Rick


I.

Es gab eine Sache, die Rick niemanden jemals erzählt hatte, nicht seinen Eltern, nicht einmal Shane. Sie betraf Jordan Clark, einen Alpha, der mit ihm auf der Highschool gewesen war. Jordan hatte für Rick immer nur einen Blick voller Verachtung übrig gehabt, wenn überhaupt, doch das alles änderte sich schlagartig eines Tages, als Jordan offenbar beschloss, dass dieses Monat Rick der glückliche Omega war, dem er seine Aufmerksamkeit schenken wollte.

Jedes Monat schien er sich für kurze aber einprägsame Zeit auf einen anderen seiner Omega-Mitschüler zu fixieren, stellte diesem nach, umwarb ihn, und ließ die entsprechende Person dann, entweder weil er bekommen hatte, was er wollte, oder weil er es eben noch nicht bekommen hatte, wieder fallen. Jordans Ruf war berüchtigt, aber er konnte sehr charmant sein. Und brach Herzen am laufenden Band. Im Monat zuvor hatte sich Melissa Chan über ihn ausgeweint, nachdem er offenbar beschlossen hatte, dass sie seine Mühe nicht wert war und sich stattdessen Kathy Lane zugewandt hatte.

Auf jeden Fall fiel sein Interesse nun auf Rick, wie es schien, den er an seinem Spind abfing und ein eindeutig zweideutiges Angebot unterbreitete, als er meinte: „Wie wär's Grimes, wir beide, heute Nachmittag bei mir Zuhause? Uns fällt sicher etwas ein um Spaß zu haben." Er lehnte sich an Ricks Spint, posierte vor dem Omega, und leckte sich mehrdeutig die Lippen.

„Danke, aber nein danke. Ich bin nicht interessiert", erwiderte Rick höflich, der nicht wusste, was genau Joran auf den Gedanken brachte, dass etwas anderes der Fall sein sollte. Wie gesagt, Jordan war berüchtigt und noch nie auch nur ansatzweise freundlich zu Rick gewesen. Er nickte Jordan zu, dachte damit wäre das Thema erledigt, und wandte sich zum Gehen, doch Jordan griff nach seinem Arm und hielt ihn fest. „Nicht so schnell, Grimes", meinte er, „Hast du dir das gut überlegt? Ich meine, du siehst doch, was du verpassen würdest…."

„Lass bitte meinen Arm los", meinte Rick daraufhin nur.

„Ich denke nicht", meinte Jordan, „Ich bin noch nicht fertig mit dir…"

„Lass meinen Arm los", wiederholte Rick, „Sonst…"

„Sonst was? Sonst petzt du bei den Lehrern? Oder hetzt Walsh auch mich? Das wäre ja nicht das erste Mal, nicht wahr? Du warst schon immer jämmerlich. Das weiß jeder hier. Deswegen investiere ich auch keine unnötige Zeit in das hier. Billigen Huren, wie du eine bist, sind die Mühe nicht wert. Also: Treibst du's jetzt mit mir, oder nicht? Im Gegenzug bin ich bereit dein neuer Beschützer zu sein. Für eine Weile zumindest. Gott weiß, du hast einen nötig, jetzt wo dein Lover mit Mindy beschäftigt ist", spottete Jordan.

Mindy Morrow war das Beta-Mädchen, mit dem Shane seit ein paar Wochen ausging (wenn man das so nennen konnte). Rick hatte nichts gegen Mindy, zumindest redete er sich das sein, aber ja, es stimmte, dass er sich wenig vernachlässigt fühlte und dass Shane den Großteil seiner Zeit mit Mindy zu verbringen schien. Ihm war allerdings nicht bewusst gewesen, dass den anderen das ebenfalls aufgefallen war und dass sie daraus (falsche) Schlüsse gezogen hatten.

„Ich brauche keinen Beschützer", erklärte Rick kühl, „Shane ist mein bester Freund, der auf mich aufpasst so wie ich auf ihn aufpasse. Und ich bezahle ihn für seine Freundschaft sicher nicht mit Sex. Lässt du jetzt bitte endlich meinen Arm los?"

„Dass du ihn jetzt nicht mehr bezahlst, ist nicht zu übersehen. Oder zu überhören. Mindy kann sehr laut sein, genau wie Walsh, aber das weißt du ja selbst am besten. Was ist passiert? Hat er sich nach Abwechslung gesehnt?", stichelte Jordan, „Warst du zu schlecht?" Er grinste böse und packte Ricks Arm noch fester. „Vielleicht kann ich dir ja ein paar Sachen beibringen, die dir dabei helfen ihn zurückzugewinnen."

Rick wusste natürlich, dass der Alpha ihn nur provozieren wollte, aber er konnte trotzdem nicht anders, er wurde wütend. (Er war nicht eifersüchtig, kein bisschen, er war nur … frustriert). „Lass mich endlich los!", schrie Rick und versuchte seinen Arm aus Jordans Griff zu befreien. Allerdings ohne Erfolg.

Jordan lachte. „Genau das meine ich", meinte er abfällig, „ihr Omegas, ihr seid alle so schwach und hilflos. Bei den Mädchen ist das zumindest anziehend, aber bei dir …. Wusstest du, dass Omegas in früheren Zeiten dazu in der Lage waren ihr primäres Geschlecht zu wechseln, um das Rudel am Leben zu erhalten? An dir ist auf jeden Fall ein Mädchen verloren gegangen. Sag schon, wächst dir schon eine Vagina? Oder sparst du die dir für Walsh auf? Ich verstehe wirklich nicht, warum alle ständig hinter dir her sind. Mindy hätte sich schon vor fünf Minuten auf meinen Griff befreit, sie ist mehr Mann als du. Kein Wunder, dass Walsh sie bevorzugt."

Jetzt sah Rick endgültig rot. Er riss sich los und versetzte Jordan dann einen Schubs, der ihn gegen den Spint krachen ließ. „Oh, Ricky. In dir steckt ja doch Kampfgeist", lachte Jordan, „Ich meine, ich wurde von anderen Mädchen schon härter gestoßen, aber es ist zumindest ein Anfang…."

Damit stürzte sich Rick endgültig brüllend auf Jordan, rang ihn zu Boden, und schlug ihm ins Gesicht. Der Alpha lachte zuerst noch, beschloss aber dann sich zu wehren und hatte es wenige Momente später geschafft Rick die Hand hinter dem Rücken zu verdrehen und ihn auf den Bauch vor sich liegend zu haben. „Das war jetzt genug, Grimes. Dachtest du wirklich, du hast eine Chance? Ich bin ein Alpha, du bist ein Omega. Du kannst überhaupt nicht gewinnen", belehrte ihn Jordan hochnäsig, „So ist es nun einmal." Er verlagerte sein Gewicht entsprechend um Rick noch eindeutiger am Boden festzuhalten, und dann spürte Rick etwas auf seinen Hinterteil, das er dort definitiv nicht spüren wollte und …

… Jordan wurde vom brüllendem Lehrpersonal von Rick weggerissen, und Rick wurde auf die Beine geholfen. Es war nicht so einfach die Direktion davon zu überzeugen seine Eltern nicht anzurufen, aber Rick machte geltend, dass er bereits ein Senior war, schon beinahe 18, und dass im Grunde ja nichts vorgefallen war. Das Schlimmste war verhindert worden. Jordans Eltern wurden einbestellt, und er musste sich vor ihnen bei Rick entschuldigen, aber zumindest konnte Rick so verhindern, dass seine Eltern jemals von der Sache erfuhren. Shane erfuhr natürlich sehr wohl davon, aber Rick entschärfte die Details, behauptete es wäre nur ein kleiner Streit gewesen und versicherte Shane, dass Jordan ihm nie mehr zu nahe treten würde, dafür habe die Direktion gesorgt.

Shane war aber damals schon Shane. Natürlich ließ er es sich nicht nehmen sich Jordan Clark trotzdem zur Brust zu nehmen. Rick sollte das und die Tatsache, dass Shane offenbar mit Mindy Schluss gemacht hatte und in den nächsten Wochen wieder zu Ricks Schatten wurde zufriedenstellen, aber …. Im Grunde bekam Jordan durch das alles recht. Der kleine schwache Omega Rick musste seine Kämpfte von anderen für sich austragen lassen. Von seinem Alpha für sich austragen lassen, weil … es nun einmal so war.

In Rick Grimes Welt sollte es aber nicht so sein. Shane konnte nicht immer da sein. Shane war nicht immer das gewesen, er war nicht da gewesen, als Jordan ihn besiegt und belästigt hatte. Rick wusste, dass er lernen musste, seinen eignen Kämpfe auszutragen. Und Jordan war immer noch so herablassend. Also lauerte Rick ihm eines Tages am Nachhauseweg von der Schule auf, mit einem Rohr, das er sich extra für diese Gelegenheit besorgt hatte.

Natürlich roch Jordan ihn, bevor er ihn sah. „Was soll das, Ricky? Dein Bodyguard hat schon mit mir geredet. Gern geschehen übrigens, dank mir seid ihr wieder ein Herz und eine Seele, wie es scheint", begrüßte ihn Jordan.

„Wir beide sind noch nicht fertig miteinander", erklärte Rick und trat hinter der Ecke hervor, hinter der er gelauert hatte, „Wir wurden unterbrochen."

Jordan musterte ihn und sein Rohr einen Moment lang abschätzig. „Wirklich, Ricky? Du willst kämpfen? Hast du aus dem letzten Mal nichts gelernt? Na dann…" Er stellte seinen Rucksack ab und deutete Rick ihn anzugreifen. „Zeig was du drauf hast!"

Jordan war offenbar davon überzeugt, dass er gewinnen würde, doch Rick war wütender als jemals zuvor in seinem Leben und entschlossener ebenfalls, er würde nie wieder Jordans Opfer sein, nie wieder seine Beute. Er kämpfte mit der rechtschaffenen Wut eines jungen Omegas, der es satt hatte niemals ernst genommen zu werden. Und er kämpfte brutal. Jordan war im ersten Moment überrascht, dann begann er ein wenig panisch zu werden, und dann floss das erste Blut.

Negan mochte Jahre später der Meinung sein, dass Shane die Origin Story des Alpha-Serien-Mörders Rick Grimes war, doch wenn er jemals geboren wurde, dann in jenem Moment, lange Jahre vor dem Ende der Welt. Jordan Clark starb nicht, Rick war kein Irrer, er war kein Alpha, er war kein Mörder, er war nur wütend. Er bekam auch niemals Ärger für das, was vorgefallen war. Jordan wollte natürlich nicht zugeben, dass er von einem Omega besiegt worden war, er behauptete, dass er von Fremden überfallen worden war. Rick erzählte niemanden von dem, was er getan hatte, nicht seinen Eltern, nicht Shane, nicht einmal anderen Omegas. Der Kampf gegen Jordan war sein Geheimnis, sein Sieg, sein Moment. Der Moment, in dem er aufgehört hatte ein Opfer zu sein.

Nur, dass man als Omega immer wieder zum Opfer werden konnte. Jahre später war Rick Grimes ein Mörder. Joeys getrocknetes Blut klebte immer noch an seinem Mund. Andere Körperflüssigkeiten von Joey klebten immer noch an anderen Stellen seines Körpers. Michonne und Daryl hatten sich um den Rest der Eroberer gekümmert. Keinen am Leben gelassen. Rick hatte Carl gerettet, seinen Sohn, sein Ein und Alles, und war damit zufrieden. Er war Joeys Opfer gewesen, aber auch sein Henker. Er hatte vielleicht sich selbst nicht schützen können, aber zumindest Carl hatte er beschützen können. Und deswegen musste er damals wieder an Jordan denken und jenen Moment in der Schule, was er hilflos unter Jordan lag. Nur selten dachte er an den Moment, als er siegereich mit seinem Rohr in der Hand über Jordan gestanden war. Was zählte mehr der Sieg oder die Niederlage? Für Rick Grimes waren es letztlich immer die Niederlagen gewesen, die eine größere Rolle spielten.

Sein Hintern pochte wie um ihn recht zu geben. Sie hatten sich wieder aufgemacht, damit begonnen ihren Weg fortzusetzen. Daryl hatte ihnen davon erzählt, wie er Beth verloren hatte, wie sie von der offenen Straße weg entführt worden war. Ein weiteres Opfer, ein weiterer Omega, der sich einfach nicht hatte wehren können, nicht genug zumindest.

„Auf dem Wagen war ein Kreuz. Vielleicht hat das etwas zu bedeuten", sagte Daryl.

„Wir werden sie finden", versprach Rick, und er meinte das auch so. Er war kein Rudelführer, der jemanden aus seinem Rudel im Stich ließ, zumindest niemanden, der sich nichts zu Schulden hatte kommen lassen, musste er das wohl berichtigen, wenn er an Shane und Carol dachte. Zumindest war Carol dadurch sicher vor dem Angriff des Gouverneurs gewesen, zumindest war sie dadurch immer noch am Leben, wenn auch irgendwo dort draußen verloren.

Er hatte keine Ahnung, wo sie Beth suchen sollten, dafür schien Terminus eine Chance bereit zu halten Maggie und Glenn wiederzufinden. Und es versprach ihnen Sicherheit. Und nach der Begegnung, die sie gerade hinter sich hatten, war Sicherheit das, was sie im Moment am Dringendsten brauchten.

Sie kamen eher langsam vorwärts. Daryl und Michonne sahen Rick immer wieder besorgt an. Carl sah ihn traurig an, schuldbewusst. Dabei hatte Rick ihm doch versprochen, dass alles wieder gut werden würde, aber Carl musste wahrscheinlich immer wieder an das denken, was Rick widerfahren war. „Sie sind tot, es ist vorbei", versicherte Rick dem Jungen, seinen Omega-Jungen, dem beinahe dasselbe widerfahren wäre.

Doch vergessen war nicht so einfach. Daryl war derjenige, der erklärte, er müsse es sich ansehen. „Du musst es mir zeigen, Rick, ich muss sehen, wie schlimm der Schaden ist", erklärte er fest. Der Schaden war vorhanden, das konnte Rick deutlich spüren, und der Alpha, der ihn hinterlassen hatte, hatte sich zum Ziel gesetzt gehabt ihm weh zu tun, also natürlich waren die anderen besorgt. Daryl war derjenige, der anbot es sich anzusehen, weil auch er ein Omega war. Michonne als Alpha-Beta würde es mit anderen Augen sehen als er als Omega. Trotzdem wollte Rick ablehnen, doch er wusste, dass er falsch wäre, dumm und stolz und … das hier war Daryl, wenn er jemanden vertraute, dann doch wohl Daryl, oder?

„Ich weiß, dass dir das unangenehm ist, aber jemand muss es tun", sagte Daryl, „Ich hätte es Merle für mich tun lassen, lass es mich bitte für dich tun." Aber Merle war tot, verloren, könnte es nicht für Daryl tun, wenn dieser es brauchen würde. Und dann würde Rick es für ihn tun, nicht wahr? „Du bist mein Bruder, Daryl", bestätigte Rick, „Mein Omega-Bruder." Sein anderer Bruder, der Alpha, war verloren, genau wie Daryls Alpha-Bruder. „Ich vertraue dir", schloss Rick. Und entfernten sich dann gemeinsam mit Daryl ein paar Meter von Carl und Michonne, er wollte nicht, dass der Junge zusehen musste.

Daryl sah Rick abwartend an, während dieser immer noch zögerte. Dann atmete er tief durch, drehte Daryl den Rücken zu, und ließ seine Hose fallen, er kniete sich hin und stemmte sich dann auf seine Ellenbogen. „Ich werde vorsichtig sein", versprach Daryl hinter ihm und begann dann mit seiner Untersuchung.

Rick biss die Zähne zusammen und ließ das alles über sich ergehen. Angenehm war es nicht, aber er wusste, dass Daryl vorsichtig war, dass er ihm nicht weh tun wollte. Nach dem, was Rick eine halbe Ewigkeit zu sein schien, war es endlich vorbei. „Ich bin jetzt fertig", verkündete Daryl sanft, „Es sieht gar nicht so schlimm aus. Nicht gut, aber auch nicht so schlimm, wie es sein könnte. Wir behalten es im Auge, ja?"

Obwohl Rick am liebsten mit nein geantwortet hätte, nickte er. Dann zog er sich wieder an und sie gingen zu Carl und Michonne hinüber. Automatisch umarmte Rick seinen Sohn, drückte diesen an sich. „Es ist alles in Ordnung", behauptete er, „Wir können weitergehen." Sobald sie in Terminus ankommen würden, würde alles gut werden. Dort wären sie sicher, dort könnte er das alles endlich vergessen, wieder weitermachen. Es half zumindest sich das einzureden. Terminus war sein Zielort und seine Hoffnung.

Daryl überprüfte seinen Zustand noch ein paar Mal auf dem Weg dorthin. Carl wurde wieder weniger still, wenn auch nicht weniger traurig. Michonne erzählte ihnen von ihrem Leben zuvor, was sie bisher noch nie getan hatte. Daryl erzählte ihnen von dem, was ihm und Beth auf der Flucht widerfahren war. Maggie wartete in Terminus, Glenn vielleicht ebenfalls, wer wusste, wer noch. In Terminus würden sie alle einander wiedertreffen. Sogar Morgan hatte Rick nach Terminus umgeleitet. Wenn er sich ihnen wieder anschließen würde, dann würde er sich ihnen dort anschließen.

Rick wagte es neue Hoffnung zu schöpfen. So wie er einst nach seinem Sieg über Jordan Clark neue Hoffnung darauf, dass es besser werden würde, geschöpft hatte, schöpfte er jetzt neue Hoffnung darauf, dass sie das Schlimmste hinter sich hatten. Dass es endlich besser werden würde.

Sie hatten Terminus kaum betreten, da wusste er, dass etwas nicht stimmte. Genau wie Daryl. Auch Carl wusste es. Und Michonne musste ihre Nervosität spüren. Der Alpha Gareth tat freundlich, aber von ihm und seinen Leuten ging etwas aus, das den Omega in Rick riet so schnell er konnte soweit wie möglich wegzulaufen. Außerdem rochen diese Leute hier falsch. Gareth musterte ihn mit steinerner Miene. „Omegas", seufzte er dann, „Die sind immer ein Problem."

Sie kamen nicht dazu zu fliehen. Sie wurden einer Schafsherde gleich in einen Container getrieben. Dort drinnen erwartete sie aber zumindest eine lang ersehnte Wiedervereinigung. „Maggie!" Carl umarmte den weiblichen Omega, und Rick sah, wie Michonne ihre Beta-Gefährtin Andrea umarmte, er nickte den Beta-Pärchen Sasha und Bob zu, und umarmte dann seinerseits Glenn, Maggies Omega-Gefährten. Das hier war sein Rudel, seine Familie, und er hatte sie zurückbekommen, entgegen aller Wahrscheinlichkeit hatte er sie zurückbekommen. Dann wandte er sich voller Misstrauen den anderen in dem Container zu.

Es handelte sich um zwei fremde Beta-Frauen, beide dunkelhaarig, eine war eine Latina, einen männlichen Omega mit dunklen Haar, und einen rothaarigen imposanten Alpha. Nach allem, was passiert war, konnte Rick nicht anders als auf den fremden Alpha mit automatischen Misstrauen und leisem Knurren zu reagieren. „Das sind Freunde", erklärte ihm Glenn schnell, und der rothaarige Alpha nickte Rick zu, wie ein Anführer einem anderen zunickte. Rick entspannte sich ein wenig. „Das sind Abraham, Rosita, und Eugene. Und das ist Tara", stellte Glenn die Fremden vor, „Wir haben einander geholfen bis hierher zu kommen. Das ist Rick. Unser Rudelführer. Und das sind Daryl und Michonne. Und Carl."

„Diese Bekanntschaft wäre unter anderen Umständen erfreulicher", meinte der fremde Omega, Eugene. Es war offensichtlich, dass er Angst hatte. Warum auch nicht? Terminus hatte Sicherheit versprochen, doch dieses Versprechen war eine offensichtliche Falle gewesen. Nur mit welchem Zweck? Gareth und seine Leute – fast alles Alphas – hatten ihnen alles, was sie bei sich gehabt hatten, abgenommen, das ja, aber warum hatten sie sie nun hier eingesperrt? Was hatten sie mit ihnen vor? Die Art und Weise, wie sie mit ihnen umgegangen waren, die Art und Weise wie sie rochen …. Aber das kann doch nicht sein, oder?

Ricks Blick fiel auf Carl. Sein Kind, um das er zu retten er einem Alpha die Kehle aufgebissen hatte. Daryl und Michonne waren Kämpfer, das wusste er. Sasha war eine erstklassige Schützin, sie mussten ihr nur ein Gewehr besorgen. Glenn war schnell und taff. Maggie hatte einst mit einem Gewehr auf Shane gezielt ohne Angst zu zeigen. Andrea hatte sich nicht vom Gouverneur umbringen lassen, und würde sich auch von dem hier nicht umbringen lassen. Über Bob wusste Rick nicht besonders viel, außer, dass er sich zu jemanden gewandelt hatte, auf dem man sich verlassen konnte. Der rothaarige Alpha – Abraham – war sicher niemand, der sich so etwas wie das hier einfach bieten ließ. Er schien eine Art Soldat zu sein, genau wie sein Beta, die beiden waren vermutlich ein eingespieltes Team. Der andere fremde Beta – Tara- und Eugene – Glenn hatte gesagt sie hatten ihm geholfen bis hierher zu gelangen. Und Carl war kein Opfer mehr, schon lange nicht mehr, das wusste Rick.

„Keine Sorge", sagte Rick voller Zuversicht, „Wir werden nicht lange hier drin sein. Diese Leute haben sich mit den Falschen angelegt." Terminus würde den Tag noch bereuen, an dem es die ersten Mitglieder von Ricks Rudel in sein Nest gelockt hatte. So wie Joey und die Eroberer bereut hatten sich mit Rick und den seinen anzulegen. So wie Jordan es vor all den langen Jahren bereut hatte sich mit Rick Grimes angelegt zu haben.

Negan würde ihn sehr viel später einen Alpha-Serienkiller nennen. Terminus war der Knackpunkt seiner Origin Story. Gareth, Mary, und all diese anderen Alphas waren Opfer, die das, was auf sie zukam, nicht kommen sahen, genauso wenig wie Jordan den Zorn des siebzehnjährigen Rick Grimes hatte kommen sehen.


II.

„Mir ist klar, dass die jüngsten Vorkommnisse euch aufgeregt haben, aber ihr solltet es als das sehen, was es war - eine direkte Folge eures eigenen Verhaltens - und froh sein, dass Negan sich dazu entschieden hat gnädig zu sein. Ihr solltet daraus lernen und von nun an bestrebt sein in guter Nachbarschaft mit den Erlösern zu leben. Wir sollten gemeinsam in die Zukunft blicken und das, was war, hinter uns lassen", erklärte Morales Rick mit fester Stimme, „Das wäre das Beste für uns alle." Der Alpha saß hinter Deannas Schreibtisch, hatte seine Hände ineinander verschränkt, und musterte Rick mit einem eindringlichen Blick, der wohl darüber hinwegtäuschen sollte, wie unsicher er sich fühlte. Was übrigens nicht funktionierte, Rick konnte seine Sorge riechen.

„Abrahams Tod und die Entführung von Owen und Carl, und die Drohung, dass wir Maggie nie wiedersehen werden und Negan uns ihr ungeborenes Kind wegnehmen wird – diese Dinge sollen wir einfach so hinter uns lassen?", wiederholte Rick ungläubig, „Würdest du es einfach so hinter dir lassen, wenn es dein Kind wäre, das Negan entführt hat?" Morales Kind war tot, deswegen war das vielleicht eine unfaire Frage, aber Rick hatte genug davon fair zu spielen.

„Negan hat Carl nicht entführt", behauptete Morales, „Er hat ihn nur zu einem kurzen Urlaub ins Sanctuary mitgenommen. Von dem er sicherlich bald zurückkehren will. Und ich bin mir sicher, dass Glenn schon bald wieder mit Maggie vereint sein wird. Und was das Kind angeht, Negan hat nicht vor es euch wegzunehmen, er möchte lediglich eine Art Patenonkel des Kindes sein. Jemand, der für es sorgt, und dafür, dass es ihm gut geht. Und was Owen angeht, nun, nach dem, was er getan hat, musste es doch wohl Konsequenzen geben, oder etwa nicht?" Wie gekonnt er über Abrahams Schicksal hinwegging. Als würde das überhaupt keine Rolle spielen. Für ihn spielte es wohl auch überhaupt keine Rolle. Für Morales war Abraham nur ein rivalisierender Alpha gewesen, nicht mehr.

„Ich habe dich, glaube ich, nie gefragt, was du in deinem früheren Leben getan hast, aber auf Politiker hätte ich nicht getippt", meinte Rick mit unterdrückter Wut, „Das Herausreden hast du auf jeden Fall gut drauf."

Morales seufzte. „Rick, das hier fällt mir auch nicht leicht", verkündete er, „Ich will nur, dass ihr vernünftig seid, und wir unsere Zusammenarbeit im Guten beginnen können. Unter Shane ist es ja nicht so gut gelaufen. Unter meiner Leitung soll unsere Zusammenarbeit besser laufen."

„Zusammenarbeit", wiederholte Rick, „Und wie genau soll diese Zusammenarbeit aussehen?"

„Nun, so wie zuvor auch. Ich und meine Leute, wir beschützen euch, im Gegenzug dazu zahlt ihr Tribut an Negan", erwiderte Morales, „Und damit wir euch beschützen können, müsst ihr euch an die Regeln halten, die jetzt viel schärfer sind. Keiner von euch darf mehr alleine die Stadt verlassen. Unter keinen Umständen. Wer das vorhat, meldet es mir, und ich organisiere ihm oder ihr eine Erlöser-Begleitung. Sofern es gute Gründe für einen Ausflug gibt."

„Und wer sich alleine raus schleicht und dabei erwischt wird, wird erschossen? Das willst du wirklich durchziehen?", vergewisserte sich Rick, „Wenn sagen wir Enid, das Beta-Teenager-Mädchen, Carls Freundin, außerhalb der Mauern aufgelesen wird, erschießt du sie dann eigenhändig, oder lässt du das Jacob tun? Oder Avery?"

Morales zog ein unglückliches Gesicht. „Ich verlasse mich darauf, dass es dazu gar nicht erst kommt. Ich setzte auf eure Eigenverantwortung, aber Regeln sind Regeln, ich habe sie nicht gemacht, Negan hat sie gemacht. Aber ich muss mich an sie halten, meinen Teil dazu beitragen sie umzusetzen", erklärte er, „Shane hat sie schleifen lassen, und wozu hat das geführt? Zu Toten auf beiden Seiten. Bist du nicht auch der Meinung, dass wir solche Entwicklungen umgehen sollten, solange wir dazu noch in der Lage sind?"

Rick schüttelte den Kopf, lehnte sich dann nach vorne, und begutachtete Morales genau. „Bedeutet es dir eigentlich gar nichts, dass du mal einer von uns warst? Andrea, Glenn, Daryl …. Sie waren Teil der ursprünglichen Gruppe Überlebender, zu der auch du gehört hast. Carl hat mit deinem Kind gespielt. Weißt du noch, wie wir uns getroffen haben? Morgan, Duane, und ich, haben Glenn, Andrea, T-Dog, Merle, und dich getroffen, als wir…." Ricks Rede wurde von Morales unterbrochen.

„Stopp, Rick", befahl er mit ernster Miene, „Ich weiß, worauf du hinauswillst. Aber ich bin nicht Shane. Uns verbindet nichts. Ja, wir haben uns vor Jahren einmal gekannt. Dann haben sich unsere Wege getrennt, und uns sind jeweils furchtbare Dinge zugestoßen, die uns verändert haben. Officer Friendly ist weg, genauso wie der Alpha, den du damals gekannt hast. Ich habe ihn beerdigt und neu angefangen und habe kein Interesse mehr daran ihn wieder auszugraben. Ich bin Negan, verstehst du das? Ich muss Negan sein um zu überleben, ich kann es mir nicht erlauben auf eurer Seite zu stehen. Ja, ich will, dass wir gute Nachbarn sind, aber ich bin sicher nicht bereit euretwegen Negan zu hintergehen." Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Aber ich will großzügig genug sein um zu vergessen, dass du versucht hast mich auf eure Seite zu ziehen", schloss er, „Also sind wir uns jetzt einig? Darüber, dass wir das, was war, hinter uns lassen und neu anfangen? Nach vorne blicken?"

Rick lehnte sich seinerseits wieder zurück. „Oh, ich blicke nach vorne", versicherte er dem Alpha, „Das bedeutet aber nicht, dass ich deswegen das, was war, hinter mir gelassen habe. Ganz im Gegenteil."

Morales wirkte für einen Moment verunsichert. Dann meinte er: „Solange es dir als abschreckendes Beispiel dient, soll es mir recht sein."

„Eine Frage habe ich noch", lenkte Rick dann das Thema um, „Wenn du hier jetzt der Ober-Erlöser bist und das Sagen hast, was ist dann mit Shane?"

Mit dieser Frage schien Morales nicht gerechnet zu haben, da er einen Moment brauchte um sie zu verarbeiten. „Was mit Shane ist?", wiederholte er dann, „Nun, Shane ist weiterhin ein Erlöser, einer von uns. Einer meiner Männer. So wie Jacob und Avery. Er wurde lediglich … vorübergehend degradiert."

Rick nickte. „Ich verstehe", behauptete er, „Damit wäre wohl alles gesagt."

„Nicht ganz. Wir müssen die nächste Versorgungsfahrt planen und vorbereiten, und uns überlegen, wen wir schicken", meinte Morales.

„Such wir im Rahmen dessen weiterhin nach Heath?", erkundigte sich Rick nach ihrem verschollenen Stadtbewohner.

„Nebenbei vielleicht, aber die Suche hat keine Priorität", erwiderte Morales, „Ganz abgesehen davon, dass er vermutlich sowieso tot ist, ist es wichtiger Negan zufriedenzustellen als jemanden zu suchen, der es nicht zurückgeschafft hast, findest du nicht?"

Rick ersparte sich eine Antwort darauf. Morales hatte seine Prioritäten deutlich gemacht, und diese unterschieden sich doch sehr von Ricks Prioritäten. Aber immerhin wusste er jetzt alles, was er wissen musste. Ich bin kein Monster, niemand soll nachher sagen können, dass ich ihm keine Chance gegeben hätte. Es gab aber offenbar nun mal gewisse Leute, die keine zweite Chance verdient hatten.


III.

Rick wurde von den anderen getrennt und zum Arzt von Terminus gebracht. „Stell sicher, dass er gesund ist", meinte Gareth zum Arzt, der eigentlich eine Ärztin war, eine überaus unterkühlte Alpha-Frau, mit scheinbar null Interesse an menschlichen Kontakt oder Freundlichkeit. Rick hätte gerne verlangt zu erfahren, warum ausgerechnet er hier war und keiner der anderen, aber im Grunde seines Herzens kannte er die Antwort. Man sah es ihm an. Vielleicht roch man es immer noch an ihm, selbst nach all der Zeit.

„Hose runter, ich will es mir ansehen", forderte die Alpha-Ärztin und zog sich einen Einweghandschuh über die rechte Hand. Rick erstarrte geradezu. Es war eine Sache Daryl eine medizinische Kontrolle durchführen zu lassen, aber das hier war etwas vollkommen anderes. Die Ärztin seufzte. „Haltet ihn fest und zieht ihn aus", wies sie die bewaffneten Wachen an, die Rick zu der Ärztin eskortiert hatten.

Rick rannte los, kam aber nicht sehr weit, bevor ihn die Alphas erwischten und zurück zur Ärztin schleiften und ihm dann die Hose auszogen und ihn dann über die Untersuchungspritsche legten, so dass sein Hinterteil frei stand.

„Vieh", seufzte die Ärztin, „Immer so störrisch. Als würde es mir Spaß machen ihnen in den Anus zu fassen." Sie zog sich den zweiten Handschuh über und stocherte dann ein wenig in Rick herum. Der konnte die Tränen nicht unterdrücken, nicht nur wegen der Schmerzen, sondern auch wegen der Demütigung. Wieso nennt sie mich Vieh? Ich bin kein Vieh!

„Könnte schlimmer sein", meinte die Ärztin, „Bevor wir aber Antibiotika an den hier verschwenden, mache ich einen Bluttest." Sie deutete Rick seine Hose wieder anzuziehen, zog sich ihre Handschuhe von den Händen, und bedrohte ihn dann mit der Nadel einer Spritze. „Falls er sich was eingefangen hat, wovon wir wissen sollten, weiß ich das bald", meinte sie. Rick wich vor der Nadel zurück, doch die anderen Alphas hielten ihn fest, während die Ärztin ihm Blut abzapfte. „War es einer oder mehrere?", wollte sie dann desinteressiert wissen.

„Einer", knirschte Rick.

„Geschlecht?"

„Alpha."

„Hat er Schutz benutzt oder nicht?", fuhr sie fort.

„Ich hatte keine Chance nachzusehen, nehme aber nicht an, dass er das hat", knurrte Rick.

„Hat es sich denn so angefühlt?", fragte die Ärztin weiter.

„Ich weiß nicht, wie es sich anfühlen sollte, wenn er einen Schutz getragen hätte", erklärte Rick schnippisch. Abgesehen von Joey hatte er nur Partner gehabt, denen er vertraute, und die meisten von ihnen nach dem Untergang – Kondome hatten nicht gerade weit Oben auf ihrer Prioritäten-Liste gestanden. Shane war clean gewesen, das wusste er, und Merle … nun Rick war nie auf die Idee verfallen nachzufragen. Es war ihm irgendwie nicht wichtig erschienen. Er war jahrelang ein verheirateter Mann gewesen, Lori seine einzige Partnerin. Seit den Tagen der Akademie hatte er sich nicht mehr über Geschlechtskrankheiten den Kopf zerbrochen. Und es wunderte ihn ehrlich gesagt, dass sich die Bewohner von Terminus darum scherten.

„Nun, wir werden ja sehen", meinte die Ärztin und etikettierte die Blutphiole, „Aus seltsamen biologischen Gründen neigen Alphas und Omegas nicht dazu sich gegenseitig zu infizieren, selbst wenn der Alpha den Omega so zurichtet. Zusätzliche Immunkräfte vielleicht. Wenn wir Glück haben, wurde nichts verseucht. Es sollte nicht lange dauern. Wartet inzwischen hier mit ihm. Falls er verseucht ist, kann ich ihn gleich hier einschläfern." Bitte?!

„Bitte?!", entfuhr es ihm nun doch, „Was stimmt eigentlich mit euch hier nicht?!"

Niemand ließ sich dazu herab ihm eine Antwort zu geben. Er wurde gezwungen auf der Pritsche Platz zu nehmen, während die Ärztin mit seinem Blut in den Nebenraum verschwand. Rick starrte seine Wärter feindselig an, doch sie ignorierten ihn beinahe vollständig.

Und dann mit einem Mal war eine gewaltige Explosion zu hören. Die bewaffneten Alphas tauschten verblüffte Blicke aus. Aus irgendeinem Grund musste Rick an Woodbury denken, daran wie er mit Daryl und Merle in der Arena gestanden hatte und Andrea die Explosion benutzt hatte um Verwirrung zu stiften. Das ist meine Chance!

Er trat nach dem Knie des einen Alphas und langte zugleich nach der Hand voll Spritzen, die am medizinischen Tisch, der wenige Schritte von der Pritsche entfernt stand, lagen. Er rammte diese dem anderen Alpha, der ihn angriff, in den Bauch und entwand dem überraschten Mann dann sein Gewehr und erschoss mit diesem zuerst dessen ehemaligen Besitzer und dann seinen Kumpanen, der sich gerade auf ihn stürzen wollte.

Die Ärztin kam aus ihrer Kammer gestürmt. „Was geht hier vor?!", rief sie, und Rick hielt ihr die Waffe unter die Nase. „Das würde ich auch gerne wissen! Was geht hier vor?!", brüllte er, „Wieso nennt ihr mich Vieh und sprecht davon, dass ich verseucht sein könnte, und von Einschläfern?! Was habt ihr mit uns vor?!"

Die Ärztin blinzelte ihn an. „Na was denkst du wohl, dass wir mit euch vorhaben?", wollte sie wissen, „Alles Vieh, das nach Terminus kommt, hat einen Zweck zu erfüllen. Wenn es das nicht kann, wird man es lieber schnell los. Wir hatten mal eine Verseuchung. Hat mehr von uns umgebracht, als uns lieb war. Wir müssen vorsichtig sein. Wer weiß, was dieser Alpha dir alles verpasst hat. Ich wollte nur sicherstellen, dass du auch sicher für uns bist."

„Sicher wofür?!", wollte Rick wütend wissen.

Die Alpha-Ärztin schüttelte mitleidig den Kopf. „Das reicht jetzt aber wirklich, Schätzchen", meinte sie, „Leg das Gewehr hin." Sie setzte ihre Pheromone ein um Rick zu beruhigen. Doch damit war sie bei Rick an der falschen Adresse. Er schoss ihr direkt in die Brust.

Dann drückte er die Waffe an sich, nahm sich noch die des anderen toten Wächters, und rannte nach draußen. Und stieß direkt mit Carol zusammen. „Carol!"

„Rick!"

Noch nie war er so froh gewesen den verloren geglaubten Omega zu sehen.

„Carol, die anderen, wir müssen die anderen retten, die wollen … die wollen uns alle essen! Ich sollte vorher getestet werden, weil ich möglicherweise verseucht bin, aber die anderen, was wenn sie inzwischen die anderen geholt haben?!", erklärte er aufgelöst.

„Keine Sorge, deswegen sind wir hier", versicherte ihm Carol.

„Wir?"

„Tyreese und ich. Er bewacht unseren Gefangenen. Es ist einer von denen. Wir haben alles aus ihm herausgebracht", erklärte Carol, „Komm, lass uns die anderen suchen!" Omegas, die anderen Omegas waren gekommen um sie alle zu retten. Gareth und all die anderen Alphas würde das demütigen. Und wo gerade die Rede von Omegas war. Rick und Carol konnten sehen, wie sich Daryl und Glenn durch die Massen der Bewohner von Terminus hindurch kämpften. Gareths hatte mit seiner Bemerkung, dass Omegas immer ein Problem waren rechter gehabt, als er selbst vorhersehen hätte können.

„Was ist mit den anderen?", wollte Rick wissen, nachdem er und Carol die anderen beiden Omegas erreicht hatten.

„Sie haben nur uns beide und Bob herausgeholt. Die anderen sind noch im Container", erklärte Glenn atemlos, während Daryl wortlos Carol umarmte.

„Wo ist Bob?", wollte Rick wissen, während sich eine Faust um sein Herz schloss. Sag nicht, dass er bereits gegessen wurde. Sag nicht, dass er bereits gegessen wurde….

In diesem Moment erschien Bob, zusammen mit dem Rest der Gruppe. Rick drückte Carl an sich, und Glenn umarmte Maggie. „Siehst du", meinte Bob zu Sasha und deutete auf Carol, „Ich hab dir doch gesagt, dass sich alles zum Guten wenden wird."

„Noch sind wir nicht in Sicherheit", meinte Sasha nur dazu.

„Wir sind erst sicher, wenn alle Bewohner von Terminus tot sind", befand Rick, „Los sucht euch Waffen, wir müssen das hier beenden." Er nickte den anderen auffordernd zu.

„Aber Rick, wäre es nicht klüger zu fliehen, solange wir noch die Oberhand haben?", wandte Glenn ein.

„Wir haben die Oberhand. Wir müssen es zu Ende bringen", betonte Rick, „Ich weiß, das gefällt euch nicht, aber diese Leute hier, das sind keine Menschen, es sind Monster." Glenns bleiche Miene, der verstörte Ausdruck in Daryls Augen und denen von Bob wies eindeutig daraufhin, dass nicht nur er dieser Meinung war. „Wir tun der Rest der Menschheit einen Gefallen, wenn wir das hier beenden."

„Wir können sie auch anders vor Terminus warnen", meinte Daryl, „Rick, ich weiß, was du denkst, aber …"

„Wir sind keine Massenmörder", beendete Abraham, de rothaarige Alpha den Satz für ihn, „Gib den Befehl, und ich tue es. Aber wenn du ihn gibst, sei dir bewusst, was es aus dir macht. Was unterscheidet uns dann von denen?" Er nickte zu den toten Kannibalen um sie herum.

„Rick, Judith ist bei Tyreese", fügte Carol hinzu, „Willst du sie nicht wiedersehen? Ist das nicht wichtiger als Rache?"

Judith am Leben? Sein Baby, seine Tochter, nicht im Magen von irgendwelchen Toten sondern hier? „Judith?", flüsterte er. Loris Baby, Shanes Baby, am Leben? „Ich weiß, was ich vorher gesagt habe, Dad, aber lass uns zu Judith gehen. Bitte", meinte Carl leise zu ihm, „Im Augenblick greift uns keiner mehr an." Und damit hatte er recht. Die restlichen Bewohner von Terminus waren scheinbar damit beschäftigt sich gegen Beißer zu verteidigen und vor ihren entflohenen Gefangenen zu fliehen.

„Also gut. Lasst uns unsere Sachen holen und dann von hier verschwinden", gab Rick nach, obwohl er sich des Gefühls nicht erwehren konnte, dass es ein Fehler war auch nur einen Bewohner dieses Nests hier am Leben zu lassen. Aber er hatte vor langer Zeit beschlossen nicht mehr alleine zu entscheiden, und die Gruppe hatte sich entschieden, also musste er sich fügen. Er war nicht Shane, der Randall gegen den Willen aller vor ihrer aller Augen exekutierte, er war Rick Grimes, seine Art anzuführen war anders als die eines Alphas. Und er wollte seine Tochter wiedersehen und seine Zeit nicht damit verschwenden die Monster aus Terminus zu jagen. Immerhin gab es wichtigeres im Leben als Rache.


IV.

Als Rick in sein Haus zurückkehrte, fand er Shane dort vor. Am Boden sitzend mit Judith gemeinsam Bilder malend. Mal wieder. Offenbar fanden sie Gefallen daran miteinander zu malen. Rick zwang sich nicht weiter darüber nachzudenken, sondern meinte zu Shane: „Kann ich kurz mit dir reden?"

Shane nickte und folgte ihm ins Schlafzimmer, während Judith mit ihren Bildern alleine gelassen wurde. „Was gibt's?", wollte Shane wissen, während Rick die Türe hinter ihnen beiden schloss. Rick atmete tief durch, wandte sich dann dem Alpha zu und ging direkt auf ihn zu. Shane sah ihn immer noch fragend an, als Rick dicht vor ihm stehen blieb. „Was ist dein Plan?", wollte Rick gedämpft wissen, „Wie gedenkst du Carl zurückzubekommen? Und Maggie? Und Owen?!"

Shane legte ihm zögerlich eine Hand auf die Schulter. „Das Wichtigste ist jetzt, dass wir Negan befrieden. Wir müssen uns an seine neue Regeln halten, zumindest ihr müsst das, und wenn ein paar Wochen vergangen sind, und er sich beruhigt hat, dann rede ich mit ihm. Ich bin sicher, dass ich ihn davon überzeugen kann uns Carl zurückzugeben", meinte er, „Ich weiß, dass das hart wird, aber du musst Vertrauen haben. Du wirst Carl wiedersehen."

„Ezekiels Versuche mit Negan zu reden, haben keinen berauschenden Erfolg erzielt, sie haben sogar das Gegenteil erreicht", gab Rick zurück, den dieser Plan nicht überraschte, er hatte sich trotzdem anderes erhofft gehabt.

„Das war, weil er das Gefühl hatte, dass sich jemand, den es nichts angeht, in seine Angelegenheiten einmischt. Das hier ist etwas anderes", behauptete Shane.

„Und was wenn er ihn nicht zurückgeben will? Was wenn er ihn bis dahin Dinge angetan hat, die …. Was wenn es dann schon zu spät ist? Dann in ein paar Wochen?!", verlangte Rick zu erfahren und versuchte seine Stimme nicht zu sehr zu heben, damit Judith sie nicht hörte.

Shane packte ihn nun an beiden Schultern. „Rick, Rick, hör zu, ich verspreche dir, dass du Carl zurückbekommst, okay? Wenn Negan ihn nicht freiwillig zurückgibt, dann hole ich ihn dir eben zurück, egal was es kostet. Aber was wichtig ist, ist, dass du und die anderen, dass ihr alle ruhig bleibt, nichts Dummes macht, und einfach darauf vertraut, dass sich alles wieder einrenken wird. Ihr dürft Negan jetzt auf keinen Fall reizen, okay? Ich kann euch nicht mehr helfen, wenn ihr das tut", meinte er eindringlich.

„Weil deine Hilfe uns beim letzten Mal von so viel Nutzen war", konnte sich Rick nicht verkneifen.

„Ich habe versucht die Strafe auch mich zu nehmen, das weißt du. Und wenn mein Tod hätte verhindern können, was passiert ist, dann wäre ich bereitwillig für euch gestorben. Für dich", erwiderte Shane leise und sah Rick tief in die Augen. Es war offensichtlich, dass er jedes Wort ernst meinte. Nach all den Jahren glaubte Shane immer noch, dass es an ihm war alles für Rick in Ordnung bringen zu müssen. Und er sah offenbar nicht, dass er dazu nicht mehr in der Lage war.

Ach was soll's, beschloss Rick und küsste den anderen Mann dann leidenschaftlich auf die Lippen. Dieser war davon offenkundig überrascht, wehrte sich aber nicht, und ließ zu, dass der Omega den Kuss vertiefte. Rick drängte den anderen Mann zurück in Richtung Bett, doch dann drückte Shane ihn plötzlich von sich. „Nein, warte, das nicht", protestierte er.

Rick hielt irritiert inne. „Wirklich? Wolltest du das nicht die ganze Zeit über? War es nicht das, was du zurückhaben wolltest, seit wir uns im Sanctuary wiedergesehen haben?", wollte er verwirrt wissen.

„Ja, nein …. Ich …. Ich liebe dich, und ich bin bereit dir alles zu geben, was du im Moment brauchst, aber das nicht. … Ich kann nicht … Es ist nicht gut, wenn wir miteinander schlafen. Das letzte Mal …. Du weißt doch, was beim letzten Mal passiert ist. Ich kann nicht mehr klar denken, wenn wir das tun. Aber ich muss klar denken, wenn ich dich retten will, verstehst du das?", versuchte Shane sich zu verteidigen, „Ich kann dir nicht helfen, wenn ich …. nur daran denken kann."

Rick schüttelte ungläubig den Kopf. Verdammter Shane. Nicht einmal verführen ließ er sich! „Ganz abgesehen davon, glaube ich nicht, dass es das ist, was du jetzt brauchst. Du suchst nur Trost, und den kannst du auch anders haben", fuhr Shane fort, „Ich will nicht, dass du was tust, was du nachher bereust."

Das war wieder mal typisch für ihn. Er dachte immer besser als Rick zu wissen, was das Beste für diesen wäre. „Ich bin nicht mehr dein Omega, Shane. Kein Mensch verlangt von dir dich für mich aufzuopfern. Das bringt dir keine Pluspunkte ein", erklärte Rick.

„Ich will mich aber für dich aufopfern, wie du es nennst. Pluspunkte hin oder her. Und es ist auch kein Schuldgefühl oder dergleichen. Du bist Rick, mein Rick, was wird sich nie ändern, selbst, wenn sich alles andere ändert", behauptete Shane.

Rick drehte ihm den Rücken zu und ging in Richtung Türe hinüber. Ein paar Schritte vor ihr, blieb er aber stehen. „Dein Rick. Hast du schon mal daran gedacht, dass es deinen Rick möglicherweise gar nicht gibt? Dass es ihn nie gegeben hat? Wusstest du, dass ich damals im Senior Year Jordan Clark mit einem Metallrohr verprügelt habe? Ich habe ihn auf dem Nachhauseweg aufgelauert und ihn verprügelt. Lange nachdem du ihn dir zur Brust genommen hast. Weißt du warum? Weil es Dinge gibt, die ich einfach selbst machen muss", erklärte er ohne sich zu dem anderen Mann umzudrehen.

„Das warst du? Jordan hat immer behauptet, er wäre überfallen worden. Ich war immer der Meinung, dass das ein Haufen gequirlte Scheiße war, aber ich dachte sein Dad hätte ihn verprügelt, nicht du", erwiderte Shane überrascht, „Warum hast du mir das nie gesagt?"

Das war eine berechtigte Frage, die sich Rick selbst bereits mehr als einmal gestellt hatte. „Weil ich immer wusste, dass du es nicht verstanden hättest", gab er zu, „So wie du das nicht verstehen wirst." Dann schlüpfte er so schnell er konnte aus dem Zimmer, schloss die Türe hinter sich, und verriegelte diese.

Shane hatte sie wenige Sekunden später erreicht und hämmerte gegen sie, „Was soll der Scheiß, Rick?! Lass mich hier raus! Was immer du vorhast, tu es nicht!", rief er Alpha.

„Siehst du, genau das meine ich. Du verstehst es nicht. Es gibt Dinge, die ich machen muss, die du mir einfach nicht abnehmen kannst und dein Plan …. Dein Plan ist scheiße, Shane. Deine Plänen waren schon immer scheiße, du wolltest das nur nie wahrhaben. Aber genau deswegen bist du ein Gefolgsmann und kein Anführer. Du hast den Druck nicht ausgehalten anführen zu müssen, und dann hast du dich bei der erstbesten Gelegenheit den nächstbesten Wahnsinnigen angeschlossen, nur damit du nicht mehr für dich selbst denken musst. Und das musst du jetzt auch nicht mehr. Wenn es stimmt, was du immer sagst, dass du mich liebst, dass du alles für mich tun würdest, dass du alles, was du tust, für mich tust, dann wirst du in diesem Zimmer bleiben bis alles vorbei ist, keinen Aufstand machen, und mich das alles für uns beide lösen lassen. Wie früher, weißt du noch? Ich sage, was wir tun, und du tust es", erklärte ihm Rick durch die Türe, „Negan hat sich alles, was kommt, selbstzuschreiben, aber von jetzt an gibt es keine gute Nachbarschaft mehr. Du bist entweder für mich oder für ihn. Du kannst nicht mehr weiter versuchen beide Seiten miteinander auszusöhnen, weil das nie passieren wird. Entweder mein Rudel oder die Erlöser, Shane Walsh. Es ist deine Wahl, aber du musst dich entscheiden."

„Meine Wahl bist immer du. Bitte lasse ich raus, Bruder", erwiderte Shane durch die Türe, „Ich werde tun, was du sagst, das schwöre ich dir. Aber bitte tu es nicht ohne mich. Lass mich an deiner Seite sein, Rick, bitte."

„Nein. Du willst deine Loyalität beweisen, dann misch dich nicht ein", verkündete Rick hart, „Das ist der einzige Weg. Ich kann nicht zulassen, dass du versuchst mich zu retten, nicht wenn das andere den Kopf kosten könnte." Dann ließ er Shane zurück, rannte beinahe in Judith, die ihn mit großen Augen anstarrte, hob sie hoch, und verkündete: „Komm, Schatz, wir gehen Onkel Aaron besuchen. Dein Papa ist im Moment nur ein bisschen laut, aber ihm geht es gut, keine Sorge. Und ich werde dafür sorgen, dass es ihm auch weiterhin gut geht."

Shane pochte gegen die Türe und rief ihm hinterher, aber Rick achtete nicht darauf. Natürlich könnte Shane, wenn er es wirklich wollte, die Türe durchbrechen. Das wusste er, aber das hier war der Test, nicht wahr? Er musste wählen, und wenn er klug war, dann würde er keine Entscheidung treffen, die dazu führte, dass er das Schicksal seiner Erlöser-Kollegen in Alexandria teilen würde.

In Aarons Haus angekommen, übergab Rick Judith zuerst an Eric und wandte sich dann dessen Gefährten los. „Und?", wollte er wissen.

„Alle drei wurden überwältigt und eingesperrt", berichtete Aaron, „Was ist mit Shane?"

„Sollte uns fürs Erste nicht in die Quere kommen", meinte Rick, „Falls doch, weißt du, was zu tun ist."

„Bist du sicher, dass….", begann Aaron.

„Nein, aber dem stellen wir uns, wenn es auftritt. Sind alle anderen bereit?", unterbrach ihn Rick.

„Ja, das sind sie", erwiderte der andere Omega, „Aber was ist eigentlich der Plan?"

„Der Plan ist, dass wir in den Krieg ziehen", erklärte Rick, „Und gewinnen. Aber keine Sorge, das werden wir. Das werden wir mit Sicherheit."


A/N: Willkommen beim zweiten Teil! Es freut mich, dass ihr den Weg hierher gefunden habt.

Ja, ich habe die Schlachthausszene ersetzt. Aus mehreren Gründen: Erstens bin ich hier immer gezwungen einen Tanz mit der Freigabe aufzuführen, weswegen ich gewisse Dinge vage halten muss oder lieber gar nicht erst einbaue. Zweitens bin ich der Meinung, dass auch Kannibalen gewissen Standards haben sollten. Die hat Terminus im Canon zwar nicht, aber in meiner Version eben schon, weil zwar nicht jeder Hannibal Lecter sein muss, aber meiner Meinung nach jeder Kannibale darauf achten sollte, was er isst. Und da Ricks Untersuchung auf jeden Fall länger dauern würde, wäre sie so oder so mit Carols Ablenkungsmanöver kollidiert, also habe ich die Schlachthausszene ganz gestrichen, zumindest aus Ricks Sicht.

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