Er torkelte in die dunkle Gasse, die leere Flasche noch in seiner Rechten. Verschwommen nahm er einen sich nähernden Schatten wahr. «Guten Abend, Sie müssen Herr Zaugg sein.» Der Fremde lächelte freundlich. Seine Augen aber waren eiskalt. «Was wills'n du?», sagte der Betrunkene und richtete sich, an die Wand gestützt auf. «Ich?», das Lächeln erstarb. «Rache!» Dann schlug er zu und das Letzte, was Gerhard Zaugg je hören würde, war ein hysterisches, fast schon kindliches Lachen. Dann Stille.

«Das ist also die Leiche?»-«Gerhard Zaugg, Kommissar Wyss, 9 Jahre Haft für Missbrauch an Kindern.»

«Todesursache?»-«Noch nicht ganz klar, wahrscheinlich ein harter Schlag gegen den Kopf.»

«Verdächtige?»-«Noch keine.»

Für einen kurzen Moment wurde es Jaromir Wyss schwarz vor Augen. Schreckliche Szenen, wechselten sich so schnell ab, dass er keine Chance hatte, etwas Genaues zu erkennen. Als er die Augen wieder öffnete, sah er vor sich wieder das Gesicht des Toten. Sein Bauchgefühl hatte ihn auch diesmal nicht im Stich gelassen. Die Szenen zeugten von so viel Schmerz und Grauen. Es musste ein Hinweis auf die Missbräuche gewesen sein. Der Grund, wieso er ein Kommissar wurde: die geheimnisvollen Stimmen aus den Tiefen seines Hirns, die ihm seine Ermittlungen vereinfachten. Ein Geschenk des Himmels, er war der Auserwählte.

«Die einzigen Hinweise, die wir vor Ort sichern konnten, sind einige Schuhabdrücke. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der Täter sie hinterlassen haben.» Markus Häberli aus der Abteilung für Spurensicherung, legte Kommissar Wyss die Akte mit allen Fotos auf den Tisch. Jaromir blätterte die Akte durch. Wie der Arzt bestätigt hatte, war der Mann wirklich tot und dies auch schon seit einigen Tagen.

Tatwaffe: unbekannt.

Gerhard Zaugg hatte keine Angehörigen mehr, welche mit ihm in Kontakt gestanden hatten. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, hatte er wohl nicht wieder ins normale Leben gefunden und wurde häufig betrunken gesichtet. Viel mehr war der Akte nicht zu entnehmen. In Gedanken vertieft, nahm Jaromir einen Schluck von seinem Kaffee.

«Die Ergebnisse der Rechtsmedizinerin sind hier. Gerhard Zaugg lag drei Tage in der Gasse. Die Quittung seines letzten Pub-Besuchs, die wir in seiner Hosentasche fanden, führt uns auf dasselbe Datum zurück.» Dies erfüllte Jaromir mit einem Gefühl der Vorfreude. Endlich konnte es losgehen. Es gab eine Überwachungskamera ganz in der Nähe des Tatorts. Er hatte die Aufnahmen dieser Überwachungskamera, von den letzten fünf Tagen vor dem Leichenfund, bereits aufgetrieben. Gespannt fing er an die Leute zu beobachten und wartete darauf, dass sich jemand auffällig verhielt oder sich sein Bauchgefühl meldete. Da!, wisperte die Stimme in seinem Kopf. Er stoppte das Video. Man sah einen Mann von hinten, wie er in die Gasse abbog. Der Verdächtige trug einen schwarzen Filzmantel und hatte helles Haar. Ich habe wohl denselben Style wie ein Mörder, gleiche Schuhe, gleicher Mantel... Das Telefon klingelte.

Wenig später stand Kommissar Wyss einem gewissen Gaberiel Furrer gegenüber. «Sie sind sich also absolut sicher, den Täter gesehen zu haben?» Herr Furrer knetete seine Hände und fuhr sich fahrig durch die Haare. «Ja, er trug einen langen, schwarzen Mantel. Aber was ich Ihnen eigentlich erzählen möchte, ist, dass ich ihn Gestern Abend erneut gesehen habe.» «Dann würde ich sie bitten, mit mir auf den Posten zu kommen um eine offizielle Zeugenaussage zu protokollieren.» Daraufhin wurde Herr Furrer noch nervöser und fragte schliesslich kleinlaut: «Sind Sie wirklich von der Polizei?» Jaromir hob leicht stutzig die Augenbrauen. «Ja, wieso fragen Sie?» Furrer schluckte einige male schwer. «Nun ja...» Er machte eine Pause und fing zögerlich noch einmal an. «Sie ähm... Sie... Naja... Sie sehen aus wie... Wie der Mann, den ich gesehen habe.» «Wie der Täter?»

«Er meinte also auch jemanden gesehen zu haben, der wie du aussieht, Herr Kommissar?» «Was heisst auch?» «Lucy Graf und Karl Giger behaupten ebenfalls einen Verdächtigen gesehen zu haben. Die Ähnlichkeit zu dir ist unabstreitbar.» «Könnte jemand versuchen, mir den Mord in die Schuhe zu schieben?» Aber wieso?

Was war wohl das Motiv des Täters... War es ein zufälliges Opfer? War der Täter ein ehemaliges Missbrauchsopfer? Jaromir machte sich auf den Weg ins Archiv. Endlich fand er die Akte zur Verhaftung von Gerhard Zaugg. Einige seiner Opfer hatten gegen ihn ausgesagt. Wieder einmal regte sich Kommissar Wyss über die Nachlässigkeit seiner Vorgänger auf. Die Akte war nicht mehr vollständig. Eines der Fotos stach besonders heraus. Ein Junge mit hellem Haar. Er sah gleich aus wie Jaromir im Kindesalter! Er nahm die Aussage genauer unter die Lupe.

Wie heisst du?

-Leandro

Wie alt bist du?

-Fünf

Kannst du uns erzählen was passiert ist?

-Sein Gesicht wird kreidebleich. Der Junge beginnt vor Angst zu zittern, erzählt aber trotzdem tapfer seine Geschichte.

Für einen Augenblick sah Kommissar Wyss wieder die schrecklichen Szenen an seinem inneren Auge vorbeirasen. Sein Bauchgefühl liess ihn also nicht im Stich. Er war auf der richtigen Fährte. Den Rest überflog Jaromir nur kurz. Es gab also eine Person mit Motiv und passendem Aussehen. Leandro musste irgendwo da draussen sein. Aber wer war dieser Leandro?

Auf dem Weg nach Hause liess Jaromir die letzten Wochen noch einmal Revue passieren. Er war schon einen, wenn auch nur kleinen, Schritt weiter. Er würde morgen das Spital aufsuchen, in welchem er geboren wurde. Wenn er die Geburtsurkunden durchsah, würde vielleicht so einiges endlich einen Sinn ergeben. Auch wenn die Chance darauf sehr gering war.

Er hatte sich an jenem Abend zwar schon einige Gläser Rotwein gegönnt und konnte sich nicht mehr klar an den weiteren Verlauf des Abends erinnern. Allerdings war er sich sicher, dass er das Haus nicht verlassen hatte und schon gar nicht einen Mord begangen.

Auf dem Küchentisch lag wieder einmal eine Zeitschrift, an deren Kauf Jaromir sich nicht erinnern konnte. Er zuckte mit den Achseln und fing an zu blättern. Ich werde auch immer vergesslicher... Wie gewohnt überflog er die Promi-News und den Wirtschaftsteil. Der nächste Teil, ein Artikel im Bereich der Psychologie, erweckte jedoch sein Interesse. Dissoziative Identitätsstörung... Das ist ja fast schon ein Zungenbrecher.

Er war sich so sicher gewesen die Identität des Täters aufgedeckt zu haben. Sein Bauchgefühl hatte ihm doch gesagt er sei auf dem richtigen Weg. Wieso, gab es dann keinen Leandro Wyss? Waren die Geburtsurkunden unvollständig? Wieso hatte er keinen verschollenen Zwilling? Hatte sich sein Bauchgefühl zum allerersten Mal getäuscht?

Nein! Ich habe und werde mich niemals täuschen! Eine solch direkte Antwort hatte Jaromir noch nie erhalten. Spiegel. Jaromir schaute in den Spiegel. Zu den Symptomen gehören unter anderem Flashbacks... Keuchend holte er Luft. ...Wahrnehmung von Stimmen... Er begann heftig zu schwitzen. ...Erinnerungslücken.. Sein Herz fühlte sich seltsam weltentfremdet. Endlich fielen die Groschen. Nein! Es konnte einfach nicht sein! Wieso hatte er es nicht früher bemerkt?

Und hast du's auch endlich geschnallt? Bist Kommissar und lässt uns die meiste Arbeit verrichten.

Aber wieso, wieso musste Gerhard Zaugg sterben?

Ach, der? Zu deinem, unserem Wohl. Oder willst du mir erzählen er hätte es nicht verdient?

Er musste seine Strafe doch schon absitzen!

Ich bin Leandro! Ich war damals und bis in alle Ewigkeit da, um dich zu schützen! Hihihihi, ich sag dir, solche Erinnerungen will niemand haben.

Jaromir Wyss hatte seine Möglichkeiten gründlich durchgedacht. Er könnte sich dem Gericht stellen. Noch etliche Jahre mit dem Wissen leben. Er ein Mörder! Oder den Mörder mit einem scharfen Schuss, für ein und allemal loswerden. Na los, Schiess! Bring uns zu Ende! Weiter zu leben, konnte er seinem Gewissen nicht antun. Jaromir war ein Teil von Leandro und dieser ein Teil von ihm. Niemand würde es je erfahren.

PENG!