Mein Versuch, die kleine Seitengeschichte „The Forgotten Soldier" aus dem Resident Evil 2 Remake in eine Geschichte zu packen. Mithilfe des Resident-Evil-Wikis habe ich mich so streng es eben ging an den Canon gehalten.

Viel Spaß beim Lesen.


Der U.S.S.-Soldat J. Martinez, Codename GHOST, kämpfte sich langsam aus einer tiefen Dunkelheit nach oben an die Oberfläche. Im ersten Moment war er desorientiert, die Umgebung vor seinen Augen war abwechselnd verschwommen und scharf. Vor seinem linken Auge hing ein roter Schleier. Er brauchte einen Moment, bis er erkannte, dass das Rot kein Blut war. Er trug immer noch seinen Helm mit der Gasmaske, nur die rote Linse vor seinem rechten Auge war zerbrochen. Er blinzelte ein paar Mal und stellte erleichtert fest, dass er keine Splitter des Glases ins Auge bekommen hatte. Sein Kopf dröhnte, ihm war schwindelig und schlecht, er hatte kaum Kontrolle über die Muskeln in seinem Körper. Er wand sich hin und her und merkte, dass er an eine Wand gelehnt in einer Lache seines eigenen Blutes saß. Seine Brust fühlte sich hohl an und bei jedem Atemzug verspürte er einen Schmerz in der Seite. Mindestens eine seiner Rippen musste gebrochen sein. Ein stechender Schmerz in seiner Wirbelsäule lähmte ihn und schickte einen Haufen Ameisen gefolgt von einem Taubheitsgefühl durch seinen rechten Arm. Seine Uniform war auf der rechten Seite durchtränkt von Blut. Lange Krallen hatten ihn am Arm und am Bein blutige Kratzer zugefügt. Er fühlte sich so elendig, dass er sich am liebsten wieder der Dunkelheit hingegeben hätte. Müdigkeit, Hunger und Durst nagten an ihm. Sein Mund war trocken und sein Magen knurrte. Er wollte nur noch schlafen, doch eine leise Stimme in seinem Hinterkopf redete beständig auf ihn ein, dass er wach bleiben musste.

Als GHOST wieder halbwegs Herr seiner Sinne war, versuchte er, Kontrolle über seinen Körper zu bekommen. Seine Maschinenpistole lag nutzlos in seiner rechten Hand. Unter größter Anstrengung schloss er die Finger um das kalte Metall und hob seine Waffe hoch. Das Magazin war halbleer geschossen. Die Muskeln seiner Beine zitterten. Er brauchte eine ganze Weile, bis er seine Knie anwinkeln und sich, an die Wand gedrückt, aufrichten konnte.

Er fand sich einem dunklen Tunnel wieder. Wie war er dort hin gelangt? Er konnte sich im Moment nicht daran erinnern. Doch zumindest griff seine Training und er spulte beinahe unbewusst das Programm ab, dass er auf Rockfort Island gelernt hatte. Umgehend überprüfte er seine Ausrüstung. Er hatte noch all seine Waffen und ein paar Ersatzmagazine, sowie seine Taschenlampe. In seiner Medizintasche hatte er noch ein paar Pastillen mit Extrakt aus grünen Kräutern und ein Erste-Hilfe-Spray. Er schluckte die grünen Kräuter, um seine Schmerzen ein wenig zu lindern, und sprühte das kühlende Erste-Hilfe-Spray auf seine Kratzer. Als er mit seiner Hand an seinen Helm griff, musste er feststellen, dass nicht nur eine seiner roten Linsen zerbrochen war, sondern dass er auch seine Kamera verloren hatte. Wenn er sich nicht daran erinnerte, was geschehen war, hatte er ohne seine Aufnahmen keine Möglichkeit mehr, nachzuvollziehen, was ihm passiert war. Er fand es ein wenig irritierend, dass er links alles durch den roten Schleier und rechts alles normal sah, doch er entschied sich, seinen Helm und die Gasmaske trotzdem aufzubehalten. Hinter der Maske war er anonym. Seine Identität blieb verborgen.

Sein Überlebensinstinkt ergriff die Oberhand. Er hob umgehend seine Waffe, scannte die Umgebung und horchte auf jedes Geräusch. Wegen der schnellen Bewegung übermannte ihn eine neuerliche Welle Schwindel und seine Schläfen pochten schmerzhaft. Von seinen Rippen gar nicht zu reden. Bei jeder Erschütterung, die durch seinen Körper ging, wenn er einen Schritt tat, schickten seine Nerven eine Art Stromschlag durch seinen Brustkorb und seinen Rücken. Martinez war nicht dumm. Es war sein erster Einsatz und schon war er so schlimm zugerichtet, dass es fraglich war, ob man ihn je wieder ins Feld schicken konnte. Niemand schickte einen Soldaten an die Front, der einen kaputten Rücken und einen halbtauben Arm hatte.

Als das Licht seiner Taschenlampe den dunklen Gang ausleuchtete, schrak er kurz zusammen. Der Lichtkegel fiel auf einen leblosen Körper, der ein paar Meter von ihm entfernt lag. No, por favor, no, das durfte nicht sein, dachte GHOST, als er sich vorsichtig näherte. Der Tote war sein Kollege Kirkpatrick. Er hatte seinen Helm verloren und neben ihm lag ein offener Aluminiumkoffer. GHOST ging neben seinem Kollegen in die Knie und fühlte den Puls, doch er hatte wenig Hoffnung, noch das regelmäßige Pochen an dessen Hals zu spüren. Kirkpatricks Haut war braungrau verfärbt, als hätte er sich eine Vergiftung zugezogen. Wie zu erwarten, war sein Körper eiskalt. Die Leiche stank nach Verwesung und trug Krallenspuren und war noch schlimmer zugerichtet als GHOST. Martinez drehte sich halb der Magen um. Er wusste noch, wie Kirkpatrick ihnen ein Bild seiner Frau gezeigt hatte. Hoffentlich hatte sich die Frau vor ihrer Mission angemessen von ihrem Mann verabschiedet. Sie würde ihn nie wieder sehen und aller Wahrscheinlichkeit nach, würde sie nicht mal eine Leiche zu beerdigen haben. Martinez hatte niemanden, der zu Hause auf ihn wartete. Der Gedanke war irgendwie beruhigend und bedrückend gleichermaßen.

Langsam untersuchte GHOST den Koffer und leuchtete über den Boden. Auf dem Steinboden lagen feine Glasscherben von zerbrochenen Glasbehältern. Irgendeine Flüssigkeit hatte dunkle Flecken auf dem Boden hinterlassen. Eine tote Ratte lag daneben. Der Koffer rührte an etwas in Martinez' Gedächtnis und plötzlich traf ihn die Erinnerung wie ein Schlag.

Er und seine Kollegen waren angeführt von ihrem Teamleiter Agent HUNK in NEST eingedrungen, das geheime Umbrella-Untergrundlabor unter Raccoon City. Auf ihrer Mission NESTWRECKER sollten sie Virusproben sicherstellen und Dr. William Birkin abführen. Birkin hatte sich geweigert, mit ihnen zu kommen. Er hatte eine Waffe ziehen wollen und Martinez hatte aus Reflex mit seiner MP5 geschossen. Kirkpatrick hatte ihn für die Missachtung des Befehls zurechtgewiesen. Er wusste noch, dass HUNK mit den Oberbossen gesprochen und die Lage geschildert hatte. Sie hatten den Koffer genommen und waren verschwunden. Nighthawk war in der Luft und wartete auf ihr Zeichen, um sie am Treffpunkt abzuholen.

GHOST durchschritt den Tunnel und suchte nach seinen anderen Kollegen. Er fand noch die Leichen von Luke und Derek, die regelrecht zerfetzt worden waren, aber keine Spur von GOBLIN-6, der einzigen Frau in ihrem Team, oder seinem Vorgesetzten HUNK. Sein Funkgerät war beschädigt worden, sodass er nicht mal mit seinen Kollegen Kontakt aufnehmen konnte. Er wusste nicht, was passiert war, nachdem sie das Labor verlassen hatten, er wusste nicht, ob die Mission gescheitert war und er wusste nicht, wo seine Leute waren. Verdammt, er wusste nicht mal, wie lang er ohne Bewusstsein gewesen war. Stunden? Tage? Er wusste gar nichts, tappte im Dunkeln und war offenbar auf sich alleine gestellt. Aber er hatte noch eine Mission zu erledigen. Die Sicherstellung der G-Virus-Probe hatte oberste Priorität. Wenn er nun der einzige Überlebende seines Teams war, dann lag es an ihm, die Mission zu Ende zu bringen.

Wer oder was hatte ihn verletzt und sein Team auseinandergenommen? Er versuchte sich an die Kreatur zu erinnern, doch alles war so schnell gegangen, dass er kaum begriffen hatten, was geschehen war. Seine Leute hatten durcheinander gerufen, ihre Schmerzensschreie hatten in den Tunneln widergehallt. Er hatte geschossen, dann war er mit gewaltiger Kraft gegen die Tunnelwand geschleudert worden. Als er Kirkpatricks Taschen nach nützlichen Vorräten durchsuchte und seine Waffe überprüfte, stellte er fest, dass sein Kollege sein gesamtes Maschinengewehrmagazin verschossen hatte. Doch offenbar hatten selbst die Schnellfeuer-Kugelsalven ihren Angreifer nicht aufhalten können.

Dios mio, dachte Martinez, als ihn die Erkenntnis wie ein Schlag in den Magen traf. Das Monster war Birkin gewesen. Er hatte wohl doch überlebt und sich selbst mit irgendetwas infiziert. Danach musste er sich an die Fersen von Alpha-Team geheftet und sie im Tunnel überfallen haben. Seine Kollegen waren seinetwegen gestorben. Hätte Martinez Birkin doch nur gleich in den Kopf statt in den Arm geschossen …

GHOST nahm seinen Kollegen alles Brauchbare, was nicht beschädigt worden war, ab. Er nahm die Wasserflaschen von Luke und Derek und trank sofort eine große Menge davon, was ihm wieder Leben einhauchte. Etwas gestärkt durch die Flüssigkeit machte sich Martinez auf den Weg, seine Mission zu Ende zu bringen.

Sie waren am späten Abend des 23. Septembers, eines Mittwochs, gestartet und hatten Birkin in den frühen Morgenstunden des 24. in seinem Labor gestellt. Wie viel Zeit war seitdem vergangen? Sein PDA, auf dem die Details ihrer Mission inklusive eines Lageplans der Anlage gespeichert waren, brauchte drei Anläufe, um anzuspringen. Der Akku war beinahe erschöpft. 30. September, 23:56 Uhr zeigte die Anzeige. Hatte er wirklich eine volle Woche ohne Bewusstsein in einem Kellergewölbe ausgeharrt? Kein Wunder, dass er wie ausgetrocknet war. Wie zum Henker hatte er Birkins Angriff überleben können? Der Alpha-Team-Leiter HUNK machte seinem Spitznamen Sensenmann alle Ehre, weil er immer als einziger lebend von seinen Missionen zurückkehrte. Vielleicht war GHOST ja dann der passende Codename für Martinez, weil er ein Geist war und das Unmögliche überlebte. War der Sensenmann noch irgendwo da draußen oder hatte Birkin der Legende den Garaus gemacht? Würde er noch andere aus ihrem Team treffen? Als Nighthawk sie nach Raccoon geflogen hatte, hatten sie noch Witze darüber gerissen, ob sie ihr Testament hätten machen sollen.

GHOST kam erst nur langsam voran. Wegen seiner Rückenverletzung konnte er nur steif und ungelenk gehen. Als die Kräuter zu wirken begannen, wurde der Schmerz gedämpft und er konnte sich besser und schneller bewegen. Er trabte im gleichmäßigen Tempo durch die Gänge. Für einen Moment überlegte er, ob er noch ein paar der kleinen Kapseln nehmen sollte, doch entschied sich nach Überprüfung seines Vorrates dagegen. Er hatte keine Ahnung, wie lange er durchhalten musste. Er musste mit dem bisschen, das er noch hatte, sparsam umgehen. Das galt für Medizin genauso wie für Kugeln.

Langsam und vorsichtig, aber so zügig es die Umstände zuließen, bewegte sich GHOST durch den Untergrund. Es war ruhig, zu ruhig für seinen Geschmack. Warum lagen überall Leichen von Zivilisten? Der Gestank nach Tod und Verwesung, der in der Luft lag, verstärkte seine Übelkeit nur noch weiter. Nie im Leben hätte er gedacht, dass sein erste Mission so katastrophal schiefgehen würde. Was konnte schon schiefgehen, wenn ein Team aus Elitesoldaten einen einzelnen Forscher festnehmen sollte? Verdammt und jetzt waren alle tot.

Als er um eine Ecke kam, erstarrte er. Er hörte ein Stöhnen und Ächzen und dazu schlurfende Schritte. Er zog seine Pistole und nährte sich mit klopfendem Herzen. Was auch immer hier unten lauerte, er hatte weder die Kraft noch die Ressourcen für lange Kämpfe. Wenn Birkin noch immer hinter ihnen her war, dann war das das Aus für Martinez. Ein zweites Mal wollte er sein Glück sicher nicht herausfordern.

Die Quelle des Geräuschs war ein Mann in einem Laborkittel, der ein Bein nachzog, als er auf GHOST zuschlurfte. Seine Haut war genauso braungrau verfärbt wie bei Kirkpatrick. Seine Augen waren leer und seine Kiefer mahlten, als er gierig die Hände nach GHOST ausstreckte. Martinez musste an ihm vorbei. Ihm blieb keine andere Wahl, als die Kreatur, die mal ein Mensch gewesen war, zu erschießen. Diesmal würde er seinen Fehler sicher nicht noch mal wiederholen. Er sauber platzierter Kopfschuss und der Mann fiel leblos zu Boden. Eine Gefahr war gebannt, doch der Schuss lockte noch mehr von den Viechern an. Ihr Knurren, ihr Geifern, ihre wilden, unmenschlichen, fast tierischen Laute, ließen GHOST die Nackenhaare zu Berge stehen.

Die Menschen waren … Por Dios. Beim Briefing für die Mission hatte man ihnen eingebläut, wie gefährlich Birkins Arbeit war. Der Katastrophenfall war eingetreten, das Virus war entkommen. Die Glasbehälter aus dem Koffer, die das Virus enthalten hatten … Jetzt verstand GHOST. Das Virus war in ihrem Kampf mit Birkin freigesetzt worden. Es musste in die Abwasserkanäle und damit in die Wasserversorgung gelangt sein. Und vielleicht hatten es die Ratten gefressen. Gracias a Dios war Martinez nicht in die Versuchung gekommen, an einem Wasserhahn seinen Durst zu stillen. Sonst wäre es ihm wohl binnen kurzer Zeit genauso gegangen wie allen anderen in dem Laborkomplex. Er mochte sich gar nicht vorstellen, was an der Oberfläche während der Zeit seiner Bewusstlosigkeit passiert war. Wahrscheinlich hatte sich die Infektion längst bis nach oben ausgebreitet. Mierda. Er muss vom Schlimmsten ausgehen.

Irgendwo ein paar Stockwerke über ihm ertönte plötzlich ein gedämpftes Krachen und er machte sich bereit zum Schuss. Etwas klirrte unweit von ihm. Er lief nach links und erreichte ein Lager. Zu seiner rechten stand ein roter Gabelstapler. Eine Leiter lehnte an der Wand und schwarze, dünne Metallrohre lagen sauber aufeinandergestapelt auf der linken Seite. Vorsichtig und mit erhobener Waffe überprüfte GHOST, ob der Raum sicher war.

Niemand war hier. Doch …

Vor Martinez auf dem Boden lag eine schlanke Glasphiole mit violetter Flüssigkeit. Die G-Virus-Probe.

Er las sie vom Boden auf und in diesem Moment ging über ihm der Alarm los.