GHOST betrachtete die Probe in seiner Hand. Der kleine Glasbehälter musste ein Geschenk des Himmels sein. Nun konnte er seine Mission doch noch zu Ende bringen. Was auch immer mit HUNK und seinen anderen Kollegen passiert war, wenigstens Martinez war jetzt in der Lage, ihren Auftrag auszuführen. Er verstaute den Behälter sicher in seiner Tasche und warf einen letzten Blick auf sein PDA. Der kürzeste Weg zurück an die Oberfläche ging durch das Nordareal. Er musste die Untergrundbahn erreichen.
Plötzlich ertönte über seinem Kopf ein Alarm. „Achtung, Selbstzerstörung eingeleitet. Bitte begeben Sie sich unverzüglich zu den Notausgängen."
Puta mierda!, fluchte Martinez. Wer zum Teufel hatten den Selbstzerstörungsmechanismus aktiviert?! Die Säuberung zur Vernichtung der Beweise hatte also begonnen und wer auch immer dahintersteckte, interessierte sich offenbar nicht dafür, dass möglicherweise noch lebende Menschen im Komplex waren. Er musste sich beeilen. Der Geist hatte Birkin überlebt, gegen eine Explosion konnte aber auch er nicht gewinnen.
Leichte Panik ergriff ihn, weil er nicht wusste, wie viel Zeit ihm bleiben würde. Sein Körper wurde von einem Adrenalinstoß erfasst, der die Schmerzen erträglicher machte. Sein Herz schlug schnell in seiner Brust, als er die Metalltür vor sich aufstieß und so schnell er konnte Richtung Ausgang lief.
Er musste über eine schmale Brücke, auf der es jedoch von Infizierten nur so wimmelte. Er konnte keinen großen Bogen um sie machen, dafür reichte der Platz nicht. Er streckte eine Frau mit einem Kopfschuss nieder, dann zog er sein Maschinengewehr und schoss den anderen in die Beine, um sie zu Fall zu bringen. Am Boden konnten sie so viel ächzen, wie sie wollten, Martinez sprang über sie hinweg und steuerte direkt die Tür auf der anderen Seite an.
Er lief gegen eine Hitzewand. Im Heizungskeller kam es bereits zu kleinen Explosionen. Martinez schirmte mit seinem linken Arm sein Gesicht vor den Flammen ab. In seiner rechten Hand, durch die immer noch Ameisen liefen, hielt er weiter wacker seine Maschinenpistole. Ein paar Infizierte am Boden brannten. Von dem Geruch nach verbranntem Fleisch wurde ihm schlecht und er musste würgen. Seine schweren Stiefel trommelten auf dem Gitterboden, während ihn im Hintergrund stetig eine Frauenstimme daran erinnerte, dass die Selbstzerstörung der Anlage bald bevorstand.
Er lief leicht nach links und geradeaus auf die rettende Tür zu. Er stieß sie auf und bremste abrupt ab, als er die vierbeinige Kreatur auf dem Boden vor sich erblickte. Muskeln, Fleisch und das Gehirn des Lickers waren entblößt, weil das Vieh keine Haut hatte. Martinez erinnerte sich an den Bericht, den sie bekommen hatten, in dem sie vor den biologisch-organischen Waffen gewarnt worden waren. GHOSTs Gedanken rasten, als er gedanklich alles durchging, was er über die Licker wusste. Auf die Zunge aufpassen, sind blind, reagieren auf Geräusche und schnelle Bewegungen, nicht rennen.
Erleichtert, dass er keine Munition verschwenden musste und froh, sein Tempo verlangsamen zu können, schlich Martinez mit pochendem Herzen an dem Licker vorbei. Der Licker fauchte, weil er spürte, dass Beute in der Nähe war, doch er konnte den Soldaten nicht genau orten. Vor GHOST an die Wand gedrängt hinter ein paar Gasflaschen stand ein einzelner Infizierter mit einer Warnweste und einem Rucksack auf dem Rücken. Bevor er sich umdrehen, und nach Martinez greifen konnte, machte dieser einen Satz nach links und legte einen kurzen Sprint zur nächsten Tür hin. Der Licker, der ihn jetzt bemerkt hatte, bäumte sich auf, doch seine Krallen erwischten nur das Metall riesiger Tanks. Bevor GHOST die Tür aufstoßen und in den nächsten Raum gelangen konnte, explodierte direkt neben seinem linken Ohr ein runder Glasbehälter. Schützend hielt er sich einen Arm vors Gesicht. Die Hitze, die von den lodernden Feuern ausging, war unerträglich und er dachte schon, er würde in seiner Uniform kochen. Schweißtropfen liefen über sein Gesicht und seinen Rücken und seine Wunden brannten wie Höllenfeuer.
Als Martinez den nächsten Raum betrat, hörte er ein Klingeln im linken Ohr. Verdammt, wo war der Ausgang? Er musste irgendwo nach oben. Hatten zuvor noch die Feuer den Keller in gleißendes Licht getaucht, fand er sich jetzt in Dunkelheit wieder. Ein seltsamer Nebel, der seine Atemwege reizte und ihn husten ließ, waberte durch die Luft.
Ein paar Infizierte, die er in der plötzlichen Dunkelheit kaum richtig erkennen konnte, stolperten auf ihn zu. Er schoss auf den ersten, der besonders aggressiv auf ihn zutorkelte, doch der Mann trug Schutzausrüstung der Polizei. Sein Kopf war von einem Helm mit Visier geschützt. Ein Kopfschuss fiel also aus.
Martinez hatte wegen der begrenzten Platzverhältnisse nur wenig Spielraum, um die Infizierten zu umrunden. Er hangelte sich am Geländer der Brückenkonstruktion entlang. Wenn er nicht schnell eine Tür oder einen anderen Ausgang fand, dann saß er in der Falle. Ein mutiertes Pflanzenwesen fiel ihm vor die Füße und hätte ihn beinahe zu Fall gebracht. Er feuerte den Rest seines Magazins in die Beine eines Mannes, dann sah er seine Rettung. Eine Leiter, die nach oben führte.
GHOST fackelte nicht lange, sondern kletterte so schnell er konnte nach oben. Jede Bewegung schmerzte und er stöhnte auf. Er biss die Zähne zusammen, bis er oben angekommen war. Zum Glück erwartete ihn oben keine böse Überraschung. Er stützte sich einen Moment an der Wand ab, um Luft zu holen. Seine Atemwege brannten und er hatte heftigen Hustenreiz. Irgendein Idiot hatte wohl Giftgas gegen die Infizierten losgelassen. Was interessierte die Untoten irgendein Gas in der Luft? Er torkelte weiter und bei jedem Mal, das er hustete, piesackten ihn seine gebrochenen Rippen. Er schluckte ein paar grüne Kräuter und sprühte sich etwas kühlendes Erste-Hilfe-Spray auf seine Wunden, die nach der Hitze unten wie Feuer brannten.
Martinez fand sich vor einer weiteren Metalltür wieder und er fragte sich, welches Grauen ihn wohl dahinter erwarten würde. Hinter jeder Tür, die ihn näher an sein Ziel brachte, konnte ein noch größeres, noch schlimmeres Monster lauern. Doch diesmal sollte es jemand gut mit ihm meinen. Am Geländer lehnte eine schmutzige und blutverschmierte W-870 und ihr Magazin war so gut wie voll. Die konnte er gut gebrauchen. Wer auch immer sein Leben für die Waffe gelassen hatte, Martinez wollte ihm auf ewig dankbar sein. Er schnallte sich die Waffe um und lief weiter.
Schon wieder fand er sich auf einer Brückenkonstruktion voller Infizierter, unter ihm nur die Schwärze des Nichts. Links und rechts neben ihm türmten sich hohe Metalltanks, deren Inhalte er lieber nicht wissen wollte. Ein feiner, weißer Nebel erschwerte ihm die Sicht, doch zum Glück war es kein Gas, sondern nur heißer Wasserdampf von den beschädigten Leitungen. Er konnte ein paar Infizierten ausweichen und machte eine scharfe Biegung nach rechts, wo ihm eine Forscherin und mehrere Sicherheitskräfte den Weg zu einem Lastenaufzug versperrten. Martinez musste sich in Sekundenbruchteilen entscheiden.
Er zog das Gewehr und schoss. Die Wucht der Schrotflinte zerfetzte der untoten Forscherin den Kopf und verspritzte Blut und Gehirnmasse in alle Richtungen. Mit dem Gewehrschacht verpasste GHOST einem weiteren Infizierten einen kräftigen Schlag gegen den Schädel, damit er nach hinten gerissen wurde und den Soldaten nicht packen konnte.
So schnell er noch rennen konnte, stürmte er zum Lastenaufzug und drückte den Knopf. Er atmete schwer und seine blutigen Wunden pochten unangenehm. Que os jodan, dachte er schadenfroh, als er die Infizierten sah, die sich unter dem Aufzug tummelten und versuchten, ihn zu erreichen. Oben angekommen, blieb ihm leider keine Zeit für eine Verschnaufpause.
Geschickt umrundete er zwei Infizierte und einen Pflanzenmutanten, drückte sich durch eine angelehnte Metalltür und rannte eine breite Treppe hinauf. Er wusste jetzt endlich, wo er war. Es dauerte nicht mehr lange, bis er den sicheren Hafen erreicht hatte. Unablässig hämmerte eine Stimme in seinem Kopf, dass er sich beeilen musste, bevor der Laden in die Luft flog. Sein Körper, sein Geist waren im puren Überlebensmodus. Wahrscheinlich trieb ihm nur noch das Adrenalin an, das durch seine Adern pumpte.
Martinez war ein fähiger Soldat. Er war der Beste in seiner Einheit gewesen, bevor Umbrella ihn angeheuert hatte. Manchmal dachte er sich, dass er das US-Militär nicht hätte verlassen sollen. Aber sie hatten ihn mit viel Geld gelockt. Mit verdammt viel Geld. Und mit dem Versprechen in einer besonderen Truppe dienen und seine Fähigkeiten in den Dienst einer höheren Sache stellen zu können. Die Leute in seiner Einheit waren so etwas wie eine Familie für ihn geworden. Luke, Derek, Kirkpatrick, GOBLIN-6 … Und nun waren sie wahrscheinlich alle tot. Das Training auf Rockfort Island hätte ihn für Situationen dieser Art vorbereiten sollen, doch die Wirklichkeit war ganz anders. Niemand hatte sie für diesen Ernstfall vorbereitet. Natürlich wusste er, in welche Gefahr er und seine Kollegen sich begaben und dass dabei jemand verletzt oder getötet werden konnte. Kein Training der Welt jedoch hatte ihn gelehrt, sich gegen Horden von Monstern zu verteidigen, die direkt der Hölle entsprungen waren. Immer wieder sah GHOST die Bilder der Leichen seiner zerfetzten Kollegen vor Augen. Die Ungewissheit machte ihn krank. Was, wenn doch einer von ihnen noch da draußen war und Hilfe brauchte? Und er dachte nur daran, die beschissene Probe zu Umbrella zu bringen. Dienst an einer höheren Sache. Höher als das eigene Leben, höher als das Leben der Kameraden. Im Ernstfall steht jeder allein für sich, hatte HUNK ihnen eingebläut. Das ist Krieg, Überleben ist deine Verantwortung. Man nannte den Mann nicht umsonst den Sensenmann. NESTWRECKER war Martinez' erster Einsatz beim U.S.S. gewesen und schon beim ersten Einsatz sollten sich die Worte des Truppenleiters bewahrheiten.
Die Untoten auf der Treppe waren so langsam, dass er sie problemlos links liegen lassen konnte. Viel mehr Sorgen bereitete ihm das nächste Hindernis. Es war der Gang mit den Steuerungskonsolen und den Computerbildschirmen an der Wand, an dessen Ende sich ein Aufzug befand, der ihn weiter zum Nordareal bringen würde. Die Lage war praktisch aussichtslos. GHOST sah sich in einem engen Gang, aus dem es kein Entkommen gab, mit einer ganzen Horde Infizierter. Und er musste Munition sparen. Seine Flucht war noch nicht zu Ende. Er war so weit gekommen, er durfte jetzt nicht aufgeben. Er würde es zur Bahn schaffen, koste es, was es wolle.
Martinez nahm seine letzte Handgranate, zog den Stift und warf sie mitten in die Infizierten. Der laute Knall zerriss die meisten Monster und tauchte den weißen Fußboden in Blut und Gedärme. Die anderen Untoten heulten irritiert auf und wurden von ihm abgelenkt. Die Konsolen sprühten Funken und das Glas einiger Bildschirme zersprang klirrend. Ohne noch lange zu fackeln stürmte GHOST nach vorne, direkt durch die Mitte. Er hatte nur ein kurzes Zeitfenster, das er nutzen musste. Der rettende Aufzug lag vor ihm. Die Türen schwangen schon auf, da stürzte er fast. Ein Pflanzenmutant hatte sein Bein gegriffen und wollte sich an ihm hochziehen, um ihn zu verschlingen.
„Lass los!", fluchte Martinez laut und rammte sein Kampfmesser direkt durch den Kopf des Monsters.
Gerade noch rechtzeitig schlossen sich die Türen des Aufzuges, bevor die Infizierten ihn erreichen konnten. Auf dem letzten Bildschirm auf der linken Seite, stand in großen leuchtend roten Lettern: Warnung! Danke für den Hinweis, dachte Martinez.
Oben angekommen befand er sich nun auf einer runden von einem Geländer eingefassten Plattform. Eine schmale Brücke führte über einen schwarzen Abgrund auf die andere Seite zu einem Gebäudekomplex. In großen dunklen Buchstaben stand „N-01 Nordareal" an der Betonwand.
Die Bücke wimmelte nur so von Infizierten. Martinez hatte nicht mehr die Munition, um sie alle niederzustrecken und riskante Manöver waren unangebracht, wenn der Sturz so tief war. Er schoss, um die Untoten zu sich zu locken. Ungeduldig wartete er, bis sich die Gruppe in Bewegung gesetzt hatte. Die Infizierten ließen sich Zeit. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ihn die Frauenstimme unbarmherzig daran erinnerte, dass die Explosion kurz bevorstand, hatten die Infizierten Martinez erreicht. Er lief um den Aufzug herum und reizte die Untoten, ihm denselben Weg zu folgen.
Die Brücke war nun frei. Er verpasste den am Boden liegenden Infizierten, die nach seinen Beinen greifen wollten, Kopfschüsse und rannte. Er rannte so schnell es seine Wunden zuließen. Sein letzter Gegner, bevor er durch die elektronische Tür in den Empfangsbereich gelangen würde, war ein Pflanzenmutant. Ein gezielter Schuss auf eine der widerlichen Blasen an seinem Körper und das Monster war für einen Moment außer Gefecht gesetzt, sodass GHOST an ihm vorbei konnte. Blitzschnell lud er sein Maschinengewehr nach. Es war seinen toten Kollegen zu verdanken, dass er überhaupt noch Magazine zum Nachladen hatte. Zur Vorsicht nahm er die stärkste Waffe, die er hatte, das Schrotgewehr. In seiner Tasche hatte er auch noch eine Blendgranate, die er ohne zu zögern einsetzen würde. Warum zum Teufel hatte er seine Magnum nicht auf den Einsatz mitgenommen? Er verstand jetzt, warum HUNK sie immer als Reserve dabei hatte.
Seine bisher größte Herausforderung sollte im Empfangsbereich auf GHOST warten. Links von ihm befand sich der Empfangstresen, hinter dem normalerweise ein Mitarbeiter saß, der Ausweise kontrollierte. Der Mann saß reglos auf seinem Stuhl. Das Virus hatte ihn verschrumpeln lassen und seine faltige, dunkelgraue Haut spannte nun über seinem Schädel. An der Wand prangte das Logo der Umbrella Corporation, der rot-weiße Schirm, als hätte es nie etwas anderes getan und als hätte sich die Firma nicht in einen Albtraum verwandelt, sondern würde ihren gewohnten Gang gehen. Ein Security-Mitarbeiter erhob sich von dem schwarzen Ledersofa, das an der rechten Seite stand. Martinez zögerte nicht, sondern versenkte sofort ein Geschoss in seinen Schädel, um sich an ihm vorbeizudrängen.
„Achtung, Selbstzerstörung eingeleitet. Bitte begeben Sie sich umgehend zu den Notausgängen."
Das Doppeltor war geschlossen. Zwischen Schießen und Ausweichen schaffte es GHOST auf den Schalter zu drücken und die Tore zu öffnen. Er machte seinem Codenamen doch alle Ehre. Er bewegte sich wie ein Geist.
Er hielt sich die Infizierten mit seinem Maschinengewehr vom Leib, während er wartete, bis sich die Tore öffneten. Er wollte schon unter dem Tor hindurch schlüpfen, als ihn von hinten ein unerwarteter Schlag traf, der ihm alle Luft aus dem Köper presste und ihn von den Füßen riss. Instinktiv rollte er sich ab und stemmte sich wieder auf die Füße.
Eine riesige, hünenhafte Gestalt in einem dunklen Mantel war hinter ihm erschienen und langte nach ihm. Nach den Berichten, die er kannte, konnte es sich nur um einen von Umbrellas Tyranten handeln. GHOST wich aus und riss eine Topfpflanze um. Er feuerte alle fünf Kugeln der W-870, die noch in der Waffe steckten, direkt in den Kopf der B.O.W., aber wartete nicht auf die Wirkung. Er sprang unter den Toren durch, rollte sich über seine Schulter ab und lief durch die breite Schleuse.
Die Bahn, die ihn in die Freiheit bringen würde, lag direkt vor ihm. Zwischen ihm und seiner Freiheit lagen nur noch ein paar Infizierte und eine formlose Masse auf der Treppe. GHOST schoss. Er schoss auf Köpfe, auf Beine, er verschoss die gesamte restliche Munition seines Maschinengewehrs. Die Aussicht, so nah an seinem Ziel zu sein, mobilisierte seine letzten körperlichen Kräfte und verlieh ihm einen letzten Energieschub.
Er nahm die Granate aus seiner Tasche, zog den Stift und warf sie dem Monster auf der Treppe vor die Füße. Ein greller Lichtblitz erhellte den unterirdischen Bahnhof und ließ die Monster aufheulen. GHOST drängte sich an der widerlichen Masse vorbei und betrat mit erhobener Waffe die Bahn. Zielsicher lief er nach vorne zur Steuerung. Er hatte es geschafft. Er war in Sicherheit.
Seine Hand lag schon am Steuerungshebel, da …
