hoffnung gewesen. Es war zwar niemandem so ganz klar, warum eigentlich, aber zumindest hatten sie etwas gehabt, an das sie sich klammern konnten. Wenn er tot war...

„Steph, warum bist du noch hier?", kam es leise von Fred, dessen Augen nun wieder geöffnet waren. Obwohl er durchaus meinen hätte können, warum sie nicht nach draußen ging, um sich Harrys Leiche anzusehen, so wusste sie doch, dass er sie fragte, wieso sie nicht zurück nach Hause gegangen war.

„Ich würde eher sterben, als dich so alleine zu lassen", erklärte sie mit Nachdruck und für einen Moment sah sie Stolz auf seinen Zügen. Dann verlautete er düster: „Das steht tatsächlich zur Debatte."

Es gelang ihr, zu grinsen. „Ich bleibe bei dir, was auch immer passiert."

Für ein paar Augenblicke musterte Fred sie nachdenklich, dann beobachtete sie, wie er sein Gesicht zu einer schmerzhaften Grimasse verzog. Wahrscheinlich hatte ihn eine Welle der Schmerzen erfasst. Es dauerte ein paar Momente, bis er sich wieder gefangen hatte und aus dem Nichts fragte er: „Ist dir je der Gedanke gekommen, was passiert, wenn wir das überleben, aber du danach nicht mehr zurück kannst?". Die Art, wie er es sagte, deutete darauf hin, dass ihm der Gedanke selber gerade zum aller ersten Mal gekommen war.

„Sicher", spottete Stefanie leise und beugte sich so dicht an sein Ohr, dass es niemand außer ihm hören konnte. „Wenn Du-weißt-schon-wer, nachdem er es endlich geschafft hat, die Rebellen zu besiegen, nichts besseres zu tun hat, als eine diplomatische Krise auszulösen."

„Du meinst, weil du Ausländerin bist?"

„Sagen wir es so", murmelte sie und warf einen raschen Blick über ihre Schulter, obwohl ihr klar war, dass außer ihnen und den Verwundeten nur Madame Pomfrey im Raum war, „Gringotts ist eine nette Bank für den Pöbel. Das Ministerium lagert seine Goldvorräte zufälligerweise in der Schweiz. Wir sind eine kleine Zauberergemeinschaft und so wie ich sie kennen gelernt habe, legen sie auf ihre Neutralität zwar zu viel Wert, um sich in einen Krieg einzumischen, aber ihre Schäfchen sind ihnen mindestens so wichtig. Und selbst wenn alle Stricke reißen – sofern wir nicht in Askaban landen, kann ich immer noch auf Muggelwegen zu Sophie zurück. Also mach dir um mich keine Gedanken, sondern konzentriere dich auf dich und deine Heilung. Und wie du es jemals wieder bei mir gutmachen willst, dass du mir solche Schreckmomente gebracht hast."

Dazu schien ihm nichts mehr einzufallen, was es wert gewesen wäre, weit genug gegen den Schmerz anzukämpfen, um den Mund aufzumachen und er schwieg. Seine Augen hielt er nun wieder geschlossen und nachdem Stefanie ihn noch einige Sekunden betrachtet hatte, stand sie auf, um sich anderen zuzuwenden.

Die Stille, die vorhin geherrscht hatte, wurde langsam durchbrochen. Irgendetwas war draußen los und es hörte sich wie das reinste Chaos an. Stefanie versuchte den Verdacht, dass draußen wieder gekämpft wurde, zu ignorieren und ging neben einer verletzten Schülerin in die Knie. Ihre Verwundungen waren trivial im Vergleich zu Freds. Keiner der Verletzten war dem Tod auch nur ansatzweise so nahe gekommen, wie ihr Mann und sie fragte sich, ob es wohl wirklich der winzige Schluck Felix Felicis gewesen war, der ihm das Leben gerettet hatte.

„Alles gut", murmelte sie leise und nahm dem Mädchen die Watte ab, die sie selbst gegen ihre Wunde drückte. Der Trank darauf war längst von ihrer Haut eingesogen worden – Stefanie betupfte die Watte neu und legte sie wieder auf die Wunde. „Niemand verlangt von Verwundeten, dass sie sich zum Schlossportal schleppen, um sich niederzuknien."

„Sicher nicht?"

„Ganz sicher. Hier, halt das wieder fest. Tut es noch sehr weh? Es sollte gleich wieder besser sein..."

In diesem Moment öffnete sich die Türe zur großen Halle. Stefanie wandte ihren Kopf nach hinten und erblickte zwei Todesser, die mit erhobenen Zauberstäben die Kammer betreten hatten. Für die Sekunden, in denen die Türe offen stand, hörte sie deutlich Kampflärm und erhaschte auch einen Blick auf Zauber, die zwischen Menschen hin und her geschleudert wurden. Erleichterung darüber, dass sie die Verwundeten aus der Halle geschafft hatten, machte sich in ihr breit. Um ein Haar wären sie mitten im Kampfgetümmel gelandet.

„Zauberstäbe weg! Kommt auf keine dummen Ideen, oder wir machen aus den hilflosen Patienten hier Leichen!", wies einer der Todesser sie an und ein Seitenblick auf Madame Pomfrey zeigte, dass diese nicht vorhatte, Widerstand zu leisten. Da Stefanie nicht plante, Freds Leben zu riskieren, erhob sie sich langsam und legte ihren Zauberstab weg. Sollten die beiden Todesser auf sie aufpassen und den Raum sichern? Oder waren sie hier, um ihrem persönlichen Vergnügen nachzugehen, vielleicht um ein paar Verwundete zu foltern?

„Ei, was für ein hübsches Vögelchen", stellte der zweite Todesser inzwischen fest und Stefanie brauchte ein paar Augenblicke, um zu begreifen, dass er von ihr sprach. Barfuß, mit ihrer Jogginghose und dem von Sophie sicher schon angespucktem Tanktop bekleidet, fühlte sie sich nicht wirklich wie ein hübsches Vögelchen, aber es war definitiv kein echter Vogel im Raum und beide Männer sahen sie recht eindeutig an. Heiß brannte Blut in ihren Wangen, als ihr das klar wurde und sie hoffte inständig, dass Fred gerade die Besinnung verloren hatte oder aus anderen Gründen nicht hören konnte, was gesprochen wurde. Er konnte nichts tun, nicht einmal mit dem kleinen Finger wackeln, von daher war es definitiv besser, wenn er das hier einfach verschlief.

„Ich denke, es reicht, wenn einer von uns hier aufpasst. Der andere kann derweil mit ihr in die Abstellkammer gehen", schlug der erste Todesser inzwischen vor und der zweite stimmte ihm zu. Dann brach ein kleiner Streit darüber aus, wer denn als erstes das Vergnügen hatte. Stefanie gab Madame Pomfrey mit einem Kopfschütteln zu verstehen, dass sie es einfach geschehen lassen sollte. Zwar arbeitete es in ihrem Kopf auf der Suche nach einem rettenden Einfall, sich einer Vergewaltigung zu entziehen, aber ihr fiel nichts ein, dass nicht die Verwundeten, schlimmer noch, Fred, in Gefahr gebracht hätte. Harry war tot, die Todesser fühlten sich als Sieger, die auf sie hinabblickten. Sie waren sicher gerne bereit, ihre Drohung wahr zu machen und ein paar der Verletzten zu Toten zu machen, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren und ihr klar zu machen, dass sie nicht in der Position stand, sich zu widersetzen.

Irgendwann hatten die zwei es geschafft, sich zu einigen, wer den Vortritt hatte und mit einer Handbewegung forderten sie Stefanie auf, in den Raum zu gehen, den sie als Abstellkammer vermutet hatte. Sie vermied es, in Freds Richtung zu sehen und redete sich ein, dass er ganz sicher schlief und nichts mitbekam. Während sie ging, nahm sie den sterilen Geruch von antiseptischer Tinktur wahr und versuchte, Trost daraus zu ziehen, dass sie, immer noch stillend, sicher nicht schwanger werden würde. Außerdem gab es unter Zauberern nicht wirklich Geschlechtskrankheiten. Dennoch war ihr übel, als sie den Raum betrat und sie überlegte fieberhaft, wie sie ihrem Schicksal entkommen könnte.

Sie hatte schon öfter geglaubt, Angst zu haben, aber nun wurde ihr klar, dass sie sich nie so sehr geängstigt hatte, wie in diesen Momenten. Außerdem hatte sie bisher, zumindest unterbewusst, immer auf Rettung von außen vertraut, war nie alleine gewesen. Aber jetzt war sie alleine und Fred war nicht in der Lage, ihr irgendwie zu helfen. Sie musste sich selber helfen, wenn sie die Chance dazu bekam.

Es war tatsächlich eine Abstellkammer und da sie über keinen Kamin verfügte, war es recht kalt. Links und rechts an den Wänden standen Regale, die allerdings blickdicht verschlossen waren. Am Ende des Raumes, an der Außenseite, befand sich ein Fenster, durch das man hinaus auf das Schlossgelände sehen konnte. Einer der Todesser war Stefanie dicht gefolgt, sie spürte die Spitze seines Zauberstabs in ihrem Nacken.

„Hübscher Ring", hörte sie ihn sagen, während sie gleichzeitig das Geräusch einer sich schließenden Türe vernahm.

„Hat mein Mann ausgesucht", erwiderte sie, ohne wirklich anzunehmen, dass der Ehestand ihm irgendwie heilig genug wäre, um jetzt von ihr abzulassen.

„Ja? Sieht teuer aus. Ist er heute auch hier, dein Mann?"

Das Piksen in ihrem Nacken drängte sie weiter, bis sie das Fenster erreicht hatte. Eine Hand legte sich um ihren Arm und zwang sie, sich umzudrehen. Sein Griff war noch fester, als der von George und sie musste sich zusammenreißen, um kein Geräusch zu erzeugen.

„Ja, er ist da." Sie blickte in das Gesicht des Todessers, erkannte ihn aber nicht. Er trug keine Maske, seine Kapuze war hinunter gesunken und offenbarte die Züge eines vielleicht Vierzigjährigen. Er hatte keinen Mundgeruch, er war nicht hässlich – er war normal. Dennoch, sein Charakter musste tief verdorben sein, sein Vorhaben war abstoßend und Stefanies Herzschlag beschleunigte sich weiter. Trotz seines festen Griffes zitterten ihre Hände und ihr Oberkörper bebte leicht.

„Aber offenbar nicht jetzt, um dir zu helfen. Ich kann deine Angst spüren, das gefällt mir." Er übte genug Druck auf sie aus, um sie gegen den steinernen Fenstersims zu pressen, seine andere Hand hielt nach wie vor seinen Zauberstab auf sie gerichtet, aber er konnte sich nicht auf alles zugleich konzentrieren. Vielleicht hätte Stefanie ihre Augen geschlossen und einfach gewartet, bis es vorüber war, aber in diesem Moment drangen von außen Kampfgeräusche an ihr Ohr. Jemand war in die Kammer gekommen und kämpfte. Und das konnte nur jemand von ihrer Seite sein, sonst würde es kaum zum Duell gekommen sein. Auch der Todesser vor ihr konnte die Geräusche hören, doch noch bevor er darüber nachdenken konnte, hatte Stefanie ihr Knie hochgezogen und so fest es ging zwischen seine Beine gerammt. Er taumelte mit einem Schrei zurück, sie griff nach seinem Zauberstab. Sein Gesicht war nun schmerzverzerrt und seine Augen voller Wut. Er erkannte, was sie vorhatte und hielt seinen Zauberstab entsprechend fest, sie konnte ihn nicht entwenden. Sie rangen miteinander, sein Zorn verlieh ihm die nötige Kraft, die Schmerzen zu ignorieren, es gab ein knackendes Geräusch und der Zauberstab war in zwei Teile zerbrochen.

Für einige Momente starrten sie beide auf den zerstörten Zauberstab, dann entfuhr dem Mann ein: „Du verdammtes Biest!", und er stürzte sich neuerlich auf sie. Stefanie wich zurück, er krachte gegen die Schränke hinter ihr. Sie sah, dass er nach etwas griff, das dort lag und überlegte, ob es klüger wäre, in die Kammer zu laufen, ohne zu wissen, was sie dort erwartete (Hilfe oder noch ein Gegner), oder hier zu bleiben und zu versuchen, ihn weiter unschädlich zu machen. Er nahm ihr die Entscheidung ab, indem er sich in seiner ganzen Größe aufrichtete und langsam auf sie zukam. Sein Zauberstab lag zerbrochen auf dem Boden, nichts um sie herum schien ihr als Waffe geeignet zu sein. Sie entschied sich, doch besser zur Türe zu laufen, aber er stellte sich ihr in den Weg und legte eine Hand um ihren Hals. Es war ihm so ein leichtes, sie rückwärts gegen die Wand zu lenken, wo er ihren Hals wieder freigab und sie an der Schulter fixierte. Nun, da ihre Luftröhre außer Gefahr schien, begann sie wieder, sich mit Händen und Füßen zu wehren. Es gab ein Gerangel, sie erwischte ihn mit ihrem Ellbogen an irgendeinem Knochen, auf jeden Fall fühlte es sich hart an, spürte einen Schmerz an ihrer Seite und keuchte auf. In diesem Moment wurde die Türe geöffnet, aber sie konnte keinen Blick riskieren sondern fokussierte ihre Kräfte auf ihren Gegner. Als sie ihn von sich stieß, machte sich ein seltsames Ziehen in ihrer Seite bemerkbar, aber da in diesem Augenblick ein Schockzauber den Todesser traf und er steif zu Boden fiel, hatte sie keine Zeit, darauf zu achten. Ihr Blick glitt zur Türe und unendliche Erleichterung durchflutete sie, als sie sah, wer es war.

„George!" Sie stolperte auf ihn zu und war froh, dass er ihr entgegen kam, um sie in seine Arme zu ziehen.

„Alles in Ordnung mit dir?", fragte er und sie nickte. „Ja, du bist gerade rechtzeitig gekommen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was sonst passiert wäre..."

Aber irgendetwas stimmte nicht. Sie schwankte, begann, sich seltsam entwurzelt und federleicht zu fühlen. Fast war ihr, als würde sich ein Vorhang zwischen sie und die Realität senken, als würde sie ihrem Körper entrücken. Sie blickte auf Georges rotes Haar und musste an Sophie denken. Wie stolz war sie gewesen, als sie den roten Haarflaum entdeckt hatte… sie konnte es kaum erwarten, sie wieder in die Arme zu schließen. Fred in die Arme zu schließen.

Ihre Seite fühlte sich immer noch komisch an. George sagte etwas zu ihr, aber sie hörte ihn kaum, er schien viel zu weit weg zu sein. Sie war zu weit weg. Er fuhr mit seiner Hand vor ihren Augen herum und schien heftig auf sie einzureden. Seine Hand war voller Blut.

Sie war kaum noch da. Was wollte George nur von ihr? Er hielt sie nun ziemlich fest, sie selber stand gar nicht mehr auf ihren Füßen. Was war nur los mit ihr? Sie fuhr sich an die Seite, die immer noch ziepte und fragte sich, warum sie sich so nass anfühlte. Eigentlich war es auch egal, es war alles schon so schrecklich weit weg. Ihr Sichtfeld verengte sich, nun trugen ihre Füße sie wirklich nicht mehr. Sie schwebte. Es war dunkel.

Als sie erwachte, war sie nicht alleine. Sie blinzelte einige Male gegen die Decke und überlegte, ob sie in einem Bett lag, während sie sich an die Geschehnisse zu erinnern versuchte.

„Hey, vorsichtig Liebes, nichts überstürzen", drang Freds Stimme an ihr Ohr und sie fragte sich, ob sie etwas durcheinander gebracht hatte. War er nicht gerade noch ziemlich unbeweglich und schwer verletzt herumgelegen? Wieso wachte er jetzt an ihrem Bett?

Sie setzte sich auf und erkannte, dass sie im Krankenflügel lag, was ihr seltsam vorkam. Wie war sie hierher gekommen? Hatten in der Großen Halle nicht Kämpfe stattgefunden? Aber dann hätte sie diese doch irgendwie durchqueren müssen…

„Wie geht es dir?", fragte sie und war überrascht, wie leise ihre Stimme klang. Sie räusperte sich und spürte, wie Fred ihre Hand drückte.

„Mir gehts bestens. Madame Pomfrey sagte, sie hätte noch nie gesehen, dass jemand sich so schnell von so einer Verwundung erholt. Offenbar hatte ich den notwendigen Antrieb, wieder Herr meiner Bewegungen zu werden. Wie fühlst du dich? Du bist noch ein wenig blass, ich dachte nicht, dass du schon aufwachen würdest..."

„Was ist denn passiert? Ich glaube, ich bin ohnmächtig geworden, aber ich weiß gar nicht, wieso..." Sie tastete mit ihrer Hand an ihre Seite und fand ein Loch in ihrem Oberteil. Der Stoff war voller getrocknetem Blut und eine Falte grub sich in ihre Stirn, während sie über diesen Umstand nachdachte.

„Eine Stichwunde", erklärte Fred inzwischen und strich mit seinen Fingern über die Ränder des Loches. Er streifte ihre Haut und Stefanie fiel ein, dass sie tatsächlich gespürt hatte, wie irgendetwas passiert war. „Der Kerl hat sich in der Kammer wohl irgendwoher ein Messer genommen. Er beteuerte, dass er nicht wirklich vorhatte, dich zu erstechen, es ist ihm wohl ausgekommen. Und du warst ja auch nicht gerade sanft zu ihm." Dabei klang seine Stimme mehr zufrieden, als vorwurfsvoll.

„Muss ich mich dafür entschuldigen, dass ich mich gewehrt hatte?" hakte sie trotzdem nach und unterbrach sich dann selber, indem sie das Thema wechselte: „Wo ist George? Ich muss mich bei ihm bedanken. Wie konnte er nur genau im richtigen Moment auftauchen?"

„Zwillingstelepathie. Und George ist unten und feiert." Und auf ihren fragenden Blick hin, fasste er zusammen: „Man kann sagen, dass wir gewonnen haben. Harry war gar nicht tot und praktischerweise hat er Du-weißt-schon-wen getötet."

„D,das ist wunderbar", entfuhr ihr und die Erleichterung, die sie durchströmte, war kaum zu beschreiben. Sie setzte sich weiter auf, um ihren Mann zu küssen und an sich zu drücken. „Dann kann Sophie ja endlich dein Heimatland kennenlernen."

„Steph, ich finde, dass wir heiraten sollten", sagte er aus dem Nichts und löste sich so weit von ihr, dass er sie ansehen konnte.

„Du meinst, dass wir unsere Hochzeit mit deiner Familie nachfeiern sollten", verbesserte sie ihn und fuhr mit ihren Fingern über sein Kinn, bevor sie einen weiteren Kuss auf seinen Mund drückte.

„Nein, ich meine, dass wir heiraten sollten. Hier, in England."

„Wir sind doch schon verheiratet", erinnerte sie ihn und ließ zu, dass er seine Lippen ein weiteres Mal auf ihre drückte. Seine Hände lagen um ihre Taille und zogen sie so dicht an sich, dass es, wären sie nicht schon verheiratet gewesen, sowieso dem Anstand widersprochen hätte. Nicht, dass ihn das je gestört hätte.

„Nicht kirchlich", widersprach Fred ihr inzwischen und küsste sie noch einmal und als sie etwas wie: „Du wolltest nicht kirchlich heiraten", sagte, da erwiderte er: „Ich habe meine Meinung geändert. Ich nehme jetzt jede Ausrede hin, um dich noch einmal zu heiraten, wenn alle anwesend sein können. Dann heiraten wir eben katholisch und wenn ich dafür konvertieren muss. Wir sollten unbedingt auch vor Gott ein Ehepaar sein."

Stefanie musste grinsen, obwohl sie nicht sicher war, woher dieser Sinneswandel kam. „Gut", sagte sie trotzdem. „Dann heiraten wir eben kirchlich. Aber ich glaube, dass es reicht, wenn ein Ehepartner katholisch ist, du musst nicht gleich konvertieren. Deine Eltern freuen sich sicher, wenn sie wirklich dabei sein können und wir nicht nur nachfeiern."

„Das denke ich auch. Und dann kann ich im Ehevertrag festhalten, dass du nie wieder so etwas tun darfst."

„Was tun darf?" Sie löste sich von ihm, weil Madame Pomfrey in diesem Moment einen Blick hinter die Trennwand vor ihrem Bett riskierte.

„Wie geht es dir?", fragte sie und Stefanie sah, dass sie eine Nierenschale mit allerlei Tränken in den Händen hielt. Es war anzunehmen, dass sämtliche Verwundeten in den Krankenflügel verlegt worden waren und sie immer noch alle Hände voll zu tun hatte.

„Danke, es geht mir gut." Stichwunden waren für Muggel problematischer, als für Zauberer. Natürlich, unbehandelt konnte man genauso daran sterben, wenn sie gut gesetzt waren, aber wenn es um die Heilung ging, war es für Zauberer eine Kleinigkeit. Man musste nur die Wunde schließen und vielleicht mit blutnachbildendem Trank nachhelfen. Wenn sie darüber nachdachte, was sie in den Momenten empfunden hatte, musste sie recht viel Blut verloren haben. Wahrscheinlich hatte sie es zuerst nicht bemerkt, weil sie so voller Adrenalin gewesen war. Gut, dass George gekommen war.

Die Heilerin nickte ihr zu, warf einen Blick auf Fred und verschwand wieder hinter der Trennwand.

„Also, wo waren wir?", nahm Stefanie das Thema wieder auf und sah ihren Mann eindringlich an. „Was willst du ihm Ehevertrag festhalten?"

„Dass du mich nie wieder in Angst um dein Leben versetzen darfst. Du bist in Georges Armen zusammengebrochen und warst so voller Blut – weißt du, wie ich mich dabei gefühlt habe?"

„Vermutlich so, wie ich, als deine Rose zu schmelzen begonnen hat und ich Apparierfesseln trug", gab sie zurück und neigte ihren Kopf leicht zur Seite. „Du siehst, ich weiß sehr gut, wie es sich anfühlt, den Partner in Gefahr zu wissen und nichts tun zu können. Vielleicht werde ich darauf bestehen, dass es eine gegenseitige Klausel im Ehevertrag ist."

„Aber du musst bedenken, dass ich auch überlebt hätte, wenn du nicht gekommen wärst. Du wärst niemals verwundet worden, wärst du brav Zuhause geblieben, wie ich es eigentlich wollte."

Darüber konnte Stefanie nur den Kopf schütteln und sie entschied, dass es Zeit war, das Bett zu verlassen. „Mach dich nicht lächerlich", sagte sie dann und ließ sich von ihm aufhelfen, „du hättest dasselbe getan. Und jetzt finde ich, ist es Zeit, zu Sophie zurückzugehen. Nicht, dass meine arme Mutter sich noch Sorgen um uns beide macht."

„Oder wir nutzen den Moment, und ich entführe dich an einen Ort, den ich dir schon lange zeigen wollte..."

Stefanie konnte das Meer rauschen hören. Sie drehte sich einmal um sich selbst und ließ ihren Blick über das wandern, das sie umgab.

Sie waren im Freien, an einer Küste. Nur etwa hundert Meter von ihnen entfernt lag das Meer.

Sie spürte, wie Fred mit seinem Daumen über ihren Handrücken strich, während er ihre Hand nach wie vor umfasst hielt. „Nur ein kleiner Spaziergang noch", sagte er dann und führte sie weg vom Meer in die andere Richtung. Es war eine weite Graslandschaft, blühend und lebendig und wunderschön. Bald erreichten sie einen Feldweg, dem sie eine Weile lang folgten.

„Sind wir noch in England?", fragte sie irgendwann und er grinste unaufhörlich.

„Irland", gab er dann aber zu und brachte sie dazu eine Einbiegung des Weges zu nehmen. Das vollkommen baumlose Gebiet lag hinter ihnen, hier wuchsen ein paar knorrige Bäume, wenn sie auch kaum der Rede wert waren. Am Ende des Weges konnte sie ein Haus sehen, und während sie sich fragte, was sie hier taten, tat sich gleichzeitig Hoffnung in ihr biss sich auf die Lippen, um ihre Neugierde zu bändigen und beschleunigte ihre Schritte. Fred jedoch lachte und hielt sie zurück.

„Langsam, langsam, das rennt dir nicht davon."

Der Weg endete am Gebäude, einem zweistöckigen Haus, das so lieblich war, dass Stefanie sofort das Bedürfnis hatte hier zu bleiben. Das Grundstück war eingezäunt und schien eine gewaltige Größe zu besitzen und Stefanie konnte das Meer von hier aus hören.

„Es ist von innen größer, als es jetzt aussieht", hörte sie Fred mit entschuldigender Stimme hören.

Sie wandte ihm ihr Gesicht zu und sah ihn fragend an: „Das willst du mir zeigen?"

Ihr Puls hatte sich beschleunigt und ihre Hand umfasste seine ein wenig fester. War dies etwa…?

„Ich habs schon vor Monaten gekauft, sonst hätte ich dich gefragt, wie du es findest", antwortete er hastig und wirkte auf einmal nervös. „Aber ich kam hier vorbei, sah es und wusste, dass ich es haben muss.." Er sah sie an und fügte hinzu: „In etwa so ist es mir mit dir ja auch einmal gegangen."

Stefanie gab ein Geräusch des Erstaunens von sich und blickte wieder zum Haus. „Es ist so liebreizend", sagte sie und musste lächeln. „Es ist wunderschön."

„Komm mit nach hinten", forderte er sie auf und führte sie in den Garten und um das Haus herum. Sicher, das Grundstück wirkte nicht so, als wäre es jeden Tag intensiv gepflegt worden, aber es war wohl schon eine Weile unbewohnt.

Im hinteren Teil des Gartens, der wirklich über eine erstaunliche Größe verfügte, standen einige ältere Bäume. Fred führte sie mit Bestimmtheit zu einem von ihnen und als Stefanie ihn sah, wusste sie auch warum.

Von einem starken Ast herab hing eine einfache Schaukel aus Holz.

„Oh Fred", entfuhr ihr und sie konnte nicht anders, als ihre Hände um seinen Hals zu legen und ihn zu küssen. „Du hast hier sogar die Schaukel…"

„Sonnenuhr und Brunnen fehlen noch", meinte er grinsend, „aber meine Schaukel ist da."

„Ich brauche keine Sonnenuhr und keinen Brunnen. Die Schaukel ist perfekt."

Und sie setzte sich, ohne Rücksicht auf ihr weißes Kleid, auf das dunkle Brett und stieß sich ein wenig an, gerade genug, um zu wippen.

Sie konnte von hier aus auf die Rückseite des Hauses sehen und plötzlich erinnerte sie sich.

„Wir waren schon mal hier, nicht wahr?", fragte sie ihn und stand auf, um ihre Arme um seinen Hals zu legen. „Vor einem Jahr, zu eurem Geburtstag. Das ist das Haus, das wir in der Ferne sehen konnten, oder?"

„Ja." Er grinste. „Ich konnte nicht widerstehen."

Das brachte sie zum lachen und sie voller Glückshormone küsste sie ihn und flüsterte: „Ich liebe dich."