Achtung, ich weise noch einmal darauf hin, diese Geschichte beinhaltet einige sehr detaillierte und grafische Beschreibungen von teils brutalster Gewalt.

Dieser Hinweis gilt für dieses sowie alle folgenden Kapitel.


In dem Moment, als Tifa Lockheart ihre Augen öffnete und eine Welt aus wirbelndem Grün um sich herum erblickte, wußte sie, daß etwas nicht in Ordnung war.

Der Boden unter ihren Füßen fühlte sich solide an, ihre Umgebung sah genau so aus, wie sie sich an sie erinnerte, und doch konnte nichts davon wirklich sein.

Denn dies war der Planetenkern – und es war kein Traum.

Woher sie das wußte, konnte Tifa nicht sagen, doch spürte sie es mit jeder Faser ihres Seins. Dies war der Ort, an dem Avalanche gegen den Erzfeind des Planeten gekämpft hatte … und sie war vollkommen allein.

Mehr als nur ein wenig beunruhigt, ballte Tifa ihre Hände zu Fäusten. Das Geräusch von knirschendem Leder lenkte ihren Blick nach unten und ließ sie zum ersten Mal bewußt ihre Bekleidung wahrnehmen. So wie es aussah, war sie zum Kampf gerüstet. Sie runzelte die Stirn, denn sie konnte sich weder daran erinnern wann, noch warum, sie diese Ausrüstung angelegt hatte.

Wo war sie gewesen? Was hatte sie getan, bevor sie hierher gekommen war?

Tifa zerbrach sich verzweifelt den Kopf, doch die Antworten auf diese Fragen entzogen sich ihr hartnäckig. Sie konnte sich an eine Art Ohnmacht erinnern, bevor sie sich an diesem Ort wiedergefunden hatte, doch was davor passiert war, blieb ein Rätsel. Einzig ein vages Gefühl von Dringlichkeit verharrte in ihrem Hinterkopf.

Es war wichtig, daß sie sich erinnerte.

Mit jeder Sekunde, die verging, wurde dieses Gefühl stärker und intensivierte die Empfindung von Schrecken, die sich in Tifa festgesetzt hatte.

Doch der Versuch, tiefer in ihre Erinnerungen einzutauchen, wurde jäh beendet. In Gedanken versunken, stieß sie einen Schrei des Erschreckens aus, als plötzlich Stimmen um sie herum erklangen. Geschockt wie sie war, brauchte sie einen Augenblick, diese zu identifizieren, und selbst als das geschehen war, mochte die Gänsehaut, die sie verursachten, nicht weichen.

Ungläubig blickte Tifa sich um, doch sah sie Niemanden. Ihrem Gehör nicht völlig vertrauend, brachte sie ein ersticktes „Seid ihr das, Leute? Wo seid ihr? Cloud?" hervor. Mit angehaltenem Atem lauschte sie auf eine Antwort, doch vergebens. Minuten vergingen und Tifa war nahe daran, diese Stimmen als bloße Einbildung abzutun, als sich etwas veränderte. Hatten sie zuerst noch wie aus weiter Ferne geklungen, so wurden die Stimmen nun beständig lauter, verständlicher und klar unterscheidbar.

Und was sie sagten …

Tifa's Augen weiteten sich vor Erstaunen. Die Rufe galten offensichtlich ihr.

Tifa? Tifa! ... mich hören? Bitte …"

Cloud.

Tifa, du mußt …"

Vincent.

Komm schon, Teef, was ist … dir? ..."

Yuffie.

Der besorgte Tonfall und die kaum unterdrückte Panik in den schrecklich verzerrten, flehentlichen Bitten ihrer Freunde ängstigten Tifa zutiefst. Lauter und immer lauter schallten sie scheinbar aus allen Richtungen auf sie ein und attackierten ihre Sinne. Tifa presste ihre Hände auf die Ohren und kniff die Augen zusammen, so unerträglich wurde das Geschrei der geisterhaften Stimmen.

Gerade als sie dachte, es nicht mehr ertragen zu können, verklang der Lärm zu bloßem Hintergrundgemurmel, als eine einzelne Stimme nach ihr rief. Tief, sinnlich und so entsetzlich vertraut, hallte sie durch ihren Körper.

Tifa"

Augen weit aufgerissen, fühlte Tifa, wie sich ihr Magen schmerzhaft verkrampfte. Für einen Moment nicht in der Lage zu atmen, schlang sie ihre zitternden Arme um sich, als wollte sie so ihr hämmerndes Herz daran hindern, aus der Brust zu springen. Bewußt tiefe Atemzüge nehmend, hielt sich Tifa an der verzweifelten Hoffnung fest, daß ihr Verstand ihr einen Streich gespielt haben mußte. War sie denn nicht soeben erst zu der Erkenntnis gekommen, daß sie nicht träumte? Alpträume … Der Alptraum … hatte keinen Platz in der wachen Welt, nicht wahr?

Es brauchte nichts weiter, als ein amüsiertes Lachen, um diese schwache Hoffnung zu zerstören.

Tifa zuckte zusammen, als dieses Geräusch Erinnerungen wachrief, die sie gerade entschieden zu unterdrücken versuchte. Sie wehrte sich gegen sie so gut sie konnte, denn dies war weder die Zeit, noch der Ort, sich dem Schrecken und der Angst zu überlassen, die sie in ihr auslösten. Wie schwierig das Ganze war, zeigte sich, als ein offensichtlich gestörter Teil ihres Verstandes zu der hysterischen Erkenntnis kam, daß es durchaus möglich sein könnte, an diesem Ort auf Spuren Seines Geistes zu stoßen.

Tifa verjagte den Gedanken unverzüglich. Logik versicherte ihr, daß dies nicht möglich sei, denn Er war tot. Sie wußte, daß es so war, und sie klammerte sich an dieses Wissen, als Zweifel an ihr zu nagen begannen. Sie stand hier an einem Ort, der vor Jahren zerstört worden war, und hörte Stimmen. Nicht nur die ihrer Freunde, sondern auch die ihres verstorbenen Feindes. Das alles machte keinen Sinn und doch mußte es dafür eine Erklärung geben.

Forderte der Terror, den sie durch Ihn hatte durchleben müssen, nach so vielen Jahren nun seinen Tribut? Hatte sie Halluzinationen? Hatte sie sich den Kopf gestoßen oder … stand sie vielleicht sogar an der Schwelle des Todes?

Tifa schluckte. Sie hatte da ein ungutes Gefühl.

Noch einmal nervös in die Runde schauend, nahm Tifa all ihren Mut zusammen. Sie würde, um was auch immer es sich hier handelte, offen und direkt konfrontieren. Einfach alles würde sie tun, um sicherzustellen, daß sie es nicht mit Ihm zu tun hatte – denn es konnte nicht sein, was nicht sein durfte.

So stählte sie ihre Entschlossenheit und verbannte das absurde Gefühl, von Etwas mit großem Interesse beobachtet zu werden. „Zeig dich, du Feigling."

Auf gar keinen Fall wollte sie Seinen Namen aussprechen und damit womöglich unabsichtlich Seinen Geist herbeirufen. Und doch kam Tifa sich ziemlich lächerlich vor, als sie so zu scheinbarem Nichts sprach. Das Gefühl der Lächerlichkeit verflüchtigte sich allerdings rasch, als ihr Seine tiefe Stimme antwortete.

Alles zu seiner Zeit, Tifa. Alles zu seiner Zeit."

In diesem Moment fühlte sie es; eine erdrückende Präsenz, die sich ihr langsam näherte. Ihre Nackenhaare sträubten sich, ihr Körper zitterte vor Angst, ihr Verstand setzte aus, doch Tifa weigerte sich, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Den Kopf schüttelnd, wich sie zurück. Jeden Augenblick nun würde sie aus diesem Alptraum erwachen … dieser entsetzlich vertrauten Präsenz entfliehen …

Sephiroth

Einer Panikattacke nahe, kämpfte Tifa darum, ihren Verstand wieder unter Kontrolle zu bringen. Im Moment quälte er sie mit zusammenhanglosen Bildern ihrer schmerzhaften Begegnungen mit dem ehemaligen General. Diese grauenhaften Erinnerungen, gepaart mit der Aussicht auf ein neuerliches Aufeinandertreffen, ließen sie das Schlimmste befürchten. Unter all den furchtbaren Erinnerungen gab es jedoch eine, die die Spirale der Angst unterbrach. Eine Erinnerung, die ihr dringend benötigte Zuversicht und Hoffnung gab – Hoffnung, diese Situation, in die sie ungewollt geraten war, meistern zu können.

Es spielte keine Rolle, wie all dies möglich war oder wie genau sie hierher gekommen war; Tifa beabsichtigte, es hier und jetzt zu beenden. Sie war schon einmal mit etwas Ähnlichem fertig geworden, sie konnte es wieder tun. Ihre Augen zu Schlitzen verengt, sprach sie mit fester Stimme zu Sephiroth.

„All das ist nur eine Illusion. Du hast hier keine Macht."

Oh?" Er klang amüsiert. „Du wirst feststellen, daß ich das doch habe."

Entschlossen, diese Bemerkung zu ignorieren, wandte sich Tifa zu den kleinen Steinstufen, die sie und ihre Freunde damals genutzt hatten, um in den Planetenkern hinabzusteigen. Nun würden sie ihr dabei helfen, ihn zu verlassen.

Sie schritt zur untersten „Stufe" und trat hinauf … oder versuchte es, zumindest. Ihr Fuß glitt direkt hindurch und brachte sie ins Straucheln. Nur dank ihrer schnellen Reflexe schaffte Tifa es, ihre Balance zu finden, bevor sie über den Rand fallen konnte. Blaß und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die täuschend fest erscheinenden Steine, die zur Oberfläche hinaufführten. Es schien ganz so, als sei ihre Umgebung am Ende doch eine Illusion. Teilweise, jedenfalls. Das brachte die unerfreuliche Erkenntnis mit sich, daß sie hier gefangen war.

Als hätte Er ihre Gedanken gelesen, lachte Sephiroth finster.

Mit wild schlagendem Herzen drehte Tifa sich im Kreis und suchte verzweifelt nach einem anderen Weg hinaus.

Er schien sich an ihrer Verzweiflung zu erfreuen; Seine Stimme voll Zufriedenheit als Er sagte: „Ich kann dich doch nicht gehen lassen, bevor wir hier fertig sind, oder? Und wir haben gerade erst begonnen." Als wäre Ihm der Gedanke gerade erst gekommen, fügte Er noch hinzu: „Wir spielen hier nach meinen Regeln, weißt du?"

Aufgebracht wie sie war, machte Tifa sich nicht die Mühe, die Furcht in ihrer Stimme zu verhehlen. „Was für ein Spiel spielst du hier?"

Das einzige Spiel, das es wert ist, gespielt zu werden."

Seine Stimme, so ruhig und gefaßt, konnte nicht über die Bedrohung in Seinen Worten hinwegtäuschen. Sie fühlte, wie sich etwas veränderte und ahnte, daß ein Kampf unmittelbar bevorstand. Tifa wußte, daß Seine Handlungen unberechenbar waren und so überließ sie sich voll und ganz ihrem Kämpferinstinkt. Sie hatte keinerlei Illusionen darüber, Ihn besiegen zu können, doch würde sie sich niemals einfach so geschlagen geben! So nahm sie also eine Defensivposition ein und wartete ab, was auf sie zukommen würde.

Sie mußte nicht lange warten.

Eine winzige Kugel aus undurchdringlicher Schwärze erschien eine Armeslänge von ihr entfernt, auf Augenhöhe schwebend. Tifa, ihre Fäuste geballt und ihre Lippen in grimmiger Entschlossenheit zusammengepresst, brachte so viel Abstand wie möglich zwischen sich und diese Erscheinung. Währenddessen vergrößerte sich die Kugel, nahm nach und nach die Gestalt eines menschlichen Körpers an.

Groß, breitschultrig, muskelbepackter Oberkörper, kurzes Haar… Es war nicht Sephiroth, der vor ihren Augen Gestalt annahm …

Es war Loz.

Er grinste in gespannter Erwartung und Tifa fühlte sich wie in der Zeit zurückversetzt. Erinnerungen an den Kampf in Aerith's Kirche überschnitten sich mit der Gegenwart und Tifa verlor für einen Moment den Fokus.

Es war Sephiroth's Stimme, die sie ins Hier und Jetzt zurückholte.

Zeige mir, Tifa, welche Stärke du aufbringen kannst."

Tifa runzelte fragend die Stirn und blickte zu Loz. Die Mordlust, die sie in seinen Augen sah, ließ sie Sephiroth's mysteriöse Aussage vergessen. Sie hatte im Moment definitiv andere Sorgen. Beide nahmen Kampfposition ein.

Enttäusche mich nicht, Tifa." Sephiroth's letzte Worte hallten in ihrem Kopf wider.

Dann griff Loz an.

Sein Ansturm war unglaublich hart und schnell, doch er war nichts im Vergleich zum Ansturm auf ihre Ohren. Sobald Sephiroth's Stimme verklungen war, kehrten die Stimmen ihrer Freunde mit Macht zurück. Lauter und immer lauter wurden sie, brachten Tifa's Ohren zum Schmerzen. Das Geschreie und Gefluche schien nicht einmal mehr an sie gerichtet zu sein, trotzdem drohte es, ihre Konzentration erheblich zu stören.

Loz hatte eindeutig seine Freude an dem Ganzen und grinste breit, als er sie heftigst attackierte. Er war wahrscheinlich völlig aus dem Häuschen, dachte Tifa bitterlich, die Chance zu haben, noch einmal mit ihr zu „spielen". Doch anders als bei ihrem letzten Kampf, hatte sie es diesmal schwer, mit ihm mitzuhalten. Sowohl die Stärke, als auch die Schnelligkeit dieses stämmigen Mannes, schienen unnormal gesteigert. Und das zwang Tifa öfter in die Defensive, als ihr lieb war. Es ließ sie sich fragen, ob er sich damals in der Kirche zurückgehalten hatte … oder ob dieser unwirkliche Ort ihn mit einer Kraft ausstattete, von der sie nur träumen konnte.

Tifa wich aus, blockte ab, attackierte, zog sich zurück. Es erforderte ihr ganzes Können, nur um ihn auf Abstand zu halten. Bedrängt wie sie war, hätte sie es besser wissen müssen, ihre Aufmerksamkeit zu teilen – zumal, wenn sie es mit so einem Gegner zu tun hatte. Doch sie konnte die Geräusche um sich herum einfach nicht vollständig ausblenden.

Sie wurde das Gefühl nicht los, daß sie bei ihren Freunden sein sollte. Sie brauchten sie und es war wichtig, sich an den Grund zu erinnern … bevor es zu spät war.

Ihr Fokus war gespalten und so bedurfte es nur eines spitzen Schreies – Yuffie's wie sie vermutete – um Tifa für einen Sekundenbruchteil stocken zu lassen. Sie vernachlässigte ihre Deckung und ein brutaler Schlag traf ihre linke Schulter so hart, daß er sie beinahe auskugelte. Heißglühender Schmerz durchfuhr ihren Arm und Tifa preßte die Zähne aufeinander. Spöttisches Gelächter erklang in ihren Ohren und etwas in ihr rastete aus.

Sie hatte genug. Zorn übermannte die Sinne der Kampfsportlerin und es fiel ihr mit einem Mal sehr leicht, diese lästigen Stimmen vollständig auszublenden. Tifa dachte nicht weiter nach, sorgte sich nicht weiter über die unvorteilhaften Umstände, machte sich keine Gedanken mehr darüber, daß sie nicht stark genug war, ihren Gegner zu überwinden. Ihr Sichtfeld verschmälerte sich, ihr Blick fokussierte sich allein auf das Fragment des Mannes, der entschlossen schien, sie einmal mehr zu quälen.

Ihre Vergeltung erfolgte schnell und brutal. Schlag auf Schlag ließ sie auf Loz's granitharten Oberkörper prasseln. Er taumelte unter dem Hagel von Tritten und Hieben und wurde zurückgedrängt. Adrenalin trieb die junge Frau vorwärts, und sie setzte ihm unerbittlich nach. Ein normaler Mann wäre zu diesem Zeitpunkt schon lange zu einem blutigen Haufen zusammengeschlagen. Doch nicht so Loz. Die Schadenfreude auf seinem Gesicht ließ Tifa rasend werden. Sie würde es diesem Bastard schon zeigen … Doch nichts, was sie tat, wollte dieses Grinsen, das sie bis aufs Blut reizte, verschwinden lassen.

Weit über ihre Grenzen getrieben, mobilisierte Tifa ihre letzten Reserven und holte zum entscheidenden Schlag aus. Ein kräftiger Tritt in den Magen ließ Loz sich zusammenkrümmen und vor Überraschung aufkeuchen. Der Schlag auf den Hinterkopf brachte ihn schließlich zu Boden. Die Freude über diesen Erfolg währte jedoch nur kurz. Fassungslos beobachte Tifa, wie Loz benommen versuchte, wieder auf die Füße zu kommen. Die letzte Chance ergreifend, die sich ihr in diesem unfairen Kampf bieten könnte, versetzte Tifa ihrem Gegner einen Roundhouse Tritt an den Kopf. Die Kraft, die sie dort hineinlegte, ließ ihn regelrecht herumwirbeln, ehe er erneut zu Boden ging.

Ausgelaugt betrachtete Tifa Loz's niedergestreckte Gestalt und wünschte sich sehnlichst, daß diese Tortur damit nun ein Ende hätte. Verzweiflung übermannte sie, als sie ihn sich wieder regen sah. Sie hatte aufgeboten, was sie nur konnte und weigerte sich schlicht, zu glauben, daß alles umsonst gewesen sein sollte. Wie festgewurzelt stand Tifa dort, hin- und hergerissen zwischen dem Drang, vor Frustration zu schreien, oder einfach davonzulaufen. Dann stand Loz auf und drehte sich langsam zu ihr um. In seinen Augen brannte ein dunkles Feuer. Verunsichert wie sie war, empfand Tifa es als unmöglich, ihre Augen von seinem Gesicht abzuwenden – einem Gesicht, dessen Miene einem Raubtier glich, das auf seine Beute fixiert war.

„Gut", lobte er sie, sehr gut." Und grinste zufrieden.

Resigniert nahm Tifa erneut Kampfposition ein. Die Angst, die sie tief in ihrem Herzen verspürte, wurde kurzerhand unterdrückt – sie war in diesem Moment nicht besonders hilfreich.

Loz betrachtete sie für eine Weile, während er seine Knöchel knackte. „Ich bin dran", war sein einziger Kommentar.

Was folgte, war im wahrsten Sinne des Wortes verschwommen. ‚Er mogelt schon wieder.' Doch blieb Tifa keine Zeit, sich über seine Nutzung dieser verdammten Haste Materia zu empören. In dem Moment, als ihr dieser Gedanke durch den Kopf schoß, war Loz schon herangestürmt. Doch anders als sie erwartete, entschied er sich für Ausweichen anstatt Angriff. Mißtrauisch gab Tifa ihr Möglichstes, die verschwommene Gestalt nicht aus den Augen zu verlieren, die sie umkreiste. Er erschien hier und da, verschwand in einem Sekundenbruchteil, nur um an anderer Stelle erneut aufzutauchen. Ganz eindeutig wollte er seine Gegnerin dazu verleiten, ihn anzugreifen, nach ihm zu schlagen. Und das tat sie … nur um ihn wieder und wieder zu verfehlen. Tifa's Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er spielte mit ihr. Als sich Loz einmal mehr vor ihr materialisierte, knurrte Tifa wütend. Sie griff an, doch war er bereits verschwunden. Daß er genau hinter ihr stand, bemerkte sie erst, als es bereits zu spät war.

Bevor die junge Kämpferin reagieren konnte, traf etwas mit enormer Wucht ihre Kniekehlen und holte sie von den Beinen. Ihr Kopf schlug auf den Stein und Tifa schrie auf. Während ein wahnsinniger Schmerz von ihrem Hinterkopf ausstrahlte, kämpfte sie verbissen darum, ihren zerschlagenen Körper zu bewegen. Nachdem Tifa die Tränen weggeblinzelt hatte, war ihr Sichtfeld soweit wiederhergestellt, daß sie Loz über sich erblicken konnte, wie er mit einem triumphierenden Lächeln auf sie hinabsah.

Dann hob er seinen Fuß …

… Ihre Muskeln spannten sich an …

zielte sorgfältig …

… befahlen ihrem Körper instinktiv, sich zu bewegen

und ließ ihn hinabschnellen …

… und er bewegte sich …

… langsam … viel zu langsam …

Loz stampfte auf ihr rechtes Bein, zerschmetterte ihre Kniescheibe, und Tifa lernte die wahre Bedeutung des Wortes Schmerz. Sie schrie sich die Seele aus dem Leib, während ihr Körper bebte und zuckte. Jeder einzelne Nerv stand in Flammen, als er die Überreste ihres Knies unter seinem Absatz zermalmte. Ihre Hände krallten sich in den Steinboden – krallten sich in den Fuß, der Knochen, Muskeln und Fleisch zerquetschte. Ihr linkes Bein zuckte und zappelte hilflos umher. Übelkeit drohte die Kampfsportlerin zu überwältigen und rote Punkte tanzten vor ihren Augen. Ihre Lunge schien nicht in der Lage, die bebende Masse, die ihr Körper war, mit dringend benötigtem Sauerstoff zu versorgen. Wäre Tifa fähig gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen, hätte sie sich sicherlich gewundert, wie es möglich war, während einer solchen Qual nicht das Bewußtsein zu verlieren. Doch war sie in diesem Moment nicht in der Lage, irgendetwas zu registrieren.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ Loz von ihr ab. Zufrieden dreinblickend, schaute er auf die wimmernde Frau zu seinen Füßen. Tifa's Gesicht war zu einer Grimasse des Schmerzes verzerrt; die Schockwellen, die ihr verstümmeltes Glied aussandte, pulsierten mit ungebrochener Macht durch ihren Körper. Schwer atmend zwang sie sich, die aufsteigende Panik niederzudrücken und sie erinnerte sich an die Heilmateria, mit der sie ausgerüstet war. Tifa aktivierte Curaga und wartete darauf, daß der wohltuende grüne Schimmer seine Wirkung entfaltete … doch nichts geschah. Geschockt versuchte sie es noch einmal … und noch einmal … und noch einmal…

Wir spielen hier nach meinen Regeln, weißt du?"

Tifa stieß einen kehligen Laut aus und schloß ihre Augen, als ihr klar wurde, was Sephiroth's sogenannte Regeln für sie bedeuteten. Während ihre eigene Materia scheinbar funktionsunfähig war, konnte Loz seine Materia nach Belieben nutzen.

Die Ungerechtigkeit des Ganzen lastete schwer auf der jungen Frau und entfachte ihre Wut. Sie betäubte zwar nicht den Schmerz, doch reichte sie aus, ihren Kampfgeist neu zu beleben. Tifa öffnete ihre Augen und blinzelte, darauf wartend, daß Loz's Gesicht nicht länger in ihrem Blickfeld verschwamm. Dann starrte sie ihn zornig an. Brauchst du vielleicht Hilfe, um hochzukommen? schien der amüsierte Schein in seinen Augen zu sagen. Er bot ihr seine Hand und wackelte einladend mit den Fingern. Das setzte dem Ganzen die Krone auf.

Innerlich schäumend vor Wut, setzte Tifa eine ausdruckslose Miene auf. Wortlos erhob sie ihren noch immer pochenden linken Arm und ergriff die dargebotene Hand. Loz schien davon überrascht, doch fing er sich schnell wieder. Er grinste fröhlich und zog sie in die Höhe.

Tifa hatte in diesem Moment das Gefühl, sie würde sterben. Der Schmerz war unerträglich … überwältigend … und doch ertrug sie ihn. Die Zähne zusammenbeißend, vermied sie es, einen Blick auf ihr Bein zu werfen. Lediglich das abscheuliche, quatschende Geräusch, das erklang, als das Bein aus der Blutlache gehoben wurde, in der es gelegen hatte, ließ sie erschaudern.

Ihr linkes Bein stützte ihr Gewicht so gut es eben ging und Tifa nutzte den Schwung der Bewegung, um sich nach vorne fallen zu lassen. Den Blick fest auf ihr Ziel gerichtet, sammelte sie ihre letzten Kräfte und schlug zu.

Loz's Grinsen wich einem Stirnrunzeln. Dann ächzte er vor Schmerz.

Das äußerst befriedigende Geräusch einer Faust, die eine Nase zertrümmerte, ließ Tifa grimmig lächeln, als Loz's Kopf nach hinten flog. Doch ihr Lächeln verschwand abrupt, als seine rechte Hand reflexartig emporschoß und ihr Handgelenk wie ein Schraubstock umklammerte. Sofort versuchte Tifa, seinen Griff zu lösen und ihre Arme zu befreien, doch sie scheiterte kläglich und mußte hilflos mitansehen, wie sein Kopf sich langsam wieder nach vorne neigte.

Angst durchfuhr ihr Herz, als sie sein Gesicht erblickte.

Loz betrachtete sie mit versteinerter Miene, während ihm das Blut aus der Nase schoß. Verschwunden war das Grinsen, die Selbstgefälligkeit, der spöttische Gesichtsausdruck. Tifa sah in ein Gesicht, das bar jeder Emotion war, und es erschreckte sie. Als seine linke Hand die ihre losließ, beobachtete sie jede seiner Bewegungen wie in einer Trance.

Sie beobachtete, wie sich seine linke Hand, zur Faust geballt, erhob.

Ich frage mich, was er wohl vorhat?'

Sie beobachtete, wie seine rechte Hand, die ihren anderen Arm noch immer mit festem Griff umklammert hielt, diesen brutal verdrehte.

Das tut weh.'

Sie beobachtete die erhobene Faust wie einen Blitz niederfahren und mit zerschmetternder Wucht auf ihren Arm treffen.

Aaghhhhhhhhh…..

Ein markerschütternder Schrei durchschnitt die Stille. Vollkommen verwirrt, benötigte Tifa's Verstand eine Weile, um zu begreifen, wer die Quelle dieses fürchterlichen Geräusches war. Doch als er es tat, war der Bann gebrochen. Dieses Mal konnte sie den Anblick ihres mißhandelten Körperglieds nicht vermeiden. Wie gelähmt starrte Tifa auf die gebrochenen Knochen, die aus ihrem Arm herausragten.

Er … verkrüppelt mich … verkrüppelt …'

Schwärze umrankte den Rand ihres Sichtfeldes, als ihr ihr Bewußtsein langsam entglitt. Ihr Körper erschlaffte und kippte nach vorne. Nur undeutlich nahm Tifa wahr, wie Loz sie am Hals ergriff und so ihren Fall stoppte. Er hob ihren gemarterten Körper mit Leichtigkeit und hielt sie vor sich auf Augenhöhe, um geduldig auf eine Reaktion zu warten. Obwohl schon beinahe im Delirium vor Schmerz, schaffte Tifa es, ihre Augen auf die seinen zu richten und ihn mit Blicken zu durchbohren.

Erfreut musterte Loz sie abschätzend. Scheinbar zufrieden mit dem, was er sah, nickte er. Breit grinsend sah er ihr noch einmal in die Augen. Dann drehte er sich um die eigene Achse und warf Tifa durch die wirbelnden Ströme des Lebensstroms …

… mitten in das Inferno von Nibelheim.