Prolog

„Sie sind hinter uns her!", schoss es ihm immer wieder durch den Kopf. Unruhig sah sich der Anführer der Stachelschwanzherde nach allein Seiten um. Vor ihm seine Herde.

„Beeilt euch!", rief der mächtige Dinosaurier. Doch sein Ruf wurde von einem lauten Donnergrollen unterbrochen.

Seit Tagen waren sie nun schon unterwegs, ohne auch nur ein einziges Mal eine lange Rast gemacht zu haben. Genauso wie der Regen der einfach nicht aufhören wollte. Es war noch sehr früh am Morgen, aber wegen des Unwetters war die Sonne nicht zu sehen. Immer wieder zuckten grelle Blitze am Himmel auf, gefolgt von einem schaurigen Donnern. Der Regen peitschte ihnen unbarmherzig ins Gesicht. Und obwohl diese Dinosaurier schon ziemliche Kolosse in ihrer Größe waren, so mussten sie dennoch immer wieder mit dem starken Gegenwind kämpfen. Zudem war der Boden unter ihren Füßen wegen dem Regen völlig aufgeweicht, was ihnen ein schnelles Vorankommen erschwerte.

Als Letzte der Herde folgte ein weiblicher Stachelschwanz, der immer wieder einen Blick nach hinten warf.

„Tippy!", rief ihre Mutter. „Trödel nicht so rum."

Tippy, das kleine Stachelschwanz-Mädchen war wenige Meter weiter weg vor einer Blume stehen geblieben, die aus dem Schlamm ragte und dem Wetter trotzte. Als sie die drängende Stimme ihrer Mutter hörte, ließ sie betrübt von der Blume ab.

„Wann denkst du, werden wir dort sein?", wandte sich die Stachelschwanzmutter an den Anführer. „Denkst du wir kommen noch vor ihnen im großen Tal an?"

„Da bin ich mir ganz sicher", meinte der Anführer. „Sie sind bestimmt noch eine halbe Tagesreise von hier entfernt. Zum Glück liegt das große Tal gleich hinter den Bergkuppeln. Trotzdem sollten wir uns beeilen. Sich in der Nähe des geheimnisvollen Jenseits aufzuhalten ist zu gefährlich. Und wenn die unseren Spuren folgen, werden sie uns bald eingeholt haben…"

In diesem Moment erschütterte ein lautes Gebrüll die Luft. Alle blickten erschrocken auf.

„Könnten sie das sein?"

„Unmöglich. So schnell können sie uns unmöglich eingeholt haben… Es muss was anders sein. … Los schneller!"

Schnell setzte sich die Herde wieder in Bewegung. Die Gegend war nicht ungefährlich, das wusste der Anführer. Sie mussten sich beeilen, um aus der Gefahrenzone wegzukommen. Sie befanden sich kurz vor dem großen Tal, umgeben vom geheimnisvollen Jenseits. Es war ein Ort worüber man nicht viel wusste und wo der Tod im wahrsten Sinne des Wortes immer auf der Lauer lag.

Wieder ein Brüllen. Diesmal näher. Wieder wandten sich alle erschrocken um. Beim nächsten Blitz erschienen in einiger Entfernung die Umrisse eines großen Scharfzahns, der sich drohend vor ihnen aufbäumte.

In Panik raste die Herde den Hügel rauf, der ins große Tal führte.

Gerade als die Herde die Felsenenge passierte, rutschen einige auf dem matschigen Boden aus und schlitterten abwärts. Dabei krachten sie mit ihrem tonnenschweren Gewicht gegen die Felswände, die das große Tal umgab. Dieser Stoß von mehreren Tonnen und die schon vom Regen teils gelockerten Erdfelsen blieben nicht ohne Folgen. Denn sogleich ertönte ein unheimliches, schauerndes Grollen. Der Anführer erkannte die Gefahr.

„WEG HIER!", schrie er. Eine Ladung von Geröll, Schlamm und Felsen hatte sich bei dem Aufprall von den oberen Felswänden gelöst und drohten nun massenweise in den Pass zu stürzen. So schnell die Herde konnte, raste sie los. Einige keuchten vor Erschöpfung, aber die Panik trieb sie zur Eile an. Dabei rutschen die schweren Kolosse erneut aus und schlitterten den Hang hinunter. Es war ein heilloses Durcheinander. Ein Knäuel von Beinen, Stachelschwänzen und kleinen Köpfen, womit sie sich aber dank ihrer dicken Haut nicht verletzten. Kurz darauf ein markerschütterndes Krachen.

Erst am Fuß des Hügels kam die daherrutschende Herde zum Stehen.

Der Anführer war der Erste, der wieder auf den Beinen war. Mühsam rappelte er sich auf und spukte den ganzen Schlamm aus seinem Mund, der ihm während des Sturzes ins Maul gefallen war.

„Alles in Ordnung?", fragte er und versuchte sich einen Überblick über das Chaos zu verschaffen, das sich langsam wieder in einzelne Stachelschwänze aufteilte. Rasch warf der Anführer einen Blick nach oben. Von der Lücke zwischen den Felsen war kaum was zu sehen und er vermutete, dass der Erdrutsch den Großteil des Eingangs verschüttet haben musste.

Aus der Ferne war immer noch lautes Gebrüll zu hören. Erleichtert atmete er auf.

„Wenigstens sind wir den Scharfzahn losgeworden."

Doch im nächsten Moment erschraken alle aufs Neue.

„Wo ist Tippy? Hat einer von euch Tippy gesehen?", rief Tippys Mutter.

Suchend sahen sich alle nach dem kleinen Stachelschwanzmädchen um. Dann begannen alle ihren Namen zu rufen. Doch Tippy blieb verschwunden, während in der Ferne immer noch das Gebrüll eines aufgebrachten wütenden Scharfzahns zu hören war.