Freiheitsdrang
„Gut, die Stunde ist dann vorbei. Schöne Ferien!", schloss Hermine Granger ihren Unterricht.
„Ihnen auch schöne Ferien, Professor Granger!", riefen ihr ein paar Schüler zu und Hermine lächelte ihnen hinterher, bis sie den Raum verlassen hatten. Dann packte sie ihre Bücher und Tabellen zusammen und verließ als letzte den Raum.
Nachdem sie ihre Sachen kurz in ihrem Büro abgelegt hatte, begab sie sich zum letzten Abendessen vor den Ferien in die große Halle. Dort nahm sie ihren Platz wie gewohnt neben Professor McGonagall ein und die beiden Frauen begannen sich zu unterhalten.
„Ich habe gehört, Sie bleiben auch über die Ferien in Hogwarts?", erkundigte sich McGonagall.
„Wieso auch? Wollen Sie auch hierbleiben?", fragte Hermine erfreut.
„Nein, ich leider nicht… ich habe mir dieses Mal ausnahmsweise auch mal frei genommen. Nein, aber mir ist zu Ohren gekommen, dass unser neuer Schulleiter auch hierbleibt", sagte die älter Frau in gesenktem Ton.
Hermine konnte einen schockierten Gesichtsausdruck ihrerseits nicht verhindern.
„Was?", fragte sie schwach.
McGonagall schürzte mitleidig die Lippen und zog die Augenbrauen hoch.
„Sie können es sich ja noch einmal anders überlegen", schlug sie vor.
Hermine überlegte. Eigentlich hatte sie keine Lust, spontan noch einen Last-Minute-Urlaub zu buchen, der sich dann doch nur durch schlechte Qualität auszeichnete. Außerdem, überlegte sie, war das Schloss ja eigentlich groß genug und die beiden würden sich bestimmt nicht zu oft begegnen.
„Nein, schon in Ordnung. Ich bleibe hier", sagte sie und lächelte zaghaft.
McGonagall zuckte die Achseln. „Ganz wie sie wollen. Ich wünsche Ihnen auch jeden Fall schöne Ferien."
„Danke, Ihnen auch! Einen schönen Urlaub!", wünschte sie ihrer Kollegin.
Hermine genoss es, sich nach dem Essen an diesem Abend Zeit lassen zu können. Schließlich hatte sie am nächsten Tag keinen Unterricht vorzubereiten. Das waren ihre ersten Ferien, seitdem sie begonnen hatte, in Hogwarts als Lehrerin zu arbeiten. Zu unterrichten war anstrengender, als sie gedacht hatte. Erschöpft lehnte sich in ihren Stuhl zurück und trank ihren Tee. Sie nippte gerade an ihrer Tasse, als sie das Gefühl hatte, dass sich etwas in der großen Halle bewegt hätte. Es waren aber schon alle außer ihr gegangen. Als sie ihre Tasse absetzte, wurde sie von etwas geblendet. Erschrocken verschüttete sich fast ihren Tee, bis sie erkannte, was da vor ihr stand. Ein Patronus. Eine Hirschkuh. Sobald sie das Tier entdeckt hatte, begann es zu sprechen: „Ach, Sie auch hier, Miss Granger?"
Hermine schauderte es. Diese schöne, zarte Wesen mit solch einer dunklen, ironischen Stimme sprechen zu hören, widersprach ihrem natürlichen Ästhetikempfinden.
Sie fasste sich wieder und antwortete: „Ja, ich bin auch hier. Und ich bleibe auch hier. Darf ich fragen, warum Ihr Patronus hier ist?"
„Ich kontrolliere, ob auch alle Schüler abgereist sind. Beinahe hätte ich Sie gebeten, nach Hause zu gehen… ich vergesse immer wieder, dass sie ja jetzt eine Lehrerin sind…." Hermine hasste den wohlgefälligen Ton, den seine Stimme bei diesem Witz annahm. „Nun dann, schöne Ferien Ihnen. Ich hoffe, wir werden uns in dieser Zeit nie in diesem Schloss begegnen."
„Dieser Wunsch ist ganz meinerseits", erwiderte Hermine und der Hass in ihrer Stimme überraschte sie selbst.
Doch der Patronus sagte nichts mehr, sondern löste sich vor ihren Augen in silberne Luft auf.
Hermine biss ihre Zähne zusammen. Sie hasste es, dass er sie immer noch behandelte wie eine seiner Schüler. Sie wusste, dass er ihr Fach, alte Runen, lächerlich fand, und ließ sie das oft genug spüren. Hermine selbst war mit ihrer Stelle auch nicht ganz zufrieden, auch wenn sie sich das nicht gerne eingestand. Natürlich hatte sie auf eine andere Stelle gehofft, wie zum Beispiel Verteidigung gegen die dunklen Künste, doch Snape als Schulleiter wollte ihr so eine wichtige Stelle nicht geben. Eines Abends war sie deshalb so sauer auf ihn gewesen, dass es regelrecht zu einem Streit gekommen war, bei dem auch gerne alte Geschichten wieder ausgegraben worden waren. Hermine hatte in diesem Streit unterlegen, aber nur weil er ihr Chef war, sagte sie sich immer wieder. Sie hatte nicht in der ersten Woche an ihrem neuen Arbeitsplatz gleich ihre Stelle riskieren wollen, also hatte sie schließlich klein beigegeben. Beide hatten sich darauf geeinigt, sich in Zukunft einfach aus dem Weg zu gehen und zu ignorieren und das hatte bis jetzt eigentlich auch ganz gut funktioniert.
Hermine seufzte mit einem wehmütigen Gedanken an die ruhigen Ferien, die sie sich ursprünglich vorgestellt hatte.
Als sie sich einige Zeit auf ihrem Zimmer ausgeruht hatte, überlegte sie, was sie jetzt machen sollte. Sie könnte natürlich die Hauselfen bitten, ihr etwas zu Abend zu kochen, doch irgendwie hatte sie keine Lust dazu. Da sie jetzt Zeit hatte, verspürte sie die Lust, sich selbst etwas zu kochen, und da sie die Zeit dazu hatte, wusste sie, dass es sie auch unheimlich entspannen würde. Und sie wusste auch schon, wo der perfekt Platz dazu sein würde: der Raum der Wünsche. Plötzlich war sie ganz aufgeregt und machte sich schnell frisch um gleich los zu können.
Sie schlich fast durch die leeren Gänge, weil es so ungewohnt war, dass das große Schloss so still war. Schließlich gelangte sie durch etliche Gänge dorthin wo sie hinwollte: in den siebten Stock gegenüber des Wandteppichs von Barnabas dem Bekloppten. Sie kannte die Prozedur, sie hatte sie oft genug durchgespielt. Also lief sie dreimal vor der Wand hin und her, strengte ihren Geist an und öffnete schließlich die Tür.
Dahinter fand sie sich in einer rustikal eingerichteten Küche wieder, in dem sie alles fand, was ihr Magen begehrte. Sie wusste auch, dass sie nach Gamps Gesetz der elementaren Transfiguration kein Essen heraufbeschwören konnte, aber sie konnte das Essen der Schulküche herauf transportieren. Also machte sie sich an die Arbeit und machte sich einen reichhaltigen gemischten Salat. Danach genoss sie bei einem italienischen Rotwein ein gutes Buch über die italienische Mafia und fühlte sich dabei fast wie im Urlaub. Fast wäre sie im Raum der Wünsche eingeschlafen, doch sie zwang sich schließlich dazu, auf ihr Zimmer zu gehen. Dort schlief sie sofort ein.
Am nächsten Morgen erwachte sie zwar früh, da sie sich noch nicht darauf eingestellt hatte, ausschlafen zu können, doch nach einem Blick auf die Uhr konnte sie sich wieder beruhigt auf die andere Seite drehen und weiterschlafen. Schließlich stieg sie ein paar Stunden später als sonst aus dem Bett, zog sich bequem an und setzte sich an ihren Schreibtisch. Dort versuchte sie, an der Geschichte weiter zu schreiben, dass sie in den Sommerferien angefangen hatte, doch irgendwie konnte sie sich dort nicht richtig entspannen. Schließlich packte sie ihre Schreibsachen zusammen und begab sich auf denselben Weg wie letzte Nacht. Eigentlich war es ja nur logisch, dass sie einen Luxus wie den Raum der Wünsche in den Ferien ausnutzte, denn normalerweise hatte sie ja gar keine Zeit dazu. Doch als sie im siebten Stock den besagten Gang betrat, hörte sie ein Geräusch, das sie sofort hinter einem Mauervorsprung verstecken ließ. Aus dem Augenwinkel heraus sah sie, wie Snape aus einer Tür gegenüber des Wandteppichs hervortrat. Er sah aus, als hätte er die Nacht dort verbracht, denn er hatte nur einen Morgenmantel an. Das verwunderte Hermine, da sie dachte, dass sie letzte Nacht schon spät gegangen wäre. Sie konnte es sich nicht verkneifen, im passenden Moment hinter ihrem Vorsprung hervor zu treten und ihn etwas zu „interviewen".
„Na Professor? Eine angenehme Nacht im Raum der Wünsche verbracht?", fragte sie mit einem hämischen Grinsen auf dem Gesicht.
Snape beachtete sie nicht sonderlich.
„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht. Und außerdem dachte ich, wir hätten uns darauf geeinigt, dass wir uns nicht allzu oft über den Weg laufen wollen."
„Nun ja, eigentlich schon, aber da wir anscheinend beide diesem Raum für uns entdeckt haben, wird sich das wohl nicht immer vermeiden lassen."
„Nun, wenn das so ist.", sagte Snape und erhob seinen Kopf. „Dann werde ich wohl ganz schnell von hier verschwinden", sagte er und drehte sich um, doch Hermine erkannte im letzten Moment sein hämisches Grinsen auf seinem Gesicht. Und tatsächlich: Er verschwand wieder durch die Tür, aus der gekommen war. Hermine stand mit offenerem Mund ein paar Sekunden lang da, doch dann verzog sie vor Wut ihr Gesicht.
„Wenn Sie einen Kampf haben wollen, dann können Sie ihn haben!", fauchte sie sie Tür an und verschwand.
