Epilog

Es war ein milder Sommertag, einer jener langen Abende, an denen man die Vorzüge eines Gartens, in dem man den Tag ausklingen lassen konnte, zu schätzen lernte.

Stefanie hatte ihren Kopf in Freds Schoß gebettet, der im Gras saß. Er spielte mit ihrem Haar herum, während er ihr von den neuesten Entwicklung der Firma „Weasleys Zauberhafte Zauberscherze" berichtete. Der Sommer hatte seine Vorteile – es war warm, man konnte im Gras liegen, die Nacht draußen verbringen, wenn man wollte. Er hatte auch Nachteile – Hogwarts hatte seine Tore geschlossen, es waren Ferien.

Nicht, dass es einen sehr großen Unterschied machen würde. Sophie war mit der Schule fertig, sie würde am 1. September nicht mit den anderen in den Zug steigen. Und Annabell war noch zu jung, um ins Internat zu gehen.

„Und du bist dir wegen Sophie sicher?", fragte Stefanie und blickte zu ihrem Ehemann hoch, der erst vor kurzem in einer Auseinandersetzung mit ihrer Ältesten entschieden hatte, dass sie definitiv nicht in seine Firma einsteigen durfte, bis sie ein gewisses Maß an Reife erreicht hätte. Sophie war ihm sehr ähnlich, er fand, dass es ihr weniger gut stand, als ihm.

„Oh ja. Ihr fehlt die Fantasie, um in der Entwicklung zu arbeiten, die Geduld für die Produktion und in den Verkauf lasse ich sie nicht mehr, solange sie nicht gelernt hat, mit ihren Reizen umzugehen."

„Ich weiß, aber sie tut mir trotzdem Leid. Sie hat immer damit gerechnet und sich nie Gedanken darüber gemacht, was sie eigentlich will. Hätte Charlie ihr nicht angeboten, eine Zeit lang bei ihm in Rumänien zu arbeiten, würde sie jetzt einfach zwischen den Zeilen hängen."

„Dann wüsste sie wenigstens einmal, wie sich Arbeit anfühlt. Ich habe Charlies Freundlichkeit noch nie so sehr verflucht, wie in diesem Moment. Er hätte uns vorher fragen müssen – jetzt bekommt sie schon wieder alles geschenkt. Ich hoffe, sie muss dort richtig hart arbeiten und nicht wie eine Prinzessin behandelt." Stefanie verzog angesichts dieser Aussage ihr Gesicht. Fred hatte leider Recht – Sophie war verwöhnt. Abgrundtief verwöhnt.

Das schönsten Baby, das die Krankenschwester je gesehen hatte, war zu einer Frau herangewachsen, deren Anblick ihrer Umgebung den Atem raubte. Schon als Kind hatte sie ihre Mitmenschen mit einem Lächeln um den Finger wickeln können – sie hatte schnell gelernt, das für sich zu nutzen. Stefanie und Fred war bald klar geworden, dass alle, abgesehen von ihnen selbst, dabei waren, ihre Tochter gründlich zu verderben, aber mit mehr Strenge im Elternhaus entgegen zu wirken, hätte zu wenig geholfen, um eine Sonderbehandlung gegenüber ihren Geschwistern zu rechtfertigen.

Sophie war klug, sie hatte immer gewusst, dass sie sich ihren Eltern gegenüber nichts herausnehmen durfte – allen anderen gegenüber konnte sie machen, was sie wollte. Ihre Schönheit, ihr Lächeln und ihr Wimpernschlag, der sie von Anfang an zu Muriels erklärtem Liebling gemacht hatte, hatten ihr keinen Gefallen getan. Sie mochte die negativen Folgen noch nicht gemerkt haben, aber Stefanie und Fred sahen, dass ihr Charakter zu wünschen übrig ließ. Sie war kein schlechter Mensch, aber egoistisch und verzogen. Was die Bedürfnisse und Gefühle ihrer Mitmenschen anging, so war sie ihnen gegenüber blind.

„Ja… ich bete jeden Tag, dass sie sich in Rumänien in einen Mann verliebt, der sie in ihre Schranken weist."

„Ich bezweifle, dass es einen Mann gibt, der sie ablehnen würde, aber du kannst ja beten, wofür du willst", murmelte Fred und da sie in diesem Moment das Schlagen einer Türe hörten, flötete er weiter: „Wenn man vom Teufel spricht."

Sophie als Teufel zu bezeichnen, war in mehrerer Hinsicht treffend. Die junge Frau, die nun durch die geöffnete Terrassentüre stürmte, hatte feuerrotes Haar, das ihr in wallenden Locken bis zur Taille hinunterreichte. Ihre Wangen waren vom Laufen und vor Zorn gerötet und die Augen, die sie von Stefanie geerbt hatte, blitzten wütend. Nichts davon tat ihrer Schönheit Abbruch, sie war unbestreitbar liebreizend und es war kein Wunder, dass sie in Menschen das Bedürfnis auslöste, ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.

„Schon wieder zurück, Sophie?", erkundigte Stefanie sich höflich, obwohl Sophies Gedanken ihr entgegenschrien, was passiert war. Ihre Tochter war aufgewühlt und hatte nie gelernt, ihre Gefühle irgendwie zurückzuhalten. Dass sie sich ihrer Mutter damit offenbarte, war ihr entweder nicht klar, oder egal.

Stefanie setzte sich auf und beobachtete wie Sophie vor ihnen auf und ab tigerte. „Ja, ich hab es dort nicht mehr ausgehalten. Ich frage mich, wie Andromeda es schafft, sich nicht zu ertränken, wenn sie dauernd dabei sein muss, wie die beiden sich anschmachten!"

Teddy, nur wenige Monate nach Sophie geboren, und als Waise bei seiner Großmutter aufgewachsen, hatte viel Zeit seiner Kindheit mit Sophie verbracht. Stefanie und Andromeda hatten sich, vor der Geburt der Zwillinge, die Stunden aufgeteilt, sodass die zwei fast nie getrennt gewesen waren. Nach Gideons und Francines Geburt, hatte Stefanie Andromeda nicht mehr zumuten wollen, auf ihre Kinder achtzugeben, aber Teddy mitzubetreuen, hatte für sie keinen Unterschied gemacht. Sophie hatte Teddy geliebt, immer. Aber nicht auf die richtige Art. Er war ein netter Junge, immer gewesen, aber wie Wachs in ihren Händen. In ihrer Gegenwart hatte er nie eine andere Meinung gehabt, als Sophies. Dass er ihr treuester Untergebener, ihr Mittäter in allen von ihr ausgeheckten Streichen, gewesen war, lag auf der Hand. Sophie hatte gedacht, es würde ewig so weiter gehen. Sie und Teddy. Teddy und sie. Eigentlich nur sie, aber das konnte sie nicht sehen.

Und dann war Victorie gekommen. Nicht, dass sie nicht schon lange dagewesen war, aber die beiden hatten sie, obwohl sie ihnen vom Alter her nahe kam, nie mitspielen lassen. Für Sophie war sie unsichtbar gewesen, Teddy hatte wohl Mitleid mit ihr gehabt, aber nicht gewagt, Sophie zu widersprechen. Wann er sich genau in sie verliebt hatte, wusste Stefanie nicht, aber Fakt war, dass sie seit kurzem zusammen waren. Und plötzlich – oh Wunder – hatte Teddy seine eigene Meinung. War sein eigener Herr. Dass Victorie im Prinzip genau das tat, was er jahrelang mit Sophie gemacht hatte – nämlich an seinen Lippen hing und zu allem Ja und Amen sagte, was er von sich gab, ihn anhimmelte und innig verehrte – entsprang Sophies eifersüchtiger Wahrnehmung. Ihr gefiel es nicht, dass er nicht mehr dauernd für sie da war.

„Jetzt fährt Victorie ja wieder nach Hogwarts", stellte Fred inzwischen nüchtern fest, ohne Mitleid für Sophie zu empfinden. Er hoffte, dass es sie zu einem besseren Menschen machen würde, Teddy zu verlieren. „Ja, und ich nach Rumänien. Soll er doch sehen, wo er bleibt!" Sie stampfe mit dem Fuß auf, drehte sich um und stürmte wieder ins Haus. Stefanie zuckte leicht zusammen, als eine weitere Türe laut ins Schloss fiel und stöhnte.

„Ich zähle die Tage, bis sie weg ist. Bin ich eine schlechte Mutter?"

„Ich weiß, dass du sie liebst. Aber ich hoffe, dass Charlie sich nicht, wie üblich, komplett von ihr einwickeln lässt..."

Eine weitere Tür fiel ins Schloss, gerade, als Stefanie sich wieder an Fred schmiegen hatte wollen. Sie warfen sich fragende Blicke zu, während sie dem Treppengepolter lauschten. Dieses Mal war es nicht Sophie, es waren Francine und Gideon.

Die Zwillinge hatten optisch am wenigsten von Fred. Sie waren beide hoch gewachsen, hatten im Leben nie eine Sommersprosse gehabt und waren blond. Francine hatte ein Talent dafür, sich Zauber zu überlegen und half ihrem Vater gerne in der Werkstatt, außerdem hatte sie seinen Sinn für Humor. Sie war schon als Kind auf jeden Baum geklettert und legte sich bereitwillig mit Lehrern an, die sie nicht mochte. Auch Francine war hübsch, aber nicht so wie Sophie. Dafür verfügte sie über einen weitaus angenehmeren Charakter. Sophie löste in Menschen das Bedürfnis aus, sie auf Händen zu tragen, Francine das, mit ihr befreundet zu sein. Gideon war ihr äußerlich ähnlich, für einen Jungen extrem hübsch mit den hohen Wangenknochen und der geraden Nase. Er trug stets einen sehr ernsten Gesichtsausdruck zur Schau und war seinen Geschwistern in vielen Belangen sehr unähnlich. Er mochte keinen Lärm und hatte wenig für Scherze übrig. Außerdem war er nicht gerade das, was man mutig nennen würde. Unbestreitbar war er der klügste von ihnen, allgemein hielt man ihn schlichtweg für brillant.

Wenn es Streitigkeiten zwischen den Geschwistern gab, tendierte Stefanie dazu, sich auf seine Seite zu schlagen. Meistens, weil er tatsächlich recht hatte, die anderen Male, weil sie das Gefühl hatte, ihn ihnen gegenüber unterstützen zu müssen. Er hatte viel von ihr und wäre Francine ihm nicht äußerlich so ähnlich gewesen, hätten sich gewisse Leute sicher schon gefragt, ob er nicht bei der Geburt vertauscht worden war.

„Sie sind da!", verkündete Francine, sobald sie in den Garten trat und wedelte mit einem Brief herum, der das Hogwarts Siegel trug. Gideon, der ihr gefolgt war, hielt ebenfalls einen in den Händen, anders als seine Schwester, wirkte er nicht nervös.

„Unsere ZAG-Ergebnisse! Ich dachte schon, die kommen gar nicht mehr, bis wir wieder nach Hogwarts fahren. Dad – steht das noch, dass ich einen neuen Besen bekomme, wenn ich mehr geschafft habe, als du damals?"

„Du brauchst keinen neuen Besen, du fliegst nicht mal in der Hausmannschaft", sagte Fred vorsichtig und stand auf, während sie lachend den Umschlag öffnete.

„Die Kunst hätte mehr darin gelegen, weniger zu schaffen, als Dad", murmelte Gideon und Stefanie grinste, während sie ebenfalls aufstand.

„Na, wie ist es ausgefallen?"

„Ooooh, ich hab Wahrsagen nicht geschafft… dabei hab ich ihr doch aus Prinzip vorhergesagt, dass ich die Prüfung nicht schaffen würde und so einen Widerspruch erschaffen..."

Gideon schnaubte darüber, aber Stefanie nahm Francine das Blatt Pergament ab und überflog es kurz. „Ich finde, dass du auf sieben ZAGs sehr stolz sein kannst. Und in den wichtigen Fächern hast du Ohnegleichen, dein Traum, Heilerin zu werden, ist also nicht geplatzt."

Daran schien sie allerdings nie gezweifelt zu haben, denn sie hatte ihr Interesse längst den Noten ihres Bruders zugewandt. „11 Ohnegleichen?! Das ist doch besser, als Mama damals! Du bist jetzt offiziell der klügste in der Familie!"

Sie fiel ihm um den Hals, obwohl sie wusste, dass er das nicht sehr gerne hatte, während Stefanie Fred einen zufriedenen Blick zuwarf. „Das hat er von mir", flüsterte sie und er küsste sie, bevor sie ein lautes: „DAD!", unterbrach.

Ihre Jüngste, Annabell, kam um die Ecke gerannt. Sie war acht Jahre alt und Sophie in dem Alter optisch sehr ähnlich. Da aber alle Verwandten und Freunde immer noch zu sehr damit beschäftigt waren, ihre älteste Schwester zu verhätscheln, war dieses Schicksal an ihr vorbei gegangen und sie war kein bisschen verwöhnt, sondern, im Gegenteil, extrem vernünftig. Zwar eiferte sie allen ihren Geschwistern nach, pickte sich aber, was ihre Bewunderungen anbelangte, nur die guten Eigenschaften heraus. Ihre besonderen Fähigkeiten, verliehen ihr Einfühlungsvermögen, wie ihre Mutter es nie besessen hatte.

„Fabian hat es geschafft, in die Garage einzubrechen und er hat deinen Feuerblitz gestohlen!", verkündete sie ein wenig außer Atem und stemmte ihre Hand in die Hüfte, als würde ihr das beim Atmen helfen.

„Endlich", entfuhr Fred und Stefanie biss sich amüsiert auf die Lippen „Ich dachte schon, er würde es nie fertig bringen."

„Endlich?", wiederholte Gideon und sah seinen Vater vorwurfsvoll an. „Du hast den Schuppen magisch abgesichert, aber wolltest, dass er das umgeht und den Besen fliegt?"

„Ich konnte ihm wohl kaum erlauben, meinen Feuerblitz zu fliegen, und euch nicht. Er ist zwar der beste Flieger, aber das wäre doch ungerecht. Und nachdem er all meine Fallen umgehen konnte, hat er es sich verdient."

„Oh Gideon, du bist eine Spaßbremse!", schalt Annabell ihn für einen unausgesprochenen Gedanken.

„Raus aus meinem Kopf."

Sie streckte ihm die Zunge heraus und verkündete: „Ich kann doch nichts dafür, wenn deine Gedanken hier herum springen, wie ausgebüxte Schafe. Zäun sie besser ein, dann kann ich sie nicht lesen."

Er verdrehte die Augen und ging wieder zurück ins Haus, Francine schien kurz zu überlegen, ob sie sich wegen dem Feuerblitz beschweren sollte, aber ein fragender Blick zu Annabell, die ihn mit einem Kopfschütteln beantwortete und ihr dabei wohl sagte, dass ihr Vater nicht nachgeben würde, brachte sie dazu, ihrem Zwillingsbruder zu folgen.

„Ooooh, Papa, du kannst mit Mama noch so viel allein sein, wenn wir alle erwachsen sind!", plapperte Annabell inzwischen weiter, was wohl bedeutete, dass auch Freds Gedanken für sie wie ausgebüxte Schafe waren, die er nicht richtig eingezäunt hatte. Dann aber hielt sie inne und ihr Lächeln verschwand. „Tut mir Leid, ich hab ganz vergessen – es ist ja Fees Geburtstag, nicht wahr? Ich lass euch allein."

Fees Geburtstag… Stefanie sah Fred an und er lächelte schwach. Er hatte es nicht vergessen, natürlich nicht.

„Es wäre ihr zehnter", sagte er leise und Stefanie nickte, bevor sie nach seiner Hand griff und sie drückte. „Es ist schwer zu glauben, dass es zehn Jahre her ist. Es kommt mir vor wie gestern, wenn ich daran denke. Du warst so..." Seine Stimme versagte und Stefanie, in deren Hals sich ein Kloß gebildet hatte, konnte ihre nicht finden und küsste ihn nur.

„Sie wäre sicher ein wunderbarer Mensch geworden", sagte sie schließlich und räusperte sich.

„Ich hab soviel Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, warum es passieren musste", fuhr Fred inzwischen fort und der Griff um ihre Hand wurde fester. „Vielleicht, weil man nicht alles haben darf. Denkst du, dass das Leben nicht perfekt sein darf?"

Stefanie, deren Gedanken für einige Momente zurück an jenen schicksalshaften Tag vor zehn Jahren, an dem sie zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war und ein Kind und beinahe ihr eigenes Leben verloren hatte, gewandert waren räusperte sich noch einmal und sagte leise: „Ich denke, dass Annabell ein Wunder ist. Nachdem, was passiert ist, nach der medizinischen Prognose…"

Es war nicht alles voller Einhörner und Regenbögen (obwohl es derer im regnerischen Irland viele gab), aber es war mehr, als Stefanie sich je erträumt hatte. Sie liebte alle ihre Kinder und obwohl man den Verlust eines solchen nie ganz überwinden konnte, so gaben die anderem einen genug Grund, nicht in Trauer und Depression zu verschwinden.

Und neben den Kindern, war da immer noch Fred, den sie über alles liebte. Und den sie immer lieben würde. Er war ihr Happy End. Und sie das seine.