Der Bogen glitt über die Saiten und entlockte ihnen einen zitternden, leicht unsauberen Ton. Das Mädchen mit den goldblonden Haaren, deren vordere Strähnen geflochten und am Hinterkopf festgesteckt waren, verzog kurz das Gesicht. Und da war sie auch schon, die Ermahnung ihrer Mutter:
„Spiel den Takt nocheinmal, und diesmal sauber."
Sie versuchte es erneut. Ihre Konzentration ließ allmählich nach, immerhin hatte sie zuvor schon Klavier geübt und hing jetzt so lange an der Geige, daß die Finger ihrer linken Hand vom Druck der Saiten schmerzten, trotz der Hornhaut an den Fingerkuppen. Der Klang wurde nicht besser, sie griff sogar einen Ton an der falschen Stelle, was zu einer gräßlichen Disharmonie führte. Das Gesicht ihrer Mutter blieb ausdruckslos.
„Nochmal, das kannst du besser."
Dasselbe Spiel wie bei den anderen schwierigen Stellen, die sie schon hinter sich hatte. Ihre Hände begannen zu zittern und die Augen brannten.
„Kann ich für heute Schluss machen?"
„Wir üben das Stück noch fertig."
„Aber ich kann nicht mehr."
„Du kannst noch."
„Und ich hasse die Geige!" Damit warf sie das Instrument mit aller Kraft an die Wand, Tränen der Wut und der Verzweiflung in den Augen. Es war nicht so laut wie sie gehofft hatte, doch das Holz splitterte und Stücke des Instruments flogen in alle Richtungen.
„Trotzdem wirst du sie spielen lernen. Reparo." Ihre Mutter hatte den Zauberstab aus einer Tasche in den Falten ihres seidenglänzenden Kleides gezogen. Mit eleganten Bewegungen dirigierte sie die Holzsplitter, die sich wieder zusammenfügten, bis die Geige vor ihr lag, beinahe als sei nichts geschehen. „Du bist noch viel zu unbeherrscht, auch daran werden wir arbeiten müssen."
Daphne war zu Boden gesunken und weinte ihren Frust heraus. „Warum kann ich nicht auch Harfe spielen?" jammerte sie und schlug sich die Fäuste gegen die Oberschenkel.
„Du bist die Ältere und wirst meine Geige erben. Deshalb sollst du sie auch spielen können." Etwas sanfter fuhr sie fort: „Und eines Tages wirst du gut genug sein, um daran Freude zu haben. Du hast Violinenhände." Eine Zeitlang sah sie nachdenklich auf das Mädchen herab, dann sagte sie in sachlichem Tonfall: „Ab heute wirst du außerhalb deiner Unterrichtsstunden nichts anderes tun als Geige üben bis du das Stück beherrschst."
