Kapitel 2
Das fürnehme und gar alte Haus der Blacks
Er hatte recht. Es wurde laut, auch wenn ich immer wieder einnickte, während Sirius sich mit seiner Familie stritt. Götter! Wie jung sie doch alle waren! Selbst der „Großvater" Arcturus der bisher kein einziges Wort gesagt hatte, war meinen Berechnungen nach kaum achtzig, was für einen Zauberer wohl kaum ein Alter war. Die anderen waren noch weitaus jünger. Sie alle lebendig vor mir zu sehen, war eine merkwürdige Erfahrung, denn bisher waren sie nur Namen auf einem uralten Wandteppich gewesen. Doch wie kam es dazu, dass sie alle kaum zehn Jahre später tot waren? Wie so viele Mitglieder reinblutiger Familien.
„… Verräter!" Ich schreckte aus dem Schlaf hoch und konnte den unwilligen Schrei nur mit Mühe unterdrücken. Für eine Weile wollte ich ein stiller Beobachter bleiben.
„Mutter, bitte", stöhnte Sirius. „Fang nicht schon wieder davon an!"
„Du hast deine Familie verraten! Du bist weggelaufen, wie ein verzogener Bengel, bist…"
„Ich war ein verzogener Bengel, Mutter!" Die Frau verschluckte sich an ihren nächsten Worten. Es wurde still im Raum.
„Ich wollte ausbrechen, wollte nicht immer wieder von der Größe und der Reinheit des Blutes hören, wollte nicht immer wieder mit der Nase in meine Pflichten gestoßen werden! Ich wollte zuerst Sirius sein und erst dann ein Black!" Er klang fast hysterisch. Niemand sagte etwas und von dort wo ich lag konnte ich nur ganz wage Köpfe und Rücken erkennen und das auch nur verschwommen.
„Ihr habt mein ganzes Leben bereits geplant, bevor ich aufrecht stehen konnte", sagte mein Pate leise und müde. „Ihr habt mir jede auch nur so unbedeutende Entscheidung abgenommen. Was ich sein, was ich glauben und sagen sollte, wo und was ich lernen sollte, was ich mögen und nicht mögen sollte. Ihr habt mir sogar vorgeschrieben, wer meine Kinder zur Welt bringen sollte. Ich sollte Black sein, nicht mehr und nicht weniger."
„Sirius…", begann eine fremde weibliche Stimme und erstarb hilflos. Gut. Ich habe angefangen zu glauben, dass Sirius seine Familie mit einem Schweigefluch belegt hatte.
„Wen habe ich verraten, Mutter?", fragte er mit Schmerz in der Stimme. „Die Magie? Die ist immer noch mit mir. Den Namen? Ich bin immer noch ein Black, auch wenn du es offensichtlich anders siehst." Ich sah seine Geste in Richtung des Wandteppichs.
„Auf dem Echten Stammbaum sind wir alle noch da, Schwester", sagte eine Männerstimme. Alphard, wenn ich mich nicht täuschte. „Sogar Phineas Junior und Cedrella."
„Das ist nicht wahr!" Nur einen Augenblick später zerschellte ein Zauber auf dem Wandteppich und alle Anwesenden wandten sich dem langsam entstehenden Bild zu. Den Versuch etwas zu erkennen, gab ich schnell auf, aber das was ich erkannte zeigte mir, dass der Wandteppich nur Dekoration war, die das verbarg, was auf der Wand dahinter lag.
„Die Magie und das Familienblut haben wohl eine andere Meinung, als du, Wal." Wieder Alphard.
„Ich habe nie die Familie verraten, Mutter", Sirius' Stimme war müde, aber fest. Es wurde wieder still.
„Voldemort hat uns entzweit", sagte mein Pate leise. „Er…"
„Nenne ihn nicht beim Namen!"
„Der Junge hat absolut Recht", erklang mir bisher unbekannte Stimme. „Dieser Emporkömmling hat euch allen den Kopf verdreht."
„Er ist kein Emporkömmling!"
„Doch das ist er. Ein Emporkömmling und ein Halbblut noch dazu", erwiderte die eisige Männerstimme. „Merope war schon immer nicht ganz bei Verstand, dass wissen wir alle, doch als ihre Affäre mit dem Liebestrank misslang wurde sie gänzlich umnachtet. Selbst wenn ihr Sohn nicht von der Magie selbst verflucht worden wäre, hätte er mit einem Muggel als Vater kaum in dein Vorzimmer geschafft, Walburga. Warum also bist du so eifrig dabei deine eigene Familie in seinem Namen zu zerstören?"
„Verflucht?", frage jemand nach. „Der Dunkle Lord wurde von der Magie selbst verflucht?"
„Er wurde unter einem Liebestrank gezeugt", antwortete eine andere Männerstimme. „Schon der Akt seiner Zeugung ist ein Betrug an Magie. Ihn auszutragen und zu gebären, hat dem armen Mädchen alles, an Kraft, Verstand und Magie gekostet, was sie noch hatte. Hätte sie noch ein wenig länger gelebt, hätte sie den Fluch vielleicht auf sich ziehen können, doch sie starb. Also verlangte die Magie dem Kind all das ab, was sie der Mutter hätte nehmen sollten." So war das also? Natürlich kannte ich diese Geschichte schon, doch dass es so weitgehende Folgen hatte, ahnte ich nicht.
„Er wird nie so etwas, wie Liebe und Zuneigung empfunden haben", erklärte der Mann weiter. „Er wollte geliebt werden, aber etwas Derartiges selbst zu empfinden konnte er nicht. Ich habe ihn erlebt. Er ist kalt, berechnend, gierig, gefühlslos. Er will besitzen. Erobern. Haben. Und weil er es nicht anders kann, verbreitet er Angst, um das zu bekommen, was er haben will." Jemand weine leise. Walburga?
„Das sagst du erst jetzt?", fragte eine andere Frau. „Nachdem dieser Mann so viel zerstört hatte?"
„Ja, das ist mein Fehler, mein Vergehen, für das ich mich noch vor der Familie verantworten werde. Aber jetzt ist Schluss damit! Munditia Magna!"
Die Stimme donnerte regelrecht durch den Raum. Etwas Mächtiges, blendend Grelles und Eiskaltes raste Durch den Raum, durch uns alle hindurch und dann weiter und immer weiter. Jemand schrie. Jemand fluchte und ich begann zu laut zu weinen. Es fühlte sich an, als hätte man mich erst gründlich abgeschrubbt und dann in Salzwasser gesteckt. Durch den Nebel meiner schlechten Augen und Tränen sah ich dutzende Symbole über den Menschen vor mir schweben.
„Allmächtige Götter!", hauchte jemand heiser. Das was weiter folgte, hörte ich mit wachsendem Erstaunen. Derbe Flüche, auf die jeder Hafenarbeiter stolz gewesen wäre. Wenn ich es richtig verstanden hatte, loste der Zauber eine ganze Menge Flüche und Zauber, die die hier Versammelten, irgendwie auf sich gezogen hatten.
„Vater!", das war Walburga.
„Es ist nur ohnmächtig", beruhigte sie die andere Frau. „Er hatte wohl kaum geahnt, dass es so viele sein werden. Schau dir das nur an und Götter allein wissen, was bei Narzissa und Bealltrix los ist!", sie seufzte kummervoll. „Ich bringe ihn nach oben." Der Körper eines Mannes schwebte aus einem Sessel hoch und wurde dann von einer Frau an mir vorbei nach oben gebracht. Ein älterer Mann und eine weitere Frau folgten den beiden.
Da man mich allem Anschein nach vergessen hatte, fing ich an zu weinen, um sie daran zu erinnern, warum sie alle hier versammelt waren.
„Harry!" Auf einmal waren sie alle um mich herum versammelt.
„Wie ist sein voller Name?", fragte Walburga.
„Harry James Potter. Er ist der Enkel von Großtante Dorea. Familie, Mutter. Unser Blut. Außerdem bin ich sein Pate."
„Pate?", fragte eine Frau nach. „Wie bei den Muggeln oder so richtig mit allem Drum und Dran?" Sirius lachte kurz.
„Mit allem Drum und Dran. Lilly bestand auf dem vollen Ritual. Ich habe mit allem was ich bin versprochen mich um ihn zu kümmern."
„Er ist Familie", stellte Walburga verwundert fest.
„Natürlich ist er das", raunte Alphard. „Er ist auf dem Stammbaum!" Wie auf einen Befehl hin, schauten aller zu der Wand, wo der Familienstammbaum offensichtlich immer noch zu sehen war.
„Tatsächlich! Was machen wir jetzt?"
„Ich werde ihn adoptieren", stellte Sirius entschieden fest. „Ihn als meinen Sohn in die Familie aufnehmen….", er zögerte ein wenig. „… wenn es dir Recht ist, Mutter."
„Man wird ihn suchen", meinte die Frau nachdenklich. „Nachdem was passiert ist, wird man ihn suchen. Die einen, um ihn zu verehren, die anderen, um ihn zu töten. Die verfluchte Prophezeiung haben wir alle gekannt. Der… Tom hatte sich für diesen Jungen entschieden und ist verschwunden. Ich nehme mal an, dass er diese Narbe nicht schon seit der Geburt hatte?" Ihre Finger berührten zart meine Stirn. Sirius schüttelte den Kopf.
„..und der Dunkle Lord wird Ihn als sich Ebenbürtigen kennzeichnen", murmelte Walburga. „Also ist der andere Junge außer Gefahr?"
„Ich weiß es nicht, Mutter, ich weiß es nicht. Alice und Frank konnten immer noch in Gefahr sein. Ich habe keine Ahnung, ob Hagrid sich darum gekümmert hat, so wie ich es ihm gesagt hatte. Gesagt? Befohlen war wohl das bessere Wort. Doch auch ich machte mir Sorgen.
„Er schaut uns an, als verstehe er, was wir sagen", meinte eine Frau rechts von mir. „Und was für wunderbare Augen er doch hat!"
„Die hat er von seiner Mutter", seufzte Sirius. Prima! Jetzt fängt es auch hier wieder an! Was ist so verdammt Besonderes an meinen Augen?
„Muggel haben keine solche Augen", sagte die Frau vorwurfsvoll. Mit solchen Augen schaut Magie in die Welt."
„Lilly war Muggelstämmig", stellte Sirius fest. „Keine Magier in der Familie."
„Was wusste das Mädchen schon über ihre Familie!", meinte die Frau abfällig. „Die können doch kaum zwei Generationen zurücksehen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Wir müssen ihn testen, wenn er soweit ist. Mal sehen wessen Blut hier noch mitspielt!"
"Wenn es dir daran so viel liegt, Tante Lucrecia, bitte, aber was machen wir jetzt?" mein Pate klang eindeutig belustigt aber immer noch angespannt.
„Du adoptierst den Jungen", entschied Walburga. „Aber nicht durch das Ritual. Er wird ein Potter bleiben. Schließlich ist er der letzte in seiner Familie, oder hatte sein Vater Geschwister?" Sirius schüttelte den Kopf.
„Dann liegt hier vor uns der künftige Lord Potter", meinte Lucrecia vergnügt. Sie blickte zu ihrem Neffen. Lord Potter! Gütiger Himmel. Wie viel hatte ich im letzten Leben den verpasst?
„Apropos künftiger Lord. Ist dir klar, dass du die Familie übernehmen muss, wenn mein Vater und Onkel Pollux nicht mehr da sind? Oh…!" Sie blickte zur Walburga.
„Deswegen soll der Junge ein Potter bleiben? Damit er Sirius nicht automatisch beerben muss?!"
„Ja. Wenn die Götter gnädig sind, werde ich noch meine eigenen Enkelkinder in den Armen halten, wenn nicht, dann fügen wir der formellen Adoption das Blutritual bei und bürden dem Jungen die zweite Lordschaft auf."
„Ich kümmere mich um die Papiere", versprach Sirius. „Und, Mutter… ich danke dir." Sie streckte den Arm zögerlich aus und strich ihrem Sohn durch das Haar.
In der Zwischenzeit
Sirius
Götter, wie schäbig das alles doch ist. Und klein. War es schon immer so klein? Wahrscheinlich kam es uns damals nur so groß vor. Jede meiner Bewegungen wirbelt ganze Staubwolken auf und ich werde gezwungen den Staub zu entfernen. Als der Staub weg ist, sehe ich Kratzspuren auf dem Boden und an den Wänden. Die kleineren stammen von mir, die großen von Remus. James hatte sich weiter oben „verewigt", als er mal mit seinem Geweih im Türrahmen hängen blieb. So viele Erinnerungen! So viel Zeit, die wir vier hier verbracht hatten.
In der Stille des Hauses kommt mir das Geräusch des Apparierens unnatürlich laut vor und ich bin bewaffnet, noch bevor ich es bewusst entscheiden kann. Die Treppe knarrt unter schweren Schritten und einen Augenblick später steht Remus vor mir.
„Auch dir einen guten Tag, Sirius", grüßt der Werwolf müde und drückt meinen Zauberstab zur Seite, um mich zu umarmen. Er riecht nach Staub und Wolf. Als er mich loslässt, sinkt er erschöpft auf einen der Stühle. Er knarrt protestierend.
„Diese kleine Ratte, entwischt mir immer um Haaresbreite", seufzte der Mann vor mir. „Er hat versucht sich selbst in die Luft zu sprengen, zusammen mit einem ganzen Haufen Muggel, aber ich könnte ihn noch gerade rechtzeitig aufhalten." Er fletscht die Zähne. Angriffslustig und wild. So wie ich ihn fast gar nicht kenne. Sein „flauschiges Problem", lag immer wie ein schwerer Stein auf ihm. Ein Fluch, für das er sich schämen sollte. Er sollte sich verstecken, sich klein halten, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen. Warum hat Dumbledore so viel getan, um ihn in Hogwarts zu behalten? Und ihm nie geholfen hat richtig mit seinem Problem umzugehen? Er hat uns Kinder indirekt dazu gebracht ein Gesetz zu brechen und uns mit dem „flauschigen Problem" allein gelassen. Wir mussten Remus auf unsere eigene unbeholfene und vollkommen inkompetente Art helfen. Und sehe da – im Augenblick schien Remus sogar stolz darauf zu sein, wer und was er war. Was hätte dann rechtzeitige Hilfe eines gewissen Professors bewirkt?
„Ich habe ihm glaube ich ein paar Finger zusammen mit seinem Stab abgerissen, bevor ich flüchten musste", sagte der Werwolf müde und sah mich durchdringend an.
„Ich habe mich bewusst verwandelt, Sirius. Bewusst. Verwandelt." Die Nachricht lässt mich ebenfalls auf einen Stuhl sinken. Wie lange haben wir das versucht? Wie viele Nächte schlugen wir uns mit uralten Büchern, Manuskripten und Schriftrollen herum? Wie viel Kraft und Magie haben wir verschwendet, um zu prüfen, ob wir Remus' Problem mit Animagusmagie lösen konnten?
„Warst du…?"
„Bei Verstand?" Ich nickte, er nickte feierlich zurück.
„Absolut. Sirius, ich war der Werwolf und war bei Verstand. Nicht so wie bei dem Trank, von dem ich ganz wirr im Kopf bin. Ich war ich, nur dass ich in seinem Körper steckte!" Er hatte sich nie mit den Wesen identifiziert, in dass er sich verwandelt hatte. Es war immer ein Fremder gewesen. Würde sich das jetzt ändern?
„Soll ich beim nächsten Vollmond dabei sein?" Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Nicht nötig. Außerdem darfst du dich nicht mehr in Gefahr bringen. Du bist jetzt Vater!" Diese Tatsache ist für mich immer noch groß und unbegreiflich, aber langsam gewöhne ich mich daran.
„Wie geht es Harry?"
„Er mag Bella nicht, glaube ich. Er braucht immer eine Weile, bis er in ihrer Nähe nicht hysterisch weint."
„Nun, Bella ist gewiss ein Fall für sich. Ich brauche auch Überwindung, um in ihrer Gegenwart nicht zu weinen." Wir lachen beide und es wirkt befreiend.
„Du weißt, dass du immer willkommen bist?", frage ich. „Du bist der einzige Bruder, der mir noch geblieben ist." Remus schüttelt den Kopf.
„Ich muss die Familiengeschäfte übernehmen, das wird eine Weile dauern. Außerdem will ich Peter finden. Ich denke er wird mir nützlich bei der Suche sein." Ich nickte.
„Gut. Wenn du wieder da bist, komm unbedingt zu mir, ich habe ein paar Geschäftsideen. Ein Projekt, das James und ich aufbauen wollten. Vielleicht hast du ja Interesse." Wir verabschieden uns und ich stelle fest, dass ich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit den Wunsch habe nach Hause zu kommen.
